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Full text of "Sitzungsberichte der Königl. Bayerischen Akademie der Wissenschaften zu München"

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9^ 


Sitzungsberichte 

der 

königl.  bayer.  JLkad,pmie  der  Wissenschaften/^ 

zu  München. 


Jahrgang  ^^1868^^  BandJ 


A/ 


München. 

Akademische  Baohdruckerei  von  F.  Straub. 

1868. 

lü  Commission  bei  G.  Frans. 


L^n^l.l5 


üebersicht  des  Inhaltes. 


Die  mit  *  beseiehneten  Yortrige  sind  ohne  lung. 

Phüosophiseh^hilol.  Glosse.    Sitzung  vom  4.  Januar  1868. 

Seite 
Christ:  üeber  die  Versknnst  des  Boras  im  Lichte  der  alten 

Ueberliefening 1 

JBrunn:  Troische  Jfiscellen  (Erste  Abtheüong) 46 

Hofmann:    1)  Ein  nnedirtes  altfranzosisches  Prosastück  aus 

der  Lambspringer  Handschrüt 81 

2)  Das  altfranzösische  Gedicht  auf  den  heiligen 

Alexius,  kritisch  bearbeitet 84 

8)  Daszweitältesteunedirte  altfranzösische  Glossar  121 


MathemaHsch-physiJcdl.  Glosse.  Sitisung  vom  4.  Jamuzr  1868. 

Tegel:    Einige  Bemerkungen  über  das  Yerhältniss  der  Infu- 
sorienerde zur  Vegetation 186 


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Sitzungsberichte 

YJvU^UUaU<j^    ^Wft^xA^  «der 

"    kOPJgl  t>axey>  jLka4emie  der  Wissenschaften. 


Philosophisch -philologische  Classe. 

Sitzung  vom  4.  Januar  1868. 


Herr  Christ  trägt  vor: 

„üeber    die   Verskunst   des   Horaz    im   Lichte 
der  alten  Ueberlieferung". 

Nach  den  grossen  Resultaten,  welche  der  Forschergeist 
der  neueren  Philologie  seit  Gottfried  Hermann  auf  dem 
Gebiete  der  Metrik  erzielt  hat,  ist  ein  weiterer  Fortschritt 
nur  dadurch  zu  gewinnen,  dass  die  verschiedenen  Bichtungen 
in  der  Lehre  vom  Rhythmus  und  vom  Metrum,  wie  sie  sich 
im  Laufe  der  Zeit  ausgebildet  haben,  scharf  von  einander 
unterschieden  werden.  Jene  Viarschiedenen  Systeme  liegen 
nun  theils  ausgesprochen  in  den  Lehrbüchern  der  Metrik 
vor,  welche  sich  uns  aus  dem  griechischen  und  lateinischen 
Alterthum  erhalten  haben,  theils  sind  sie  verhüllt  in  der 
Praxis  der  Dichter  vorzüglich  des  klassischen  Hellenenthums 
enthalten. 

Was  die  ^ste  Seite  anbelangt ,   so  sind  wir  in  neuerer 
[1868.11.]  1 


2  Sitzung  der  phüas.-phüol  Glosse  vom  4.  Januar  1868. 

Zeit  hauptsächlich  durch  den  genialen  Scharfblick  Rud. 
Westphals  und  die  behutsame  Genauigkeit  Jul.  Cäsar s 
um  einen  bedeutenden  Schritt  vorwärts  gekommen.  Wir 
wissen  jetzt  bestimmt  und  sicher  zu  scheiden  zwischen  einer 
älteren  rhythmischen  Theorie,  die  uns  in  den  wenigen  Resten 
der  Werke  des  erfahrenen  und  geistvollen  Aristoxenus  und 
in  der  wichtigen,  wenn  auch  oft  getrübten  Gompilation  des 
Musikers  Aristides  Quintilianus  erhalten  ist,  und  der  späteren 
Lehre  der  Metriker,  zu  der  sich  sämmtliche  Verfasser  der 
uns  erhaltenen  Compendien  der  Metrik,  bekennen.  Auch  in- 
nerhalb der  letzteren  hat  Rud.  Westphal  namentlich  an  der 
Hand  der  Verschiedenheit  des  Sprachgebrauchs  der  Wörter' 
ßaxxstog  nahfißaxxstog,  x^Q^^^^  tqoxccTog  verschiedene 
Stufen  in  der  Entwickelung  der  metrischen  Lehren  mit 
glücklichem  Scharfsinne  erschlossen;  doch  ist  hier  noch 
vieles  unaufgehellt  und  lässt  sich  durch  Ermittelung  der 
Quellen  der  einzelnen  lateinischen  Metriker  vielleicht  noch 
ein  Ariadnefaden  durch  jene  dunklen  Gänge  der  alten  Ueber- 
lieferung  finden. 

Von  weit  grösserer  Bedeutung  aber  sii^d  die  verschie* 
denen  rhythmischen  und  metrischen  Ansichten,  die  nirgends 
bestimmt  ausgesprochen,  in  dem  Versbau  der  alten  Dichter 
selbst  ausgeprägt  vorliegen.  Bekanntlich  gebührt  Gott.  Her- 
mann das  grosse  Verdienst,  dass  er  zuerst  mit  kühnem 
Geiste  sich  den  Fesseln  der  üeberlieferung  der  alten  Gram»- 
matiker  entwand  und  mit  der  Wünschelruthe  des  musikali- 
schen Gehörs  direkt  an  die  Werke  der  Dichter  herantrat 
um  sich  von  ihnen  Antwort  auf  seine  metrischen  Fragen 
geben  zu  lassen.  Es  ist  ihm  nicht  gelungen,  auf  solche 
Weise  eine  vollständig  genügende  Lösung  aller  Räthsel  zu 
geben,  und  die  Lehren  der  Alten,  welche  er  im  stolzen 
Siegesbewusstsein  allzu  verächtlich  behandelte,  haben  seit 
der  Zeit  eine  richtigere  Deutung  und  damit  auch  eine  ge-» 
rechtere  Würdigung  gefunden.     Aber  immerhin  müssen  die 


C^mf:  Die  Vershungt  des  Horag.  3 

Dichtwerke  selbst  den  massgebenden  Ausgangspunkt  bilden, 
wenn  es  sich  um  die  Begründung  oder  um  den  Ausbau 
eines  metrischen  Systems  handelt.  Da  zeigt  es  sich  denn 
bald,  dass  die  Dichter  nicht  imm^  nach  denselben  Normen 
yerfahren  sind,  dass  sie  vielmehr  vielfach  in  derselben  Vers* 
gattung  verschiedenen  Theorien  huldigten.  So  haben,  um 
nur  einiges  anzuführen,  die  äolischen  Meliker  sicher  den 
Auftakt,,  den  ein-  (Anakrusis)  und  zweisylbigen  (Basis),  ge* 
kannt,  haben  aber  in  späterer  Zsit  nicht  blos  die  Gram* 
matiker,. sondern  auch  die  Dichter  jedes  Verständniss  dieser 
Täktirmethode  verloren ;  so  haben  femer  wohl  auch  die 
klassischen  Dichter  kleine  Verse  gebaut,  aber  diese  kleinen 
Verse  haben  sie  zu  grösseren  Ganzen  zusammengefasst,  und 
nur  am  Schlüsse  dieser  eine  durch  Hiatus  und  syllaba  an» 
ceps  hinlänglich  angedeutete  Pause  zugelassen,  während  die 
jüngeren  Dichter,  wie  die  Verfasser  der  Anacreontea,  jene 
kleinen  Kola  als  selbständige  Verse  behandelten  und  so  die 
Strenge  der  alten  Lyrik  zu  einem  tändelnden  Spiel  herab** 
würdigten.  Ein  merkwürdiger  Unterschied  zeigt  sich  auch 
in  der  Behandlung  der  Päone:  noch  Aristoteles  rhet.  III.  8 
sohliesst  die  Päone  aus  der  Zahl  der  ixetqa  aus^),  weil  die 
Dichter  in  der  Regel  jenen  ^/s  Takt  nicht  in  abgeschnittenen 
Versen,  in  änovfinffjuna  tov  oXov  ^v&fMiSy  sondern  in 
fortlaufender  rhythmischer  Gomposition  zur  Anwendung 
brachten.  Aber  bereits  Aristophanes  vereinigte  auch  vier 
päonische  Füsse  zu  einem  Vers,  indem  er  an  manchen 
Stellen  wie  in  den  Wespen  vv.  127  sqq.  immer  im  vierten 
Fuss  die  aufgelöste  Form  —  ^  »-  w  ausschloss  und  sogar 
mit  Benützung  der  am  Schlüsse  eines  Verse$  zulässigen  Frei« 


1)  Eine  ganz  falsche  Deutung  dieser  Stelle  giebt  G.  Hermann 
Elementa  doctr.  metr.  p.  198.  Vorsichtiger  als  Aristoteles  drückt  sick 
mit  Rücksicht  auf  den  inzwischen  eingetretenen  Umschlag  QuintiL 
9,  i,  89  aus:  paeon  versum  raro  facit. 

1» 


4  Sitzung  der  phüos.-phiM,  Cktsse  vtm  4.  Januar  1868. 

beit  sich  hier  einen  dactylns  statt  eines  creticas  erlaubte; 
und  Plautus  liebte  schon  so  die  stichische  Behandlung  der 
bacdiiad  und  cretid,  dass  die  rhythmische  Vereinigung  einer 
grösseren  Anzahl  von  päonischen  Füssen  ohne  Verstheilung 
bei  ihm  geradezu  als  Ausnahme  erscheint. 

Sehen  wir  auf  solche  Weise^  dass  sowohl  in  den  Lehren 
der  alten  Grammatiker  wie  in  der  Pi:axis  der  Dichter  ver- 
sdiiedene  metrische  Systeme  zu  verschiedenen  Zeiten  herrsch« 
ten,  so  scheint  es  von  vornherein  eine  lohnende  Aufgabe  zu 
sein,  einmal  mit  Rücksicht  auf  jene  verschiedenen  metrischen 
Theorien  den  Versbau  eines  Dichters  zu  untersuchen,  der 
gMchzeitig  mit  bedeutenden  uns  erhaltenen  Theoretikern 
lebte.  Denn  hat  auch  der  Satz,  dass  die  theoretische  Spe- 
kulation in  der  Kunst  grossen  schöpferischen  Leistungen 
erst  nachfolge  nicht  ihnen  vorangehe,  im  Allgemeinen  seine 
volle  Berechtigung,  so  war  doch  auf  der  anderen  Seite  die 
Theorie  nie  so  aller  Schöpfungskraft  haar,  dass  sie  nicht  auch 
hinwiederum  neue  Leistungen  ins  Leben  rief.  Es  verlohnt 
sich  daher  auch  in  der  Metrik  zu  untersuchen,  welchem 
Systeme  der  einzelne  Dichter  gefolgt  ist  und  welche  Wirk- 
ung die  Lehren  der  Schule  auf  den  dichterischen  Genius 
geübt  haben.  Eine  solche  Untersuchung  tritt  in  die  Bahn 
der  fruchtbaren  Forschungen  meines  verehrten  Lehrers 
Leonhard  Spengel,  der  auf  einem  verwandten  Gebiet, 
dem  der  Rhetorik,  nachgewiesen  hat,  wie  sich  in  den  uns 
erhaltenen  Reden  des  Alterthums  und  nicht  am  mindesten 
in  den  am  meisten  gepriesenen  die  Wirkungen,  um  nicht 
geradezu  zu  sagen,  die  Ausführungen  einzelner  Sätze  der 
Lehrer  der  Beredsamkeit  nachweisen  lassen.  Freilich  gleidi 
ergiebige  Resultate  lassen  sich  hier  nicht  erwarten,  da  die 
metrische  Form  nur  ein  Faktor  der  poetischen  Schöpfungen 
ist  und  das  Wesen  der  Dichtkunst  in  etwas  ganz  anderem 
gesucht  werden  muss.  Unter  den  Dichtern  gibt  es  aber 
kaum  einen,    der  sich  zu  einer  solchen  Untersuchung  mehr 


Chriti:  Die   Vershmgt  des  Horaz.  ^ 

eignet  als  Horaz.  Denn  nicht  blos  xeigt  er  namentlich  in 
den  Epistdn,  dass  seine  Dichtungen  nicht  der  unmittelbare 
Eiguss  einer  sprudekden  Naturkraft  sondern  die  langsam 
|(ereifte  Frucht  einer  sorgfaltigen  Schulung  sind,  er  hat 
auch  eine  grössere  Fülle  von  poetischen  Formen  geschaffen 
als  irgend  dn  Dichter  nach  dem  Verfall  der  klassischen 
Poesie  der  Griechen.  Die  Eigentbümlichkeiten  seines  Vers* 
baos  wollen  wir  daher  näher  prüfen  und  zu  ermitteln  suchen, 
m\i  welche  der  uns  bekannten  metrischen  Theorien  sie  im 
Einklänge  stehen. 

Beginnen  wir  mit  den  einfachsten  und  ursprünglichsten 
Versen,  dem  daktylischen  Hexameter  und  dem  jambisdien 
Trimeter,  so  schloss  sidi  hier  Horaz  im  Allgemeinen  der 
Iform  der  Griechen  an:  nur  in  einem  Punkte,  in  der 
j;rÖ8seren  Stätigkeit  der  Gäsur,  zeigt  er  eine  kleine  Abweich- 
m^,  die  hauptsächlich  im  jambischen  Vers  zu  Tage  tritt» 
Es  hatten  nämlich  die  griechischen  Dichter  keine  derartige 
Vorliebe  .für  die  caesura  quinaria,  dass  sie  nicht  auch 
öfters  Wortschluss  erst  mit  dem  7.  Halbfuss  hätten  eintreten 
lassen.  Horaz  aber  hält  die  Gäsur  nach  dem  5.  Halbfuss 
in  dem  Trimeter  so  sehr  als  Norm  fest,  dass  die  heph« 
ihemimeris  bei  ihm  nur  als  Ausnahme  von  der  Regel  gelten 
kann;  sie  findet  sich  Dur  Epod.  I,  15;  II,  19;  V,  3,  21^ 
37,  45;  X,  3,  XI,  5;  XVI,  4;  XVII,  19,  88,  60;  nicht  zu 
tien  Ausnahmen  zähle  ich  epod.  I,  19;  II,  53;  IV,  3; 
XI,  15;  XVI,  8,  da  in  diesen  Versen  mit  dem  5.  Halbfuss 
zwar  kein  vollständiges  Wort,  aber  doch  das  eine  Element 
eines  zusammengesetzten  Nomen  oder  Verbum  schliesst.  Eine 
Tollständige  Vernachlässigung  der  Gäsur,  die  bei  den  grieehi« 
sehen  Dramatikern  nicht  unerhört  ist,  findet  sich  bei  ihm 
nirgends.  Worin  ist  nun  diese  grössere  Strenge  im  Bau  des 
jambischen  Trimeters  begründet?  Auf  diese-  Frage  werden 
wir  eine  sichere  Antwort  geben  könn»,  wenn  wir  uns  ver- 
gegenwärtigen,   was  demi  überhaupt  jener  Einschnitt  zu  be- 


6  Sttsung  der  phüos.-phüd.  Classe  vom  4.  Januar  1668. 

deuten  habe.  Es  sollte  aber  die,  caesura  oder  ro/uif  naoh 
den  wiederholt  ausgesprochenen  Lehren  der  Alten  den  Vers 
in  zwei  Theile,  Kola  oder  Kommata,  zerfallen,  und  dieselbe 
trat  desshalb  im  Trimeter  immer  nach  einem  Halbfuss  ein, 
damit  dadurch  eine  angenehme  Abwechselung  in  den  Vers 
komme  und  über  dem  verschiedenen  Bau  der  Glieder  die  Ein* 
heit  des  Gesammtrhythmus  desto  mehr  hervortrete.  Denn 
auf  solche  Weise  begann  stets  das  erste  Glied  mit  dem 
schlechten  und  das  zweite  mit  dem  guten  Takttheil,  während 
umgekehrt  das  ^zweite  mit  der  Senkung  das  erste  mit  der 
Hebung  abschloss.  War  nun  dieses  die  Aufgabe  der  Cäsur, 
so  ist  leicht  zu  ermessen,  dass  die  penthemimeris  weit  mehr 
dem  Zwecke  entsprach  als  die  hephthemimeris.  Denn  nach 
der  allein  wahrscheinlichen  Scandirung  ward  die  3.  Hebung 
^  durch  den  stärkeren  Accent  vor  der  2.  und  4.  ausgezeichnet, 
begann  also  das  2.  Glied  mit  einer  kräftigeren  Betonung, 
wenn  das  erste  mit  der  penthemimeris  abschloss: 


Dazu  kommt  aber  noch ,  dass ,  wenn  die  Cäsur  nach 
dem  7.  Halbfuss  eintrat,  dann  das  2.  Glied  für  sich  be- 
trachtet, unregelmässig  gebaut  sein  konnte.  In  dem  Sopho« 
fleischen  Verse 

'A  xoivdv  avtddsX^pov  \  ^IOfAi(vr]g  xäqa 

zum  Beispiel    begann    das   zweite  Komma  mit  einem  Spon- 

deus   statt  mit    dnem  regelrechten  Trochäus,    während  in 

T^v  OcSv  T€  xdfjmv  \  ovx  oTtiOTii*  eydi  xaxoSv 

eine  solche  dTa^Ca  gar  nicht  eintreten  konnte,  wenn  nicht 
der  Trimeter  selbst  schlecht  gebaut  war.  Man  sieht  also, 
dass  die  caesura  quinaria  weit  schicklicher  als  die  septenaria 
war  und  dass  bei  ihr  allein  die  Kola  des  Verses  selbst- 
ständig  heraustreten  konnten. 

Sehen  wir  uns  nun  nach  den  Bestimmungen  über  OtCx^q 
oder  versus  um,  so  finden  wir,  dass  die  geläufige  Definition 


Christ:  Die   Verskunst  des  Horaz.  7 

des  Hephästion  p.  116  G.  64  W.:  Orixog  iöxi  noodv  fi^cx^og 
fJi^Qov^  OTteq  ovrs  llarTÖv  iCti,  tqiwv  Ov^vyiwv  ovre  fist^ov 
reaaäqmv  nur  auf  die  Grösse  oder  die  Anzahl  der  vereinig- 
ten Füsse  Rücksicht  ninamt.  Ihr  gegenüber  treffen  wir  eine 
andere  Bestimmung,  wonach  das  Wesen  des  Verses  in  die 
Vereinigung  von  zwei  Gliedern  gesetzt  wird.  Sie  findet  sich 
nebenbei  angeführt  bei  Marius  Victorinus  I.  13,  3:  Omnis 
antem  versus  xccrd  rd  nXetOrov  in  duo  cola  dividitur  (cf. 
Festus  Aphthonius  in  Script.  lat.  rei  metr.  ed.  G.  p.  241) 
und  ausdrücklich  hervorgehoben  von  Augustinus  De  musica 
III,  2 ;  Scias  a  veteribus  doctis  definitum  et  vocatum  esse 
versum,  qui  duobus  quasi  membris  constaret  certa  mensura 
et  ratione  coniunctis  (cf.  Isidor  Origg.  I,  38,  2).  Den  einen 
von  jenen  alten  Gelehrten  können  wir  noch  benennen;  es 
war  der  ältere  Zeitgenosse  des  Horaz,  M.  Terentius  Varro; 
denn  von  ihm  lesen  wir  bei  Victorinus  I,  14 :  Versus  est, 
ut  Varroni  placet,  verborum  iunctura,  quae  per  articulos 
et  commata  ac  rhythmos  modulatür  in  pedes').    Diejenigen 


2)  Wilmanns,  der  in  seinem  verdienstvollen  Buche  De  M. 
Terenti  Yarronis  libris  grammaticis  die  Stelle  des  Augustinus  bei 
Seite  gelassen  hat,  schreibt  dem  Yarro  hingegen  auch  noch  den 
ganzen  folgenden  Abschnitt  zu;  ich  zweifle  sehr,  ob  mit  Recht, 
denn  jene  genaue  Begränzung  des  Ümfangs  eines  Verses  stellten 
erst  diejenigen  auf,  von  denen  Victorinus  I,  13,  3  bemerkt:  bis 
quidam  adiungunt  stichum,  id  est  versum,  sub  huiusmodi  differentia, 
ut  Sit  versus  qui  excedit  dimetrum;  das  waren  aber  solche,  welche 
sich  ganz  der  Lehre  der  Griechen  anschlössen;  Yarro  aber,  der  im 
Trimeter  sich  auch  an  den  ungraden  Stellen  noch  den  Spondeus 
erlaubte  (cf.  Riese  Yarronis  Satur.  Menipp.  p.  80)  kann  den  Vers 
nicht  in  der  Weise  der  Griechen  nach  Dipodien  gemessen  haben.  Er 
hat  daher  auch  nicht  blos  missbrauchlich  (abusiv^  vel  haec  appellatio 
tenebitur)  hin  und  wieder  die  lateinischen  Benennungen  neben  den 
ächten  griechischen  angewandt,  sondern  geradezu  den  trimet.  iamb. 
Senar  (Rufinus  I,  3),  den  tetram.  iamb.  catal.  Septenar;  den  tetr. 
iamb.  acatal.  Octonar  (Diomedes  III,  34,  51  f.)  und  vielleicht  auch 
den  octom.  paeon.  Duodenarius  (Censorinus  p.  70  Hu.)  genannt. 


8  Sitzung  der  phiha.-pMol.  Cla89e  vom  4.  Januar  1S6S. 

njm,  welche  der  zweiten  Auffassung  folgten,  mussten  in  dem 
jambischen  Trimeter  eine  Verbindung  von  zwei  Kola  fiiv 
blicken,  ganz  so  wie  z.  B.  Augustinus,  der  De  mus.  V,  6 
den  Vers  des  CatuU 

Phaselus  ille  quem  videtis  hospites 
in  die  zwei  Kola  'phaselus  ille'  und  'quem  videtis  hospites* 
zerlegte..  Bei  der  ersteren  Definition  hingegen  brauchte  von 
einer  eigentlichen  Cäsur  des  Trimeter  in  dem  strengen  Sinne 
des  Wortes  gar  keine  Rede  zu  sein;  es  genügte  zu  be« 
merken,  was  Victorinus  II,  2,  13  vom  daktylischen  Hexa"- 
meter  anmerkt:  non  amat  autem  per  singulos  pedes  verba 
finire  sed  immiscere  syllabas. 

Wir  können  nach  dem  nicht  zweifeln,  dass  Horaz  in 
dem  Versbau  einer  Theorie  folgte,  welche  auf  die  Thdlung 
des  Verses  in  Kola  ein  besonderes  Gewicht  legte.  In  einena 
Falle  erzielte  er  durch  jene  Gäsur  des  jambischen  Verses 
noch  einen  besonderen  Vortheil,  nämlich  in  der  4*  Ode  des 
ersten  Buches: 

Solvitur  acris  hiems  grata  vice  veris  et  favoni 

trahuntque  siccas  machinae  carinas. 
Denn  auch  hier  ist  regelmässig  der  epödische  iamb. 
trimet.  catal.  durch  die  caesura  quinaria  in  zwei  Kommata 
getheilt,  und  damit  eine  schöne,  schon  von  den  alten  Gram- 
matikern richtig  erkannte  (Victorinus  III,  8,  16,  Terentianua 
Maurus  v.  2951)  Symmetrie  in  dem  Bau  der  beiden  zu 
einer  Syzygie  verbundenen  Verse  bewirkt  worden,  die  wir 
durch  das  Schema 

a  +     c 

b  +     c 

- —     w'v^    —     v^    v-/    —     v^    v^    —    %-•    v^    I     ^    — —    \^ 

ausdrücken  können.  Der  erste  unter  den  Lateinern  war 
aber  Horaz  nicht,  der  dieser  Theorie  der  Zerlegung  des 
jambischen  Trimeter    in  zwei  Kola   folgte;    das    sehen   wir 


Christ:  Die  Versknnst  des  Horaz.  9 

aus  dem  Hiatus,  welcher  bei  Plautus  in  der  Gonimissur 
der  beiden  Glieder  des  Trimeter  wenn  auch  seltener  als  im 
trochäischen  und  paeonischen  Tetrameter,  so  doch  immer« 
hin  häufig  genug  zugelassen  ist.  Freilich  vernachlässigt  da* 
neben  Plautus  so  oft  die  caesura  quinaria  im  Trimeter, 
während  er  die  Diärese  im  trochäischen  Septenar  strenge 
einhält,  d^ss  es  höchst  bedenklich  ist,  alle  Hiatus,  welche 
sich  an  jener  Stelle  in  den  Handschriften  finden ,  geduldig 
hinzunehmen.  Die  Sache  erheischt  auch  jiach  den  Zusam* 
menstellungen  von  Andreas  Spengel  noch  eine  eingehende 
Untersuchung,  wobei  die  Frage  über  die  Zulassung  des 
Hiatus  in  genauem  Zusammenhange  mit  der  Verletzung  der 
caesura  quinaria  zu  behandeln  und  der  Unterschied  des  Vers^ 
tMUis  in  den  einzelnen  Stücken  strenger  zu  sondern  ist. 
Durch  die  allmähliche  Entfernung  der  alten  Formen,  nament- 
lidi  des  alten  Ablativs  auf  d  ergab  sich  freilich  der  Schein, 
als  ob  Plautus  in  4er  Zulassung  des  Hiatus  viel  nach- 
lässiger  gewesen  sei,  und  davon  ausgehend  hat  der  Verfasser 
der  akrostichischen  Argumente  in  der  caesura  quinaria  ganz 
unbedenklich  den  Hiatus  zugelassen;  s.  And.  Spengel  T. 
Maccius  Plautus  S.  2 «SB.  Aber  wenn  auch  bei  Plautus 
selbst  viele  Hiatus  im  Trimeter  erst  der  Sorglosigkeit  der 
späteren  Redaktoren  zugeschrieben  werden  müssen,  so  bleibt 
doch  so  viel  ausgemacht,  dass  Horaz  in  dem  kommatischen 
Bau  des  Verses  an  Plautus  einen  Vorgänger  hatte;  nur 
hat  sich  der  sorgsamer  feilende  Venusinische  Dichter  trots 
der  strengeren  Beobachtung  des  Wortschlusses  in  der  Com- 
misnur  der  beiden  Kommata  doch  nirgends  einen  Hiatus  an 
der  bezeichneten  Stelle  erlaubt;  damit  wäre  nach  seiner 
richtigen  Ansicht  die  über  den  Theilen  schwebende  Einheit 
des  Verses  geopfert  worden. 

Gehen  wir  nun  zu  den  verwickeiteren  lyrischen  Massen 
unseres  Dichters  über,  so  hat  man  zum  Ueberdruss  oft  den 
Satz  wiederholt,    Horaz   sei  hier  dem  Vorbild    des   Archi* 


10  Sitzung  der  phüoa.-philol.  Classc  vom  4.  Januar  1668, 

lochus  und  der  äolischen  Dichter  gefolgt.  Aber  geht  maü 
näher  in  das  Einzelne  ein ,  .  so  zeigt  sich  bald ,  dass  die 
Verse  des  Horaz  bei  aller  äusserlichen  Aehnlichkeit  doch 
nicht  unbedeutend  von  denen  der  griechischen  Dichter  ab* 
weichen.  Was  zuerst  die  choriambischen  Verse,  den  Qly- 
coneus,  den  Pherecrateus,  Asciepiadeus  und  Sapphicus  maior 
anbelangt,  so  beginnen  diese  bei  Horaz  überall  mit  einziger 
Ausnahme  zweier  Verse  in  dem  Jugendgedichte  auf  Paris 
I,   15,  24  und  36  mit  einem  Spondeus,  wie 

Sic  te  diva  potens  Cypri. 

Grato  Pyrrha  sub  antro. 

Maecenas  atavis  edite  regibus. 

Nullam  Vare  sacra  vite  prius  severis  arborem. 
Bei  den  Griechen  ging  dem  Choriambus  ein.  iiOavlaßov 
ddid^OQov  voran,    konnte  also  statt  des  Spondeus  auch  ein 
Trochäus,  Jambus  und  selbst  ein  Pyrrhichius  eintreten,   wie 
bei  Alcäus 

^HX^eg  ix  negdtcov  yäg,  iXe^cevxlvccv 
Xäßav  Tta  Sig)€og  %qvöoSäTav  Mjufav, 
naXaiarav  dnoXeCnovta  fiövov  iiCav. 
KqovCda  ßaOiXrjog  yävog  Atav  tov  äqiC%ov  ned*  Ux^XXea, 

Die  Abweichung  fällt  um  so  mehr  auf,  als  der  un- 
mittelbare Vorgänger  des  Horaz  in  der  lyrischen  Poesie, 
Catull,  in  einer  verwandten  Versart,  in  dem  eilfsylbigen 
Phalaeceus,  ganz  in  die  Fusstapfen  der  Griechen  getreten 
war,  wie  gleich  in  dem  Widmungsgedicht  an  den  Cornelius: 

Quoi  dono  lepidum'novum  libellum 

arido  modo  pumice  expolitum? 

Meas  esse  aliquid  putare  nugas.  ^ 
Eine  weitere  Eigen thümlichkeit  des  Horaz  besteht  in 
der  Cäsur,  die  bei  ihm  auch  in  den  lyrischen  Massen  fast 
ausnahmsweise  an  einer  bestimmten  Stelle  haftet ;  und  zwar 
schliesst  regelmässig  bei  ihm  ein  Wort  in  dem  Asciepiadeus 
nach  der  6.  Sylbe: 


Christ :  Die  Verskuftst  des  Horaz.  1 1 

—     <—     —      \-.^      v^     \J       W     U       \J 

Die  einzige  Ausnahme  macht  der  Vers  IV,  8,  17 

Non  incendia  Karthaginis  impiae, 

dessen   Unächtheit  aach  aus   anderen   Gründen   längst   mit 

Sicherheit  erkannt  ist;    das   Gesetz   der  Gäsur  ist  hingegen 

nicht  verletzt  II,  12,  25. 

Dum  flagrantia  detorquet  ad  oscula 
da  hier  nach   dem  1«  Ghoriambus  das  1.  Glied  eines  Com- 
positums  schliesst,    etwas  was  genügend  erachtet  wurde   die 
Kola  eines  Verses  nicht  aber  die  Verse  selbst  von  einander 
zu  scheiden. 

Ferner   tritt  Caesur   in  dem  Sapphicus  hendecasyllabuö 
nach  der  3.  Hebung  ein: 

an  welcher  Stelle  zugleich  oft  nicht  blos  das  Wort,  sondern 
anch  der  Satz  schliesst,  jedoch  nicht  mit  der  strengen 
Regelmässigkeit,  dass  nicht  II,  10,  6 

Auream  quisquis  mediocritatem 

diligit,  tutus  caret  obsoleti 

sördibus  tecti,  caret  invidenda 
sobrius  aula. 
das  Adjektivum  tutus  zu  caret  statt  zu  diligit  bezpgen 
werden  könnte.  Vernachlässigt  ist  jeuer  Einschnitt  nur 
äusserst  selten  in  den  drei  ersten  Büchern,  nämlich  nur 
I,  10,  1;  12,  1;  25,  11,  hingegen  häufiger  im  4.  Buch,  me 
IV,  2,  9,  17,  23,  33,  38,  47,  49,  50;  6,  10,  13,  27,  33, 
35;  13,  23,  29,  30,  34;  femer  im  Carmen  Saecul.  14,  15, 
18,  35,  39,  43,  51,  55,  58,  61,  70,  73;  auch  hier  darf 
eine  vollständige  Verletzung  der  Regel  nicht  angenommen 
werden,  wenn  durch  die  tofirj  nsv&ifjfMiAßQfjg  die  2  Theile 
eines  Gompositums  oder  die  enklitischen  Partikeln  que  ve 
und   die  dazu    gehörigen   Wörter    auseinander    geschnitten 


12  Sitzung  der  phUos-phUol.  Cla$se  vom  4.  Junuar  1868, 

werden,    wie  I,    10,   6,    18;    IV,  2,  7,  13,  34,  41;    6,  30. 
C.  S.  1,  19,  53,  54,  59,  62,  74. 

Sodann  schliesst  ein  Wort  in  dem  Alcaicus  hendeca- 
gyllabus  nach  der  5.  Sylbe : 

w     —     w     — —     w     —     u    u     w      u 

Diese  Gäsur  ist  so  constant,  dass  unter  den  yielen 
alcäischen  Versen  nur  äusserst  wenige  von  der  Regel  ab- 
weichen, wie  I,  16,  21;  37,  14;  IV,  14,  17;  wozu  noch 
zwei  entschuldbare  Fälle  kommen  I,  37,  5;  II,  17,  21; 
nicht  selten  ist  obendrein  der  Einschnitt  noch  verstärkt 
durch  die  begleitende  Anaphora  wie: 

Non  Dindymene,  nou  adytis  quatit  (I,  16,  5). 

Di  me  tuentur,  dis  pi'etas  mea  (I,  17,  13).     . 

Nunc  est  bibendum,  nunc  pede  libero  (I,  37,  1). 

Nee  dis  amicum  est,  nee  mihi  te  prius  (II,  17,  2). 

Tu  flectis  amnes,  tu  mare  barbarum  (II,  19,  17). 

Qtti  terram  inertem,  qui  mare  temperat  (III,  4,  45). 

Est  in  iuvencis,  est  in  equis  patrum  (IV,  4,  30). 

Quae  cura  patrum,  quaeve  Quiritium  (IV,  14,  1); 
wozu  noch  Stellen  kommen,  wie  II,  20,  5 

Urhes  relinquam,  non  ego  pauperum   . 
sanguis  paj:entum,  non  ego  quem  vocas. 
und  ähnlidie  (UI,  3,  66;    4,  18;    21,  14;    23,  6;    29,  18; 
iV,  9,  46;    14,  42),    wo   das    wiederholte   Wort    nicht    im 
ersten  Glied  desselben  Verses,  sondern   im   vorausgehenden 
oder  folgenden  steht.     Auch  in  Versen  wie  III,  5,  21 

Derepta  vidi,  vidi  ego  civium. 
fühlt  jeder  leicht  heraus,  wie  durch  Wiederholung  desselben 
Wortes  vor  und  nach  der. Gäsur  der  Einschnitt  an  Bedeot- 
ung  gewinnt. 

Eine  doppelte  Gäsur  haben  endlieh  regelmässig  bei 
Horaz  der  Anacreontius : 

und  der  Sapphicus  maior: 


Christi  Die  Verskunst  des  Hcrcui.  IB 


-— (       \J      KJ 


nur  eine  einzige  aber    nur  scheinbare  Ausnahme  macht  ^ter 
Vers  I,  18,  16 

Arcaniqne  fideä  prodiga  per-hicidior  vitro. 
So  strenge  nun  Horaz  an  den  eben  bezeidineten  Ci^ 
suren  fest  hält,  so  sehr  setzen  sich  die  Griechen  darüber 
Hawogy  so  zwar,  dass  es  nicht  einmal  gerechtfertigt  ist  bei 
ihnen  fiberhaupt  von  einer  beabsichtigten  Cäsur  wenigstens 
in  dem  Sapphicas  minor  nnd  nach  dem  ersten  Choriamb  des 
Sapi^«  maior.  zu  spredien. 

Man  vergleiche  nur  das  Gedicht  der  Sappho 
^aCvsrai  fw^  xfjvog  toog  ■S'^oiatv 
tfifiBV  £vtj^,  oCT&g  ivavtiog  to$ 
ll^äve^^  xal  nXaaCov  adv  gmvev" 
Cag  vTtaxoveh 
oder  die  Verse  des  Theokrit  aus  der  28.  Idylle: 

rkaiixag,  (S  g>iXä^ky  dkaxära,  SeSqov  ^Äduväag 
yvvml^iVj  voog  olx»g>eX(ag  alatv  inäßoXog^ 
'&dqa9ic'  Sfifuv  vfid^tt]  n6hv  ig  NeiXsoo  dyXaav^ 
oTtif  Kvnq^dog  Iqov  xaldfAtp  %Xa)^or  vnandiM. 
oder  stelle  den  Vers  des  Horaz 

Nullam,  Vare,  sacra  vite  prius  severis  arborem 
mit  dem  Original  des  Alcaeus, 

'Mridhv  aXXo  ifwsvoißg  nqoteqov  dävdqMV  dfiTVsXeo 
zusammen.     Selbst  Gatull   kennt    auch    hier  noch  nicht  die 
strengen  Regeln  des  Horaz;    wir  lesen    bei   ihm   hinterein- 
ander 30,  5 f.: 

Gerte  tute  iubebas  animam  tradere,  inique,  me 
inducens  in  amorem^  quasi  tuto  omnia  mi  forent. 
und  12,  12  ff.: 

Omnia  haec,  quaecunque  feret  voluntas 
caelitum,  temptare  simul  parati, 
pauca  nuntiate  meae  puellae. 
Endlich    eine    dritte  Besonderheit    des  Horaz    besteht 


14  Sitzung  dtr  phüas.-phüol»  Classe  vom  4.  Januar  1868. 

darin,  dass  er  im  ersten  Theil  des  Sapphicus  minor  und  des 
Alcaicus  hendecasyllabus  eine  entschiedene  Vorliebe  für 
schwereren  Bau  der  trochäischen  und  jambischen  Fttsse 
zeigt.  In  Folge  dessen  gebraucht  er  an  der  4.  Stelle  des 
ersteren  Verses,  wo  die  Gesetze  des  trqchäischen  Rhythmus 
eine  syll.  anceps  zulassen,  regelmässig  eine  Länge  und  setzt 
auch  in  dem  alcäischen  V^s  an  5.  Stelle  nur  einmal  (III, 
4,  53)  und  dieses  in  einem  Eigennamen  eine  Kürze. 

Also  auch  in  den  lyrischeh  Versmassen  des  Horaz  be« 
gegnen  wir  mehreren  ei'heblichen  Eigenthümlichkeiten  und 
diese  wiederholen  sich  so  constant,  dass  die  Annahme  eines 
blossen  Zufalls  ausgeschlossen  bleiben  muss  und  es  sich 
nur  fragt,  ob  wir  dieselben  mit  bestimmten  Lehren  der 
metrischen  Theoretiker  in  Verbindung  bringen  können. 

Wir  beginnen  mit  der  Cäsur  und  knüpfen  dabei  an 
dasjenige .  an,  was  wir  bereits  oben  bezüglich  des  jambischen 
Trimeter  bemerkt  haben.  Dort  sahen  wir,  dass  jeder  Vers 
nach  den  Lehren  der  Metriker  aus  wenigstens  zwei  Kola  be- 
stehen soll;  der  Name  eines  Verses  kam  aber  nach  He- 
phaestion  p.  64  W.  und  Victorinus  I,  14,  2  nur  solchen 
Massen  zu,  die  grösser  als  ein  Dimeter  oder  nicht  kleiner 
als  ein  Trimeter  waren;  diejenigen,  welche  unter  dieses 
Orössenmass  herabgingen,  hiessen,  weil  sie  selbst  nicht  mehr 
in  Theile  zerlegt  werden,  vielmehr  nur  Theile  eines  grösseren 
Ganzen  bilden  konnten ,  Kola  oder  Kommata  (Hephae- 
stion  p.  64  W.)  oder  auch  Metra  schlechthin  (Aristides 
p.  56  M.  Tereptianus  2572  Augustinus  De  mus.  V,  1^. 
Ganz  im  Einklang  mit  dieser  Lehre  stdbt  die  Praxis  des 
Horaz.  Alle  Metra  von  grösserem  Umfang  werden  von  ihm 
durch  die  Cäsur  in  zwei  oder  drei  Theile  zerfallt;  bei 
Massen  unter  drei  Dipodien  hingegen,  wie  bei  dem  Adoneus, 
Glyconeus,  Pherecrateus ,  dem  neun-  und  zdmsylbigen  Al- 
caicus, dem  iambischen  Dimeter  ünddemArchilochius  minor, 
Bome  auch  noch  bei    dem  daktylischen  Tetrametör  finden 


Christ:  Die  Verskunst  des  Noras,  15 

wir  keine  Anzeichen  irgend  einer  stätigen  Cäsur.  Auch  ist 
diese  ganze  Theorie  in  der  Natur  der  Sache  wohl  begründet, 
tind  wenn  sie  auch  erst  in  späterer  Zeit  scharf  präcisirt 
warde,  so  schwebte  sie  gleichwohl  schon  den  klassischen 
Dichtern  der  Griechen  vor.  Die  menschliche  Stimme  be- 
durfte eben  bei  rhythmischen  Reihen  von  grösserer  Aus- 
dehnung auch  innerhalb  derselben  kleine  Ruhepunkte  für  den 
Vortrag,  und  da  wir  beim  gewöhnlichen  Sprechen  zwischen 
den  einzelnen  Worten  eine  kleine  oft  kaum  merkliche  Pause 
eintreten  lassen,  so  erhielt  jener  Ruhepunkt  im  Vortrag 
durch  den  Wortschluss  einen  natürlichen  Anhalt.  Nur 
banden  sich  die  griechischen  Dichter  nicht  so  fest  an  einen 
bestimmten  Ort  und  Hessen  nicht  blos  im  Hexameter  und 
Trimeter,  sondern  auch  in  den  lyrischen  Mass€in  den  Ein- 
schnitt an  verschiedenen .  Stellen  eintreten. 

Lässt  sich  sensit  die  Stätigkeit  der  Gäsur  beiHoraz  im 
Allgemeinen  aus  den  Lehren  der  alten  Metriker  passend 
herleiten,  so  ist  doch  damit  noch  nicht  erklärt,  warum 
derselbe  im  Einzelnen  gerade  an  dieeer  Stelle  die  Gäsur 
eintreten  liess.  Zu  diesem  Zweck  müssen  wir  näher  in  die 
Lehre  von  der  Analyse  der  Metra  eingehen,  weldie  die 
Alten  mit  dem  technischen  Namen  duzCqsoig  oder  divisio 
bezeichnet  haben.  So  einfach  es  nämlich  ist,  einen  aus 
lauter  gleichen  Füssen  bestehenden  Vers  {(ini%ov  dfweidil) 
zu  skandiren,  so  vielfach  sind  die  Möglichkeiten  der  Zer- 
gliederung bei  den  meisten  Versen,  die  aus  verschiedenen 
Füssen  zusammengesetzt  sind.  Bei  einigen  freilich  sind  die 
Elemente,  aus  denen  der  Vers  besteht,  so  bestimmt  von 
einander  gesondert,  dass  eioe  Zerlegung  nicht  irre  gehen 
kann,  wie  namentlich  bei  denjenigen,  deren  Glieder  mit  der 
Arsis  oder  Thesis  zusammenstossen,  wie 
Dum  meus  adsiduo  |  luceat  igne  focus  (Tibull  I,  1,  6). 
Set,  SimOf  ut  probe  |  tactus  Balliost  (Plaut.  Pseud.  1310). 


16         Sitmng  der  philas.'philoh  Olcutse  vom  6,  Januar  1S68. 

Ji^fiffi^Qi  ry  nvXttijj  \  tfj  toStov  ovm  Ilskuafwv  (Callimachus 

hei  Heph.  p.  56). 
nnd   bei  Bllen  jenen,    deren  Kola  t(Hi    grösserem  Umfange 
Bind)  wie: 

Malam  dabont  Metelli  {  Naevio  poetae. 

Solvitur  acris  hiems  grata  vice  |  yeris  et  favoni. 
Aber  bei  den  meisten  derartigen  Versen  sind  die  Ter- 
Bchiedenen  Füsse  so  in  einander  verschlungen,  dass  eine 
Sonderung  schwer  ist  und  mehrere  Analysen  aufgestellt 
werden  können.  Ein  alter  Techniker,  dessen  Theorie  uns 
Victorinus  III,  3  erhalten  hat,  nennt  diese  Metra:  confusa 
oder  immanifesta,  mit  dem  griechischen  Namen  avyxexvfiäva 
oder  dnsiiipaCvorca  und  begeht  «die  Albernheit,  mathematisch 
die  Zahl  der  möghchen  Gombinationen  auf  4096  zu  be- 
rechnen. Zu  diesen  metra  immanifesta  gehören  nun  nadi 
dem  Sinne  jener  Metriker  alle  unsere  oben  besprochenen 
Verse  und  begreiflich  ist  es ,  dass  in  diesen  mit  der  Weise 
der  Analyse  auch  die  Art  der  Versifikation  zusammen  hing. 
Fangen  wir  also  mit  dem  asdepiadeischen  Vers  an,  so 
gab  es  eine  Zergliederung,  welche  in  demselben  choriambi- 
schen Rhythmus  erkannte  und  desshalb  die  beiden  ersten 
Sylben  als  Auftakt  von  dem  übrigen  Vers  absonderte: 

sie  ist  erwähnt  von  Terentianus  2640  ff.  Atilius  I,  9,  9 
Atilius  n,  28,  12,  Diomedes  lU,  35,  1,  Gaesius  Bassus  I,  I 
und  am  bestimmtesten  ausgesprochen  von  Augustinus  De. 
mus.  V,  6  (cf.  V,  11):  Nam  ut  integre  pede  praecedena 
membrum  finiatur,  a  duabus  longis  incipiendum  est;  deinde 
totus  Choriambus  versum  dividit,  ut  sequente  etiam  alio 
choriambo  membrum  posterius  inchoetur,  claudente  versum 
semip^de  in  duabus  brevibus  syllabis:  tot  enim  tempora 
cum  spondeo  in  capite  locato  implent  sex  temporum  pedem« 
Es  ist'  dieses  diejenige  Messung ,  weldie  unserem  rhythmi- 
schen Gefühl  am  meisten  zusagt,    und    der  entschieden  die 


Christ:  Die  Verdcimti  des  Homg.  17 

OriedieD  folgten,  da  die  freie  prosodische  Behandlung  der 
beiden  ersten  Sylben  nur  dann  erUärbar  ist,  wenn  dieselben 
gleichsam  als  Präludium  ausseriuJb  des  eigentlichen  Metrums 
geisetzt  waren.  Aber  gerade  der  Umstand,  dass  Horaz  im 
Anfang  regdmässig  den  Spondeus  setzt,  zeigt,  dass  wenn  er 
auch  der  choriambischen  Messung  im  Allgemeinen  folgte, 
er  doch  noch  einer  speciellen  Au£Passung  Einiuss  auf  den 
Versbau  gestattete. 

Eine  andere  metrische  Schule  fand  in  unserem  Vers 
einen  antispastischen  akatalektisch^  Trüneter,  scandirte  also 
folgender  Massen: 

Aber  wiewohl  diese  ^ertheilung  von  dem  bedeutendsten 
der  uns  erhaltenen  Metriker,  von  Hephästion  p.  34  W.  (cf. 
AtiUus  II,  13)  vertreten  ist,  so  kann  es  doch  keine  unsin- 
nigere und  verkehrtere  geben;  sie  verdankt  ihren  Ursprung 
der  kopflosen  Einfuhrung  des  Antispast  unter  die  metra 
prototypa,  welche  von  einem  Grammatiker  ausging ,  welcher 
der  systematisirenden  Anordnung  zulieb  auch  zu  dem  Cho- 
riamb  ein  Gegenstück  suchte,  wie  es  der  Anapäst  für  den 
Daktylus,  der  Jambus  für  den  Trochäus    und  der  ionicus  a 

-minore  für  den  ionicus  a  maiore  war.  Wir  würden  von 
vornherein  dem  Horaz  eipe  Injurie  zufügen,  wollten  wir 
ihm  die  Billigung    einer    so   ungeheuerUchen  Theorie  bei- 

'  legen ;  sollte  aber  ja  einer  auch  diese  Verschrobenheit 
unserem  Dichter  zutrauen,  so  haben  wir  ein  sicheres  An- 
zeichen, um  denselben  des  Irrthums  zu  überführen.  Denn 
jene  Theorie  ging  offenbar  von  der  Form  des  Verses 


aas;  aber  gerade  diese  findet  sich  bei  Horaz  nirgaids. 

Eine  dritte  Erklärung   unseres  Verses  führte   ihn  .auf 
den  daktylischen  Hexameter  zurück,  aus  dem  er  durch  Weg- 
nahme zweier  Thale  entstanden  sei ;  es  liesse  sich   nämlich 
[1866.  Li.]  2 


18  Siteung  cbr  philo9,'pkihl,  Cla«M  vom  4.  Januar  1866, 

80   sagten  jene  (Atiliim  II,  28,  13,    Diomeeles  III,  34,  12, 
nnd  MalUiis  Theodorus  IV,  5)  der  Asdepiadeos 

Maecenas  ataris  edite  regibas 
dureh  den  Zusatz  von  pater   und  altis  za  einem  berdsohflii 
Hexameter: 

Maecenas  atavis  pater  edite  regibas  altis 
erweitem«    Es  ist  diese  Erklärung    so  abgesdhmackt,   dass 
sie  nur  in  dem  Gehirn  eines  lateinischen  Grammatikers  ent- 
st^en  konnte  nnd  dass  es  Zeitverlnst  wäre,    sich  bei  der- 
selben länger  aufzuhalten. 

Nach  einer  vierten  Theorie  endlich  wurde  unser  Vers 
in  zwei  Kommata  zerlegt: 

—     —     —      \j     V      —  —      \J     \J      -—      w     w 

au  ihr  bekennen  sich  fast  alle  lateinischen  Metriker,  so 
dass  sie  nur  in  der  Benennung  der  beiden  Kommata  seihst 
um  eine  Kleinigkeit  von  einander  abweichen  (Terentianos 
2650  ff.  Atilius  I,  9,  10.  Atilius  II,  28,  11.  Diomedes  IH, 
34,  12;  35,  1.  Victorinus  IV,  1,  43.  Gaesius-Bassus  I,  5. 
Mallius  Theodorus  4,  5).  Dass  nun  auch  Horaz  derselben 
gefolgt  sei,  hat  er  durch  die  regelmässig  wiederkehrende- 
Cäsur  nach  der  6.  Sylbe  sattsam  angedeutet. 

So  haben  wir  den  Grund  der  Cäsur  in  dem  asclepia- 
deisehen  Vers  bei  Horaz  erkannt;  aber  noch  unaufgeheHt 
ist  die  Eigenthümlichkeit  des  wiederkehrenden  Spondeus  im 
Anfang.  Doch  auch  diese  hängt  mit  der  Cäsur  innig  zu- 
sammen ;  denn  mit  jener  Zerlegung  bezweckten  zugleich  die 
Metriker  eine  Zurückführung  der  einzelne^  Theile  des  Verses 
auf  die  gewöhnlichen  gleichartigen  Metra;  und  so  fanden 
sie  auch  in  dem  ersten  Komma  unseres  Verses  den  ersten 
Abschnitt  des  daktylischen  Hexameters,  die  %ofki}  nev^f»- 
ficQiJQ;  dBmit  war  der  Jambus  und  Trochäus  aus  dem  ersten 
Fuss  ausgeschlossen^  und  eben  desshalb  hat  auch  Horaz  vor 
dem  1.  Choriambus  nur  einen  Spondeus  gesetzt.  Somit  kaben 
wir  denn  auch  zugleich  den  Schlüssel  gefunden  zur  BrUär- 


Chriit:  Die  Verakumt  des  Hanu.  19 

UDg  der  eigeathümlichen  Erscheinusg ,   dass    der  Glyconeos 
nnd  der  Pherecrateus  bei  Horaz  immer  die  Form 


hat;  und  verstehen  nun,  wie  Plotius  III,  62  und  VIII,  2 
zwifidien  dem  lateinischen  und  griechischen  Bau  des  Gly* 
Goneus  unterscheiden,  und  in  jenem  daktylischen  in  diesem 
antispastischen  Rhythmus  erkeunen  konnte. 

Wir  wenden  uns  jetzt  zunächst  zudem  sapphischen  und 
alcäischen  Vers,  um  später  erst  zu  einem  Metrum  zurück- 
zukehren,  das  mit  dem  asclepiadeisch|Bn  näher  verwandt  ist. 
Für  den  Hendecasyllabus  der  Sappho  und  des  Alcäus  hat 
bekanntlich  zuerst  Apel,  und  dann  Böckh  und  andere  in 
eüier  etwas  modißcirten  Weise,  die  kyklische  Messung  des 
eingestreuten  Daktylus  empfohlen,  so  dass  durch  die  An- 
näherung des  Daktylus  an  den  dreizeitigen  Trochäus  Einheit 
in  den  rhythmischen  Gang  dieser  melodischen  Verse  ge- 
bracht werde.  Ich  lasse  diese  Auffassung  hier  aus  dem 
Spiel,  weil  sie  wenigstens  den  antiken  Metrikern  unbekannt 
war  und  weil  nichts  darauf  führt,  dass  Horaz  noch  einer 
älteren  rhythmischen  Theorie  gefolgt  sei.  Die  griechischen 
Techniker,  vor  allen  Hephästion  und  wahrscheinlich  auch 
Heliodor,  massen  unsere  Verse  nach  Syzygien  oder  Dipo- 
dien ;  sie  wurden  hiezu  veranlasst  durch  die  dipodische 
Messung  in  der  weitaus  überwiegenden  Mehrzahl  der  jam- 
bischen trochäischen  und  anapästischen  Verse,  und  wurden 
wohl  auch  noch  durch  das  Vorkommen  der  syll.  anceps  an 
der  4.  Stelle  des  sappWschen  Verses  —  w  —  TT  in  dieser 
Meinung  bestärkt.  Es  ergab  sich  also  für  sie  von^  selbst 
die  Scandirung 


welche  Augustinus  De  musio.  Y,  IS   noch  dadurch  vervoH- 
fitändigt ,    dass  er  den    letzten  Doppelfiiss  durch  die  Paase 

2* 


20         Siitung  der  phüos.-phüol,  Glosse  vom  4.  Januar  1868, 

von  einer  Mora  ausfüllen  lässt.  Die  Verbindung  von  jam- 
bischen oder  trochäischen  Dipodien  mit  jonischen  oder 
choriambischen  Füssen  erklärten  sie  nua  zunächst  durch 
den  gleichen  Zeitumfang  (spatia  temporum)  jener  Syzygien, 
von  denen  jede  6  Moren  oder  xqovoi,  n^toi,  umfasse.  Doch 
dabei  blieben  sie  nicht  stehen;  denn  da  sie  aus  der  Eataleze 
choriambischer  und  jonischer  Verse  ersahen,  dass  Choriam- 
ben sich  am  liebsten  in  Jamben 


ionici  am  liebsten  in  Trochäen 


verlaufen,  so  nahmen  sie  eine  Verwandschaft  (atfjtt7ra^«Mip)  der 
trochäischeu  Dipodie  mit  den  ionischen  Füssen  und  der 
jambischen  Dipodie  mit  den  Choriamben  und  Antispasten  an. 
Auf  solche  Weise  erfanden  sie  die  Lehre  von  den  iii^qa  ofwtos^dij 
oder  den  fiär^a  inl^taa  xatd  avfiTtä^eiav  (s.  Victorinus 
lU,  2),  zu  der  sie  als  Belege  wohl  Perioden  anführten  wie 
Aescbyl.  Snppl.  562  ff.: 

Ma$vofiäva  |  novoig  drifA\oig  odvvcug  \  ve  xsvT^oia\Xilfv^G€ 

&vi\dg  *'Hqag. 
oder  Laevius  (cf.  L.  Müller  De  re  met.  poet.   lat.   p.    78): 
Venus    amoris    |   altrix,   genejtrix  cuppidijtatis,    mihi  |  quae 
diem    sejrenum    hilarula   |   praepandere    |  cresti    opseGa|lae 
tuae  ac  miJQistrae. 

Da  nun  aber  in  unsern  beiden  Versen  umgekehrt  ein 
Choriambus  auf  eine  trochäische  Dipodie  und  ein  Jonicos 
auf  eine  jambische  folgt,  so  registrirten  sie  diesdben  unter 
die  /üxra  7ice%*  dv^tnäS-eutv .  Aber  mag  auch  jene  Lehre 
von  der  iiT^i^g  nodmv  ofioiosidßv  und  dvofioto€td&v  in  den 
oben  angezogenen  Perioden  ihre  Anwendung  findeo,  aiif  jene 
äolischen  Verse  wurde  sie  gewiss  mit  Unrecht  übertragen. 
An  und  für  sich  war  der  Choriambus  weder  mit  dem  Jambus 
sympathisch  noch  mit  dem  Trochäus  antipathisch,  alles  kam  ' 
dariftuf  an ,    weldier   von   den    beiden  eingemisditen  Füssen 


Christ:  Die  VmkunH  des  Boras.  21 

▼0rangiBg,  und  jede  Verbindung  war  eine  melodische  oder 
^^pathische,  bei  der  die  regelmässige  Aufeinanderfolge  ?oa 
Hebung  und  Senkung  nicht  gewaltsam  durchbrochen  ward; 
die  Mischung 

war  also  ebenso  gut  sympathisch  wie  die 

und  die  Vereinigung 

ebenso  antipathisch  wie  die 

Wie  hätte  auch  die  süsseste  Dichterin,  welche  ihrer 
Annauth  wegen  in  die  Zahl  der  Musen  eingereiht  wurde, 
Erfinderin  antipathischer  Verse  sein  können?  Nichts  desto- 
weniger  ist  die  angegebene  iwCqsaig  von  Hephästion 
p.  43  f.  (cf.  Plötius  Vn,  7,  IX,  7.  Aristides  p.  56  M.)  als 
die  einzige  aufgestellt  und  neben  andern  von  Atilius  I,  9,  8, 
Atilius  II,  28,  13,  15,  Diomedes  III,  35,  2,  9,  Victorinus 
rV,  3.  11,  Bassus  I,  2  genannt.  Horaz,  der  begeisterte 
Nacheifrer  der'^Sappho  und  des  Alcäus,  hat  gewiss  seinea 
leuchtenden  Vorbildner  keine  Dissonanzen  in  der  rhythmi- 
schen Composition  zur  Last  gelegt;  auch  ist  nicht  das^ 
geringste  Anzeichen. vorhanden,  dass  er  jene  Zergliederung 
gebilligt  und  befolgt  habe. 

Es  liegt  uns  aber  noch  eine  andere  Analyse  vor,  nach 
der  jeder  der  beiden  Verse  in  je  zwei  Kommata,  der  sap- 
phische    in  eine  trochäisohe   und  jambische  ro/uif  nsv^/u- 


der  alcäische  in   eine  jaoibische  caesura  guinaria  und  eine 
daktylische  Dipodie 

zerfällt   wurde.     Dabei   ward  von   dem  Satze  ausgegangen, 
dasfi  di^  letzte  Sylbe  eines  jeden  Verses  äiid^ofqgsei,  und 


22         Sitzung  der  phüos.-phUol,  CUuse  vom  4.  JanucMr  1868, 

daher  in  der  BezeichnuDg  des  2.  Gliedes  sowohl  von  der 
schliessenden  Länge  wie  Kürze  ausgegangen  werden  därfe; 
Überdiess  nahm  man  und  dieses  mit  Recht  an,  dass  der 
erste  Fuss  eines  jambischen  Trimeter  auch  durch  einen  Ana* 
paest  ausgedrückt  und  daher  das  Komma  »^  ^  —  ^  —  ^ 
auf  den  Trimeter  zurückgeführt  werden  könne.  Jene  Zer- 
legung wird  nun  ausschliesslich  von  lateinischen  Gramma- 
tikern von  diesen  aber  mit  entschiedener  Billigung  erwähnt, 
nämlich  von  Atilius  I,  9,  3,  8  Atilius  II,  28,  2,  15,  28 
Diomedes  III,  34,  13,  19;  35,  9  Victorinus  ^V,  3,  11,  38 
Bassus  I,  5,  Mallius  IV,  9.  Die  regelmässig  wiederkehrende 
caesura  quiuaria  bei  Horaz  zeigt  auch  hier  wieder,  dass 
unser  Dichter  dieser  Lehre  von  der  Zerlegung  der  beiden 
Verse  in  zwei  Glieder  gefolgt  ist. 

Aber  damit  ist  die  ganze  Sache  noch  nicht  abgethan. 
Wir  haben  bereits  oben  durdi  zahlreiche  Beispiele  dar- 
gethan,  dass  sich  unser  Dichter  in  seinem  reiferen  Alter 
bei  dem  Bau  der  dapphischen  Verse  des  4.  Buches  und  des 
Carmen  saeculare  nicht  mehr  jene  strenge  Fessel  auferlegte 
und  dort  so  oft  die  üäsur  unterliess,  dass  man  dieses  nicht 
einer  blossen  Nachlässigkeit  zuschreiben  darf,  zumal  sonst 
gerade  in  den  Gedichten  A3S  4.  Buches  die  sorgsamste  Feilo 
überall  durchleuchtet.  Es  scheint  somit  Horaz  selbst  ins 
Schwanken  gekommen  zu  sein,  er  scheint  selbst  gefühlt  za 
haben,  dass  jene  Zerlegung  zur  Schönheit  des  Verses  nicht 
nothwendig  sei,  dass  vielmehr  durch  die  stäte  Wiederholung 
jener  Gäsur  etwas  Mattes  und  Weichliches  in  den 
Rhythmus  komme.  Während  nämlich  in  den  anderen  Versen 
das  zweite  Glied  kräftig  mit  der  Hebung  beginnt: 

Vides  ut  alta  |  stet  nive  candidum. 

Maecenas  atavis  {  edite  regibus. 

Beatus  ille  |  qui  procul  negotiis. 

Trahuntque  siccas  |  machinae  carinas. 
sollte  im  sapphischen  Vers  nach  jener  Theorie  das  zweite 


Christ:  Die  VtnkwMt  des  Horas.  28 

Komma  mit  einer  Senkung  and  obendrein  mit  einer  zwei- 
iylbigen  beginnen,  welche  selbst  in  dem  langen  daktylischen 
Hexameter  die  Dichter  zu  vermeiden  liebten,  indem  sie  öfters 
entweder  die  weibliche  Cäsur  nach  der  ersten  Eüree 
"jivifa  not  ivvsne  MovCa  \  noXvTfOJtov  og  fiala  noXlst 
anwandten,  oder  die  beiden  Kürzen  des  3.  Fusses  in  eine 
Sylbe  zusammenzogen,  wie 

Arma  virumque  cano,  |  Troiae  qui  primus  ab  oris. 
In  den  Bau  des  kurzen  sapphischen  Verses  brachte  also 
jene  Weise  der  Zerlegung  eine  gewisse  Schlaffheit,  and  Horai 
folgte  daher  in  seinem  reiferen  Alter  lieber  dem  rhythmischen 
Gefühl  als  den  Vorschriften  der  Schule  und  schwächte  jenen 
weichlichen  Eindrudc  dadurch  ab,  dass  er  den  vorgeschriebenen 
Einschnitt  absichtlich  mehrmals  vemachlässigte. 

Mit  der  Zerlegung  in  Eola  selbst  hängt  abef ,  wie  bereits 
Apel  Metrik  §  738  richtig  einsah,  dasjenige  eng  zusammen, 
was  ich  oben  über  die  entschiedene  Vorliebe  des  Horaz  für 
eine  Länge  an  der  4.  Stelle  des  sapphischen  Verses  be- 
merkt habe. 

Ward  nämlich  mit  der  5.  Sylbe  ein  Kolon  abgeschlossen, 
so  empfahl  die  Bücksicht  auf  die  Katalexis  einen  schliessenden 
Spondeus,  wie  wir  einen  solchen  auch  am  Ende  des  ganzen 
Verses  finden: 

Freilich  verlor  nun  durch  die  Einförmigkeit  des  beiderseitigen 
Schlusses,  den  die  Dichter  im  Hexameter  und  Trimeter  so 
glücklich  vermieden 


der  Vers  der  äolisdien  Sängerin  noch  mehr  an  Schönheit^ 
und  wir  müssen  es  daher  dopp^  begreiflich  finden,  dass  sich 
Horaz  selbst  in  höherem  Alter  von  jener  Theorie  lossagte. 
Audi  im  alcäischen  Vers  wurde  die  Wahl  einer  Länge 
vor  derCäsor  zunächst  wohl  gleichfalls  durch  die  Rücksicht 


24  SitMimg  äer^  phUta^^hiM.  Chsie  vom  4.  Januar  1868. 

auf  passenden  Sdiluss  des  ersten  Kolons  hervorgerufen,  da 
H(»*az  durchweg  dem  Tollklingenden  spondeischen  Sdiluss 
vor  dem  dünnkörperigen  trochäisc^en  den  Vorzug  gab.  In« 
dess  mochte  auch  ein  feines  Gefühl  den  Dichter  bestimmen 
dturch  Bevorzugung  der  Länge  an  den  Stellen,  wo  das 
metrische  Gesetz  eine  syll.  anceps  zuliess,  mehr  Festigkeit 
in  den  Rhythmus  zu  bringen  und  so  die  Vereinigung  der  dak- 
tylischen und  iambischen  Füsse  besser  auszugleichen.^) 

Es  erübrigt  uns  nun  noch  die  Erörterung  zweier  grösserer 
Metra,  von  denen  jedes  nicht  eine  sondern  zwei  Gäsuren  hat. 
Gehen  wir  auch  hier  denselben  Weg  und  fragen  zuerst,  wie 
die  alten  Metriker  den  grösseren  sapphischen  Vers 

zergliedert  haben.  Da  finden  wir  denn,  dass  diejenigen, 
weldie  die  Antispaste  unter  die  Zahl  der  metra  prototypa 
aufoahmen,  in  unserem  Vers  einen  antispastischen  Tetrameter 
mit  jambischem  Schluss 

erkannten,  so  Hephästion  p.  35  W.  Diomedes  III,  29  und 
und  die  *alii'  bei  Victorinus  IV,  2,  27  und  Plotius  8,  8.  Diese 
Messung  hat  Horaz  in  unserem  Verse  ebenso  wenig  gekannt 
und  befolgt,  wie  in  dem  Asclepiadeus ,  von  dem  wir  bereits 
oben  S.  17  gehandelt  haben.  Aber  die  Alten  kannten  noch 
zwei  andere  Scandirungen ,  welche  von  Plotius  VIII,  8  an 
einer  sehr  confusen  Stelle  als  asciepiadeische  und  phalä- 
dsche  Messung  bezeichnet  werden;  siehe  Victorinus  IV,  2,  48, 
Atilius  I,  2,  7,  Atilius  II,  28,  30,  Diomedes  lIJ,  35,  Jl. 
Zunächst  soll  mit  diesen  Wörtern  nichts  anderes  angedeutet 
werden ,  als  dass  jener  sapphische  Vers  entweder  aus  dem 
asdepiadeischen  durch  den  Zusatz  eines  Choriambus  in  der  Mitte 

«— -    — -    —     \j     u     —    £-—     V      w     • — 1    —     V      V     ——     w      u      ^ 

3)  Jene.  Länge  aus  der  S.  19  besprochenen  epiionischen  Messung^ 
herzuleiten,  hindert  uns  die  Analogie  des  sapph.  Yerses  und  der  zu 
klar  hertortretende  kommatische  Bau  der  Horazischen  Yerse  überhaupt. 


Christ:  Die  Ver$kun$t  des  Borne.  25 

oder  ans  dem  phaläcischen  HendecasyUabus  darch  einen 
längeren  Ansatz  an  das  erste  Koinma  desselben 

entstanden  sei.  Wahrscheinlich  lag  aber  jenem  doppelten  Namen 
noch  ein  tiefer  liegender  Unterschied  zu  Grunde.  Wir  er* 
fahren  nämlich  aus  Terentianus  Maurus  2845,  2882  und 
aus  Atilius  I,  4,  15  (cf.  Lachmann  prae£.  in  Terent.  XV. 
Riese  Varronis  Sat.  Men.  p.  152),  dass  Varro  den  phalä- 
cischen Vers  mit  dem  sotadeischen  in  Verbindung  brachte 
(cl  Quintilian  I,  8,  6 :  hendecasyllabi,  qui  sunt  commata  So- 
tadeorum)  und  ihn  desshalb  ionisch  und  nicht  choriambisch 
mass;  etwas  was  wahrscheinUch  damit  im  Zusammenhang 
stand,  dass  zur  Zeit  Varros  der  Name  Choriambus  entweder 
noch  gar  nicht  bekannt  oder  noch  wenig  geläufig  war.  Es 
liegt  daher  nahe  zu  vermuthen,  dass  unter  der  asclepiadei- 
schen  Messung  desSapphicus  maior  die  Messung  mit  Choriamben 

unter  der  phaläcischen  die  mit  ionici 


verstanden  war.  Dass  nur  der  ersteren  Horaz  folgte,  geht  aus 
den  beiden  regelmässig  bei  ihm  wiederkehrenden  Gäsuren 

—    V       U      —  —      U       V      —         "—      c       c      ■*-        u      — 

zur  vollen  Evidez  hervor. 

Wie  nun  hier  durch  Einschiebung  eines  Choriambus  aus 
dem  asclepiadeischen  Vers  der  sapphische  entstanden  war, 
so  entstand  aus  der  gleichen  Einschiebung  aus  dem  kleineren 
sapphischen  Vers  der  anakreontische  __ 

— —     v    —    —    r —     \j     u     — J    — —     yj     v/     —     V     — -    w 

Te  deos  oro,  Sybarin  cur  pi'operes  amando. 
Bei  Horaz  kommt  dieser  Vers  nur  achtmal  in  Od.  I,  8  vor, 
und  es  lässt  sich  daher  über  seinen  Bau  nicht  so  sicher 
urtheilen  wie  über  die  übrigen  öfter  wiederholten  lyrischen 
Masse;  wenn  aber  in  jenen  8  Versen  regelmässig  nach  der 
5.  SylbQ  eiQ  Wort  sdilic^t,  sp  ist  dieses  ein  ganz  unnützer 
Anklang  an   da&  sapphische  Metmni,     der  mit  der  KoleO'* 


26        Sitzung  der  philos.'phiioL  OoMe  vorn  4.  Januar  1868, 

theiloDg  aoseres  Verses  mohts  zu  thun  hat;  denn  für  diese 
ist  nur  die  zweite  Cäsar  nach  dem  ersten  Choriambus  von 
Belang,  da  durch  dieselbe  der  Vers  in  zwei  Theile  getheilt 
wird,  von  denen  der  zweite  nochmals  als  n^o^dg  0rixog 
dem  ganzen  vorangeschickt  ist: 

Ljdia  die,  per  omnes 
Te  deos  oro,  Sybarin  |  cur  properes  amando. 

Die  alten  Metriker  sind  uns  bezüglich  dieses  Verses 
ganz  bedeutungslos.  Indem  sie  nämlich  von  der  irrigen 
Voraussetzung  ausgingen,  Horaz  habe  darin  den  choriambi- 
schen Tetrameter  des  Alcäus  nachahmen  wollen,  beschuldig- 
ten sie  ihn,  dass  er  mit  grosser  Härte  statt  des  ersten 
Choriambus  eine  trochäische  Dipodie  angewandt  habe;  um 
den  Vers  rein  zu  bauen  wie  den  sapphischen 

Jsvte  VW  äßqal  Xdqitsg  xaXXixofAoi  rs  Motacu 
habe  Horaz  vielmehr  sagen  müssen: 

Hoc   dea  vere  Sybarin  cui;  properes  amando. 
siehe  Atilius  I,  9,  17,  AtiliusII,  28,  26,'  Victorinus  ü,  6,  11; 
rV|  3,  37  und  Diomedes  UI,  35,  9,    welcher  wegen  jener 
irrigen  Voraussetzung  die  Strophe  alcäisch  nennt*). 

Wir  haben  bis  jetzt  nur  solche  Verse  betrachtet,  deren 
Glieder  zu  einer'  vollständigen  Einheit  (SvwO^g)  verschmolzen 
sind,  so  dass  an  der  Stelle  des  Zusammenstosses  keine 
grössere  Pause  eintritt.  Ihnen  gegenüber  stehen  einige  wenige, 
in  denen  die  Glieder  mehr  äusserlich  zu  einem  Vers  zusam« 
mengeschrieben  als  zu  einem  einheitlichen  Ganzen  verwach- 
sen sind.     Derartige  Verse    sind  bei  Horaz  der  Elegiambus 


4)  Merkwürdiger  Weise  ging  ans  dieser  alten  metrischen  Be- 
merkung^, welche  vielleicht  von  Gaesius  Bassos,  dem  Zeitgenoasen 
des  Persins,  herrührt,  die  Variante  rere  «tatt  oro  in  die  besten 
HandflOhriften  das  Horaz  über. 


ChnH:  Die  Vergkumt  de$  JETorof.  27 

imd  der  Jambelegus 

\J     —     u      — —      W     *—      VW  — —      ^       w      — —      w      v/      u 

über  die  Bentley  in  einem  sdiarfBinnigen  aber  dem  heutigen 
Standpunkt  der  Wissenschaft  ganz  nnd  gar  nicht  genügen- 
den Excurs  zur  11.  Epode  gehandelt  hat.  Horaz  behandelte 
beide  Theile  so  sehr  als  selbständige  Metra,  dass  er  in 
der  Gommissur  nicht  selten  Hiatus  und  sjHaba  anceps  ein* 
treten  liess,   wie 

Inachia  furere,  {j  silvis  honorem  decutit  (epod.  11,  6). 
Ferridiore  mero  {|  arcana  promorat  loco  (epod.  11,  li). 
Vincere  molUtie  {|  amor  Lyeisci  me  tenet  (epod.  11,  24). 
Reduoet  in  sedem  vice.  ||  Nunc  et  Ächaemenio  (epod.  13,  8). 
cf.  epod.  11,  10,  26;  13,  10,  14. 

Wir  können  aus  Atilius  Fortunatianus  I,  dessen  Lehre 
der  Theorie,  wie  sie  zu  Horaz  Zeiten  in  Geltung  war,  am 
nächsten  steht,  noch  herausfinden,  unter  welchen  Gesichts- 
punkten man  jene  Gomposition  auffasste  und  mit  welchen 
Namen  man  dieselbe  bezeichnete.  Der  genannte  Grammatiker 
nennt  nämlich  die  Glieder  eines  einheitlichen  Verses,  wie 
des  Hexameter  Trimeter  des  Äsclepiadeus  Sapphicus  AI- 
caicus,  stets  commata,  von  dem  Verse 

Solvitur  acris  hiems  grata  vice  veris  et  favoni 
hingegen  sagt  er  I,  9,  11:  ex  duobus  metris  compositum 
putant,  weil  die  Theile  dieses  Verses  eine  selbstständige 
Geltung  hatten,  nicht  blos  aus  den  grösseren  Metra  durch 
einen  den  Fuss  zerschneidenden  Schnitt  gleichsam  losgerissen 
waren;  cf.  Aristides  p.  56  M.  und  Caesar  De  vers.  asynart. 
X.  Auch  in  den  beiden  andern  oben  erwähnten  Versen  der 
Art  konnte  wenigstens  der  eine  Theil  auf  den  Namen 
'metrum*  Anspruch  machen;  man  nannte  daher  einen  aus 
solchen  Theilen  gebildeten  Vers  speciell  einen  zusammen- 
gesetzten Vers,  einen  versus  coniunctus  oder  aweC^vyi^ävog; 
denn  diesen  definirt  Diomedes  an  einer  für  die  Metrik  sehr 
wichtigen  leider  aber   auch  sehr  verderbten  Stelle  III,  21 


28  SüButiff  der  phüos.^phiM.  Glosse  vom  4.  Januar  1868. 

mit:  conianctns  yersus  sive  avv^^evyfi^oq  est,  quando  ex 
duotras  metris  versus  ordinatur;  vergleiche  Hephaestio 
p.  21  W.  nqßtog  /iäv  *Äq%ih^xog  xäxftjTaiy  OvCsv^ag  wi 
Uhf^X^txov  iaxrvhx^  Tsr^aßät^fp  ^  uud  Horaz  selbst,  der 
A.  p.  75  den  elegischen  Pentameter  einen  versus  impariter 
iunctus  nennt.  Auch  der  Name  compositus  und  commiztus 
war  von  dieser  Art  von  Versen  gebräuchHch  (s.  Plotius  V, 
13  u.  14.  Vni,  1.  XI  und  Bassus  44),  und  höchst  wahr- 
scheinlich stehen  ursprünglich  mit  dem  Unterschied  der 
beiden  bezeichneten  Versarten  auch  die  untersciiiedenen 
Namen  versus  per  concinnationem  und  versus  per  composi«» 
tionem,  C%(%oq  üvv&erog  und  üti%og  €ntavv&€Tog  in  einem 
später  verwischten  Zusammenhang. 

Erlaubte  sich  nun  auch  Horaz  in  seinen  früheren  Jahren 
in  der  Gommissnr  der  Theile  eines  versus  coniunctus  nach 
einer  auch  von  Diomedes  III,  25,  '4  und  Terentianus  Maurus 
w.  1777  sqq.  angedeuteten  Theorie  dieselben  Freiheiten 
wie  am  Schlüsse  eines  Verses ,  so  enthielt  er  sich  -  doch 
später  in  den  sorgsamer  gefeilten  Gedichten  dieser  Licenz« 
Denn  in  dem  Verse 

Od.  I,  4  ist  keine  Spur  mehr  von  jener  Freiheit  zu  finden. 
In  der  That  würde  die  Schönheit  dieses  Verses,  in  dem  die 
beflügelten  Daktylen  durch  die  gedrängten  Trochäen  ihren 
Absdiluss  erhalten,  völlig  zerstört  werden,  wenn  eine  längere 
den  Hiatus  entschuldigende  Pause  zwischen  die  beiden  Theile 
träte.  Es  verdient  aber  Horaz  wegen  dieses  Fortschritts 
um  so  mehr  unsere  Anerkennung,  als  die  Grammatiker  für 
ihre  Auffassung  die  Auctorität  des  Archilochus  geltend 
machten.  Aber  wahrscheinlich  liessen  sie  sich  hier  wie  in 
so  vielen  anderen  Fällen  durch  falsche  Lesarten  und  un- 
richtige Analysen  täuschen.  Wenigstens  beweist  der  voi^ 
Hephästion  p.  50  W.  für  jene  Freiheit  angeführte  Vers  des 
Archilochus 


Christ:  Die  Verakunst  des  Hwras.  29 

Mai  ßijaO€tg  oqimv  ivgTtoanäXovg  olog  fjv  itC  ijßfjg 
iHGhtB,  denn  da  die  Quantität  des  acc.  plar.  in  der  älteren 
Zeit  schwankend  war  (vgl.  meine  Bemerkungen  im  Philol. 
XXV  S.  630),  and  zur  Zeit  des  Archilodias  ein  ov  in  der 
Schrift  noch  nicht  ezistirte,  so  ist  vielmehr  mit  richtiger 
AuflÖBong  der  alten  Sehreib  weise 

xai  ßijifüag  oqässv  ivgnaiJwäXogj  olog  iqv  in^  ^ß^g 
zü  schreiben. 

Werfen  wir,  nachdem  wir  die  Metra  im  Einzelnen  be- 
sprochen haben,  noch  einen  Rückblick  auf  das  Ganze,  so 
&iden  wir  die  Eigenthiimlichkeit  des  horazischen  Versbaues 
hauptsächlich  darin,  dass  er  der  Cäsur  einen  stätigen  Sitz 
anwies  und  damit  die  regelmässige  Zerfallung  des  Verses 
in  zwei  oder  drei  Kommata  andeutete.  Diese  Weise,  den 
Vers  zu  bauen,  lehnte  sich  an  das  Vorbild  des  Archilochus 
an ,  dei:  ja  besonders  dadurch ,  dass  er  Theile  aus  den 
grossen  Versen,  dem  daktjlischen  Hexameter  und  jambischen 
Trimeter  abschnitt  und  dann  verschiedentlich  mit  einander 
verband,  Fortschritt  und  Mannigfaltigkeit  in  die  musikalische 
und  metrische  Kunst  brachte  (cf.  Censorinus  fragm.  c.  9: 
Archilochus  etiam  commata  versibus  adplicando  variavit 
ea  (?),  potius  per  plurimas  spedes  secuit).  Dem  Archilochos 
war  daher  auch  in  demjenigen  Buche,  aus  dem  Atilius  For- 
tunatianus, Terentianus  Maums  und  Marius  Victorintts 
schöpften,  ein  eigener  Abschnitt  gewidmet,  der  uns  bei 
Victorinus  im  Eingang  des  4.  Buches  erhalten,  bei  dem 
verlässigeren  Atilius  (cf.  I,  9,  11)  aber  leider  verloren  ge- 
gangen ist.  Selbst  Varro  hatte,  wie  aus  den  wenigen  Frag- 
menten seiner  metrischen  Bücher  hervorgeht  (s.  fr.  72  und 
77  bei  Wilmanns),  in  der  Aufzählung  und  Ableitung  der 
Metra  dem  Archilochus  eine  besondere  Aufmerksamkeit  ge- 
schenkt. Zweifelhaft  könnte  es  aber  sein,  ob  unser  Diditer 
sich  selbst  aus  dem  genauen  Studium  des  Archilochus  die 
Grundsätze  eines  ähnlichen  Versbaus  gebildet    oder  ob  er 


30  Sitsung  der  phüos  ^phiki.  CUtase  vom  4.  Januar  1868. 

hierbei  durch  die  Lehren  der  Metriker  seiner  Zeit  geleitet 
worden  aei.  Und  allerdii^s  scheint  auf  Grand  der  Präzis 
des  Horaz  Yon  den  späteren  Metrikem  namentlich  von  Cae- 
sius  Bassus  jene  Eolentheorie  schärfer  ausgebildet  und  von 
den  Dichtern  wie  Seneca,  Statius  u.  a.  strenger  beobachtet 
worden  zu  sein.  Aber  bereits  Varro  liebte  die  Spielerei, 
die  Verse  von  einander  abzuleiten  und  mit  Hülfe  von  Zu- 
satz (adiectio)  Wegnahme  (detractio)  Veränderung  (trans- 
mutatio)  und  Zusammensetzung  (concinnatio  oder  compositio) 
die  selteneren  Metra  auf  die  bekannteren,  namentlich  den 
heroischen  Hexameter,  jambischen  Trimeter  und  Sotadeos 
zurückzuführen,  wie  wir  aus  der  ihm  zugeschriebenen  Zu- 
*rückführung  des  phaläcischen  Hendecasyllabns  auf  den  Sota- 
deus-  (s.  oben  S.  25)  und  der  von  ihm  ausgehenden  Her- 
leitung des  jambischen  Septenar  und  Oktonar  aus  dem 
Senar  ersehen  können.  Jene  Lehre  von  der  dncc/»Y^  fieTQmv, 
die  sich  durch  alle  lateinisdien  Metriker  hindurchzieht,  hat 
aber  die  Zerlegung  grösserer  Verse  in  kleinere  Kola  und 
Kommata  zur  Voraussetzung  und  es  ist  desshalb  gewiss  nicht 
bedeutungslos,  dass  Varro  in  die  Definition  von  Vers  f  Versus 
est,  ut  Varroni  placet,  verborum  iunctura  quae  per  articulos 
et  commata  ac  rhythmos  modulatur  in  pedes'  Victor.  I,  14) 
die  Begriffe  cola  und  commata  ausdrücklich  hereinzieht.  Es 
wird  daher  wohl  Horaz  dasjenige,  was  er  praktisch  aus- 
führte, bereits  als  Lehre  in  der  Schule  der  Metriker  vorgefun- 
den haben.  Wahrscheinlich  machte  man  damals  bereits  für 
jene  Analyse  die  Etymologie  des  Wortes  /lii'Os  geltend,  das 
man  mit  fiäXog  ^Glied  des  menschlichen  Leibes'  in  Verbind- 
ung brachte.  Denn  die  Uebereinstimmung  von  Victarinus 
I,  13,  '5  'unde  dictum  fwi^g  [bracchia  sdlicet  et  femina], 
nee  in  metro  apud  quosdam  haec  communiter  fnälfj  appd- 
lantnr,    quae  nos  oannina  interpretamur ,    set^)  membra. 


Ö)  let  Chfitt  ei  €od. 


Ckrtsi:  Die   VersJntnst  des  Hi^az,  31 

qnia*)  fjtälij  graed  divisa  membrorom,  bracchia  scilieei  et 
femina^),  Tocant'  und  von  Gharisins  p.  289  K.  a  qaalis 
dispositio  est  corporis,  at  sit  iarosum  unum  membrum^)  et 
braochium  dicatnr  ac  tali  crus  caput  et  reliqua  seeundum 
8uas^)  qnalitates  membra  nomina  inveniant,  ita  et  melos 
nomiDa  invenit,  iit  dicatar  dioricoD  .  .  /  lässt  auf  eine 
gemeinsame  alte  Quelle  schliessen,  die  wahrscheinlich  der 
etymologische  Querkopf  Varro  war.  Ganz  ohne  alles  B^ 
denken  aber  beziehe  ich  auf  diese  Etymologie  yon  fiäXt] 
und  die  damit  zusammenhängende  Kolentheorie  den  viel- 
besprochenen Ausdruck  des  Hoiraz  selbst  Od.  I,  15,  15: 

Inbelli  cithara  carmina  divides. 
Freilich  in  wie  fem  jene  ganze  Auffassung  der  lyrischen 
Verse  richtig  ist  und  mit  der  Anschauung  der  griechisdien 
Dichter  in  Einklang  steht,  das  ist  damit  noch  nicht  ent- 
schieden; aber  das  ist  eine  ganz  andere  Frage,  deren  Er- 
örtemug  ich  einem  anderen  Orte  vorbehalte. 


Wir  kommen  nun  zum  zweiten  Theil,  wo  wir  die  Weise, 
nach  der  Horaz  mehrere  Verse  zu  grösseren  Ganzen  zu  ver- 
binden pflegt,  mit  den  Lehren  der  alten  Metriker  zusammen- 
zustellen und  aus  ihnen  zu  erklären  versuchen  wollen. 
Wurden  in  einem  Gedicht  mehrere  Verse  zu  einem  Ganzen 
vereinigt,  so  nannte  man  eine  solche  Vereinigung  eine  Pe- 
riode oder  ein  System  oder  eine  Syzygie;  die  einzelnen 
Verse,  die  damit  etwas  von  der  grösseren  Selbstständigkeit, 


6)  qnia  Wümanns  quae  cod. 

7)  bracchia  scilicet  et  famina  hue  ex  superiare  loeo  tramposuit 
Christ. 

8)  sit  ora  cod.  cum  laeuna  aliquot  vocdMorum,  emendavit  et  ex- 
pleoU  Ckrist  eoU.  Isiäori  Origg.  XI,  1,  68. 

9)  lacufum  expUvit  Ktü. 


32  Sitzung  der  phüoa.^hüol,  Claaae  vom  4.  Januar  1868. 

welche  sie  in  der  Gompo&ition  Hcn;ä  mixfnf  hatteo,  verloren, 
hiessen  Kola  im  Gegensatz  zu  der  dieselben  umfassenden 
Periode,  und  da  die  Lyrik  bei  den  Griechen  und  Römern 
jene  Zusammenfassungen  zu  grösseren  Einheiten  durchweg 
liebte,  so  sagte  man  auch,  ein  Lied  oder  eine  Strophe  zu- 
falle nicht  in  Verse  sondern  in  Kola.  Jene  Kola  standen 
somit  gleichsam  in  der  Mitte  zwischen  selbständigen  Versen 
und  Gliedern  eines  Verses,  was  bei  nachlässigeren  Dichtem 
zu  manchen  Unebenheiten  Anlass  gab. 

CatuU,  der  erste  römische  Lyriker  von  Bedeutung,  ver- 
fuhr hier  mit  lobenswerther  Gonsequenz.  In  den  beiden 
Gedichten  mit  sapphischer  Strophenbildung  Nr.  11  und  51 
hat  er  am  Schlüsse  der  einzelnen  Kola  nie  einen  Hiatus 
sich  gestattet,  also  deutlich  angedeutet,  dass  er  die  Glieder 
der  Periode  durch  keine  grössere  Pause  getrennt  wissen 
wolle.  Desshalb  hat  es  auch  bei  ihm  nichts  befremdendes, 
wenn  die  letzte  Sylbe  eines  Kolon  elidirt  (11,  19,  28)  oder 
zwei  Kola  durch  dasselbe  Wort  (11,  11)  verbunden  werden. 
Horaz  ist  in  dieser  Beziehung  weit  nachlässiger  und  incon- 
sequenter;  während  er  nämlich  ganz  gewöhnlich  sich  am 
Schlüsse  eines  Kolon  einen  Hiatus  erlaubt  und  denselben 
sogar  in  dem  dritten  der  clausula  unmittelbar  vorausgehen- 
den Kolon  nicht  ängstlich  vermeidet  (Od.  I,  2,  47;  12,  7, 
31;  21,  15  etc.  ^^)  lässt  er  nichts  destoweniger  einige  ICal 
das  schliessende  Wort  eines  Kolon  noch  in  das  nädiBte 
Kolon  hinübergreifen  oder  durch  Elision  verstümmelt  werden. 
Die  Elision  findet  sich  bei  ihm  an  allen  Stellen  der  Periode 
wie  n,  2,  18: 

Dissidens  plebi  numero  beatorum 
eximit  virtus  i^opulumque  falsis. 


10)  Nur  in  den  Schöpfungen  des  reiferen  Alil^rs,  im  4.  Baoh  und 
im  Carm.  Saeo.  ist  jene  Licenz  vermieden. 


Chriat:  Die  KerfJhHMt  des  Honie.  SS 

n,  16,  34: 

Mugiant  Taccae,  tibi  toUit  hinnitam 
apta  qaadrigis  eq[aa,  te  bis  afro. 
IV,  2,  22: 

Plorat  et  vires  animumque  moresqae 
aureos  educit  in  astra  nigroqne 
invidet  Orco. 
n,'  3,  27: 

Sors  exitura  et  nos  in  aeternum 
exilium  impositora  cumbae. 
m,  29,  35: 

Cum  pace  delabentis  etroscom 
in  mare,  nunc  lapides  adesos. 
IV,  1,  35: 

Cur  facunda  parum  decoro 
inter  yerba  cadit  lingua  silentio. 
Car.  Saec.  47: 

Romulae  genti  date  remque  prolemque 
etdecuB  omne. 
Der  Wortschluss  hingegen  ist  bei  ihm  nur  yemadbr 
lässigt  vor  dem  Schlusskolon,  das  sieh  ohnehin  enger  an  das 
▼orausgehende  anlehnte,  und  auch  hier  nur  in  der  sapphischen 
Strophe,  wi^  I,  2,  19;  I,  25,  11;  II,  16,  7;  lU,  27,  59, 
Lobenswerth  ist  diese  Inconsequenz  des  Horaz  in  der  Com* 
Position  der  Periode  keineswegs;  denn  während  die  Zu- 
lassung des  Hiatus  eine  grössere  Pause  zwischen  den  ein- 
zelnen Kolen  zur  Voraussetzung  hat,  führt  die  Elision  und 
die  Wortbrechung  zu  der  umgekehrten  Meinung,  als  ob  sich 
die  Kola  ohne  Unterbrechung  auf  einander  folgten;  auch 
ireiss  ich  nicht,  dass  über  diesen  Punkt  die  alten  Metriker 
bestimmte,  der  Composition  des  Horaz  günstige  Axiome  auf- 
gestellt haben;  selbst  durch  den  ähnlichen  Gebrauch  der 
griechischen  Vorbilder  wird,  so  weit  wir  bei  den  mageren 
[1868.  L  1.]  S 


34  Sitzung  dir  ph^oe.-phUöl,  Glcuise  wm  4.  Januar  1868. 

Resten  der  griechischen  Melik  die  Sache  überschauen  köntien, 
unser  Dichter  nur  halbwegs  entschuldigt.  Denn  auch  Sappho 
verbindet  sehr  oft  das  kurze  Schlus^kolon  mit  dem  voraus* 
gehenden  Vers   durch    die  Gemeinsamkeit   des  Wortes    wie 

1,  11. 

nvxva  iivsvvTsg  n%9Q  dii  wQdv(o  ai^€Q\og  i^d  fiäOöio 
und  ebenso  2,  3,  11;  12;  13;  19;  20,  aber  nie  scheint  die- 
selbe daneben  sich  auch  einen  Hiatus  am  Schlüsse  des 
3.  Kolon  gestattet  zu  haben.  Horaz  ist  also  hier  kaum  von 
dem  Vorwurfe  frei  zu  sprechen,  dass  er  bei  oberflächlicher 
Nachahmung  der  äolischen  Meliker  die  tiefere  Bedeutung 
der  verschiedenen  Art  des  Versschlusses  verkannt  habe. 

In  den  meisten  Oden  nun  kann  man  aus  der  Wieder- 
kehr derselben  Periode,  das  ist  aus  der  strophischen  Com- 
Position,  leicht  und  sicher  erkennen,  wie  viele  Kola  unser 
Dichter  zu  einem  grösseren  Ganzen  vereinigt  wissen  wollte; 
es  sind  ihrer  durchweg  vier,  wie  in  der  alcäischen  sapphi- 
schen  asclepiadeischen  Strophe.  Es  gibt  aber  auch  Oden,  ia 
denen  man  von  vornherein  die  Zusammenfassung  von  nur  zwei 
Kolen  zu  einer  Stophe  annehmen  möchte  und  selbst  solche^ 
die  desshalb,  weil  der  gleiche  Vers  in  ihnen  beständig 
wiederholt  wird,  xard  Orlx^v  und  nicht  xatä  neqiodov  ge* 
dichtet  zu  sein  scheinen.  Hier  hat  nun  eine  ebenso  scharf- 
sinnige als  glückliche  Entdeckung  Meinekes  und  Lach« 
manns  gefunden,  dass  auch  alle  diese  Oden  —  und  es  sind 
ihrer  nicht  weniger  als  23  —  mit  einziger  Ausnahme  der 
an  Censorlnus  IV,  8  eine  durch  4  theilbare  Anzahl  von 
Versen  haben,  also  sich  in  Perioden  von  je  vier«  Kola  zer- 
theilen  lassen;  und  jene  einzige  Ode,  welche  in  den  Hand- 
schriften 34  Asclepiadeen  umfasst,  ist  selbst  wieder  so  be- 
schaffen, dass^  sie  mit  jener  strophischen  Gliederung  in 
sicheren  Einklang  gebracht  werden  kann.  Denn  der  17. 
Vers  derselben 

Non  incendia  Karthaginis  impiae 


Christ:  Die  Verskunst  des  Horaz.  95 

kann  aus  sachlidien  und  metrischen  Gründen  nicht  von 
Horaz  herrühren;  scheiden  wir  also  diesen  aus,  so  bleiben 
noch  33  Verse;  aber  aus  einer  ungeraden  Zahl  von  Versen 
baute  der  glättende  und  sorgfältige  Venusinische  Dichter 
gewiss  keine  Ode:  dem  stand  die  Lehre  der  Schule  und  die 
üeber lieferung  der  griechischen  Meliker  schnurstracks  ent-* 
gegen.  Sehen  wir  uns  nun  nach  einem  Verse  um,  der,  wenn 
auch  des  Horaz  nicht  unwürdig,  doch  ohne  Verletzung  des 
Gefiiges  der  Ode  leicht  ausgeschieden  werden  kann,  so  er- 
giebt  sich  als  solcher  ungezwungen  der  28. 

Dignum  laude  virum  Musa  vetat  mori 
den  auch  die  berufensten  Kritiker  des  Horaz,  Lachmann 
Haupt  Meineke  für  unächt  erklärt  haben.  Nach  Entferiiung 
dieser  beiden  Interpolationen*^)  lässt  sich  also  auch  diese 
Ode  in  viergliederige  Perioden  oder  Strophen  tlieileu.  Es 
hiesse  aber  dem  Zufall  Zirkel  und  Massstab  zuschreiben, 
wenn  man  annehmen  wollte,  diese  Uebereinstimmung  in  24 


11)  In  den  kurzen  metrischen  Scholien,  die  sich  in  einzelnen 
Handschriften  erhalten  haben  und  die  wahrscheinlich  auf  dieRecen- 
sion  des" Mavortius  zurückgehen,  findet  sich  von  dieser  richtigen 
Ansicht  ebenso  wenig  eine  Spur  wie  in  den  lateinischen  Metrikem. 
Denn  dort  wird  jede  Ode  monocolos  genannt,  wenn  in  ihr  nur 
gleichartige  Yerse  vorkommen,  dicolos  und  tetracolos,  wenn  entweder 
nach  dem  ersten  oder  nach  dem  dritten  Vers  ein  verschiedener  folgt. 
Cf.  Victorinus  IV,  3,  33  Terentianus  2707  und  schol.  in  Horati  cod. 
Mon.  K.  375  fol.  65  und  72:  Ödes  monocolos  est,  quotiens  uno 
metro  sine  alterius  ammixtione  est,  dicolos  est  ödes,  quae  duobus 
metris  scripta  est,  tricolos  vel  tetracolos,  in  qua  post  duos  aut  tres 
versus  alia  inchoant.  Ich  lege  desshalb  kein  Gewicht  darauf,  wenn 
in  den  Handschriften  die  beiden  epodischen  Gedichte  IV,  7  und 
lY,  3  tetraeoloi  statt  dicoloi  genannt  werden;  denn  dieses  ist  wohl 
ein  blosser  Schreibfehler,  wie  sich  ein  ähnlicher  auch  in  unserem 
Gedichte  an  Censorinus  lY,  8.  findet,  wo  in  den  massgebenden 
Handschriften  A  B  monooolos,  hingegen  in  y  und  einem  cod.  Mona«. 
K.  14498  tetracolos  steht. 

3* 


36         Sitzung  der  phüos.-phiM.  CUuse  vom  4,  Januar  1868, 

Gedichten  sei  nur  eine  zufallige  nicht  von  dem  Dichter  be- 
absichtigte. Vielmehr  zwingt  uns  eine  unbefangene  Be- 
trachtung der  Sachlage  zur  Annahme,  dass  Horaz  nur  vier- 
zeilige  Strophen  in  seinen  4  Büchern  Oden  dichten  und 
selbst  in  den  Liedern  mit  gleichartigen  Versen  immef  vier 
zu  einer  Einheit  zusammen  ge&sst  wissen  wollte^'). 

Fragen  wir  nun,  ob  auch  hierin  Horaz  bestimmten 
Lehren  der  Schule  gefolgt  sei,  so  geben  uns  Hephästion 
p.  59  und  64  W.  und  Victorinus  I,  15,  3  den  erwünschte- 
sten Aufschluss.  Dort  nämlich  werden  neben  den  noitjfiava 
xcevä  o%lxov  und  7ux%d  OvOrrjjJta  auch  noch  noii^nftia  xo$vd 
erwähnt  und  als  solche  diejenigen  Gedichte  bezeichnet,  die 
ebenso  gut  xoerä  Oxlxov  wie  ncnd  avovrjiia  analysirt  werden 
könnten;  zu  ihnen  zählten  sämmtliche  Lieder  des  2.  und 
3.  Buches  der  Sappho,  von  denen  die  ersten  in  fortlaufen- 
den äolischen  Versen 

die  zweiten  in  fortlaufenden  Choriamben 

gedichtet  waren;  siehe  Bergk  PLG'  874.  Für  die  Ab- 
theilung dieser  Gedichte  in  Systeme  oder  Strophen  berief 
sich  Hephästion  auf  die  Ueberlieferung  der  Ausgaben,  in 
denen  regelmässig  nach  2  Versen  eine  Paragraphos,  das  Zeichen 
eines  Systemschlusses,  gesetzt  sei.  Als  solche  nonjfiara 
xowd  wollte    nun    auch  Horaz   die  Oden   in  zusammenhän- 


12)  Schon  desshalb  kann  keine  Rede  davon  sein,  dass  die  7.  Ode 
des  1.  Baches  an  Munatius  Flancus  in  2  Lieder  getbeilt  werden 
darf,  wie  neuerdings  wieder  U^  eil  er  nnd  Holder  geth  an  haben 
cumal  gegen  die  Theilung  auch  noch  ein  anderer  änsserlichor  Grund 
spricht.  Horaz  sachte  nämlich  dem  Pablikum  einen  Beweis  seiner 
vielgestaltigen  Mase  damit  za  geben,  dass  er  in  den  Eingang  des 
ersten  Baches  neun  Oden  stellte,  von  denen  jede  in  einem  anderen 
Yersmass  geschrieben  war. 


Ckrüt;  Die  Vershunst  des  Horae.  37 

«end<?n  Asclepiadeen  I,  1;  III,  30;  IV,  8;  I,  11;  I,  18; 
IV,  10  angesehen  wissen.  Er  ging  aber  noch  über  seine 
griechischen  Vorbilder  insofern  hinaus,  dass  er  nicht  2 
sondern  4  Verse  ebenso  wie  in  der  sapphischen  und  alcäi- 
sehen  Strophe  zu  einer  Periode  vereinigte. 

Leider  haben  wir  kein  grösseres  Fragment  mehr  aus 
dem  2.  und  3.  Buch  der  Sappho,  um  zu  sehen,  ob  nicht 
die  feinsinnige  griechische  Dichterin  bei  dem  Mangel  eines 
äusseren  Zeichens  des  Systemschlusses  um  so  mehr  Gewicht 
auf  den  Abschluss  des  Gedankens  innerhalb  eines  Systems 
legte.  Horaz  hat  sich  hier  über  alle  beengenden  Schranken 
hinweg  gesetzt  und  in  den  Ttoinffuita  xoivd  weit  öfter  als 
sonst  den  Gedanken  durch  den  Schluss  der  Strophe  durch- 
schnitten. In  dem  Widmungslied* des  1.  Buches  an  Mäoen 
Hessen  sich  zwar  durch  Ausscheidung  der  zwei  ersten  und 
zwei  letzten  Verse,  die  entweder  von  fremder  Hand  oder 
von  Horaz  selbst^  aber  erst  bei  der  Sammelaußgabe  seiner 
Gedichte,  zugefügt  wurden  ^  ein  grösserer  Einklang  zwischen 
Sinn-  und  Systemschluss  herstellen;  aber  dann  bleibt  doch 
immer  noch  der  grelle  Widerspruch  zwischen  Sinn-  und 
Versperiode  in  den  übrigen  hierher  gehörigen  Liedern  be- 
stehen. Wir  müssen  also  hier  gegen  Horaz  den  Vorwurf 
erheben,  dass  er  es  nicht  verstanden  hat  die  äussere  Form 
für  den  inneren  Gehalt  zu  verwerthen;  auch  zweifeln  wir 
sehr,  ob  diese  Pedanterie  der  Form  durch  den  Hinweis  auf 
die  Melodie  des  Gesangs  (s.  0.  Jahn  im  Hermes  II,  418) 
genügend  entschuldigt  werden  kann.  Denn  wenn  auch  der 
musikalische  Vortrag  der  Lieder  des  Horaz  nicht  abgelehnt 
werden  darf,  so  waren  dieselben  doch  jedenfalls  noch  mehr 
zum  blossen  Lesen  bestimmt;  und  in  jedem  Fall  war  Horaz 
nicht  gehindert  zu  zeigen,  dass  er  bei  Nachahmung  griechi- 
scher Formen  auch  den  zu  Grunde  liegenden  Gedanken  zu 
fassen  im  Stande  sei. 

Eine  Sonderstellung    zu   den  übrigen  Oden    nimmt  die 


38         SiUung  der  phUoa^-phUol.  Classe  vom  4,  Januar  1868. 

12.  des  3.  Buches  an  Neobole  ein.  Hier  findet  sich  nir- 
gends ein  Hiatus  oder  eine  syll.  anc,  die  uns  einen  Finger- 
zeig für  die  Theilung  in  Verse  böten;  auch  weichen  di« 
Handschriften  und  Angaben  der  Grammatiker  so  sehr  in 
der  Verstheilung  von  einander  ab,  dass  man  sieht:  ent- 
weder herischte  hier  seit  alter  Zeit  eine  grosse  Verwirrung, 
oder  der  Dichter'  hat  von  vornherein  keine  Verstheilung 
beabsichtigt.  Denn  während  das  griechische  Original  bei 
Hephästion  p..  38 

^!EfA€  isClaVi   ^fA€  TtaOav  xaxoTärav  nedäxaiOcev 
vermuthen    lässt,     dass    auch  bei  Horaz  der  erste  Vers    in 
einem  Tetrameter    bestanden    habe,     und  während    in    der 
That  auch  Victorinus  I,  12,  37 

Miserarum  est  neque  amori  dare  ludum  neque  dulci 
als  Beispiel  eines  ionischen  Tetrameter  anführt,  lässt  der- 
selbe Victorinus  IV,  3,  60  und  mit  ihm  andere  Grammatiker 
wie  Plotius  9,  13  Ätilius  H,  28,  32  un^i  Pseudo-Acron 
die  Peiiode  aus  je  zwei  Trimetern  und  einem  Tetrameter 
bestehen.  Diese  im  Allgemeinen  auch  allen  horazischen 
Handschriften  zu  Grunde  liegende  Analyse  führt  aber  so  oft 
Wortbrechung  herbei,  dass  sie  unmöglich  auf  den  Dichter 
selbst  zurückgeführt  werden  darf  und  auch  in  den  Hand- 
schriften zu  vielfachen  Störungen  Anlass  bot**).  Es  hat 
sich  aber  diesen  Eintheilungen  gegenüber  noch  eine  ältere 
Lehre  erhalten  bei  Diomedes  III,  37,  7:  Septima  ode  (i.  e. 
lU,  12)  ionicum  metrum  habet  et  per  singulos  versus 
scanditur,  Victorinus  III,  10,  7:  binae  bases,  hoc  est  breves 
ac  longae,  iunctae  per  synaphian,  ut  graeci  (graece  vulgo) 
vocant,    nos    per   coniunctionem,    alternis    vicibus  variantur 


13)  Ich  lasse  hier  die  Theilung  von  B^ossbach  Metrik  III,  808 
ganz  bei  Seite,  da  sie  weder  einen  Rückhalt  an  der  Ueberlieferan^ 
bat,  noch  durch  den  Yersbau  des  Horaz  begründet  ist. 


Christ:  Die  Ver$kunH  de»  Hww.  ^ 

ao  proGurrunt,  spondeo  aiitem.  bic  yersus  cläuditui^,  ut  ioni- 
cimi   decet,   Terentianus  yy.  1511    sqq.  (cf.  yy.  2065  sqq,).: 
'An   iläaoovog  autem  cui  nomen  indiderunti 
in  aomine  sie  est:  Jtofiijirjg:  metron  autem 
tkon  yersibuB  istud  nomero  aut  pedum  coartant, 
sed   oontinuo  carmiBe  quia  pedes  gemelli 
ui^ent  breyibus  tot  numero  iugando  longas 
idciroo  yocari  foluiBrunt  awäq>€iav 
und    schol.    Cruq.    mit  dem    der  Horazscholiast    im    cod. 
Mon.    N.    375     stimmt:     metram    sotadicum     (cf.    Victor. 
In ,     10 ,     14)     didtur ,     ut     numerus     potius    sit     quam 
metrum.     duodecima  ode   monocolos  est,    merito  enim  009- 
tinaatur    (continetur    cod.),     quod    constat    ionico   minore, 
sed  sensus   fine   concluditur,    atque    ideo    amplius  a  multis 
«inaphia  Vocatur;,  cf.   Seryius   De  metris  Horatü  p.  471  K; 
Nach    diesen   Gewährsmännern    bestand    also  jede   Strophe 
dieses    Gedichtes    nur    aus  einem    einzigen  Vers,    in    dem 
sich    derselbe  Rhythmus    oder   derselbe    Fuss    in    ununtei^ 
brochener  Folge  wiederholte;  wir  sind  berechtigt  diese  Lehifö 
als  eine  ältere  zu  bezeichnen ,    einmal   schon  weil  ihre  Ter- 
minologie  yon  dem  ausgetretenen  Geleise  der  späteren  Me- 
triker entschieden  abweicht  **),  und  dann  weil  die  Quelle  jenes 
Abschnittes  des  Terentianus    in    die  Zeit  des  Quintilian  za- 
Tückgeht,    wo    man   noch   das  Wort  bacchius  für  —  ~   w 

und    antibacchius    für    v> gebrauchte    (cf.   Terentiaü 

T.   1410  und  Westphal  Metrik»  I,  169). 

Wir  lerneu    somit    auch   die    nähere  Beziiehung'  eineb 


14)  Der  Ausdruck  per  synaphian  ging  wahrscheinlich  aus  der 
Schule  des  Heliodor  hervor ;  denn  dieser  bezeichnete  mit  den  Worten 
m^^  9Wiif4j»4r»  ttMkii  Kola,  die  dtfrQh  Würtbrechu&g.  «ftsai^men« 
Jiingen  <«£  idhol.  Aristoph.  Nub«.  456,  12Q8)  oder  w^h  »Iki» 
iB&wä  in  4en  Ausgaben  isuBaaisiwigesalUriel^ea  W^r^Uc  (of.  toM«  40- 
stoph.  Pax.  775).  .  ; 


40        8it9ung  der  phOöi.-phdM.  Gasie  vom  4.  Januar  1868. 

Aasspruchs  bei  Victormas  I,  13  'mensura  enim  seu  mo« 
das  metroram  haiasmodi  accipietor;  nam  extremam  in  his' 
atqae  altimum,  qaod  monometron  dicitor,  constai  ex  ono 
pede,  maximam  vero  ugqae  ad  periodum  decametram  por* 
rigetur'  kernen;  denn  es  ist  wohl  kaam  zweifelhaft,  dass 
jenes  grösste  Mass  einer  periodos  decametros  in  Verbindang 
steht  mit  unserer  aus  ionischen  Fassen  bestehenden  Strophe, 
sei  es  nun,  dass  jene  Regel  aus  der  Yefsifikation  des  Horaz 
abstrahirt  wurde,  oder  dass  Horaz  selbst  bereits  eine  der* 
artige  Bestimmung  vorfand  und  sich  zur  Richtschnur  machte. 

Indess  hatte  Horaz  in  dieser  Gomposition  xora'  owd'" 
^$aVf  welche  die  Alten  lieber  als  die  rhythmische  der 
metrischen  gegenüberstellten,  schon  mehrere  Vorgänger, 
unter  denen  am  meisten  der  Lyriker  Laevius  hervorgdiobeii 
zu  werden  yerdient.  Denn  dieser  hat  aus  ionischen  Fassen, 
gemischt  mit  trochäischen  Syzygien,  gleichfalls  eine  zehn- 
fiissige  Periode  neben  einer  9fiissigen  gedichtet,  die  uns  bei 
Charisius  p.  288  E.  erhalten  ist  und  die  mit  wahirer 
Meisterschaft.  L.  Müller  De  re  metr.  poet.  lat  p«  78  zu 
analysiren  yerstanden  hat^'^). 

Wie  mehrere  Kola  in  der  Lyrik  zur  Einheit  der  Periode 
oder  Strophe  zusammen  gefasst  werden,  so  steht  wieder 
über  diesen  die  höhere  Einheit  der  Perikope.  Die  dorische 
Lyrik  der  Griechen  hatte  ein  geeignetes  Mittel  um  dieses 
Verhältn^  auszudrücken,,  nämlich  die  Epode.  Horaz  hat 
es  nicht  gewagt,  solche  verwickelte  musikalische  Gomposi- 
tionen  auf  lateinischen  Boden  zu  verpflanzen.  Aber  da  be> 
reits  von  Gatull,  wie  Westphal  Gatulls  Lieder  S.  232  geist* 
reich  an  dem  45.  Liede  nachgewiesen  hat,  durch  Sinntheilung 


15)  Nur  das  eine  hat  L.  Müller  nioht  erkannt,  dass  nftmlich  ia 
dem  überlieferten  pterygiornm  und  pterygio  nichts  anderes  ala 
^eriodomm  and  periodo  steckt;  hiermit  erledigen  sieh  hoffentlioh  di« 
gesackten  Dentongen  des  verderbten  Wortes. 


Christ:  Die  Vershtmi  de$  Hortu.  41 

drei  Strophen  za  einer  epodisdien  Pertkope  zosammengefasBt 
worden,  so  liegt  die  Vermathang  nahe,  dass  auch  Horaz,  der 
angleich  sorgfaltigere  and  fonnvoIlendetereDichter,  eine  gleiche 
Eanst  geübt  habe.  Es  gibt  nnn  in  der  That  eine  Ode,  auf 
deren  Gomposition  mnd  tqidda^^)  man  nur  aufmerksam 
gemacht  zu  werden  braucht,  am  sofort  die  Richtigkeit  der 
g^ebenen  Analyse  zu  erkennen.  Es  ist  die  12.  Ode  des 
1.  Buches  an  Caesar  Augustus,  die  bekanntlich  dem  2. 
olympischen  Siegesgesang  des  Pindar  nachgebildet  ist ,  wie 
schon  der  gleiche  Eingang  hinlänglich  zeigt.  Das  Gedicht 
des  Pindar  zerfallt  in  5  Perikopen,  von  denen  jede  aus 
Strophe,  Antistrophe  und  Epode  besteht;  das  Lied  des 
Horaz  hat  gleichfalls  15  Strophen,  von  denen  je  drei  zwar 
nicht  der  Form  aber  dem  Sinne  nach  zu  einer  Trias  sich 
zasammenschliessen.  Die  di*ei  ersten  Strophen  bilden  das 
Proömium,  wo  der  Dichter  von  bacchischer  Begeisterung 
ergriffen  fragt,  wen  die  Muse  verherrlichen  und  preisen 
wolle;  ihnen  entsprechen  die  drei  letzten  Strophen,  welche 
zum  Abschluss  des. Ganzen  das  Gebet  an  Jupiter  enthalten. 
In  dem  L  Theile  des  mittleren  Liedes  sodann  werden  die 
Götter  genannt,  Jupiter  Pallas  Bacchus  Artemis  und  Phöbus, 
in  dem  2.  die  Grössen  der  Heroenzeit  der  griechischen  wie 
römischen  gepriesen,  Hercules  Castor  und  Pollux,  Bo« 
malus  Pompilius  Tarquinius    und  üurtius  ^^),  it>  dem  3.  die 


16)  Jener  Ausdruck  steckt  auch  in  einem  Satze  des  Atilius  1, 9, 2, 
wo  er  von  der  monostrophischen  Dichtung  des  Horaz  spricht;  denn 
dort  ist  zu  ömendiren:  monostropha  vocantur  haec  carmina,  quia  ad 
primam  Strophen  cetera  respondent,  nullo  interveniente  epodo,  qui 
cum  a  (qui  a  cod)  prima  Strophe  differat,  faciat  eam  quam  musici 
et  grammatici  t^Ma  nominant  (tria  denominant  eod,). 

17)  Auch  unsere  Zerghedernng  wird  dazu  dienen,  die  Unrichtig* 
keit  des  überlieferten  'Catonis  nobile  letum'  (v.  36)  und  die  Wahr* 
•eheinlioiikeit  der  BentleyischenYermuthung'anneGurti^  zu  beweisen. 
Jene  Interpolation,  wodurch  ganz  an  verkehrter  Stelle  und  ganz  eni- 


42         Sitzung  der  phüos.'philol.  Glosse  vom  4.  Januar  1868. 

grossen  Männer  der  historischen  Zeit,  Regulas  Fabridos 
Camillas  bis  herab  auf  Marcellas  den  Schwiegersohn  des 
Augustus  Yerherrlicht.  Idi  setzte  die  Ode  in  Strophen  Anti- 
Strophen  und  Epoden  getheilt  hierher,  damit  jeder  sich 
selbst  bequem  von  der  triadischen  Gomposition  derselbea 
überzeugen  kann. 

st.  Quem  virum  aut  heroa  lyra  vel  acri 

tibia  sumis  celebrare,  Clio? 
quem  deum?  cuius  recinet  iocosa 
nomen  imago 
antist«     aut  in  umbrosis  Heliconis  oris, 

aut  super  Pindo  gelidove  in  Haemo? 
unde  vocalem  temere  insecutae 
Orphea  silvae 
ep.  arte  materna  rapidos  morantem 

fluminum  lapsus  celeresque  ventos, 
blandum  et  auritas  fidibus  canoris 
ducere  quercus. 

str.  Quid  prius  dicam  solitis  parentis 

laudibus?  qui  res  hominum  ac  deorum, 
qui  mare  ac  terras  variisque  mundum 
temperat  horis, 

antist.     unde  nil  maius  generatur  ipso, 

nee  viget  quidquam  simile  aut  secundum. 
proximos  illi  tarnen  occupayit 
Pallas  honores 


gegen  der  hofmännischen  Art  des  Dichters  in  einem  Panegyrikns 
»uf  Augastus  der  Tod  des  Hauptgegners  der  julischen  Dynastie  ver- 
herrlicht wird,  stammt  aus  der  Zeit  des  Seneca  und  Lucan,  wo  die 
Tiraden  auf  Oatos  Tod  zu  den  stehendc^n  Themata  der  Schule  gehörtta. 


Christi  Die  VertikMnst  des  Horag,  48 

ep.         proeliis-  aadax,  neqae  te  eilebo, 
Liber,  et  saevis  inimiGa  virgo 
belais,  nee  te,  metu^de  certa 
Phoebe  sagitta. 

8t.  Dieam  et  Alcideo  puerosque  Ledae^ 

hunc  equis  illum  superare  pugnis 
nobilem;  quorum  simul  alba  nantis 
Stella  refalsit, 

antist     defluit  saxis  agitatus   humor, 

concidunt  venti  fugiantque  nubea, 
et  minax,  quod  sie  voluere,  ponto 
unda  reeumbit. 

ep.  Romulum  post  hos  prius  an  quietum 

Pompili  rognum  memorem,  an  superbos 
Tarquini  fasces,  dubito,  anne  Curti 
-     nobile  letu^n. 

8tr.         Regulum  et  Scauros  animaeque  magnae 
prodigum  Paulum  snperante  Poeno 
gratus  insigni  referam  cainena 
Fabriciumque. 

antist.     hunc  et  incomptis  Gurium  capillis 
utilem  hello  tulit  et  Camillum 
saeva  paupertas  et  avitus  arto 
cum  lare  fiindus. 

ep.  crescit  occulto  velut  arbor  aevo 

fama  Marcelli,  micat  inter  omnes 
Jolium  sidus  velut  inter  ignes 
luna  minores. 


44        SiUyng  der  pMas-fMol.  QoiH  vom  4,  Januar  1868, 

Str.         Gentis  humanae  pater  atque  cnstoB, 
orte  Saturno,  tibi  cara  magni 
Caesaris  fatis  data:  ta  seCondo 
Caesare  r^nes. 

antist,     ille  seu  Parthos  Latio  inminentes 
egerit  iasto  domitos  triumpho, 
sive  subiectos  orientis  orae 
Seras  et  Indos, 

ep.  te  minor  laetum  reget  aequus  orbem; 

tu  grayi  curru  quaties  olympoiUi 
in  parum  castis  inimic^  mittes 
fuhnina  lucis. 


Brutm:  Tr&iache  MitceUem  45 


nu 


>vr-c<^,v/ 


Horror  an  n  gibt: 
„Troische  Mi8C6llen^\ 

Erste  Abtheilung. 
Die  Monumente  des  troischen  Gyclus  sind  in  neuerer 
Zeit  sowohl  wegen  ihrer  reichen  Fülle  als  w^en  ihres  engen 
Zusammenhanges  mit  der  epischen  und  dramatischen  Poesie 
mit  einer  gewissen  Vorliebe  behandelt  worden  und  haben 
daher  auch  früher  als  manche  andere  Denkmälerkreise  eine 
zosammenfassende  Behandlung  in  Overbecks  Heroengallerie 
erfahren.  Seitdem  ist  allerdings  manches  neue  Material  er- 
gänzend hinzugetreten,  und  als  nicht  minder  wichtig  darf  es 
betrachtet  werden,  dass  gerade  in  den  letzten  Decennien  die 
Methode  archäologischer  Interpretation  überhaupt  nicht  un- 
wesentliche Fortschritte  gemacht  hat.  Daraus  erklärt  es 
sich  zur  Genüge ,  dass  sich  mir  bei  einer  systematischen 
Bearbeitung  des  Materials,  wie  sie  zum  Behuf  meiner  Vor- 
lesungen an  der  Universität  erfordert  wurde,  eine  Reihe 
?on  Bemerkungen  ergab,  theils  ergänzender,  theils  berichti- 
g^der  Art,  die  mir  auch  über  den  Kreis  der  augenblick- 
lichen Zuhörer  hinaus  ein  etwas  allgemeineres  Interesse 
darzubieten  schienen.  Indem  ich  dieselben  hier  zusammen- 
stelle, beabsichtige  ich  keineswegs  eine  fortlaufende  Recen- 
fiion  oder  ^eine  erschöpfende  Ergänzung  des  Overbeck'schen 
Werkes  zu  geben,  sondern  ich  beschränke  mich  auf  die  Be- 
sprechung derjenigen  Monumeyte,  für  deren  Erklärung  ich 
glaube  neue  und  sichere  Resultate  bieten  zu  können.  Die 
Reihenfolge  ist  im  Allgemeinen  durch  die  Ordnung  des  epi- 
schen Gyclus  gegeben;  doch  ist  von  ihr  abgegangen  worden, 
wo  ein  speciell  archäologischer  Gesichtspunkt  dies  rathsam 
erscheinen  liess.    Überhaupt  aber  wird  es  diesen  kleinen 


46         Sitzung  der  phüöe.-phüol  Classe  mfu  4.  Januar  1868, 

Aufsätzen  hoflfentlich  uicht  zum  Nachtheil  gereichen,  wenn 
sie  ihren  Ursprung  aus  üniversitäts- Vorlesungen  darin  nidit 
verleugnen,  dass  sie  nicht  nur  auf  die  Resultate  Werth  legen, 
sondern  eben  so  sehr  auf  den  Weg,  die  M^ode  d^  Unter- 
suchung, durch  welche  dieselben  gewonnen  wurden. 

Das  ürtheil  des  Pa-ris. 

vDas  von  0 verbeck  X,  6  publicirte  vulcentisdie  Vasen- 
bild, von  dessen  hoher  Schönheit  freilich  die  stark  ver** 
kleirierte  Abbildung  keinen  richtigen  Begriff  giebt*),  stelK 
uns  allerdings  einen  Jüngling  und  drei  weibliche  Gestalten 
vor  Augen,  welche  bei  flüchtiger  Betrachtung  wohl  an  Paris 
und  die  drei  Göttinnen  erinnern  können.  Die  lange  Beih^ 
von  Darstellungen  des  Parisurtheils  auf  Vasenbildem  zeigt 
uns  indessen  eine  so  typische  Durchbildung  des  Gegen- 
standes in  den  verschiedenen  Kategorien  der  Vasenmal^el 
(mit  schwarzen  Figuren,  mit  rothen  in  strengerem  und  mit 
solchen  in  dem  mehr  malerischen  Style),  dass  wir  genöthigt 
sind,  an  die  Interpretation  eines  so  vorzüglichen  Bildes, 
wie  das  vorliegende,  weit  strengere  methodische  Forde- 
rungen zu  stellen,  als  bei  andern  minder  typisch  durch* 
gebildeten^  Gegenständen.  Betrachten  wir  also  zunächst  des 
angeblichen  Paris,  so  könnten  wir  uns  einen  so  einfachen 
Paris  im  Mantel  und  mit  langem  Stabe  auf  einer  schwarz- 
figurigen  Vase  wohl  gefallen  lassen;  auf  rothfigurigen  des 
strengeren  Styls  dagegen  finden  wir  als  beinahe  ständiges 
Attribut  die  Lyra:  Overb.  Nr.  48;  60;  51  (Welcker  A.D.V. 


1)  Eine  bessere  Abbildung  ist  jetzt  in  den  Mon.  d.  Inst.  YIH, 
85  gegeben  and  von  Heibig  (Ann.  1866,  p.  450  sqq  )  mit  der  richti« 
gen  Erklärung  begleitet  worden,  die  ich  zuerst  in  den  Ann.  1862, 
p.  14  kurz  angedeutet  hatte.  Da  es  mir  besonders  auf  die  Methode 
der  Interpretation  ankam,  so  glaubte  ich  die  folgende,  schon  firüher 
geschriebene  Darlegung  nicht  unterdrücken  2u  müssen. 


Brunn:  Troiaehe  MiaeeOen.  47 

Tlaf.  A,  1);  54;  57;  116  (?);  Ann.  d.  Inst.  1856,  t.  14; 
wo  die  Lyra  fehlt,  da  ist  der  auch  sonst  in  Verbindung 
mit  ihr  I^ervorgehobene  Charakter  des  Hirten  festgehalten: 
,0v.  49;  55  (Welck.  A.  3).  Der  Paris  unseres  Gemäldes 
würde  also  dep  übrigen  Bildern  gegenüber  eine  Ausnahme 
bilden.  Gehen  wir  zu  den  Frauengestalten  über,  so  sehen 
wir,  dass  in  allen  den  eben  angeführten  Bildern  der  Juno 
das  Scepter,  der  Minerva  die  Lanze  und  die  Aegis  gegeben 
ist,  mit  einziger  Ausnahme  von  Nr.  51,  wo  aber  die  Göttin 
dnrch  die  Eule  nicht  minder  deutlich  charakterisirt  wird. 
In  dem  streitigen  Bilde  dagegen  vermögen  wir  keine  einzige 
der  drei  Göttinnen  mit  positiver  Gewissheit  zu  benennen.  In 
allen  andern  Bildern  ist  ferner  der  Zug  der  Göttinnen  be* 
stimmt  nach  dem  Paris  hin  gewendet;  und  wo  die  eine 
oder  die  andere  der  Göttinnen  sich  etwa  umblickt  (nur  ein- 
mal Nr.  55  ist  bei  der  mittleren,  der  Minerva,  auch  die 
ganze  Stellung  halb  zurückgewendet),  da  scheint  mit  diesem 
Motiv  nur  eine  gewisse  Abwechselung  bezweckt.  Hier  dagegen 
wendet  dje  erste  der  weiblichen  Gestalten  dem  angeblichen 
Paris  ganz  entschieden  den  Rücken  und  der  mittleren  zu, 
die  von  der  dritten  ihr  zugeführt,  man  kann  sagen,  zuge- 
schoben wird.  Gerade  darin  spricht  sich  ein  von  den  andet'n 
Compositionen  ganz  abweichender  Gedanke  aus,  und  es 
kann  kein  Zweifel  sein ,  dass  die  mittlere  weibliche  Gestalt 
die  Hauptperson  des  ganzen  Bildes  ist:  nach  ihr  richten 
sich  alle  Blicke,  und  auch  äusserlich  erscheint  sie  aus- 
gezeichnet durch  den  Kopfschmuck.  Fassen  wir  dieses 
Gmndmotiv  scharf  ins. Auge,  so  wird  sich  uns  die  richtige 
Deutung  leicht  ergeben.  Das  einfache  ungegürtete  Unter- 
gewand, der  Schleier,  der  zwar  das  Haupt  nicht  bedeckt, 
aber  durch  die  Art,  wie  er  im  Nacken  liegt,  deutlich  seine 
Bestimmung  verräth,  das  kurzgeschnittene  Haar^  die  züchtige 
Zurückhaltung  im  Vorschreiten  lassen  uns  eine  Braut  er«» 
kennen,    die  von    einer  andern  Jungfrau  in  ähnlicher  Klei- 


48  Siigung  der  phüas.-phüol  wm  Glosse  4,  Januar  1868. 

dung,  aber  mit  angeschnittenem  Haar,  dem  Bräutigam  zu- 
geführt wird,  welcher  ihrer  etwa  am  Eingange  des  Hauses 
bereits  harrt.  Dort  aber  wird  sie  zuerst  von  der  vviAg>€vvQta, 
in  Frauencostäm,  wahrscheinlich  der  Mutter  des  Bräutigams, 
bewillkommnet,  welche  mit  der  Rechten  ihr  eine  Blume, 
wohl  eine  Granatblüthe,  darreicht,  und  in  der  Linken  eine 
Frucht,  wohl  richtiger  die  für  den  Hochzeitsgebrauch  hin- 
länglich bekannte  Quitte,  als  den  Granatapfel,  bereithält. 
Es  wird  genügen,  für  das  antiquarische  Detail  auf  Pauly's 
Realencycl.  u.  Nuptiae,  für  das  archäologische  auf  folgende 
Darstellungen  zu  verweisen:  Müller  Denkm.  a.  E.  II,  17^ 
190 ;  Overb.  XII,  4 ;  Millingen  anc.  uned.  mon.  I,  32 ;  Catal. 
Campana  ser.  IV,  63,  wo  die  Braut  ebenfalls  die  Quitte 
hält.  Mit  dem  Wesen  der  dargestellten  Scene  harmonirt 
aber  auf  das  Schönste  der  Grundcharakter  des  gBxam 
Bildes,  den  Welcker  (A.  D.  V,  400),  obwohl  er  den  Gegen- 
stand nicht  erkannte,  doch  vollkommen  richtig  mit  den 
Worten  bezeichnet :  „Eine  eigene  Stille,  Würde  und  Anmuth 
ruhen  auf  dieser  Darstellung^'. 


Von  phrygischem  Gostüme  findet  sich  in  den  bisher 
citirten  Darstbllungen  des  Paris  keine  Spur;  dagegen  er- 
scheint es  beriaits  in  den  zwar  in  Etrurien  gefundenen,  aber 
in  der  üomposition  den  unteritalischen  verwandten  Bildern 
bei  Overb.  Nr.  53  und  58,  und  wird  fortan  typisch  in  ünter- 
italien  sowohl  (Ov.  Nr.  59  ff.;  Bull  nap.  V,  6),  als  in  den 
späteren,  wahrscheinh'ch  attischen  Vasenbildern  aus  der 
Krim:  Stephani  Gompte  rendu  1861,,  T.  3  (vgl.  T.  5)  und 
1863,  1.  Nur  drei  Ausnahmen  scheinen  dieser  Regel  zu 
widersprechen.  Als  erste  nenne  ich  das  Bild  bei  Millingen 
anc.  un.  mon.  I,  17  (Overb.  Nr.  122),  auf  dem  nur  zwei 
Göttinnen  gegenwärtig  sind,  die  eine  ziemlich  deutlich  dordi 
das  Scepter  als  Juno,  die  andere  mit  einer  Schale  (nicht 
dem  Y^fAfj^g  nlaxovg)   weniger  deutlich  als  Venus   charfr- 


Brmm:  Tr4H$che  Müeeüen.  49 

kterisirt.  Nehmen  wir  hier,  obwohl  es  sieh  nicht  mit  unbe- 
dingter Zuversicht  behaupten  lässt,  die  Beziehung  auf  das 
Parisurtheil  als  sicher  an,  so  lässt  sich  wenigstens  behaupten, 
dass  Paris  im  Anschluss  an  ältere  Darstellungen  durch  Hund 
tind  Widder  noch  hinlänglich  deutUch  als  Hirt  bezeichnet 
ist.  Das  ist  aber  in  keiner  Weise  mehr  der  Fall  in  dem 
eweiten  Beispiele:  Oveib.  Nr.  61  =  Gerhard  apul.  Vas. 
T.  E,  6.  Dort  sitzt  in  der  Mitte  des  Bildes  auf  einer  Er- 
höhung, mit  dem  linken  Arm  an  eine  Stele  gelehnt  ein 
Jüngling,  nackt,  nur  mit  einem  leichten  Gewand  über  dem 
Sdienkel  und  einen  Stab  in  der  Rechten  haltend.  „Drei 
Yon  Hermes  und  Eros  begleitete,  um  einen  in  der  Mitte 
Bitsenden  JüngUng  versammelte  Frauen,  von  welchen  die 
bewafinete  als  Athene  nicht  zweifelhafb  sein  kann,  lassen 
iHglich  keine  andere  Erklärung,  als  die  aus  unserem  Gegen* 
Stande  zu'',  bemerkt  Overbeck.  Allein  auch  er  gesteht,  dass 
„weder  die  stehende  Göttinn  als  Here  scharf  bezeichnet, 
noch  die  rechts  sitzende,  ein  Wassergefass  haltende  als 
Aphrodite  anders  als  durch  den  über  ihr  angebrachten 
Eros  charakterisirt  ist'S  Ein  weiteres  Bedenken  wird  uns 
jetzt  der  nicht  als  Phrygier  charakterisirte  Paris  einflössen; 
und  endlich  dürfen  wir  wohl  fragen,  welche  Deutung  wir 
dem  Ei^s  zu  geben  haben,  der  sich  nicht  zum  Paris,  nicht 
sar  Aphrodite  hinwendet,  sondern  zum  Hermes,  um  ihm 
zwei  kugelförmige  Salbfläschchen  entgegen  zu  halten.  Ich 
glaube,  dass  diese  Zweifel  uns  bestimmen  müssen,  die  bis- 
herige Deutung  aufzugeben.  Eine  neue,  völlig  sichere  und 
abgeschlossene  vermag  ich  freilich  nicht  sofort  an  ihre 
Stelle  zu  setzen;  doch  glaube  ich  wenigstens  die  Richtung 
angeben  zu  können,  in  welcher  wir  das  Verstandniss  der 
ganzen  Gomposition  zu  suchen  haben.  Mir  seheint  nemlich, 
dass  wir  nicht  eine  Scene  aus  der  Heroenmythologie  vor 
Ulis  haben,  sondern  eine  der  noch  wenig  erforschten  und 
einer  streng  methodischen  Deutung  sich  bisher  meist  nodi 
[1868.  L  1.]  4 


&0         Sitzung  der  phüoa.-phiM.  Gasse  vom  4,  Januar  1868, 

entziehenden    symboli&chen   Darstellungien ,     die    mehr  eitie 
Situation  odet*  isinen  poetischen  Gedanken,  als  eine  bestimmte 
Handlung    ausdrücken    isollen.     Eih    Jüngling    in   schönster 
jugendlicher  Erscheinung  sitzt  in  der  Mitte;    die  Enden  des 
Bildes    sind   eitigenommen    von   der    sitzenden  Minerva  und 
dem  stehenden  Mercur,  dien  beiden  Gottheiten,  die  vorzugs- 
weise Schützer   und  Begünstiger    einer    mannhaften  Tugend 
sind.     Durch   die   Salbgefässe,    welche  Eros  ihm  darbietet, 
scheint    aber  letzterer    speciell    als  Gott    der  Palästra    be- 
zeichnet zu  sein.  .  Der  Jüugling  nun  blickt  sich  nach  dieser 
Seite   um,    wo  zwischen  ihm    und  Mercur  auf  niedriger  Er- 
höhung eine  weibliche  Gestalt  in  jugendlicher  Frische  sitzt, 
gleichfalls  nach  dem  Jünglinge   sich  umwendend  tmd  in  den 
Händen  ein  Gefäss  erhebend,    wie    um    es  ihm   zu   zeigen. 
Dieses  Gefäss  ist  nicht  eine  Hydria,    wie   wir    sie  sonst  in 
den  Händen  der  Frauen  sehen,    sondern  eine  schlanke  Am- 
phora,   also   nicht  nothwendig   ein  Wassergefäss ,    sondern, 
wie  wir  mindestens    mit  gleichem  Rechte  annehmen  dürfen, 
ein   Oelkrug,     Dieses   Attribut    führt    uns   wieder     auf   die 
Palästra    zurück,     und    warum   sollen   wir   iiicht  in   einein 
Bilde  dieser  Zeit  in  der  Trägerin   dieses  Attributs  die  Per- 
ßoiiification    der    Palästra    seihst   erblicken?     Nach    dieser 
Seite  also  blickt  der  Jüngling:   er  blickt  gewissermassen  zu- 
rück auf  die  Ueburiig^n,    durch  die  er   zu  blühender  Jugend 
herangereift  ist.     Auf  d^   andern  Seite  aber  harren  seiner 
andere  Gestalten :    zunächst    eine  stehende  weibliche  Figur, 
für. die   ich  einen   bestimmten  Namen    nidit    sofort   vorzu* 
schlagen  wüsste,   ein^  Art  IdQsrrj  oder  etwa  die  Personifica- 
tion    eines    dfnov  'Gr€q>avYiq>6^ögy     bereit   dem    Singer    den 
Kranz  oder  die  Siegesbinde    um  die  Stirn  zu  winden;    end» 
lieh  Minerva,  lebhaft  nach  der  Mitte  gewendet ,  als  erwarte 
sie  den  Augenblick,    wo  sie  den  Jüngling  zu  noch  höherem 
Ruhme  in  den.  Kampf  geleiten  solle.  —  Mag  über  das  Ein- 
zelne dieser  Deutung  gestritten  werden,  so  glaube  ich  dooh, 


vÄ?««n;  Tfoische-Misaüfin'  ,  J^'l 


dBßB  Btfi  Fon.den  kÜQSÜerischca Mötiyen  hinläiigUdie  R^ea- 
,  Schaft,  giebt  uod  ddfis /das  ganze  Bild  arst  ^dardi  eine  solobe 
.Betraphtung  Leben  und  tiefere.  Bedeutung  echält. 

Es  bleibt  noch  als  dritte  Ausnahme   ^nes   nicht  phrjf- 
•gisch  costfimirten  Paris  das  von  Overbeck  unter  Nr.  .62  er- 
mshnt^j    von  Dubois-Maisonneuve  Introd.  pl.  68   nadxlässig 
jedirte.,    jetzt  in   München  (Nr.  .i247)  befindüche  Vasenbild. 
Aber  auch  abgesehen    von  den    schon  von  Jahn  als  unecht 
bezeichneten   cursiyen   Inschriften    musste   die  von  andern 
-Parisurtheilen    so   wesentlich  verschiedene   Gomposition    zu 
mannigfachen  Bedenken  Anlass  geben.  Eine  genauere  Dnt^- 
suehnng    liess  dieselben  denn  auch  nur  za  begründet    er- 
scheinen :   die  wohlerhaltene,    nicht  einmal  gebrocheiie  Vase 
ist   nemlich   in    sehr    eigenthümlicher    Weise  iaterpolirt; 
und  es  wird  nicht  überflüssig  erscheiueü ,   den  Thatbestand 
.bißt  im  Einzelnen  mitzutheilen,  um  dadurch  auf  .etwa  ander- 
wärts noch  vorhandene  analoge  Fälsphungen.die  Aufmerksam- 
keit  zu  lenken. 

Einfaches  Waschen  mit  Spiritus  genügte,  um  aus  dem 

Gaduceus  des   Herme»  einen    langen  Lorheerstab    zu   ent- 

wickeli},  wie  ihn  z.  B.Apollo  bei  Overh.  ,29,  7;  8;  12  trägt. 

Die  oberen  Blattzweige  waren  mit  schwarzer  Farbe  gedeckt, 

während  die  untersten  Blätter  durch  Auskratzen  des  schwaszen 

Grundes  verlängert  und  zu  gebogenen  Scblangenhäisen-uitf- 

gestaltet  waren.  Diesen  Stab  aber  hält  nicht  Hermes,  dessen 

oiujBgestrQckte  Hand  sich  nur  zufällig  mit  ihm  kreuzt,  y   son- 

'dorn    die    angebliche  Aphrodite^   der  aber   dieses  Attribut 

doch  gewiss   nicht  zukömmt.     Die   weisse  Farbe   ihrer  Gar- 

asation,  widerstand    nun  all^dings  dem  bisher  angewendete 

..Mittel,   wie  denn   auch<  die  Spuren  der  weiss  aufgemaltea 

Inschriften  daniit,  und   bisher    überhaupt  sich  nicht  tilgen 

•iiessen/  indem   die  Farbe   die  daruäter  befiDdliche  Glasur 

leiaeangefiressen  hat.    Bei:  Anwendlmg  vlerdünnt^  Sdieid^ 

•waiisess   erschien  .indessen    unter    dem.  W«^   d^r  6öttia 

4* 


V2  SÜMung  der  phüo$,''phikl  CUuse  vom  4.  Jamuur  1868. 

völlig  toBTersehrt  die  Zeiohnimg  eines  mätmlicheli  Bidrpets, 
«bo  eines  Apollo.  Aueh  bei  der  angeblichen  H^ra  erwiesen 
sich  die  weissen  Theile  so  wie  das  kuree  Scepter  als  mo- 
<dehiB  Znthat,  and  eben  so  fielen  der  ohnehin  nndeaÜicb 
-gemalte  Apfel  des  Paris  and  die  Flügel  an  den  Fassen  des 
Hermes  weg.  So  blieb  nur  noch  die  Pallas  übrig;  aber 
bald  wich  nicht  nur  der  an  ^nem  koriothisdien  Helme  auf 
filiige  Busdi,  sondern  es  zeigte  sich,  dass  der  Helm  selbst 
erst  dunb  Wegschaben  des  schwarzen  Firnisses  von  dem 
rothen  Onmde  entstanden,  der  Schild  auf  das  darunter 
assgefShrte  Gewand  gemalt  war,  endlich  aber  auch  der 
Speer  als  eine  Zuthat  angenommen  werden  muss.  Statt 
einer  Pallas  haben  wir  also  eine  einfadie  weibliche  Gestalt, 
welche  mit  der  erhobenen  Rechten  einen  Gewandzipfel  über 
die  Schulter  heraufzieht,  während  die  Linke  halberhoben 
einfiRch  am  Körper  anzuliegen  scheint.  An  dieser  Mittel- 
figur waren  allerdings,  wie  die  noch  vorhandenen  Spuren 
zeigen,  die  wenigen  nackten  Theile  ursprünglich  weiss;  sonst 
aber  scheint  diese  Farbe  höchstens  noch  in  einzelnen  PunkteUi 
wie  im  Schmuck  der  Haare,  eine  sehr  spärliche  Anwendung 
gdknd€b  zu  haben.  —  Wie  die  gan^e  Gomposition  zu 
deuten  sei,  mag  zunächst  unerörtert  bleiben;  dass  aber  von 
einem  Parisurtheil  nicht  mehr  die  Kede  sein  kann,  hedaatf 
kemes  weiteren  Beweises. 


Unter  den  Bereicherungen,  weldie  die  Reihe  der  Paris- 
uriheile  in  den  letzten  Jahren  erfahren  hat,  nimmt  ohne 
Zweifel  die  erste  Stelle  ein  Vasenbild  aus  Eertsdi  ein, 
weldies  von  Stephani  im  Compte  rendu  für  1861,  T.  S 
jmUieirt  worden  ist  In  seiner  unteren  Hälfte  bietet  es 
vielBlltige  Analogieen  mit  der  bekannten  Karlsruher  Vase 
<Overb.  XI,  1)  dar,  die  mir  für  das  Verfahren  der  Künstler 
bei  Anfertigung  ihrer  Compontionen  nicht  ohne  InterMse 
M  sein  scheineB.    Stefiham  bemerkt   (6.  85),    „dass 


Bnmni  lM99he  MiMcdlm.  k9. 

f 0  weii  gf^ieoden  Udbereinstiiiimiuig  nickt  blosser  Zufall  zu 
Grande  liegen  kann,  daaa  hier  nothweiidig  eine,  weim  smh 
vieileicbt  durdb  mehr  ale  eiti  ZwisohengUed  Tennittelte,  Kr«^ 
umening  an  ein  und  dasselbe  Original  niitgewirkt  habm 
nrnas''.  £&  fragt  sich  nur,  v^n  welcher  Art  wir  ans  diaaa 
Zwisdienglieder  sn  denken  haben.  Denn  bei  aller  Ueber^ 
finstimmung  in  den  allgemeinen  Grnndzüg^  der  Compositton 
bleibt  es  inuner  aoffaltig,  dass  in  der  Anafiibraag  keine 
einztge  Fignr  nach  ihren  künstlerischen  Motiven  der  dei 
imdem  Bildes  iigendwie  genau  entspricht  Bei  einer  yiOA 
einem  gemeinsamen  Original  abgeleiteten,  künstlerisch«!! 
Vorlage  für  jedes  der  beiden  Bilder  würde  sich  eine  sü 
umfassende  Differenz  schwer  erklären  lassen.  Dagegen  löst 
fiicbiede  Schwierigkeit,  sofern  wir  annehmen,  daas  hsUi 
Künstler  nach  einer  gemeinsamen  schriftlichen  oder 
mündlichen  Anweisung  arbeiteten:  „Paris  wendet  sich  ram 
Hermes,  um  dessen  Botschaft  zu  hören;  auf  der  andern 
^ite  wartet  bereits  Athaie.  Die  beiden  andern  Göttinaeni 
Aphrodite  Ton  Eros,  Here  von  Hebe  begleitet,  sind  aof  die 
beiden  Seiten  dieser  Mittelgmppe  en  yertheilen'*.  Mit  diesen 
wwigen  Worten  sind  die  Grundzoge  der  Composition,  so 
weit  sie  beiden  Bildern  gemeinsam  sind,  vollständig  gegeben« 
Bei  einer  solchen  Anweisung  aber  konnte  es  nicht  nur  gep 
nchehen,  dass  die  Mittelgruppe  in  dem  einen  nach  rechtii 
in  d^n  andern  nach  links  gewendet  ist,  sondern  es  war 
überhaupt  die  Möglichkeit  gegeben,  dass  beide  Künstler  in 
der  Behandlung  der  einzelnen  ihnen  in  zahlreichen  Mustern 
vorliegenden  Gotter-  und  Heroengestalten  yöllig  unabhängig 
von  einander  ?erftthren'). 


2)  Der  kior  kan  atttgMprooben«  Gedankt,  wie  er  sieh  flui  «f 
ttlig  aus  der  Betriehiiing  eines  einz^en  Fzllee  ergab,  wird  ml* 
leieht  in  der  Folge  m  weiter  greifenden  Goase^nenzan  fUizen;  & 
liegt  niehl  nur  diireheiis  nzhe,  ihn  evf  mdsre  Tuembildir  adMi^ 


S4        Sitzung  der  phtt68:^)Mdt:^€Mu8ii  wm  4:  Januar  1868. 

*.■  '»Ib  Her  ob^fn -Silfte  46^  Vase  toxi  Keifstchf  ifet;  was-  auf 
didäi  Km*li»iiber  Btlde'  durch  die  GeE^alteü  dt^s  Zeus  und 
dei^  Eris  ütir  angedeutet  ist,  atisführlicher  entwiekelt.  Zwischen 
awei-  duirih  etöe  Anh®he^rfäch*  unten  etwas  verdeckten,  rtrhig 
stehendeti  Gespan'neti,  von  denen  das  eine  rechts  durch  eiäe 
geäugelte,  das  and^e  'links  durch' 'eitiie  üng^flügette  Lenk^rin 
{^ehalten  wii'd,  steh^  im  Gespräch  vertieft  (r.)  Themis  uud 
(1.)  Erls.  Zeus  selbst  aber  ist  in  gianzei»  Figur  hinter  der 
giöflügelten  Wagenlenkerin  sichtbar.  —  Gerade  diese  obere 
Abtheilting  ist  es^  welche  dem  Vasenbilde  von  Eertscb  seine 
besondere  Bedeötuüg  verleiht,  die  aber  von  Stephani  durc^- 
atis  nicht  erkannt  und  richtig  gewürdigt  worden  ist.  An* 
ritatt  in  stolzer  Zuversicht  ausz^fi^teehen',  dass  durch  die 
Ensammenstellung  der  Bapisuftheile  -bei  Welcker  und  Over- 
beck  ,^natürlich  eine  Behandlung  dieses  gesammten  Bildei> 
kreises  nach  den  Gesten  whfieästAiaMicher^:  Krrtik  und 
Exegese  durchaus: nicht  überflüssig  geworden  ist-^  würde  er 
besser  gethan  haben,  die  ausge^eibhneten  Untersuchungen 
^elcker^s,  sowohl  über  das«  Parisurtheil,  als  übet  die  poeti** 
flehen  Grundlagen  der  Eyprien  des  Stasinos  (im  epischen 
Cydus)  ieinefi  vo'rttrtheilslosen  Prüfung  zu  unterwerfen,  unf 
ach  zu  überzeugen  ^  wie  die  Betrachtungsweise  Welckers 
gerade  äurch  das  vorliegende  Bild  die  vortrefflidiste  Be- 
gtätigung  erfährt. 

'  Die  beiden  Gespannb  sollon    naeh  Stepha&i's  Annahn^is 
die  Göttinnen   nach  demlda  gebracht  haben.    Der^AphrÖM- 


wenden,  so  namentlich  auf  die  bekannten  ünterw«ftsvtiften ,  Sondern 
auch  manche  analoge  Erscheinung  auf  andern  Gebieten  der  Denk- 
mälerknnde  lässt  sich  vielleicht  mit  seiner  Hülfe  erklären.  Man 
immmAe'ß*  Bi  nur,  sich  vob  der  Yerschietoiheit'!  dir  Gotaipöaition  in 
deiv  beiden  .pompeisnischsn  Gvmäldiin  Rechentehaft  z^'g^hen^  dSb 
tiktt  auf  Iphigenie  "jet^  riohüger  a»f  Alaettis  'belogen  '.Trte&eaL 
<H«ri>ecM^.XXr/  iar«b414f  Amhi  Zeit  ISfifi^T«.  180^.  1  UL  d«.   :.     . 


Brunn:   Traiaehe  MUcdUn.  Ö5 

dite  hftbe  mit  Kücksicfat  auf  ihren  bevorstehendeD  8ieg  die 
geflügelte.  Nike  als  Wagenlenkerin  >  gedient^,  ^  der  Here  di^ 
nngeflügelte  Iris.  Das  dritte  Qespann  soll  aus  Mangel  aa 
Raum  (warum  nicht  auch  einer  passenden  Wagenlenkerin?) 
und  der  Symmetrie  ,zu  Liebe  vom  Künstler  weggelassen 
worden  sein.  £s  ist  schwer,  einem  griechischen  Künstler 
ein  ähnliches  Ungeschick  zuzutrauen*  Wetm^  ihm  der  Raum 
für.  drei  .Gespanne  fehlte^  wosu  führte  er  alsdann  überhaupt 
die  beiden  ein  und  hielt  eidi  nicht  an  die  allgemein  fest^ 
stehende  Version,  wonach  die  drei  Göttinneu  von  Hermel 
zu  Fnss  nach  dem  Ida  geleitet,  wurden?  Um  die  Füllung 
des  Raumes  brauchte  er,  wie  die  Karlsruher  Vase  zeigte 
nidit  verlegen  zu  sein.  .  Und  warum  stellte  er  die  Gespanne, 
die  ja  doch  von  einer  Richtung  her  hätten  kommen  müssen^ 
einander  gegenüber,  nicht  hinter  oder  etwa  nebeneinander? 
Warum  stellte  er  sie  auf  ein  von  der  vorderen  Scene  recht 
absichtlich  geschiedenes  Terrain,  halb  hinter  den  Berg? 
Offenbar  gehören  die  Gespanne  zu  den  Figuren,  die  auch 
räumlich  mit  ihnen  verbunden  und  gewiss  nicht  ohne  Ab^ 
sieht  zwischen  sie  hingestellt  sind.  Themis,  dem  Zeus  eng 
verbunden  und  mit  ihm  auf  dem  Oly^mp  wohnend,  hat  sich 
des  von  Nike  gelenkten  Gespannes,  das  inr  erster  Linie  dem 
Zeus  zu  eigen  ist,  bedient,  nvä  auf  den  Schauplatz  des 
Streites  der  Göttinnen  zu  eilen.  Iris  aber  ist  abgesandt 
worden,  um  die  £ris  zur  Stelle  ssu  schaffen.  Beide  begegnet 
sidi  jetzt  auf  der  Höhe  des  Ida.  Bo  ist  alles  entfach,  klar 
und  streng  künstlerisch  geordnet. 

Was  aber  führt  die  beiden  Göttinnen  ab  diese  Stelle? 
£q  längerer  Auseinandersetzung  führt  Stephani  aus,  was  des 
Beweises  nicht  bedurfte,  dase  Themis  über  Ordnung  und 
Recht  Walte,  namentlich  auch  über  alle  einzelnen  von  dem 
höchsten  der  Götter  ausgehenden  Anordnungen  und  Rechts^ 
Sprüche  (^ipuoteg),  und  schliesst  dann  (S.  48):  „Was  ist 
also  natürlicher,    als   dass  eine  solche  Göttin,    Weiche-alle 


56         Siteung  der  philos.'pMM.  Ckuae  vom  4.  Januar  1868, 

Rechtssprüche  überwacht,  aach  da  zugegen  ist,  wo  es  nch 
um  eia  Urtheil  handelt,  durch  welches  die  Ansprüche  der 
drei  mächtigsten  Göttinnen^  geregelt  werden  sollen  und  das 
so  weit  reichende  Folgen  für  das  gesammte  hellenisdie 
Volk  hatte?  Wissen  wir  doch,  dass,  die  Ejprien  mit  der 
Erzählung  you  einer  Berathschlagung  zwischen  Zeus  und 
Themis  über  den  Troischen  Krieg  und  namentlidk  auch 
über  das  von  Paris  zu  fallende  Urtheil  begannen^^  Das 
vertrauliche  Verhältniss  aber  zwischen  Themis  und  „einer 
mit  ihrem  eigenen  Wesen  in  so  feindlichem  Gegensatz 
stehenden  Göttin^'  soll  (S.  60)  dadurch  erklärt  werden, 
dass  Eris  hier  nicht  die  furchtbare,  nur  Unheil  stiftende 
Schlachtgöttin ,  sondern  die  dya^n)  *^Qi^  des  Hesiod  sei, 
,,eine  wohlwollende,  dem  Menschen  freundlidi  gesinnte 
Göttin  des  Wetteifers,  welche  die  Einzelnen  antreibt,  sich 
in  allem  Guten  und  Schönen  vor  allen  Uebrigen  auszii* 
zeichnen«  —  Nur  die  letztere  Göttin  ist  bei  dem  Urtheil 
des  Paris  betheiligt.  Hier  handelt  es  sich  nicht  um  die 
Entscheidung  einer  die  Völker  vernichtenden  Schlacht,  son<» 
dem  um  den  Wetteifer  dreier  Göttinnen,  von  denen  jede 
die  übrigen  an  Schönheit  zu  übertreffen  hofft;  nm  die  EnU 
Scheidung  eines  dyniv  xdilQvq^  wie  deren  die  griechisdien 
Frauen  zu  bestimmten  Zeiten  an  vielen  Orten  anzustellea 
pflegten;  um  das  Urtheil  in  einem  friedlichen  Wettstreiti 
welcher  nach  den  ausdrücklicben  Worten  Hesiods  (der  ia^ 
dessen  nicht  etwa  vom  Parisurtheil,  sondern  allgemein  und 
besonders  vom  Handwerksneid  spricht^  nicht  dem  Gebiet 
der  furchtbaren  Eris,  sondern  dem  der  mild  und  freundlich 
gesinnten  Göttin  gleichen  Namens  angehört^^  Schwerlich 
möchte  das  Wesen  der  alten  epischen  Dichtung,,  aus  der 
die  Kuqstler  eben  so  wie  die  Dichter  schöpften ,  schlimmer 
missverstanden  werden  können,  als  es  hier  geschieht.  Nur 
um  einen  friedlichen  Wettstreit  soll  es  sich  handeln?  Hören 
wir  %.  B.  Euripides: 


liatcof  ig  väneev 

ijlS'^  6  Mrnag  %e  »u\  Jtog  %6xog^ 

vftnoflov  cifffm  imfAovwv 

äymv  %6  xaXhCf^ägf 

fq$d$  atvysQ'^  xexoQvd'fUvov  avfioq^ptag 

iHa&fAOvg-  BJifl  ßotha  ... 
Aadrom.  274  sqq.  Nicbt  darum  handelt  es  sich  m 
erster  Lmie,  dass  „die  Anspräche  der  drei  machtigsten 
Gattinnen  geregelt  werden  sollen^S  dass  Zeus  ^^in  Betreff 
der  Sdiönheit  der  drei  maditigsten  Göttinnen  einen  &9afidg 
feststellen  lassen  inlV\  der  yon  der  Themis  gewährleistet 
werden  soll:  von  der  troischen  Sage  losgelöst  erscheint  der 
Streit  der  Göttinnen  als  ein  Weiberzank,  durch  welchen  das 
mythologisdie  Wesen  dieser  Göttinnen  im  Allgemeinen  in 
keiner  Weise  afficirt  wird.  Nur  iiir  die  troische  Sage  ist 
er  ein  tiefeingreifendes  Ereigniss,  das  den  Keim  der  ver» 
bSognissTollsten  Folgen  in  sich  trägt.  Bios  um  einen  ror» 
fibergehenden  Streit  der  Göttinnen  zu  schlichten,  wäre  die 
G^enwart  der  Themis  wie  der  Eris  mindestens  ziemlich 
iiberfliissig.  Gereditfertigt  wird  sie  nur  durch  den  weiteren 
Zusammenhang  des  ganzen  Mythus;  und  was  Stephani  niur 
beOänfig  erwähnt,  der  Eingang  der  Kyprien,  das  ist  durch* 
aus  in  den  Vordergrund  zu  stellen.  Zeus  beräth,  um  die 
Erde  ron  zu  grosser  Mensohenlast  zu  erleiehtem ,  mit  der 
Themis  über  den  troischen  Krieg.  Um  ihre  Beschlüsse  ins 
Werk  zu  setzen,  bedienen  sie  sich  der  Eris.  Ihre  erste 
That  ist  allerdings,  dass  sie  Streit  unter  den  Göttinnen  er* 
regt;  aber  damit  ist  ihr  Wirken  keineswegs  erschöpft;  sie 
ist  ganz  allgemein  „die  grosse  Eris  des  troischen  Krieges^S 
die  Zeus,  wie  Stasinos  im  Eingange  seines  Gedichts  sich 
ansdrfidct,  auf  die  Erde  schleudert:  ^taa»g  noliptow  fi^ 
ydlfjv  lq$v  naXäpo$o.  Diese  Eris  ist  es,  welche  der 
Künrtler  hier  dargestellt  hat.    Wie  die  Lyssa  bei  Etripidea 


58         Sitzung  der  pluiM'.'^Mdl,  Üla9$e  «mii.i4.  Januar  186S, 

Herc.  für.  843'  sqq/,  handelt  sie  .nicbt  au»  eig«pem  freiem 
Antriebe,  sondern  auf  höheres  GeheiBS;^  Durch  Iris  herbei- 
geholt yemimmt  si&^mit  aufmerksamem  Ohre  aus  ä^m  Munde 
der  Themis,  was  Zeus  in  Gemeintehaft  mit  dies^-berathen 
und  beschlossen,  hat.  Indem  aber  der  JCünstler  diese, 
äusserlich  betra<^tet,  frühere  Soene  im  Hintergrunde  des 
Parisurtheils  erscheinen  lässt,  stellt  er  dieses  letztere  nicht 
als  einen  einzelnen'  für  sidi  bestehenden  Act  hiU)  sondern 
als  das  erste  folgenschwere  Ereignise  in  der  langen  Kette 
Aexjesnig&OLf.  durch  welche  Eris  das .  vorgesteckte  ffiel  verfolgt, 

Noch  ein  Wort  über  die  äussere  Erscheinung  der  £ris. 
Auch  darin  soU  der  Maler  dieser  wie  der  Karlsruher  Vase 
sich  von  dentfiegriff  der  dya%^rj  "Eftg  .haben  Idten  lassen, 
iAdem  er  eine  äussere  Form  wählte,  „welche  diesem  milden 
Charakter  entspricht'S  durch  den  sie  sich  nicht  ),im  Wider- 
spruche mit  dea  menschenfreundlichen  S'äfiiGTsg  des  Zeus 
befinde"  (S.  51).  Ich  glaube  ^  dass  bei  dieser  Auffassung 
Sitephani  den  künstlerischen.  Charakter  der  Eris  in  beiden 
Bildern  eben  so.  wie  ihr  poetisches  Wesen  verkannt  hat 
Allerdings  Würde  es  dem  Künstler  freigestanden  habeii,  die 
äussere  Charakteristik  von  Dämonen  ähnlicher  Art,  wie  sie 
auf  wteritaliBcheo  Vasen  häufig  Torkommen,  von  den  Furien^ 
PiOinae)  Lyssa  .u.  a.  zu  entlehnen ;  und  wen^  ich  (Ball.  d. 
Inst,  p«  1861,  p.  67)  eine  solche  Eris  auf  einer  Vase  (Mon. 
VI,  71^  1)  wirklich  ^kannt  zu  haben  glaube,  so  wird  wohl 
mit  Stepbani  kaum  behlauptet  werden  können,  dass  die  von 
mir  .empfohlene  Auffassung  aller  Wahcfibheinlichkat  entbehre. 
Aber. bei  dem  Släreben  der  späteren  Zeit,  das  Schrecklialte 
zu  mildern^  konnte  der  Künistler  auch,  von  der  alten  Kampfr 
«nd  Sohladiten-Eris.,  die  im  Grunde  nur  eine  Seite 'ihrer 
Xbätigk^i  repcäiSonUrt,  ganz  absehen  und  eine  Gharakterisilik 
«AS  deto  ethischen  Grundil^eaen  der  Gältm  vheraus  versuchen; 
^esä  z«  Folge  niolyt  nur  der  Streit, selbst,   sondern  eben  sb 


r     .  Brumu  ^oischs  ailie^lkn.     •  5* 

sriil:  das  Säen;/  Esre^e»  des  StreileB'  ihr  Atel  ist.  .  Vor^ 
trefflit^  hat  üier  ider 'Künstler  ^lerEaitlsriiber-yas^  «eine 
Aufgabe  gelöst  Halb  versteckt  und  unruhig,  äl»  fürchte 
sie  entdeckt  zu  werden,  lauscht  sie  hinter  dem  Berge.  Aber 
iHdbtblofr  Neugierde 'Spricht  sieh  in  ihrer  Erscheinung  aus: 
ihr  trüber/ Bliok/  das  nügeordnete  korze^  Haar  deuten- auf 
innere  £rr^ung  hin.  :  Sie  ist  nidit  tberrascht  durch  das^ 
was  vorgeiht :  sie  selbst  hat  die  Netze  der  Zwietracht  <  aus- 
gestellt'und  beobachtet  jetzt,,  ob  ihr  der  Fang  gölung^  >-«. 
um  ild)ald:  äxr  ^piel-an  eiosem  ändern  Orte:  von  Neuem 
beginnen  za  können.  -^ '  Anders/  fasste  der  Künstler  der 
?aste  von  Kertsch.  seine  Aufgabe.^  .  Welche  J^otive  im  Ein« 
zelnen 'ihn  bei  der  könsüeriscben  Erfindung  dieser  F%uf 
and  namentlich  b«i  der  Wahl  ihrer  höchst  eigenihümlich^ 
Kleidung  leiteten,  wird  sich  schwerlich  vollständig  ergründe 
lassen:  .aicher^  aber  CBsreichte  ;^r  die  Wirkung,  dass  una 
diese  Gestalt  durchaus  fremdartig  gegenübertritt.  Alles  ist 
knapp  und  glatt  anliegend;  auch  das« Haar  von  der  Stirn 
Eorück  straff  nach  oben  in  einem  Schopf  aufgebunden;  die 
Forint  der  Brue^  und  der  Haften  sogar  ganz  lin weiblich  4 
die  Haltnng',  wenn  auch  nicht  starr,  doch  fast  ftnbewegt 
und  ohne  Ansduth,  ifecht  im  Gegensatz  zu  der  auf  ihre 
Sdiulter  sich  Inenden  Themis;  und  wäh^Rend  diese  in  leb* 
haft^  Bede  sich  an  sie  wendet,  scheint,  sie  zunächst  nur 
-eine  passive  Zuhörerin  abzugeben.  Aben  der  mcht  frei  nach 
aussen,  sondern  eäwas  von  untaot  nach  oben  gerichtete  laueflide 
fiUok  des  etwas  geneigten,  nach  der  Seite  gewendeten  Hau^^tefi 
deutet  auf  gespannteste!  Au&aerkvamkeit,  und  wir  verstehen 
wohl,  dass  der  momentanen,  sclräinbaren  Ruhe  die  energische 
Thatfdgenwird;  Gerade  diese  Aiiffasaiuig  aber  ist  geeignet,  uns 
damnf.  hi^üwei^n,  dass  das»  Wirken  der  Göttin  ^keineBwegB 
auf  idea  Skdt  der  Göttinitea  beschränkt-  ist,- 'sondern  dass 
derselbe  nnr^die  Eiiileitanig  bildetizaeinbr  Reihe  von  Ereig? 


CO  8%t9ung  der  pkäos^^phOoL  GZoiae  vom  4.  Janntar  1868. 


nksen,  bei  deren  Aasfuhrong  tob  den  Lenkern  der  Qe« 
sdiidce  ihr  vor  rielen  eine  herrorragrade  Bolle  zaeitheik 
werden  sollte. 


üntw  den  Nachträgen  an  den  Darstellungen  des  Paria* 
nrtheils  citirt  Ste^ani  (S.  34)  auch  ein  kleines  Tenacotta" 
relief  ans  seinem  Besitz,  das  er  in  dem  Bull.  hist.-phiL  der 
Petersburger  Akademie  IX,  p.  214  bekannt  gemacht  hak 
Ich  will  ihm  hier  in  die  Einzelnheiten  seiner  Besprechung 
nicht  folgen;  denn  Erfindung,  Ausführung  und  selbst  das, 
was  er  über  das  Technische  bemerkt,  erwecken  in  mir  die 
feste  Ueberzeugung ,  dass  hier  eine  moderne  Fälschung  roa> 
liegt;  und  einmal  darauf  aufmerksam  gemadit,  denke  ich^ 
wird  wohl  Stephani  selbst  zugestehen,  ^dass  er  hier  das 
Opfer  einer  Täuschung  geworden  ist,  wie  sie  wohl  jeder» 
der  mit  dem  Kaufe  von  Antiken  zu  thun  gehabt,  irgend 
dnmal  an  sich  selbst  erfahren  hat. 


Unter  den  vielen  charakterlosen  Darstellungen  dm 
Farisurtheils  auf  etruscischen  Spiegeln,  wekshe  sich  bis  jeiast 
wenigrtens  einer  methodischen  Interpretation  entzogen  haben, 
scheint  mir  die  bei  Gerhard  T.  376  publicirte  eme  bescm* 
dere  Beachtung  zu  verdiene^.  Paris  als  Phrygier  sitzt  einer 
stehenden  nackten  Frauengestalt  gegenüber,  und  beide  and 
nadi  der  Bewegung  ihrer  Hände  in  lebend^em  Wechsel^ 
gespräche  begriffen.  Zwischen  ihnen  steht  eine  bekleideto 
weibliche  Gestalt,  deren  Rechte  schlaff  über  den  Schooss 
des  Paris  herabhängt,  während  die  Linke  das  Gewand 
hinter  der  Schulter  hinaufzieht.  Ihr  Haupt  ist  leise  und 
wie  trauernd  etwas  zur  Seite  geneigt«  Gerhard  schwankt, 
ob  er  hier  Juno  und  Venus,  oder  in  der  bekleideten  Figur 
die  Venus  anerkennen  soll,  welche  die  Helena  leibkaflxg 
oder  als  Scheinbild  Yor  Paris  Blicke  fahre,  um  dies^i  zn 
ihren  Gunsten    zu   stimmen.     Einfacher    scheint   mir    eine 


Srmm:  IVmcAc  Mkuttm.  ftl 

dritte  ErUbmig,  BemUoh  dass  Pam  mit  Venus  über  seme 
Falurt  Bach  HeUas  unterbandeU;  im  Beisein  der  Oenone,  für 
welche  der  traverode  Ausdruck  der  gansen  Figur  sich  Tor« 
trefflkdi  eignet  Die  Ausführung  des  Spiegels  ist  zwar  ohne 
Verctoist;  wer  aber  die  zu  Grunde  liegenden  Vtoüve  ron 
der  Ansfiäirung  zu  scheiden  weiss,  wird  zugeben,  dass  diese 
(Hnone  nicht  unwürdig  ist,  neben  denen  der  beiden  Lndo- 
nsischen  Reliefs:  Orerb.  XI,  11  und  XII,  6  ihre  Stelle  zu 
finden. 


Dieselbe  Scene  glaube  ich  auch  in  einem  Vasenbilde 
bei  Millingen  Vases  diy.  43  zu  erkennen,  und  zwar  gerade 
wegen  der  Handbewegung  des  Paris,  die  Welcher  A.  D.  V. 
437  gegen  diese  Deutung  geltend  machen  will.  Paris  sitzt 
mit  seinem  Körper  gegen  die  ror  ihm  in  der  Höhe  sitzende 
Aphrodite  gewendet  und  hat  offenbar  bereits  mit  ihr  ver- 
handelt. Da  lässt  Oinone,  hinter  ihm  aa  einen  Pfeiler  ge- 
Idint,  ihre  ernsten  Warnungen  vernehmen.  Allerdings 
wendet  er  nochmals  seinen  Blick  nach  ihr  zurück;  aber  in- 
dem er  mit  der  Becbten  nach  der  Aphrodite  empor  deutet, 
giebt  er  zu  erkennen,  dass  die  Mahnungen  der  Gattin  ver» 
geblich  sind  und  er  den  Lodnmgen  der  Göttin  zu  folgen 
bereit  ist. 

Der  Abschied  des  Achilles. 

Als  Darstellungen  traulichen  Zusammenlebens  des  Achilles 
mit  der  schönen  Briseis  ohne  Bücksicht  auf  eine  einzelne  Situa- 
tion oder  Handlung  stellt  Overbeck  (S.  386)  zwei  ganz  ein* 
Cache,  aber  schöne  Vasenbilder  zusammen,  deren  jedes  auf 
einer  Seite  die  kriegerisch  gerüstete  Figur  des  Achilles,  auf 
der  andern  eine  Frauengestalt  darstellt,  die  das  eine  Mal 
(Gerhard  A.  V.  187)  durch  die  Inschrift  als  Briseis  bezeich-, 
net,  das  andere  Mal  (Gerh.  184;  Ov.  XVI,  2)  ohne  Beischrift, 
aber,  wie  Overbeck  sagt,  „durdi  die  vorige  Nummer  gesichert^ 


6S  Sitzung  der  fOsOBa.'iahilaL  €^iise:mmm\}t.  Januar  1868. 

Igt.  Nadhdam  Sie:  >£r&ihrtiDg  gelehrt  y>  wie  ^gafaÜe.  iii  Vftssn 
ver\^aiidten<  Stfls  jeder  enKzeioe  Ziig,  jede^Jdtine  'Besonder- 
heit der  Bfiorätelkiiig  bedeiitsam  g&^ähli:  za.seinf  pflegt,  ist 
wobl  diB  doppelte  Frage 'gerechtfertigt,  ob  wir  in  ibeiden 
iBildeBa  .Briseis  zu  erkeimen  haben*,  und  ob  wirktieh  -  die 
Gegenüberstellung  der  Figuren  als  sitnationslos  ^  ku  ^be- 
zeichnen  ist. 

Die  inschriftlieh  beglaubigte  Briseis  hält  in  der  erho- 
benen Linken  eine  Blume,  wie  um  sie  dem  Achilles  darzs- 
reichen;  die  andere  ohne  Namen  trägt  in  ihren  Händen 
Kanne  und  Trinkschale.  Diese  letzteren  Attribute  sind  durch 
eine  Masse  von  Analogien  schon  längst  als  typisch  für  Dar- 
stellungen des  Abschieds  anerkannt  worden :  dem  Scheiden- 
den wird  der  Abschiedstrunk  gereicht  ®),  Es  fragt  sich  jets^, 
ob  die  Blume  dieselbe  oder  überhaupt  eine  typische  Bedea- 
tuBg  hat.  Auf  einer  bekannten  Vase  des  Exekias  im  Ma- 
•seum  Gregorianum  (II,  53;  Mon.  d.  Inst.  II,  22)  reieht 
Leda  dem  Gastor  eiiie  Blume,  dem  Polydeukes  springt  ein 
•Hund  entgegen,  der  alte  Tyndareus  streichelt  das  Pferd  des 
.Eastor,  ein  Knabe  bringt  Badegeräthe  und  Gewänder.  Hier 
-haben  wir  im  Gegensatz  zur  Vord^seite,  wo  uns  durch  das 
1  Würfeln  des  Achilles  und  Aiax  .  der  Auszug  zweier  Helden 
zum  Kampfe  als  bevorstehend  vorgeführt  wird,  unzweifelhaft 
die  Darstellung  der  Rückkehr  zweier  gleich  berühmter 
Helden;  Mutter  undHiind  bewillkommnen  die  Zurückkehren- 


3)  Aus  der  Beobachtuag  dieses  künstlerischen  Sprachgebrauches 
«rgiebt  sich  z.  B.  auch,  dass  zwei  bei  Overbeck  S.  332  be»procbene 
Vasenbilder /(Inghirami  Gal.  om.  I,  57  und  58)  nicht  auf  die  Zurück- 
forderung  der  Helena  durch  Menelaus  und.Ody^s^ua  bezijkgen  .werden 
dürfen,  wogegen  übrigens  auch  die  Bartlosigkeit  des  angeblichen 
Odysseus  sprechen  würde.  Es  sind  AbscHiedsscenen  von  Kriegern, 
'üe  in  dem  einen  Bilde  durch  die  Gegenwart  des  Priarnuis  als  Troer, 
in  dem  andern  nicht  naher  charakterisirt  lind.    < 


.Brunn:  Trm$che  MisceUm.  .  ßtt 

AoLi  der  alte  Vater,  der  nicht  gelbst  m^r  in  den  Kampf 
m  ziehen  vermag,  freut  sich  noch  an  dem  Schlachtross;  em 
fiad  soll  die  Ermüdeten  stärken  und  erfrischen.  Auf  einer 
andern  Vase  (Ann.  d.  Inst.  1860,  tav.  'd'agg.  I.'  K.)  fiattea 
vrir  einer  Seits  Neoptolemus  in  Reisetracht  vor  Lykomedes» 
für  den  Deidamia  den  Abschiedstrunk  bereit  hält,  anderer 
Seits  einen  Jüngling  im  friedlichen  Mantel  zwischen  einem 
König  und  einer  weiblichen  Gestalt,  die  eine  Blume  in  der 
Rechten  erhebt;  hier  werden  wir  im  Gegensatz  zum  Haupt* 
bilde  einen  aus  den  Gefahren  des  Krieges  zum  friedlichen 
Heerde  zurückgekehrten  Jüngling  erkennen  (an  einen  be- 
stimmten Heroen  zu  denken  ist  nicht  nothwendig),  fiir  den, 
wie  oben,  bei  seiner  Bückkehr  eine  Blume  zum  Willkommen 
bereit  gehalten  wird.  Sonach  dürfen  wir  annahmen,-  dass 
in  einer' gewissen  Gattung  von  Com  Positionen  die  Blume  ak 
typisch  für  die  Bezeichnung  der  Wiederkehr  angewendet  ist, 
gewissermassen  als  Vertreterin  des  Siegeskranzes,  wie  Roulez 
ia  der  Erklärung  des  zweiten  Bildes  (S;  300)  vermuthet. 
Wo  £ae,  wie  in  den  Mon.  dl  Inst.  I,  26,  13  neben  dem 
Abschiedstrunk  in  der  Hand  einer  zweiten  Frauengestalt  er- 
scheint, wird  sie  proleptisch  auf  siegreiche  Rückkehr  zu 
deuten  sein;  und  gewiss  mit  Recht  bezieht  Roulez  die  Blume 
in  der  Hand  der  Ariadne  neben  dem  mit  dem  Mifiotaur 
kämpfenden  Thesteus  (Gerhard  A.  V.  HI,  161;  cf.  160)  auf 
den  bevorstehenden  Sieg  dieses  Helden.  —  Danach  erkenne 
ich  in  dem  Bilde,  von  dem  wir  ausgingen,  Briseis,  welche 
den  Achill  bei .  der  Rückkehr  aus  einem  Kampfe  bewill- 
kommnet. 

Wenn  nun  in  dem  zweiten  Bilde  sicher  ein  Abschied 
dargestellt  ist,  so  ist  zwar  zuzugeben,  dass . Adiill,  so  ofb  er 
in  den  Kampf  zog,  sich. von  Brisds.  trennen  musste  und 
diese  ihm  also  den  Abschiedstrunk  reichen  konnte.  Aber 
diese  kurzen  Trennungen  verschwinden  als  untergeordnet 
gegen  /den  ,  einen   In  Poesie  uni  Exaoßt  -weit   bedeuteader 


64        SiUung  der  phH^-phOci.  Clasie  vom  4.  Januar  1868. 

hervortretenden  Absclued  y6n  seiner  Matter  beim  Beguuie 
des  Krieges;  und  e^  liegt  daher  schon  an  sich  nahe,  in 
diesem  zweiten  Bilde  statt  der  Briseis  lieber  Thetis  zn  er- 
kennen. Aber  die  Darstellung  selbst  weist  darauf  noch  be- 
stimmter hin,  als  es  bereits  von  Roulez  (a.  a.  0.)  angedeutet 
ist  Die  Briseis  des  ersten  Bildes  ist  zwar  nicht  ver* 
schieiert,  aber  sie  trägt  das  schleierartige  Oewand  auf  den 
Schultern,  wodurch  ihre  Erscheinung  etwas  jugendlich 
Zfichtiges  erhält,  wie  es  der  Freundin  oder  Geliebten  ziemt 
Die  Gestalt  des  zweiten  Bildes  hat  einfache  Frauenideidung, 
und  das  Kopftuch  (anstatt  der  Blumenbekränzung  bei  der 
Briseis)  giebt  ihr  ein  noch  matronenhafteres  Ansehen.  Ge- 
rade so  erscheint  die  Gestalt  neben  Achill  bei  Overbeck 
XX|  1,  in  der  wir  ebenfalls  von  Overbeck  abweichend,  nicht 
Briseis,  sondern  Thetis  zu  erkennen  haben.  Adinlich  ist 
Hecuba  gebildet  beim  Abschiede  des  Hector:  Ov.  XVI,  16; 
t)hne  den  Schleier  auch  Aethra  beim  Abschiede  des  Theseus: 
Gerhard  A.  V.  III,  158.  Demnach  ist  das  zweite  Bild 
sicher  auf  den  Abschied  des  Achill  von  seiner  Mutter  zu  be- 


Hermes  bei  Achill:  Overb.  S.  464,  T.  XX,  1  s 
Gerhard  A.  V.  200. 

In  diesem  schönen  Vasenbilde  tritt  der  deutlich  cha- 
rakterisirte  Hetmes  einem  jugendlichen  gerüsteten  Krieger 
gegenüber,  in  dessen  glänzender  Erscheinung  der  unbefim- 
gene  Blick  sofort  die  Gestalt  des  Achilles  erkennen  wird. 
Der  Gott  hat  ihm  die  Rechte  dargereicht,  in  die  Achill, 
dessen  Körper  kurz  vorher  noch  nach  der  andern  Seite  hin- 
gewendet gewesen  zu  sein  scheint,  mit  einer  gewissen  Feier- 
lichkeit eingesdilagen  hat  Dort  aber  sehen  wir  eine  weib« 
liehe  Gestalt,  stehend  in  jener  halb  sinnetiden,  halb  trau- 
ernden Haltung,  die  in  dem  Stützen  des  Kiiines  auf  die 
rechte  Hand»  während  der  Ellenbogen  auf  der  andern  Hand 
ruht,  in  nicht  we&igen  Kunstwerken  typische  Geltung  er» 


Bmm:  Irdische  MUedlen.  65 

halten  bat.  —  Gerhard  sah  hier  den  Hermes,  d^  im  Aof^ 
trage  des  Zeus  dem  Achill  den  Befehl  überbringe,  Hectors 
Leiche  dem  Priamus  auszuliefern.  Die  Begleiterin  des  Achill 
wird  Briseis  genannt.  Die  Schwieri^eit,  die  in  der  Ab- 
weichung voti  der  homerischen  Darstellung  liegt,  in  welcher 
nicht  durch  Hermes,  sondern  durch  Thetis  dieser  Befehl 
übermittelt  wird,  suchte  sodann  Overbeck  durch  die  Hin- 
Weisung  auf  die  Vita  des  Aeschylus  zu  lösen,  in  welcher 
angeführt  wird,  dass  in  der  Tragödie  '^xi:oQog  IvtQu  wirk- 
lich Hermes  auftrat  und  im  Anfange  mit  Achilles  dnige 
Worte  wechselte.  —  Es  ist  nicht  das  erste  Mal,  dass  <£e 
Aufstellung  einer  scheinbar  richtigen,  aber  im  Grunde  nifM» 
haltbaren  Erklärung  bei  nachfolgenden  Erklärem  die  Uu- 
befangenheit  der  Anschauung  getrübt  hat.  Während  0?öt- 
bec^  durch  ein  scheinbar  recht  passendes  Citat  die  Deutung 
Gerhards  zu  ^stützen  sucht,  übersieht  er,  wie  der  Grund- 
charakter  der  ganzen  Darstellung  derselben  durchaus  wider- 
spricht. Denn  wie  kann  in  der  angenommenen  Scene  Achilles 
in  kriegerischer  Rüstung  dm  Hermes  bei  sich  empfangen, 
wo  an  Kampf  nicht  zu  denken  ist?  Mit  diesem  einen  Ein- 
wurfe darf  Gerhards  Deutung  als  beseitigt  betraditet  werden: 
und  nur  um  auf  eine  begründetere  hinzuführen,  will  ich  sofort 
nodi  bemerken ,  dass  bei  j<ener  Soene  die  Gegenwart  der 
firiseis  eigentlich  überflüssig  und  das  Bedeutsame  ihrer 
Stellung  keineswegs  hinlänglich  motivirt  wäre.  Sehen  wir 
dazu  auf  ihre  Kleidung  und  ihren  Kopfsdmiuck,  so  werden 
wir  ohnehin  lieber  Thetis  als  Briseis  in  ihr  erkennen.  Mit 
ihr  mag  in  einem  der  dargestellten  Scene  unmittelbar  vor- 
hergehenden Momente  Achilles  gesprochen  haben,  gesprochen 
über  die  durch  Hernes  gebrachte  Botschaft,  welche  Thetis 
mit  Besorgniss  erfüllt.  Ein  Entschluss  ist  zu  fassen;  zu 
entscheiden  hat  Achill  zwischen  der  Liebe  zur  Mutter  und 
zwischen  den  Forderungen  der  Botschaft.  Jetzt  ist  der 
Entschluss  gefasst:  indem  er  sich  von  der  Mutter  weg* 
[1868. 1.  1.]  5 


66         Sitzung  der  phüos.'phiM.  Classe  vom  4,  Januar  1868. 

^i^det,  reicht  er  dem  Hermes  die  Rechte,  um  za  sägen : 
ich  folge  deinem  Rufe.  Denn  nicht  Begrüssnng  oder  Ab- 
schied, sondern  das  Geben  eines  Versprechens  wird  dnrch 
das  Handreichen  ausgedrückt  (vgl.  Eurip.  Helen.  789  [838]; 
Overb.  Gall.  XXI,  1,  wo  Penthesilea  dem  Priamns  Hülfe 
verspricht).  Welchem  Ruf  Achilles  folgen  wird,  kann  nun 
-nicht  mehr  zweifelhaft  sein:  es  ist  der  Ruf,  der  ihn  von 
seiner  Mütter  trennt,  ihn  zur  Theilnahme  an  dem  Zuge 
^egen  Troja  bestimmt.  Dem  Hermes  giebt  er  das  Ver- 
sprechen, damit  jenes  JiSg  d'ivsXsievo  ßovi/jff,  auf  dem  die 
Grundidee  des  troischen  Krieges  und  besonders  des  Ge- 
dichtes der  Eypria  beruht,  auch  in  diesem  forden  Verlauf  des 
Krieges  so  wichtigen  Momente  zu  voller  Geltung  gelange. 
Der  weisen  Sparsamkeit  der  Vasenbilder  bester  Art,  zu 
denen  das  vorliegende  gehört,  ist  es  aber  durchaus  entspre- 
chend', diesen  Gedanken  losgelöst  von  allem  sonstigen 
dichterischen  Beiwerk  der  Sage,  ohne  die  wechselnden  Ge- 
stalten der  sonstigen  künftigen  Kampfgenossen  in  voller 
Reinheit  zur  Anschauung  zu  bringen. 


So  haben  wir  zu  den  beiden  von  Overbeck  S.  277  ff. 
angeführten,  aber  von  ihm  selbst  als  nicht  völlig  uiizweifel- 
haft  betrachteten  Darstellungen  vom  Abschiede  Achill's  zwei 
durchaus  sichere  hinzugefügt.  Eine  dritte  erkannte  mit  Recht 
Welcker  (alt.  Denkm.  V,  327)  auf  einem  Vasenbilde  von  Nocera 
(Bull.  nap.  N.  S.  V,  2),  welches  Minervini  fälschlich  auf 
Achill's  Ankunft  auf  der  Insel  Leuke  bezogen  hatte:  Hermes 
zwischen  dem  reisigen  Achill  und  dessen  sitzendem  Grossvater 
Nereus  stehend  richtet  eben  die  Botschaft  aus,  welcher 
Achilles  zu  folgen  entschlossen  scheint,  während  Thetis  hinter 
Nereus  wohl  im  Frauengemache  nadidenklich  und  betrübt 
dasitzt  in  Gesellschaft  von  zwei  Nereiden,  deren  eine  dem 
Achill  den  Abschiedstrunk  darzubringen  bereit  steht. 

Eine  weitere  Bereicherung   hat  dieser  Gyclus  erfahren 


Brunn:  Troische  MisceUen.  67 

durch  das  Aussenbild  einer  Schale  bei  des  Vergers :  fitrurie 
pl.  38:  an  dem  einen  Ende  der  Composition  steht  AchilPs 
Erzieher  Chiron,  vor  ^hm  Hermes,  der  Verkünder  der  Rath- 
Bchlüsse  des  Zeus,  beide  gegen  ein  Ton  seinem  Lenker  ge- 
haltenes Viergespann  gewendet.  In  derselben  Richtung  be- 
wegt sich  neben  den  Pferden  eine  Frau  mit  Kanne  und 
Schale.  Das  Gespann  ist  ein  gerüsteter  Krieger  zu  be- 
steigen im  Begriffe,  während  ein  zweiter  Krieger  und  ein 
Greis  ihm  zu  folgen  bereit  scheinen.  —  Dass  es  sich  hier 
um  AchilPs  Auszug  handelt,  wird  zunächst  durch  die  Ge- 
genwart des  Chiron  klar.  Wenn  aber  der  Herausgeber  in 
dem  Greise  Polens  oder  Lycomedes,  in  der  Frauengestalt 
Deidamia  erkennen  möchte,  so  muss  dagegen  geltend  ge- 
macht werden,  däss  die  Anwesenheit  des  Chiron  auf  Skyros 
wenig  passend  erscheinen  würde.  Ferner  würde  man  in  der 
Gestalt  des  angeblichen  Lycomedes  mehr  den  Begriff  des 
Königs  als  den  des  Greises  betont  wünschen  und  endlich 
für  eine  Deidamia  eine  jungfräulichere  Bildung  erwarten. 
Ihre  matronale  Erscheinung  weist  uns  bestimmt  auf  Thetis, 
die  Mutter  Achill's  hin.  Danach  möchte  man  vielleicht  dei^ 
Greis  Peleus  zu  benennen  geneigt  sein.  Aber  abgesehen 
davon,  dass  wir  uns  Peleus  beim  Abschiede  des  Achill  kaum 
als  wirklichen  Greis  denken  mögen,  tritt  er  überhaupt  nach 
der  ersten  Erziehung  seines  Sohnes  fast  ganz  in  den  Hinter- 
grund; und  z.  B.  in  dem  vorhin  erwähnten  Vasenbilde  von 
Nocera  wird  Achill  nicht  aus  dem  Hause  seines  Vaters, 
sondern  seines  Grossvaters  abgeholt.  Sollen  wir  also  diesen 
in  dem  Greise  erkennen?  Ich  glaube  nicht;  denn  wir 
würden  zu  seiner  näheren  Charakteristik  ein  Attribut, 
Scepter  oder  Dreizack,  erwarten  und  ihn  lieber  etwa  neben 
Thetis  oder  Chiron  gestellt  sehen.  Eine  wahrscheinlidie.  Er- 
klärung für  diese  Figur  wird  sich  erst  ergeben,  wenn  wir 
diesem  Kreise  noch  ein  anderes  Vasenbild  vindicirt  haben 
werden,    welches  Overbeck  nach  Welcker  auf  die  Meldung 

6* 


66        Sitzung  der  phi^s^-pküol  Glosse  vom  4,  Januar  1868. 

vom  Tode  des  Patroclus  und  auf  Achills  neue  Rüstung 
zur  Rache  hat  beziehen  wollen:  Overb.  XVIII,  2.  Anti- 
lochus  (wie  alle  folgenden  Figuren  durch  Inschrift  be- 
zeichnet), besteigt  den  von  Phoenix  gelenkten  Wagen,  neben 
welchem  Iris  sichtbar  ist.  Vor  den  Pferden  steht  der  ge- 
rüstete Achill  und  reicht  dem  greisen  Nestor  die  Hand.  Es 
wird  nicht  nöthig  sein,  die  bisherige  Erklärung  im  Einzelnen 
zu  wiederlegen,  sofern  es  gelingt,  eine  richtigere  an  ihre 
Stelle  zu  setzen.  Erinnern  wir  uns,  dass  nach  Homer  IL 
VII,  127  und  XI,  768  ff.  Nestor  den  Achill  zum  Kriege 
abholt,  so  ergiebt  sich  eine  solche  im  Hinblick  auf  die  eben 
besprochenen  Bilder  ohne  Schwierigkeit.  Achill  verspricht 
dem  Nestor  durch  Handschlag,  ihm  in  den  Krieg  zu  folgen. 
Nestor's  Sohn  und  AchiU's  alter  Freund  Phoenix  sind  zur 
Abfahrt  bereit.  Iris  aber  vertritt  hier  ganz  denselben  Ge- 
danken, der  in  den  andern  Bildern  durch  die  Qestalt  des 
Hermes  seinen  Ausdruck  fand. 

Hiernach  werden  wir  in  dem  Greise  des  vorigen  Bildes 

ebenfalls  Nestor  zu  erkennen  berechtigt  sein;  und  es  bleibt 

k vorläufig  nur  zweifelhaft,    welcher  von  den  beiden  Kriegern 

Achilles,  und  wie  der  zweite,  ob  Antilochus  oder  Patroclus, 

zu  nennen  sein  wird. 


Mit  Unrecht  scheint  mir  Overbeck  S.  280  aus  dem 
Kreise  dieser  Darstellungen  den  Cantharus  des  Epigenes  in 
den  Luynes'schen  Sammlungen  ausgeschieden  zu  haben,  der 
von  L.  Schmidt  in  den  Ann.  d.  Inst.  1850,  tav.  d'agg.  H.  L 
publicirt,  aber  meiner  Meinung  nach  nicht  richtig  erklärt 
worden  Ist.  Wenn  nun  auch  Roulez  in  den  Annali  1860, 
p.  299  in  der  Hauptsache  die  richtige  Deutung  gegeben 
hat,  so  glaube  ich  doch  nicht,  dass  dadurch  die  folgende, 
bereits  im  Jahre  1852  niedergeschriebene  Darlegung  ganz 
überflüssig  geworden  ist. 

Auf   der  Hauptseite   sehen   wir    den   gerüsteten  Achill 


Brunn:  Troiache  MisceUen.  69 

(wie  alle  übrigen  Figuren  durch  Inschrift  bezeichnet),  dem 
von  Kymothea  der  Abschiedstrunk  dargereicht  wird.  Aga- 
memnon im  Mantel  mit  Scepter  hinter  dem  Helden  und 
ein  jugendlicher  leichtbewaffneter  Krieger  hinter  der  Nereide 
erscheinen  uns  zunächst  nur  als  ruhige  Zuschauer.  Auf  der 
andern  Seite  sind  Nestor  mit  dem  leichtbewaffneten  Antilo- 
chos,  Thetis  (mit  Kanne  und  Schale)  mit  dem  gerüsteten 
Patroclus  zu  zwei  Gruppen  vereinigt,  so  dass  Nestor  und 
Thetis  die  äusseren  Plätze  einnehmen.  Die  Erklärung 
Schmidts  geht  etwa  von  folgenden  Hauptgedanken  aus:  die 
Gemälde  der  beiden  Seiten  bilden  zwei  getrennte,  aber  sich 
unter  einander  entsprechende  Compositionen;  Kymothea,  die 
Wogengöttin,  ist  identisch  mit  Thetis,  die  sonach  auf  beiden 
Seiten  erscheint;  der  Gegensatz  zwischen  den  beiden  Bildern 
liegt  in  der  Bedeutung  der  Namen  Ukalegon  und  Antilochus: 
des  sich  um  nichts  kümmernden  und  dessen,  der  gegen 
Hinterhalt  und  List  schon  eine  andere  List  bereit  hält. 
Gegen  diese  Sätze  flösst  mir  die  Beschaffenheit  der  Com» 
Positionen  vielfaches  Mistrauen  ein.  Eine  Vase  von  so  hoher 
Vortrefflichkeit  wie  die  vorliegende  erlaubt  den  strengsten 
Maassstab  für  die  ^Erklärung  anzulegen,  einen  solchen,  wie 
er  z.  B.  für  die  Deutung  der  Kodrusschale  als  berechtigt 
anerkannt  ist.  Auch  an  ihr  haben  wir  Parallelcomposi- 
tionen; aber  gerade  an  ihr  lernen  wir,  wie  der  Künstler 
den  Parallelismus  bis  in  die  einzelnsten  Glieder  verfolgt. 
So  ist  denn  auch  auf  der  von  Schmidt  zur  Vergleichung 
herangezogenen  chiusiner  Vase  in  ^Arezzo  die  eine  Seite  fast 
Copie  der  andern.  Anders  auf  dem  vulcenter  Gantharus; 
zwar  haben  wir  auf  jeder  Seite  je  vier  Figuren ,  aber  das 
ist  zunächst  nur  ein  äusserliches ,  durch  den  Raum  wie  von 
selbst  gegebenes  Entsprechen.  Von  den  Figuren  aber  als 
Gliedern  der  Compositionen  betrachtet,  also  in  ihren  wechsel- 
seitigen Beziehungen  entspricht  bis  auf  Nestor  keine  auch 
nur  räumlich  der  Parallelfigur    der  Gegenseite,    am  wenig- 


70  Sitzung  der  phüo8,-phüol.  Classe  vom  4.  Januar  1868. 

stea  Ukalegon  dem  Antilochus,  der  an  Thetis  Stelle  stehen 
müsste,  während  Thetis  und  Patroclus  die  Mitte  einzunehmen 
hätten.  Der  blossen  Mannigfaltigkeit  zu  Liebe  hat  gewiss 
kein  griechischer  Künstler  den  einfachen  und  natürlichen 
Grundsatz,  Analoges  analog  zu  gruppiren,  aufgeben  mögen. 
Mir  ist  daher  der  Umstand,  dass  die  vier  Figuren  der  einen 
Seite  in  zwei  getrennte  Gruppen  zerlegt  sind,  für  die  Er- 
klärung in  so  weit  entscheidend ,  dass  ich  keine  Parallel- 
compositionen annehmen  kann.  Nehmen  wir  dazu,  dass  die 
Identität  der  Eymothea  und  Thetis  nur  hypothetisch  und 
keineswegs  nothwendig  ist,  so  wird  es  uns  wahrscheinlich 
werden,  dass  wir  uns  alle  acht  Figuren  in  eine  Composition 
vereinigt  und  die  beiden  Gruppen  der  Rückseite  je  an  die 
Enden  der  Hauptseite  angefügt  zu  denken  haben.  Diese 
Annahme  wird  sich  uns  durch  die  genauere  Betrachtang 
des  geistigen  Inhalts  bewähren.  Achilles  empfängt  den 
Abschiedstrunk  vonKymothea,  einer  Genossin  oder  Schwester 
der  Thetis:  warum  nicht  von  dieser  selbst,  werden  wir  bald 
sehen.  Ihm  zur  Seite  steht  Agamemnon ;  aber  weit  entfernt 
hier  als  sein  Gegner  aufzutreten,  nimmt  er  vielmehr  die 
Stelle  ein^  an  der  in  analogen  Compositionen  der  Vater  des 
Ausziehenden  oder  eine  Person  von  höherem  königlichem 
Range  erscheint.  Auch  Agamemnon  ist  der  König,  der 
Führer  des  ganzen  Heereszuges.  Als  solcher  ist  er  zugegen 
bei  der  Ausfahrt  des  Helden,  der,  um  Troja  zu  erobern, 
ihm  der  mächtigste  ja  nothwendige  Helfer  ist.  Aber  Achill 
geht  nicht  einfach  als  Untergebener  des  Agamemnon;  er  ist 
voll  Selbstvertrauen  auf  die  eigene  Kraft;  wenig  achtet  er 
die  Befehle  des  Königs  und  eben  so  wenig  die  Gefahren, 
die  ihm  von  Seiten  der  Feinde  auf  seiner  ruhmvollen  Lauf- 
bahn drohen  könnten.  Diese  seine  Natur  personificirt  sich 
in  dem  Namen  Ukalegon:  eine  Eigenschaft  des  Achill  er- 
scheint, wie  Schmidt  richtig,  wenn  auch  in  etwas  anderem 
Sinne   bemerkt,     von    ihm  losgelöst   in   der  Gestalt   eines 


Brum:  IroUche  MtsoeOen.  71 

B^leitera.  So  finden  wir  also  auf  der  Hauptseite  die  Ab« 
xdse  des  Achilles  dargestellt  nicht  als  eine  einfache  That* 
Sache,  sondern  mit  Andeutung  der  besonderen  Verhältnisse/ 
unter  denen  sie  stattfindet.  Dadurch  aber  wird  der  Be* 
schauer  weiter  angeregt  zu  fragen,  welche  Folgen  sich  aUa 
dieser  Thatsache  entwickelten.  Hier  hätte  nun  der  Künstler 
auf  der  Gegenseite  sehr  wohl  in  einer  besonderen  Scene^ 
sei  es  den  Heldenruhm,  sei  es  das  tragis<die  £nde  des 
Achilles  darstdlen  können.  Allein  mit  dem  den  Grieehea 
eigenthümlichen  Sinne  zog  er  vor,  in  der  dnheitlicheit 
Weiterbildung  der  vorderen  Composition  auf  der  Rückseite 
die  weiteren  Folgen  für  den  Kundigen  nur  anzudeuten,  an- 
statt  wirklich  zur  Anschauung  zu  bringen.  Dort  werden 
wir  in  Ermangelung  einer  Mittelgruppe  nach  den  Seiten 
hingewiesen,  wo  wir  statt  des  Agamemnon,  des  mächtigsten 
Königs,  Nestor^  den  weisesten  finden ,  statt  des  Ukalegon 
Thetis,  die  um  den  Sohn  vor  allen  besorgte.  Was  die 
strenge  Herrschergewalt  des  Agamemnon,  uns  etwa  für  den 
Achill  fürchten  lassen  kann,  das  wird  durch  die  Gegenwart 
Nestor's  gemildert,  der  sich  zum  Vermittler  darbietet,  wo 
sich  Gonflicte  zeigen.  Hier  wendet  er  sich  allerdings  mit 
seinem  Bathe  an  Antilochus,  seinen  Sohn ;  aber  indem  dieser 
nächst  Patroclus  der  trauteste  Freund  des  Achilles  wird^ 
ersdieint  Nestor  gleichsam  als  ein  zweiter  Vater  dieses  lete« 
teren.  Thetis,  die  Mutter,  wendet  sich  an  den  andern 
Freund  und  Genossen  des  Sohnes,  Patroclus;  und  gerade  in 
dieser  Gruppirung  liegt  eine  tiefe  psychologische  Wahrheit 
Der  kühne  thatendurstige  Achilles  würde  den  Mahnungen 
der  ilutter  schwerlich  Gehör  idhen.  Er  würde  in  den 
Mahnungen  ihrer  Liebe  nur  Hemnisse  des  zu  erwerbenden 
Rahmes  sehen.  Deshalb  wendet  sich  die  Mutter  nicht  an 
den  Sohn,  sondern  an  den  Freund:  ihm  liegt  wie  der  Mutter 
das  Leben  des  Freundes  am  Herzen;  der  Freund  kann 
durch  Bath)  durch  .Beistand  die  Gefahren  mildem ,  die  der 


73        SUgung  der  phüos.-^hüd.^Classe  vom  4*  Januar  1868, 

Kampf  bringt.  Im  letzten  Momaite  der  Trennung  mos» 
sich  allerdings  die  Mutter  zum  Sohne  zurückwenden:  dann 
aber  würde  auch  nur  noch  der  Schmerz  des  Scheidens  zum 
Ausdrude  gelangen  können  und  die  übrigen  Personen  wäreo 
hierbei  müssige  Zuschauer.  Ein^i  Moment  vorher  dagegen 
stehen  sie  alle  noch  in  lebendigster  Wechselwirkung  za 
einander;  und  in  diesen  Beziehungen  liegt  für  den  Beschauer 
die  Aufforderung,  sich  die  Ereignisse  zu  yergegenwärtigen, 
welche  die  Zukunft  bringen  wird.  Unter  Führung  eines  ge- 
waltigen Herrschers,  die  Gefahr  nidit  achtend  zieht  Achilles 
in  den  Kampf;  Thetis,  die  Mutter  und  Nestor,  ein  zweiter 
Vater  suchen  das  Schicksal  aufzuhalten,  das  ihn  bedroht, 
indem  sie  ihn  seinen  beiden  treuesten  Freunden  anempfehlen. 
Aber  dennoch  müssen  des  Geschickes  Beschlüsse  in  Erfüllung 
gehen:  die  ihm  schützend  zur  Seite  stehen  sollen,  sinken 
zuerst  dahin,  er  selbst  folgt  später,  aber  er  folgt,  um  erst 
im  Tode  wieder  mit  ihnen  vereinigt  zu  werden.  Ein  Grab-* 
hügel  deckt  ihre  Asche  und  ihre  Schatten  wandeln  vereint 
im  Hades. 

Die  Darstellungen  vom  Auszuge  des  Achill  haben  sidi 
sonach  zu  einem  schönen  Kreise  erweitert,  dessen  Betrach- 
tung auch  in  seiner  Gesammtheit  lehrreich  ist.  Wir  dürfen 
allerdings  annehmen,  dass  abgesehen  von  den  episodischen 
Erwähnungen  in  der  Ilias  (7,  1^5;  9,  252;  439;  11,  765; 
18,  58)  auch  die  Kyprien  die  Schilderung  dieses  Auszuges 
tdcht  fibergangen  haben  werden.  Ob  und  wie  weit  eine 
solche  aber  direct  und  im  Einzelnen  auf  die  Eunstdarstel- 
lungen  eingewirkt  haben  mag,  muss  einigermassen  zweifelhaft 
bleiben.  Bei  der  Verschiedenheit  der  Auffassung  in  jeder 
einzelnen  derselben  müssen  wir  vielmehr  vermuthen,  dass 
die  Kunst  innerhalb  gewisser  Grenzen  ihre  Selbständigkeit 
Sehr  bestimmt  gewahrt  hat,  dass  sie  wohl  im  Allgemeinen 
den  Mythenstoff  der  Poesie  entlehnte,  denselben  aber  in 
grosser  Freiheit   nadi   ihren  besonderen  künstlerisdien  Ge- 


Brunn:  Troisehe  Miscdkn,  7S 

sichtflimnkten  gestaltete.  Das  erste  nur  aus  zwei  Figuren 
bestehende  Bild  zeigt  uns  den  Abschied  von  der  Matter  in. 
der  m&chsten,  von  der  Kunst  streng  typisch  durchgebilde- 
ten Form  ohne  Nebenbeziehung.  In  dem  zweiten  Bilde  fehlt 
die  Matter  zwar  nicht;  aber  die  Hauptaufgabe  des  Künstlers 
war  doch  zu  zeigen,  dass  die  Trennung  auf  höheres,  gött- 
liches Geheiss  erfolgt.  Auch  in  dem  dritten  Bilde  tritt  die 
göttliche  Weisung  noch  bedeutsam  genug  hervor,  nur  dass 
der  Familienkreis,  aus  dem  Achill  scheidet,  ausfuhrlicher 
geschildert  wird,  wobei  es  eine  eigenthümliche  Wendung 
bleibt,  dass  wir  statt  des  Peleus,  den  wir  nach  Homer  er- 
warten sollten,  den  Nereus  finden.  Am  nächsten  stehen  viel- 
leicht der  epischen  Dichtung  die  beiden  Trinkschalen,  m 
denen  es  sich  um  die  Abholung  und  den  Auszug  in  grösserer 
kriegerischer  Umgebung  handelt.  Doch  zeigt  auch  hier  der 
Wechsel  der  Personen  (Chiron,  Hermes  und  Thetis  in  der 
einen,  Phoenix,  Iris  ohne  Thetis  in  der  andern  Gomposition, 
während  der  von  Homer  erwähnte  Odysseus  in  beiden, 
P&troclus  sicher  in  der  einen  fehlt),  dass  die  Künstler  sich 
schwerlich  an  den  Wortlaut  einer  einzelnen  Dichtung 
hielten.  Vielleicht  am  selbständigsten  ist  die  Erfindung  an 
dem  Cantharus  des  Epigenes;  und  doch  is{  vielleicht  der 
Gesammtgehalt  der  epischen  Dichtung  hier  am  vollständig- 
sten und  tiefsten  erfasst.  Nur  sidit  der  Künstler  von  der 
episch  erzählenden  Entwickelung  des  Dichters  völlig  ab  und 
basirt  seine  Darstellung  in  der  Weise  des  Polygnot  durch- 
aus auf  das  Ethos  der  dai^estellten  Figuren  fitst  ohne  alle 
Handlang,  die  doch  nur  erst  ein  Ausfiuss  dieses  Ethos  sein« 
würde. 

Hektors  Abschied. 
Lehrreidi  ist   die  Betrachtung  der  eben  besprochenen 
Denkmälergruppe  auch  für  das   Verständniss  eines  andern 
verwandten   Kreises    von   Darstellungen    eines    Abschiedes. 


74        Sitzung  der  phüos.-phüol.  Claaae  vom  4.  Januar  1868, 

Die  Schilderung  der  letzten  Begegnung  des  Hector  mit  seiner 
Mutter,  des  Abschiedes  von  Andromiache  gehört  ja  bekannt- 
lich zu  den  Glanzpunkten  der  Ilias;  und  doch,  wie  gering 
ist  ihre  Wirkung  auf  die  Werke  der  bild^den  Kunst  gewesen  t 
Die  Bilder  einer  ilischen  Tafel  (Ann.  d.  Inst.  1863,  tar. 
d'agg.  N.)  und  einiger  Gemmen  wollen  wenig  besagen;  ein 
Belief  (Overb.  XVI,  17),  in  dem  auch  gar  nichts  für  einen 
Abschied  charakteristisch  ist,  ja  sogar  der  Astyanax  gänzlich 
fehlt,  ist  füglich  aus  diesem  Kreise  ganz  auszuschliesen.  Be- 
deutender erscheint  ein  nur  aus  einer  flüchtigen  Erwäh- 
nung bei  Plutarch  (Brut.  23)  bekanntes  Gemälde,  in  dem 
aber  die  reicheren  Mittel  der  eigentlich  malerischen  Technik 
eine  bedeutendere  Entwickelung  psychologischer  Affecte  er- 
möglicht haben  wa<den.  Von  Vasen  dagegen  citirt  Overbeck 
(S.  404,  No.  26)  nur  eine  einzige :  auf  der  einen^Seite  steht 
der  gerüstete  Hector  auf  seinen  Speer  gelehnt,  auf  der  an- 
dern Andromache  mit  dem  Knaben  auf  dem  Arme,  der  die 
Hände  gegen  den  Vater  ausstreckt,  während  seine  Mutt^ 
rückwärts  blickt.  Hier  ist  allerdings  äusserlich  die  homeri- 
sche Scene  gegeben,  aber  von  dem  tieferen  Pathos  seiner 
Schilderung  finden  wir  im  Grunde  nichts  in  dem  Bilde.  Der 
Dichter  vermochte  uns  langsam  auf  den  rührenden  Moment 
vorzubereiten :  wir  befinden  uns  nicht  mehr  am  Anfange  des 
Krieges,  wo  das  Kriegsglück  noch  nicht  erprobt  ist;  wir 
empfinden,  dass  sich  das  Schicksal  anfangt  zu  Troja's  Ver- 
hängniss  zu  neigen ;  aber  noch  ist  die  Ge&hr  nicht  so  äugen« 
blicklich  drohend ,  dass  nicht  noch  Zeit  und  Baum  für  die 
menschliche  Bührung  der  Gatten  und  Eltern  gewesen  wäre, 
wenn  wir  auch  fühlen,  dass  diese  Momente  gezählt  sind. 
Der  Dichter  konnte  den  Helden  erst  wenige  Worte  mit  der 
Mutter  wechseln,  den  Paris  eilig  zum  Kampfe  auffordern, 
die  Gattin  in  der  eigenen  Behausung  aufsuchen  lassen,  um 
dann  die  letzte  fiüchtige  Begegnung  an  der  Mauer  mit  ihr 
zu  veranstalten:   Alles  Umstände,  von  denen  wenigstens  die 


Brunn:  Troische  MisceUen.  75 

Vaseniäaler  schwerlich  Nutzen  zu  ziehen  vermochten.  In 
diesem  richtigen  Geiuhle  scheinen  sich  denn  auch  dieselben 
von  weiteren  Versuchen  nach  dieser  Richtung  hin  fern  ge- 
halten zu  haben ;  und  wo  sie  den  Auszug,  das  Scheiden  des 
Hector  von  Eltern  und  Glattin  als  ein  für  Troja's  Geschick 
höchst  wesentliches  Moment  darzustellen  unternahmen,  da 
snditen  sie  den  Moment  selbstständig  aufzufassen  und  in  den 
typisch  klaren  Formen  ihrer  eigenen  Kunst  darzustellen. 
Ausgezeichnet  ist  in  dieser  Beziehung  das  alterthümliche 
Vasenbild  aus  Caere,  das  von  Overbeck  S.  401,  a  kurz  er- 
wähnt später  von  Braun  in  den  Ann.  d.  Inst.  1855,  T.  20 
pubUcirt  wurde.  Eine  Erklärung  der  zu  einem  Gesammt- 
bilde  vereinigten  einzelnen  Züge  des  Abschiedes  und  Aus- 
marsches aus  dem  Epos,  an  weldies  als  Quelle  wir  bei  der 
epischen  Breite  der  Darstellung  am  liebsten  denken  möchten, 
erweist  sich  bei  näherer  Betrachtung  als  unmöglich.  Aber 
wir  bedürfen  auch  nicht  einer  solchen  äusserlichen  üeber- 
einstimmung,  wo  das  innere  Wesen  der  epischen  Dichtung 
80  tief  erfasst  ist.  Hector  tritt  den  Eltern,  unter  denen 
psycholo^ch  wahr  die  Mutter  voransteht,  zum  Abschied 
gegenüber  an.  der  Spitze  eines  glänzenden  Heeresgefolges. 
Die  Gattin  fehlt  in  diesem,  so  zu  sagen,  politisch-kriegeri- 
schen Momente  ganz.  Aber  mögen  nun  die  Airol  von  Braun 
als  Unheil  verkündende  Schicksalsmächte  richtig  gedeutet 
sein  oder  nicht,  sicher  wird  durch  die  Gegenwart  der  Eas* 
saudra  und  Polyxena  am  andern  End^  des  Bildes  die  ganze 
tragische  Katastrophe  des  troischen  Krieges  unserer  Phantasie 
doch  weit  eindringlicher  vor  Augen  geführt,  als  es  durch 
die,  wenn  auch  menschlich  noch  Bo  rührende,  doch  zunächst 
nur  für  Hectors  Familienglück  bedeutsame.  Andromache  hätte 
geschehen  können.  Sogar,  ob  der  Künstler  einen  bestimm- 
te Moment  des  Krieges  im  Auge  gehabt,  erscheint  gleich- 
gültig, wo  es  sich  um  ein  Gesammtbild  des  Ausmarsches  der 
troischen  Schaaren  unter  Hectors  Führung  bandelt. 


76        üitzung  der  phüos.'phildl,  Classe  vom  4.  Januar  1868. 

Weniger  günstig  lässt  sich  über  zwei  andere  Vasenbilder 
urtheilen  (Overb.  S.  402,  b  und  403,  N.  23  =  Gerhard 
Aus.  Vas.  III,  190  u.  IV,  322);  und  die  Behauptung  ist 
▼ielleicht  nicht  zu  gewagt,  dass  sich  hier  bei  der  Reproda« 
ction  älterer  Vorbilder  mancherlei  Missverständnisse  einge- 
schlichen haben.  Dass  sie  im  Einzelnen  sich  nicht  streng 
an  die  epischen  Erzählungen  anschliessen,  bedarf  indessen 
kaum  eines  Beweises.  —  Fast  noch  unabhängiger,  aber  frei- 
h'ch  über  die  allgemeine  Bedeutung  einer  Rüstungsscene  kaum 
hinausgehend,  erscheint  das  rothfigurige  Vasenbild:  Oy.  S, 
400,  N.  22  =  Gerhard  A.  V.  III,  188.  —  Als  einfache 
Abschiedsscene  ohne  Rücksicht  auf  einen  bestimmten  Moment 
des  Epos  ist  endlich  ein  anderes  Vasenbild  (Oy.  XVI,  16 
=  Gerhard  A.  V.  III,  189)  behandelt.  Hector  lässt  sidbt 
im  Gegensatz  zur  homerischen  Erzählung  von  Hecuba  den 
Abschiedstrunk  reichen;  aber  durch  die  Veränderung  eines 
Motives  in  der  dritten  Figur,  der  des  Priamus,  hat  es  der 
Künstler  verstanden,  seine  Gomposition  aus  dem  Kreise  ge<- 
wohnlich  typischer  Darstellungen  herauszurücken  und  uns 
das  Unheilschwangere  des  ganzen  Moments  einfach,  aber  in 
eindringlichster  Weise  vor  Augen  zu  stellen.  Keineswegs 
aus  blosser  Laune  oder  etwa  künstlerischer  Abwechselung 
zu  Liebe  zeigt  er  uns  den  betrübt  sinnenden  Priamus  in  der 
Vorderansicht.  Wie  Timanthes  bei  dem  Opfer  der  I|)hi* 
genie  den  Agamemnon  mit  verhülltem  Haupte  darstellte,  so 
lässt  der  Künstler  hier  den  Priamus  seinen  Blick  von  der 
prächtigen  Erscheinung  des  Sohnes  w^wenden*  Nadidem 
sein  geistiges  Auge  vorahnend  erkannt,  dass  es  ihr  bestimmt 
ist,  in  den  Staub  zu  sinken,  würde  er  sie  länger  nidit  zu 
betrachten  vermögen,  ohne  in  unmännliche  Klagen  auszu- 
brechen. Auch  wir  aber  ahnen  in  seinem  Blicke  Hectors 
Tod,  der  des  Priamos  und  Troja's  Verhängniss  unfehlbar 
nach  sich  ziehen  wird. 


Brunn:  !IV<ri8che  MisedUn,  77 

Hektors  Tod. 

Das  Thema  yon  der  relativen  Selbstständigkeit  der 
bildenden  Kunst  gegenüber  der  Dichtung  als  ihrer  stoff- 
lichen Quelle,  welches  wir  im  Obigen  berührt  haben,  ist 
ein  zu  lockendes,  als  dass  wir  nicht  versuchen  sollten, 
es  durch  einige  weitere  Beispiele  zu  erläutern.  Wen- 
den wir  uns  von  Hectors  Abschied  zu  seinem  Tode,  so  fin- 
den wir  unter  den  mannigfachen  Darstellungen  desselben 
vier  unter  einander  ziemlich  übereinstimmende  Vasenbilder 
(Ov.  S.  451;  T.  19,  3  u.  4):  Hector  ist  bereits  gestürzt, 
Achill  im  Begriff,  ihm  den  Todesstoss  zu  geben.  Minerva 
steht  schützend  hinter  Achill.  Hinter  Hector  ist  Apollo  im 
Weggehen  begriffen,  aber  zurückblickend  erhebt  er  noch  in 
der  Rechten  einen  Pfeil.  Dass  er,  wie  Gerhard  meinte,  „dem 
Rathschluss  der  Götter  gehorsam,  hier  selbst  auf  seinen 
Liebling  einen  Todespfeil  absende,^'  ist  allerdings  nach  Over- 
becks  richtiger  Bemerkung  unmöglich,  schon  deshalb,  weil 
der  Pf^il  nicht  gegen  Hector,  sondern  gegen  Achilles  gerich- 
tet ist.  Wenn  aber  Overbeck  hinzufügt:  „das  Ganze  ist  ein 
ungeschickt  angebrachtes  Attribut^',  so  dürfen  wir  ihm  eben 
80  wenig  beistimmen.  Vor  dem  Beginne  des  Entscheidungs- 
kampfes wägt  Zeus  die  Geschicke  (II.  22,  212): 

Da  lastete  Hectors  Schickal 
Schwer  zum  Aides  hin;  es  verliess  ihn  Phoebus  Apollo. 
Vor  seinem  Ende  aber  richtet  Hector  noch  folgende  Worte 
an  Achill  (v.  358  ff.) : 
Denke  nunmehr,  dass  nicht  dir  Götterzorn  ich  erwecke, 
Jenes  Tags,  wann  Paris  dich  dort  und  Phöbus  Apollo 
Tödte%  wie  tapfer  du  bist,  am  hohen  skäischen  Thorel 
Den  Inhalt   beider  Stellen  sehen  wir  zu  einer  Einheit  ver- 
bunden in  der  Gomposition  der  Maler.   Apollo  verlässt  He- 
ctor; aber  die  Drohung,   die  Homer  durch  Hectors  Mund 
lossprechen  lässt,  legt  der  Künstler  in  die  Hand  des  Apollo 


78        Sitzung  der  phüos.-phUol  Claase  vom  4.  Januar  1868, 

selbst:  er  zeigt  Achilles  den  Pfeil,  der  für  ihn  bestimmt  ist 
und  durch  Paris  Hand  ihn  tödten  soll.  So  seSen  wir  ma- 
teriell im  Bilde  nur  Hectors  Tod;  aber' im  Geiste  erkennen 
wir  in  seinem  Falle  nur  das  Vorspiel  zum  Tode  des  Achilles. 
—  Diese  schöne  Erklärung  rührt  übrigens  nicht  von  mir 
her,  sondern  ich  verdanke  sie  Emil  Braun,  der  sie,  wie  ich 
jetzt  sehe,  auch  in  den  Ruinen  und  Museen  Roms  S.  814 
kurz  ausgesprochen,   aber  nicht  näher  motivirt  hat. 


Odysseus  und  sein  Hund. 
In  ähnlicher  Weise  menschlich  rührend  wie  Hectors 
Abschied  ist  in  der  Odyssee  die  Scene  der  Wiedererkennung 
des  Odysseus  durch  seinen  Hund  (XVH,  291  flf.).  Wir  be- 
sitzen nun  allerdings  einige  geschnittene  Steine  und  eine 
Münze,  die  auf  diese  Scene  bezogen  werden  dürfen ;  doch  von 
dem  Zauber  der  Poesie  finden  wir  in  diesen  Darstellungen 
nichts  wieder:  es  kamen  bei  ihrer  Anfertigung  wohl  mehr  | 
symbolische  oder  historisch  -  genealogische  Absichten  in  Be- 
tracht, als  eigentlich  künstleriche  Zwecke.  Ausserdem  aber 
kehrt  ganz  unerwarteter  Weise  der  Hund  in  zwei  Composi- 
tionen  ganz  verschiedener  Scenen  wieder:  er  liegt  unter 
dem  Stuhl  des  Odysseus  in  den  Terracottareliefs,  welche 
die  Wiedererkennung  des  Odysseus  durch  Eurykleia  dar- 
stellen (Ov.  33,  5;  Campana  op.  in.  plast.  71);  und 
auf  einer  im  Bull.  d.  Inst.  1865,  p.  246  beschriebenen 
[jetzt  in  den  Mon.  VIH,  47  publicirten]  Spiegelkapsd 
sucht  er  mit  erhobener  Pfote  die  Aufmerksamkeit  seines 
Herrn  bereits  auf  sich  zu  lenken,  während  Penelope 
ihrem  Gatten  noch  gegenübersteht,  ohne  ihn  zu  erkennen. 
Steht  nun  die  Gegenwart  des  Hundes  in  diesen  beiden 
•Scenen  nicht  in  directem  Widerspruche  mit  den  Worten 
Homers,  welcher  den  Hund  nach  der  Wi^ererkennung 
seines  Herrn  sterben  lässt?  Mit  dem  Wortlaut  allerdings; 
aber   gewiss  nicht  mit  dem  tieferen  Sinne  der  homerisQhen 


Brunn:  Troisehe  MisedUn.  79 

Dichtung.  Denn  welches  ist  der  eigentliche  Zweck  der  gan- 
zen Episode?  Odysseus  kehrt  in  die  Heimath  zurück,  un- 
eikannt  von  Freund  und  Feind;  selbst  die  Treuesten,  die 
mit  Sehnsucht  seiner  Rückkehr  harren,  Eumaeus,  Eurykleia, 
sogar  Penelope  stehen  ihm  gegenüber,  ohne  seine  Qegenwart 
zu  ahnen:  sie,  die  mit  Vernunft  begabten  Wesen,  bedürfen 
der  äusseren  Zeichen,  um  die  freudige  Gewissheit  seiner 
Rückkehr  zu  erlangen.  Diesen  menschlichen  Zweifeln  gegen- 
über tritt  uns  der  Hund  entgegen  wie  ein  Zeuge  höherer 
Art  für  den  echten  Odysseus;  mögen  Menschen  zweifeln  oder 
dem  Irrthum  unterworfen  sein,  der  natürliche  Instinct  des 
Thieres  täuscht  sich  nicht.  Dadurch,  dass  Odysseus  beim 
Eintritt  in  den  Hof  des  Hauses  yon  seinem  Hunde  erkannt 
wird,  ist  er  als  Herr  desselben,  so  zu  sagen,  legitimirt. 
Nachdem  dieses  Zeugniss  gegeben,  konnte  der  Dichter  den 
Hund  sterben  lassen;  ja  er  musste  es  beinahe,  damit  der 
Hund  nicht  etwa  unfreiwillig  zum  Verräther  werde.  Für 
den  Künstler  lag  zu  dieser  letzten  Wendung  keine  Nöthigung 
vor.  Er  zeigt  uns  Penelope  noch  von  Zweifeln  geplagt; 
aber  damit  wir  erkennen,  dass  der  echte  Odysseus  Tor  ihr 
steht,  lässt  er  den  Hund  sehnsüchtig  zu  seinem  Herrn  empor- 
schauen. —  Eurykleia  will  in  höchster  Ueberraschung  laut 
aufschreien,  als  sie  die  Narbe  am  Fusse  des  Odysseus  er- 
kennt. Odysseus  schnell  gefasst  drückt  ihr  den  Mund  zu 
und  wendet  sich  in  demselben  Augenblicke  gegen  den  (eben- 
falls nicht  in  Uebereinstimmung  mit  Homer  hier  gegenwär- 
tigen) Eumaeus.  Durch  ein  schnelles  Wort  sucht  er  dessen 
Aufmerksamkeit  zu  fesseln  und  seinen  etwas  neugierigen  Blick 
von  der  gefährlichen  Stelle  abzuwenden:  denn  noch  ist  es 
nicht  Zeit,  auch  ihn  schon  in  das  Geheimniss  einzuweihen. 
So  hält  hier  die  Geistesgegenwart  des  Odysseus  Alles  in  le- 
bendigster Spannung.  Aber  dass  hier  kein  Betrug  gespielt 
wird,  dass  wir  wirklich  den  echten  Odysseus  vor  uns  haben, 
dafür  gewinnen  wir  wiederum  ein  sicheres  Zeugniss  durch 


80        Siteung  der  phih8,'philol.  OUuH  vom  4.  Jcmuar  1868. 

den  Hnnd,  der  rahig  neben  seinem  Herrn  liegt/)  Er  allein 
bleibt  nnberührt  yon  Aufregung;  denn  das,  wodurch  diese 
hervorgerufen  wird,  ist  für  ihn  kein  Qeheimniss  mehr;  für 
ihn  ist  Odjsseus  schon  längst  nicht  mehr  ein  Bettler,  son- 
dern sein  rechtmässiger  Herr  und  Gebieter. 


4)  In  der  Wiederholung  der  Gomposition  bei  Ov.  88,  4,  wo  er 
gegen  die  Eurykleia  aufblickt,  sind  auch  alle  übrigen  Abänderungen 
einzelner  Motive  so  entschiedene  Verschlechterungen,  dass  man,  so- 
lange das  Original  nicht'  einer  erneuten  Prüfung  unterworfen 
werden  kann,  an  eine  moderne  ümarbeitnag  zu  denken  geneigt  sein 
wird. 


Hofmam:  Jltfranz.  Pr&sastück.  81 


Herr  Hofmann  legt  vor: 
1)   „Ein  unedirtes  altfranzösisches  Prosastück  aus 
der  Lambspringer  Handschrift/' 

Das  Prosabruchstiick  derHildesheim-Lambspringer  Hand- 
schrift, welches  W.  Müller  in  seiner  Ausgabe  des  Alexis  er- 
wähnt, kann  ich  hier  durch  Vermittlung  meines  Freundes 
Hofimann  von  Fallersleben,  der  es  mir  von  W.  Müller  ver- 
schaffte, mittheilen.  Es  ist  kurz,  aber  so  interessant,  dass 
man  mir  für  dessen  Veröffentlichung  mit  dem  Hauptstücke 
der  Lambspringer  Handschrift  Dank  wissen  wird. 


[1868. 1. 1.] 


82         Sitzung  der  phüa8,»phüol,  Gaase  vom  4,  Januar  1868. 

Ecce  responsum  sancti  Gregorii  Secundino  incluso 
rationem  de  picturis  interroganti. 

Aliud  est  picturam  adorare.  aliud  per  picture  hi- 
storiam  quid  sit  adorandum  addisoere.  Nam  quod  le- 
gentibus  scriptura  hoc  ignotis  prestat  pictura. 

quia  in  ipsa  ignorantes  uident  quid  sequi  debeant. 
In  ipsa  legunt  qui  litteras  nesdunt.  unde  et  precipae 
gentibus  pro  lectione  pictura  est. 

quod  magnopere  tu  qui  inter  gentes  habitas  adten- 
dere  debueras.  ne  dum  recto  eelo  incaute  succaideris. 
ferodbus  animis  scandalum  generares. 

frangi  ergo  non  debuit  quod  non  ad  adorandum  in 
ecdesiis.  set  ad  instruendas  solumn^odo  mentes  nesden- 
tium  constat  coUocatum  et  quia  in  lods  uenerabilibus 
sanctorum  depingi  historias  non  sine  ratione  uetustas 
admisit. 

si  zelum  discredone  condisses.  sine  dubio  et  ea 
que  intendebas  salubriter  obtinere  et  collectam  gregem 
non  disperdere   * 

set  podus  poteras  congregare.    ut    pastoris  intemeratom 
nomen  excelleret.    non  culpa  dispersoris  incumberet. 

Diese  Stelle  findet  sich  allerdings  wörtlidi  so  bei  Gregor  dem 
Grossen,  aber  nicht  in  einem  Briefe  an  den  inclnsns  SecundintiB, 
sondern  ad  Serenum  Massiliensem  episcopum  (Set.  Gregorii  Magni 
Epistt  1.  XI.  Ep.  XUI.  p.  1100,  Spalte  1128  bei  Migne).  Dass  onsere 
Stelle  irrig  überschrieben  ist,  hat  seinen  Grund  ohhe  Zweifel  darin, 
dass  sich  die  berühmteste  Stelle  des  Gregorios  über  Bilderverehmng 
wirklich  in  einem  Briefe  an  Seoundinos  befindet,  im  IK.  Bache, 
62.  Briefe  p.  971,  Sp.  990  bei  Migne,  Patrol.  tom.  77resp.  3  Gregorii. 


Hofmann:  Mtfranz,  Prosastück.  83 

Este  uns  le  respuns  saint  Gregorie  a  Secundin  le 
reclus  cum  il  demandout  raison  des  paintures. 

1  Altra  eose  est  aarier  la  painture  e  altra  cose  est  par  le 
histone  de  la  painture  aprendre  quela  oöse  seit  ad 
aurier.  Kar  ico  que  la  scripture  aprestet  as  lisanz  ieo 
aprestet  la  painture  as  Ignoranz.  Ear  an  icele  veient 
5files  ignoraDZ  quet  11  deivent  siüre.  an  icele  lisent  icels 
Jd  letres  ne  seuent.  ampur  la  quele  cose  maismement 
la  peinture  est  pur  leceun  as  genz.  La  quele  oöse  tu 
qui  habites  entra  les  genz.  deuses  antendra.  que  tu 
nangendrasses    scandale  de    crueles    curages    dementiers 

10  que  tu  esbraseras  nient  cuintement  par  droit  amuidie. 
Geres  nient  ne  deut  estra  fruissiet  ico  que  nient  ne  par- 
maint aluiet  ad  aurier  an  eglises.  mais  ad  anstruire 
sulement  les  penses  des  nient  sauanz.  e  ampur  ioö  que 
lancienetiet    nient    senz   raisun    cumandat    les    hystories 

15  estra  depaint[es]  ^)  es  honurables  lius  des  sainz.  se  tu 
feisses  amuidie  pär  discrecion.  senz  dutance  poeies  sa- 
luablement  purtenir  les  ooses  quo  tu  attendeies')  e 
nient  deperdra  la  cuileita^)  folc  mais  maisme[me]nt^) 
asemblier  que  le  nient  fraint  num  de  pastur  excellist     e 

20  nient  aniöust^)  la  culpa  del  deperdethur. 


1)  HS.  depaint 

2)  So  die  HS.  Yielleiclit  antendeies  zu  lesen. 

3)  So  die  HS.  Vielleicht  culleita  zu  lesen. 
4j  HS.  maisment. 

B)  anioust  =  incumberet  =  enjeüst. 


6* 


84        Sitzung  der  phüos.-phüol.  Classe  vom  4.  Januar  186S. 


2)     „Das    altfranzösische   Gedicht    auf  den    heil. 
Alexius,  kritisch  bearbeitet". 

Die  älteste  Bearbeitung  der  ita  Mittelalter  so  berühmten 
Alexiuslegende,  welche  sich  in  irgend  einer  Vulgärsprache 
bis  jetzt  gefunden  hat,  ist  bekanntlich  die  altfranzösische, 
welche  uns  in  der  weiland  Lambspringer,  jetzt  Hildesheimer 
Händschrift  aufbewahrt  ist  und  welche  zuerst  1845  von 
W.  Müller  in  Haupts  Zeitschrift  f.  d.  A.  V.  299—318, 
später  1855  von  Gessner  in  Herrigs  Archiv  für  das  Studium 
der  neueren  Sprachen  XVII.  189—227  herausgegeben  ist. 
Der  Alexis  ist  mit  Ausnahme  des  kleinen  Eulalialiedes  das 
älteste  bekannte  Denkmal  nordfranzösischer  Dichtung,  denn 
wenn  auch  die  Passion  Christi  und  das  Leben  des  heiligen 
Leodegar,  die  ich  jüngst  in  den  Monatsberichten  wiederholt 
behandelt  habe,  älter  sind  und  auf  nordfranzösische  Originale 
hinweisen,  so  sind  sie  uns  doch  nicht  in  reinfranzösischer 
Fassung  überliefert.  Der  Text  der  Lambspringer  HS.  ist 
weit  entfernt  schlecht  zu  sein;  aber  doch  im  einzelnen 
mangelhaft  genug,  um  an  mehr  als  einer  Stelle  die  Her- 
stellung einer  ganz  sichern  Lesung  unmöglich  erscheinen  zu 
lassen.  Seine  Mängel  ergänzt  in  erwünschter  Weise  die 
Pariser  Handschrift  des  Fonds  S.  Germain  des  Pres  1856  ^), 


1)  Der  Cod.  1856  S.  Germain  des  Pres  enthält:  Vie  de  St. 
Laurent  f®.  1  ff.  —  Adieux  de  Jesus  Christ  a  Notre  Dame,  par 
Willaume  pretre  P.  8.  —  La  vision  St.  Paul  f^.  12.  —  De  Ste.  Marie 
TEgiptienne  R  15.  —  De  St.  Alexis  f^,  26  —  De  St.  Johan  Tevan- 
geliste  f^.  31.  —  De  S.  Johan  Baptiste  f*.  35.  — -  De  S.  Barthelemy 
P.  37.  —  De  SS.  Pierre  et  Paul  f'.  40.  —  Du  Jugrement  de  Dieu 
f^.  42.  —  Sermon  en  vers  sur  le  Jugement  de  Dieu  P.  45.  —  Le- 
gende de  Pilate  en  prose  fP.  48.  — »  Du  mepris  du  Siecle  f^.  59.  — 
De  Ste.  Marie  Magdelaine  par  Willaume  fP.  65.  —  Enseignement  sur 


Hofmann:  Alexis.  85 

auf  deren  Varianten  hauptsächlich  meine  vorliegende  kritische 
Bearbeitung  des  Ganzen  beruht.  Näheren  Aufschluss  gibt 
das  Verzeichniss  der  Lesarten  selbst.  Dass  ich  Verstösse 
gegen  Grammatik  und  Metrik  nicht  als  Licenzen  oder  Alter- 
thüinlichkeiten ,  sondern  als  Fehler  betrachte  und  daher 
konsequent  tilge,  wird  man  bei  meiner  kritischen  Methode, 
die  auf  reine  Texte  ausgeht,  nicht  anders  erwarten. 

Sonstige  Pariser  Handschriften,  die  das  Leben  des 
Alexius  in  Versen  enthalten  und  die  ich  für  meinen  Zweck 
angesehen  habe,  sind  folgende  (nach  den  früheren  Bezeich- 
nungen) : 

1)  7595  (jetzt  1553),  welches  MS.  im  Anhang  zu  Bar- 


• 

le  Pater  noster  en  prose  f^.  70.  —  De  confession  en  prose  f*.  80.  — 

De  Notre  Dame  par  Willaume  f^.  84.  -—  Dit  du  Besant  de  Dieu  par 

Willaume  f^.  94.  —  Des   trois   ennuis   de   rhomme  (Rauch,   Traufe, 

böse  Frau)  par  Willaume  f^.  123.  —  Vie  de  Tobie,  adressee  a  Guil- 

laume  prieur  de  Keneillewerche  eu  Ardenne  f^.  127.  —  Vie  de  Ste. 

Marguerite   f^.   139.  —  Li   romans   du   romans    f°.    144.  .(Satyrisch 

moralisirend  über  den  Weltlauf.  —  Quatre  sermons   en  latin   et   en 

fran^ais,  prose  f^.  152.  • —  De  Lazare  et  des  miracles  du  J.  C.  et  de 

sa  passion  f^.  190  —  Ende.  Das  jüngste  Gericht  wird  so  beschrieben : 

(f.  45)    Or  oez  des  grans  signes  qui  deuant  co  uendrunt 

le  ciel  se  pliera  a  la  terre  desouz 

et  la  terre  croulera  desque  en  abisme  al  funz 

li  iors  deuendra  nuit  doleros  en  cel  tens 

le  Boleil  et  la  lune  roges  ierent  comme  sanc 

et  sanc  plouera  del  ciel  desque  en  Orient 

li  halt  munt  et  li.ual  trestut  tremblerunt 

apres  le  tremblement  dangoisse  uerserunt 

les  esteiles  del  ciel  ius  a  terre  charunt 

dunts  uendra  une  nue  deuers  le  ciel  amunt 

et  laltre  uendra  deuers  Orient 

getera  feu  et  flambe  moult  angoiseusement 

nnef  cotes.(coce8?  cores?  unsicher)  enuiron  ardra  terre  en  tot  sens 

puis  niert  mostier  niglise  ne  cite  ne  pais 

la  mer  sen  iert  alee  et  li  mund  iert  finis 


86  Sitzung  der  pMos.'phüd,  Glosse  vom  4,  Januar  1868, 

laam  und  Josaphat  edd.  H.  Zotenberg  und  Paul  Meyer, 
Kt.  Verein  1864,  S.  329  flf.  und  früher  von  Fr.  Michel  in 
der  Einleitung  zum  Roman  de  la  Violette  inhaltlich  ver- 
zeichnet wurde.  Der  Text  weicht  sehr  vom  Lambspringer 
ab  und  ist  sehr  inkorrekt,  wie  ich  aus  den  Auszägen  er- 
sehe, die  ich  mir  davon  gemacht  habe,  z.  B.  lautet  der 
Anfang 

Cha  en  arriere.     an  tans  anchienors 

fois  fu  en  tiere  iustise  et  amors 

et  verites  creanche  et  doucors 

mais  ore  est  frailes.  et  plains  de  grant  dolors 

iamais  nert  tex  9  fu  as  ancissors 

ne  potent  \\.  portent]  foi  li  mari  lor  oisors 

ne  li  vassal  fianche  lor  signors 

ne  rois  ne  contes  fiance  ne  diu  ne  hon 

eis  mondes  est  tornes  en  molt  grandes  errors 

eis  siecles  est  maluais  tornes  est  al  desos  etc. 

2)  7986  ist  ebenfalls  ein  anderer  Text»).  Die  Stadt 
AlsiSf  Axis,  Alxis  heisst  hier  Rohais  und  Hröhais  (zuerst 
landet  er  in  Landise),  dort  findet  er  das  wunderthätige  Bild. 
(In  7595  heisst  Alsis  Alis  und  Alexis   Alesins.) 

3)  7652  (Papier)  folio,  enthält  in  sehr  junger  Schrfk 
(15.  Jhd.)  la  vie  saint  Alexis  P.  72  r^  —  84  v®. 

4)  Suppl.  fr.  632»  P.  51  v^  —  flf.  Dieser  Codex  ent- 
hält meist  geisth'che  Gedichte  und  Fabliaux,  die  von  Ere- 
miten handeln*).     Der  Alexis  hat  hier  den  zweifachen  Um- 


2)  Cod.  7986  ^kl.  4^)  enthält:  1.  histoire  de  lanoien  et  dn  nou- 
veau  testament  en  vers  fr.  par.  Hermant.  2.  plasieurs  miracles  de 
N.  D.^  extraits  de  ceux  de  Gautier  de  Coinsy.'^S.  Le  dii  de 
lunicome  et  du  serpent.  4.  Vie  de  sainte  Thais.  6.  Yie  de  sainte 
Marguerite.  6.  le  pater  noster  en  vers  par  Silvestre.  7.  Vie  de 
8.  Alexis.    8.  li  viex  de  Cologne. 

3)  Cod.  632  ■  Suppl.  fr.  hat  unter  anderm  f>.  169  r®.    Del  preu- 


Hofinann:  Alexis,  87 

fällig  des  alten  Textes,  einzelne  Verse  und  Tiraden  stimmen 
jedoch  überein,  so  class,  da  auch  der  Gang  der  Erzählung 
derselbe  ist,  angenommen  werden  kann,  dass  der  jüngere 
Ueberarbeiter  und  Erweiterer  dip  alte  Dichtung  in  der 
Form,  wie  sie  in  der  Lambspringer  Handschrift  vorliegt, 
und  in  der  Pariser  (1856)  modemisirt  erscheint,  gekannt 
hat.     Anfang  f«.  51<>. 


domme  qui  trouua  larbre  sec  et  rauerdi  et  del  larron  qui  trouua  la^ 
fontaine  dont  li  raissians  aloit  courant  contremont.  —  185  v^.  De 
lermite  ki  passa  parmi  le  geule  lanemL  —  187  r^.  Del  pronuoire  ki 
fist  fomication  lannit  da  noel.  —  191  r^.  De  la  dame  de  Borne  a 
cai  li  fils  gisoit  que  li  maufes  aoousa  a  lempereour.  —  194  y^.  Del 
uilain  asnier  a  cui  Merlins  parla  et  le  monteplia  puis  le  descrist  par 
8on  orguel.  199  r^.  Don  preudomme  et  de  sa  ferne  qui  lor  fille  uit 
Inn  em  paradis  et  lautre  en  infer  —  204  r^.  Dune  empereris  de 
Roume  que  li  freres  son  baron  requist  —  210  v^.  De  lermite  qui 
oonuerti  le  mordreur  qui  fu  saus  et  li  hermites  fa  dampnes.  -~ 
214  r^.  Dela  nonain  qui  laissa  sabeie  et  folia  et  nostre  dame  semi 
por  li.  —  219  r^.  Del  poure  clerc  qui  disoit  Ave  Maria  —  221  r*^. 
De  Saint  Jerome  qui  vit  le  diable  sor  la  keue  a  la  dame  en  la  oite 
de  Bellune.  —  223  r^.  Del  Jus  qui  ferirent  le  crucefis  de  la  lanoe  et 
il  engeta  grant  habundance  de  sanc.  —  226  y^.  De  celui  que  li  bo- 
teriauB  prist  par  le  leure  por  son  pere  qui  laissa  auoir  mesaise. 
229  r^  Del  bouriois  de  Borne  qui  espousa  lymaige  de  piere — 234  v^. 
Del  preudomme  cortillier  qui  maheigna  pour  eou  quil  se  repenti  de 
saumosne.  237.  Del  roi  qui  vaut  faire  ardoir  le  fil  a  son  senescaL 
245  v^.  Des  XU.  hermites  dont  li  uns  se  rendi  en  la  blanche  abeie 
et  li  autres  en  la  noire  montaigne  et  li  tiers  a  besechon.  —  264  v^. 
Del  preudomme  qui  ne  pot  emplir  le  bareil.  —  267  v^.  De  labesse 
encainte  que  nostre  dame  deliura.  —  272.  Del  ermite  qui  conuerti 
le  duc  Malaquin.  276.  Del  moine  qui  conuerti  le  castel  que  li  diables 
et  efforchie.  —  280.  Del  ermite  qui  ploura  sour  le  sarrassin  mort. 
—  282.  Del  clerc  Goulias  qui  se  rendi  pour  labeie  reuber  et  puis 
en  fu  il  abes  —  206.  Des  Till,  hermites  dont  li  dui  estoient  iouene 
et  li  dui  villart  et  oes  IL  yillars  beitoit  li  sains  toulons  Ipr  viande. 
Der  SchluBs  fehlt.    Ende  des  Bandes. 


88  Sitzung  der  pMos.-phüöl.  Glosse  vom  4.  Januar  1868. 

Signour  et  dames  entendes  un  sermon 

dun  saintisme  home  gui  Alessis  ot  non 

e  dune  ferne  que  il  prist  a  oissor 

que  il  guerpi  pour  diu  son  creatour 

caste  pucele  et  gloriouse  flour 

qui  ains  a  li  ne  not  9  ueition   (sie,  für  conversation  ?) 

pour  diu  le  fist  sen  a  bon  guerredon 

saulue  en  est  lame  el  ciel  nostre  signour 

li  cors  en  gist  a  rome  a  grant  hounor 

bons  fu  etc. 

Das  Ganze  hat  hier  etwa  1200  Zeilen  oder  mehr. 
Diese  Handschriften  erwähne  ich  nur,  weil  in  allen 
einzelne  gute  Lesarten  zur  Bestätigung  oder  Berichtigung 
des  alten  Textes  sich  finden  können,  die  irgend  Jemand  der 
liUst  und  Müsse  zu  solchen  stillen  Arbeiten  hat,  einmal  aus- 
ziehen und  nutzbar  machen  sollte.  So  hat  mir  der  Cod. 
632^  für  Str.<  1,4  die  vorzügliche  Emendation  yalur  (für 
colur)  ergeben,  die  ich  in  den  Text  aufgenommen  habe, 
wiewohl  auch  colur  im  Hinblick  auf  2,4  sich  vertheidigen 
lässt.  Sonst  ist  die  Abweichung  von  632  so  gross,  dass 
die  Frau  des  Eufemien  Boneuree  und  ihr  Vater  Flourens 
(Acc.  Flourent),  und  der  Kaiser  Otevians  (Octayianus)  heisst, 
welchem  Alexius  7  Jahre  als- Oberkämm erling  (maistre  cam- 
brelent)  gedient  hat.  Der  Vater  von  Alexius  Frau  heisst 
Lesigne  oder  Lesigue  (Exiguus?). 

Prosaeinleitung  des  Alexis. 

Ich  gebe  sie  wieder,  1)  weil  man  aus  ihr  deutlich 
sieht,  wie  gering  die  Kenntniss  des  Schreibers  von  der 
französischen  Sprache  war.  suverain  pietet,  souverain  con- 
suladum  konnte  nur  ein  englischer  Schreiber  setzen.  2)  habe 
ich  bemerkt,  dass  diese  Einleitung  wie  der  Comm'entar  zu 
den  QLR.  in  Reimprosa  geschrieben  ist,     und  zwar  in  zwei 


Hofmann:  Alexis,  89 

Tir^den,  einer  kürzeren  auf  an,  um,  und  einer  zweiten 
längeren  auf  el,  er,  etc.  Ich  bezeichne  sie  durch  liegende 
Schrifl.  Aus  W.  Müller's  Beschreibung  geht  hervor,  dass 
unser  über  monasterii  Lambspringensis  ordinis  sancti  Bene- 
dict! congregationis  Anglicanae  auf  den  ersten  8  Blättern 
einen  Kalender,  auf  den  folgenden  20  biblische  Gemälde  ent- 
hält. Diese  letztern  sollten  einmal  von  einem  Kunstkenner, 
wie  unser  Hefiier  Alteneck  einer  ist,  auf  Gostüme  und  Stil 
untersucht  und  dadurch  Zeitalter  und  Vaterland  der  Hand- 
schrift genau  bestimmt  werden.  Nach  meiner  Meinung  muss 
sie  im  12.  Jahrhundert  (etwa  nach  1150)  in  England  ge- 
schrieben und  nach  1643  durch  die  englischen  Benediktiner 
nach  Deutschland  gebracht  sein. 

Ici  cumencet  amiable  cauct<n  e  spiritel  raisem  d'iceol 
noble  bartm,  Eufemien  par  num,  e  de  la  nie  de  sum  filz 
boneüref  del  quel  nus  auum  oit  Hre  e  canter.  par  le  di- 
nine  uolentß^  il  desirrables  icil  sul  filz  angendrat,  (lies  ad 
angendr^O  ftpi'QS  le  naisance  co  fut  emfes  de  deu  methime 
ame^  e  de  pere  e  de  mere  par  grant  certet  nurrit  (lies 
nurrit  par  grant  c&tiet).  la  sue  iuüente  fut  honeste'  e  spi- 
rit^Z.  par  1'  amist^^  del  suVerain  piete^  la  sue  spuse  iuuene 
cumandat  (1.  ad  cumande^)  al  spus  vif  de  verite^  ki  est  un 
sul  faitur  e  regnet  an  trinitie^.  Gesta  istorie  est  amiable 
grace  e  suuerain  consulacium  a  cascun  memorie  spiriteZ,  les 
quels  uiuent  purement  sulunc  casteth«^  e  dignement  sei  de- 
litent  es  goies  del  cieZ  et  es  noces  uirgin^Z^. 

Alexis. 

1   Bons  fut  li  secles  al  tens  ancienur; 
quer  fei^r  i  ert  e  justise  et  amur, 
si  ert  creance,  dunt  ore  n'  i  at  [nul]  prut, 
tut  est  muez,  perdut  ad  sa  t;alur, 
ja  mais  n'  iert  tels  cum  fut  as  anceisurs. 


90        Sitzung  der  phüos.'phüol.  Classe  vom  4.  Januar  1868. 

2  AI  tens  Noe  et  al  tens  Abraham 

et  al  David,  qui  deua  par  ainat  tant, 
bona  fut  li  secles,  ja  mais  n'  ert  si  vailanje^, 
velz  est  e  frailes  tut  s'  en  vat  remanant, 
si  'st  ampaire^,  tut  bien  i  vait  morant. 

3  Puis  icel  tens  que  deus  nus  yint  salver, 
nostra  anceisur  ourent  cristientet, 

si  fut  xms  sire  de  Rome  la  citet, 

rices  hörn  fud   de  grant  nobilitet; 

pur  hoc  vus  di,  d'  un  son  fil[z]  voil  parier, 

4  Hufemiens  si  out  a  nnum  li  pedre, 

COQS  fut  de  Rome  des  melz  Jd  dune  i  erent. 
sur  tuz  ses  pers  V  amat  li  emperere. 
dune  prist  muiler  vailante  et  honurede 
des  melz  gentils  de  tuta  }a  euntretha. 

5  Puis  converserent  ansemble  longament, 
n'  ourent  amfant,  peiset  lur  en  forment 
e  deu  apelent  andui  parfitement: 

,,e,  reis  Celeste  1  par  ton  cumandement 
amfant  nus  done  qui  seit  a  tun  talent/' 

6  Tant  li  prierent  par  grant  humilitet, 
que  la  muiler  dunat  fecunditet. 

un  fil[z]  lur  dunet,  si  1'  en  soürent  bon[t]  gret, 
de  sain  batesma  V  unt  fait  regenerer, 
bei  num  li  metent  selunc  cristientet. 


3,  4.  vait  declinant.    5.  eest  enperiez  tut  bien  i  uait  morant. 

3,  5.  sön]  snen. 

4,  4.  vaillant.    5.  plus  et.  melz. 

5,  2,  que  enfant  nourent  poise  lur  forment.    3.  deu  en.  fehlt  andui. 
4.  Celestes. 

6/1.  len  für  li,  bele  st.  grant.    2.  qua.    3.  fil.    6.  lui  mistrent  se* 
lune  crestiente. 


Hofmann:  Alexis.  91 

7  Fad  baptizejgr,   si  out  num  Alexis. 
ki  lui  portat,  suef  le  fist  nurrir, 
puis  ad  escole  li  bons  pedre  le  mist. 
tans  aprist  letres  que  bien  en  fut  guarnier, 
pais  yait  li  emfes  1'  emperethar  servir. 

8  Quant  veit  li  pedre,  que  mais  n'  aurat  amfant 
mais  que  eel  sal  que  il  par  amat  tant, 

dune  se  purpenset  del  secle  an  avant, 
or  volt  que  prenget  moyler  a  sun  vivant, 
dune  li  aeatet  filie  d^  un  noble  Franc. 

9   Fud  la  pulcela  [nethe]  de  mtdt  halt  parentet, 
fiUe  ad  un  conpta  de  Rome  la  ciptet, 
n'  at  mais  amfant,  lä  volt  mult  honurer. 
ansemble  an  vunt  li  doi  pedre  parier, 
lur  dous  amfanz  volent  faire  asembler. 

10  Doinent  lur  terme  de  lur  adaisement, 

quant  vint  al  jum^  dune  le  funt  gentement. 
danz  Alexis  1'  espuset  belament; 
mais  c'  est  tel  plait  dunt  ne  volsist  nient, 
de  tut  an  tut  ad  a  deu  sun  talent. 


7,  1.  baptizie  fu  si  out  alix  anun  — .    2.  ki  lout  porte  yolentiers  le 
norrit.      3.  et  li  bons  peres  a  escole  le  mist. 

6,  2.  celui  für  ^ue  cel,    kil  ainme  für  que  il  par  amat.      4   et  neat 
kil  prenge.      5.  lai  porchace  fille  aun 

9,  1.  mult  vor  halt,    nethe  fehlt.      3.  na  plus  denfans  mult  la  uout 

honorer.      4.  unt  für  uunt,  parle  f.  parier.  5.  lors  deus  enfanz 

welent. 

10, 1.  Nunment  le  terme  de  lor  asemblement.  2.    jor  mult  fär 

iSEure  dano.        3.   uairement  für  belament.  4   de  cel  für  oo 

est   teL     fehlt   dunt.     vor   nient   steht  il.  5.    a  deu  a  sun 

talant. 


92  Sitzung  der  phüos.'phüd.  Glosse  vom  4,  Januar  1868, 

11  Quant  li  jurz  passet  et  il  fut  anoitet, 

CO  dist  li  pedre[8]:  „filz,  quar  t'  en  va[8]  colcer 
avoc  ta  'spuse  al  cumand  deu  del  ciel." 
ne  Yolt  li  enifes  8um  pedre  corocier, 
yint  en  la  cambra  ou  eret  sa  nmiler. 

12  Cum  veit  le  lit,  esguardat  la  pulcela, 
dune  li  remembret  de  sun  seiner  Celeste 
que  plus  ad  eher  que  tut  aveir  terrestre. 

„e,  deusl"  dist  11,  „cum  fort  pecet  m'  apresset! 

s'  or  ne  m'  en  fui,  niult  criem,  que  ne  te  m'  perde". 

13  Quant  an  la  cambra  furent  tut  sul  remes, 
danz  Alexis  la  prist  ad  apeler, 

la  mortel  vithe  li  prist  mult  a  blasmer, 

de  la  Celeste  li  mostret  veritet; 

mais  lui  est  tart,  quet  il  s'  en  seit  turnen. 

14  „Oz  moi,  pulcele,  celui  tien  ad  espus, 
ki  nus  raens  de  sun  sanc  .precius. 

an  ices  secle  nen  at  parfit  amor, 

la  vithe  est  fraisle,  n'  i  ad  durable  honur; 

cesta  lethece  revert  a  grant  tristur." 

15  Quant  sa  raisun  li  ad  tute  mustrethe, 
pois  li  cumandet  les  renges  de  s'  espethe 
et  un  anel,  a  deu  1'  ad  comandethe, 
dune  en  eissit  de  la  cambre  sum  pedre, 
ensure  nuit  s'  en  fuit  de  la  contrethe. 


11,  1  fu  anoitiez.        2.   fiz   für  oo.    filz  fehlt,    car  te  ua    cochier. 

8.  tespose.        4.  uait  a  la  chambre  dreit  a  samoillier. 
13,  1.  quant  uit.        2.  si  lui  menbre.        3.  kil  plus  a  der  que  tota 

honor.        4  si  grant  pecbie  mapresse.        5.  sore.    me  für  tem. 

13,  3.  celestre  lui  mostrat.        5.  mais  st.  tart,   esteit   st.   est   tart^ 
fust  ale  st.  seit  turnet.  | 

14,  1.  OS  tu.        2.  raenst.        3.  oest.    parfite. 

15,  1  lui  st.  li.  2.  dune  lui  cunmande  la  renge  de  sa  espee  i 
3.  et  un  anel  dunt  lout  espousee.  4.  sen  ist  fors.  5.  en  ! 
cele  nuit 


'.  Hof  mann:  Alexis.  93* 

16  Dune  yint  errant  dreitement  a  la  mer. 
la  nef5  est  preste,  ou  il  deveit  entrer, 
danet  sum  pris  et  enz  est  aloe^r. 
drecent  lur  sigle,  laisent  curre  par  mer, 
la  pristrent  terre,  o  deus  les  volt  mener. 

17  Dreit  a  la  Lice,  co  füt  citasr  mult  bele, 
iloec  arivet  gainement  la  nacele, 

dune  an  eisit  danz  Alexis  a  eertes. 
CO  ne  sai  jo,  eum  longes  i  converset. 
ou  que  il  seit,  de  deu  servir  ne  cesset. 

18  D'  iloe  alat  an  Alsis  la  eiptet 

^  pur  une  imagine   dunt  il  oit  parier, 
qued  angele[s]  firent  par  cumandement  den 
el  num  la  yirgine  ki  portat  salvetet, 
sainta  Marie  ki  portat  damnedeu. 

19  Tut  son  aver,  qa'  od  sei  en  ad  portet, 
tut  le  depart  par  Alsis  la  citet, 

larges.  almosnes,  que  gens  ne  1'  en  remest, 
dunat  as  provres  u  qu'  il  les  pout  trover. 
pur  nul  aver  ne  volt  estra  ancumbre^. 

20  Quant  sun  aver  lur  ad  tot  departit, 
entra  les  povres  se  sist  danz  Alexis, 
recut  r  almosne  quant  deus  la  li  tramist. 
tant  en  retint  dunt  ses  cors  puet  guarir, 
se  lui  'n  remaint,  si  V  rent  as  poverins. 


16,  2.  pora  st.  deueit.  3  sest  aloez.  5.  prennent  terre  ou  deir 
lor  vont  doner. 

17,  11  ceo  fu  une  cite.  3.  a  terre  st.  a  certes.  4.  mais  ieo  ne 
sai  cumme  lunges  i  conuerse.        5.  seruir. 

18, 1.  puls  sen  ala  en  Axis  la  cite.  2.  ymage.  8.  angre.  le  com- 
mandement.        4.  nun  de  la  uirge. 

19, 1.  kil  out  o  sei  porte,  ^  2—3.  si  le  depart  que  rieri  ne  len  ra- 
mist larges  almones  par  Axis  la  cite.        4.  dona. 

20,  1.  out  a  toz  departis.  2.  sasist.  4.  recut.  sun  st.  ses.  5.  lui 
st.  luin  —  as  plus  poures  le  rent. 


94  Sitzung  der  phüos.-phüoh  Qaase  w>m  4.  Januar  i868, 

21   Or  revendrai  al  pedra  et  a  la  medra 
et  a  la  'spuse  qtd  söle  fut  rentese. 
quant  il  co  sourent  qued  ü  fme  s*  en  eret^ 
CO  fat  granz  dols  par  tote  la  cuntrede 
e  granz  deplaiiLer  par  tuta  la  citiede. 

23  Co  dist  li  pedre:  „chers  filz^  cum  t'  ai  perdot!'^ 
respont  la  medre:  j^lasse,  qu'  est  deveniurt^' 
CO  dist  la  'spuse:  „pechet  le  m'  at  tolut. 
e,  chers  amis,  si  pou  yus  ai  oütl 
or  sui  si  graime,  que  ne  pois  estra  plus/' 

23  Dune  prent  li  pedre  de  se^  meilurs  sergaoz, 
par  multes  terres  fait  querre  sun  amfant. 
jusqu'  an  Alsis  en  yindrent  dui  errant, 

iloc  truverent  dan[z]  Alexis  sedant, 

mais  ne  conurent  sum  vis  ne  som  semblant. 

24  Des  at  li  emfes  sa  tendra  carn  madede, 
ne  r  reconurent  li  dui  sergant  sum  pedre; 
a  lui  medisme  unt  V  almosne  dunethe, 

il  la  receut  cume  li  altre  frere. 
ne  r  reconurent,  sempres  s'  en  returnerent. 
26  Ne  r  reconurent  ne  ne  V  unt  anterciet. 
danz  Alexis  an  lothet  deu  del  ciel 
d'  icez  sons  sers,  qui  il  est  provenders. 
il  fut  lur  sire,  or  est  lur  almosners. 
ne  YUS  sai  dire,  cum  il  s'  en  firet  liez. 


21,  1.  ore   uendrai.       2.   qui  sole  fd  remese.       8.  que  fai  sen  ere» 
4.  ceo  fd  grant  dael  par  tote  la  contree.       Yers  6.  fehlt  ganz* 

22,  1.  bei  st.  eher.        4.  amis  bei  sire.        5.  ore. 

23,  2.  maint  pais  st.  multes  terres.        3.  desque  en  Axis.        5.  ne 
st.  nan. 

24, 1.  Si  out  st.  des  at  —  mue. 

25,  1.  entecie.       3.  almosner  st.   prouenders.       4.  provender  si 
almosners.        5.  cumme  il  se  fist  liez. 


Hof  mann:  Alexis.  95 

26  Cil  8^  en  repairent  a  Rome  la  citet, 
nuncent  al  pedre  que  ne  1'  pourent  tniver. 
set  il  fat  graims,  ne  V  estot  demander. 

la  bone  medre  s'  em  prist  a  dementer 
e  sun  ker  fil[z]  suvent  a  regreter. 

27  Filz  Aleais,  pur  quei  f  portat  ta  medre  I 
ta  m'  ies  ftü>,  dolente  an  soi  remese, 
ne  sai  le  leu  ne  nen  sai  la  contrede, 

u  t'  alge  querre^  tute  en  sui  esguarethe. 

ja  mais  n^  ierc  lede,  kers  filz,  ni  ri  ert  \ßs  pedre." 

28  Vint  en  la  cambre  plaine  de  marrement, 
si  la  despeiret,  que  n'  i  remest  nient, 
n'  i  laissat  palie  ne  neül  omement. 

a  tel  tristur  aturuat  sun  talent, 

unc[he8]  puis  cel  di  ne  s'  contint  ledement. 

29  „Gambra,  dist  ela,  ja  mais  n'  estras  parede 
he  ja  ledece  n'  ert  an  tei  demenede/^ 

si  r  at  destruite,  mmäis  V  avust  predeihe^ 
sas  i  fait  pendre,  curtines  deramedes, 
sa  grant  honur  a  grant  dol  ad  tumede. 

30  Del  duel  s'  asist  la  medre  ju6[que]  a  terre, 
si  fist  la  'spuse  dan[s]  Alexis  a  certes. 
„dama,  dist  ele,  iö  i  ai  si  grant  perte, 


26,  1.  retoment  st.  repairent.  2.  pueent.  3.  se  il  fut  dolenz 
— "  estuet. 

27,  1,  fil  Alexis  porquei  te  portata  mere.  2.  mes  fuiz.  3.  nen 
fehlt.,  4.  u  te  pnisse  —  en  fehlt.  5.  ia  niere  mes  lie  bei  fiz 
non  ert  ti  pere. 

28, 2  despoille  st.  despeiret  •—  remist.  3.  laissa  paile  ne  nul 
aomement.       4.  a  tristur  tome.       6.  Vnc  —  ne  uesqui  liement. 

29, 1,  ne  serez  paree,  2  ne  iames  leece.  8.  cum  sei  lenst  preee. 
4.  sacs  i  fait  tendre  cinces  deramees.  ö.  a  grant  dolor  est 
(■5-)  tpmee. 

30,  !•  de  st  del  —  ins  si  jusque.        8.  den  st  dama  —  mnlt  par 


96        Sitzung  der  pMos.'phüol.  Glosse  vom  4.  Januar  1868. 

ore  vivrai  an  guise  de  turtrele; 

quant  n'  ai  tun  fil[z],  ansembl'  ot  tei  voil  estra/^ 

31  Co  dist  la  medre:  s'  a  mei  te  vols  tenir, 
si  t'  guardarai  pnr  amur  Alexis, 

ja  n'  auras  mal  dunt  te  puisse  gnarir. 
plainums  ansemble  le  doel  de  nostre  ami, 
tu  de  [tun]  seinur,  jo  1'  ferai  pur  mun  fil." 

32  Ne  poet  estra  altra,  turnent  el  consirrer; 
mais  la  dolur  ne  pothent  ubiier. 

danz  Aleitis  en  Alsis  la  citet 
'     sert  sun  seinur  par  bone  volentet, 
ses  enemis  ne  \e  poet  anganer. 

33  Dis  e  seat  anz,   n'  en  fut  nient  a  dire, 
penat  sun  cors  el  damnedeu  servise. 
pur  amistet  ne  d'  ami  ne  d'  amie 

ne  pur  honurs,  ki  V  en  fussent  jpramises, 
n'  ßn  volt  turtier  tant  cum  il  ad  a  vivre. 

34  Quant  tut  sun  quor  en  a^d  si  afermet, 
que  ja  sum  voil  n'  istrat  de  la  citied, 
deus  fist  r  imagine  pur  sue  amur  parier 
al  servitor  qui  serteit  al  alter. 

CO  li  cumandet:  „apele  1'  ume  deu." 


ai  fait  grant  perte.        4.  desor   st.  ore.        5.   ore  nei  ton  fil 
ensemble  o  -tei  uoil  estre. 

31,  1.  respunt  la  mere  o  mei  te  uels  tenir.  2.  garderei  tei  por 
lamor  Alexi.        4.  pleignun.        5.    tu  por  tun  seignor   iel  ferai 

pur  mun  fil. 

32,  1.  altre  estre  metent  al  consirrer.  3.  Aids.  4.  grant  hu- 
milite  st.  bone  uolentet.        5.  pueent  st.  poet. 

83, 1.  Dis  et  set  —  ne  st.  nen.  2.  iloc  el  st.  el  damne.  3.  ne 
fehlt.  4.  ne  pur  honor  que  nul  lui  ait  pramise.  5.  ne 
ueut  tomer  tant  cum  il  ait  a  vivre. 

34,  1.  euer  i  a  si  atorne.  2.  qiie  mais  son  wel.  3.  por  lamor 
de  lui.        4.  servist.        5.  fait  uenir  st.  apele. 


Hofinatm:  Alexis,  97 

35  Co  dist  r  imagena:  fai  V  ume  deu  yenir 
enjs  el  tmister,  quar  ü  ad  deservit 

et  il  est  digne^  d'  entrer  en  paradis/' . 
dl  vait,  si  V  quert,  mais  il  ne[l]  set  coisir 
icel  Saint  home  de  cui  1'  imagene  dist. 

36  Revint  li  costre  a  V  imagine  el  muster. 
„certes,  dist  il,  ne  sai  cui  anterder/' 

respoi^t  r  imagine:  „6o  'st  eil  qoi  tres  P  us  set.   ■ 
pres  est  de  deu  et  des  r^nes  del  ciel, 
par  nale  guise  ne  s^  en  volt  esluiner." 

37  Cil  vait,  si  V  quert,  fait  1'  el  muster  venir. 
estyus  r  esample  par  trestut  le  pais, 

que  cele  imagine  parkt  pur  Alexis, 
trestuit  1'  onurent  li  grant  e  li  petit 
et  tuit  \i  prient  que  d'  eis  aiet  mercit. 

38  Quant  il  66  veit,  que  V  volent  onurer, 
„certes,  dist  il,  n'  i  ai  mais  ad  ester, 
d'  icest  honur  ne  we  voil  ancumbrer." 
eusure  nuit  s'  en  fuit  de  la  ciptet, 
dreit  a  la  Lice  re/unt  li  sons  edrers. 

39  Banz  Alexis  entrat  en  une  nef, 
ourent  lur  vent,  laisent  curre  par  mer, 
andreit  Tarsen  espeirent  ariver; 


35,  1.   ceo  dist  lymage.        2.    enz    el    mostier    car   il  a  deseroi. 

8.  dignes.        4.  sei  quiert. 
36, 1.  tost  st.  li  costre.        3.    cest   eil  qoi   lez    luz   siet.        4.  del 

regne.        5.  por  nul  aueir  ne  se  uout  esloigner. 
37,  1.  lei  al  st.  lel.        2.    eceuous  la  nouele.        &.    kil  ait  de  ela 

mercit. 
38, 1.  ceo  uit  qae  huin  le  uout.        8.   de   ceste  honur  ne  me  uoil 

ancombrer.        4.   en  une  st.  en  sur.        5.   reioint  st.  reuint  — 

li  suens  orez. 
39, 1.  Saint  st.  danz  —  nes.        2.  drescent  lor  sigle.        8.   e  dreit 
[1868.  LI.]  7 


99  Sitzung  dtr  philos.'philol  CUisse  vom  4.  Januar  1868. 

mais  ne  puet  estra,  ailars  V  estot  aler, 
andreit  a  Rome  le^  portet  li  orez. 

40  A  un  des  porz  ki  plus  est  pres  de  Rome» 
iloc  arivet  la  ne£s  a  cel  saint  hoa^e. 

quand  vit  sun  regne,  dorement  s'  en  redutet 
de  ses  parenz,  qued  il  ne  1'  recunoissent 
e  de  r  honur  del  secle  ne  V  encumbrent. 

41  j^E  deus,  dist  il,  bels  reis,  qui  tout  guvernes, 
se  tei  ploüst,  ici  ne  volisse  estra. 

s'  or  me  conuissent  mi  parent  d'  [ie]esta  terre, 
il  me  prendrunt  par  pri  ou  par  poeste; 
se  jo  's  an  creid,  il  me  trairunt  a  perdra. 

42  Mais  ne  pur  huec  mes  pedre  me  desirret, 
si  fait  ma  medra,  plus  que  femme  qui  vivet, 
avoG  ma  'spuse  que  iö  lur  ai  guerpide. 

or  ne  lairai,  ne  nC  mete  an  lur  bailie, 

ne  nC  conuistrunt»  tanz  jurz  ad  que  ne  m^  virent." 

43  Eist  de  la  nef  e  vint  andreit  a  Rome, 

vait  par  les  rues  dunt  il  ja  bien  fut  cointe^, 
n'  altra  pur  altra  mais  sun  pedre  i  ancuntret, 
ansembr  ot  lui  grant  masse  de  ses  humes, 
si  1'  reconut,  par  sun  dreit  num  le  numet. 


a  ronme  espeirent    ariner.        4.   mais  aillors  lor  estnet  tomer. 
5.  tot  dreit  a  rame. 

40,  2.  a  cel  st.  aicel.        4.  que  nel  reconenssent. 

41,  1.  bon  reis  st.  bels  reis.  2.  sil  te  pleust  ici  ne  nonsisse  estra 
3.  desto  terre.  4.  et  st.  ou.  5.  se  ies  crei  tot  me  tommt 
a  perte. 

43, 1.  e  oeporquant  mis  peres  mo  desire.  2.  hum  st.  femme» 
8.  auQO  ioes  lespose  que  ai  guerpie.  4.  ne  st.  nen,  5.  ne 
me  conoistrunt  lunc  tens  a  ne  me  uirent. 

43,  1.  si  uait  erant  a  rome.  2.  iadis  fa  bien  oointes  st.  il  ia  bien 
fut  cointe.        2.  ne  un  ne  altre.        5.  apela  st.  reQonut. 


Hefmann:  Akxia.  99 

44  „Enfemien,  bei  sire,  riches  hom, 

quar  me  herberges  pur  den  an  ta  maison, 
snz  tun  degret  me  fai  un  grabatum 
em  pur  tun  fil[z],  dunt  tu  as  tel  dolur. 
tut  8oi  amferm^,  si  m'  pais  pur  sue  amor/' 

45  Quant  ot  li  pedre  le  clamor  de  sun  fil[z], 
plurent  si  oil,  ne  s^  en  puet  astenir: 
„por  amor  deu  et  pur  mun  eher  ami 

tut  te  dural,  boens  hom,  quanque  m'  as  quis, 
lit  et  ostel  e  pain  e  cam  e  vin/' 

46  ,^  deus,  dist  il,  quer  oüsse  un  sergant, 
M  r  me  guarda^tl  io  1'  en  fereie  franc." 
un  en  i  out  ki  sempres  vint  avant: 
„asme,  dist  il,  ki  V  guard  pur  ton  comand, 
pur  tue  amur  an  soferai-T  ahan/^ 

47  Dune  le  menat  andreit  suz  le  degret, 
feit  li  sun  lit  o  il  poet  reposer, 

tut  li  amanvet  quanque  busuinz  li  ert. 

contra  seinur  ne  s'  en  volt  mes  aler, 

par  nule  guisis  ne  1'  em  puet  hom  blasmer. 


44,  1.  Enfemiens  beau    sires  riches  hnem.        2.  herberge  mei   pur 
deu  en  ta  maison.        8.   grabatun.        4.   et  st.  em.        6.  si  me 

8t.  sim. 

45,  1.  oi  li  peres  la  clamor  de  sun  fil.  2.  plore  des  oilz.  9.  por 
deu  amor.        4.  ferai  boens  hum. 

46,  2.  ki  le  megardast  tot  le  feroie  franc.  4.  prest  sui  dist  il 
kel  gnart  par  ton  cumand.  5.  nostre  st.  tne  ^-  sofrirai  st» 
fioferai. 

47,  1.  eil  st.  dune  —  tot  dreit  sos  le  degre.  2.  fist  lui.  3.  apre- 
ste  st.  amanuet.  ois  li  fu  asez  st.  besuinz  li  ert.  4.  vers  sun 
st.  contra.       6.  en  st.  par. 

7* 


100        Sitzung  der  phüoa.-philol.  Glosse  vom  4.  Januar  1868, 

48  Sovent  le  virent  e  le  pedre  e  la  medra 
e  la  pulcele  qu'  ot  li  ert  espusede; 
par  nule  guise  unces  ne  1'  aviserent, 

n'  il  ne  lar  dist,  ne  i\[s]  ne  1'  demanderent, 
quels  hom  esteit  ne  de  quel  terre  il  eret. 

49  Soventes  feiz  lur  veit  grant  duel  mener 
e  de  lur  oilz  mult  tendrement  plurer, 

e  tut  pur  lui,  unces  nient  pur  eil. 
danz  Alexis  le  met  el  consirrer^ 
ne  Ten  est  rien,  issi  est  atume^e^. 

50  Soz  le  degret,  ou  il  gist  sur  sa  nate, 
iluec  paist  V  um  del  relef  de  la  tabla. 

a  grant  poverte  deduit  sun  grant  parage, 
cö  ne  Yolt  il  que  sa  mere  le  sacet. 
plus  äimet  deu  que  trestut  sun  linage. 

51  De  la  viande  qui  del  herbere  li  vint, 
tant  an  retint  dunt  sun  cors  an  sustint, 
se  lui  'n  remaint,  si  V  rent  as  poverins, 

n'  en  fait  misgode  pur  son  corsengraisser; 
mais  als  plm  povres  le  donat  a  mangier. 


48,  2.  kil  out  st.  quot  li  ert.  3.  en  st.  par.  4.  ne  il  nel  diät 
ne  eist  nel  demanderent.        5.  regne  il  ere. 

49,  1.  uit.  3.  tres  st.  e.  el  st.  eil.  4.  il  les  esgarde  sil  met 
el  consirrer.        5.  kar  an  deu  est  tot  le  suen  penser. 

50, 1.  il  fehlt,  suz  une  st.  sur  sa.  3.  bamage  st.  parage.  4.  et 
si  ne  ueut  que  sis  peres. 

J51^  2.  recut  st.  retint,  que  st.  dunt.  3.  si  len  st.  se  lui  en —  as* 
mosniers  st.  pourins.  4.  ne  fist  estui  st.  nen  fait  musgode. 
Kach  Vers  4  folgt:  mais  as  plus  poures  le  done  a  mamger. 


Hofmann:  Alexis,  101 

62   En  sainte  egiise  converset  volenters, 
cascune  feste  se  fait  acouiunier. 
sainte  escriture  66  ert  ses  conseilers. 
dal  deu  servise  se  volt  inult  eflforcer, 
par  nule  guise  ne  s'  en  volt  esluiner. 

53  Suz  le  degret  ou  il  gist  e  converset, 
iloc  deduit  ledement  sa  poverte. 

li  serf  sumpedre,  ki  la  maisnede  servent, 
lar  lavadures  li  getent  sur  la  teste, 
ne  s'  en  corucet  net  il  ne  's  en  apelet. 

54  Tui^  1'  escamissent,  si  V  tenent  pur  bricun, 
r  egua  li  getent;  si  moilent  sun  lincöl. 

ne  s'  en  corucet  giens  eil  saintismes  hom, 
ainz  priet  deu  quet  il  le  lur  parduinst 
par  sa  merdt,  quer  ne  sevent  que  funt. 

55  Iloc  converset  eisi  dis  e  set  anz, 
ne  r  reconut  nuls  sons  apartenanz 
ne  netils  hom  ne  sout  les  sons  ahanz 
mais  que  li  lis,  ou  il  a  geü  tant, 

ne  V  pot  celer,  si  V  est  aparissant. 

56  Trente  ^uatre  anz  ad  si  cun  cors  penet. 
deus  sun  servise  li  volt  guereduner; 
mult  li  angreget  la  sue  anfermetet, 

or  set  il  bien  qued  il  s'  en  deit  aler. 
cel  son  servant  ad  a  sei  apelet: 


52,  1.  iglise.  2.  acumenier.  3.  est  st.  ert.  4.  de  den  semir 
le  roue  efforcer.        5.  Panz  alexis  ne  se  uoult  esloignier. 

53,  2.  liement.        4.  lors  laueures  —  sns  st.  snr.        6.  se  st.  sen. 

54,  1.  leschamissent.  2.  leue  —  licnn.  st.  lincol.  3.  giens 
fehlt  —  icil  st.  ciL         5.  kil  ne  senent  kil. 

55, 1.  issi.  2.  conurent  les  suens.  3.  nest  hom  en  terre  qui  sace 
les  suens  ahans.  Nach  Vers  8  folgen  die  zwei  fehlenden  Yerse: 
Mais  qne  le  lit  ou  il  a  geu  tant,  Nel  pnet  celer  eil  est  aparis- 
sant. 

56,  8.  agrege.        5.  suen  seriant 


102      Sitzung  der  phüos.-philol.  Gasse  vom  4.  Januar  1868. 

67  „Quer  mei,  bei  frere,  et  enca  e  parcamia 
et  une  penne,  66  pri.  tue  mercit." 

eil  li  aportet,  reeeit  le5  Al^is. 

de  sei  medisme  tute  la  cartra  escrit, 

cum  s'  en  alat  e  cum  il  s'  en  revint. 

68  Ttes  sei  la  tint,  ne  la  volt  demustrer, 
ne  V  reconuissent  usqu'  il  s'  en  sait  ale^. 
parfitement  s'  ad  a  deu  cumandet; 

sa  fin^  aproismet,  ses  cors  est  agrave^e^, 
de  tut  an  tut  recesset\del  parier. 

69  An  la  samei^ie,  qued  il  s'  en  dut  aler, 
vint  une  voiz  treiz  feiz  en  la  citet 
hors  del  sacrarie  par  cumandement  deu, 
ki  ses  fideilz  li  ad  tuz  amvie^. 

preste  est  la  glorie  qued  11  li  volt  duner. 

60  En  r  altra  voiz  lur  dist  altra  summunse, 
que  r  ume  deu  quergent  ki  est  an  Rome, 
si  li  depreient,  que  la  cite^r  ne  fundet 
ne  ne  perissent  la  genfer  ki  enz  fregundent. 
ki  r  un^  oid,  remainent  en  grant  dute. 


67,  1.  encre.        2.    pane  ceo.        3.   eil  li  apörtet    et  eil  la  coilli. 

4.  de  sei  meisme  tote  la   chartre  escrist.        5.  senfui  st.  il  sen- 
reuint. 

68. 1.  triers   st.   tres.        2.  que  nel  conuissent  desquil  een  seit  alez. 
3.  sest  st.  se  ad  —  cumandez.       3.  aproce  sis  cors  est  agreyes. 

5.  cesse  de  parier. 

69,  3.  fors  del  sacraire  cum  deu  la  comnlande        4.   a  asei  enuiez. 
5.  preste  est  la  gloire.  —  leur  st.  li. 

60, 1.  allaltre   uoiz   lur  fist  une  semunse.        2.  quiergent   ki  gist. 
3.  si  lui  deprient.        4.   perisse  —  ens  fregunde.        5.  lunt. 


Hofmann:  Alexis.  103 

61  Sainz  Innocenz  ert  iduDC  apostolie^, 

a  lui  repairent  e  li  rice  e  li  povre, 

si  li  requerent  conseil  d'  icele  cose 

gu'  il  unt  oit,  ki  mult  les  desoonfortet, 

ne  guardent  V  ure,  que  terre  ue  's  auglutet. 
63   Li  apostolies  e  li  enpereor, 

li  uns  Acharies,   V  altre  Anories  out  num, 

et  tUisr  li  poplet  par  commune  oraisun 

depreient  deu  que  conseil  lur  an  duins^ 

d'  icel  Saint  hume,  par  qui  il  guarirunt. 

63  Co  li  deprient  par  la  sue  pietet, 

que  lur  an8ein[e]t,  o  V  poissent  recovrer. 
vint  une  voiz  Id  lur  ad  anditet: 
„au  la  maisun  Eufemien  quereiz; 
quer  iloec  est,  [et]  iloc  le  trovereiz." 

64  T!nit  s'  en  retument  sur  dam  Eufemien, 
alquan^  le  prennent  forment  a  blastenger: 
9,iceste  cose  nos  doüses  nunder 

a  tut  le  pople,  ki  ert  desconseilez. 

tant  r  as  celet,  mult  i  as  grant  pechet/^ 

65  II  s'  escondit  cume  eil  ki[l]  ne  V  set, 
mais  ne  V  en  creient,  al  helberc  sunt  alet, 
il  yat  avant  la  maisun  aprester. 
forment  V  enquer^  a  tuz  ses  menestrels, 
icil  respondent,   que  neüls  d'  eis  ne  V  set. 


61, 1.  Saint  innocent.       8.  de  ceste.        6.  las  asorbe  8i.   nes   ail* 

glütet 
63, 1.  apostoiles.        2.  Akaries  —  Honorie.        3.  trestttt  li  poples. 

5.  de  cel. 
63, 1.  par  sa  grant  piete.        2.  que  lor  enseint  ou  le  poront  treuer. 

3.  endite.        4.  a  et.  an.        5.  la  st.  iloc. 
64, 1.  tut  —  BUS  danz.    ^    2.  alqnant  le.        8.  deussies«       5.  ebele 

—  en  Bt.  i. 
65,  1.  sescondit  cum  oil  ki.       2.    ostel   st.  helbero.       4.  mene« 
sterez*       6.  respunen^  —  nul  de  eis. 


104         Sitzung  der  phüo8,-phildl,  Glosse  vom  4.  Januar  1868. 

66  Li  apostolie^  e  li  empereür 
sedent  ez  bans  e  pensif  e  plurus, 
iloc  esguardent  tuit  eil  altre  8einor[8] 

si  preient  deu  que  conseil  lur  an  duinB^ 
d'  icel  saint  hume  par  qui  il  guarirunt. 

67  An  tantdementres  cum  il  jloec  unt  sis, 
deseivret  V  aneme  del  cors  sain^  Alexis, 
tut  dreitement  en  vait  en  paradis 

a  sun  seinoir  qu'  il  aveit  tant  servit. 
e,  reis  Celeste,  tu  nus  i  fai  venirl 

68  Li  boens  serganz,  ki  V  serveit  volentiers, 
il  le  nuncat  sum  pedre  Eufemien. 

suef  r  apelety  si  li  ad  conseilet: 
„sire,  dist  il,  morz  est  tes  provenders, 
e  66  sai  dire,  qu'  il  fut  bons  cristiens. 

69  Mult  lungament  ai  a  lui  converset; 
de  nule  cose  certes  ne  V  sai  blasmer, 

e  66  m'  est  vis^  que  66  est  \i  %um[e]  deu/^ 

tuz  sub  s'  en  est  Eufemien^  turne^sr, 

vint  a  sun  fil[z]  ou  [il]  gist  suz  lu  degret. 

70  Les  dras  5uzlevet  dun^  il  esteit  cuver^er, 
vit  del  sain^  home  le  vis  e  der  e  bei. 
en  sum  puing  tint  \a  cartre  \i  deu  serfe 
ou  a  escrit  trestot  le  sum  convers; 
Eufemien^  volt  saver,  quet  espelt. 


66,  2.  corocoas  st.  plams.        3.  il  les   st.  iloc  ^~  seiner.        4.  de- 

prient  st.  si  preient  —  dein  st.        5.   de  cele  chose  dnnt  si  de- 

Siros  sunt. 
67, 1.  et  st.  an.  —  unt  iloec.        2.   saint.        5.   den  rei  Celestes  la 

nos  fai  paraenir. 
68,  2.  il  la  nuncie  a  danz  Eufemiens.        4.  tis. 
69, 1.  o  st.  a.        3.   e  mei  est  uis  kil  est.        4.   Eufemiens  tnmoB. 

6.  ou  gist  SOS  les  degrez. 
70,1.  le  drap  soslieve  dunt.        3.    tient  en.     Nach  3  folgt:    oa  a 

escrit  trestot  le  snen  conners.        4.  qne  ced  espialt. 


Hofmanni  Alexis  105 

71  II  la  Yoit  prendra,  eil  ne  li  volt  gaerpir. 
a  r  apostolie  revint  tnz  esmeriz: 

„ore  ai  trovet  66  qae  tant  avums  quis. 
snz  mun  degret  gist  uns  morz  pelerins, 
tent  une  carire,  mais  ne  li  puis  tolir/' 

72  Li  apostolie^  e  li  empereor 
venent  devant,  jetent  s'  an  nreisuns, 
metent  lur  cors  en  granz  afflictiuns: 
„mercit,  funt  ily  por  deu!  saintismes  hom, 
ne  f  coneümes  net  uncor  conuissum. 

73  Ci  devant  tei  estunt  dal  pechetAor 
par  la  deu  grace  vocet  amperedor, 

c'  est  sa  merci  qu'  il  nos  consent  V  onor, 
de  tut  est  mund  sumus  guvemedor^ 
del  ton  conseil  sumes  tut  busuinus. 

74  Gist  apostolies  deit  les  anames  baillir, 
c'  est  ses  mesters  dunt  il  ad  a  servir. 
dttn[e]  li  la  oartre  par  la  tue  mercit, 
66  nus  dir[r]at  qu'  enz  trovcrat  escrit, 

e  66  duinst  deus,  qu'  er  en    puisum  guarir." 

75  Li  apostolies  tent  sa  main  a  la  cartre, 
sainz  Alexis  la  sue  li  alascet, 

lui  le  consent  ki  de  Rome  esteit  pape. 
il  ne  la  list  ne  il  dedenz  ne  guardet, 
avant  la  tent  ad  un  bon  clerc  e  savie. 


71,  2.  esbahiz  st.  esmeriz.        5.  ne  st.  na. 

72,  2.  nindrent  auant  et  firent  oreisnns.      3.  mistrent  lors,      4.  mer- 
cit fdnt  il  por  deu.        5.  ne  te  conensmes  nencor  ne  conoissnn. 

73,  1.  estent  st.  estnnt.        2.  uouchie  st.  nocet.        4.  gouemeor  st. 
jngedor.        5.  de  ton  conseil  sumes  mult  besoignos. 

74,  1.  eil  —  des  almes  a  baillie.        3.   par  la  tue  meroit.        4.  Hl 
trouera.        5.  e  co  nos  doinst  deus  quor  li  puissuns  plaisir. 

75,  2.  danz  st.  sainz.        3.   la  cunsent.        4.  mais  ne  la  list  ne  de- 
denz nesgarde.        5.  un  clerc  bon  et  sage. 


106       Sitzung  der  phüos.-philol.  Glosse  vom  4.  Januar  1S68. 

76  Li  cancelers  cui  li  mesters  an  er  et, 

eil  Hst  \a  cartre,  li  altra  1'  esculterent. 
d'  icele  gemme,  qued  iloc  unt  truvede, 
lur  dist  le  num  del  pedre  e  de  la  medre 
e  66  lur  dist,  de  quels  parenz  H  eret. 

77  E  eö  lur  dist,  cum  s'  en  fuit  par  mer 
e  cum  il  fut  en  Alsis  la  citet 

e  que  1'  imagiue  deus  fist  pur  lui  parier, 
e  pur  r  onor,  dunt  ne  s'  volt  ancumbrer, 
s'  en  refui't  en  Roma  la  citet. 

78  Quant  ot  li  pedre  co  que  dit  ad  la  cartre, 
ad  ambes  mains  derump[e]t  sa  blance  barbe. 
„e  filz,  dist  il,  cum  dolerus  messaget 

iö  atendi  quet  a'mei  repairasses, 

par  deu  merci  que  tu  m'  reconfortasses." 

79  A  halte  voiz  prist  li  pedra  a  crier: 

„filz  Alexis,  quels  dols  m'  est  [ajpresente^sr  1 
malvaise  guarde  t'  ai  fait[e]  suz  mun  degret, 
a  las,  pecables,  cum  par  fiii  avogle^er! 
tant  f  ai  vedud,  si  ne  f  poi  aviser. 

80  Filz  Alexis,  de  ta  dolenta  medra! 
tantes  dolurs  ad  pur  tei  andurede« 
e  tantes  fains  et  tantes  consireres 

e  tantes  lermes  pur  le  ton  cors  pluredes, 
eist  dols  r  aurat  enquoi  par  acurede. 


76,  2.  la.        3.  4.  dicele  gemme  qued  iloc  unt  truvee   lur  dist  le 

num. 
77,2.  AUxis  6.  a.  st.  en. 

78,  1.  dist  en.  st.  dit   ad.        2.    a  ses  deus  mains  detrait.        4.  tif 
atendoie.        5.  tu  me. 

79,  2.    quel   dual  mest  presentez.         8.    tei  fait  sos    mes   degroi. 
4.  tant  par  sui  auoglez.        5.  tai  ueu  si  ne  te  pui. 

80,  1.  de  ta  dolente  medre.        2.    mainte   dolur.        4.   a   put   ten 
cors  pluredes.        5.  enquoi  par  tuee. 


Hofmann'.  Alexis.  107 

81  0,  filz,  cui  erent  mes  granz  ereditez, 
mes  larges  terres  dunt  jo  aveie  asez, 
mes  granz  paleis  de  Roma  la  citet, 
et  en  pur  tei  m'  en  esteie  penae^, 
puis  muQ  deces  en  fiisses  enore^er. 

82  Blanc  ai  le  chef  e  la.barbe  ai  canuthe, 
ma  grant  honur  t'  aveie  retenude, 

et  an  pur  tei,  mais  n'  en  aveies  eure, 

si  granjsr  dolur  or  m'  est  apareüde. 

filz,  la  tue  aname  el  ciel  seit  absoluthel  . 

83  Tei  cuvenist  helme  e  brunie  a  porter, 
espede  ceindra  cume  tui  altre  per, 

e  grant  maisnede  doüses  guverner, 
le  gunfanun  1'  emperedur  porter, 
cum  Ost  tis  pedre  e  li  tonz  parentez. 

84  A  tei  dolur  et  a  si  grant  poverte, 
filz,  t'  ies  dedui^    par  alienes  terres, 
et  d'  iceld  bien^  ki  toen  doüsent  estra, 
que    w'  am  pemeies  en  ta  povre  herbergel 
se  ^6  ploüst,  sire  en  doüsses  estra." 

85  De  la  dolur,  qu'  en  demenat  li  pedra, 
graasr  fut  la  noise,  si  V  antendit  la  medre, 
la  vint  curant[e]  cum  femme  forsenede, 
batant  ses  palmes,- criant  eschevelede, 

Vit  mort  sum  fil[z],  a  terre  cet  pasmede. 


81,  1.  et  st.  o.        3.  en  st.  de.       4 — 5.   et  pur  tei  fiz  men  esteie 

penez  pnis  mun  deces  en  fussiez  honorez. 
83,  1.  barbe   chanue.        2.    honor  aueie.        8.  et  an  fehlt    Nach 

tei  fiz.        4.  ui  nach  mest.    or  fehlt.        6.  alme  seit  al  ciel. 

83,  1.  halbere  broigne.  2.  ti  st.  tuL  3.  ta  st.  e.  4 — 5.  le 
g^nfannnr  lempereur  porter  cum  fist  tis  pedre  et  si  altre  per. 

84,  1.  tels  dolurs  —  granz  pouertes.  2.  estes  deduit.  8.  ices 
granz  biens  ki  tuens  denssent  estre.  4.  ne  noosis  prendre 
ainz  amas  ponerte.       5.  sil  te  pleust  sire  en  deusses  estre. 

85, 1.  qne  st.  quen.        2.  fu^  la  noise.        3.  curant.       4.  escheuelee. 


108         Sitzung  der  phüas.-phüöl.  Classe  vom  4.  Januar  1866. 

86  Chi  [dant]  11  Yeist  sun  grant  dol  demener, 
8um  piz  debatre  e  sun  cors  dejeter, 

ses  crins  dernmpre  e  sen  vis  maiseler, 
sun  mort  amfant  detraire  et  acoler, 
malt  fast  il  dur^,  ki  n'  estoüst  plurer. 

87  Trait  ses  chevels  e  debat  sa  peitrine, 
a  grant  duel  met  la  sue  carn  medisme. 
„e  filz,  dist  ele,  cum  m'  oüs  enhadithe,  . 
et  10  dolente,  cum  par  fui  avoglie! 

ne  f  cunuisseic  plus  qu'  unches  ne  f  vedisse^^ 

88  Plurent  si  oil  e  si  ^etet  granz  cris, 
sempres  regrete^:  „mar  te  portai,  bels  filz! 
e  de  ta  medra  que  w*  aveies  mercit, 

pur  que  m'  vedeies  desirrer  a  murir? 

c'  est  granjer  merveile,  que  piete^er  ne  t'  en  prist. 

89  A,  lasse  mezre,  cum  oi  fort  aventurel 
or  vei  iö  morte  tute  ma  porteüre, 

ma  lunga  atente  a  grant  duel  est  venude, 

pur  quei  portai,  dolente,  malfeüde! 

c'  est  granz  merveile,  que  li  mens  quors  tant  duret. 


86,  1.  Ini  neist.  S.  son  als  denimpre  ses  chenels  detirer.  4.  et  ' 
8on  fiz  mort  acoler  et  baisier.  5.  ni  out  si  dur  kil  nettsteiut  , 
plurer. 

87,  2.  a  dnel  demeine.  3.  fait  ele  came  manez  haie.  4.  pe- 
chable  st.  dolente,  sni  st.  fui.  5.  ne  te  conui  plns  que  nnc 
ne  te  uedisse. 

88, 1.  plore  des  oilz  et  gete  mult  granz  cris.  ~  2.  apres  le  regrete 
mal  te  portei  bei  fiz.  3.  nen  st.  quer.  4.  por  tei  ueez  si 
purquem  uedeies.        5.  ia  est  merueile  cum  iel  puis  sofrir. 

89,  1.  ohi  lasse  mere  cum  ai  forte  auenture.  4  que  porai  faire 
dolente  creature.  5.  ceo  est  merueile  que  li  mien  euer  tant 
duret.  ^ 


Hofmann:  Alexis.  109 

90  Filz  Alexis,  mult  oüs  dar  corage, 
com  avilas  tut  tun  gentil  linagel 

set  a  mei  sole  yels  une  feiz  parlasses, 
ta  lasse  medre,  si  la  reconfortasses^ 
ki  si  'st  dolente,  eher  fiz,  bor  i  alasses. 

91  Filz  Alexis,  de  la  tue  carn  tendra! 
a  quel  dolur  deduit  as  ta  Juvental 

pur  que  m'  fms?  ja  t'[e]  portal  eu  men  ventre, 

e  deus  le  set,  que  tute  sui  dolente, 

ja  mais  n'  erc  lede  pur  home  ne  pur  femme. 

92  Ainz  que  f  eüsse  si  'n  fiii  mult  desirruse, 
ainz  que  t'  vedisse,  si  'n  fui  mult  angussusse, 
quant  jo  t'  vid  ned,  si  'n  fui  lede  e  goiuse ; 
or  te  vei  mort,  tute  en  sui  doleruse, 

66  peiset  mei  que  ma  öns  taut  demoret. 

93  Seiiiur[s]  de  Rome,  pur  amur  deu,  merciti 
aidiez  m'  a  plaindra  le  duel  de  mun  ami. 
granz  est  li  dolz  ki  sor  mei  est  vertiz, 

ne  puis  tant  faire  que  mes  quors  s'  en  sazit. 
il  n'  est  merveile,  n'  ai  mais  filie  iie  fil[z]." 


90,  1.  eus  st.  öus.        2.  quant  adosas  tut.        3.  se  une  feis  uncore 

parlasses.    '    4.  ta  lasse  medre  que  la  reconfortasses.        5.  que 

si  est  graime  eher  fiz  bon  i  lenasses. 
91«  2.    tel  dolur  as   deduit  ta  iuuente.        8.   pur  quel  teusse  ieo 

porte   de   nxon  uentre.        4.    set    or    sui    ieo    mult    dolente. 

6.  nierc  Iie. 
93,  1.   que  teusse.        2.    que   te  ueisse    mult   par    fui   angoissose. 

3.  puis  que  fus  nez   si  fui  ieo  mult  ioiouse.        4.    mort   si  sui 

si  corochose. 

93,  3 — 4.  granz  est  li  dols  ki  sus  mei  est  uertiz  ne  puis  tant  faire 
que  mes  quors  seis  saziz.        5.  il  nest. 


110         Sitzung  der  phüos.-pMoh  Glosse  vom  4,  Januar  1868. 

94:  Entre  le  dol  del  pedra  e  de  la  niedre 
viot  la  pulcele  gue  il  out  esposede. 
„sire,  dist  ela,  cum  longa  demurede 
ai  atendude  an  la  maisun  tun  pedra 
ou  tu  m'  laisas  dolente  et  eguarede. 

95  Sire  Alexis,  tanz  jurz  t'  ai  desirret 

et  tantes  lermes  pur  ton  cors  ai  pluret 
e  tantes  feiz  pur  tei  an  luin^  guardet, 
si  revenisses  ta  'spouse  conforter, 
pur  felunie  nient  ne  pur  lastet. 

96  0,  kiers  amis,  de  ta  juvente  belal 

66  peiset  mei,  que  s'  purirat  en  terre. 
e,  gentils  hom,  cum  dolente  puls  estra  1 
iö  atendeie  de  te  bones  noveles, 
mais  or  les  vei  si  dures  e  si  pesmes. 

97  0  bele  buce,  bei  vis,  bele  faiture, 
cum  est  mudede  vostra  bela  figurel 
plus  Yos  amai  que  nule  creature; 
si  granxr  dolur  or  m'  est  apareüde, 
melz  me  venist,  amis,  que  morte  fusse. 

98  Se  jo  f  soüsse  la  jus  suz  lu  degret 
ou  as  geüd  de  lunga  amfermetet, 

ja  tute  genjgr  ne  m'  en  soÜ8[en]t  turner, 


94, 2.  esaos   st.  uint.         3.   demoree.        4.   atendu.         5.  tu  me 

laisas  —  ou  fehlt. 
96,  2.  hier  folgt  auf  Yers  1.   et  tantes  lermes  por  ton  cors  plore. 

3.  et  tant  sonent  pur  tei  an  loins  esgarde.        4.  si  reuendreieB 

tespose  conforter.        5.  fehlt  in  Par.  ganz. 
96, 2.  fehlt,    dafür  steht:    cum  ore  sni  graime  que  ore  porira  en 

terre.        3.   e  gentil  hom   come  dolente   puis  estre.        4.  teL 

5.  mult  dores  e  si  pesmes. 

97, 1.  ohi  bele  chose.        2.   cnmme   nei  mne.        4.  dolor   mesicu. 

6.  miex. 

98, 1.  se  ieo  nos.       2.  en  grant  st.  de  lung.        3.  nest  home  qid 


Hofmcmn;  Alexis.  111 

qu'  a  tei  ansemble  n'  oüsse  converset 
si  me  leüst,  si  tV  oüsse  [bien]  gaardet. 

99  Or[e]  sui  fö  vedve,  sirel  dist  la  pulcela, 
ja  mais  ledece  n'  aurai,  qaar  ne  pot  estra, 
ne  ja  mais  harne  n'  aurai  en  täte  terre. 
den  servirei,  le  rei  ki  tqt  gavernet, 

il  ne  m'  faldrat,  s'  il  veit  que  jo  lui  serve/^ 

100  Tant  i  plurat  e  le  pedra  e  la  medra 
e  la  pulcela  qae  tu^  s'  en  alasserent. 

en  tant  dementres  le  saint  cors  conreierent 
tuit  eil  seinur  e  bei  1'  acustumerent. 
com  felix  cel[s]  ki  par  feit  V  enorerentl 

101  „Seignor[s],  que  faites?  co  dist  li  apostolie«, 
que  valt  eist  mz^  eist  dols  ne  cesta  noise? 
chi  chi  se  doilet,  a  nostre  oes  est  il  goie; 
quar  par  cestui  aurum  boen  adjutorie^ 

si  li  preiuns  que  de  tuz  mais  nos  tolget.'^ 

102  Trestui^  li  preient,  ki  pourent  avenir, 
cantant  enportent  le  cors  saint  Alexis, 
e  tuit  li  preient  que^  d'  eis  aiet  mercit. 
n'  estot  somondre  icels  ki  1'  unt  oit, 
tuit  i  acorent  li  grant  e  li  petit. 


% 

nine   qni    meust    trestome.         4.     quensemble    o    tei    neusse. 
5.  eil. 

99,  1.  ore  par  dui  naine.  2.  naurai  chamel  en  terre.  3.  ne 
cbarnel  huzne  naurai  car  ne  puet  estre.  5.  ne  me  faldra  *^ 
que  iel  seme. 

100,  2.  tot  st.  tuz.        3.  apresterent  st.  conreierent.        4.   bei  le 
condaierent. 

101,  3.  gloire  st.  goie.        5.   ceo  li  preiuns  quepor  deu  nos  asoille 
102, 1.  trestuit.      3.  et  ceo  lui  prient  kil  ait  de  eis  merci.      5.  nis 

li  enfant  petit. 


112         Sitzung  der  phüoa.-phiM.  Claase  vom  4.  Januar  1868. 

I 

103  Si  s'  en  commovrent  tota  la  geaer  de  Borne,  | 

plus  tost  i  vint  ki  plus  tost  i  pout  curre. 

par  mi  les  rues  an  venent  si  granz  turbes, 

ne  reis  ne  quons  n'  i  poet  faire  entrarote,  1 

ne  le  saint  cors  ne  poiqrent  passer  ultra.  { 

104  Entr'  ols  anprennent  dl  seinor  a  parier: 
„granz  est  la  presse,  nus  n'  i  poduns  passer, 
por  cest  Saint  cors  que  deus  nus  ad  donet. 
liez  est  li  poples  ki  tant  V  at  desirret, 

tuit  i  acorent,  nuls  ne  s'  en  volt  tumer/' 
106  Cil  i^n  respondent,  ki  V  ampirie  baillissent: 

„mercit,  seniur,  nus  en  querruns  medne,  | 

de  nos  aveirs  feruns  grane  departies  ! 

la  main  menude  ki  V  almosne  desiret. 
s'  il  nus  funt  presse,  uncore  [an]  ermes  delivre[B]."       | 

106  De  lur  tresors  prenent  V  or  e  V  argent,  l 
si  r  funt  geter  devant  la  povre  gent.  , 
par  ioo  quident  aveir  discumbrement ;  j 
mais  ne  puet  estra,  dl  n'  en  rovent  nient, 
a  cel  Saint  hume  trestujer  est  lur  talenjsr. 

107  Ad  une  voiz  crient  la  genfer  menude: 
„de  cest  aveir  certes  nus  n'  avum  eure, 
si  granjer  ledece  nus  est  apareüde 
d"  icest  Saint  cors  que  am  bailide  avume^ 
par  lui  aurum,  se  deu  piaist,  bone  aiude.^' 


103,  1.  si  se  commutent  tote.  ,  8.  en  uienent  si  granz  torbes. 
4.  cuens  ni  pout  f^ire  rote. 

104,  3.  por  ceat.        5.  ceo  dient  tuit  nos  ne  uolon  tomer. 

105,  1.  baillirent.  2.  nus  en  querrun.  3.  de  nostre  aaeir  fenuu 
grant  departie.  4.  gent  st.  main.  5.  qoant  ceo  aerant 
tost  en  serum  deliure. 

106, 1.  tresor.        2.   si.        4.    de    quanquil  getent  eil   nel  uolent 

nient.        5.  saint  cors  ont  tome  lur  talent. 
107^  1.  erie.        4.  cors  ou  auum  nostre  aiue.    Vers  6  fehlt. 


JBÜo/inann:  Alexis.  113 

108  Unches  en  ^ome  nen  out  si  grant  ledece 
cun  out  le  jarn  as  povres  et  as  riches 
pur  cel  Saint  cors  qu'  il  unt  en  lur  bailie. 
66  lur  est  vis  que  tengent  deu  medisme, 
trestuier  li  poples  lodet  deu  e  graciet. 

109  Sainz  Aleids  out  bone  volentet, 

pur  oec  an.  est  oi  cest  jurn  on[e]urez, 
li  cors  en  est  an  Borne  la  citet 
-   .  e  r  anema  en  est  enz  el  paradis  deu. 
bien.  poet  liez  estra  chi  si  est  aluez. 

110  Ki  fait  [ad]  pechet,  bien  s'  en  pot  recorder, 
par  penitence  s'  en  pot  tres  bien  salver. 
b'ries  est  eist  secles,  plus  durable  atendeiz. 
66  preiums  deu,  la  sainte  trinitet, 

qu'  0  lui   ansemble  poissum  el  del  regner. 

111  Surz  ne  avogles  ne  contraLe^  ne  leprus 
ne  muz  ne  .orbs  ne  nuls  palazinus, 

en  sur  qtte  tut  ne  neiils  languerus, 
nul[s]  n'  en  i  at  ki  'n  alget  malendus^ 
cel  nen  i  at,  ki  'n  reporb  sa  dolur. 
113  N'  i  yint  amferm^  de  nule  amfermetet, 

quant  il  V  apelet,  sempres  nen  ait  san[c]tet. 
alquant  i  vunt,  aZquant  se  funt  porter. 
si  veirs  miracles  lur  ad  deus  demustret^ 
ki  yint  plurant,  cantant  V  en  fait  raler. 


108 — 113.  Diese  Strophen  fehlen  gänzlich.  Da  sie  einen  mora« 
lisirenden  Excors  enthalten,  so  sind  sie  ^ur  Entwicklung  nicht 
nothwendig  jojxdi  können  als  ein  Zusatz  jener  üeberarbeitong 
betrachtet  werden,  die  uns  im  Lambspringer  Codex  vorliegt, 
welcher  sich  ja  trotz,  seines  hohen  Alterthums  durch  seine 
fnetrischen  und  grammatischen  Fehler  als  eine  in  England, 
-  wo  allein  diese  Fehler  in  frühester  Zeit  vorkommen^  gemachte 
Abschrift  eines  älteren  Textes  documentirt. 
[1868.  LI.]-  8 


114       Sitzung  der  phüos.-phüol  Clasae  vom  4,  Januar  1868. 

113  Cil  dui  seinur,  ki  V  empirie  guvement, 
quant  il  i  yeient  les  vertaz  si  apertes, 

il  le  receivent,  si  V  plorent  e  si  1'  servent; 
alques  par  pri  e  le  plus  par  podeste 
vunt  en  ayant,  si  derumpent  la  presse. 

114  Sainz  Bo^eface^,  que  Tum  martir  apelet, 
aveit  an  Borne  uue  eglise  mult  bele, 
iloec  aportent  daii[z]  Alexis  a  certes 

et  attement  le  posent  a  la  terre. 
felix  li  ]i\i8  a  sis  sain^er  cors  herberget. 

115  La  genfer  de  Rome,  ki  tant  1'  unt  desirret, 
seat  jorz  le  tenent  sor  terre  a  podestet. 
gvBxi/s  est  la  presse,  ne  Y  estaet  demander, 
de  tutes  pcurz  1'  unt  si  avirunet, 

c'  est  avis,  undies  hom  n'  i  poet  habiter. 

116  AI  sedme  jam  fut  faite  la  herberge 
a  cel  Saint  cors,  a  la  gemme  Celeste. 

en  BUS  s'  en  traient,  si  alascet  la  presse, 
Yoillent  0  nun,  si  V  laissent  metra  an  terre. 
66  peiset  eis,  mais  altre  ne  puet  estre. 

117  Ad  ancensers,  ad  ories  candelabres 
clerc  revestu^  an  albes  et  an  capes 
metent  le  cors  enz  en  sarqueu  de  marbre. 
alqaant  i  cantent,  li  pluisor  jetent  lermes, 
ja  le  lur  voil  de  lui  ne  desevrassent. 


114,  1.  Boniface.  2.  une.  8.  aportent  saint  Alexis.  4.  trestot 
Bouef  le  poeerent  a  terre.      5.  lieas  ou  le  saint  cors  conuene. 

116,  2.  sei  st  seat  —  sas  st.  sor.  8.  fehlt,  dafür:  plore  li  poples 
de  rome  la  cite.        6.  qae  auis  nnques  i  pout  Inm  adeser. 

116,  1.  setime^ior.        8.  se  traient.        5.  co  lor  peiset  mais. 

117,  118  sind  nmgesetzt.  117,1.  et  a  orins  st.  ad  ories. 
8.  le  cors  en  son  sarcn.  4.  cantent  et  aaqoant  lermes 
espandent. 


Hofmanni  Alexis,  115 

IIS  D'  or  e  de  gemmes  fat  li  iBarqueus  parez 
par  cel  saint  cors  qu'  11  i  deivent  poser. 
en  terre  1'  metent  par  vive  poestet, 
pluret  11  poples  de  Rome  la  citet, 
suz  ciel  n'  at  home  ki  's  feilst  atarger. 

119  Or  n'  estot  dire  del  pedra  e  de  la  medra 
e  de  la  'spuse,  cum  11  se  doloserent; 
quer  tuit  en  ont  lor  toIz  sl  atempredes, 
que  tult  le  plainstrent  e  tuit  le  doloserent. 
cel  jum  i  out  cent  mil  lairmes  ploredes. 

120  Desurc  terre  ne  V  pourent  mais  tenir, 
Yoilent  o  non,  sl  1'  laissent  enfodir. 
prenent  conget  al  cors  salnt  Alexis 

e  si  11  prelent  que  d'  eis  sAet  mercit, 
al  son  seignor  11  lur  seit  boens  plaidlz. 

121  Vait  s'  en  li  pople^^  et  11  pere  e  la  medra 
e  la  pulcela  unchee  ne  desevrerent, 
ansemble  farent  jusqu'  a  deu  s'  en  ralerent, 
lur  cumpainie  fut  bone  et  honorethe, 

par  cel  saint  cors  sunt  lur  anames  salvedes. 

122  Salnz  Alexis  est  el  ciel  senz  dutance. 
ensembF  ot  deu  e  la  compaign[i]e  as  angeles, 


118,  1.  dargent  st.   de  gemmes  —  eist  sarcuz.        2.  cors  qui  ens 

deit  reposer.        8.  en   terre  le   metent   niert  mes  trestome. 

6.  fehlt,  dafür  tnit  i  acourent  nen  nent  nul  retorner. 
119  fehlt. 
120,  1.  pueent.        3.  pristrent.       4  e  sire  pere  de  nos  aies  mercit. 

5.  al  tuen  seignor  nos  soies  plaidis. 
121, 1.  li  poples  et.        2.  pnlcele  kil    out  espousee.        &.  tant  qua 

deu  sen  alerent.        4.  bele  st.   bone.        6.  home  st.   cors.  — > 

lors  almes. 
122,  2.  en  St.  e.  ■      Von  122,  3  an  folgt  in  MS.  1856    ein  anderer 


Schluss,  der  so  lautet: 


8* 


116      Sitzung  der  philos.-philol,  Glosse  vom  4.  Janua/r  1868. 

od  la  palcela  dunt  il  se  fist  [si]  estranges, 
or  r  at  od  sei,  ansemble  sunt  lar  anames, 
ne  vas  sai  dire,  cum  lur  ledece  est  grande. 

123  Cum  bone  peine,  deusi  e  si  boen  servise 
fist  cel  saiD^  hom[e]  en  cesta  mortel  vide, 
quer  or  est  s'  aname  de  glorie  replenithe. 
66  ad  que  s'  volt,  nient  n'  i  est  a  dire, 
en  sor  que  tut  e  si  veit  deu  medisme. 

124  Las,  malfeü^!  cum  esmes  avogle^! 
quer  66  veduns  que  tuit  sumes  desve^, 
de  nos  pechez  sumes  si  ancumbret, 

la  dreite  vide  nus  funt  tresoblier. 
par  cest  saint  Lome  doüssum  ralumer. 
126  Aiuns,  seignor[s],  cel  saint  home  en  memorie, 
si  li  preiuns  que  de  toz  mals  nos  tolget, 
en  icest  siecle  [nus]  acat  pais  e  Concorde 
et  en  cel  altra  la  plus  durable  glorie 
en  ipse  verbe,  si  'n  dimes  pater  noster. 
Amen. 


Mult  serui  deu  de  bone  uolente 
por  ceo  est  ore  el  ciel  corone 
le  cors  gißt  en  rome  la  cite 
et  lame  en  est  el  saint  paradis  de. 

Aiun  seignors  cest  saint  homme  en  memoire 
si  lui  preun  que  de  tot  mal  nos  toille 
et  en  cest  siecle  nos  donst  pais  et  Concorde 
et  en  laltre  parmanable  gloire. 
que  la  poisü  uenir  nos  donst  deus  aiutorie. 
et  encontre  deable.  Bt  ses  engins  uitoire. 
Han  sieht,  es  sind  die  Strophen  109,  1 — 4  und  125,  1—4. 


Hofmanni  Alexis,  117 

Anmerkungen  zum  Alexis. 
Aus  den  vorhergehenden  Lesarten  der  Pariser  HS.  ist 
der  Grund  der  meisten  von  mir  vorgenommenen  Text- 
änderungen per  se  ersichtlich  und  ich  habe  nur  wenige  Be- 
merkungen beizufügen.  Was  mit  liegender  Schrift  bezeich- 
net ist,  sind  von  mir  vorgenommene  Aenderungen,  was  in 
eckigen  Klammern  ^teht,  sind  Lesarien  der  Lambspringer 
Handschrift,  die  ich  aus  dem  Texte  entfernt  wissen  will. 
Eine  vollständige  Angabe  aller  Varianten  der  Lambspringer 
HS.  ist  unnöthig,  da  sie  in  zwei  Zeitschriften  abgedruckt 
ist,  die  sich  in  Deutschland  wenigstens  in  Jedermanns 
Händen  befinden.  Herr  Professor  Wilhem  Müller  war  so 
gütig,  mir  seine  Originalabschrift  zu  schicken,  aus  welcher 
hervorgeht,  dass  eine  Anzahl  Stellen  von  ihm  richtig  ge- 
lesen ist,  die  im  Abdrucke  verfehlt  sind,  z.  B.  20,  2  poures, 
73,  5  busuin9  (=  busuinus).  Zugleich  schickte  mir  Hr. 
Prof.  W.  Müller  eine  Anzahl  Conjecturen  seines  CoUegen, 
Hm.  Prof.  Dr.  Theodor  Müller,  die  ich  in  der  Note^)  mit- 


1)  La  Chanson  d'  Alexis.  1,3*  lies  or  statt  ore.  15,3*  1. 
Vad  st.  li  ad.  15,5  1.  (e)  enaur  nuit  22,1.  lasse  muss  beibehalten 
werden,  es  ist  d  in  qued  als  stumm  zu  betrechten.  24,1.  vielleicht 
Tres  („völlig'*)  st.  Des  vgl.  124,4.  27,5  nul  (=  nu  Y)  ist  richtig; 
vgl.  19,5.  30,1  1.  jm  ä  st.  jusque  ä.  31,5*  1.  jo  V  ferai.  (tu  de 
tun  seinur  braucht  nicht  geändert  zu  werden).  38,3*  1.  (e)  ensur 
nuit.  40,1*  1.  ä  cel  st.  ä  icel.  43,3  viell.  n*  estat  („blieb  nicht 
stehen")  st.  n'  ältre.  46,2  1.  guardast  f.  guardrat.  59,4-  amuiet 
ist  richtig  (amuier  =  admotare).  60,3*  1.  si  (li)  depreient,  vgl. 
101,5;  102,3.  61,5.  Zu  ne  guardent  Vure  vgl.  Guill.  d'  Or.  ed. 
Jonckbl.  p.  100,  v  1021,  p.  339,  v.  4705;  p.  338,  v.  4671.  Rom. 
d'Alex.  ed.  Michelant  p.  19,  10;  p.  58,  12.  64,5.  1.  ad  st.  as. 
70,1  1.  «MS  (nicht  sur)  st.  fuz.  71,5.  1.  wo  st.  na.  72,5  1.  net  (= 
ne  t')  coneumes  und  net  conuissum,  73,1  1.  pechethor.  73,4*  1. 
(nus)  sumes.  74,3*  1.  par  (la)  tue.  77,1*  1.  cume  st.  cum.  77,5* 
1.  sen  (est)  refuit.     78,2  1.  derump.      78,5  1.  tum  (=  tu  m')  st.  tun. 


118      Sitzung  der  philos.-phüöl  Gasse  vom  4.  Januar  1868. 

theile  und  für  die  ich  ihm  hier  bestens  danke.  Ich  habe 
mir  zwei  seiner  Emendationen  angeeignet,  die  erste  101,3 
mit  der  Modification,  dass  ich  nostr'os  in  nostr'oes  ver- 
wandle und  erkläre:  für  uns  ist  es  eine  Freude  (oes  kann 
natürlich  auch  ops  geschrieben  gewesen  sein  und  dann 
stünde  es  den  überlieferten  nostros  ganz  nahe),  die  zweite 
que  n'  am  perneies,  (84,  4)  habe  ich  für  quer  n'  am  per- 
neies,  welches  ich  in  den  Text  gesetzt  hatte,  aufgenomm^. 
In  den  übrigen  Stellen,  wo  wir  übereinstimmen,  bin  ich  von 
ihm  unabhängig,  da  seine  Anmerkungen  eintrafen ,  als  mein 
Text  schon  druckfertig  war. 

1,  3  nul  vor  prut  zu  tilgen  schien  mir  darum  noth- 
wendig,  weil  •  der  Dichter  nach  meiner  Meinung  sagen  wollte, 
dass  es  jetzt  von  Gerechtigkeit,  Liebe  und  Treue  nicht  viel 
(prut)  mehr   auf  Erden  gebe,     nul    prut   würde  heissen  = 


79^2*  1.  presentet  st.  apr.  82,2,B,  1.  n*  aveie  retenude  que  am/jgur  fei. 
82,4*  1.  we  st.  or.  84,3*  1.  U  (li)  toen  (toen  ist  einsylbig).  84,4 
Statt  quer  amper  nei  es  lies  que  n^amperneies  („warum  nahmst  Du 
nichts  davon?")  88,1  1.  e  si  jetet  89,4  1.  malfeüde  (gl.  male 
fiatuta,  von  fatum,  vgl.  Littre  Dict.  s.  v.  feu).  90,4*  1.  si  (1«;  la. 
91,3  1.  pu/rquei,  o  fius.  92,1*  1.  ainz  que  f  vedisse,  (en)  fui  w.  d. 
92,3  1.  jo  f  vid.  92,4.  L  sor  mei,  92,6*  1  (go)  n'  est,  94,5  L 
tufn^  st.  tun.  95,3.  Vor  pur  felunie  muss  eine  Zeile  ausgefallen  sein; 
sie  kann  etwa  so  gelautet  haben:  aar  hen  saveie^  que  ne  f  en  fus  alet 
pur  etc.  96,5*  1.  or  st.  ore.  pesmes  st.  posmes.  97,4*  1.  ore  st. 
or.  98,1  1.  jo  f.  99,1*  1.  or  st.  ore.  101,3.  viell.  ä  nostr'  es 
est  e  goe  („es  ist  zu  unserem  Nutzen  und  zu  unserer  Freude")- 
104,3*  1.  icest  st.  cest.  105,2  1.  qu^rrums  107,3*  1.  nus  est  (or) 
ap.  110,1*  1.  fei  ad  fait.  111,2*  1.  ne  nuls  pal.  111,3*  ensur- 
quetut  ne  netds.  111,5  1.  fei  *n  report.  112,4*  1.  lur  (i)  ad.  115,5* 
CO  est  avis.  117,3  1.  larmes.  118,3  1.  le  (oder  V)  st.  el.  119,1  L 
m'  estot  St.  n'  estot.  120,1*  1.  (Quant)  desur  terre.  120,4*  1.  que 
de  eis-,  vgl.  37,5.  123,4*  1.  nient  n'  (i)  est  123,5*  1.  ensorqueifä. 
124,1  1.  malfeüz,  vgl.  89,4.  (Die  Sternchen  bezeichnen  metrische 
Conjecturen.) 


Hofmann:  Alexis,  119 

keinen. Nutzen  haben  diese  Tugenden,  was  er  doch  nicht 
wohl  meinen  konnte. 

17,  1.  la  Lice  ist,  wie  aus  dem  latein.  Texte  hervor- 
geht, Laodicaea.  Es  kömmt^  auch  in  der  nächstens  von: 
mir  erscheinenden  Pilgerfahrt  Karls  des  Grossen  nach  Jeru«' 
salem  und  C.  P.  vor,  V.  106,  la  grant  ewe  del  flum  passerent  a 
kt  Lice,  wo  die  HS.  liee  hat.  Dass  man  nicht  LaUoe 
schreiben  darf,  sondern  la  Lice,  geht  aus  Jacobus  a  Vi- 
triaco  hervor,  der  in  seiner  Historia  Hierosolymitana  cap« 
XLIV.  S.  1073  (bei  Bongars,  Gesta  Dei  per  Francos)  sagt: 
Laodicia  Syriae  nuncupata,  vulgariter  autem  Liehe  no- 
minatur.  Im  Althochdeutschen  sagte  man  Ladicce  (vgl. 
Wackem.  LB.  182  Z.  IL),  türkisch  heisst  sie  bekanntlich 
jetzt  Latakiah. 

34,  1.  Des  muss  hier  so  heissen,  vgl.  29,  3.  cum 
dis  =  wie  wenn. 

28,  3.  nelil  habe  ich  in  Rücksicht  auf  55,  3  in  neül 
verwandelt.  Neben  nul  kommt  in  der  älteren  Sprache  ein 
aus  nee  ullus  entstandenes    zweisilbiges  neül  vor. 

29,  3.  Durch  die  Schreibung  cum  dis  V  avust  pre- 
dethe  statt  der  Lesung  der  Lambspringer  HS.  wollte  ich 
die  Entstehung  der  aus  dem  Par.  (durch  die  Lesung  leust 
preee)  ersichtlichen  Corruptel  klar  machen.  Der  Abschreiber 
verstund  die  archaistische  Form  nicht  mehr  und  las  für 
auust  (=  habuisset)  aitust,  welches  er  als  ait  ost  deutete* 
Die  Deutung,  das  Zimmer  habe  ausgesehen,  als  wenn 
ein  Heer  es  geplündert  hätte,  scheint  mir  ganz  unzulässig. 
Wenn  meine  Aufstellung  avust  richtig  ist,  so  wäre  diess  ein 
Beweis,  dass  der  englische  Abschreiber  des  Lambspringensis 
einen  um  vieles  älteren  Text  vor  sich  gehabt  hätte. 

31,  5.  tu, de  seinur  mit  Auslassung  von  tun  habe  ich 
mit  Rücksicht  auf  47,  4,  wo  sun  ebenfalls  ausgelassen  ist, 
in  den  Text  gesetzt.    Es  ist  ein  schöner  Archaismus. 


120       Sitzung  der  phüas.-philöl,  Gasse  vom  4.  Janua/r  1868. 

38,  3.  ne  me  voil  st.  nen  r^voil  braucht  keine  Recht- 
fertigung. 

51,  4.  Das  verzweifelte  musgode  musste  hinaus,  wozu 
die  Lesart  des  Par.  estui  die  Handhabe  bot,  in  Verbindung 
mit  Gl.  Par.  7692  Nr.  537.  estui  heisst  versteckter  Vorrath, 
pomarium  Aepfelkammer,  so  wagte  ich  misgode  (=  migoe) 
zu  setzen.  Sonst  würde  muscede  (Versteck)  am  nächsten 
liegen.  In  W.  Müllers  Abschrift  steht  über  dem  u  ii,  also 
kann  man  misgode  lesen. 

59,  4.    amyietz  ist  invitatos. 

73,  2.    vocet,  Par.  vouchie  =  vocati. 

80,  3.  consiredes  sollte  ich  wohl  statt  consireres  in 
den  Text  gesetzt  haben  mit  Rücksicht  auf  94,  demuredes 
st.  demureres. 

107,  4.  baiule^  hätte  ich  nach  dem  von  Rochegude 
ohne  Beleg  verzeichneten  bajulia  zu  setzen  gewagt,  da 
baihde  durch  dfe  Assonanz  verboten  ist  und  ich  bailude, 
was  am  nächsten  gelegen  hätte,  noch  weniger  zu  belegen 
wüsste.  Freilich  muss  ich  bekennen,  dass  auch  bajulia 
nichts  weiter  als  bajuliva  oder  baillida  sein  wird  und  somit  zog 
ich  vor,  durch  Aufnahme  von  avumes  in  die  Assonanz  zu  helfen. 

111,  2.  palazinus  heisst  paralyticus  vgl.  Roquefort 
palasine,  palasinus,  der  Form  nach  malum  palatinosum. 

111,  4  malendus  scheint  mir  ganz  verdächtig,  da  es» 
wenn  es  auch  ein  richtiges  Wort  wäre,  was  jedenfalls  nicht 
zu  beweisen  ist,  wohl  von  malus  herkommen  und  eine  Be- 
deutung haben  würde,  die  der  an  unserer  Stelle  geforderten 
entgegengesetzt  wäre.  Valendus,  valedur  oder  eine  derartige 
Ableitung  von  valere  scheint  mir  hier  der  Sinn  zu  fordern. 
Sollte  valendus  eine  Zusammenziehung  von  valetudinosus 
sein  und  krank  bedeuten,  so  müsste  man  wohl  lesen:  cd 
nen  i  at,  k'  en  alget  valendus  =  keiner  davon  geht  krank 
von  dannen.  Eine  Ableitung  von  nialaigne  pr.  malanha  (aus 
lat.  malignus)   scheint  wegen  der  Bedeutung  unstatthaft. 


Hofmannx  Das  Zweitälteste  ältfranz.  GUma/r,  121 

Zum  Schiasse  habe  ich  za  bemerken,  dass  mir  aas 
einer  Beartheilung  der  in  Land  erschienenen  altfranzösischen 
Spijichproben  in  der  Revae  critique,  Jahrgang  1867  recht 
wohl  bekannt  ist,  dass  aach  in  England  im  Privatbesitze 
(wessen,  ist  nicht  gesagt)  eine  Handschrift  des  Alexis  sein 
soll,  djß  mit  dem  Lambspringer  Texte  aus  einer  Quelle 
geflossen  wäre.  Wer  weiss,  welche  Schwierigkeiten  es 
hat,  nur  deutsche,  geschweige  denn  englische  Privatband- 
schriften zur  Benützung  zu  erlangen ,  wird  mir  nicht  ver- 
argen, dass  ich  meine  Arbeit  ohne  Rücksicht  auf  diesen 
verborgenen  Schatz  publicire.  Vielleicht  trägt  diese  Ver- 
öffentlichung dazu  bei,  einea  Abdruck  oder  eine  Vergleich- 
ung  der  englischen  Handschrift  zu  veranlassen  und  so  die 
Textkritik  dieses  hochwichtigen  Denkmals  weiter  zu  fördern. 


3)„Da8zweitälteste  unedirtealtfranzösischeGlossar". 

Das  ältfranz.  Wörterbüchlein  aus  dem  Anfange  des 
14.  Jh.,  von  dem  ich  hier  einen  Auszug  gebe,  der  alle  etwas 
seltenen  Wörter  (im  Ganzen  etwa  ein  Zehntel)  enthält,  trägt 
oder  trug  die  Bezeichnung  7692  fonds  latin,  und  ist  unter 
allen  bis  jetzt  bekannten  meines  Wissens  das  Zweitälteste, 
wenn  es  richtig  ist,  dass  das  Petit  vocabulaire  von  Evreux 
(ed.  Chassant,  Paris  1857)  noch  der  zweiten  Hälfte  des 
13.  Jh.  angehört.  Ich  wurde  darauf  aufmerksam  gemacht 
durch  Paulin  Paris  und  machte  diesen  Auszug  während 
meines  ersten  Pariser  Aufenthaltes  (1850—51).  Seitdem 
wurzle  es  besprochen  in  der  Hist.  lit.  de  France  XXII. 
p.  24  (1852)  von  Emile  Xittre  und  in  den  Altromanischeu 
Glossaren  (Bonn  1865)  S.  4.  Note  von  Fr.  Diez  erwähnt. 
Ein  Abdruck  davon  ist  mir  nicht  bekannt. 


122       Sitzung  der  phihs.-phildl,  Classe  wm  4,  Januar  1668, 

Den  romanischen  Völkern  fehlt,  wie  schon  der  grosse 
Muratori^)  bemerkte^  der  Vortheil,  den  die  „barbarischen 
Nationen''  geniessen,  ihre  Sprache  im  ältesten  oder  relativ 
ältesten  Zustande  za  kennen.  Die  ärmlichen  Ueberreste 
frühester  romanischer  Sprache  reichen  weitaus  nicht  an  die 
Fülle  altgermanischer  Denkmäler,  deren  wir  uns  erfreuen 
gegenüber  der  Armuth  aller  anderen  Völker  Europas  im 
Mittelalter.  So  fehlen  dem  Altfranzösischen  vor  und  in 
seiner  Blüthezeit,  dem  zwölften  und  dreizehnten  Jahrhundert, 
alle  lexicalischen  Hülfsmittel-  und  erst  mit  dem  Verfalle  der 
Literatur  beginnen  sie  spärlich  aufzutauchen.  Eine  voll- 
ständige Sammlung  dieser  zerstreuten  Stücke,  sei  es  in  ge- 
nauem Abddrucke,  sei  es  in  systematischer  Bearbeitung,  am 
besten  in  beiden,  ist  ein  Desideratum,  dessen  Erfüllung 
leicht  zu  versprechen,  aber  schwer  zu  halten  sein  wird. 

Ein  Wörterbüchlein,  wie  das  vorliegende,  bedarf,  um 
nützlich  zu  sein,  eines  Commentars,  den  ich  später  zu 
liefern  mich  anheischig  mache,  wenn  ich  die  Ansicht  meiner 
gelehrten  Freunde  über  gewisse  schwierige  Punkte  vernom- 
men habe,  deren  Entscheidung  ich  mir  allein  nicht  zutraue. 
Auf  zwei  sehr  interessante  Wörter  will   ich  jetzt  schon  auf- 


1)  Er  war  es,  der  zuerst  das  germanische  Element  in  der  Ety- 
mologie theoretisch  und  praktisch  zur  Geltung  brachte  gegenüber 
der  klassischen  Bornirtheit  eines  Menage  u.  A.,  der  die  kindische 
Eitelkeit  seiner  Landsleute  auf  ihre  Abstammung  von  Halb-  und 
Viertelsrömem  zurechtwies,  und  wie  wenig  sie  über  die  Beimischung 
germanischen  Blutes  zu  erröthen  hätten,  das  unzweifelhaft  in  ihren 
Adern  fliesst,  der  endlich  für  die  germanischen  Sprachinseln  in  Ober- 
italien mindestens  eben  so  viel  Yerstandniss  und  Interesse  zeigt,  als 
unsere  gothisirenden  Dilettanten,  wenn  er  (Diss.  XXXIII.  p.  336)  mittheilt: 
Anzi  nelle  montagne  del  Veronese,  Yicentino,  e  Trentino  v'  ha  tutta- 
via  delle  Tille,  che  ritengono  molto  dell'  antica  Lingua  Sassonica; 
e  il  Re  di  Danimarca  sul  principio  del  presente'^Secolo  parlando 
con  quella  gente,  molte  vestigia  vi  trovo  della  Lingua  Danese. 


Hofmann:  Bas  Zweitälteste  cdtfranz.  Glossar,  123 

merksam  machen.  Amphitheatrum  heisst  cercle  de  tounel, 
(was  schon  von  Da  Gange  unter  Amphitheatrum  bemerkt 
ißt  und  im  Vocab.  de  Dauai  S.  207  mit  cercles  de 
Tin  identisch  zu  sein  scheint,)  worin  man  sofort  das  hollän- 
dische tooneel  erkennt,  dessen  Ableitung  von  dem  Verbum 
toonen  zeigen  mir  nicht  einleuchten  will.  Freilich  weiss 
ich  auch  keine  Erklärung  aus  dem  Romanischen,  denn 
tounel  heisst  Fass  (tonneau)  und  mit  tonnelle  prov.  tonela 
Laubengitter  mrd  wohl  noch  weniger  anzufangen  sein.  Wenn 
man  freilich  dem  Petit  Vocabulaire  von  Evreux  S.  35  trauen 
dürfte,  60  hiesse  tounel  versatilis.  Allein  das  Werkchen 
wimmelt  von  Fehlern  und  eine  kritische  Ausgabe  ist  ein 
dringendes  Bedür&iss,  insofern  überhaupt  bei  einer  so  ver- 
nachlässigten und  geringgeschätzten  Literatur,  wie  die  alt- 
französische, von  dringend  die  Rede  sein  kann.  Es  wird, 
also  auch  hier,  dem  lateinischen  Worte  entsprechend,  tornel 
oder  toumel  zu  lesen  sein.  Der  Zusammenhang  zwischen 
cercle  de  tounel,  cerle  de  vin  und  tooneel  könnte  möglicher 
Weise  darin  liegen,  dass  Schauspiele  da  abgehalten  wurden, 
wo  man  eben  auch  Wein  und  Bier  verzapfte,  wofür  zum 
Zeichen  ein  Fassreifen  über  dem  Eingange  aufgehängt  war, 
wie  noch  heute  an  manchen  Orten.  Der  zweite  wichtige 
Punkt  ist  die  Gruppe  vagari  gauler,  vagus  gaule,  vagatio 
gauliere.  Hier  scheint  mir  die  Erklärung  des  vielbespro-» 
ebenen  Namens  der  Vaganten  oder  Fahrenden  zu  li^en, 
Goliard.  Die  romanische  Grundform  hiesse  gaulard,  was 
denn  die  wörtliche  üebersetzung  von  Vagant  wäre.  Das 
Wort  gauler  selbst  führt  auf  ahd.  wallön  nhd.  wallen  = 
ambulare,  meare,  errare,  und  golard  wäre  wörtlich  ein 
Waller.  Sollten  diese  beiden  Wörter  darauf  hindeuten,  dass 
das  Wörterbüchlein  im  nordwestlichen  Theile  Frankreichs 
an  der  niederländischen  Sprachgränze  seine  Entstehung 
hatte? 


124      Sitzung  der  philos.'phtM,  Classe  vom  4.  Januar  1868, 

* 

Lexicon   latino-gallicum    (saeculi   XIII.)    Cod.    Colb.    6430. 

Eegius  6696/3.  hodie  7693.  107  Blätter,  klein  8«.  26  Zeilen 

2  Spalten,  von  102  an  3  Spalten. 


1  Abavus  tier  ael  vgl.  attavus 

abbas  abhe 

abbatissa  dbeesse 

abbassia  abaie 
5abreviare  dbreger 

abreviatio  dbregance 

abdicare   refuser 

abdere  mucer  ourespondre 

abducere  formener 
10  abesse  desestre 

aberrare  forvoier 

abicere  ieter 

abiectio  ietement 

abigeatus  larcin  de  beste 
ISabies  sapin 

abienus  de  sapin 

abigere     embler    vel   for- 
traire  vel  chacer  ensuS 
'  abiges  larron 
20abigeus  idefn 

abyssus  abeme 

ablactare  sevrer  enfant 

abluere  laver 

ablutio  lavance 
25abnegare  renoier 

abnepos  III  me  nepvox 

b)  abiurare  escondire 

absolere  contumer 

abolere  effacer 
SOabolitio  effance    (sie) 


abhominari  escomovoir 

abhominatio  dbhominaton 
(sie) 

abortire  atu)rter 

abortlYus  a  um  (morte 

35abortari  amoneter 
abhorrere  espouenter 
abradere  reire  vel  rager 
abrenundare  renoncer 
abrogare  destruire 

40  abruptus  ta  tarn  desrompu 
abscedere  aler 
abscindere  irencher 
abscondere   mucer  vel  rc- 

spondre 
absconsio  musance  vel  re- 
sponse 

45  absciütium  alene 
absistere  ester 
absorbere  super  .  .  gotUer 
absonus  a  um  descor  .  .  . 
abstergere    terdre 

öOabsilire  saillir 

absterrere  espouenter 
abstinere  abstenir 
abstudere  1.  abstuere 

estouper 
abstrahere  fortraire 

55absumere  degater 

absurdus  a  um  quinefaii 
a  ouir 


Hofmann:  Boa  Zweitälteste  ältfranz.  Glossar. 


125 


abutir  (sie)  mesuser 
abusio  äbimon 
abusive  encontre  usage 

60abundare  abunder 
abandancia  abundance 
achates  pierre  precieuse 
acantis  atibe  espme 
acazalantis  escardonnerele 

65aGalicus  ca  cum  escale 
accedere  aprocher 
accessuB  aprochement 
accelerare  hater 
accendere  embraser 

TOaccentus  accent 
accentuare  accenter 
acceptare  prendre  a  gre 
acceptio  receva/nce-' 
acceptabilis  receptdble 

75acceptu8  recu^ 
acludere  aclorre 
accipere  recevoir 
accidere  advenir 
accidit  ü  advient 

80  accinere  accorder 
accidiare  ent^er 
accidia  enui  peresce 
acddiosus  pereceus 
accingere  ceindre 

85acer  erable 
f.  2.  acea  hache 
acerra  vaicel  a  uile  V  ew- 

cmsier 
acies  otage  V  pointedesQC 
V  comet  de  luel 


90  aqnirere  acqtierre 

acredo  escrim^  egrun 

acitare  tere 

actuariane/'gm  est  menee 
de  Cordes 

actor  fesor 
95  adagonista  enchercheur 

adicere  contreter 

adire  reqtierre 

adeps  cresse 

adnichilare  cmianter 
100  adnullare  anianter 

adulare  lober  fiater 

SLdxjlsLÜo  hbance 

adonare  aduner 

adunatio  adunance 
105  advicinare  aprocher 

f.  3.  affrica  OMfrique 

agagula   lechierre 

agaso  a,snier 

aguia  le  treu  de  la  ba- 
lence  V  hautesce 
110  ageno  dea  .1.  deesse 

agalia  lium  festa  eios 

agger  traval  s  monter  s 
fosse 

agea  naie  en  tief 

agresta    vermis  de  pom- 
mes 
115  aginare  Aa^e«; 

agapallus  uireli 

agoria  poUe 

alabrare  traouller 

alabrum  traml 


126        Sitzung  der  phüos.-phüol.  Glosse  vom  4.  Januar  1868. 


120  alabastrum    boeste    de 
houegnement 
aluta  cordoen 
alcedo  cormorage 
alietus  esmeriUon 
alisterium  peteil 

125  alnetum  auney 
alloqui  arresonner 
aluta  cordouen 
alpes  mont  de  monge 
altitronum  pronel 

130  alveum  äuge 
alveus  aube 

ambages  doUtance  V  trufle 
amarusca  amouroite 
amens  deve,  amentia  dfe- 
verie 

135  amphiteatrum    cercle  de 
tounel 
amphora  biere  s.  chane 
amidalum  alemande 
amidalus  alemandier 
auca  otie  ancer  oue 

140  auculus  ouysm 

anas  cme  boure  oä.  vcmre 
ancile  talevas 
ancionarius  regratier 
angariare   fere  coruce  V 
contraindre 

145  SLUgeiViSk  coruce  oudetresce 
'  anguBtiare  etrescer 
antrum  fosse 

auxigiaemin^  Vtressedeport 
D^SixxmgiBioressedeporc'] 


aspergitoriom  guipiUon 
150  apium  ache  1,  herbe 

apiaster    la    mere     aus 
mouches 

apiacula  petite  ee 

SLfiB^od.SL^^et&moueheamiel 

apiago  seneschon 
155  SL^^BTitorbedelVaparitour 

apostema  potente 

apotecari  espicer 

appellere  ariver 

applacare  pleer 
160  appricus  delectable 

aqualicas  evetis 

ara  tet  a  pors 

arare  erer,  arator  erour 

arrabo  erre 
165  arbutus  arbree 

archa  huche  s.  arche 

arcimum  escarlate 

aritomus  mullon 

areola  reste 
170  aristoforum     .1.   vaissd 
darüber  huet  von  an- 
derer Hand 

armentom  aumaiUe 

armentarium  aumaiUe 

armilla  behoudour 

artavus  canwet 
175  artiue  arthiers 

arthocrea  royssole 

arÜiocasea8/a(m(ocl.  /!on) 

amgo  buhen 

aruina  mnt  cresse 


Hoftnann:  Das  Zweitälteste  ältfranz.  Glossar. 


127 


180  arthesis  crampe 

artheticus  cramcheus 
'  arundinetum  rosei 

aspergus  boulet 

aspemari  despere 
185  assata   cherbonee  V  Jtate 
'^     asser  es  V  espuer 

assTila  döloere 

astare  ester 

attavus  quart  ael 
190  auricalcum  ercal 

amptonns  ampfone 
(=  Hampton) 

autorium  abotage 

avus  ael 

ayunculus  oncle 
195  avuncula  ante 

ava  afie 

axis  esseill 

axionarius  regratier 
—     ia  regratiere 
200  axungia  oint 

baccus  bon  vm 

balbutire  baubier 

balbus  baubumr 

baruteliam  belutel 
205  batus  bouecel 

batillos  boueceUet 

biceps    qui  a  II.  festes, 
becheves 

bilinguis  begue 

bipennis  hache  lorreise 
210  bladiolum  blairie 

blesus  a  um  blefQ.  bles) 


boletus  boulet 

bonbinare  perre 

bombizare  idem 
215  bonbinant   homines    sed 
bonbizant  apiastres 

bombulus  pet 

botrus  bourion 

bracos  grece  brewe 

braceum  gui 
220  branchya  iouue 

bratea  pieee  d  or 

brateatus  dore 

bracca  braie 

braccale  brael 
225  brasium  brais 

bria  mesure 

bricium  goutiere 

bubalus  bügle 

buca  buche 
230  bucca  bouche 

bubo  huen  V  buhe 

bufo  grapout 

buris  coue  de  cherue 

cachinare  esquigner 
235  calamaularius    chalemelr 
lour 

calamistrum   esclice  a 
erepir  les  cheveus 

caliendrum  aumuce 

cameleon  .L  bestelote 

camena  .1.  muse  VcJianson 
240  campanärius  maraglier 

camomilla  vignoehe  1. 


% 


128        Sitzung  der  phüos.'phildl,  Clasae  vom  l.  Januar  1868. 


cambis  chaueires 

candolirare  acomper 

capitium  chevessaiUe 
24&  caputium  chaperon 

carbo  cherbon  V  escarbot 

carestum  glaie 

carpere  cherpir 

cacufa  pudle 
250  casia  espesce 

castratus  a  um  scme 

catellus,  catulus  chael 

catulus  chatonifet 

catilio  lechierre 
255  catinas  escueUe 

cauina  harle 

celenina  rotuenge 

cenaculum  sauper  cenail 

cenohsLtQ^rampereidde  nef 
260  cepulatuin  ciue 

cepularium  oigmnee 
.     cepule  escalongnes 

cerasus  ceresier 

cerasum  cerese 
265  cerulus  bloy  V  iastune 

cericus  tormente 

cernida  od.  cernicla  pas* 
soere 

cespes  biete  T  gasen 

cestus  tälucLS 
270  ciatus  fiole  V  hanat 

ciclas  cendal 

cinapium  mortarde 

cinapis  ceneues 

cindola  essende 


275  ciniflo  od.  ciuiflo  souflet 
cinus  meresier 
ciphus  hanap 
cippus  sep  V  taupiniere 
cirurgia  mierrerie 

280  cirurgiGUS  mirre 

cirritus  qui  parte  dorenht 
cerritas  deus  e  mal 
CLSta  huche 
cytacus  papegay 

285  citus  ind 
civis  dteien 
classis  nef 
classica  bouesme 
datrus  barre  s'  hese 

290  clavicularius  clavier 
claudus  clqp 
cliba&arius  foumier 
clinicus  cloche  V  CKOch 
clingere  tintener 

295  cloBXiB,  privee 

clunagitare  cületer 
crisari  idem  Yersus  clun- 
agitanthominessed 
crisantur  mulieres 
clunis  reins 

300  coccineum  rage 
coccineus  roge 
cmociclotorium    esclo- 
touere  (=  Schleuse) 
coherere  ^herdre 
colaphus  colee 

305  colera  cole 

colericus  coUrike 


Hafmann:  Das^  zweMteaU  4atfiram.  GUisar, 


129 


collabi  glacier 

collifiom  eochdui  Vpains 
azimos  V  rede 

colesettm  ymage  de  mort 
310  colomba  cohmAe  privee 

columbüs  Colon  prive 

Gümedia  eamedie 

commnniceixeacomi^inger 

compellare  fUf'emer 
315  compitom  J.  viefourchee 

coDCbis  mmUete 

concha  oestre  V  eseale  de 
hamachon 

concubiüa  gucMree 

eondicere  parparler 
320  conflabalari  flaber 

coBfabuiatio  flabaiitce 

conhibere  ostreer 

conoptö  grondme 

coastipare  costiver 
325  contexere  tetre 

contempnere  despire 

GOtttemptus  a  am  despit 

contorquere  iuetre 

Corale  euissd 
330  eorea  ^[uerole  danee 

hie  cormus  cormier 

cormimi  eorme   ^ 

corrugare  refremgfier 

corvus  corMn 
335  cos  keu9 

eotnrtiua  böte 

crater  hanap 

erati»  dee  8  greü 
[1868. 1.  1.] 


crates  greil 
340  cittticula  idem 

(^eaga  havei  od.  honet 

ctema  eremie 

crepita  Imsse 

crepido  pie 
345  crisma  creme 

crepuscfulum  a^oume 

crepddium  bers 

creta  croie 

cripta  erouste 
350  crispare  crespir 

ococGQB  saphren 

crudes  baton  ferre 

crudescere  acruir 

craor  sanc  fege 
355  crodbohtm  crasder 

cracibolum  crasset 

cucufa  coife 

cttöuUa  cotde 

cüUa  eofde 
d6(y  cncalus  cucu 

<meamer  courgier 

cacarbita  coure 

cuppa  tune 

curmlio  mulot 
365  cui^uca   brunete  V  homo 
qai  sanat  estrange 

curyos  a  um  eoree 

dactilttd  dcUier 

dactihini  date 

daiA^r  äsender 
370  d<ebilitare  afldner 

debiti9  fleibe 
9 


130       Sitzung  der  phOoSi-phiJoL  Cktaaevom  4.  Januar  1868. 


debilitas  fkbeisee 

debiliter  flebemefni 

decimator  ä^emotir 
375  decipula  rotiere^  piege 

deformis  ley 

dent^ix  lujs 

depigavnac^ 

dudum  pieeha 
380  Dusius  ^.  dyable 

eculeus  püori 

elleborum  essole 

erariuß  mengum 

eruca  escalongne  V  cha- 
tepelose 
385  esoulus  meslier 

esculum  mesle 

•essedum  chereste 

estillus  sampnci 

evidens  apers 
390  excipere  essieuter 

exedra  siege  t  fenestre 
large  par  dehors  et 
estroite  par  dedens 

exequare  aigier 

expuere  escopir 

exstipare  esteper 
395  fagus  feu' 

fagina  feine 

falla  bretesche 

falernum  guers&if  (sie) 

falanga  eschdlas 
400  {sLnnmtemplechacelmoutier 

faretra  cuevree  forel 

fasciuare  fesner 


fasciüum  ,1.  faim 

ficetam  figtierie 
405  ßlix  feugiere 

fistula  frestel 

flebotomus  fleume 

fogus  hotdet 

formicales  teguailU 
410  fratillarius  penß^  oder 
peufier 

frustrum  clM 

frustrare  raehUer 

'frustex  hysson 

frustetum  byssoney 
415  fugillus  fouesü 

f ulcrum  eouessinVe^pande 

falgetra  escler 

fulgurare  foudrer 

fulyus  bhns 
420  fuoda  eslingue 

fondibularius  esUngtmr 

fungus  botdet 

fuüiculum  funil, 

furfur  bren  t  nudait 
425  furetus  füret 

fustiua  [L  fasdiia]  havfi  \ 
V  croe  a  Hl  dem 

fuscotorioiu  fusteine         \ 

fuscus  bourjdan 

fisus  fisel 
430  fisum  fisee  , 

fdtilis  espaudable 

galbanus  .1.  espeee 

gannire  cäketer  \ 

gaimitas  chatUde  goupü 


Hofinann:  Daä  ztoeitäiteste  dUfrcmz.  Glossar. 


131 


435  gamagogus  hotdiertmor 
querel 

gsan:ire  gengier 

garrulus  gengleur 

geliddium  verglas 

genealogia  perage 
440  gerere  porter  V  fere 

gironagus  nais 

gith  gargerie 

gleba  biete 

gorbro  govion 
445  gradus  degre  t  erre 

gradale  greel  Über  est 

heresis  bougrerie 

hinnulus  bichot 

hinnula  esccdongne 
450  hycanomus  seneschal 

hystrio  glouton  t  guglowr 

horror  hydour 

horridus  hydem 

horarium  guimpleTper- 
hores 
455  humectare  amoitir 

idromel  mieltou 

iecur  gisier 

impetus   embroissement 

impetuosus  embroissens 
460        —     %Q  embroissement 

incunabulum  bers 

indolis  simplesce 

industria  noblesse 

industrius  ^acAan^^  noble 
465  infecandus  brehain 

infligere  aflire 


intricare ,  entretiescher 

ioncus  ionc 

iocetum  ionchey 
470  iuba  creste  V  crvne 

lugulum  guiterons 

lacessere  tarier 

lagena  pois.  baril.  imUe 

lascivire  enboiser 
475  lascivus  joUs  enboise 

lascivia  jolivete  enboisete 

latrina   longuaigne 

legatum  lees 

legatarias  qui  fet  lees 
480  legium  lul/rin 

legia  floibe  nef 

legi^  le  trendredeloreille 

libens  volentrui 

lidam  lice 
485  lignus  limengiion 

liga  pic 

ligula  lamere 

ligustrum  primerole 

ligurium  löge 
490  limphaticus  evetis 

linus  livmgnon 

lira  herpe  t  ree  (l.  roe?) 

locium  pissas  de  beste 

locusta  atdereule  (sie) 

495  lubricare  escoulourier 

—    US  eseoulouriable 

lucifuga  fresoie 

ludipilare^ower  a  lapelote 

ludipilus  jeu  de  pelote 
500  ludia  balerresce 
9* 


132        Sitzung  der  phOos^-phOof.  Chm  «om  4.  Januar  1868. 


lupanar  bordd 
lutatam  haurdeis 
manere  maindre 
mango  hareder 

505  marcere  marcir 
medicus  mere 
medus  bouquet 
meretrix  fole  fame 
milvius  escoufle 

510  mirica  genest 

miricetnm  genestee 
mfrtus  gauge 
nassa  nomse 
nates  naches  t  nage 

515  nazarenus  dieu  denois 
necomenia  fierfete 
nonaria  fole  fame 
nucleus  noel 
obstaculum  achopcA 

520  olea  olivier 

palumbus  couhn  ramier 
papauer  pouencel 
papola  bube 
parum  pouay 

525  pastinata  pasnasie 
paacus  poy 
pertinax  enredde 
—  acia  ruderie 
pessale  peissel 

530-  pessulum  clenche 


piragra  estreul 
pirolos  escurevi 
pitoita    pepie    morbus 

galline 
placenta  fouace 

535  pollicere  premestre 
polentrudiam  belu/rd 
pomarium  migoe 
praedium  alues 
^vQCQ&prumen  V  damoisd 

540  pronuba  baudeirot 
pulegium  paulieul 
pungus    ckampmeml    [L 

cJuiinpineuI] 
pusia  bachm 
putere  puir 

545  raucus  raus  esroue 
regia  sale 

regulus  serpenf  t.  rebestre 
repedare  regiber 
repatriare  reperer 

550  repulsa  escondU 
ropida  roupie 
—  das  raupiaus 
rosatum  rosey 
rudis  verge  V  rüde 

555  rugire  ruir 

roncare  runkier 
rucina  r(meneure 
ruricola  aJianier  f.    la- 
boureur 


J3o/ifMfi«i:  Da$  MumUSUede  äUfroHg,  Ohssar. 


ISS 


sandix  garenee 

560  scortator  houlier 
sepam  sieu 
Berum  meegue 
sica  gisarme 
sicera  sidre 

565  sodes  Tceles 

sorbitium  chaudel 
sotular  souler 

spatiari  esbaliei 
specus  fosse 

670  stellio    mouron    V    vert 
qui  luit  par  nuit 
sterilis  hreJiengne 

—  tas  brehennete 
strabo  tourlout 
strama  boce  de  hcmche 

575  stiigilis  estriUe  V  emiore 
V  creton  V  ereil  V 
estamine 

suburbiuui   souscite  V 
Jiorsborc 

suparus   canie  od.  came 

tabefacere  soucire 

tabidus  S(mci 

580  terebrum  tariere 

—  bellum  petit  tariere 
terebintus  bououl 
teristrum  sou>canie 
tergiversari  essier 


585     —    atio  essiance 

tero  bues 
I         tillia  teil 

tintinabulum  tintenele 

tica  tine 

590  timpanizare  trumper 
tiria  glasson 
tribula  esmotouerVherei 

V  hese  V  pele 
trica  tresse 
trutanus  truant 

595  truda  troete 
vafer  bourdon 
vagari  gauler 
vagus  gaule 
vagatio  gauliere 

600  yagina  gueine 
valgia  moe 
yangua  besehe 
vepretum  ronsonnei 
yeratus  champafy)&r  sie 

605  yeretrum  vet 
vertibulum  trefetl 
yilla  ville 
villicus    mere    non    est 

medicus 
villicare  avdr  baUie 

610  yillicatio  bdllie 

vimen  vianet  V  osiere 
yisquiamus  queude 


134        Sitzung  der  phüos.'pküdl^  Ckuise  vom  4.  Januar  1868. 


upupa  hupe 
Uranus  cid  de  feu 

615  urceolus  posonnet 
uma  treue 
voltur  hutoir 
voltus  vout  viare 


doudre  dolere 

espenir  luere,    punire,    mac- 

tare,  languere 
envarer  ezterminare,  exulare, 

relegare 
iomeer  diurnare,   pendinare 
noblir  nobilitare 


contumer  contumare,    appre-     profeter  proficere. 
ciare 


Vogd:  VerhäHtniss  der  Infiuorienerde  Bur  VegetoHon.       ISS 

Mathematisch-physikalische  Glasse. 

Sitzung  vom  4.  Januar  1868. 


Herr  Vogel   gibt: 

„Einige   Bemerkungen   über    das    Verhältniss 
der  Infusorienerde  zur  Vegetation." 

Seit  Ehrenberg's  berühmter  Arbeit  über  das  merkwür- 
dige  Lüneburger  Kieselerdelager  ist  die  Infusorienerde  das 
Material  mannichfacher  wissenschaftlicher  und  technischer 
Untersuchungen  geworden.  Da  die  chemische  Analyse  in 
dieser  Erde  einen  grossen  Gehalt  amorpher  Kieselerde  erge- 
ben hat,  so  wird  sie  mit  Vortheil  zur  Darstellung  von  Wasser- 
glas, wie  überhaupt  der  verschiedensten  Kieselsäurepräparate 
verwendet.  Obgleich  von  einer  Ernährungsfähigkeit  dieser 
Infusorienerde  für  den  Organismus  im  eigentlichen  Sinne  des 
Wortes  selbstverständlich  keine  Rede  sein  kann,  so  ist  sie 
doch  merkwürdigerweise  schon  wiederholt  als  Nahrungsmittel 
benützt  worden.  Nach  Berzelius  und  Retzius^)  isst  das  schwe- 
dische Landvolk  im  hohen  Norden  jährlich  hunderte  von 
Wagenladungen  der  Infusorienerde,  mehr  aus  Liebhaberei  als 
aus  Noth.  In  Finnland  wird  hier  und  da  Infusorienerde 
zum  Brode  gemischt.  Die  Schalen  der  Infusorien  sind  so 
zart,  dass  die  Zähne  beim  Beissen  nichts  davon  gewahr 
werden.  Auch  während  des  dreissigjährigen  Krieges  wurde 
die  Lüneburger  Erde  im  Dessauischen  bei  Kliekau  gegessen; 
ebenso  in  den  Jahren  1719  und  1733  in  der  Festung  Wit- 
tenberg. Sie  dient  femer  als  Putz  und  Polirmittel,  jedoch 
nicht  auf  Gold  und  Silber,  wie  Versuche  gezeigt  haben *), 
wohl  aber  auf  Kupfer  und  Messing,  wo  sie  den  sogenannten 
»Wiener  Oraustein«  vollkommen  zu  ersetzen  im  Stande  ist. 


1)  Humboldt,  Aneiohten  der  Natur.    8.  288. 

2)  Annalen  der  Ghem.  u.  Pharm.    B.  19.    S.  ! 


}89         Sitmm§  der  ma^.'pky$.  Chsae  vom  4,  Jmmr  tS$B. 

Weniger  als  in  dieser  Richtungen  ist  die  Infusorienerde 
in  ihrer  Beziehung  zur  Vegetation  Gegenstand  der  Unter- 
suchung geworden. 

Im  Anschluss  an  meine  Arbeit  über  die  Aufnahme  der 
Kieselerde  durch  Vegetabilien*)  habe  ich  einige  Versuche  aus- 
geführt, welche  die  Bedeutung  der  Infusorienerde  in  dieser 
Hinsicht  nachzuweisen  beabsichtigen. 

Ehrenberg  hat  schon  gezeigt,  dass  das  Infusorienlager 
keineswegs  die  Gulturlosigkeit  des  Bodens  bedinge,  ebenso- 
wenig als  der  Sand.  Es  stehen  auf  dem  Infusorienlager 
schöne  starke  Laub-  und  Nadelholzbäume  als  ganze  Wald- 
chen,  während  ein  anderer  Theil  mit  dürrer  Haide  bedeckt 
ist.  Da  nun  gerade  der  quellenreiche  Theil  öde,  der  dürre 
aber  bewaldet  ist,  so  wirken  offenbar  ganz  andere  von  der 
Natur  der  Infusorienerde  unabhängige  Verhältnisse  auf  die 
allgemeine  Unfruchtbarkeit  jenes  Bodens  ein. 

Die  physikalischen  Eigenschaften    einer  Erde   sind    be- 
kanntlich sehr  wichtige  Faktorien  für  die  Beurtheilung  ihres 
Verhältnisses  zur  Vegetation.     Er  schien  mir  daher  von  In- 
teresse, die  Infusorienerde  in  dieser  Sichtung  zunächst  zum   | 
Gegenstande  ausführlicher  Versuche  zu  machen,  um  so  mehr,    i 
a3s   eine  derartige  Untersuchung  der   Erde  meines  Wissens   I 
wenigstens,  bis  jetzt  noch  nicht  vorgenommen  worden  ist.      1 

Unter  den  physikalischen  Eigenschaften  ist  es  Vorzugs-   i 
veise  das  Verhalten  einer  Erde  zum  Wasser,  welches  in  ih- 
rer Beurtheilung  als  Ackerboden  von  besonderer  Bedeutung 
ejrscheint.     Hiebei  kommen  namentlich  folgende  Verhältnisse 
in  Betracht: 

1.  die  Wasserabsorptionskraft, 

2.  das  Wasseraufsaugungsvermögen  (Gapillaranziehung), 

3.  die  Wasserabsorption  aus  feuchter  Luft, 

4.  die  Verdunstung  der  E'euchtigkeit. 

3)  Von  der  kgl.  Akademie  d.  W.  in  Berlin  gekrönte  Proissehrift. 
München,   Pössenbacher  lß66. 


,        Yi>gtli  VerMUniH  der  Infuserienerde  $ur  Vegetation.      137 

Die  Infusorienerde  wurde  in  Betre£F  jeder  der  4  Momente 
besonders  untersucht,  hierin  im  Allgemeinen  der  von  Th. 
V,  Gohren*)  vottreflflichen  Anleitung  folgend. 

1. 

Zur  Bestimmung  der  Wasserabsorptionskraft  bediente 
ich  mich  viereckiger  Zinkkästen  von  17  Gentimeter  Höhe 
und  3  Gentimeter  im  quadratförmigen  Durchmesser,  deren 
siebfSrmiger  mit  feinen  Löchern  versehener  Boden  abgenom- 
men werden  kann.  Zur  Vornahme  des  Absorptionsversuches 
bedeckt  man  den  siebförmigen  Boden  mit  einem  befeuchte- 
ten Stücke  Leinwand  und  bestimmt  das  Gewicht  des  Appa- 
rates. Ich  füllte  hierauf  das  gewogene  Kästchen  nach  und 
nach  mit  Infusorienerde,  welche  vorher  bei  100®  C.  getrock- 
net worden,  indem  durch  wiederholtes  Aufklopfen  eine  mög- 
lichst gleichmässige  Einlagerung  erzielt  wurde.  Der  Blech- 
kasten fasst  durchschnittlich  175  bis  200  grro.trockner  Erde. 
Nach  dem  vorsichtigen  Füllen  in  angegebener  Weise  wird 
der  Apparat  wieder  gewogen  und  nun  mit  seinem  siebförmi- 
gen Boden  freistehend  in  ein  Gefäss  mit  Wasser  gebracht, 
so  dass  der  Boden  3  bis  4  Millimeter  unter  dem  Wasser* 
Spiegel  sich  befindet.  Man  lässt  die  Einwirkung  so  lange 
fortdauern,  bis  dass  die  Oberfläche  der  Erde  feucht  erscheint, 
was  man  an  der  Veränderung  der  Farbe  erkennt.  Die  Ab- 
sorption wird  als  vollendet  betrachtet,  wenn  nach  wiederhol- 
tem Einstellen  des  Apparates  in  Wasser  mehrmalige  Wä- 
.gungen  nur  ganz  geringe  Gewichtsdifferenzen  zeigen.  Die 
Menge  des  in  solcher  Weise  von  der  Infiisorienerde  absor«- 
birten  Wassers  ergab  sich  nach  4  Versuchen  in  Procenten 
wie  folgt: 

L    91,  2.        n.   90,  8.        IIL  90,  2.       IV.  94,  1. 
Die  Wasserabsorptionskraft  der  Infusorienerde  beträgt 
im  Mittel  dieser  4  Versuche  91,  6,  d.  h.    100  Theile  Infu- 


4)  Prag,  1867. 


,138         Sitzung  der  math-phys,  Glosse  vom  4,.  Januar  18S8. 

Borienerde  absorbiren  91,  6  Theile  Wasser,  Diese  für  die 
Wasserabsorptionskraft  der  Infusorienerde  gefundene  ZaU 
erscheint  überaus  hoch^  wenn  man  mit  derselben  die  für 
einige  andere  Erden  nach  der  eingeschlagenen  Methode  er- 
haltenen Zahlen  vergleiobt.  Es  folgen  hier  die  Resultate 
einiger  anderer  Beobachtungen  in  dieser  Richtung. 

Wasserabsorption 
in  proc. 

a.  Gartenerde,  von  schwarzer  Farbe, 
humusreich,  vorwaltend  kalkhaltig  ,  64,  2 

b.  Moorboden  (Wiesenmoor)  50,  1 

c.  Torferde  80,  9 

d.  Ackererde,    Thonboden   von  gelb- 
licher Farbe  39,  1 

e.  Alm,  Unterlage  von  Torf  43,  7 

f.  Meersand,  ungepulvert  24. 

Die  grosse  Wasserabsorptionskraft  der  Infusorienerde  fin- 
det ihre  Bestätigung  in  der  höchst  interessanten  Mittheilung 
Ehrenberg's*^),  welcher  in  einem  sehr  trockenen  Jahrgange 
(August  1843)  einen  Fuss  unter  dürrer  Haidedecke  heraus- 
genommene Proben  der  Infusorienerde  in  so  feuchtem  Zu- 
stande antraf,  dass  sie  sich  „wie  ein  Schwamm  ausdrücken 
liess".  Die  ungewöhnlich  grosse  Wasserabsorptionskraft  der 
amorphen  Kieselerde  ist  übrigens  auch  schon  in  weit  frü- 
herer Zeit  Gegenstand  der  Beobachtung  geworden.  Brewster 
berichtet  es  als  eine  auffallende  Thatsache  in  seiner  Arbeit 
über  Tabasheer'),  dass  derselbe  einige  Zeit  in's  Wasser  ge- 
legt 112  proc.  Wasser  aufzunehmen  im  Stande  sei. 

2. 
Mit   der  Wasserabsorptionskraft,  wie  sie  soebeil  dai^e- 
than,  hängt  sehr  nahe  zusammen  das  Wasseraufsaugungsver- 
mögen der  Infusorienerde  durch  Gapillaranziehung.    Zu  die- 


5)  Schweiger's  Journal.    B.  29.   S.  4124 

6)  Leonhard's  Jahrbach  für  Mineralogie  1867.    S.  SQ2. 


Vogel:  Verhäithiss  der  Infusorienerde  zur  Vegetation,        139 

sen  Bestimmungen  bediente  ich  mich  mehrerer  Glasröhren  von 
75  Centimeter  Durchmesser,  ihrer  ganzen  Länge  nach  in 
Vio  Centimeter  eingetheiit.  Diese  Röhren  werden  am  unte- 
ren Ende  mit  feiner  Leinwand  durch  Ueberschieben  von 
Messingringen  geschlossen  und  mit  der  zu  untersuchenden 
Erde  unter  gelindem  Aufklopfen  gefüllt.  Man  befestigt  nun 
das  Rohr  in  der  Art  in  einem  Retortenhalter,  dass  das  un- 
tere Ende  3  bis  4  Millimeter  in  ein  Gefass  mit  Wasser 
taucht.  Vermöge  der  Capillarattraction  steigt  das  Wasser  in 
die  Höhe  und  man  liest  nun  ab,  bis  auf  welchen  Punkt  das 
Wasser  in  einer  bestimmten  Zeit  aufgestiegen.  Ich  habe  für 
diese  Untersuchungen  durchgehends  den  Zeitabschnitt  von 
30  Minuten  angenommen  und  zum  Vergleiche  noch  einige 
andere  Erden  der  Beobachtung  unterstellt. 

Wasserhöhe  nach  30  Minuten. 

a.  Infusorienerde  10  Centimeter. 

b.  Gartenerde  14 

c.  Ackererde  17 

d.  Meersand  6 

e.  Alm     ^  8 
Man  erkennt  hieraus  das  Wasseraufsaugungsvermögen  der 

Infusorienerde  durch  Gapillaranziehung  als  ein  sehr  bedeu- 
tendes und  es  findet  hierin  die  schon  von  Ehrenberg  aus- 
gesprochene Ansicht,  dass  die  Infusorienerde  im  Stande  ist, 
Wasser  aus  der  Tiefe  an  die  Oberfläche  zu  ziehen  und  so- 
gar Quellen  zu  bilden,  experimentelle  Begründung. 

Dieselben  graduirten  Rohre  sind  auch  benützt  worden, 
um  zu  untersuchen,  bis  zu  welcher  Tiefe  und  in  welcher 
Zeit  eine  Wassersäule  von  bestimmter  Höhe  in  die  Erde  ein- 
dringt. Als  Zeitabschnitt  ist  hier  der  Zeitraum  von  10  Mi- 
nuten, die  Höhe  der  Wassersäule  zu  5  Centimeter  angenom- 
men worden.  Nach  zahlreichen  mit  der  Infusorienerde  in 
dieser  Beziehung  vorgenommenen  Versuchen  beträgt  die  Ein- 
dringungstiefe  in  10  Minuten  durchschnittlich  8,5  Centimeter. 


140       Siimng  älßr  math^hys,  Claase  vom  4.  Januar  1668, 

Es  wurde  nua  jedesmal  auf  die  befeuchtete  Erde  von  neaem 
eine  Wassersäule  Ton  5  Centimeter  gebracht.  Bis  zu  ihrem 
vollständigen  Eindringen  verflossen  durchschnittlich  27  Mi- 
säten.  Diese  Versuche  zeigen,  dass  die  Infusorienerde  im 
trocknen  Zustande  das  Wasser  in  einer  Schnelligkeit  von 
0,5  Centimeter  per  Minute  eindringen  lässt,  dass  aber  wenn 
die  Erde  einmal  befeuchtet  ist,  sie  dem  Eindringen  des 
Wassers  einen  bedeutenden  Widerstand  entgegensetzt,  indem 
die  Eindringungsgesc^L windigkeit  von  0,5  G^timeter  auf  0,2 
Centimeter  per  Minute  herabgesunken  erscheint.  Es  ist  da* 
her  ganz  richtig,  wenn  Ehrenberg  angibt,  »dass  das  lofiir 
sorienlager  das  Wasser  der  Oberfläche  nicht  durchlasse^ 
scheint  nur  bedingungsweise  begründet«.  Was  endlich  die 
Tiefe  des  Wassereindringens  in  den  Boden  betrifft,  so  ergibt 
sich  aus  diesen  Versuchen,  dass  die  Wassersäule  von  10  Centi* 
metern  in  37  Minuten  in  eine  Tiefe  von  15  Centimetem 
einzudringen  vermöge. 

Zum  Vergleiche  sind  diese  Versuche  auch  mit  dem  na- 
türlichen Meersande  ausgeführt  worden.  Als  durchschnitt- 
liches Resultat  ergab  sich  hier,  die  Eindringungstiefe  in  10 
Minuten  zu  12  Centimetem,  die  Eindringungsgesch windigkeit 
beträgt  daher  1,2  Centimeter  ^er  Minute. 

3. 
(Wasserabsorption  aus  feuchter  Luft.) 

Die  Wasserabsorption  der  Infusorienerde  aus  feuchter 
Luft  ist  in  der  Art  bestimmt  worden,  dass  dieselbe  in  ühi> 
gläsern  von  40  Millimeter  Obeirfläche  unter  eine  mit  Wasser 
gesperrte  Glasglocke  gestellt  wurde.  Die  Gewichtszunahme 
ergab  sich  in  4  Wochen  bei  einer  Durchschnittstemperatur 
von  16  ^  C.  zu  12  proc.  Ein  gleichzeitiger  Versuch  dieser 
Art  mit  Gartenerde  und  Ackererde  angestellt  ergab  sich  for 
erstere  eine  Zunahme  von  8, 1  proc.,  für  letztere  eine  Zu- 
nahme von  4,4  proc.  an  Gewicht.  Die  verhältnissmässig 
grosse  WfKsseraufnafame  der  Infusorienerde  aus  feuchter  Luft, 


Vcffd:  VerhältnisB  der  InfitsarieHerde  Mwr  VegeMian.      141 

wie  sie  sidi  hier  ergeben,  bestätigt  die  ron  mir  schon  durch 
frühere  Versuche  nachgewiesene  Thatsache,  dass  die  Kiesel- 
erde, namentlich  in  frisch  geglühtem  Zustande,  eine  sehr 
hjproskopische  Substanz  ist.  Lässt  man  Kieselerde,  wie  dies 
häufig  b^  Analysen  von  Mineralien  vorkömmt,  in  ein  Fil- 
tram  gewickelt  an  der  Luft  liegen,  so  zeigt  sie  schon  nach 
wenigen  Stunden  eine  sehr  bemerkbare  Gewichtszunahme. 


Zar  Bestimmung  der  Verdunstung  Ton  Feuchtigkeit 
wurde  die  Infusorienerde  in  einen  Zinkkasten  Ton  10  D'^ 
Oberfläche  und  2,5^'  Tiefe  im  benetzten  Zustande  gebracht 
Die  gleichmässige  Benetzung  war  in  der  Art  hergestellt,  dass 
man  die  Erde  in  den  oben  beschriebenen  Zinkkästen  pit 
dnrchlödhertem  Boden  ron  unten  auf  mit  Wasser  hatte  roll- 
saugen  lassen.  Nach  dem  Wägen  standen  die  Kästen  während 
8  Tagen  im  Zimmer  bei  emer  Durchschnittstemperatur  yon 
16^  C.  Als  Hauptresultat  einer  grösseren  Versuchsreihe  in 
dieser  Richtung  will  ich  nur  hervorheben,  dass  das  Wasser- 
yerdampfungsvermögen  der  Infusorienerde  zu  dem  des 
Quarzsandes  in  dem  Verhältniss  von  100 :  108  steht,  d.  h. 
der  Quarzsand  gibt  in  derselben  Zeit  mehr  Wasser  ah,  als 
die  Infusorienerde,  oder  der  Quarzsand  erreicht  in  einem 
gegebenen  Zeiträume  ohne  Befeuchtung  von  aussen  einen 
Zustand  grösserer  Trockenheit,  als  die  Infusorienerde.  Zum 
Vergleiche  waren  in  derselben  Weise  Ackererde,  ein  soger 
nannter  fetter  Thonbodea  und  Gartenerde,  ein  lockerer  Kalk- 
boden, untersucht  worden.  Das  Wasserverdampfungsvermögen 
des  Thonbodens  =  100  gesetzt,  ergab  sich  das  des  Kalk- 
bodens zu  115.  Man  erkennt,  dass  in  diesen  Verhältnissen, 
welche  bisher  weniger  als  andere  Beiüdksichtigung  fanden, 
nicht  unwesentliche  Faktcrea  der  Fruchtbarkeit  eines  Bodens 
liegen. 

Diesen  Versuchen  über .  das  Verhalten  der  Infusorienerde 


142         Sitzung  der  math-ph^s,  Glosse  vom  4,  Januar  1668, 

zam  Wasser,  schliessen  siob  einige  Beobachtungen  über  das 
Wärmeleitangsvermögen  derselben  an. 

Um  die  Wärmezorückhaltende  Kraft  der  Infusorienerde 
zu  bestimmen,  erwärmte  ich  die  bei  100^  G.  getrocknete 
Erde  in  Glasgefassen  von  5  Centimeter  Durchmesser  und 
S  Centimeter  Tiefe  künstlich  auf  50®  C,  d.  h.  bis  ein 
Thermometer  im  Mittelpunkte  des  Gefasses  genau  50^  G. 
zeigte  und  beobachtete,  bis  dass  die  Erde  wieder  auf  20  ^  C. 
abgekühlt  war/  Um  den  Temperaturgrad  von  50®  C.  als 
Ausgangspunkt  der  Beobachtung  mit  möglichster  Genauigkeit 
festzustellen,  geschah  die  Erwärmung  der  Erde  bis  ungefähr 
auf  60®  G. ;  sobald  der  in  dem  Mittelpunkte  des  mit  Erde 
gefüllten  Gefasses  befindliche  Thermometer  50®  C.  zeigte, 
b^ann  die  Beobachtung  in  verschiedenen  Zeitabschnitten. 
'Da  die  durch  die  folgenden  Beobachtungen  gewonnenen 
Zahlen  an  und  für  sich  einzelnstehend  natürlich  von  keiner 
Bedeutung  sein  können,  so- wurden  gleichzeitig  in  derselben 
Weise  verschiedene  Repräsentanten  einzelner  Bodenarten  auf 
ihre  Wärme  zurückhaltende  Kraft  untersucht.  Ausser  der 
Infusorienerde  dienten  zu  dieser  Art  der  Untersuchung: 

1)  Meersand; 

2)  Alm;  a)  locker,  b)  gepresst; 

3)  Schleissheimer  Strassenkoth ; 

4)  Thonboden  aus  Steyermark; 

5)  Moorerde. 

Zeitdauer  der  Abkühlung  von  50^ 

Minuten. 

A.  Infusorienerde 

B.  Meersand 

C.  Alm  a)  locker 

„    b)  gepresst 

D.  Schleissheimer  Strassenkoth 

E.  Thonboden 

F.  Moorboden 


Ö«  B. 

auf  20  0  R.  in 

40 

Minatea 

36,5 

32,25 

36,5 

40,75 

54 

58,5 

» 

Vogd:    VerhäUniss  der  Infusorienerde  gur  Vegetation,       143 


Ans  den  mitgetheilten  Versnchszahlen  ergibt  sich,  dass 
die  Infusorienerde  ein  schlechterer  Wärmeleiter  ist,  als  die 
krystallisirte  Kieselerde,  den  fruchtbaren  Thonboden  aber  in 
dieser  Beziehung  nicht  erreicht.  Da  indess,  wie  Versuch  F 
zeigt,  ein  steriler  Moorboden  die  Wärme  länger,  als  andere 
fruchtbare  Erde  zurückzuhalten  im  Stande  ist,  so  dürfte 
dieser  Fa^or  überhaupt  nur  als  von  sekundärer  Bedeutung 
für  die  Beurtheilung  der  Fruchtbarkeit  eines  Bodens  im 
Allgemeinen  betrachtet  werden  können. 

Ich  erwähne  nebenbei  hier  noch  einer  Versuchsreihe 
über  die  Temperaturabnahme  verschiedener  Samen,  welche 
bei  Gelegenheit  der  eben  erwähnten  Versuche  ausgeführt 
worden  ist.  Die  nachbenannten  Samen:  Hanfsamen,  Hafer, 
Gerste,  Weizen,  Klee  und  Roggen  wurden  in  derselben  Weise, 
wie  diess  bei  den  Erden  näher  beschrieben  ist,  auf  50^  R. 
.erwärnvt  und  sodann  die  Zeit  notirt,  welche  zu  ihrer  Wieder- 
erkaltung  von  50  ®  auf  20  ®  R.  erforderlich  war. 


Zeitdauer    der 


Von  50«  auf  40^ 
»     400         300 


Abkühlung    von 
Minuten. 


50«   auf  20  <>  R.   in 


30« 


20« 


Hanfsamen. 

.       9 
.     12 

.     22  V» 


43  V» 


Hafer. 

9 

12*/« 
24 


45  V» 


Oerste. 

9V« 
13  V» 
24 


47 


Weizen. 

lov* 

14»/4 

26  V» 


52 


Klee. 
11 V» 

15  V* 
27 


53»/* 


Boggen. 
11 

17»/« 
28 


56  V» 


Setzen  wir  die  für  den   Roggen  erhaltene  Zahl  (56) 
=  100,  so  ergibt  sich  das  WärmeleitangsTermögen  der  ver- 
schiedenen hier  untersuchten  Samen  in  folgenden  Zahlen: 
Roggen.     Klee.       Weizen.      Gerste.      Hafer.     Han&amffli. 
100         94,6  93.  84  80  77 

Die  wiederholt  ausgeführte  chemische  Analyse  der  zu 
meinen  Versuchen  verwendeten  Sorte  von  Infusorienerde  hat 
keine  von  früheren  Analysenresaltaten  wesentlich  abweichende 
Ei^ebnisse  geliefert,  weshalb  es  unnöthig  erscheint,  auf  die 
Einzelnheiten  spedell  hier  naher  ebzugehen.    Der  Kiesel- 


144        SiUtmg  der  matih.'phyß.  Glosse  wm  4,  Januar  1S6S, 

erdegehalt  beträgt  durchschinttlich  gegen  80  Procent.  Der 
Gehalt  an  kohlensaurem  Kalk  und  Eisenoxyd  wurde  sdur 
iibereinstiinmend  zu  7  bis  8  Procent  gefunden. 

Die  bei  100^  C.  getrocknete  Erde  gab  beim  stärkeren 
Erhitzen  6  bis  8  Proc.  Wasser  ab. 

Mit  Salzsäure  entsteht  /ein  schwaches  Aufbrausen  and 
beim  Erwärmen  der  Infusorienerde  mit  dieser  Säure  findet 
eine  theilweise  Lösung  statt.  Nach  dem  Abkühlen  gelatinirt 
die  mit  Salzsäure  behandelte  Infusorienerde. 

Als  eigenthümliche  Reaktion  ist  heryorzuheben,  dass 
die  Infusorienerde  schwach  alkalisch  reagirt.  Diess  erklärt 
sich  zunächst  aus  dem  Gehalte  von  kohlensaurem  Kalk  und 
dem  spurenweise  wechselnden  Vorkommen  von  Alkalien  in 
der  Infusorienerde.  Die  Ersdieinung  ist  um  so  weniger 
auffallend,  als  nach  Eenogott's  Versuchen  ^)  eine  grosse  Reiie 
kieselerdehaltiger  Mineralien,  wie  Natrolith)  Vesuvian  o«  a. 
dieselbe  Reaktion  zeigen. 

Bringt  man  die  bei  100  ^  C.  getrocknete  Infusorienerde 
auf  befeuchtetes,  schwach  geröthetes  Lakmuspapier ,  so  ent- 
steht ein  deutlich  blauer  Fleck.  Schüttelt  man  durch  Essig- 
säure  schwach  geröthete  Lakmustinktur  mit  Infusorienerde, 
80  verschwindet  die  rothe  Farbe.  Diese  alkalische  Reaktion 
tritt  noch  auffallender  hervor  mit  der  vorher  geglühten 
Erde;  sie  scheint  hiernach,  wie  schon  bemerkt,  mit  dem 
Gehalte  an  kohlensaurem  Kalk,  welcher  durch  Glühen 
kaustisch  geworden,  zusammenhängen.  Ein  vergleichendar 
Versuch  mit  gepulvertem  und  geglühtem  Qnarzsand  zeigte 
vollkommen  neutrale  Reaktion. 

Vor  dem  Gebläse  auf  Platindraht  ist  die  Erde  in  kleinen 
Portionen  schmelzbar,  in  grösseren  Mengen  im  Platintiegel 
der  Weissgltthhitze  ausgesetzt,  findet  Zupiammensintern  etott 


7)  Leonhard's  Jahrbuch  fär  Mineralogie  1867.  S.  302. 


Vogd:  VerhältnigB  der  Infusorienerde  tur  VegeiatUm,      145 

Unter  deQ  zahlreichen  Versudien  über  die  LösHchkeits- 
yerhältnisse  der  Infasorienerde  in  ^ersdiiedenen  Löstings« 
mitteln  will  ich  nur  deren  Lösliehkeit  in  Ammoniak  hervor^ 
heben.  Zu  dem  Ende  wurden  100  Gramm  getrockneter 
Erde  in  einer  Flasche  mit  V^- Liter- Ammoniak  von  0,917 
specifischem  Gewichte  üb^gossen  und  wiederholt  geschüttelt 
Nach  vier  Wodien  Stehen  ergab  die  vorsichtige  Verdampfung 
der  filtrirten  klaren  Flüssigkeit  das  Löslichkeitsverhältniss 
von  1  :  200.  Es  wird  somit,  da  die  Lösliehkeit  der  In-* 
fusorienerde  in  destillirtem  Wasser  durchschnittlich  in  dem 
Verhältnisse  von  1  ;  500  steht,  durch  einen  Ammoniakgehalt 
des  Bodens  die  Lösbarkeit  wesentlich  vermehrt. 

Die  Behandlung  grösserer  Mengen  Infusorienerde  mit 
kochendem  Alkohol  und  Abrauchra  der  filtrirten  alkoholischen 
Lösung  bis  zur  Trockne  hat  durchaus  keinen  Jodgebalt 
wahrnehmen  >  lassen.  Dagegen  zeigten  sich  in  einzelnen 
Theilen  der  zur  Untersuchung  verwendeten  Erde  hin  und 
wieder  Spuren  von  Flusssäure.  Ich  habe  zu  dieser  Unter* 
Buchung  die  von  Professor  v.  Kobell  eingeführte  vortreffliche 
Methode  der  qualitativen  Flnsssäurebestimmung  angewendet, 
welche  besonders  zur  Auffindung  geringer  Spuren  von  Fluss« 
säure  bei  oftmals  wiederholten  Untersuchungen  dieser  Art 
sich  als  besonders  geeignet  erwiesen  hat.  Man  bringt  nach 
der  erwähnten  Methode  die  auf  Flusssäure  zu  untersuchende 
Probe  mit  concentrirter  Schwefelsäure  benetzt  in  einen  Platin- 
tiegel mit  wohlschliessendem  PlatindeckeL  In  der  Mitte 
dieses  Deckels  befindet  sich  eine  kleine,  runde  Oeffnung  oder 
ein  länglicher,  fejner  Einschnitt,  welcher  mit  einer  Glasplatte 
oder  einem  Glasstreifen  von  entsprechender  Grösse  bedeckt 
wird.  Beim  schwachen  Erwärmen  des  Platintiegels  werden 
nun  die  entweichenden  Flusssäuredämpfe  auf  den  die  Oefihung 
deckenden  Theil  der  Glasplatte  concentrirt,  so  dass  auf 
solche  Weise  die  geringsten  Spuren  von  vorhandener  Fluss- 
säure  entdeckt  werden  können. 
[1868. 1.  1.]  10 


146        SkUmf  der  «taCk^f^«.  Ckme  9<m  A*  Jmmoir  18^9. 

Znt  Bestimmong  des  Absorptionscoefficieiiten  der  In* 
fimorienerde  för  die  wichtigsten  Pflanzennährstoflfe  wurdea 
je  100  Grm.  Erde  mit  200  GC.  verschiedener  Salzlösungen 
behandelt  Die  Satee  Kalisalpet^,  phosphorsaures  Natron^ 
schwefelsaures  Kali  u.  s.  w.  waren  in  solchen  Mengen  in 
einem  Liter  destillirten  Wassers  gelöst,  dass  der  Liter  Ldsung 
Ton  jedem  Salze  (wasserfrei  gedacht)  5  Grm.,  d.  i.  5  pro  milie 
enthielt.  Nachdem  die  Erde  während  24  Stunden  so  oft 
als  möglich  in  verschlossenen  Flaschen  mit  den  Salzlösungen 
geschüttelt  worden,  ergaben  sich  aus  der  Bestimmung  der 
in  100  oder  150  G.  C.  der  £ltrirten  Lösung  enthaltenen 
Mengen  der  Säuren  und  Basen  die  von  der  Erde  absorbirten 
Salzmengen.  Als  Hauptresultat  dieser  Versuche  hat  sich 
gezeigt,  dass  die  chemische  Absorptionsfähigkeit  der  Infusorien- 
erde im  Allgemeinen  eine  sehr  geringe  ist,  die  Bedeutung 
dersdben  in  dieser  Beziehung  für  die  Vege^ion  hienach 
ab  sidir  sekundärer  Natur  zu  betrachten  sein  dürfte.  FQr 
Phosphorsäüre  z.  B.  ist  der  Absorptionscoefficient  0,01. 
Hiezu  kömmt  noch  der  Gehalt  der  Erde  an  kohl^saurem 
Kalk,  die  Löslichkeit  im  Wasser,  die  alkalische  Beaktioki 
der  Erde  an  und  für  sich,  —  Verhältnisse ,  welche  auf  die 
«Btoultate  dieser  Versuche  nicht  ohne  Einfluss  sind. 

lieber  das  Wachsen  einiger  Vegetabilien  unter  dem 
Einfluss  der  Infiisorienarde  sind  im  Verlaufe  dieses  Sommers 
Versuche  in  kleinem  und  grösserem  Hassstabe  angestellt 
worden,  über  deren  Resultate,  sobald  sie  zum  Absdiluss 
gelangt  sein  werden,  ich  des*  Klasse  Bericht  zu  erstatten 
mich  beehren  werde. 


H.  V,  ScKlagintweii:  SonnenfinstmUgs-Seobaeh^un^ien  in  Indien.    147 


Herr  Hermann   v.   Schlagintweit-Sakänlänski  be- 
richtet: 

„üeber  die  Vorbereitungen  zu  physikalischen 
Beobachtungen  in  Indien  während  totaler 
Sonnen  finsterniss", 

zunächst  nach  einer  Mittheilung  aus  der  Londoner  Royal 
Society,  welche  er  jüngst  von  General  Sabine  erhalten  hatte; 
die  bereits  getroffenen  Ebrichtungen,  in  spedeller  Beziehung 
auf  die  Sonnenfinstemiss  am  18.  August  1868,  sind  durch 
den  Umstand  sehr  begünstigt,  dass  die  Totalität  beinahe 
von  der  grössten  Dauer  ist,  die  vorkommen  kann ,  zugleich 
machen  sie  es  möglich  auch  von  aussen  eingesendete  Wünsche 
und  Propositionen  in  jeder  Weise  zu  berücksichtigen; 
andemtheils  könnten  neue  Vorschläge  um  so  leichter  sich 
verspäten,  da  die  Beobachtungsorte,  welche  die  englische 
Gesellschaft  gewählt  hat,  sehr  entlegen  sind. 

„Unter  jenen  Theilen  der  Erde ,  in  welchen  die  totale 
Phase  der  Sonnenfinstemiss  sichtbar  ist,  ist  Indien  besonders 
zu  Beobachtungen  durch  Europäer  günstig  gelegen.  Qeneral 
Sabine,  der  (auch  jüngst  wiedererwählte)  Präsident  der 
Royal  Society,  sagte  bereits  in  seiner  Jahresrede,  dass  nach 
Uebereinkommen  mit  dem  indischen  Generalstabe  der  trigono«* 
metrischen  Vermessung  (Great  Trigonometrical  Survey)  zwei 
Mitglieder  derselben  zu  speciellen  Beobachtungen  sich  angeboten 
haben.  Nebst  Prismen,  Actinometem,  etc.,  wurden  auch 
mehrere  grössere  Instrumente  fiir  die  Beobachtungen  ange-> 
fertigt;  unter  diesen  ist  für  die  Untersuchung  der  Spectra 
der  rothen  Protuberanzen  und  der  Corona  ein  schönes  trag- 
bares Aequatorial-Instrument  mit  Räderwerkbewegung,  von 
Cooke  and  Sons,  bestimmt,   mit  einem  Steraenspectroscope 

10* 


}48        Siteung  ier  nuxtK-phys.  Glosse  vom  4,  Januar  1868, 

und  einem  Fernrohre  von  5  Zoll  Oeflfnung  versehen.  Für 
den  Fall  der  Störung  durch  Bewölkung  in  der  Anwendung 
dieser  Instrumente  sind  noch  4  andere  Spectroscope  etwas 
einfacherer  Art  angefertigt  werden,  deren  Vertheilung  der 
Chef  der  Great  Trigonometrical  Survey,  Colonel  Walker, 
zu  bestimmen  hat. 

Der  eine  der  beiden  mit  der  Royal  Society  bereits  in 
Verbindung  getretenen  Beobachter  ist  Lieutenant  Herschel, 
ein  Sohn  Sir  John  Herschels ,  der  während  eines  eben  zu 
Ende  gehenden  Urlaub-Aufenthaltes  in  England  Gelegenheit 
hatte ,  in  der  Anwendung  der  Instrumente  die  detaillirten 
Instructionen  der  Royal  Society  practisch  durchzumachen; 
zugleich  konnte  er  bei  seiner  Reise  nach  Indien  persönlich 
für  den  sicheren  Transport  der  Instrumente  sorgen.  (Von 
seinem  Bruder  Wilhelm,  im  indischen  Givildienste,  hatte  ich 
ebenfalls  zur  Zeit  meiner  Reisen  mehrere  interessante  mete- 
orologische Daten  erhalten.) 

Der  andere  der  Beobachter  ist  J.  B.  Hennessey,  Esq. 
Civil-Beamter  bei  der  Vermessung,  zur  Zeit  in  Mässuri, 
im  westlichen  Himälaya,  wo  er  bereits  unter  Sir  Andrew 
Waugh  beschäftigt  war,  und  durch  seine  sorgfältigen  cor- 
respondirenden  Beobachtungen  auch  uns,  1855,  zur  Be- 
stimmung der  Höhen  mit  sehr  werthvollem  Materiale  versah.  ^) 

In  Mässuri  selbst  jedoch ,  dürfte  nach  den  Resultaten, 
die  ich  bei  der  Untersuchung  der  metereologischen  Verhält- 
nisse erhalten  habe,  wegen  der  meist  sehr  lange  andauernden 
Regenperiode  die  Jahreszeit  den  Beobachtungen  während 
der  Sonnenfinsterniss  nicht  ganz  günstig  sein,  da  in  vielen 
Jahren  das  Regnen»  jedenfalls  die  Bewölkung  und  locale 
Nebelbildung  auf  den  Gipfeln  in  der  Umgebung,  mehr  als 
die  grössere    Hälfte  im   Monat    August  anhält.     Es    würde 


1)  Results    of    a    scientific  Mission    te   India   and   High     Asia 
vol.  IL,  p.  48. 


H.  V.  SMagintweit:  Sonnenfinaterniss- Beobachtungen  in  Indien.    149 

vorzuziehen  sein^  nach  einem  der  etwas  höheren  und  zugleich 
weiter  vom  Gebirgsrände  entfernten  Orte  sich  zii  begeben, 
unter  denen  Eidarnath  oder  Usilla  zunächst  zu  nennen 
sind.  Die  Beobachtungen  in  der  Himalaya-Station ')  sollte 
nach  der  Bestimmung  des  Royal  Society  vorzüglich  die 
Untersuchuüg  „der  terrestrischen  Linien  des  Soiinenspectrum^' 
und  die  Untersuchung  „des  Zodiacallichtes'^  zum  Gegen- 
stande haben. 

In  Bezug  auf  Beobachtungen  über  die  „chemische 
Wirkung  des  Lichtes'^,  die  gewiss  nicht  unberücksichtigt 
bleiben  wird,  obwohl  in  den  kurzen  officiellen  Mittheilungen 
über  die  getroffenen  Einrichtungen  nichts  speciell  davon 
gesagt  ist,  möchte  ich  hier  noch  einige  Bemerkungen  bei*^ 
fügen.  Zunächst  ist  hervorzuheben  bei  Sonnenfinsterniss, 
dass  Beobachtungen  gleichzeitig  in  verschiedenen  Höhen  ge- 
macht wünschenswerth  sind,  und  zwar  mit  Einschluss  >und 
mit  Ausschluss  der  Mitwirkung  der  Himmelsfarbe.  Schon 
während  meiner  Alpenuntersuchungen  •)  boten  sich  einige 
Daten  darüber,  bei  der  Sonnenfinsterniss  vom  2  8.  Juli  1851; 
während  meiner  Reisen  in  Indien  und  in  den  Gebirgsterrains 
nördlich  davon  fand  sich  keine  Gelegenheit  ilir  solch  specielle 
Beobachtungen,  die  mir  in  den  geringeren  Breiten  von  beson- 
derem Interesse  gewesen  wären;  für  die  regelmässigen  Ver- 


'2)  Die  geograpMachen  Coordinaten  der  hier  genannten  Orte  sind^ 

1)  Mässdri,  Station  Graoemount, 

N.  Br.  dO^  27'.6;  Oestl.  L.  Greenw.  78°  3'.0;  Höhe  6,715  engl.  F.  . 

2)  Kidarn ath,  Eingang  zum  Hindu-Tempel, 

N.  Br.  30^  46';  Oestl.  L.  Greenw.  79<>  4';  Höhe  11,794  engl.  F. 

3)  Usflla,  Tonsfluss  an  der  oberen  Brücke, 

N.  Br.  310  7'.6.  Qeatl.  L.  Greenw.  78«  18'.2;  Höhe  8,613  engl.  F. 
H.  V.  Schlagintweit,  Höhenbestimmungen  in  Indien  etc.,  Sitzungs- 
berichte der  k.  b.  Acad.  1867,  p.  512-- 515. 

3)  Neue  Untersuchungen  über  die  phys.  Geogr.   und  die  GeoL 
der  Alpen,  pag.  491. 


150         Sitgung  der  matK-phya.  Gasse  vom  4.  Januar  1868. 

Sndenxngext  benfitzte  ich  zur  Bestimmung  der  chemischen 
Wirkung  des  Sonnenlichtes  in  Indien,  wie  früher  in  den  Alpen, 
die  Schwärzung  von  Papier,  das  mit  Chlorsilber  imprägnirt  war. 

Bei  der  Praparation  des  Papieres  rerfuhr  ich  auf  folgende 
Weise,  welche  sich  zwar  nicht  als  sehr 'empfindlich,  aber, 
nach  vorhergehenden  Versuchen  von  Schall,  als  zuverlässig 
in  Beziehung  auf  constanten  Grad  der  Empfindlichkeit  er* 
geben  hatte : 

Streifen   von  leicht  geleimtem  Kaitenpapier ,  etwa  von 
der  Stärke  des  Bristolpapieres ,    aber  von  etwas  geringerer 
Glätte  und  Consistenz,   werden  zuerst   in   eine  vollkommen 
gesättigte  Salmiaklösung  gebracht  und  verweilen  in  derselben 
2 — 3  Minuten;   dann   werden   sie   zwischen  Fliesspapier  ge- 
trocknet.   Das  Hinzufügen  des  Silbers  geschieht  unmittelbar 
nach  dem  Trocknen  durch  Eintauchen  in  eine  Auflösung  von 
HöUenstdn  in  Ammoniak.    Diese  Flüssigkeit  wird  so  herge- 
stellt,   dass    in    einem    nur    massig    bellen    Räume    etwM 
Ammoniak    auf    Höllenstein   gegossen    und   dann   so   lange 
tropfenweise  zugesetzt  wird,  bis  die  Trübung  der  Flüssigkeit 
verschwindet,  ein  Moment,  der  bei  einiger  Uebung  sehr  leicht 
mit  grosser  Schärfe  eingehalten  werden  kann.    Die  Flüssig- 
keit   wird    dann   in    einem    geschwärzten    Fläschchen    auf- 
bewahrt. 

Das  Papier  liess  ich  gewöhnlich  5  Minuten  in  der 
Silberauflösuug ;  dann  wurde  es  (in  einem  dunklen  Räume) 
zwischen  Fliesspapier  getrocknet  und  in  einer  nahe  luftdicht 
zugeschraubten  Holzbüchse  aufbewahrt.  Die  Papiere  behalten 
so  ihre  Empfindlichkeit  24  Stunden  mit  grosser  Zuverlässig- 
keit; bei  den  Versuchen  wui'den  aber  dessenungeachtet  der 
Vorsicht  wegen  stets  Papiere  angewandt,  die  nur  wenige 
Stunden  vorher  präparirt  waren. 

Bei  der  Beobachtung  wurde  dies  Papier,  die  Fläche 
rechtwinklich  gegen  die  Sonnenstrahlen  gestellt,  15  Secunden 
lang  der   Wirkung  derselben   ausgesetzt    und  dann   im  be* 


H.  V.  SehiagintwHi:  8&nneiffimiern4$8'Beobaehiungm  M  Indien,    l&l 

schatteten  Räume  mit  einer  Skala  von  grauen  Tönen  ver* 
glichen.  *) 

Während  der-Sonnenfinsterniss  auf  dem  Rigi  machte 
sich  tinter  anderem  bemerkbar,  dass  die  chemische  Wirkung 
rascher  abnahm ,  als  dem  Verhältnisse  der  Abnahme  des 
GesammÜichtes,  nach  anderen  Photometern  (2  gegen  einander 
verdrehbaren  Nichol'schen  Prismen,  etc.)  entspricht,  was 
durch  die  Veränderung  im  Zustande  der  relativen  Feuchtig- 
keit zu  erklären  ist. 

Ueberhaupt  dürfte  auch  die  Farbenveränderung  in  so 
grossen  Rundblicken  wie  gutgewählte  Standpunkte  im  Hirn* 
ilaya  leicht  sie  bieten,  Aufmerksamkeit  verdienen,  da  schon 
im  Bigipanorama  Farbenveränderungen  vor  sidi  gegangen 
waren,  die  auf  sehr  ungleiche  Veränderungen  in  Temperatur 
und  Feuchtigkeit,  je  nach  den  local^  Verhältnissen,  berögea 
werden  mussten,  und  die  um  so  auffallender  hervortratoi, 
da   die  Farben  auch  in  ihrer  Intenrität  sehr  verschieden 


4}  Näheres  Detail  siehe  Neue  ünt  d.  Alpen,  p.  482 ;  die  Ergebnisse 
der  Beobachtungen  in  den  Tropen  und  im  Himalaya  werden  im 
6.  Bande  der  ^^^ults*'  enthalten  sein. 


1Q2  SiUmng  der  hisUn'.  Ckus»  wm  4.  Januar  1868. 


Historische  Classe. 

Sitzung  vom  4.  Januar  1868. 


Herr  Rockinger  theilte  mit: 

„Aufzeichnungen     über     die     oberpfälzische 
Familie  von  Präckendorf". 

Wir  waren  für  den  Behuf  des  in  der  Sitzung  der 
historischen  Classe  vom  9.  November  vorigen  Jahres  gehal- 
tenen Vortrages  „zur  näheren  Bestimmuqg  der  Zeit  der 
Ab&ssung  des  sogenannten  Schwabenspiegels^'  veranlasst, 
über  eine  oberpfälzische  Familie  von  Prackendorf 
oder  Prackendorf  oder  Preckendorf  Untersuchungen 
anzustellen ,  insoferne  nämlich  eine  Pergamenthandschrift 
des  berührten  Rechtsbuches,  aus  welcher  vom  7.  Februar 
1609  an  zu  Regensburg  Einträge  in  eine  Papierhandschrift 
des  sogenannten  Schwabenspiegels  gemacht  worden  sind^ 
von  einem  Gliede  jenes  Geschlechtes  im  Jahre  1268  aus 
der  Schweiz  in  die  Heimat  mitgebracht  wurde,  und  ohne 
Zweifel  lange  in  seinem  Besitze  geblieben  ist,  wohl  bis  in 
das  16.,  Jahrhundert,  um  welche  Zeit  sie  uns  sodann  in 
Regensburg  bis  zum  erwähnten  7.  Februar  1609  begegnet, 
da  aber  bereits  in  anderen  Händen* 

Wenn  wir  nun  die  Ergebnisse  der  für  den  bezeichneten 
Behuf  gepflogenen  Nachforschungen,  wovon  wir  dort  nicht 
mehr  als  nur  das  unumgänglich  Nothwendige  mitzutheilen 
Veranlassung  hatten,  hier  im  Zusammenhange  zur  Sprache 
bringen  9  glauben  wir  einmal  den  über  das  genannte  ober- 
pfälzische  Adelsgeschlecht  gesammelten  Stoff  nicht  verwerfen 


Bockinger:  U^her  die  Familie  von  Fräckendorf,  153 

ZU  sollen,  insoferDO  et  vieileiobt  dem  einen  oder  andern 
Forscher  aaf  diesem  uns  ganz  ferne  liegenden  Felde  der 
Geschichte  irgend  welche  Dienste  leisten  kann,  thun  es  aber 
hauptsächlich  desshalb  weil  wir  für  diese  Familie  im  Ganzen 
wegen  der  so  wichtigen  leider  zur  Stunde  für  verloren  za 
erachtenden  Pergameuthandschrift  des  sogenannten  Schwaben- 
Spiegels  wie  ob  des  dereinstigen  Besitzes  des  Reisbucbes 
Heinrichs  des  Präckendorfers  aus  der  zweiten  Hälfte  des 
13.  Jahrhunderts  und  weiter  zweier  anderer  nicht  werthloser 
nunmehr  auf  der  hiesigen  Staatsbibliothek  befindlicher  Hand- 
schriften ein  gewisses  Interesse  gewonnen  haben,  des  herr- 
lichen Pergamentcodex  germ.  38  von  des  Eonrad  von  Megen- 
berg  berühmtem  Buche  von  den  natürlichen  Dingen,  welcher 
uns  auch  dankenswerthe  Einzeichnungen  über  das  Geschlecht 
der  Präckendorfer  aufbewahrt  hat,  und  der  ausserordentlich 
prachtvoll  ausgestatteten  einzigen  hier  befindh'chen  Hand- 
schrift des  kleinen  Kaiserrechtes,  nunmehr  cod.  germ.  26. 

Hienach  begränzt  sich  auch  der  nachfolgende  Vortrag 
Ton  selbst.  Weit  entfernt  dass  es  auf  eine  Geschichte  der 
Familie  von  Präckendorf  abgesehen  wäre,  über  welche  sich 
nmü  einige  ganz  dürftige  Bemerkungen  im  dritten  Theile 
von  Hundts  baierischem  Stammenbuche  wenigstens  wie  es 
im  Drucke  des  Freiherrn  v.  Freyberg  ^)  vorliegt  und  in  ver- 
schiedenen Bänden  der  Abhandlungen  des  historischen  Vereins 
der  Oberpfalz  und  Begensburg^)  finden,  kommt  es  uns 
lediglich  darauf  an  die  uns  in  Urkunden  wie  in  anderen 
Quellen  nach  Art  eines  hier  und  dort  mehr  oder 
minder  durchlöcherten  Mosaik  aufgetauchten  Nach- 
richten über  Glieder  derselben  mitzutheilen ,   natürlich 


1)  In  dessen   Sammlung  historischer  Schriften  und  Urkunden 
in.  S.  543. 

2}  Beispielsweise  Bd.  XYIII.  S.  248  und  249 ,  XXIII.  S.  282. 


154  äUmng  der  hiitor.  €la$$e  vom  4,  Januar  1868. 

soweit  möglich  im  chronologischen  Zusammenhange, 
aus  welchen  sich  dann  seinerzeit  einmal  auch  eine  Stamm- 
tafel des  Geschlechtes  bis  zu  seinem  Anssterben 
gegen  den  Schluss  des  17.  Jahrhunderts,  ohne  zu  grosse 
Schwierigkeit  anfertigen  lassen  dürfte. 

Die  erste  Nachricht  welche  uns  hiebei  zu  Gebote  steht 
entnehmen  wir  dem  Eintrage  welchen  uns  die  früher  zu 
Begensburg  gewesene  nunmehr  im  Besitze  unseres  geehrtea 
CoIIegen  Föringer  befindliche  Papierhandschrift  des  soge- 
nannten Schwabenspiegels  wovon  im  Eingänge  die  Rede  ge- 
wesen aus  jener  Pergamenthandschrift  dieses  Rechtsbuches 
erhalten  hat  welche  Heinrich  der  Präckendorfer,  zu 
dem  Präckendorf  und  Ereblitz  daheim,  zwischen  den 
Jahren  1264  und  1268  Ton  dem  berühmten  Rüdiger  dem 
Manessen  dem  älteren  aus  Zürich  zum  Geschenke  erhielt, 
iind  im  letztgenannten  Jahre  aus  der  Schweiz  in  seine  Hdmat 
mitbrachte,  als  er  auf  Zuschreiben  seines  Bruders  Georg  in 
diese  zurückkehrte.  Wir  erfahren  aus  den  Einzeichnungen 
welche  er  sich  in  diese  Handschrift  gemacht  hat,  dass  er 
in  ^en  angeführten  Jahren  mit  vier  Helmen  edler  Knechte 
in  den  Fehden  des  Grafen  Rudolf  von  Habsburg  mit  den 
Herren  von  Regensberg  wie  dem  Bischöfe  TOn  Basel  und 
zweien  Grafen  von  Toggenburg  diente,  sowie  auch  dass  er 
ausserdem  sich  wacker  im  Eriegsgetümmel  herumgeschlagen, 
indem  er  sagt: 

Ein  edelkhnecht  vnd  krieger  ich  XXXI  Jar  war 

in  V  schlachten  gnanden,  schirm  scharmützeUi  one  zai, 

darin  mich  gott  liebt  vnd  liess  genesen. 

Bezüglich  der  übrigen  Glieder  des  prackendorfer'schen 
Geschlechtes  in  dieser  Zeit  steht  nach  dem  obigen  fest  dass 
er  einen  Bruder  Georg  hatte,  und  er  selbst  mnss 
Familienvater  gewesen  sein,    indem  er  in  den  Versen: 


Sockingar:  Ud>er  die  Familie  wm  Prächenäorf.  155 

Achtet  besser,  ich  wer  auch  todt  gewesen, 
dan  vil  bluts  ich  mein  tag  tett  vergiessen. 
Trag  sorg,  mein  kinder  Werdens  lätzel  geniessen 
seiner  unmittelbaren  Nachkommen  deutlich  genug  gedenkt. 

Näheres  darüber  ist  uns  sehr  weniges  bekannt.  Das 
Reisbuch  welches  er  sich  —  der  Herr  über  fünf  Sprachen 
gewesen  —  gehalten,  so  wichtig  und  interessant  es  nach 
vielen  Beziehungen  sein  müsste,  es  liegt  uns  nicht  vor,  ist 
wohl  überhaupt  nicht  mehr  vorhanden.  Auch  andere  Quellen 
wollen  nicht  fliessen.  Nur  eine  Nachricht  welche  einer  in 
der  Familie  selbst  gemachten  Aufzeichnung  wovon  wir  später 
sprechen  werden  entnommen  ist  erübrigt  uns.  Nachdem 
dieselbe  nämlich  mit  dem  eben  berührten  Heinrich  begonnen, 
und  insbesondere  die  Verse  welche  vrir  seinerzeit  im  Be* 
richte  der  Sitzung  der  historischen  Glasse  vom  9.  November 
S.  415  vollständig  mitgetheilt  haben  aufgenommen  worden^ 
wird  in  ihr  weitergefahren: 

Dessen  söhn  soll  gewesen  seiü  Steffan  von  vnd  zu 
Präckhendorff.  ist  jhr  kayserlichen  mayestat  Carls  des  4. 
als  er  gehn  Rom  zog  mit  3  heim  edler  knecht  3V>  jfthr 
gewesen  im  1355  jähr. 

Die  Urkunden  schweigen  bis  zu  den  Jahren  1358  und 
1382.  Im  ersteren  ^)  atiflet  sich  Jakob  der  Präckendorfer 
am  Nicolaustage  einen  Jahrtag  im  Gotteshause  Maria  Mag« 
dalena  auf  prucker  Forst.  Die  Urkunde  vom  Jahre  1382 
dagegen  ')  verhilfb  uns  zur  Ausfüllung  der  anscheinend  nicht 
unbedeutenden  Lücke  vom  13.  in  das  14.  Jahrhundert.  Es 
vergleichen  sich  nämlich  Heinrich  und  Hanns  die  Roshaupper 
sammt  ihrer  Mutter  Alhayt  über  die  Erbschaft  ihres  Oheims 
Heinrichs  des  Präckendorfers  mit  dem  Kloster  Schön- 
ihal  und  ihrer  Muhme  Agnes  der  Lichteneckerin  am  Freitage 


1)  Vgl.  die  mon.  boic.  XXVH  S.  164  und  166. 

2)  Ebendort  XXVI  S.  219  und  220. 


156  Sitzung  der  histor,  Classe  vom  4,  Januar  1868, 

in  der  ersten  Fastenwoche,  bei  welcher  Gelegenheit  Stefan 
der  Präckendorfer  unter  den  Zeugen  auftritt.  Der  er- 
wähnte Heinrich  wird  ohne  Zweifel  nicht  viel  vor  1382 
gestorben  sein.  Nehmen  wir  für  ihn  etwa  ein  Alter  von 
60  Jahren  an,  so  gelangen  wir  ungefähr  auf  das  Jahr  1320 
als  das  seiner  Geburt.  Erwägen  wir  auf  der  anderen  Seite, 
dass  der  erste  uns  bekannt  gewordene  Heinrich ,  als  er  in 
den  Jahren  1264  bis  1268  sich  in  Diensten  des  Grafen 
Rudolf  von  Habsburg  in  der  Schweiz  befand,  ein  wie  es 
den  Anschein  hat  ausserordentlich  enges  Freundschafts- 
bündniss  mit  Rüdiger  dem  Manessen  dem  älteren  aus  Zürich 
schloss,  welcher  im  Jahre  1252  zum  erstenmale  urkundlich 
erscheint,  1264  unter  den  bürgerlichen  Räthen  wie  1268 
unter  den  Beisitzern  aus  dem  Ritterstande  im  Rathe  seiner 
Vaterstadt  begegnet,  und  1304  das  zeitliche  gesegnet  hat, 
80  werden  wir  wohl  nicht  ohne  Grund  schliessen  dass  sie 
im  Alter  nicht  all  zu  weit  auseinander  gewesen  sein  dürften. 
Da  auch  der  berührte  Dienst  in  der  Schweiz  wohl  nicht 
unter  seine  letzten  Kriegszüge  gehört,  was  wir  aus  dem 
eben  bemerkten  Verhältnisse  abnehmen  möchten,  und  er  auf 
der  anderen  Seite  selbst  theils  mit  Stolz  theils  mit  einem 
gewissen  Schmerze  berichtet  dass  er  31  Jahre  lang  so  zu 
sagen  dieses  Handwerk  getrieben,  so  ergibt  sich  von  etwa 
1260  angefangen  das  Jahr  1291'  als  das  der  betreffenden 
Aufzeichnung,  in  welchem  er  aber  vielleicht  noch  keineswegs 
auch  gleich  darauf  gestorben  ist.  Nehmen  wir  etwa  den 
Schlusss  des  13.  .und  Anfang  des  14.  Jahrhunderts  für  sein 
Lebensende  an,  so  bleibt  uns  bis  zum  muthmasslichea  Ge- 
burtsjahre des  anderen  uns  bekannt  gewordenen  Heinrich 
ein  Zeitraum  von  etwa  20  Jahren  unausgefüllt.  Nun  wissen 
wir  allerdings  nicht,  ob  er  von  dem  ersten  Heinrich  oder 
dessen  Bruder  Georg  oder  einem  anderen  uns  zur  Zeit  un- 
bekannten Familiengliede  abstammt.  Doch  ändert  dieses  an 
der  Berechnung  nicht  viel.     Man  wird  im   grossen   Ganzen 


Bochinger:  üeber  die  Famüie  von  Präckendorf,  157 

nicht  weit  irren  wenn  man  ihn  nicht  als  deren  Sohn  sonderü 
als  deren  Enkel  das  heisst  den  Sohn  des  uns  im  Augen- 
blicke unbekannten  Sohnes  des  ersten  Heinrich  od^  des 
Georg  oder  eines  allenfallsigen  Bruders  derselben  annimmt, 
wonach  ohne  grosse  UnWahrscheinlichkeit  sich  folgende 
Stammtafel  ergeben  würde,  in  welcher  wir  ihn  unter  dem 
ersten  Heinrich  einreihen: 

N 


TT     J        .     ,^  ^        • 

Heinricn  Georg 


^  ^ 


I  '  1  I 

Adelheid  Heinrich  Agnes. 

Weiter  erscheint  in  der  schon  berührten  Urkunde  vom 
Jahre  1382  eis  Zeuge  wie  schon  bemerkt  Stefan  der 
Fräcken dorf er»  Ueber  seine  Verwandtschaft  ist  näheres 
nicht  bemerkt.  Insoferne  uns  übrigens  der  eben  in  Rede 
gestandene  Heinrich  in  dem  genannten  Jahre  als  Vasall  des 
Hochstiftes  Regensbui-g  in  dessen  Lehenbüchem  ^)  erscheint, 
and  ebendaselbst  zum  Jahre  1393  seine  Kinder  und  Stefan 
aufgeführt  werden,  sind  wir  wohl  nicht  allzuweit  vom  rechten 
Wege  entfernt   wenn  wir  ihn  als  Heinrichs  Bruder  ansehen^ 

Auch  erscheinen  um  diese  Zeit  noch  andere  Glieder 
des  präckendorfer'schen  Geschlechtes.  Einmal  begegnen  ans 
in  dem  ältesten  wohl  noch  im  dritten  Viertel  dieses  Jahr* 
hunderts  geschriebenen  Teuchtenbergischen  Lehenbuche  unter 
den  Besitzern  von  Lehen  die  zur  Herrschaft  Leuchtenberg 
gehören  Stefan  und  Ulrich  die  Prechendorfer,  und 
auf  der  anderen  Seite   unter  jenen   der  Lehen   der  Bürger 


1)  Sie  sind  nur  zu  einem  kaum  nennenswertben  Theile  an  das 
allgemeine  BeichsarchiT  gelangt.  Wir  verdanken  die  den  nicht  hierselbst 
befindlichen  entnommenen  Mittheilungen  der  Güte  des  BeichsarchiT* 
fdnction&rs  Herrn  Primbs. 


158  SiUung  der  histor,  Clam  wnn  4.  Januar  1868. 

ZU  Weiden  Wolfhiirt  und  dessen  Bruder  Jakob  Pregen- 
dorfer.  Genauere  Nachrichten  darüber  mangeln.  Ins(rfeme 
816  aber  dem  bezeichneten  Zeiträume  angehören,  können  wir 
sie  der  Einfachheit  willen  vielleicht* —  nachdem  wir  StefiEin 
bereits  als  Bruder  des  zweiten  Heinrich  angenommen  haben 
—  in  der  Weise  uns  yerbunden  denken  dass  wir  sie  sämmt* 
lieh  als  des  ersten  Heinrichs  Enkel  etwa  in  folgender  Art  in 
die  Stammtafel  einreihen: 

Heinrich 


r  I  ^ — ), 

N  N  N' 


Jakob  Wolfhart  Adelheid  Heinrich  Agnes  Stephan    Ubrich. 

Von  da  ab  fliessen  die  Quellen  etwas  ergiebiger.  Und 
swar  dnd  es  Aufeeichnungei^  welche  in  der  Familie  selbst 
gemacht  worden  sind  die  hier  zunächst  in  Betracht  kommen^ 
Sie  finden  sich  in  der  Pergamenthandschrift  von  des  Eonrad 
von  Megenberg  berühmtem  Buche  von  den  natürlichen  Dingen^ 
nunmehr  cod.  germ.  38  der  mündbner  Staatsbibliothek,  der 
ausgezeichneten  Handschrift  aus  welcher  Pfei£Fer  das  genannte 
um  das  Jahr  1350  vollendete  Werk  abdrucken  Uess.  Sü 
war  im  Besitze  tles  präckendorfer'schen  Geschlechtes,  und 
zwar  sehr  frühzeitig,  denn  auf  dem  an  die  Vorderdecke  des 
Originaleinbandes  aufgeklebten  schon  von  allem  Anfange  an 
dem  Codex  angehörigen  Vor&etzblatte  befindd;  sich  das 
schöne  Aquarellgemäldchen  wekhes  nach  der  uns  in  der  jetrt 
im  Besitze  unseres  geehrten  GoUegen  Föringer  befindlidien 
Papierhandschrift  des  sogenannten  Schwabenspiegels  erhal« 
tenen  Beschreibung,  dass  der  erste  Heinrich  der  Präckendorfer 
abgemahlt  zu  sehen,  in  gantzem  kiriss  kniendt 
vor  einem  gemaltem  crucifix,  mit  aufgereckhten 
henden,  blossem  grauen  hanbt  vnd  bardt, 
sein  heim  auf  der  erden  ligendt,  gegen  vber 
das  von   uns   am   bereits   angeführten  Orte  S.  415  nutgo* 


Sockinger:  Ueber  die  Famüie  von  Ftäckendarf.  159 

theilte  Wappen,  auch  die  alte  Fergamenthandschrift;  des 
sogenannten  Schwabenspiegels  welche  jener  Heinrich  im 
Jahre  1268  aus  der  Schweiz  in  die  Heimat  mitgebradit  hi^ 
geziert,  über  welchem  mit  der  Jahrzahl  1389  die  Verse  ein» 
geschrieben  sind: 

Mein  grae  har  ynd  altte  gstalt 

kombt  mir  von  krieg  ynglükh  vnd  ybl.manigfalt. 

Grosz  sorg  ynd  arbeith 

mir  wardt  angeleyth: 

machet  mich  gra  yor  rechter  zeith. 

Von  anderer  Hand  war  anter  dem  Bilde  der  Name  des 
Besitzers  der  Handschrift  eingetragen,  welcher  indessen  — 
aas  welcher  Veranlassung,  wissen  wir  nicht  —  herausge- 
schnitten und  herausgerissen  ist,  doch  nicht  so  yoUständig 
dass  man  nicht  noch  auf  die  Spur  desselben  kommen  könnte. 
Die  oberstai  Striche  nämlich  der  grossen  Buchstaben  der 
Eigennamen  und  die  unterste  Zeile  kennzeichnen  ihn  ab 
Steffan  Preckendorffer  zu  Preckendorff  Hoff  ynd 
Ereblitz.  Das  folgende  Blatt  sodann  enthält  auf  der  ersten 
Seite  oben  gleichfalls  die  Jahrzahl  1889,  und  unten  das 
präckendorfer'sche  Wappen,  in  reicherer  heraldischer  Aus- 
schmückung gemalt  als  das  schon  berührte,  mit  der  Unter- 
schrift: Petter  yon  Pregkhendorff  zu  Pregkhendorff 
ynnd  Hoff,  während  die  zweite  Seite  yon  dem  yon  einem 
Holzstocke  schwarz  abgedruckten  Wappen  des  später  zur 
Erwähnung  gelangenden  Dionys  yon  Präckendorf  eingenommen 
wird.  Auf  den  nach  dem  Register  des  Werkes  des  Konrad 
yon  Megenberg  ursprünglich  leer  gewesenen  Blättern  5'  bis 
8'  finden  sich  sodann  die  Aufzeichnungen  über  das  präcken* 
dorfer^sche  Geschlecht  welche  in  der  Familie  selbst  gemacht 
worden  sind  wie  wir  oben  bemerkt  haben.  Sie  beginnen 
-mit  dem  schon  erwähnten  Stefan  dem  Präckendorfer  zu 
Präckendorf  Hof  und  Kreblitz. 


160  Sitzung  der  histor.  Classe  wm  4:.  Januar  1868. 

Wir  theilen  zunächst  die  erste  derselben  mit. 

Steffan  Preckendorffer  zu  Preckendorff  Hoff 
▼nd  Kreblitz  hat  jm  ehlich«i  stand  verlasswi  drey  *)  son 
Tod  zwo  töchter.  • 

Aine  hat  ain  Yettinger  gehabt,  die  annder  Georg  Ett- 
linger  zum  Haimhoff.  Haben  bede  khinder  mit  jnen  erzeugt. 

Volgen  seine  sön  mitnamen.  der  erst  Petter.  der  annder 
Sigmund:   diser  on   erben    gestorben,    der  drit  Andreas. 

Diser  Petter  von  Preckendorf  hat  zuer  ehe  gehabt 
ain  Pfeffingerin ,.  vnd  mit  jr  jm  ehlichen  stand  erworben 
fünff  sön  vnnd  zwo  tochter. 

Aine  hat  ain  Pinstorffer  gehabt,  die  annder  N  zu  Cham. 

Volgen  die  sön. 

Der  erst,  Matthes,  zu  Playpach,  hat  zur  ehe  gehabt 
«inN,  vnnd  mit  jr  ehlich  erworben  x  sonn,  der  erst,  Wolff 
genannt,  vnd  solcher  hat  zur  ehe  gehabt  ain  Pojslin,  vnd 
bey  jr  erworben  zwen  sonn,  mit  namen  Petter  vnnd  Wolff. 
Petter  ist  im  wellisch  landt  im  khrieg  gestorben,  vnd  Wolff 
hat  ain  Pelkhofferin  anno  1566  genumen. 

Der  ander,  Steffan,  ist  ledig  gestorben.  ^) 

Der  dritt  son,  Albreoht,  genant  zu  Loham,  hat  zur 
'Ohe  gehabt  zwo  frawen,  ein  Mürtzin  vnnd  ein  Forstarin. 
mit  jr  ehelichen  erworben  sechs  tochter,  drei  sonn :  Eustachi, 
Albrecht,  Sigmundt.  diser  hat  zur  ehe  von  Eib')  von 
Hirschau  zu  Franckenoe.  hat  x  son  vnd  tochter. 

Der  vierdt,  Wolff  von  Preckhendorff,  hat*  ja  N  jn 
Beham  hat  kein  son,  nur  tochter. 

Der  fünfft  und  jüngste  son,  Georg  von  Precke^n- 
dorff  zum  Hoff,  hat  geheurat  zu  des  edlen  vnd  vesten 
Oonradt  Trinckhels  aus  Osterreich  zu  Hautzendorff,  weillandt 


1)  Das  Wort  „drey"  zeigt  eine  schwärzere  Tinte. 

2)  Hiezn  hat  eine  spätere  Hand  bemerkt:  aafzesaechen., 

S)  Die  Worte  „von  Eib^*  sind  auf  radirtem  Grund  geschrieben. 


Bochinffer:  Uehtr  die  Famüie  wm  JPräehendorf,  161 

Jcayser  Fridrich  hochlobllchister  gedachtnos  rathe  sedigen, 
ehJkJieii  nachgelassenen  toditer  junckhfrawen  Agnes»  der  zeit 
m  Regenspurg  wonente ,  vermag  eines  auffgerichten  und 
verfertigeten  lieuraths  brieflfs  mit  der  ehrwirdigen  edlen  vnd 
Testen  anch  namhaSten  herr  Geoig  von  Faulstorff  thomherr 
Zü  B^enspurg,  Mattbeus  von  Preckendorff  zu  Playpach, 
Steffan  von  Preckendorff  zu  N,  Hanns  Scbmaller,  sobultbeisz, 
vnnd  Georg  Hornecker,  Fridrich  Frieszliamer,  Petter  Graffen- 
reater,  vnnd  Hanns  Portner  zu  Regenspurg,  geschehen  montag 
nach  Matthias  anno  1498  jar.  auff  montag  nach  sontag 
exaudi  anno  1498  jar  hat  Georg  von  Prackendorff  sein 
vertraute  junckfraw  praut  nach  christlicher  Ordnung  in 
nidermu(n)ster  pfarkhirchen  zu  Regenspurg  sy  zum  stand 
der  heiligen  ehe  vertrauen  und  vermeheln  lassen,  vnd  haben 
zam  Hoff  vffm  schloss  mit  einander  gehaust. 

Der  jüngste  ^)  son  Andre  der  hat  zur  ehe  gehabt  eine 
N,  vnnd  mit  jr  ehlich  erworben  zwen  son,  Georg  vnnd 
Leonhardt.  aber  Georg  ist  on  erben  verstorben.  Leonhardt 
von  Preckendorff  zu  Preckhendorff  vnd  Schönaw  hat  zur  ehe 
gehabt  N,  vnd  bey  jhr  ehlich  erworben  vnd  hinter  im  ver- 
lassen zwo  tochter,  aine  hat  Fabian  Mendl  zu  Steinfels,  die 
aunder  den  Hieronimusz  Mendl  zu  Hütten  zur  ehe  gehabt, 
mer  ein  söhn  Christoff  von  Preckhendorff  zu  Preckhen- 
dorff vnd  Schönaw.  diser  hat  zur  ehe  gehabt  zwo  frawen, 
eine  vom  Prandt  zu  Flossebürg,  die  ander  Dorothea  vom 
Prandt  zum  Stein,  vnd  bey  disen  erworben  x  sön  mit  namen 
N,  der  jungst  Hanns  Thoman,  vnnd  tochter  Margareth, 
Barbara,  Barbara. 

Dieser  Aufzeichnung  reiht  sich  sodann  jene  über  die 
Linie  des  genannten  Georg  ton  Präckendorf  in  nachstehender 
Weise  an. 


1)  Nämlich  der  dritte  des  Stephan  Präckendorfer  zu  Präcken- 
dorf Hof  und  Kreblitz. 
.  [1368.  I,  1]  11 


162  Sitsung  der  histor,  Gasse  vom  4,  Januar  1668, 

Hernach  volg^  die  khinder  so  jch  Georg  von  Precken- 
dorffzum  Hoff  mit  gemelter  meiner  hansfrawen  ehlichen 
erworben  hab,  nemlich  sechs  son  vnnd  sechs  tochter,  wie 
▼olgt. 

Erster  son^  Georg,  ist  geborn  anno  1499,  vnd  ist  wie 
er  zu  Jngolstat  s(t)atiert  kranckh  worden ,  vnd  am  abent 
Fabian  Sebastian!  anno  1518  dahaim  gestorben. 

Der  annder  son,  Christ  off,  ist  geborn  sambstag  vor 
Michaeli  anno  1501  jar,  welcher  erstlich  stutiert,  darnach 
in  Beham  bey  einem  vetter  die  sprach  gelemet,  nachuolgt 
ein  zug  in  Vngem,  ain  zag  in  Jtalia,  zum  dritten  ain  zug 
in  Frankhreich,  vielleicht  noch  weider  gezogen,  aber  sindt 
anno  1527  jar  bisz  her  nichts  mer  von  jm  vemumen. 

Der  dritt  son,  Wolffgang,  ist  ledig  gestorben. 

Das  vierdt  kindt,  ain  tochter,  Anna  genandt,  ist  jung 
gestorben. 

Das  funfft  khindt,  Johannes  genant,  ist  jung  gestorben. 

Das  6  khindt,  ain  tochter,  Anna  genant,  ist  gestorben. 

Das  7  ist  ein  tochter,  Walburg,  ist  auch  jung  gestorben. 

Das  8  khind,  ain  tochter,  Anna,  hat  Hanns  Wolffen 
zur  ehe  genumen,  vnnd  zwen  sonn  bey  im  erzeugt,  Paulus 
vnd  Jdbannes.  diser  ist  zu  Freuburg  gestorben.  Paulus  ist 
docter  worden. 

Voigt  mer  das  neundtMindt,  ain  tochter,  Walbürg 
genant,  ist  auch  in. der  jugent  gestorben. 

Das  zehendt  khindt,  ain  tochter  mit  namen  Margareth, 
ist  geborn  am  abent  Johanni  1512.  dise  hat  zwen  menner 
gehabt,  den  ersten  Hannsen  Galmuntzer  zu  N.  bey  im  erobert 
Katherina  vnnd  Margaretha.  der  ander  man  Georg  Steurer. 
bei  solchem  erobert  ain  son  Hauboldt,  vnd  zwo  tochter: 
Margareth  vnd  Angnes. 

Das  ailfit  khindt,  ain  son  mit  namen  Dionisy,  geborn 
acht  tag  vor  dem  auffart  abent  Christi  anno  1514.    solchec 


Bochinger:  üeher  die  FamüU  wm  Fräckendorf.  168 

hat  drey  frawen  gehabt,  vnd  mit  inen  khinder  erzeugt,  wie 
hernach  vo^en  wird. 

Das  zwelfft  khindt,  ein  son,  Johannes  genant,  ist 
geborn  anno  1516  ,    vnd   ist   im   yierdten  jhar  gestorben. 

Anno  1517  am  pfintztag  vor  cantate  starb  der  edl  vnnd 
vest  Georg  von  Präckhendorff  zum  Hoff  in  der  stat 
Cham  als  er  im  ein  pain  liess  abschneiden,  seines  alters 
im  X,  vnd  ligt  zu  Munster  bej  Cham  ehrlich  begraben. 

Nunmehr  stossen  wir  auf  eine  Lücke  in  diesen  Familien- 
aufzeichnungen,  indem  —  abgesehen  von  den  noch  auf 
dieser  Seite  6^  eingetragenen  Nachrichten  über  die  Agnes 
Präckendorferin  zum  Jahre  1553,  welche  wir  nachfolgend 
im  chroYiologischen  Verlaufe  einreihen  —  auf  der  nächsten 
Seite  erst  mit  dem  Jahre  1542  von  der  Hand  des  Dionys 
von  Präckendorf  fortgefahren  wird  wie  folgt. 

Anno  1542  jar  am  abentt  Jacoby  den  23  july  hab  ich 
mich  Dionysi  rjon  Preckendorff  zum  Hoff  etc.  zw  des 
edlen  vnd  emuesten  Wolffgang  Peysser  zum  Weierhoff,  fürst- 
lichen zolners  zw  Jngolstatt  eelichen  ihochtter  junckiraw 
Veronica  verheyratt,  vnd  am  dag  Jacobi  mit  jr  zw  kirchen 
jm  altten  schloss  zw  Jngolstatt  neben  ander  hern  vnd  freunden 
gangen,  die  hochzeitt  hatt  mein  schweher  jm  zolhaus  vff  sein 
grossen  kosten  gehaltten,  gott  verley  mitt  genaden. 

Anno  1543  am  mittwoch  nach  sondag  jubilatte  zw 
morgens  vmb  4  der  kleinen  vr  hatt  gott  mein  liebe  hausfrau 
erfreutt  mit  ainer  thochtter,  so  jn  der  neuen  pfarr  durch  hern 
Erasm  Zolner  nach  christlicher  Ordnung  getaufii  vnd  Anna 
genantt.  hatt  ausz  der  tauff  gehebtt  Barbara,  Vtz  Eopin. 

Anno  1544  am  heyligen  osterdag  den  13  apprillis  zw 
morgens  zwischen  ain  vnd  zwaien  der  kleinen  vrr  hatt  gott 
mein  liebe  hausfraw  abermals  mitt  ainer  thochter  erfreuett, 
80  durch  hern  Barttime  jn  meinem  hausz  cristlich  getaufft 
vnd  Veronica  genantt  worden^ 

11* 


164  SiUiUHg  der  histor.  Qa^e  vom  i.  Januar  18$8, 

WS  sondag  canttate  den  3  mey  anno  1545  iat  obgemellt 
mein  thochtterll  jn  gott  yerschiedeD,  vod  zw  sautt  Heim^aa 
jm  gotts  acker  pegraben  worden. 

Notta.  von  dissem  kinttz  geburtt  an  bis  anno  1548  batt 
jnein  liebe  hausfraw  sieben  vnrecht  kindtbeett  gehatt. 

Aber  gott  hatt  sy  anno  49  vber  sy  erbarmbtt,  anno  1549 
am  sambstag  den  19  jenner  morgens  vmb  7  der  kleinen 
yr  hatt  gott  mein  liebe  hausfraw  wider  erfreutt  mitt  einer 
thochtter,  so  durch  N  cristlich  getaufft  vnd  Katherioa  ge- 
bantt.  solch  hatt  aus  der  tauflf  gehebtt  fraw  Katherina,  hem 
Georgen  von  Loxan  haubttmans  alhie  eeliohe  hausfraw. 

Anno  1550  am  mandag  den  17  febreer  ain  halb  nach 
12  der  kleinen  yr  hatt  gott  der  almechtig  mein  liebe  haus- 
fraw Veronica  geborne  Peysserin  ausz  disem  jamertall 
erfodertt.  ynd  also  jn  warer  cristlicher  erkantnus  ynd  glauben 
mitt  enpfahung  des  hochwirdign  sacraments  des  leibs  ynd 
bhietts  Cristj  nach  seinen  wortt  ynd  peuelch  jn  gott  cristlich 
ynd  selligHch  enttschlaffen.  gott  woU  jr  ynd  ynns  allen  ein 
froliche  yfferstehung  gnediglich  yerleihen.  ligtt  jm  gotzacker 
zw  flantt  Heimeran  begraben. 

Anno  1551  jar  yff  den  x  may  hab  ich  mich  Dionysi 
▼on  Preckhendorff  etc.  wider  jm  namen  gottes  yerheuratt 
zw  des  edlen  ynd  hochgelertten  hem  Paulus  Flettacher  etc. 
elichen  tochtter  junckfraw  Walburg,  ynd  yff  obgemeltten 
tag  mein  vestigung  oder  pflumpff  bey  Gristoff  Walner  wirtt 
gehattten,  ynd  am  mandag  den  tag  Petter  ynd  Paalj  den 
29  junj  anno  1551  mein  hochsseitt  gehaltten,  jn  die  neaen 
plar  mein  kirchgang,  ynd  yff  ratthausz  den  tantz,  ynd  die 
hochzeittlich  mall  pey  obgemeltteaai  wirtt  gebaltten.  bey  d^ 
h^uvBAU^  abreed  yestiguaag  ynd  hochzeitt  sintt  neben  andern 
^n  vom  adl  y.&d  beystond  gewissen  meins  teyls  Hanns 
nm  Preck^ndorff  zw  Haehenperg  ynd  Sige»stain,  Gristoff 
TQU  Preckhendorff  zw  Predtendorff  ynd  SchonaiU,  Sigmund 
yon  Preckendorff  zu  Frankenoe  etc.,   Jörg  EttUnger    mm 


Boekinger:  Ueber  die  FamUd  von  Präckendörf.  1^5 

Haimhoff  Tnd  Saulberg,  alle  mein  liebe  yetter,  sambt  der 
sdbigen  hausfrawen  sonen  vnd  Ihochttem. 

Anno  1552  am  dag  Phillip  ynd  Jacoby  hatt  gott  meiii 
üebe  hansfraw  zw  moi^ena  mitt  einfem  jungen  sonn  erfirenett, 
weldier  als  pald  verschieden  darch  schrecken  der  muelter 
die  weil  ditts  mals  ain  besatznng  yon  kriegs  volckh  alhie 
was,  dem  gott  genad. 

Anno  1553  am  soöndag  canttate  den  80  apprill  hatt 
gott  mein  liebe  hausfraw  abermals  erfreutt  mitt  einem  jungen 
son,  welcher  durch  hern  Hannsen  N  cristlich  getanfft  ynd 
Vilippus  Jacobus  genentt,  welchen  Hanns  Lehner  ^)  ausa 
der  tauff  gehebtt.  anno  1554  jst  er  jm  hern  enttschlaffen^ 
1  jor  altt. 

Anno  1553  am  sambstag  nach  Vittj  den  17  junj  nach 
ndttag  zwischen  ainem  ynd  zwaien  der  kleinen  vr  jst  jm 
hern  enttsdilaffen  die  edel  ynd  tugentt  fraw  Agnes,  gebome 
Trincklin,  die  letz  des  geschlechtts^  des  obgemellten  ^)  edlen 
vndvesten  Georgen  yon  Preckendorffs  seiligen  yerlassne 
wittib,  jrs  alters  jm  81  jar.  jst  36  jar  ein  wittib  pliebea. 
jr  leben  jn  warer  gottes  forchtt  mitt  emsigen  ynd  ylejrssigen 
gebett  kein  gottesdinst  oder  kirchen  yersaumbtt,  nach  jrem 
yermagen  gern  almussen  vnd  das  selbig  treulich  geraichtt, 
aber  dem  babstnm  ynd  des  selbigen  yalschen  leer  ynwissentt 
ainfifeltig  angehangen,  gott  wol  jr.  ynd  ynns  allen  ain  froliche 
yfferstehung  ymb  Cristi  willen  genediglidi  verleihen  ynd 
geben,  sie  jst  vff  jr  pegem  zw  santt  Heimeran  kloster  zu 
Begensporg  jm  gotzacker  erlich  zuer  erden  pestett  vnd  pe- 
graben  worden. 


1)  Ursprünglich  war  auch  sein  Stand  beigemerkt,  welchen  eine 
spätere  Hand  aosgeschaben  hat,  so  dass  nur  noch  „barger  vnd 
....  schmid'^  zu  erkennen  ist. 

2)  Auf  welchen  sich  die  Einträge  von  S.  160-^160  beliehen. 


166  8itMung  der  histor.  dasse  vom  4,  Janmr  1868. 

Anno  1554  am  mandag  den  30  appril  frue  nah  6  der 
kleinen  [vr]  vor  mittag  im  zaichen  des  stiars  hatt  gott  der 
ahnechtig  abermals  mein  liebe  hausfraw  mitt  einem  jungen 
sonn  erfreutt,  weldher  cristlich  getaufft  mit  namen  Phi- 
lippus  Jacobus.  hatt  auch  Hanno  Lehner  ausz  der  tauff 
geheppt.  gott  verleihe  jm  oristlichsz  gottselligs  langes 
lebenn. 

Anno  1555  am  mittwoch  nach  sondag  exaudj  frue  vmb 
5  der  kleinen  vr  jm  zaidien  der  wag  hatt  gott  der  almeditig 
abermals  mein  liebe  hausfraw  erfreuett  mitt  einer  jungen 
tochtter,  Walbergen  genandt.  hatt  des  Lehners  hausfraw 
vsz  der  tauff  gehebtt.  anno  1556  am  x  tag  den  z  jst  solche 
jm  hern  entschlaffen. 

Anno  1556  am  sondag  nach  Johannes  waptista  frie 
ymb  7  vr  der  kleinen  tt  den  28  junj  hatt  gott  der  almechtig 
mein  liebe  hausfraw  abermals  mitt  einem  jungen  son  erfreuett, 
mit  namen  Johannes  Jorgius.  jst  cristlich  durch  hern 
Hansen  Obendorffer  [getaufft],  vnd  Hanns  Lehner  gefatter. 
anno  1556^)  den  21  december  am  dag  Thomj  apostolj  jst 
mein  liebe  hausfraw  einer  vnrechten  kintt  peett  nider  komen. 

Anno  1557  den  20  nouember  vmb  8  der  kleinen  vhr 
nach  mittag  jst  obermeltter  mein  son  Hanns  Jörg  jm  hemn 
enttschlaffen/  gott  verleihe  jm  vnd  vns  allen  ein  froUche 
vfferstehung.  anno  1557  am  erchttag  nach  Lucie  den  14  de- 
eembris  nach  mittag  vmb  7  der  kleinen  vhr  jst  mein  liebe 
hausfraw  Walburg  jn  warer  cristlicher  erkanttnus  mit6 
empfahnng  der  hochwirdigen  sacramentt  des  leibs  vnd  bluetts 
Cristj  nach  seinem  wortt  vnd  peuelch  jn  gott  cristlich  vnd 
selliglich  enttschlaffen.  gott  wol  jr  vnnd  vns  allen  ein  froUiche 
vfferstehung  gnediglich  verleihen. 


1)  Diese  Stelle  steht  in  der  Handschrift  erst  nach  dem  folgenäen 
ersten  Eintrage  zun  f  ahrQ  1557- 


Boekinger:  lieber  4ie  Famüie  van  Präckendorf*  167 

Anno  1561  am  pfintztag  nach  Miechely  hab  ich  mich 
Dionysi  von  Pr  eckender  ff  etc.  jm  namen  der  beilligen 
dryfaltigkejtt  gottes  abermals  verbeuratt  zw  des  edlen  vnd 
hochgelertten  bern  Augustin  Fossen  ^  biscboffücben  cantzlers 
alhie  selligen  nacbgelassnen  eelichen  thocbtter  junckbfraw 
Magdalenna,  vnd  an  obgemelttem  tag  die  abreedt  vnd 
vestigung  gebalten  pey  dem  Vlricb  Seidl  wirtt,  nacbmals  am 
dag  Mardiny  den  11  nouembris  mein  bocbzeitt  jn  die  neuen 
pfiar  cristlicber  weisz  zu  kircben  gangen,  den  bocbzeittlicben 
tag  pey  obgemelttem  wirtt  yerpracbtt,  vnd  sintt  vff  obuermeltt 
meiner  yestigung  vnd  bocbzeittlicben  ebren  tag  meins  tails 
gewessen  die  edlen  vnnd  vesten  aucb  weyssen  Gristoff  von 
Preckendorff  zw  Preckendorff  vnd  Scbonau,  Hanns  voa 
Preckendorff  zu  Hacbenperg  vnd  Sigenstain,  Sigmund  von 
Preckendorff  zw  Franckenoe,  Gabriel  Gbastner  zwHainspach 
vnd  Haindling,  Bodo  Kolben  2w  Hailsperg  vnd  Wisendt,. 
Jörg  Ettlinger  zum  Haimboff  vnd  Saulberg,  Hanns  Jordan 
von  Hertzbaim  zu  Hertzbaim  vnd  Salberkircben. 

Haben  wir  es  bisber  mit  Aufzeicbnungen  zu  tbun  ge^ 
habt  welche  sich  so  zu  sagen  in  einem  beliebten  Hausbuche 
des  präckendorfer'schen  Geschlechtes  von  Oliedem  aus  ihm 
selber  eingetragen  finden,  so  steht  uns  auch  noch  eine  Kacb- 
rieht  zu  Gebot  welche  zum  grossen  Tbeile  auf  diese  Einträge 
ftisst,  tbeilweise  aber  auch  neue  Angaben  bietet,  und  gleich* 
Mh  von  einem  Gliede  der  Familie  herrührt^  und  zwar  von 
änem  Sohne  des  Dionys  von  Präckendorf.  Sie  findet  sich 
in  dem  den  dritten  Theil  von  Hund's  baierischem  Stammen« 
buche  bildenden  cod.  germ.  2298  der  hiesigen  Staatsbibliothek^ 
welchen  einst  der  bekannte  Johann  Franz  Ecker  von  Eapfing 


1)  Nach  diesen  Namen  standen  ursprünglich  noch  vier  Worte, 
vielleicht  ,,der  theologj  doctem  vnd",  welche  später  bis  auf  das  letztd 
aosradirt  worden  sind. 


168  Siuimg  der  hi$t$r.  Qmh  wm  4.  ^fatmar  18^, 

besessen ,  ond  in  welchen  er  eine  Menge  toq  Naditrägen 
eingezeichnet,  zam  groeaen  Theile  einem  uns  nicht  genauer 
bekannten  so  bezeichneten  y^n^ändPschen  Badie'^  entnommen. 
Bei  der  präc&endorfer'sehen  Familie  non  begegnen  uns  sokhe 
auf  Fol.  413  und  413'.  Und  zwar  stammen  sie  aus  einer 
Mitiheilung  des  Philipp  Jakob,  wie  wir  schon  bemerkt 
haben  des  zweiten  Sohnes  dieses  Kamens  \  des  Dionys  tou 
Präckendorf. 

Was  dieselben  näher  anlangt  j  gehen  sie  bis  auf  den 
mehr  berührten  Heinrich  den  Präckendorf  er ,  von  welchem 
auch  wir  aasgegangen  sind,  im  dreizehnten  Jahrhunderte 
zurück.  Bei  den  weiter  folgendep  Gliedern  sodann  sind 
einige  Verstellungen  untergelaufen,  welche  vielleicht  nidit 
den  ursprünglichen  Angaben  des  Philipp  Jakob  von  Präeken- 
dorf  zuzuschreiben  sind  sondern  auf  Rechnung  ein^  irrthüm* 
liehen  Auöösung  MändPs  oder  wer  sonst  dieselben  weiter 
überliefert  hat  fallen.  Den  Schluss  bilden  endUch  Angaben 
über  Glieder  der  Familie  des  Dionys  von  Präckendorf  weldie 
die  oben  auf  S.  les*— 167  angeführten  mit  dessen  dritter 
Vermählung  im  Jahre  1561  abbrechenden  Aufzeichnungen 
erganzen  und  fortfähren.         s 

Wir  lassen  diese  sämmtlichen  Einträge  wie  sie  der 
cod.  germ.  moiL  2298  auf  Fol.  413  und  413'  bietet  im 
Zusammenhange  folgen. 

Hainrich  von  Präckhendorf  zu  Kräbhitz  ist  anno  1264 
bc9  graff  Buedolph  von  Habsporg  mit  4  helmb  edler  knechi 
gewesen,  vnd  ^  damahls  sambt  andern  rittem  vnd  knechteB 
aaa  Zirch  sein^si  ham  zu  hilff  geschickt  worden  der  dan 
dieer  zeit  wider  die  heim  von  Begenspurg  den  Bischoff  von 
Basel  vnd  2  grafifon  von  Toggenburg  krieg  gefihrt  hat ,  vnd 
anno  1268  auf  zuschreiben  seines  brueders  Georg  den 
Präokhendorffer  abgezogen  i  lauth  seins  schrifftlicheu  red- 
lidben  vnd  genedigen  abschidts,  wie  auch  in  seinem  raisz 
buech  zu  finden: 


Ibekmger:  Oeher  die  FamüU  wn  Präckendorf,  169 

Am  edlkn^cht  vnd  krieger  ich  24  jähr  war 

in  5  schlachten  an  ain  ander  starm  sdiarmid  ohne  zaU^ 

darin  mich  gott  liebt  *ynd  Hess  genesen. 

Achtet  besser,  ich  were  auch  todt  gewesen, 

dfm  vill  blaet  ioh  in  mein  tag  thet  vergi^ssen. 

Trag  sorg,  meine  kinder  Werdens  läzel  gemessen. 

Dodi  dem  barmherzigen  gott  ioh  vertran, 

vnd  allain  anf  [gott]  durch  Christum  bau. 

5  sprachen  aas  meinem  mundt 

i€h  reden  khunt, 

wie  man  solchs  in  meinem  raiszbuch  finden  timet. 

Dessen  söhn  soll  gewesen  sein  StefiEan  von  vnd  zu 
Präckhendorff.  ist  jhr  kayserlichen  mayestat  Carls  des  4« 
als  er  gehn  Rom  zog  mit  3  heim  edler  knecht  3^/s  jähr  ge- 
wesen im  1355  jähr,  ich  halt,  es  sey  des  ^ainrichs  enikhl 
ynd  nit  sein  söhn  gewesen,  dan  die  jahrzahl  reimt  sich  nit 
woU  zusammen. 

Dises  Präkhendorffers  Txor  N  ßaindorfiferin.  hat  hinter 
im  verlassen  3  söhn  vnd  2  töhter.  er  hat  auch  am  Hoff 
vnd  Khrabüz  jnnen  gdbabt. 

Seine  söhn :  ^ 

.  ®,  \   beede  ohne  erben  gestorben; 

Peter,  vzor  N  Pfaffingeirin.  ^  mit  ihr  erobert  .5  mka  vnd 
2  töhter.  N  yzor  Pidnstorffer.  die  ander  vxor  Sauzsapffea, 
in  der  Saurzap&n  genealogie.  die  sfihn :  Mathms,  Albredit» 
Stephan,  Sigmund,  vnd  WoML 

Madies  zu  Plaibach.  vxor  N.  mit  jhr  zwen  säm.  der 
erst,  Wolf  genant,  hat  ein  PoysUn  zur  ehe»  mit  ir  erzeugt 
2  söhn,  Peter  vnd  Wolff.  Peter  obiit  ledig  in  Welschlaad 
ia  krieg.  Wolff  hat  ein  Pelkhouerin  gehabt  anno  1566» 

Stephan,  der  ander  Matfaei  söhn,  ist  ledig  gestorben. 

Albrecfat,  Petri  söhn,  zu  Lohaim.  vxor  la  N  Ehunstn^ 


170  Sitewng  der  hietor.  CUuse  vom  4»  Jamar  1868^ 

2a  Forsterin.  mit  jhnen  ehlich  erxeiigt  3  söhn  vnd  6  töchter. 
die  söhn:  Eustachius,  Albrecht,  vnd  N.  von  disem  khombt 
her  herr  Hans  Sigmund  von  Präddiendorff.  vxor  Anna 
Hirschhaiderin.  jr  tohter  Sibilla.  ozor  wohl  Saorzapff  1598. 

Sigmund;  auch  Petri  söhn,  yxor  K.  sein  söhn  Andreas, 
dessen  vxor  N.  seine  söhn :  Georg  vnd  Leonhart.  Georg  ist 
ohne  erben  gestorben.  Leonhart  von  PräckhendorfF  vnd 
Schonaw.  vxor  N.  bei  der  2  töhter:  Margaretha,  vxor  Fabian 
Mendls  von  Stainfels;  Barbara,  vxor  Hironimi  Mendls  von 
Hütten.  Christoph,  Sigmunds  anderer  sohi^,  zu  Präckhendorff 
vnd  Schonaw.  7Xor  la  N  von  Brandt  zu  Flossenburg  drca 
1510;  2a  Dorothea  von  Brandt  zu  Stein,  bei  ihr  erobert 
Hans  Thoman,  Margaretha,  vnd  Barbara.  Hans  Thoma.  vxor 
Barbara  von  Prekhendorff.  Margaretha  vxor  Christophen  von 
Tandorff.  Barbara  vxor  Hans  Fabian  von  Berchtolzhouen. 
diser  het  zuuor  ein  Mendlin.  mit  der  Präkhendorfferin  erzeugt 
Hans  Cristoph,  Hannsz  Jacob ,  Hansz  Ott ,  vnd  Margaretha. 

Wolff  von  Präckhendorff,  auch  des  Peters  söhn,  hat  sich 
in  das  landt  Böhaimb  verheurath,  khein  söhn  verlassen. 

Stephan,  auch  Petri  söhn,  vx;or  N.  mit  jhr  ein  söhn 
Georg,  desen  vxor  Agnes,  Canridi  Trinckhl  aus  Oessterreich 
zu  Hautzendorff,  kayser  Fridrich  rhat  vnd  diener,  nachge- 
lassne  tochter.  die  hochzeit  1498.  bei  jhr  erobert  Georg, 
natus  1499,  obiit  1518.  Christoph,  natus  1501,  ist  ein 
kri^sman  in  Vngarn  gewesen,  auch  in  Frankhreich  vnd 
Jtalien  gewesen,  aber  seither  anno  1527  von  jm  nichts  mehr 
gehört  worden.  Wolff,  Anna,  Johan,  Auqa,  Walburg,  Ma^ 
gareth,  alle  jung  gestorben.  Dionysius,  natus  den  8  tag  vot 
d^  aufarth  abent  1514.  het  3  fraun  der.  von  der  ersten 
N  Anna,  vxor  Hyronimi  Garttners  zu  Regenspuig.  von  dst 
andern  N  Philipp  Jacob  von  Preckhendorff.  het  erstUch 
N  Erlbekhin  von  Pargstain  vnd  Euxenriedt,  viduam  Joannift 
von  der  Gräen,  zu  der  ehe.  2a  N  von  Scharpffenberg  lebt 
90dl*   von   der  3.  frauen  N  Dionysium   vnd  Christoph 


Baehinger:  Ueher  die  Fannie  van  Präekendorf.  171 

Lorenz,  vnd  volgente  töditer:  Magdalena,  Anna  Maria, 
Tzer  Johan  Sebastian  Patzers  circa  atinos  1570  oder  80. 

Die 'Abweichungen  weldie  sieb  bieoraas  von  den  Söhnen 
des  Stefan  Prädkendorfer  angefangen  gegenüber  den  oben. 
S.  160 — 167  mitgetheilten  Familienaufzeidinungen  ergeben, 
sie  finden  in  diesen  selbst  ihre  Beriditigong.  Wenigstens  stehen 
wir  keinen  Augenblick  an,  diese  für  die  glaubwürdigeren  zu 
halten,  insoferne  sie  einmal  früherer  Zeit  angehören,  und 
sich  so  zu  sagen  im  Hausbuche  des  präckendorfer'schen 
Geschledites  selbst  finden.  Auch  ergibt  sich  di£s  irrthüm« 
hohe  Verhältniss  in  den  zuletzt  behandelten  Angaben  einfach 
schon  daraus,  dass  in  ihnen  einmal  als  Söhne  des  Peter 
zwar  auch  wie  dort  fünf  aufgeführt  werden,  aber  anstatt 
des  Georg  ein  Sigmund,  während  auf  der  anderen  Seite  bei  ihrer 
ferneren  Verfolgung  nicht  blos  fünf  aufgezählt  werden,  sondern 
weiter  noch  ein  Stefan,  als^o  ein  zweiter  dieses  Namens, 
3men  zugesellt  wird,  von  welchem  erst  Georg  abstammen 
soll.  Wir  können  hier  ohne  Nachtheil  dahin  gestellt  sein 
lassen'  welche  einzelne  Verschiebungen  stattgefunden  haben. 
Immerhin  aber  dürfte  für  die  Beurtheilung  des  Ganzen  nicht 
zu  übersehen  sein  dass  wahrscheinlicher  Weise  die  Art  der 
Einträge  in  der  seinerzeit  berührten  Handschrift  des  Eonrad 
Ton  Megenberg  selbst  hiezu  eine  Veranlassung  geboten  haben 
mag.  In  ihr  sind  nämlich  die  Nachrichten  über  die  Söhne 
des  Stefan  —  Peter,  den  ohne  männlichen  Erben  verstorbenen 
Sigmund,  und  Andreas  -^  in  der  Weise  eingeschrieben  dasa 
die  zu  dem  ersteren  gehörige  Descendenz  —  Matheus,  Stefan,. 
Albrecht,  Wolf,  Georg  —  je  in  der  ersten  Spalte  des  Fol.  5' 
und  des  Fol.  6  ihre  Stelle  gefunden,  während  jene  des  dritten 
in  der  zweiten  Spalte  des  Fol.  5^  eingetragen  ist,  so  dass 
bei  Nichtbeachtung  dieses  ümstandes  und  beim  Ueberlesen 
Yon  der  ersten  Spalte  des  Fol.  5'  auf  die  zweite  desselben 
and  dann  erst  auf  die  erste  Spalte  des  Fol.  6  anstatt  des 
übrigens  sdion  durch  die  gleichzeitig  an  den  Rand  bemerkten^ 


172  SitBung  der  higtor.  Gasse  vim  4.  Jmuar.l86S. 

fortlaufenden  Zahlen  1 — 5  sattsam  genug  gekennedehneteD 
Ueberspringens  von  der  ersten '  Spalte  des  Fol.  5^  auf  die 
erste  des  Fol.  6  and  der  dann  erst  erfolgenden  Rüekkehr 
zn  den  Nachkommen  des  Andreas  auf  der  zweiten  Spidte 
des  Fol.  5'  eine  hödist  bedeutende  Verwirrung  eintritt, 
welche  w^gstens  theilweise  hiednit^h  mituntergelaufen 
sein  mnss. 

Noch  erübrigt  uns  weiter  eine  ohne  Zweifel  behofe  der 
Erbfolge  in  landgräflich  leuchtenbergische  Lehengüter,  zu- 
nächst Präckendorf  und  Schönau,  nach  d^tä  Aussterben  der 
Linie  des  eben  berührten  Andreas  amtlich  unterm  21.  Avigsai 
1609  in  Vorlage  gekommene  Arbor  consanguinitatia 
praeckhendorffianae  in  zwei  in  keinem  wesentlichen  Punkte 
Ton  einand^  abweichenden  Ausfertigungen«  Wir  theilen  wäbt 
in  der  Weise  mit,  dass  wir  sie  zunächst  mit  Aussdiloss  der 
uns  näher  berührenden  Linie  des  fünften  Sohnes  Georg  des 
Peter  von  Präckendorf  geben,  und  dann  diese  für  sich  .an- 
reihen. 

Niclasz^  Fraeckhendorffsr 

/  s 

Petter*)  Sigmundt»)  Andre*) 


Matthe8*)Steffan  Albrecht  Wolff  Georg*)    Georg«)       LinhartO 

I  #      ■     "* '  \  I 

Wolff  Wolff  Sigmund  Christoph«) 


Peter     Wolff  Hans  Thoma^       Barbam'^ 


1)  Ursprünglich  stand  in  beiden  Exemplaren  „Steffan"  mit  dar 
Jahrzahl  1889,  welche  in  A  in  1408  umgeändert  ist,  welch  letztere 
in  B  noch  besonders  beigesetzt  ist. 

2)  Hiezu  ist  in  beiden  Exemplaren  bemerkt:  Diser  hat  sich  anno 
1448  yerheurath. 

Abgesehen  davon  ist  hiezu  die  Anmerkung  gemacht:  Diser  hat 
das  leben,  alss  das  haussPreckhendorf,  zu  lehen  empfangen  yon  dem 


MoeUnger:  Ueher  ä4e  Femüie  von  Präehetuhrf.  17) 

Des    schon  ermähnten    Georg  von  PiSckmdorf  Nach- 
faominmiächaft  sodann  erscheint  anB  in  folgender  Darstellung: 

Georg  '^)       ' 

.    ■       I       ^  "      » li  II 

Gaorg         Chrifi^ff         Woiff     Johannes    Diönisi ")     Johannas 


Dionysi")     Ghristoff  Loren?  ^«) 


Hanns  Thoma      Georg  Ernst 


dnrchleiicbtigen  etc.  herrn  Friderichen  landtgraoen  zu  Leuchtenberg 
aofto  1476. 

Hieza  fügt  A  bei:  Hatt  die  geiganiischen  leben  empfangen,  vnd 
Hit  das  bauss  Prekbendorff,  vermög  sprucbbriefs  de  anno  1475.  In 
B  lautet  die  hierauf  bezügliche  Bemerkung i  Nota,  nicht  das  bauss 
Prekhendorff,  sondern  die  geigantischen  lehen. 

3)  Hier  ist  in  A  beigeschrieben:  Hatt  anno  1491  auf  sünn  vnd 
idchter  empfangen.    soUens  doch  verdienen. 

In  B  lautet  der  betreffendende  Eintrag:  Disem  batt  l(andtgcäQ 
JohannsB  auf  sühn  vnd  töchter  verlihen.  sollen  es  doch  verdienen, 
ist  aber  von  jm  auf  seinen  tochter  man  Wolff  Öttlinger  khomen, 
vnd  von  dem  wider  auf  den  Lenhardt  Prekhendorffer. 

Laut.  Urkunde  vom  12  April  1518  —  wo^u  die  beiden  Vcf* 
künden  von  1523  und  1532,  deren,  in  der  Note  auf  Seite  177  Er- 
wähnung geschieht,  verglichen  werden  mögen  —  empfing  Wolff  Öt- 
Unger  zum  Heymhoue  vom  Landgrafen  Johann  von  Lenehtenberg  den 
halben  Sitz  und  Hofmark  zu  Preckendorff  sammt  dem  Hofbau  und 
anderen  Zugehören  wie  auch  fünf  Güter  zu  Pissawe. 

4)  Hiezu  ist  in  A  die  Jahrzahl  1487  beigeschrieben. 

5)  Hiezu  ist  in  beiden  Exemplaren  angemerkt:  Diser  batt  sich 
verheurath  anno  1498. 

6)  Eine  in  B  bei  Gelegenheit  der  Bemerkung  in  'Kote  8  äufge- 
lohrte  xxod  Widder  duxcä>fltrk$beae  ,|Aga4ha  vxor^  mit  der  J»hrzahl 
1515  ist  wohl  nicht  auf  diesen  GeOeg  «n  besieben,  sondern  zwm 
."Wolff  Ött]»iger  geborig. '  -  . 

7)  HiezTi  aind  in  A  die  Jabrvablen  1515,  1523,  1582  bei|g»setzt 

8)  Hiezu  ist  in  A  die  Jabrzafel  1557  beigeciduriiabeor 


174  SitBung  der  hi9tar.  Glosse  i^m  4.  Januar  1868, 

Ob  diese  Zusammenstellung  in  allen  Ilieileh  richtig 
ist,  lassen  wir  dahin  gesteUt.  Entschiedene  Abweichung  zeigt 
sich  jedenfalls  gegenüber  den  mehrberührten  Familienanf- 
zeichnnngen  bei  den  Söhnen  des  Albrecht  Pjrackendorfer, 
welche  nach  jenen  Enstach  Albrecht  und  Siegmund  waren, 
während  hier  nur  Wolf  und  Siegmund  erscheinen.  Auch  sind 
die  ältesten  Glieder  des  Geschlechtes,  und  Jist  femer  die 
seinerzeit  zur  Sprache  zu  bringende  Linie  zum  Hachenberg 
hier  nicht  weiter  berücksichtigt,  was  indessen  seinen  Grund 
in  dem  schon  erwähnten  Umstände  haben  mag,  dass  die  in 
Frage  stehende  Tabelle  vorzugsweise  der  Entscheidung  der 
Erbfolge  in  die  landgräflich  leuchtenbergischen  Lehengüt^ 
Präckendorf  und  Schönau  ihren  Ursprung  verdankt.  Wir 
begnügen  uns  mit  diesen  Bemerkungen  insofeme  als  aus  den 
übrigen  von  uns  mitgetheilten  und  noch  zur  Besprechung 
gelangenden  Belegen  sich  der  Zusammenhang  der  einzelnen 
Glieder  der  Familie  von  Präckendorf  so  weit  als  für  unseren 
Zweck  nöthig  ergibt. 


9)  Hiezu  sind  in  A  die  Jahrzahlen  1&67  und  1569  beigesetzt 
Sodann  finden  wir  noch  die  Bemerkung:  vmb  dessen  güetter  die 
frag.  Endlich  zur  Bestimmung  seines  Ablebens:  obijt  anno  1609 
'mense  maio. 

In  B  steht  blos:   Vmb  dessen  gut  ist  die  frag. 

10)  Zu  ihr  ist  in  A  und  B  beigeschrieben:  von  Pertlshouen. 
Auch  sind  unter  ihr  als  Söhne  abgeleitet:  Hanns  Jacob  und  Hanns  Ott 

In  B  sodann  ist  hiezu  noch  die  Nachricht  beigefügt:  Disen  2  ist 
der  beste  tail  in  possessorio  zu  erkhent  worden. 

11)  Yergl.  oben  S.  173  Note  5. 

12)  Hiezu  steht  in  A:  Nota,  diser  Dionysi  hat  von  dess  Christof 
wegen  empfangen,  nent  jhn  sein  vetter. 

13)  Hiezu  findet  sich  in  beiden  Exemplaren  folgende  Bemerkung: 
Biss  auf  dise  zwen  vnnd  des  Dionysi  zwen  söhn  die  andern  alle 

des  mannlichen  stammens  abgestorben. 


Bockinger:  üeber  die  Familie  von  Prädcenäorf.  175 

Haben  wir  hienach  diese  in  ihrer  Verzweigung  bis  in 
das  siebenzehnte  Jahrhundert  kennen  gelernt ,  so  fehlt  es 
auch  nicht  an  urkundlichen  Nachrichten  welche  uns  über 
diese  und  jene  ihrer  Glieder  in  ihrer  Stellung  in  Staat 
und  Kirche  wie  in  ihrer  Eigenschaft  als  Lehensleute 
sowohl  der  Oberpfal^  als  auch  der  Landgxafschaft 
Leuchtenberg  und  des  Bisthums  Regensburg  wie 
überhaupt  über  ihre  Besitzungen  Aufschluss  gewähren. 

Sie  hatten  eigene  und  Lehengüter  von  grösserer  wie 
Ton  geringerer  Bedeutung,  und  schieden  sich  natürlich  hienach 
auch  in  den  betreffenden  Bezeichnungen.  Verschiedene  Belege 
der  Art  mögen  hier  eine  Stelle  finden. 

Dass  sie  zu  Präckendorf  selbst,  wovon  das  ganze  Ge- 
sdilecht  von  dem  frühesten  uns  bekannten  Gliede  an  den 
Namen  fuhrt,  mehrfache  Besitzungen  hatten,  versteht  sich 
von  selbst.  Näher  bekannt  sind  uns  darunter  vom  letzten 
Viertel  des  14  Jahrhunderts  an  landgräflich  leuchtenbergische 
unä  sodann  auch  oberpfälzische  Lehengüter.  Insbesondere 
die  ersteren  sind  von  Wichtigkeit.  Scheint  auch  der  grössere 
Theil  der  darauf  bezüglichen  Urkunden  und  Akten  ^)  nunmehr 
verloren  zu  sein,  so  erübrigen  doch  noch  Behelfe  in  hin- 
reichender Anzahl  um  unsere  Familie  sowohl  in  Präcken- 
dorf als  in  dem  gleichfalls  landgräflich  leuchtenbergischen 


1)  Ein  noch  vorhandenes  Repertorium  über  die  alte  landgräflich 
leuchtenbergische  Lehenregistratnr  bemerkt  auf  Fol.  117'  zur  Schub- 
lade 82  über  die  Buchstaben  0  und  P  gleich  als  Numer  1  nicht 
weniger  als  60  Stück  und  7  Beilagen  voii  1876  an,  daruntw  den 
Vertrag  zwischen  Peter  und  Andreas  den  Präckendorfem  über  die 
auf  sie  gefallenen  zwei  manillehenbaren  Güter  Präckendorf  und| 
Schönau,  welche  vorher  die  Geiganter  za  Lehen  getragen,  und 
welche  Christof  von  Präckendorf  zu  durchgehenden  Lehen  zu  machen 
versucht,  und  sowohl  er  als  auch  Hanns  Thomas  von  Präckendorf 
empfangen,  wie  weiter  sodann  unter  Numer  IV^  einen  Fascikel 
alter  Lehen-  und  Keversbriefe  über  Präckendorf  und  anderes  mehr. 


176  Bitmmff  der  kiator.  Cime  w>m  4.  Januar  t8i$$. 

maanlehenbaren  Gute  SchöHau  sowie  ia  Besitzang^i  welche 
vorher  die  GiaigaDter  zu  Lehen  getragen»  worüber  die  schon 
erwähnten  Peter  und  Andreas  von  PradEendorf  eine  Vertrags- 
nässige  Uebereinkunft  abschlössen,  in  deren  Folge  der  Uaie 
des  letzteren  Präckendorf  und  Scbönau  verblieb  und  sie  sich 
darnach  bei^nnte,  weiter  verfolgen  ^)  zu  können,   und  zwar 


1)  In  dem  ältesten  wohl  noeh  im  dritten  Yiertel  des  14.  Jahr- 
Iraaderts  begonnenen  lettohtenbergrisohen  Lehenbuclie  begegnet  uns 
nnter  der  Abtheilung  ,,daz  sind  di  leben  di  gehoru  zBm  Irowtemberg . 
in  die  herschafft  auf  FoL  18'  der  Eintrag:  Stephan  irnd  Ylrich  di 
Prechendorfer  haben  zu  leben  zwen  hof  zu  Prechendorf  mit  irr  zne- 
gehorung.  Weiter  finden  wir  daselbst  unter  der  Abtheilung  „daz 
eind  di  lehen  der  pürger  zu  der  Weyden"  auf  FoL  14  bemerkt: 
Wolf  hart  Pr^e9dorffer  vnd  sein  prüder  Jacob  habent  zaPregendoxf 
vig  gut  vnd  einen  zehent  ze  Pernhof  vber  viüj  gut. 

Der  Registratur  über  das  Lehenbuch  des  Landgrafen  Johann  des 
jüngeren  von  Leuchtenherg  entnehmen  wir  mehrere  Einträge  über 
Belehnungen  des  Ulrich  und  Niclas  Preckendorffer  aus  den  Jakren 
1406  (und  1416),  welche  wir  in  Note  6  des  im  Eingänge  beaierkieR 
Vortrages  8.  428  und  424  bereits  mitgetheilt  haben. 

Am  Franciscustage  des  Jahres  1433  empfieng  vom  Landgrafen 
Leopold  von  Leuchtenherg  Andres  Prackendorffer  die  Lehen  die 
Kiclas  Prackendorffer  gehabt,  mit  Namen  zwei  Güter  zu  Bracken- 
dorff,  auf  deren  einem  der  Ruekchel  und  auf  dem  andern  Fricz  Kai« 
sitzt,  und  eine  Peunt  von  2  Tagwerken  unterhalb  des  Dorfes,  die 
Jörg  Pawr  inne  hat,  vormals  zu  Nicklas  des  Brackendorffers  Hofbau 
gehörig,  welche  drei  Güter  bisher  Niemand  empfangen  und  3onut 
«echilich  ledig  geworden,  zu  rechten  Mannlehen, 

Auch  als  oberpfalsiaohen  Lebenmann  finden  wir  diesen  AndreiM^ 
indem  nach  Herzog  Johann«  Lehenbuche  Fol.  82'  am  Dienatage  nftck 
Iincia  des  Jahres  1434  dem  Endres  PraAokendorff«  „ein  wiaMi  ge- 
legen bey  Praeckendorff  dy  dez  NialM  Wöbeis  von  Sallaeb  g&we«»n 
Ist'^  von  Gnaden  wegen  \md  für  ein  verfallenes  Le^n  f^^^s^km 
frardou 

Am  Montage  naiob  Gall  des  Jahres  1448  sodann  wwrde.  Si^pmAr 
idoBL  Prackenndor&r  dar  Site  Prackenadorf  mit  all  seiner  Zagi^ör, 
dann  vier  Güter  und  zwei  Tagwerk  Wiesmad  daaelbsi,  Icrae«  ein 


Bochinger:  Ueber  die  Famüie  von  Prächendorf.  177 

was  das  letztere  Gut  anlangt  bis  zum  Aussterben  des  be- 
treffenden Zweiges  im  Mai  1609 ,  was  das  erstere  betrifft 
bis  zum  Abgange  des  ganzen  Geschlechts  im  dritten  be- 
ziehungsweise letzten  Viertal  des  bezeichneten  Jahrhunderts. 


Hof  zum  Fach ,  was  ihm   alles  bei  der  Theilung  sehids  Täterlichen 
Erbos  zugestanden,  verliehen.     ' 

Am  heiligen  Auffahrtabend  des  Jahres  1464  emfieng  zu  Amberg 
vom  Landgrafen  Ludwig  Sigmund  Prackendorffer  einen  Sitz  zu 
Praeckendorff  mit  fünf  Gütern  daselbst  und  seiner  Zugehör,  worunter 
eine  Peunt  Wiesen^  einen  Hof  zu  Pach  sammt  Holzwachs  und  an- 
derer Zugehör  daran  zu  Lehen. 

Weiter  empfieng  am  Augustinstage  des  Jahres  1467  zu  Auerbach 
Andre  Prackendorffer  „den  sitz  zu  Schonnaw  mit  dem  hofpaw,  ein 
hof  zu  Obemaschach,  ein  mul  zu  Gomitz,  vnd  drey  puhel  holtzwachs 
dabey,  das  alles  er  von  Hannsen  P^intzinger  kaufft ,  der  das  hiemit 
aufgeben  hat.'* 

Nach  Urkunde  vom  23.  Juli  1487  erhielt  Mathes  PrackendorfiPer 
zürn  Hof  vom  Landgrafen  Johann  von  Leuchtenberg  die  von  seinem 
Vetter  Andre  Brackendorffer  öder  Breckendorffer  zu  Schonaw,  wel- 
cher die  Urkunde  sigelt,  an  ihn  gekommenen  vormals  geigantischen 
Lehen. 

Nach  einem  Eintrage  zum  Jahre  1491  wurde  Sigmund  Brecken- 
dorffer zu  Breckendorff  mit  dem  Sitze  zu  Breckendorff,  fünf  Gütern, 
der  Peunt  bei  dem  Sitze,  und  weiter  dem  (halben)  Hofe  zum  Pach, 
mit  eines  jeden  ZugehÖr,  belehnt,  welche  Güter  „Andres  Breckei^- 
dörffer  von  Schonaw  nach  laut  seine  reuersalls  empfangen"  hat. 

Am  3.  August  1515  empfieng  Liennhardt  von  Breckhenndorff 
vom  Landgrafen  Johann  von  Leuchtenberg  den  Sitz  zu  Breckhenn- 
dorff  wie  den  zu  Schönawe,  den  Hof  zu  Pach,  und  anderes  als  sein 
väterliches  und  brüderliches  Erbe. 

Am  23.  Mai  1523  und  am  Sonntage  nach  Dionys  des  Jahres 
1582  empfieng  Leonhardt  von  Pregkhendorff  zu  Pregkhendorff  von 
den  Landgrafen  Johann  und  Georg  von  Leuchtenberg  Sitz  und  Hof- 
mark  zu  Pregkhendorff,  wovon  er  die  Hälfte  von  seinem  Vater  En- 
dres  ererbt  und  die  andere  Hälfte  von  Wolf  Otlinger  zum  Heymhoue 
erkauft,  Sitz  und  Hofmark  zu  Schenaw  sammt  Zugehören  von  Michel 
Ylinger  erkauft,  weiter  die  Afterlehenstüoke  des  Hilprannt  Geygand- 
ter  zu  Geygandt. 
[1868.  L  1.]  12 


178  Sitzung  der  histor.  Glosse  vom  4,  Januar  1668, 

Nachdem  nämlich  wie  bemerkt  im  Mai  1609  Hanns  Thomas 
von  Präckendorf  zu  Schönau  als  der  letzte  männliche  Sprosse 
der  Linie   des  Andreas  von  Präckendorf  das  Zeitliche  ge- 


Schon  am  13.  März  1542  hatte  Landgraf  Georg  von  Lenchten- 
berg  Cristoffen  von  Preckhendorf  vnd  Schonawe  den  Sitz  zu  Preck- 
hendorf  sammt  Zugehören,  Güter  zu  Pach,  den  Sitz  zu  Schonaw, 
andere  Güter,  die  Afterlehen'  des  Hilprandt  Geygandter  za  Geygandt 
zu  Lehen  gegeben. 

Am  selben  Tage  bewilligte  er  der  Gemahlin  dieses  CristoflP  von 
Preckhendorf,  Eatherina  gebomen  von  Prandt,  auf  dem  von  ihm 
lehenbaren  Sitze  Schonau  1000  fl.  ihres  zugebrachten  Heiratgutes 
Gegen geldes  und  Morgengabe  sammt  dem  Ansitze  und  der  Wohnung 
auf  dem  gedachten  Gute  auf  ihre  Lebenszeit  nach  der  ehelichen  Ab- 
rede zu  verweisen  und  zu  haben. 

Am  23.  Februar  1557  sodann  ertheilte  Christof  seinem  Vetter  „Dioni- 
sien  von  Prägkndorff  zum  Hoff  jitzo  zu  Regenspurkh"  Yollmacht  zum 
Empfange  dieser  Lehen  vom  Landgrafen  Ludwig  Heinrich  von  Leuch- 
tenberg, weil  er  selbst  leibs  eehafft  vnd  schwachait  halben  in  eigener 
Person  nicht  erscheinen  konnte,  welche  Belehnung  dann  nach  der 
Urkunde  welche  beide  sigelten  am  16.  März  1557  zu  Pfreumdt  er- 
folgte. 

Nach  Christofs  Ableben  wurde  sein  Sohn  Hanns  Thoma  von  Pre- 
ckendorf  zu  Schonaw  mit  <len  mehr  berührten  Gütern  vom  Land- 
grafen Ludwig  Heinrich  am  30.  April  1567,  und  von  der  Vormund- 
schaft über  dessen  Sohn  Georg  Ludwig  am  12.  Jänner  1569  gleich- 
falls zu  Pfreumbdt  belehnt. 

Auch  ist  uns  die  Heiratsabrede  zwischen  diesem  Hanns  Thoma 
von  Prekhenndorff  wie  er  selbst  sich  unterschreibt  mit  Elisabeth  ge- 
bomen von  Pregkhendorf  zu  Hachenperg  und  Wittwe  des  Hans  Diet- 
terich  Eolb  zue  Hailsperg  und  Wiesendt  vom  11.  Mai  1575  erhalten, 
welche  ausser  ihm  noch  Dionysi  von  Prekhendorf  zum  Hofif  und 
Georg  von  Prekhendorf  zum  Siegen  stein  vnd  Hacherperg  anter- 
schrieben  und  sigelten. 

Mit  diesem  Hanns  Thoma  von  Präckendorf  ist  deren  Linie  za 
Schönau  erloschen,  wie  wir  bereits  oben  S.  172  mit  den  Noten  9 
und  10  ersehen  haben.  Auch  ist  in  der  officiellen  oberpfälziachen 
Landsassenmatrikel  vom  Jahr  1615  bei  Schönau  bemerkt:  Hanas 
Jacob  und  Hanss  Ott  Gebrüder  von  Perteltzhofen. 


Bockinger:  lieber  die  Famüie  von  Präckendorf,  17Ö 

segnet,  waren  nur  mehr  der  zu  Regensburg  lebende  uns  durch 
die  oben  S.  170  und  171  wie  173  mit  Note  13  mitgetheilten 
Aufzeichnungen  V schon  näher  bekannt  gewordene  Dionys  von 
Präckendorf  und  sein  Bruder  Christof  Lorenz  sowie  des  ersteren 
Söhne  Hanns  Thomas  und  Georg  Ernst  noch  am  Leben.  Von 
Cristof  Lorenz  verlautet  weiter  nichts.  Georg  Ernst  muss 
zwischen  dem  25  Juli  1617  und  4  Juli  1618  gestorben  sein.  *) 
Hanns  Thomas  endlich  wurde  am  28  Februar  1667  zum  letzten- 
male  mit  der  Hofmark  Präckendorf  und  anderen  Gütern  belehnt. 
Nach  seinem  Absterben  kam  selbe  zunächst  an  den  kurfürst- 
lichen Pfleger  zur  Stadt  Eschenbach  und  Grafenwörth,  Johann 
Thomas  Josef  Miller,  und  dann  an  die  Familie  Horneck  von 
/  Hornberg.     Aus  dem  präckendorfer'schen  Geschlechte  haben 


Dazu  stimmt  die  Urkunde  vom  20.  Mai  1615,  wonach  Dionysius  von 
vnd  zu  Prägkhendorf  wie  er  selbst  sich'unterschreibt  vom  Landgrafen 
Wühelm  von  Leuchtenberg,  nachdem  Hanns  Thoma  vonn  Präckhenn- 
dorf  ohne  männliche  Leibeslehen  erben  absteigender  Linie  verstorben, 
und  dadurch  die  zwei  nunmehr  vereinigten  Sitze  sammt  der  Hofmark 
zu  Prackhenndorf  der  Landgrafschaft  heimgefallen,  damit  wie  mit 
anderen  Stücken  und  den  Afterlehen  des  Hillebranndt  Geyganndter 
zu  Geygandt  belehnt  wurde. 

Am  4,  Juli  1618  wurde  dem  Hanns  Thoma  von  vnd  zu  Prägk- 
hendorff  wie  er  selbst  sich  unterschreibt  vom  Landgrafen  Wilhelm 
nach  dem  Ableben  seines  Vaters  Dionys,  als  dessen  einziger  Sohn  er 
auftritt,  das  wie  es  scheint  ziemlich  herabgekommene  Schloss  sammt 
der  Hofmark  Präckendorf  und  anderen  Gütern  zu  gemeinem  durch- 
gehenden Mann-  und  Weiberlehen  gegeben. 

Am  13.  Juli  1651  wurde  er  von  Herzog  Albrecht,  und  am  28.  Fe- 
bruar 1667  von  Herzog  Maximilian  Philipp  als  Landgrafen  von  Leuch- 
tenberg mit  zwei  Sitzen  —  wovon  einer  ganz  eingegangen  —  und  der 
ganzen  Hofmark  Präckendorf  wie  andern 'Gütern  wieder  zu  einem 
rechten  Mann-  und  Kitterlehen  begabt. 

1)  Wenigstens  spricht  sein  Yater  Dionys  in  einer  Urkunde  vom 
ersteren  Datum  von  einer  gebornen  Schwarzin  als  seiner  Gemahlin, 
mit  der  er  25  Jahre  verheiratet,  und  von  zwei  Söhnen.  Aus  der  im 
vorletzten  Absätze  der  vorhergehenden  Note  angeführten  Urkunde  aber 
ersehen  wir  ihn  als  nicht  mehr  lebend. 

12* 


180  Sitzung  der  histor.  Glosse  t?om  4.  Januar  1868, 

wir  nur  noch  von  Anna  Caecilia  Guralt  Kunde,  einer  ge- 
bomen  von  Präckendopf,  welche  am  10  Dezember  des  Jahres 
1680  von  dem  seinerzeit  zur  Erwähnung  gelangenden  ober- 
pfälzischen Landsassengute  Hachenberg  durch  den  Hof- 
kammerrath  Simon  Regele  Pflicht  that,  und  im  Jahre  1689 
starb. 

Ist  uns  neben  Präckendorf  und  Schönau  schon  von 
früher  Zeit  ä.n  noch  Ereblitz  und  Hof  als  Besitzung  der 
Präckendorfer  begegnet,  so  wissen  wir  über  ersteres  nichts 
näheres,  das  andere  dagegen  —  wonach  schon  Stefan 
sich  benannte  —  erscheint  uns  urkundlich  von  1467  an 
als  oberpfälzisches  Lehengut  *)  im  Besitze  seines  Sohnes 
Peter  ^  und  dessen  Nachkommenschaft. 


1)  Auf  Martini  des  Jahres  1467  empfieng  nach  dem  Lehenbnche 
Ottos  des  jüngeren  Peter  Preckendorffer  „den  sitzs  vnd  hofemargk 
zum  Hone  mit  sampt  dem  hofpaw  vnd  den  nachfolgenden  gutem : 
jtem  ain  holtzswachs.  an  dem  Eodnosperg;  jtem  sechs  sellden  gfüter, 
dint  jglichs  drey  Schilling  zehen  pfennyng  regenspurger  und  die  klain 
recht ;  jtem  ain  sellden,  dint  ain  halb  pfund  zehen  pfennyng  regens- 
purger vnd  die  ciain  recht;  jtem  ain  hofe  zu  Villtzing  —  an  dem 
Band  ist  hiezu  von  späterer  Hand  beigemerkt:  den  hof  hat  der 
Preckendorfer  nit  jm  brief  —  dint  sechs  Schilling  regenspurger  vnd 
die  ciain  recht;  jtem  vnd  ain  sellden  jn  der  Bied,  dint  ain  halb 
pfund  regenspurger  vnd  die  ciain  recht"  zu  Lehen. 

Am  Montage  nach  dem  Frohnleichnamstage  des  Jahres  1482  so- 
dann empfieng  Mathes  Prackendorjffer  für  sich  und  als  Traget  von 
seiner  Brüder  Stefan  Georg  Wolf  gang  und  Albrecht  w^gen  „Sitz  und 
Hofmarch  zum  Houe  mitsampt  dem  hofpaw;  jtem  ein  holtzwachs 
am  Kodnesperg ;  jtem  sechs  sellden  gutter,  dient  yedlichs  drey  Schil- 
ling zehen  pfening  regenspurger  vnd  die  klein  recht;  jtem  ain  sell- 
den, dienet  ain  pfundt  zehen  pfening  regenspurger  vnd  die  klain 
recht;  jtem  ain  lehen  in  der  Biedt,  dienet  sechs  Schilling  regens- 
purger pfening  vnd  die  klainen  recht"  wie  selbe  sein  Yater  Peter 
Preckendorffer  ?ormals  von  Oberpfalz  zu  Lehen  hatte. 

Am  Samstage  nach  Este  mihi  des  Jahres  1610  empfieng  diese 
Güter  Jörg  Preckendorffer  von  seiner  selbst  und  seiner  Bruder  Ma- 


Bockinger:  üeber  die  Familie  von  Präckendorf.  181 

Nannten  sich  Präckendorfer  auch  früh  schon  von  Siegen- 
stein') im  mitterfelser  Gerichte,  wie  in  den  Jahren  1443 
und  1446  Albrecht,  im  Jahre  1477  und  weiter*)  Siegmund, 


theus  und  Albrecht  wegen,  nnd  weiter  zu  Amberg  am  Freitage  nach 
Michaelis  des  Jahres  1524  „Mathes  Prackendorffer  von  sein  selbs, 
vnd  Albtechten  seins  bruders,  auch  Jörgen  Prackendorffers  jrs  bra- 
ders  seligen  gelassen  erben  wegen^S 

Dass  auch  noch  Dionys  von  Präckendorf  sich  vom  Hofe  be- 
nannte, haben  wir  aus  der  oben  S.  163  aufgeführten  Einzeiohnung 
zum  23.  Juli  1542,  aus  der  S.  178  in  der  Note  bemerkten  Urkunde 
vom  23.  Februar  1557,  aus  der  ebendort  erwähnten  Heiratsabrede 
vom  11.  Mai  1575  bereits  ersehen. 

2)  Vgl.  über  ihn  noch  unten  Note  7  auf  Seite  184  und  185: 

2)  Vgl.  die  Verhandlungen  des  hisorischen  Vereines  von  Ober- 
pfalz und  Regensburg  XV.  S.  413—423. 

3)  Einige  urkundliche  Belege  mögen  hier  eine  Stelle  finden. 
Am  Dienstage  nach  Michael  des  Jahres  1443  verkauft  Jorg  Leberer 

von  Froczenrewt  an  Andres  Löneyssein  von  dort  sein  Erbrecht  auf 
A  Ihr  echt  Preckendorffers  und  seiner  Gebrüder  zwm  Sigenstain  Hof 
zu  Froczenrewt  mit  deren  Willen  und  Wort.  Albrecht  sigelt  die 
Urkunde.    Die  Umschrift  des  Sigels  ist:  S.  Albrecht.  PrackendarfiF(er). 

In  einem  Hofgerichtsbriefe  vom  Freitage  nach  dem  Gilgentage 
des  Jahres  1446  erscheint  wieder  Albrecht  Präkkndorffer  zum  Sigen- 
stain. Mon.  boic.  XXVII"  S.  433—435. 

Am  Freitage  nach  Allerheiligen  des  Jahres  1447  erhält  Sigmond 
Breckendorffer  zu  Siegenstein  einen  Hof  und  ein  Lehen  sammt  Zu- 
gehör  zu  Fratzersreuth,  vom  Albrecht  Vttelhofer  erkauft. 

Am  Montage  nach  Sebastian  des  Jahres  1498  verkaufen  Sigmundt 
Brägkendarffer  zu  Brägkendarff  und  seine  Gemahlin  Anna  mit  Zu- 
stimmung ihres  Vetters  Achatz  Brägkendarffer  zum  Sigenstain  an 
den  regenstaufer  Pfleger  Hanns  Walrab  zu  Hawtzendarff  eine  Wiese 
hierselbst. 

Am  Mittwoche  nach  Allerheiligen  des  Jahres  1500  erhält  Georg 
Ettlinger  zum  Heymhofe  als  „Tresztrager"  seiner  Kinder  die  er  von 
seiner  Gattin  der  Preckenndorfferin  selig  gehabt  hat  Hof  und  Lehen 
sammt  Zugehör  zu  Fratzerssriet,  welche  Güter  sie  von  ihrem  Ahn- 
herrn und  seinem  Schwäher  Sigmund  Preckendorfer  zum  Siegen- 
stein ererbt  haben. 


182  Sitzung  der  histor.  Classe  vom  4.  Januar  1868, 

80  kamen  sie  in  den  eigentlichen  Besitz  dieser  Herrschaft 
erst  im  Jahre  1493  oder  wenn  man  will  im  Jahre  1535. 
Nachdem  nämlich  im  ersteren  Herzog  Albrecht  Achacien 
Prägkhendorffer  zu  Hachennperg  wie  seiner  Gattin  Margareth 
und  ihrer  Tochter  Barbara  und  allenfallsigen  Mannserben 
Schloss  und  Herrschaft  Siegenstein  sammt  Gericht  und  aller 
Zugehör,  einst  dem  Dietrich  Mosshaimer  ^)  verpfändet,  leib- 
gedingsweise  um  225  fl.  rheinisch  verschrieben,  in  Folge 
wovon  Achaz  und  seine  Erben  wie  zur  Zeit  sein  Sohn 
Hanns  Prägkhendorffer  zu  Hachennperg  sie  innegehabt,  wurde 
am  29  Jänner  1535  diesem  von  Herzog  Ludwig  (und  Wilhelm) 
jene  Leibgedingsgerechtigkeit  in  eine  ewige  durchgehende 
üebergabe  verwandelt.  Und  am  Donnerstage  Martini  stellte 
Bona  Khurss  von  Grinn  Urkunde  darüber  aus,  dass  dem 
Hanns  Prägkhendorffer  zum  Sigenstain  vnd  Hachenperg, 
welcher  noch  einen  Pfandschilling  und  Leibgerechtigkeit  auf 
dem  in  Frage  stehenden  Schlosse  gehabt,  gegen  Entrichtung 
von  noch  200  fl.  auf  30  fl.  rheinisch  jährlicher  Gilt  zu 
Schönnaw  im  ekhenfelder  Landgerichte,  zusammen  800  fl. 
rheinisch,  die  Herrschaft  Siegenstein  frei  heimgefallen.  Wir 
finden  von  da  ab  Hanns  und  Georg  von  Präckendorf  bis 
gegen  den  Ausgang  dieses  Jahrhunderts  *)  im  Besitze. 


1)  Am  Samstage  nach  Allerheiligen  des  Jahres  1431  von  Henog 
Ludwig  um  500  Pfund  regensburger  Pfennige  und  100  fl.  rheiBiscfa, 
beziehungsweise  600  fl ,  wovon  300  baar  zu  bezahlen  und  300  in  das 
Schloss  zu  verbauen  waren.  Die  Summe  der  Wiederlösung  wurde 
auf  300  fl.  festgesetzt. 

2)  Am  Donnerstage  nach  Petri  Kettenfeier  des  Jahres  1553  verleiht 
Hanns  Preckhendörffer  zum  Sigenstain  auf  seinem  eigenen  Hofe  zu 
Siessenwach  dem  Michel  Hueber  ein  Erbrecht. 

Am  Mittwoche  nach  dem  Ostertage, des  Jahres  1561  verleiht  Hanns 
Präckhendorffer  zum  Hachenperg  gleichfalls  auf  seinem  eigenthüm- 
liehen  Hofe  zu  Pfaffenfang  dem  Georg  Ehirchenmair  daselbst  ein 
Erbrecht. 


Bockinger:  lieber  die  Familie  von  Präckendorf.  183 

Weiter  begeguen  uns  Präckendorfer  im  Besitze  von 
Hacheaberg  oder  Hahenberg  oder  Hochenberg  oder 
Hobenberg*)  im  burglengenfelder  Gerichte.  Dieses  Gut 
erwarb  Albrecht  aus  der  siegensteinischen  Linie  wovon  eben 
die  Rede  gewesen  durch  Kauf  am  Donnerstage  nach  Bar- 
tolomä  des  Jahres  1460  von  Sebastian  Baierstorfer.  Seine 
Nachkommen  blieben  bis  zum  Aussterben  der  Linie  am 
Schlüsse  des  16.  Jahrhunderts^)  im  Besitze,  und  begegnen 
una  mehrfach  —  insbesondere  Hanns  •),  dessen  Sohn  Georg  *), 


Am  Sonntage  nach  dem  Johannestage  des  Jahre?  1584  and  im  Jahre 
1587  sigelt  Georg  von  Präckhendorff  zum  Signstain  und  Hahen- 
berg Urkunden  über  einen  mit  seiner  Bewilligung  vorgenommenen 
Verkauf  eines  Erbrechts  auf  dem  „heusl  beim  preuhauss  zu  Süessen- 
bah"  sammt  Zugehör. 

Noch  können  wir  hier  bemerken,  dass  die  beiden  oben  erwähn- 
ten Urkunden  vom  29.  Jänner  und  Donnerstage  Martini  d.  Jahres  1535 
von  Kämmerer  und  Rath  von  Eegensburg  auf  Ersuchen  der  Erben 
Georgs  von  Präckendorf,  nämlich  seines  Sohnes  Hanns  Thoman  von 
Prägkhendorf,  Öanns  Joachim  Poisl,  Georg  Walrab  zu  Hautzendorf, 
und  der  Wittwe  Sybilla  Ettlingerin,  gebomen  von  Prägkhendorf,  am 
24.  Juni  1592  vidimirt  wurden. 

Auch  mögen  die  Noten  3  und  4  wie  weiter  auf  S.  184  Note  1 
noch  verglichen  werden. 

1)  Es  mögen  hierüber  die  Verhandlungen  des  historischen  Ver- 
eines von  Pberpfalz  und  Regensburg  XVni.  S.  247—250  verglich^ 
werden. 

2)  Vgl.  hierüber  die  Note  1. 

3)  In  Urkunden  vom  Freitage  nach  Invocavit  des  Jahres  1529 
und  vom  12.  April  1552, 

Auch  erth eilte  am  Sonntage  nach  dem  Neujahrstage  des  Jahres  1546 
Hanns  von  Leubelfing  zum  Hautzenstein  und  Göttersdarff  seinem 
Gevatter  Hanns  Preckendarffer  vf  Hachenberg,  Casstner  zu  Purk- 
lenngefelt,  Vollmacht  zu  seiner  Vertretung  auf  dem  dahin  ausge- 
schriebenen Landtage. 

4)  In  Urkunden  vom  11.  Juni  ^1573  und  3.  Juni  1579. 


184  SitMung  der  histor.  Cktne  vom  4.  Januar  1868, 

doBsen  Sohn  Hanns  Thoma  ^)  —  aaf  den  betreffenden  ober- 
pfälzischen Landtagen. 

Auch  waren  Hanns  nnd  Georg  von  dem  eben  genannten 
Zweige  im  Besitze  des  von  Georg  Hofer  erkauften  von  Ober- 
pfalz lehenbaren  Losenhofes'). 

Nicht  mioder  erfolgten  oberpfälzische  Belehnungen  mit 
einem  Fischwasser  zu  Ühurnitz  oder  Görnitz  oder  Gor- 
nitz  an  der  Schwarzach,  das  Andreas  von  Präckendorf  zu 
Schönau  von  Hanns  Puntzinger  erkauft,  urkundlich  von  1467 
ab  an  ihn')  wie  seine  Nachkommen,  nämlich  seine  Söhne 
Leonhart  und  Georg*),  des  ersteren  Sohn  Christof,*)  und 
dessen  Sohn  Hanns  Thoman  von  vnd  zu  Preckendorf  zu 
Preckendorf  •). 

Das  „darff  vnd  guter  Kaien  per  g'*  verkaufte  die  Wittwe  *) 


1)  In  einer  Urkunde  vom  24.  Juni  1597. 

2)  Hans  Preckendorffer  zum  Hagenperg  wurde  hiemit  am  1.  JuH 
1658,  am  19.  Februar  1560,  und  am  Montage  nach  Jakobi  des  Jahres 
1561  belehnt. 

Nach  seinem  Tode  sein  Sohn  Georg  von  Preckendorff  zum 
Hachenberg  oder  Hochenberg  am  24.  Juni  1569,  18.  März  1577, 
1.  März  1585. 

8)  Am  Dienstage  nach  Martini  des  Jahres  1467,  und  am  Sonn- 
tage nach  Veit  des  Jahres  1499. 

4)  Und  zwar  am  Mittwoche  nach  Misericordia  domini  des  Jahres 
1506  an  „Linhart  vnd  Jörig  die  Prackendorffer^'  Gebrüder,  während 
am  Donnerstage  nach  Praesentatio  Mariae  des  Jahres  1509  Lienhart 
Preckendorffer  zu  Praekendorff  nach  der  mit  seinem  Bruder  vorge- 
nonmienen  Theilung  desselben  belehnt  wurde. 

5)  Nach  Urkunden  vom  Mittwoche  nach  Reminiscere  des  Jahres 
1542,  vom  14.  August  1545,  vom  18.  Februar  1557,  worin  Hanns  von  Lain- 
pach  als  sein  Schwager  genannt  wird,  vom  Dienstage  den  28.  Mai 
1660. 

6)  Nach  Urkunden  vom  11.  Jänner  1667,  12.  Februar  1577, 
Montage  den  8.  Dezember  1582,  Montage  den  1.  März  1585. 

7)  Des  Peter  Präckendorf  er ,  der  uns  —  wie  sogleich  folgt  — 
mehrfach  urkundlich  begegnet. 


Bochinger:  üeher  die  Familie  von  Ptäckendorf.  185 

Scolaatioa  Bräddiendarfferin  mit  ihren  Söhnen  Mathews  vnd 
Ste£fan  Bräckhendarffern  am  Georgstage  des  Jahres  1482 
gegen  Wiederlosung  um  30  Pfund  regensburger  Pfenninge  an 
den  bogner  Bürger  Stefan  Schrepelmayr. 

Dadurch  dass  dem  Matthaeus  Yon  Präckendorf  aus  der 
Linie  zum  Hofe  ^)  gegen  die  an  Herzog  Albrecht  verkaufte 
eigenthümliche  Behausung  zu  Neunkirchen  sammt  Zu- 
gehör  und  der  Mauth  daselbst  genannt  zu  Atzlärn 
am  Dienstag  nach  Oculi  des  Jahres  1494  seine  Hofmark  zu 
Plaichpach  bestätigt  wurde,  gelangte  er  auch  in  diesen 
Besitz.     Natürlich  benannte  er^)  sich   nach  ihr.    Sie  selbst 


Peter  Prackendar£fer,  Richter  zu  Camb,  sigelt  eine  Urkunde  vom 
9.  August  1454.    Mon.  boip.  XXVI.  S.  476  und  477. 

Aus  dem  Jahre  1470  werden  zwei  Urkunden  über  Verkäufe  auf- 
geführt, welche  Peter  Prackhendorffer  zum  Hoff  und  seine  Gemahlin 
Soolastica  in  Schamdorff  machen. 

Am  Donnerstage  vor  Judica  des  Jahres  1472  sigelt  Peter  Precken- 
darffer  czum  Hoff  einen  Verkaufsbrief  des  Friedrich  von  Cameraw  czum 
Heidstain. 

Am  Sonntage  vor  Nicolaus  desselben  Jahrey  verkaufen  Peter 
Prackenndorfer  zwm  Hoff,  und  seine  Gattin  Scolastica  ihren  Zehent 
zn  Grauenwysen. 

In  einer  Urkunde  vom  Mittwoche  nach  Erfiart  des  Jahres  1477  ge- 
schieht lang  andauernder  Streitigkeiten  der  Wittwe  Amaley  Camer- 
awerin  mit  Peter  Bräckenndorffer  Erwähnung. 

Bei  einer  Besiglung  am  Montage  nach  dem  Pfingsttage  dieses 
Jahres  erscheint  Peter  Braeckendarffer  zum  Hof  als  Zeuge. 

1)  Vgl.  oben  S.  180  mit  Note  1,  und  sodann'  aus  der  Note  auf 
S.  177  die  Urkunde  vom  23.  Juli  1487. 

2)  Am  Sonntag  nach  Andreas  des  Jahres  1499  verkauft  Mathes 
Bräckenndorffer  zue  Plaipach  und  seine  Gattin  Katherina,  Casparn 
Tanners  von  Vilspiburg  Tochter,  eine  jährliche  ewige  Gilt  aus  ihrem 
eigenthümliohen  Hofe  zu  PuUing  an  den  viechtacher  Bürger  Ulrich 
Ledrer. 

Vom  Donnerstag  sanct  Gilgen  des  Jahres  1513  ist  ein  Sohiedspruch 
über  verschiedene  Irrungen  zwischen  Matheus  Freokendorffer  zu 


186  Sitzung  der  histor,  ClasM  vom  4.  Januar  1868. 

vererbte  sich  nach  urkundlichen  Belegen  ^)  auf  seinen  Sohn 
Wolf,  und  wohl  auch  auf  seinen  Enkel  Wolf,  mit  welchem 
diese  Linie  der  Präckendorfer  ausgestorben. 

Dass  Albrecht  von  Präckendorf,  der  Bruder  des  in  Rede 
gewesenen  Matthaeus  und  Stefan,  sich  von  Loham  oder 
Loheim  benannte,  entnehmen  wir  den  oben  S.  160  mit- 
getheilten  Familienaufzeichnungen.  Urkundlich  b^egnet  uns 
am  Mittwoche  nach  Lambert  des  Jahres  1531  Albrecht 
Preckendorflfer  zw  Loheym. 

Im  Besitze  von  Frankenoe  treffen  wir  Siegmund  von 
Präckendorf,  den  Bruder  des  erwähnten  Matthaeus  Stefan 
und  Albert,  in  den  bemerkten  Familienaufzeichnungen  des 
Dionys  von  Präckendorf  oben  S.  164  und  167. 

Weiter  wissen  wir,  dass  Abt  Stefan  von  Reichenbach 
am  Montage  nach  Invocavit  des  Jahres  1541  Hannsen 
Prackhendoi-ffer  zw  Hachenperg  vnd  Sigenstain  den  bei  alten 
Than  gelegenen  Hof  Ar  hol  m  mit  seiner  Zugehör,,  den  er 
vom  Georg  Hover  zum  Lobenstain  mit  des  genannten  Lehen- 
herrn Willen  erkauft,  verliehen. 


Plaichpach  und  dem  thumbstäufer  Pfieger  Heinrich  Nothafl  von 
Wemberg  aaf  Ranting  vorhanden. 

Am  SamstagvorQuasimodogeniti  des  Jahres  1529  verkauft  Mathews 
Prägkendorffer  zu  Plaichpach  Güter  zu  Gemundt  Pulling  Plaichpach 
und  auf  dem  Ehallenberg  gegen  Wieder lösung. 

1)  Am  Samstage  nach  Lucia  und  Ottilia  des  Jahres  1536  macht 
W  0 1  f  f  Prackhndorffer  zw  Plaichpach,  Landrichter  zu  Viechtach;  von 
seinem  Lösungsrechte  von  Gütern  zu  Pülling  und  aufm  Kalmberg 
sammt  dem  Gütlein  zu  Helzenperg  um  433  fl.  rheinisch  und  5  Schil* 
ling  wiener  Pfenninge  Gebrauch. 

Am  Sonntag  Judica  des  Jahres  1 541  verkauft  Wolfganng  Präckenn- 
dorffer  zw  Plaichpach,  der  Zeit  Yischmaister  zw  Lanndshuet,  die 
Paurserbgerechtigkeit  auf  seinem  eigenen  Hofe  zu  Pulling. 

An  Urkunden  vom  Donnerstage  nach  Michaelis  des  Jahres  1557,  Nico- 
laustage  des  Jahres  1565,  Yeitstage  des  Jahres  1569  sigelt  W  o  1  f  f  Prack- 
hendorffer  der  alte  als  Grund-  oder  Hofmarksherr  von  PlaichpacL 


Bockinger:  üeber  die  Familie  von  Präckendotf»  187 

Aach  mit  dem  grossen  und  kleinen  Zehent  und  drei 
Gütern  zu  Wagnern  in  der  muracher  Pfarrei  ward  vom 
Bisthnme  Regensburg  am  1.  Juni  1551  Christof  Bräckhen- 
dorffer  zu  Schonnau,  am  22.  Jänner  1613  Dionisi  von 
Präckendorf  der  Zeit  zw  Regenspurg,  und  am  21.  Oktober  1618 
dessen  Sohn  Hanns  Thomas  von  ynd  zu  Präckhendorf  belehnt. 

So  kennen  wir  nunmehr  bis  zum  Abgange  der  Familie 
von  Präckendorf  im  letzten  Viertel  des  17.  Jahrhunderts 
die  weitaus  grösste  Mehrzahl  ihrer  Glieder  in  ihrer  gegen- 
seitigen Verzweigung,  haben  theilweise  ihre  verwandtschaft- 
lichen Beziehungen  zu  anderen  Geschlechtern  — 
wie  beispielsweise  denen  der  Erlbeck,  Ettlinger,  ^)  Flettacher, 
Mendel,  Pelkofer,  Pertolzhofer ,  Prandt  —  kennen  gelernt 
oder  könnten  solche  noch  zu  anderen  wie  etwa  zur  Familie 
von  Lerchenfeld ')  oder  zu  der  der  Zenger  ')  namhaft  machen, 

1)  Vgl.  hierüber  die  Verhandlungen  des  historischen  Vereines 
von  Oberpfalz  und  Begensburg  XVII  S.  449—466. 

2)  Einer  zuvorkommenden  Mittheilung  seiner  Excellenz  des 
Herrn  Oberststallmeisters  Freiherm  ▼.  Lerchenfeld  verdanke  ich  die 
Nachricht,  dass  der  meistentheils  zu  Regensburg  weilende  und  im 
Jahre  1492  verstorbene  Friedrich  VI  Lerchenfelder  —  der  dritte  Sohn 
des  Haimeran  II  Lerchenfelder  und  seiner  zweiten  Hausfrau  ApoUonia, 
der  Tochter  des  Jakob  Stadeldorf  er  zum  Hag  —  in  kinderloser  Ehe 
mit  Magdalena  von  Präckendorf  zum  Siegenstein  vermählt  war,  einer 
Tochter  Albrebhts  von  Präckendorf  auf  Siegenstein  Wildenforst  und 
Neuhaus  wie  seiner  Gattin  N  Forsterin  von  Wildenforst. 

Hiedurch  löst  sich  der  Irrthum,  dass  sie  mehrfach  als  zweite 
Gattin  von  Friedrichs  jüngstem  Bruder  Georg  I  Lerchenfelder  von 
Straubing  angeführt  wird,  welcher  nach  Friedrichs  Tod  im  Jahre  1492 
in  den  Besitz  der  niedermünster'schen  Lehen  zu  Schirling  gelangte^ 
und  am  28.  April  1506  starb. 

Derselben  Quelle  verdanke  ich  die  Nachricht,  dass  sich  auf  einem 
Grabsteine  der  Lerchenfelder  im  Ereuzgange  des  regensburger  Domes 
der  Todestag  der  oben  S.  162  erwähnten  Tochter  Anna  des  Georg 
von  Präckendorf,  der  Gattin  des  Hanns  Wolf,  als  Freitag  nach 
Margarethentag  des  Jahres  1536  eingehauen  findet. 

3)  Am  Martinsabende  des  Jahres  1576  wurde  Georg  von  Präckken- 


188  Bitmmg  der  histor.  Clause  «öm  4.  Jamtar  1868, 

and  haben  weiter  Kunde  von  den  wichtigsten  ifar^  Be- 
sitzungen, welchen  sich  allerdings  neben  anderen  noch  ans 
den  sogenannten  böhmischen  Lehen  Schlatein  beifügen  Uesse. 

Aber  nidit  allein  auf  ihren  Gütern  sehen  wir  die  be- 
treffenden Glieder  hausen.  Sie  ziehen  niit  ins  Feld.  Nicht 
minder  sind  in  Staat  und  Kirche  wie  da  und  dort  in  dto 
Landes-  und  in  den  Gemeindeangelegenheiten  diese  und  jene 
von  ihnen  beschäftigt. 

Im  Kriegsgetümmel  begegnen  uns  mehrere  schon 
frühzeitig.  Vor  allen  sahen  wir  das  älteste  uns  bekannte 
Glied  der  Familie  in  den  Fehden  des  Grafen  Rudolf  von 
Habsburg  gegen  die  Herren  von  Regensberg,  den  Bischof 
von  Basel,  zwei  Grafen  von  Toggenburg,  in  den  Jahren 
1264  bis  1268,  und  wissen  aus  seiner  eigenen  Aufzeichnung^) 
dass  er  31  Jahre  als  Edelknecht  in  solchem  Treiben  hin- 
brachte. Von  Stefan  *)  haben  wir  aus  dem  Jahre  1355  Kunde, 
dass  er  vierthalb  Jahre  in  Kaiser  Karls  IV  Diensten  ge- 
standen. Einer  alten  Aufzeichnung  über  die  am  21.  September 
1433  gegen  die  Hussiten  gelieferte  und  gewonnene  Schladit 
bei  Hiltersried  ^)  entnehmen  wir,  dass  mit  andern  Edelleuten 
Andtere  Bröckhdorflfer  „in  den  neckhsten  gliett  an  den 
Panir"  gehalten. 

Dem  stillen  und  friedlicheren  Leben  des  Ordensstandes 
gehört  bald  darauf  im  Stifte  sanct  Emmeram  Erhart 
Präckendorfer  an,  welcher  in  den  nunmehrigen  Cod.  lat. 
14909  der  hiesigen  Staatsbibliothek  von  Fol.  7 — 22  zwei 
Visitationsakteustücke  von  dort  aus  dem  Jahre  1452  in  der 


dorff  zum  Hachenperg  auf  Signstain  für  seinen  Schwager  Parciphall 
Zennger  neben  anderen  Verwandten  Bürge. 

1)  Vgl.  oben  S.  154  und  155. 

2)  Vgl.  oben  S.  169. 

3)  In  den  Verhandlungen  des  historischen  Vereines  von  Oberpfalz 
und  Regensburg  XIV.  S.  327-^330. 


Bockinger:  üeber  die  Famihe  von  Prächendorf,  189 

Osteroctave  dieses  Jahres^)  einschrieb ,  und  welcher  bald 
darauf  die  Würde  eines  Abtes  des  Klosters  MünchsmÜBSter 
bekleidete,  in  dessen  Urkunden  wir  ihn  votn  Erhartstage  des 
Jahres  1454  bis  zum  Donnerstage  vor  Lichtmess  des  Jahres 
1483  finden. 

Die  weltlichen  Aemter  und  Würden  in  welchen  wir 
Präckendorfer  finden  sind  verschiedenartig.  Im  Jahre  1454 
begegnet  uns  Peter  von  Präckendorf  als  Landrichter  zu 
Cham.')  Als  solcher  zu  Falkenstein  bei  Regensburg  wird 
im  Jahre  1464  Simon  Präckendorfer')  aufgeführt.  Vom 
Jahre  1470  an  bis  jedenfalls  in  das  Jahr  1482  treflfen  wir 
Siegmand  von  Präckendorf  als  Pfleger  zu  Ehrenfels*)  und 
Richter  zu  Beratzhausen  ^).  Vom  Jahre  1503  bis  in  das  Jahr 
1512  erscheint  urkundlich  Matthaeus  von  Präckendorf  als 
Pfleger  von  Altenramsberg  ^).    Am  Montage  nach  Lucia  des 


1)  Die  betreffende  Bemerkung  lautet: 

Scriptum  per  me  Erhardum  Präckendorffer  monachum  professum 
in  eodem  monasterio  in  octaua  pasche,  hora  vltima  diei  eiusdem 
pöst  conpletorium. 

2)  Vgl.  oben  S.  185  in  der  Note,  und  das  oberbaierische  Archiv 
XKYIII  S.  39  zu  den  Jahren  1444—1466. 

8)  Im  oberbaieri^cben  Archive  XXYIII  S.  19. 

4)  Uns  liegen  Urkunden  vom  Andreastage  des  Jahres  1470,  vom 
Donnerstage  vor  Mathias  des  Jahres  1474,  vom  Tage  des  Apostels  Thomas 
des  Jahres  1476,  vom  Donnerstage  sancb  Georg  des  Jahres  1480,  vom 
Philipps-  tind  Jakobsabende  des  Jahres  1482  vor. 

5)  Als  solcher  sigelt  er  eine  Urkunde  vom  Dienstage  vor  Lucia 
des  Jahres  1472. 

Noch  können  wir  zu  ihm  anfuhren:  am  Freitage  vor  Sebastian 
des  Jahres  1487  sigelt  Sigmund  Präckendorffer  zu  Prackendorff,  ytzo 
wonhaft  zu  Neuburgk,  einen  Yerkaufsbrief  des  Christof  Satzenhofer 
zum  Frauenstein. 

6)  Am  Dienstage  und  Mittwoche  nach  Elisabet  wie  am  Mittwoche 
nach  Katharina  des  Jahres  1503,  ebenso  am  Samstage  nach  der 
11000  Maid  Tag  des  Jahres  1512  nimmt  an  Stelle  des  niederbairischen 
Viztums  Hanasen  von  Paulttorff  der  Pfleger  zu  allten  Bambaperg 


190  Sitzung  der  histor,  Ckuse  vom  4,  Januar  1Q68, 

Jahres  1530  erscheint  Lienhart  von  Präckendorf,  Rent* 
meister  znr  Weiden,  als  Kläger  in  zwei  Angelegenheiten  Tor 
deni  Landgerichte  zu  Neunbarg.  Aas  den  Jahren  1532  bis 
1546  kennen  wir  Hanns  von  Präckendorf  als  Kästner  und 
Landschreiber  voii  Burglengenfeld  ^).  Um  diese  Zeit  auch 
finden  wir  Wolf  von  Präckendorf  im  Jahre  1556  als  Land- 
richter zu  Viechtach*)  und  im  Jahre  1541  als  Fischmeister 
zu  Landshut'). 

Dass  sie  da  und  dort  ihren  Pflichten  als  Landsassen 
wie  als  Gemeindeglieder  nachgekommen,  auch  dafür  fehlt 
es  nicht  an  Belegen. 

So  finden  wir  beispielsweise  die  im  Besitze  von  Hachen- 
berg  befindlichen  Sprossen  des  Geschlechtes  mehrfach^)  auf 
den  betreffenden  oberpfälzischen  Landtagen. 

Als  Urtheiler  des  Landgerichtes  Neunburg  vorm 
Wald  erscheinen  in  dessen  Gerichtsbüchern  vom  Montage 
vor  Johann  dem  Täufer  des  Jahres  1473  bis  in  das  Jahr 
1483  Andre  Preckendorffer,  auch  selbst  in  Prozessen  be- 
theiligt; am  Montage  vor  Anton  des  Jahres  1487  Sigmund 
und  Andre  Prackendorffer ;  am  Montage  nach  Oculi  desselben 
Jahres  Simon  oder  wie  wohl  wieder  zu  lesen  Sigmund 
Pracken dorfer ;  am  Montage  nach  Gantate  des  Jahres  1503  jung 
Prackendorflfer,  wohl  der  Jörg  Prackhenndorffer  welcher  am 
Montage  nach  Vocem  jocunditatis  des  Jahres  1506  erwähnt  wird; 
vom  Montage  nach  Georg  des  Jahres  1515  wie  noch  in  den 


Mathes  Bragkendorffer  oder  Prägkendorffer  zu  Plaiohpach  mehrere 
Belehnungen  zu  Nabburg  und  Schwandorf  vor,  und  empfangt  dabei 
die  gewöhnliche  Lehenpflicht  durch  Handgelübde  an  Eidesstatt. 

1)  Vgl.  S.  183  Note  8. 

2)  Vgl.  den  ersten  Absatz  der  -Note  1  auf  S.  186. 

3)  Vgl.  den  zweiten  Absatz  ebendort.  ^ 

4)  Vgl.  oben  S.  183  die  Noten  3  und  4  und  S.  184  die  Note  1. 


BocHnger:  üeber  die  Famüie  von  Präckenäaif.  191 

Jahren  1526  und  1539  Leonhart  Prackendorffer;  am  Dienstage 
nach  Yincenz  des  Jahres  1527  Ühristoff  Prackendorffer. 

Aber  nicht  allein  an  den  Orten  wovon  bisher  die  Rede 
gewesen  übten  sie  diese  und  jene  Wirksamkeit.  Die  berühmte 
Reichsstadt  Regensburg  beherbergte  auch  Glieder  der 
präckendorfer'schen  Familie,  und  zwar  nicht  allein  vorüber- 
gehend, sondern  sie  nahm  bereits  im  Jahre  1498  den  Georg 
von  Präckendorf  als  Bürger  auf,  dessen  Sohn  und  Enkel 
des  gleichen  Namens  Dionys  eigene  Behausungen  in  der 
oberen  Bad-  und  in  der  Spiegelgasse  hatten,  und  mehr  oder 
weniger  in  Amt  und  Würden  daselbst  lebten.  Wenigstens 
was  den  ersten  pionys  anlangt,  haben  wir  schon  in  dem  im 
Eingange  erwähnten  Vortrage  ^)  urkundliche  Belege  über  ihn 
als  Mitglied  des  inneren  Rathes  und  Kämmerer  von  Regens- 
bürg  vom  1.  Februar  1553  bis  15.  Juni  1571  beigebracht. 
Es  wäre  nicht  schwer,  weitere  Mittheilungen  hiezu  zu  machen. 
Wir  könnten  beispielsweise  anfügen,  dass  er  Jditglied  der 
Deputation  gewesen  welche  nach  dem  am  26.  Oktober  1576 
erfolgten  Ableben  des  Kuifürsten  Friedrich  von  der  Pfalz 
zur  Beileidsbezeigung  und  Beglückwünschung  an  dessen  Sohn 
Ludwig  von  der  Reichsstadt  ^)  nach  Amberg  gesendet  wurde. 
Auch  war  er  am  Schlüsse  der  siebenziger  und  Anfange  der 
achziger  Jahre  oberster  Kriegsherr  zu  Regensburg* 

Doch  wollen  wir  hierüber  uns  nicht  weiter  verbreiten, 
sondern  wenden  zum  Schlüsse  unsere  Aufmerksamkeit  den  vier 
schon  im  Eingange  S.  153  berührten  Handschriften  zu  welche 
sich  dereinst  im  Besitze  der  Familie  von  Präckendorf  be- 
fanden, beziehungsweise  eigentlich  dem  mit  ihr  mehr  oder 
weniger  eng  verknüpften  Schicksale  der  spätestens  im 


1)  S.  418  Note  2,  und  S.  426  mit  Note  8. 

2)  Vgl.  Gumpelzhaimer's  Geschichte  Sagen  und  Merkwürdig- 
keiten derselben  II.  S.  964—966. 


192  Siizufig  der  histöf^  Classe  vom  4.  Januar  1869. 

Jahre  1268  dem  ersten  uns  bekannten  Gliede  der- 
selben angehörig  gewesenen  Pergamenthandschrift 
des  sogenannten  Schwabenspiegels,  welche  wohl  bis 
in  das  16.  Jahrhundert  im  unmittelbaren  Besitze  des  Ge- 
schlechtes geblieben  ist. 

Wohl  dürfen  wir  hier  zunächst  das  vorne  in  ihr  be- 
findlich gewesene  Gemälde^)  nicht  ganz  mit  Stillschweigen 
übergehen,  welches  den  genannten  Edelknecht  in  ganzer 
Rüstung  vor  einem  Grucifix  mit  zum  Gebet  erhobenen 
Händen  knieeüd  darstellte,  welchem  gegenüber  der  Wappen- 
schild der  Familie  aufgepflanzt  ist  mit  dem  aus  Goldgrand 
hervortretenden  dunkelbraunen  Mohrenkopfe  der  auf  der 
linken  Seite  ein  weisses  langes  (wohl  Esels-)  Ohr  trägt, 
welche  Figur  auch  die  Helmzier  bildet.  Insofern  uns  nämlidi 
diese  bildliche  Darstellung  auch  in  der  schon  berährten 
Handschrift  von  des  Konrad  von  Megenberg  Werk  von  den 
natürlichen  Dingen*)  wiederbegegnet,  welche  gleichfalls  der 
Familie  von  Präckendorf  gehörte,  wahrscheinlich  nicht  ganz 
um  ein  Jahrhundert  später,  ist  wohl  hierin  ein  Gegenstand 
zu  erkennen  welcher  für  unser  Geschlecht  nicht  ohne 
Bedeutung  gewesen.  Sollte  der  Gedanke  all  zu  ferne 
liegen,  dass  es  nach  einem  Denkmale  gefertigt  worden  welches 
ihr  Erbbegräbniss  zu  Neukirchen  geschmückt?  Hatte  es  der 
erste  uns  bekannte  Heinrich  von  Präckendorf  schon  lieb 
gewonnen,  das  Erscheinen  in  der  anderen  Handschrift 
aus  der  zweiten  Hälfte  des  14.  Jahrhunderts  ist  ein 
Beweis  dafür  dass  auch  spätere  Glieder  des  Geschlechtes 
eine  Anhänglichkeit  daran  besassen,  indem  sie  ihm  in  einem 
ihrer  Hausbücher,  wofür  wir  die  in  Frage  stehende  Hand- 
schrift anzusehen  haben,  gleich  ganz  vorne  einen  hübsehen 


1)  Vgl.  oben  S.  158  und  159. 

2)  Vgl.  ebendort. 


Soehinger:  Ueher  die  Famüie  van  Br&ekendürf,  193 

Platz  angewiesen,  in  einem  ihrer  Hausbächer  welches  nicht 
allein  der  Unterhaltung  und  der  geistigen  Bildung  zu  dienen 
ihatte,  sondern  welchem  sie  auch  Aufzeichnungen  über  ihr 
Geschlecht  selbst  einverleibt  haben,  wie  wir  ausführlich 
gesehen. 

Zierte  nun  die  malerische  Darstellung  des  FamiÜenerb- 
istnckes  wovon  wir  gesprochen  auch  beide  Handschriften, 
ihr  Schicksal  ist  nicht  das  gleiche  gewesen.  Die  zuletzt 
berührte  blieb  lange  Zeit  im  unmittelbaren  Besitze  der 
Präckendorfer,  von  welchen  ja  Dionys  noch  die  bereits  oben 
S.  163—167  mitgetheilten  Nachrichten  bis  zum  Jahre  1561  in 
selbe  eingetragen  hat,  und  gelangte  wohl  erst  nach  dem 
Aussterben  des  Geschlechtes  in  andere  Hände.  Was  die 
des  sogenannten  Schwabenspiegels  anlangt,  besagt  uns  der 
Eintrag  in  der  Papierhandschrift  Föringer's  ^),  dass  sie  einmal 
bereits  am  7.  Februar  1609  nicht  mehr  den  Präckendorfern 
f;ondern  einem  Herrn  A  gehörte,  auf  der  anderen  Seite  aber 
auch  dass  sich  in  ihr  das  Wappen  des  r^ensburger  Bürgers 
und  Stadtkammerers  Drban  Trunkl  befunden,  von  dessen  Haus 
in  der  oberen  Badgasse  Nr.  158  wir  bereits  aus  dem  Jahre 
1513  wissen^),  welcher  selbst  urkundlich')  mehrfach  in  den 
zwanziger  und  dreissiger  Jahren  des  16.  Jahrhunderts  beg^^et, 
dessen  beim  Verkaufe  des  Nachbarhauses  Nr.  157  im  Jahre 
1540  als  eines  Verstorbenen  Erwähnung  geschieht,  in  welcher 
Beziehung  wir  sogar  die  genaue  Kunde  haben  ^)  dass  er  im 


1)  Vgl.  den  im  Eingange  bemerkten  Vortrag  S.  413  und  414. 

2)  Nach  gefälligen  Mittheilnngen  welche  uns  Herr  Primbs  aus 
den  regensburgischen  Sigelprotokollen  gemacht  hat. 

3)  An  dem  in  Note  1  angefahrten  Orte  S.  417. 

4)  Den  „epitaphia  in  coemeterio  nobilium''  bei  sanot  Emmeram 
—  wozu  die  Yerhandlungen  des  historischen  Vereins  von  Oberpfabs 
und  Regensburg  III  S.  103  verglichen  werden  mögen  —  entnehmen 

[1868.  L  1.]  13 


194  ß^z'mg  der  histor.  Classe  vtm  4.  Januar  1868. 

Jahre  1538  als  der  letzte  männliche  Sprosse  seines  Ge- 
tidilechtes  das  Zeitliche  gesegnet.  Also  schon  ehe  Dionjs 
Ton  Präckendorf  in  die  Handschrift  des  Werkes  des  Eonrad 
von  Megenberg  seine  Aufzeichnungen  eintrug  ist  die  alte 
Pergamenihandschrift  des  sogenannten  Schwabenspi^ls  niobt 
mehr  im  unmittelbaren  Besitze  des  Geschlechtes.  Wie  sie  nach 
R^ensburg  und  daselbst  in  die  Hände  des  Urban  Truokl 
gelangte,  sdteint  schwer  zu  bestimmen.  Gerade  die  Einträge 
aber  welche  die  erstere  Handschrift  uns  über  Geoi^  Ton 
Präckendorf  erhalten  hat  fuhren  über  diese  Schwierigem 
hinweg.  Dieser  vereheUchte  sich  nämlich  nach  ihnen  im 
Jahre  1498  mit  der  zu  Regensburg  wohnenden  Agnes  TrinU, 
der  Tochter  von  weiland  Kaiser  Friedrichs  Rath  Eoniad 
Trinkl  von  Hautzendorf,  welcher  bereits  im  Jahre  1490  aus 
der  Welt  geschieden,  während  nach  den  vorhergehenden  An- 
deutungen Urban  Trunkl  im  Jahre  1538  als  der  letzte  mann- 
lidie  Sprosse  dieses  Geschlechtes  starb,  und  wir  weiter 
wissen  dass  des  Georg  von  Präckendorf  Gattin  oder  Wittwe 
Agnes  selbst  im  Jahre  1553  als  die  letzte  des  ganzen 
Stammes  der  Trinkl  bestattet  wurde.  So  löst  sich  das 
Räthsel  des  Ueberganges  vielleicht  nicht  allein  der  fragKchen 
Handschrift  sondern  am  Ende  auch  des  gewiss  in  hohem 
Grade  werthvoUen  Tagebuches  des  ersten  uns  bekannten 
Heinrich  von  Präckendorf  über  seine  Eriegszüge  einmal  nach 
Regeusburg  und  weiter  in  den  Besitz  des  Urban  oder  wohl  der 
Familie  Trinkl  oder  Trunkl  auf  nicht  unwahrscheinlichem  Wege. 
Nicht  so  einfach  dagegen  die  Frage  was  nach  dem 
Aussterben  dieses  Geschlechtes  aus  ihr  oder  auch  am  Ende 


wir  zu  den  Jahren  1465  und  1470   den  Tod  der  Torthea  Truncklin 
und  der  Barbara  Truncklin,  wie  weiter: 

Anno  domini  MCOCCLXXXX  starb  der  ersam  vnd  weiss  Ghonrad 
>  Trunkl  am  pfinstag  nach  aller  heiligen  tag. 

Anno  1538  starb  Vrban  Trunckel,  der  letzt  dess  geschlechts. 


IMcinger:  Ueber  die  Fmmaie  von  PfädmA0.  19& 

aas  ihnen  geworden.  Am  natürlichsten  könnte  man  vielleidit 
amiehmen  dass  sie  nach  dem  Tode  des  Urban  an  AgniB 
Tronkl  besddiungsweise.Ton  Präckendorf  gelangte,  nnd  nach 
deren  Ableben  an  ihren  Sohn  Dionys  von  Pracicendorf  za 
Ji^easbnrg,  wovon  die  Bede  gewesen.  Man  mödite  dieser 
Anschaanng  sich  um  so  mehr  hingeben,  als  einmal  an  ihn 
aach  die  tronkrsche  Behausung  in.  der  Badegasse  Nr.  158 
kam,  weldie  wir  weiter  im  Jahre  1594  im  Besitze  seiner 
Erben  und  im  Jahre  1605  in  dem  seiner  Wittwe  Magdalena 
ifinden,  welche  selbe  im  darauf  folgenden  Jahre  verkaufte) 
und  als  a^f  der  anderen  Seite  gerade  der  erwähnte  Dtonys 
r<m  Präckendorf  eine  Persönlichkeit  gewesen  welche  night 
allein  nach  Ausweis  der  von  ihr  herrührenden  Familienauf- 
seichnungen  für  ihr  Geschlecht  nicht  gleichgiltig  war  sonderti 
auch  den  Sinn  für  deutsche  Reditsdenkmäler  hinreichend 
dadurch  bethatigte  dass  sie  sich  den  Besitz  der  herrlich 
ausgestatteten  Pergamenthandschrift  des  kleinen  Eaiserredites 
und  des  in  das  Jahr  1405  fallenden  Scitum  frigraviorum 
sub  Ruperto  imperatore  ^)  verschafft  hat.  Wie  stattlich  musste 
sidi  da  in  der  Biichersammlung  welche  vielleicht  manches 
auserlesene  enthalten  wovon  wir  keine  oder  keine  verlässige 
oder  überhaupt  nur  znfälUge  Kunde  haben,  wie  von  der 
jetzt  zu  Gotha  ')  befindlichen  Handschrift  des  ApoUonius  von 
Tyrland,  neben   dem  alten  Beisbttche  aus  dem   13.  Jahr- 


1)  Vgl.  hierüber  Endemann  in  der  Einleitung  zum  Kaiserrechte 
Nr.  9  S.  XXVm  und  XXIX. 

2)  Vgl.  Jacobs  und  ükert  Beiträge  zur  älteren  Litteratur  oder 
Herkwurdigkeiten  der  hensoglidien  öffenüiohen  Bibliothek  xu  Gotha 
II  S.  281—286  und  lU  S.  123—123,  woselbst  es  in  Note  1  heisst: 

Der  Name  des  früheren  Besitzers  ist  auf  d^  ersten  Seite  einge« 
schrieben:  Peter  von  Pregkendorff  zu  Pregkendorff  ynd 
fiolf.  1420.  Ein  auf  dam  Yorsetzblatte  gettaltes  Wappen  ist  wahr- 
scheinlich dßs  «einige:  . 

18* 


196  güMung  der  histar,  Glosse  tiüm  4,  Janmr  186S. 

hunderle  wie  neben  dem  als  Hausbuch  dienenden  Werke  des 
Eonrad  von  Megenberg  wie  weiter  neben  dem  vorhin  be^ 
merkten  deutschen  Rechtsbüche  der  Schatz  ausgei^ommen 
liaben  welcher  von  einem  Ahnherren  stammte  der  schon  dnrdi 
die  nahe  Berührung  mit  Büdiger  dem  Manessen  für  sich  em- 
nimmt  und  dem  eben  über  dem  Kriegshandwerke  der  edlere 
Sinn,  nicht  geschvmnden !  Man  könnte  weiter  vielleicht  für 
die  Ansicht  welche  wir  hier  vertreten  ein  gewisses  Gewicht 
darin  finden  dass  die  Annahme  wohl  nicht  ungerechtfertigt 
erscheinen  dürfte  dass  die  ältesten  der  Familienaufzeichnungea 
welche  wir  (als  von  Philipp  Jakob  von  Präckendorf,  dem 
Sohne  des  Dionys,  herrührend  oben  S.  168—171  mitgetheiU 
haben  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  nur  ihr  entnommen  sein 
können.  Mag  indessen  auch  dieses  Verhältniss  wovon  wir 
^gesprochen  das  richtige  sein,  ihre  Jahre  in  der  genannten 
Familie  waren  gezählt«  Wenigstens  am  7.  Februar 
1609  gehörte  isie  einem  Herrn  A  wohl  zu  Regens- 
burg. Indem  jede  weitere  Andeutung  über  ihn^)  mangelt, 
hört  natürlich  hier  die  gedeihliche  Nachforschung  auf,  und 
wäre  lediglich  für  Muthmassungen  ein  allerdings  weiter 
Spielraum  übrig. 

Leider  berechtigt  uns  nämlich  auch  das  Schicksal  der 
Handschrift  des  kleinen  Eaiserrechtes  zu  keinem  sicheren 
Schlüsse  auf  jenes  der  übrigen.  Sie  wurde  im  selben  Jahre 
in  welchem  die  Wittwe  des  Dionys  von  Präckendorf  ihr 
Haus  verkaufte  von  ihr  für  die  regensburger  Stadtbibliothek') 
erworben.    In  ihr  befand  sie  sich  noch  zur  Zeit  als  Gemeiner 


1)  Vgl.  unBem  im  Eingange  erwähnten  Vortrag  S.  419  and  420. 

2)  Nach  dem  Eintrage  auf  dem  dem  Vorderdeckel  innen  aaf- 

'geklebten  Papierblatte: 

Anno  1606 
-den  2&  Aprilis  ist  ditz  Buech  in  Frauen  Magdalena  Präckhendorferin 
Preymarckht  pro  2Vt  fl.  in  die  Steuer  erkhaufit  worden. 


Bochinger:  Ueber  die  Familie  van  Ptäckenäorf.  197 

deren  letzten  Katalog  verfasste.  Und  erst  bei  ihrem  üeber- 
gange  in  die  Staatsbibliothek  nach  Manchen  im  Jahre  1812 
gelangte  sie,  mit  hieher.  Keine  Spur  findet  sich  in  dem  er- 
wähnten Kataloge  von  der  Handschrift  des  Werkes  des 
Konrad  von  Megenberg.  Sie  war  daher  wohl  niemals  in  die 
regensburgische  Stadtbibliothek  gekommen ,  nnd  gelangte 
auch  nicht  mit  dieser  an  ihren  jetzigen  Standort,  sondern  war 
an  ihn  —  ohne  dass  wir  anzugeben  wüssten  auf  welchem 
Wege  —  schon  so  and  so  viele  Jahre  früher  gerathen. 
Ebensowenig  findet  sich  in  jenem  Kataloge  eine  Andeutung 
über  das  alte  Reisbuch  des  Heinrich  von  Präckendorf  oder 
über  seine  Pergamenthandschrift  des  sogenannten  Schwaben- 
spiegels. Es  scheint  daher  ziemlich  sicher  dass  weder  die 
eine  noch  die  andere  jemals  einen  Weg  in  die  regensbttrger 
Stadtbibliothek  gefunden. 

Nach  allen  Seiten  erscheint  der  Versuch  von  Nach- 
forschungen welche  bezüglich  beider  oder  bezüglich  der  einen 
oder  anderen  zu  einem  einigermassen  befriedigenden  Ergeb«^ 
nisse  zu  fuhren  vermöchten  als  ein  trostloser,  und  sehen 
wir  uns  mehr  oder  weniger  auf  ein  Spiel  des  Zufalles  hin- 
gewesen.  So  möge  es  denn  —  schliessen  wir  wie  vor 
zwei  Monaten  —  den  Männern  der  Wissenschaft  weicht 
hier  oder  dort  hiezu  Gelegenheit  und  Muse  haben  gefallen, 
ihr  Augenmerk  hierauf  zu  richten. 


Herr  von  DöUinger  hielt  hierauf  einen  Vortrag;: 
„lieber  Propheten  und  Weissagungen  in  der 
Geschichte  seit  Chris tus.'^' 


198  Sinsehdimfftn  wm  DfwfychrifUm. 


Einsendungen  von  Druekschriften. 


Von  der  Geseihehaft  der  Äerzte  in  Wien: 

Jabrbüolier.    14.  Bftnd.    23.  Jahrgang. 
1B67.    15.  Band.  24;  Jahrgang.  1.  Hfb.  1S68.    8. 


Medieinische  Jahrbücher.    14.  Band.    23.  Jahrgang.   5.  und  6.  Heft. 


,  Von  der  Schleswig  Bolstein  Lauenhurgischen  Oeeedsehaft  für  vater- 
ländische Geschichte  in  Kid:  \ 

Jahrbücher  für  die  Landeskonde  der  Herzogthümer  Schleswig,  Hol*     1 
stein,  Iiaaenbarg.    Band  9.    Heft  2.  1867.    a 

V4m  Feräinandewn  für  Tirol  und  Vorarlberg  in  Innshrnck:  \ 

ZeitiBohrifL    8.  Folge.  18.  Heft.  1867.    8. 

Vom  naturhistorißchen  Verein  in  Augsburg: 
19.  Bericht  vom  Jahre  1867.    8. 

Von  der  ungarischen  Akademie  der  Wissenschaften  in  Pest: 

a)  A    magyar    tadom.     Akademia    Evkönyvei.     11.    2.   8.     12.   1. 

1864.    4. 

b)  Magyar  Akademiai  Estesitö.    Nyclvtadom.  8.  1668.    S, 
Q>  A  Fhilosophiai  Magyar  Akademiai  Estesitö.    6.   1.  1863.    8. 

d)  A  Mathematikai  Magyai  Alsadexniai  Estesitö  5.  1865.    8. 

e)  Nyclytudominyi  Eozlemenyck  4.  1865^ 

f)  Archeologiai  Eozlemenyck  5.  1.  2.  1865.    4. 


Einaendungen  von  pruckgchriftm.  199^ 


g)  SiaÜfltikai  es  nemzetg.  Eöalemenyck.  1.  1865. 

h)  A  Magyar  nyelo.    Szotara.  a    4.  6.  6.    1865. 

i)  A  Magyar  tudomanyos  Akad.  Jegyzökonyyei  8.  1865. 

k)  Magyar  tudom.  Akad.  Almanaeli   1866.    8. 

1)   Budapesti  Szemle  Füzet  4—10.    8. 

Vom  Institut  national  genhois  in  Genf: 

a)  Memoires.    Tom.  11.  Annee  1866.   1867.    4. 

b)  Bulletin.    Nr.  86.  81.  1866.    8. 

Vom  Museum  d^histoire  natwre^  in  Paris : 

Nonvelles  archives.  Tom.  1.  Fase.  1.  2.  3.  4. 
„  2.  „  1.  2.  3.  4 
„      8.        „      1.  2.      1865.  66.  67.    4. 

Von  der  Borpater  naturforschenden  Gesellschaft  in  Dorpat: 

a)  Archiv.    Serie  1.  Band.  8.  Lieforg.  1—4. 

4  1 

„     2.      „      6.        „         1.  2. 
„     „       „      7.        „         1.      1864-67.    8. 

b)  Sitzongsbericlite  von  den  Jabren  1858 — 60.    1861.    8. 

c)  Sitzungen  der  Gesellschaft  von  den  Jahren  1857—1866.    8. 

Von  der  Academie  des  sciences  in  Paris: 

Comptes  rendns  hebdomadaires  eto.  Tom.  65.  Nr.  12—19.  Septbr. — 
Novbr.  1867.    4. 

Ton  der  kaninJdijken  Natuurkundig  Vereeniging  in  Nederlandsch 
Indie  in  Batavia: 

Natanrknndige  Tijdschrift  vor  Nederlandsch  Indie.    Deel  29    Zesde 
Serie.    Deel  4.  Afl.  2—4.    1866.    8.  . 

Vom  Observatoire  physique  central  de  Bussie  in  St,  Petersburg: 

Annales.    Ann6e  1863.    Nr.  1.  2. 

„      1364.     „     1.      1864.  65.    4. 


200  Einsendungen  von  Dmekschriften, 

Von  der  süddaviechen  Akademie  der  Wissenschaften  und  Künste  in 
Zagrdbia  (Agram)'. 

a)  Prad  jagoslavenske  akademije  zanosti  i  umjetnostL  (Arbeiten  der 

südslavischen  Akademie)  Enjiga  (Buch)  1.  1867.    8. 

b)  Jagic,   y.  Historia   knjizeysnoBti  maroda  krvatskoga  i  ortskoga. 

(Geschichte  der  Literatur  des  kroatischen  nnd  serbischen  Volkes.) 
Buch  1.  Alte  Zeit.  1867.    8. 

Von  der  fifdändischen  Gesellschaft  in  HeJsingfors: 

a)  Notiser.    Ny  Serie.    Haftet  1—6.    8. 

b)  Ofversigt  9.  1866—1867.    8. 

Von  der  Acadimie  impSriale  de  medecine  in  Faris: 
Memoires.    Tom.  28.   1.  Partie.  1867.    4. 

Von  der  SodHS  imperiale  d'Agrietäiwre  in  Lyon: 

Annales  des   sciences    physiques  et  naturelles,    d'agriculture  et  d'm« 
dustrie.    3.  Serie  1865.  Tom.  9. 


Von  der  Acadtmie  impinate  des  sciences,  bettes  kttres  et  arts  im 

Lyon: 

Memoires.    Glasse  des  sciences.    Tome  15.  1865.  66.    8. 

Von  der  SociM  Linnienne  in  Lyon: 
Annales.    Anhee  1866.    Tome  14.  1867.    8. 

Von  der  SocUte  des  antiguaires  de  Picardie  in  Amiens: 
Memoires.    Tom.  21.  1867.    8. 

Von  der  SociHi  d' Anthropologie  in  Paris: 
Bulletins.    Tom.  2.  2.  Serie.  2.  Fase.  Fevrier  a  Ayril  1867.    8. 


Ein$endMmgm  van  DruduehrifUn.  201 

VmäenCk>mmi99hnidiBmaido  degU AJRnegi per  Ü  comune  inFlorenMi 
Docnmenti  di  storia  Italiana.    Tomo  primo.  1867.    4. 

Van  der  Linnean  Society  in  London: 

i)  Journal.    VoL  9.  Botany.  Nr.  39.  April  6.   1867.    8. 
b)  Gkneral  index  to  the  transaotions  of  the  society.  Yols  1.  to  25. 
1867.    4. 

Van  der  natural  history  Society  of  BMin: 
Proceedings*    Session  1864—^.    Vol.  4.  Part.  3.  1866.    8. 

\Von  der  Geological  Society  in  London: 

a)  Quaterly  Journal.     Vol.  23.    Part.  4.  Novbr.  1867.    Nr.  92.     8. 

b)  List  of  tlie  geolog^cal  Society.    November  1867.    8. 

Von  der  Chemical  Society  in  London  t 
Journal    Serie  2.  YoL  5.  Nr.  66.  66.  57.  1867.    8. 

Van  der  SoeiHi  impiriale  des  naUträlistee  in  Moekau : 
Bulletin.    Ann6e  1857.    Nr.  1.  1867.    8. 

Van  der  Societi  Imphiode  des  Sciences  de  VAgricuUure  et  des  Arte 

in  LiUe: 

Uemoires.    Ann6e  1863    1864.  1866.    8. 

Van  der  Sociäi  HelvHigue  des  scienees  natunMes  in  Bemi 

a)  Neue  Denkschriften.     Band  22    oder   dritte  Dekade     Band  2. 

Züricb  1867.    4. 

b)  Actes.    50.  Session.  Compte  Rendu  1866.  Neuchatel  1867.    8. 

Van  der  k.  k,  geotogischen  BeichsanstaU  in  Wien: 

a)  Jabrbucb.    Jahrg.  1867.    17.  Band.   Nr.  3.    Juli,  August,  Septbr. 
1867.    8. 


202  Mimndungen  vom  JkueksdmftM. 

V)  Yerli»Afll«ng«a.    Nr.  10.  IL  12.  1667.  Juni,  J«U,  Aug.  imi,  & 
c)  Die  fossilen  MoUnsken  des  Tertiär-Beckens   Ton  Wien  von  Dr« 
Moritz  Hömes.   2.  Bd.  Nr.  78.    Biraloen    4. 

Von  der  geschiehiS'  und  älterthumsforschenden  Gesdlsehaft  des  Otter- 
landes  in  Altenburg: 

Mittheilungen.    6.  Band.  8.  und  4.  Heft.    1865.  67.    8. 

Van  der  h  preussischen  Akademie  der  Wissenei^Mften  in  Berlin: 
Monatsbericht    Aagast>  Septbr.  Oktbr.  Novbr.  1867.    8, 

Vom  Oewerhe'Verein,   natwforsekenden  Gesellschaß  und  hienenwirih' 
sühafiUchen  Verein  in  AUenlmrg: 

Mittheilungen  aus  dem  Osterlande.  18.  Bd.  1.  und  2.  Heft.  1867.   £ 

Vom  Verein  für  Naturhunde  in  Kased: 
15.  Bericht.  1864—65.     1865—66.    1867.    8. 

Von  der  GeeetMiaft  der  Fhmrmade  in  Speier: 

Heues  Jahrbuch  für  Pharmaoie    und  verwandte  Fächer.    Zeittebnft 
Band  28.  Heft  5  und  6.  November,  Dezember.    Band  29.  Hft.  L 
. ,   V  Januar.    1867.  68^    8 

Von   der  GeschäftefOhrung  der  41.    Versammlung    deutecher  ITotur» 
forscher  und  Aerste  in  Frankfurt  a,  M,: 

Tageblatt  der  41.  Versammlung  deutscher  Naturforscher  und  Aerzte 
.  in  Frankfurt  a.  M.  vom  18.  bis  24.  Septbr.  1867.    4. 

Vom.  Verein  fikr  Geschichte  und  Alterthumshunde  in  Frankfufi  eLKi 

a)  Mittheilungen.    3.  Bd.  Nr.  2.  April  1866.  Nr.  8.  August.    8. 

b)  Oertliöhe  Beschreibung  der  Stadt  Frankfurt  am  Main  von  J.  G* 

Baltann.    4.  Hfl.  1866.    8. 


Einsettäm^gm  v<m  DruekidirifUn,  iO$ 


c)  Nei:gahrBblatt   186^.    Die    deutsche  Sckrift  im  Mittelalter,  ihre 

Entwicklnng,  ihr  Verfall  mit  besonderer  Rücksicht  auf  Frank« 
fort  und  seine  Umgegend  von  Dr.  Friedr.  Scharff.  1866.    4 

d)  Nenjahrsblatt  1867.    Geschichte  der  Dr.  Senkenberg'sohen  Stifts- 

Unser  Ton  Seb.  Alex.  Scheidel.  1867.    4. 


V^  der  BedMian  des  CorreaptmäenttUaUea  fOr  die  GeUkrUn  und 
BedUchnden  in  Stuttgart: 

Blatt  Nr.  11.  12.    Nov.  Dez    1867.    S. 


Van  der  Universität  in  HdOe  a.  d,  8aak: 

a)  Zur  50jährigen  Jubelleier  der  Vereinigung  der  k.  Universitäten 
Halle  und  Wittenberg  am  21.  Juni  1867  bringt  der  Alma  Mater 
Huldigung  und  Glückwunsch  dar  der  „Verein  für  praküAch« 
Medizin".    1867.    4, 

fa)  UniTersitäts-Jubiläum.    Verseiohniss  der   auswärtigen  Festgrüsse 

und  Festgrüsse  und  Festtheilnehmer.  1867.    a 
c)  Zur  Feier  der  öOjährigen  Vereinigung   der  Universitäten  Halle 
und  Wittenberg.    Inhalt: 

I.  Zur  Ctesohicfate  der  Vereinigung  von  Wittenberg  und  Halle 

von  Prof.  Dr.  Hertaberg. 
IL  Geschichte  der  v.  Ponikauischen  Bibliothek  von  Pro!  D«, 
Boehmer.  1867.    4. 


Von  der  deutsehen  geologisehen  Oeselhehaft  in  Berlin: 
Zeitschrift.    19.  Bd.  8.  Hfb.    Mai,  Juni  und  Juli  1867.    8. 

Von  der  deutsehen  morgehländischen  Gesellschaft  [in  Leipzig: 

a)  Zeitschrift.    21.  Bd.  4.  HfL   1867.    4. 

b)  WisasBscibafÜielier    Jahresbericht     über     die     morgenländiBÖhen 

Studien  1859  bis  1861.    Von  Dr.  Richard  Gosehe.  1866.    8. 


204  Einaendtmgen  ton  Druckachrifim, 

Von  der  k.  Jb.  Akademie  der  Wiaeenschaften  in  Wien: 

k)  Sitzungsberichte.    Philosopliisch-historische  Glasse. 

65.  Band.  Heft.  2.  3.  4.    Febr.—  April  1867. 

56.      ,,  „     1.  2.    Mai  Juni  1867.    8. 

b)  Sizungsberiohte.    MathematiBch-naturwissenBchaftliohe  Classe. 

55.  Band.  Heft  3.  4.  5.  März  — Mai  1867. 

56.  „         „     1.    Juni  1867. 

1.  Abtbeüung.  Enthält  die  Abhandlungen  aus  dem  Gebiete  der 
Mineralogie,  Botanik,  Zoologie,  Anatomie,  Geologie,  Paläonto- 
logie.   1867.    8. 

o)  Sitzungsberichte.  2.  Abtheilung.  Enthalt  die  Abhandlungen  aus 
dem  Gebiete  der  Mathematik,  Physik,  Chemie,  Physiologie, 
Meteorologie  etc. 

55.  Band.  Heft  3.  4.  5.    März— Mai  1867. 

56.  „         „     1.  u.  2.    Juni,  Juli  1867.    8. 

e)  Almanach.    17.  Jahrg.  1867.    8. 

f)  Arohiv  für  österreichische  Geschichte.  38.  Bd.   1.  Hft  1867.     & 

g)  Fontes    rerum  austriacarum.    Oesterreichische   Gesöhichtsquelleii 

2.  Abtheilung.  Diplomataria  acta.  27.  Bd.  Die  Relationen  der 
Botschafter  Venedigs  über  Deutschland  und  Oesterreich  im  17. 
Jahrhundert.  1867.    8. 

fbn  der  h.  h  CentraH-Änetalt  für  Meteorologie  und  ErdmagneHswiMS 

in  Wien: 

Jahrbücher.  Von  Carl  Jelinek  und  Carl  Fritsch.  Neue  Folge.  2.  Bd. 
Jahrgang  1865.    Der  ganzen  Reihe  10.  Bd.   1867.    a 

T>m  naturhiBtoriech-medigiiuedien  Verein  in  Heiddberg: 
Verhandlungen.    Band  4.  5.  1867.    8. 

Von  der  OesdlscTMß  der  Wiseemchaften  in  Leipzig: 

a)  Berichte  und  Verhandlungen.  Philosophisch-historische  Glasse  1866. 

4.  1867.  1.     8.  T 

b)  Zur  Chronologie  der  Indogermanischen  Sprachforschung.    \oii 

Georg  Curtius.  1867.    8. 


Einsendungen  von  Druehechriften.  205 

Vom  Verein  für  hambwrgisehe  GeeehieMe  in  Hamburg: 

Geschichte  des  Hamburger  Rathhauses.  Nach  den  hinterlassenen 
Yorarbeiten  des  Dr.  Lappenberg,  bearbeitet  von  G.  F.  Gaede- 
chens.  1867.    4. 

Von  der  Sodetä  reale  in  Neapüi 

a)  Bendiconto  die  scienze  morali  e  politiche.  Anno  setto.    Quademi 

di  Setiembre  e  Ottobre  1867.    8. 

b)  Atti.    Accademia  delle    scienze   fisiohe  e  matemaliche.     Vol.  2. 

1866.    4. 

c)  Bendiconto.    Anno  4.  Fase.  5 — 12  Maggie— Decembre  1865. 

„      5.      „      1 — 12  Gennajo — ^Decembre  1866. 
„     6.      „      1—6    Gennajo— Maggie  1867.    4. 

Von  der  J^m,  Akademie  van  Wetenechappen  in  Amsterdam: 

a)  Jaarbook  voor  1866.    8. 

b)  Yerslagen  en   mededeelingen.    Afdeeling  Letterkonde.    Deel  lO. 

1866.    8. 

c)  Processen- Yerbaal.    Afdeeling  Natnorkunde.  Yan  Mey  1866  toten 

met  April  1867.    8. 

Von  der  gedhgieal  Society  of  Jrekmd  in  Dublin: 
JonrnaL    YoL  1.  Part.  S.  1866—67.    Third  Session  1867.£^  8. 

Von  der  royäl  Society  of  Victoria  in  Melbourne: 
Transactions  and  Proceedings.    Part.  1.  YoL  8.  1867.    8. 

.     Von  Asiatic  Society  of  Bengat  iniüalcutta: 

a)  Jonmal.    New  Series.  Nr.  138. 

Part.:i.  Nr.  4.  1866. 
„     1.    „    1.  1867.    8. 

b)  Bibliotheca    India    a    coUection    of  oriental  works. 

Old  Series    Nr.l218.  219. 

New    „  „    99—109.   1866.  67.    8. 


v^206  Smsenäungm  van  DmeJu^iriflen. 

V&n  4ef  Äoaälmie  de  8t0nitias  in  Nancy : 
^JCemoira     1868.  1865  ati4  66.    1867.    a 

Von  der  natwrfcf eckenden  GeeeRachaft  in  Basel: 

a)  Yerhandlangen.    4.  TU.  4.  Hft.  1867.    S. 

b)  Festschrift  zur  Feier  des  5Qjährigen  Bestehens  1867.    8. 

c)  Heber  die  physikalischen  Arbeiten    der  Societas  physica  helvetica 

1751—1787.    Festrede  bei   der  Feier  des  öOjährigen  Bestehens 
der  Oeselischaft  am  4.  Mai  1867  von  Dr.  Barckhardt    8. 

Von  der  Äcadeniie  royak  des  sdences  des  lettres  et  de  heaux-arU  de 
Bdgique  in  Brüssel: 

Bulletin.    36.   annee,    2.   serie,   tome   24     Nr.  11.    12.      37.  annee, 
'  2.  Serie,  tom.  25  Nr.  1.    1867.  1868.    8. 

Von  der  Societe  Botanique  de  France  in  Paris: 
Bulletin.    Tome  14.  1867.    D.  Bevue  bibliographique  1867.    8. 

Von  der  Eedle  Äccademia  dede  sdenze  in  IWit»: 

a)  Memorie.    Serie  2.  Tomo  23.  1867.    4  . 

b)  Atti.    VoL  2.  Disp.  4—7.    Marzo^-Giugno  1667.    8. 

Von  der  Äcademie  royaU  de  Midecine  de  Bdgique  in  Brüssd: 
Bulletin.    Annöe  1867.    3.  Serie  Tome  1.    Nr.  7.  8.  9.  1867.    8. 

Von  der  roycd  medical  and  chvrwtgicoA  Society  in  London: 

Medice    Chirurgical    Transactiods.      Second    Series.     Yolume     50i» 
1867.    8. 

Von  der  geohgicoA  Society  in  Glasgow: 
Transactions.    Vol.  2.  Part.  3.  1867.    8. 


EifiMendumpen  vcn  Drui^i9ehrifim,  S07 

V&m  Ateneo  Vmeto  in  Venedig: 
Atü.    8me  2.  Vol.  4.  Novbr.  1867.    Pontata  2*.  1867.    6. 

Von  der  ÄcadSmie  des  8cience$  in  Parti: 

a)  Goxnptes  rendns  hebdomadaires  des  sSanceB.  Tome  66.  Wr.  20—17 

Novembre— Decembre  1867.    4. 

b)  TableB  des  comptes   rendos  de  seances.    Premier  semestre  1867. 

Tom  64.  1867.    4. 

Von  der  Sternwarte  in  Bern: 
Meteorologische  Beobacbtungen.    März.  April.  Mai  1867.    4. 

Van  der  Soditi  des  arte  et  des  eciencea  in  Bataviai 

a)  Terhandelingen.    Deel  32.  1866.    4. 

b)  Tijdschrift  toot  Indische  Taal-Land-en  Yolkenkaade. 

Deel  14.  Yierde  Serie.  Deel  5.  Aflerering  5  u.  6. 
„    15.  Vüfde      „  „     1.  „  1-6: 

„     16.      „  „  „    2.  „  1,      1864—66.    8. 

c)  Notulen  van  de  algemene  an  bestuors-Teri^adeniigen. 

Deel  2.  Afler.  1—4. 
„  3.  „  1.2. 
„    4.      „      1.      1864—66.    8. 

d)  Catalogutf  dw  Bibliothek  Toor  J.  A.  van  der  Ch^s.  1864.    8. 

Von  der  zodogiecd  Society  in  London: 

a)  Transactions.    Vol  6.  Part.  4.  1867.    4. 

b)  Proceedings.    Part.  14.  1866.  Part.  15.  1867.     8. 

c)  Proceedings.    For   the  year   1867.     Part.   1.    Janoarjr,  Febraäry 

Part.  2.  Febnxary.  May.  1867.    8. 

Vom  Istituto  Veneto  di  scienee,  leUere  ed  arti  in  Venedig: 
Atti.    Tomo  12.    Seria  3.    Dispensa  1.    1865—67. 


208  JS^Mi^fkliiit^efi  9<m  Dnteksthriften. 

Vom  ü.  8.  Navai  ObaerwOary  in  Washington: 
ObservBtions  and  discussions  on  the  NoTember  meteors  of  1867.    8. 

Vom  historischen  Verein  in  Baigreuth: 

Arobiv  ßap  Geschicbie  und  Alterthumskonde  yon  Oberfranken.  10  Bd. 
2.  Hft.  1867.    8. 

Von  der  Universität  in  Heidelberg: 

Jahrbücher  der  Literatur.  60.  Jahrgang.  9.— 12.  Heft.  1.  Heft. 
Januar.    1867.  68.    8. 

Vom  Verein  ßr  mecklehbwrgische  Geschichte  und  Jlterthumshmde  tu 

Schwerin: 

Jahrbücher  und  Jahresbericht    32.  Jahrg.  1867.    8. 

Vom  historischen  Verein  in  Wübrzhurgi 
Archiv.    19.  Bd.  8.  Hft.  1868.    8. 

Vom  naturforschenden  Verein  in  Briknn: 
Verhandlungen.    1.  Bd.  1866.  67.    8. 

Vom  historischen  Fticd- Verein  in  Neuburg: 

Collektaneen  Blatt  für  die  Geschichte  Bayerns  insbesondere  far  die 
Geschichte  der  Stadt  Neuburg  a.  D.  und  des  ehemaligen  He^ 
zogthums  Neuburg.    32.  Jahrg.  1866.  67.    1868.    8. 

Von  der  k.  sächsischen  Gesellschaft  der  Wissenschaften  in  Leipsig: 

a)  Berichte    über  die  Verhandlungen.     Mathematisch-physikalisclie 

Classe.  1866.  4.  6.     1867.  1.  2.    8.; 

b)  P.  A.  Hansen.    Von  der  Methode  der  kleinsten  Quadrate  im  All- 

gemeinen   und  ihrer    Anwendung    auf    die   Geodäsie.     Nr.  5. 
1867.    8. 

c)  F.  A.  Hansen.    Tafeln  der  Egeria  mit  Zugrundlegung  der  in  den 


Mnsendungen  von  Druchschriften.  209 


Abhandlungen  der  k.  s.  Ges.  der  W.  veröffentlichten  Störungen 
dieses  Planeten  berechnet  und  mit  einleitenden  Aufsätzen  Ter- 
sehen,  Nr.  4.   1867.    8. 

Von  der  Aecademia  deUe  aeienze  deW  Istituto  in  Bologna: 

ft)  Memorie.    Serie  2.  Tom.  5.  Fase.  3.  4. 

„     2.      „      6.      „  1—4.     1866.    4. 

b)  Eendiconto    delle    sessioni    anno  accademico    1865 — 1866    und 
1866—67.    8. 

Von  der  Societd  Itaiiana  di  scienze  naturäli  in  Mc^nd : 

a)  Memorie.    Tom.  1,  Nr.  1— -10. 

„      2.  Nr.  1.  2.  4.  5.  6.  8.  9.  10.     1866.  67.    8. 

b)  Atti.    Vol.  10.  Fase.  1.  2.     1867.    8. 

Von  der  Boy  cd  Dublin  Society  in  DuUin: 
Journal.    Nr.  36.  1867.    8. 

Von  der  Äcademie  roycde  de  medecine  de  Betgigue  in  Brüssd: 
Bulletin.     Annee  1867.    3.  Serie.    Tom.  1.    Nr.  10.  11.'   1867.    8. 

Von  der  Societä  itaiiana  deUe  scienze  fondata  da  Anton-Mario  Lorgna 

in  Ilorenz: 

Memorie,    Serie  ^f^omo  1.  Parte  1.  1867.    4. 

Von  der  Soditi  botanique  de  France  in  Paris: 

a)  Bulletin.    Tome  14.  1867.    K.  Revue  bibliographique  1867.    8. 

b)  Bulletin.  Tome  13.  1866.  Comptes  rendus  des  seances.  4.  1867.  8. 

Von  der  Asiatic  Society  of  Bengäl  in  CalcMa: 
Journal.    New  Series,  Nr.  139.  Part.  2.  Nr.  1.  1867.    8. 

Von  der  Societe  des  sdences  physiques  et  naturelles  in  Bordeaux: 

Memoires.    Tome  5.  2.  Cahier.  1867.    8. 
[1868. 1. 1.]  14 


210  Einsendungen  von  Druckschriften. 

Von  der  naturförschenden  Gesellschaft  in  Graübünden: 
Jahresbericht.    Neue  Folge.  12.  Jahrg.  Vereinsjahr  1866.  67.    8. 

Von  der  serbischen  gelehrten  Gesellschaft  in  Belgrad: 

a)  Glasnik   druschtwa  sorbske   slowenosti.    Vol.   21.    (Annalen    der 

serbischen  Gelehrten  Gesellschaft)  1867     8. 

b)  Srpske  narodne  pjesme  is  Boche  e  Herzegowike.  Serbische  Volks- 

lieder etc.  1867.    8. 

Von  der  Sociiti  Imp,  des  Antiquaires  de  France  in  Paris : 
Memoires.    Vol.  29,    1866. 

Von  der  Acadhnie  royäle  des  sciences  de  Pays-Bas  in  Amsterdam: 

Eapport.    Seotion  Physique.    (presentö  dans  la  seance  da25.  Janvier 
1868).    8. 

Von  der  ungarischen  Akademie  der  Wissenschaften  in  Pest: 

a)  Monumenta  Hungariae  historica.    Diplomataria  10.     1864.     8. 

b)  Almanach  1864.    8. 

c)  Statistikai  Eözlemenyck.  4.  5.  1.  1863.    8. 

d)  Nyclvtudomanyi  Eözlemenyck  II,  2.  3.  III.  1.  1863.    8. 

e)  Archaeologiai  Eözlemenyck  III.  1.  2.  3.  4.     1862.  2. 

f)  A  magyar  nyelv  Szötara  I.  1 — 4. 

IL  1—4.  1862—63.    8. 

Von  der  h  dänischen  Gesellschaft  der  Wissenschaften  in  Kopenhagen: 

a)  Videnskabernes  Selskabs  Skrifter.    5.   Raekke.     6.  Bind.    Natnr- 

videnskabelig  og  Mathematisk  Afdeling,  1867.    4. 

b)  Oversigt  over  det  Forhandlinger   af  dets  Medlemmers  Arbeider  i 

Aaret  1867.    April.  Mai.  Nr.  4.  1867.    8. 

c)  Oversigt  over  det  Forhandlinger  af  dets  Medlemmers  Arbeider  i 

Aaret  1866.    Af.  G.  Forchhammer  et  Steenstrup  Nr.  5.    ^ 


Einsendungen  van  Druckschriften.  211 

Von  der  historisch  Genootschap  in  Utrecht: 
Werken.    Nieuwe  Reeks.    Nr.  6.  9.  10.    1867.    4. 

Von  dem  Commissioner  of  Patents  in  Washington: 
Report  for  the  year  1863.  64.  Vol.  1.  u.  2.    1866.    8. 


Vom  Herrn  Martin  Haug  in  München: 

An  old  Zand-Pahlavi  Glossary.  ,  Edited  in  the  original  characters 
with  a  transliteration  in  roman  letters  and  english  translation 
and  an  alphabetical  index  by  Destur  Hoshengji  Jamaspji.  Bombey 
1867.    8. 

Vom  Herrn  Ä,  KoeUiker  in  Würzburg: 

Handbuch  der  Gewebelehre  des  Menschen.  5.  Auflage.  2.  Hälfte. 
Leipzig  1867.    8. 

Vom  Herrn  G.  Gerding  in  Leipzig: 
Geschichte  der  Chemie.  1867.    8. 

Vom  Herrn  F.  C.  Weidmann  in  Wien: 

Moriz  Graf  von  Dietrichstein.  Sein  Leben  und  Wirken  aus  seinen 
hinterlassenen  Papieren  dargestellt.  1867.    8. 

Vom  Herrn  B,  ClausitM  in^  Würzburg: 

lieber  den  zweiten  Hauptsatz  der  mechanischen  Wärmetheorie. 
Braunschweig  1867.    8. 

Vom  Herrn  Adolph  Friedr.  Biedel  in  Berlin: 

a)  Novus  codex  diplomaticus  Brandenburgensis.  Sammlung  der  Ur- 
kunden, Chroniken  und  sonstigen  Geschichtsquellen  für  die  Ge- 

14* 


212  Einsendungen  von  Druckschriften. 


schichte  der  Mark  Brandenburg,    Chronologisches   Register   za 
sammtlichen  Bänden.    Bd    1.  1867.     4 
b)  Namensverzeichniss  zu  sammtlichen  Bänden.  Bearbeitet  von  Prof. 
Dr.  Heffter.  Bd.  1.  1867.    4. 

Vom  Herrn  von  WvXlerstorf'ürhair  in  Wien: 

a)  Reise  der  österreichischen  Fregatte  Novara   um  die  Erde  L  d.  J. 

1857.  58  und  59.  Geologischer  Theil.  2.  Bd.  1.  Abtheilung, 
Geologische  Beobachtungen.  2.  Abtheilung.  Paläontologische 
Mittheilungen.  1866.     g.  4. 

b)  Anthropologischer    Theil.    2.   Abtheilung.     Körpermessungen   an 

Individuen  verschiedener  Menschenracen,  vorgenommen  durch 
Dr.  Karl  Scherzer  und  Dr.  Eduard  Schwarz.  Bearbeitet  von  Dr. 
A.  Weisbach.     1867.    4. 

Vom  Heim  G.  F,  Schömcmn  in  Berlin: 
Die  Hesiodische  Theorie.    1868.    8. 

Vom  Herrn  J".  Heümann  z,  Z.  in  Nürnberg: 

Kriegsgeschichte  von  Bayern,  Franken,  Pfalz  und  Schwaben  von 
1506 — 1651.  1.  Band.  Kriegsgeschichte  und  Kriegswesen  von 
1506—1598.    München  1868.    8. 

Vom  Herrn  David  Owen  in  Philadelphia: 

Second  report  of  a  geological  reconnaissance  of  the  middle  and 
southem  counties  of  Arkansas,  made  during  the  years  1859  and 
1860.    8. 

Vom  Herrn  Fr,  Zantedeschi  in  Florenz: 

a)  Intorno  alla   elettricita  indotta  o    d'  Influenza    negli  strati  aerei 

deir  atmosphera,  che  a  forma  di  anello  circondano  una  nube 
risolventesi  in  pioggia,  neve  o  grandine.    Yenezia.    8. 

b)  Intorno  alle  oscillazioni   caloriflche   orarie,    diume,    mensili  ed 

annue  pel  1866;  ed  ai  mezzi  preservatori  dai  danni  delle  bur- 
rasche di  terra  e  di  mare.    1867.    8. 


Einsendungen  von  Druckschriflm  213 

Vom  Herrn  Alphonee  Favre  in  Genf: 

a)  Recherches  geologiques  dans  les  parties   de  la  Savoi    du  Piemont 

et    de   la  Suisse    voisines    du  Mont-filano.    Tom  1.    Mit  Atlas. 
P.  1867.    8. 

b)  Rapport  sar  les  travanx  de  la  societe  de  physiqae  et   d^histoire 

naturelle  de  Geneve  du  Juin  1866  —  Mai  1867. 

Vom  Herrn  Gardn  de  Tassy  in  Paris: 

Gours  d'Hindoustani  (Urdu  et  Hindi),  a  l'ecole  imperiale  et  speciale 
des  langues  orientales  Vivantes  pres  la  bibliotheque  imperiale 
Discours  d'ouverture  du  2.  Decbr.  1867.    8. 

Vom  Herrn  JiiUus  Haast  in  Christchurch: 
Report  on  the  headwaters  of  the  river  Rakaia.     1866.    8. 

Vom  Herrn  J.  Hoppe  in  Basel: 

Die  gesammte  Logik.  Ein  Lehr-  und  Handbuch  aus  den  Quellen 
bearbeitet,  vom  Standpunkt  der  Naturwissenschaften  und  gleich- 
zeitig als  Kritik  der  bisherigen  Logik.  Paderborn  1868.    8. 

Vom  Don  Laureano  Perez  Areas  in  Madrid: 

a)  Elementes  de  Zoologia.    Secunda  Edicion.  Pinto  1883.    8. 

b)  Insectos  nuevos  p  poco  conocidos   de  la  fauna  espanola.     1.  u.  2. 

Part.  1866.    8. 

Vom  Herrn  L,  A.  W.  Miguel  in  Amsterdam: 

a)  Sur  le  caractere  et  Porigine  de  la  Flore  du  Japon.   1867.    8. 

b)  Sur  les  erables  du  Japon.  1867.    8. 

Vom  Herrn  German  Burmeister  in  Buenos  Aires: 

Annales  del  museo  publice  de  Buenos  Aires,  para  dar  a  conocer 
los  objectos  de  la  historia  natural  nuevos  o  poco  conocidos 
conservados  ßn  este  estallecimento.    Entrega  secundo.  1867.    4« 


214  Einsendungen  von  Druckschriften. 


Vom  Herrn  Steinheü  hier: 

lieber  genaue  und  invariable  Copien  des  Eilogrammes  und  des 
Metre  Prototyp  der  Archive  zu  Paris,  welche  in  Oesterreich  bei 
Einführung  des  metrischen  Maass-  und  Gewichtssystems  als 
Normaleinheiten  dienen  sollen  und  über  die  Mittel  zu  ihrer 
Vervielfältigung.     1867.     4. 

Vom  Herrn  Carl  von  Littrow  in  Wien: 

Annalen  der  k.  Sternwarte  in  Wien.  3.  Folge.  14.  Band.  Jahrgang 
1864,    1867.     8. 


Vom  Herrn  Anton  Mayer  in  München: 
Die  Domkirche  zu  U.  L.  Frau  in  München.  1868.    8. 

Vom  Herrn  J.  Weher  in  Berlin: 

lieber  ein  Fragment  der  Bhagavati.  Ein  Beitrag  zur  Kenutniss  der 
heiligen  Sprache  und  Literatur  der  Jaina.  1.  2.  TheiL  1866. 
1867.     8. 

Vom  Herrn  M,  de  Quatrefages  in  Paris: 
De  la  structure  des  Annelides.    4. 

Vom  Herrn  M.  C.  Martgnac  in  Paris: 
Recherches  sur  la  reduetion  du  Niobium  et  du  Tantale.   1868.    8. 


Vom  Herrn  M.  B,  Studer  in  Genf: 

Recherches  geologiques  dans  les  parties   de  la  Savoie,    du  Piemont 
et  de  la  Suisse  voisines  du  Mont-Blanc.     1867. 


Vom  Herrn  F,  A,  Gull.  Miquel  in  Amüsier da^: 
De  palmis  Archipelagi  indici  observationes  novae.  1868.     4. 


Einsendungen  von  Druckschriften,  215 


Von  den  Herren  Vischer,  Schweizer^  Sidler  und  KiessUng  in  Basel: 

Neues   Schweizerisches   Museum.     6.   Jahrgang.    4    Yierteljahrheft. 
1867.     8. 


Vom  Herrn  H.  L.  B* Arrest  in  Kopenhagen: 

Siderum  nebulosorum  observationes  Havnienses  institutae  in  specula 
universitatis  per  tubum  sedecimpedalem  Merzianum  ab  anno 
1861  ad  annum  1867.    4. 


W  *hiÄnt*)t  Ta  r/i- 1  jA  . 


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I?Cf,  /^ 


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kOnigl.  bayer.  Akademie  der  Wissenschaften. 


Siteungsberichte 


der 


Philosophisch -philologische  Classe. 

Sitzung  vom  1.  Februar  1868. 


Herr  Brunn  gibt: 

„Troische  Miscellen/' 

Zweite  Abtheilung. 

Ghryseis  Einschiffung? 
(Overbeck  XVI,  4;  S.  384.) 

Bei  der  nicht  zufälligen,  sondern  durch  innere  Gründe 

kediBgten   Seltenheit  der  Monumente,    welche  sich  auf  die 

ersten  Bücher  der  Utas  beziehen,  ist  eine  besondere  Vorsicht 

m  der  Aufnahme  einzelnstehender,    sonst  nicht  weiter  vor- 

komn^nder    Scenen    geboten,   und    zu  andern  Fragen  hin- 

MChtlich  der  Richtigkeit  der  Deutung  haben  wir  hier  auch 

die  zu  stellen,  ob  wir  in  freien  Kunstschöpfungen  (im  Gegen- 

liiaÜB  zu  der  Art  der  Tabulae  iliacae   und  der  Miniaturen  in 

Handschriften)   gewisse  Momente  überhaupt  dargestellt  ver- 

;  ttiltthen  dürfed.   Sieher  steht  in  einem'  pompeianigcheti  Wand- 

;     [186a  L  2.]  15 


218      Sitzung  der  phihs^-phüdl.  Glosse  vom  1.  Fthruar  1868. 

gemälde  der  Streit  zwischen  Agamemnon  und  Achilles:  aaf 
ihm  beruht  der  ganze  Conflict  der  Ih'as;  aber  selbst  dieser 
Streit  hätte  eine  baldige  Versöhnung  nicht  ausgeschlossen} 
Wenn  nicht  Agameiijinon  seine  Drohung  ausgeführt  und  für 
den  Verlust  der  Chryseis  durch  die  Briseis  sich  entschädigt 
hätte.  Erst  durch  diese  That  wurde  der  Conflict  unheilbar, 
und  es  ist  also  gewiss  nicht  zufällig  ^  wqnn  wir  ausser  dem 
Streite  auch  der  Wegfuhrung  der  Briseis  in  einem  pompeia- 
nischen  Wandgemälde  begegnen  und  dieselbe  Scene  ausserdem 
in  zwei  Vasenbildern  (Ove^beck  XVI,  3 ;  Mon  d.  Inst.  VI,  19) 
und  in  einer  späteren  Broncegratiruug  (Mon.  VI,  48)  wieder- 
finden. 

Gegen  di^se  beiden  Momente  tritt  die  Einschiffung  der 
Chryseis  an  Bedeutung  YÖllig  zurück ;  die  Tabula  iliaca  und 
die  Miniaturen  übergehen  sie  wohl  mit  Bedacht  und  wählen 
den  menschlich  jedenfalls  bedeutungsvolleren  Moment  der 
Rückkehr  zu  ihrem  Vater.  Hätte  aber  ein  früherer  darge- 
stellt werden  sollen,  so  würden  die  Künstler  in  der  Haupt- 
sache schwerlich  von  Homer  abgewichen  sein  :  es  wäre  ihnen 
eigentlich  nur  der  einzige  Moment  übrig  geblieben,  wo  Aga- 
memnon die  Chryseis  dem  Odysseus  zur  Fortgeleitung  fiber- 
giebt;  denn  das  Wesentliche  ist  eben  die  Entlassung  aas 
der  Obmacht  des  Agamemnon.  Wenn  wir  nun  in  dem 
pompeianischen  Gemälde,  welches  man  auf  die  Einschiffung 
der  Chryseis  hat  beziehen  wollen,  Agamemnon  nicht  gegen- 
wärtig sehen,  so  muss  uns  schon  dadurch  die  Richtigkeit 
der  Deutung  in  hohem  Grade  bedenklich  werden. 

Sehen  wir  uns  jetzt  die  Gestalt  der  angeblichen  Chryseis 
genauer  an,  so  muss  es  ferner  auffallen,  dass  sie  unver- 
schieiert  dargestellt  ist,  wähend  die  Briseis  bei  ihrer  Wegfuhrung 
und  nicht  minder  die  Chryseis  in  den  Miniaturen  züchtig  ver- 
schleiert sind,  wie  es  ihrem  jungfräulichen  Wesen,  namentlich 
wo  sie  von  fremden  Männern  weggeführt  werden,  nothwendig 
zukömmt.    Aber  auch  sonst  zeigt  sich  in  ihrer  ganzen  Gestalt 


Bnmni  Tratsch  Miscdlen.  219 

wenig  JongfräulicheB ;  sie  tritt  vielmehr  auf  mit  der  Würde 
einer  Frau. 

Für  die  weitere  Betrachtung  müssen  wir  jetzt  unsere 
Aufmerksamkeit  auf  einen  Punkt  lenken,  der  bisher  noch 
nicht  genügend  berücksichtigt  worden  ist,  nemlich  auf  die 
Hand^  die  am  Vordertheile  des  Schiffes  über  dem  Kranze 
sichtbar  wird.  Sollte  durch  dieselbe  der  ursprüngUche  Er- 
finder der  Composition  so  compendiarisch  und  nur  so  ganz  im 
Allgemeinen  die  Gegenwart  menschlicher  Gesellschaft  im  Schiffe 
haben  andeuten  wollen?  Gewiss  nicht.  Wir  können  also  nur 
annehmen,  dass  das  Gemälde  entweder  bei  seiner  Auffindung 
beschädigt  war  und  beim  Herausnehmen  aus  der  Wand  an 
einer  Seite  beschnitten  wurde,  oder  dass  der  pompeianische 
Maler  eine  gegebene  Composition  nicht  in  den  ihm  vergönnten 
Baum  zu  zwängen  vermochte  und  sie  deshalb  auf  der  ihm 
minder  bedeutend  erscheinenden  Seite  verstümmelte.  Jeden- 
falls werden  wir  uns  die  Hand  zu  einer  ganzen  im  Schiffe 
befindUchen  Figur  ergänzen  müssen,  welche  die  nahende 
Frau  zum  Einsteigen  einladet.  Man  wird  vielleicht  sagen, 
das  sei  Odysseus,  der  die  ganze  Gesandtschaft  leitet.  Allein 
auch  bei  der  Einschiffung  der  Ühryseis  wäre  sein  Platz  nicht 
im  Schiffe,  sondern  neben  der  seinem  Schutz  anvertrauten 
Jungfrau.  Das  Miniaturbild  kann  uns  lehren ,  was  hier  die 
Alten  für  schicklich  hielten,  und  die  Darstellungen  der  Briseis 
dienen  zu  weiterer  Bestätigung.  —  Die  verlorene  Gestalt 
ladet,  wie  gesagt^  die  weibliche  zum  Einsteigen  ein,  vielleicht 
mit  einer  gewissen  Eile,  wohl  um  ein  gewisses  Zögern,  eine 
gewisse  Bedenklicbkeit  zu  überwinden,  die  sich  in  der  ganzen 
Haltung  der  Frau,  wenn  auch  nur  leise  angedeutet  findet. 
Warum  aber  sollte  Chiysets  zögern  und  nicht  vielmehr  freudig 
eilen,  um  zum  Vater  zurückzukehren?  Das  ist  nicht  Ghryseis, 
sondern  -r  Helena,  die  im  Begriffe  das  heimische  Land  zu 
verlassen  noch  einen  kurzen  Augenblick  zögert,  ob  sie  dem 
Verführer  folgen  soll. 

15* 


SSO      Sitfung  der  phHoB.-phiM,  CUuse  vom  1,  Februar  1868. 

Vergleidiangen  pompeianischer. Gemälde  mit  den  Beliefe 
etraskischer  Aschenkisten  werden  im  Allgemeinen  nnr  Yor- 
sichtig  anzuwenden  sein.  Aber  wenn  wir  in  diesen  Helena 
fast  regelmässig  von  einem  Jünglinge  anä  einem  Knaben  zum 
Schiffe  geleitet  sehen,  ganz  so  wie  in  dem  Gemälde,  so  ist  das 
doch  wohl  kaum  zufallig,  sondern  deutet  auf  einen  bestimmt 
ausgebildeten  kfinstlerischen  Typus.  -Paris  sitist  dort  aller- 
dings meist  neben  dem  Schiffe;  doch  findet  er  sich  auch 
einmal  in  demselben,  und  eben  so  ist  er  dargestellt  in  dem 
römischen  Relief:  Ann.  d.  Inst.  1860,  t.  d'a.  C.  Nicht 
verschweigen  will  ich,  dass  in  allen  diesen  Bildwerken,  Helena 
verschleiert  ist,  wie  sonst  Briseis  und  Ghryseis.  Gewiss  aber 
lässt  sich  in  dem  pompeianischen  Bilde  der  Mangel  des 
Schleiers  bei  der  Helena  weit  eher  reditfertigen,  als  es  bei 
jenen  Jungfrauen  der  Fall  sein  würde. 

Einen  weiteren  etwaigen  Einwurf,  dass  nemlich  in  dem 
ganzen  Bilde  keine  einzige  Figur  als  Trojaner  charakterisirt 
sei,  will  ich  nicht  damit  abweisen,  dass  ja  an  der  verlorenen 
Gestalt  des  Paris  die  asiatische  Abkunft  durch  irgend  ein 
Zeichen^  etwa  die  phrygische  Mütze  hätte  angedeutet  sein 
können^  obwohl  ich  mich  dafür  z.  B.  auf  das  pompeianische 
Gemälde  des  Parisurtheils  bei  0 verbeck  XI,  1 1  (und  wohl  auch 
Bull.  d.  Inst.  1863,  p.  99  und  130)  berufen  könnte,  wo 
auch  nur  die  Mütze  ihn  als  Phrygier  bezeichnet.  Aber  es 
ist  nicht  einmal  ein  solches  Attribut  unumgänglich  noth- 
wendig.  Nicht  nur  alle  älteren  Vasenbilder  (d.  h. '  alle, 
welche  der  grossgriechischen  Auffassungsweise  vorangehen) 
bilden  den  Paris  in  rein  griechisch-idealer  Auffassung,  sondern 
wir  finden  ihn  eben  iso  auf  mehreren  Reliefs  dai^estellt: 
Overb.  XI,  5 ;  XII,  5 ;  XIH,  3.  Aeussere  Attribute  sind  nicht 
nöthig,  wo  die  Handlung  deutlich  genug  als  solche  chara- 
kterisirt ist. 

Wenn  endlich  die  ganze  Deutung  auf  Ghryseis  zunächst 
wohl  dadurch  hervorgerufen  wurde,  dass  man  das  die  Abholung 


Brunn:  Traische  MisceOen.  221 

der  Briseis,  also  einen  bei  Homer  unmittelbar  folgändeä 
Moment  darstellende  Gemälde  als  das  Seitenstüok  d^  aägeb* 
Heben  Chryseis  betrachtete,  weil  beide  in  dem  Atrium  eines 
und  desselben  Hauses^  wenn  auch  keineswegs  an  zwei  sich 
streng  entsprechenden  Plätzen  entdeckt  wurden,  so  würde, 
selbst  zugegeben,  dass  wir  es  mit  strengen  Seitenstücken  zu 
thun  hätten,  dieser  Umstand  vielleicht  noch  mehr  gegen,  als 
für  die  Beziehung  auf  Chryseis  geltend  gemacht  werden 
dürfen.  In  frei  einander  gegenüber  gestellten  Bildern  liebten 
«8  die  Alten  keineswegs,  zeitlich  sich  so  nahe  berührende 
Facta  darzustellen,  dass  das  eine  gewissermassen  die  Fort« 
Setzung  jdes  andern  bildete.  -Denn  das  Beziehungsreiche  im 
weitere  Sinne  wird  durdi  solche  Nachbarschaft  beschränkt 
and  in  zu  enge  Grenzen  eingesdilossen :  nur  ausführliche 
üyclen  bilden  hier  eine  Ausnahme.  Lieber  wählten  sie  ent- 
weder weiter  Ton  einander  abliegende  Momente,  die  sich 
verhielten  wie  Anfang  und  Ende,  Ursache  und  Wirkung, 
oder  sie  zogen  selbst  bei  solchen  Parallelbildern  nicht  selten 
vor,  die  Gegenstücke  nicht  aus  einem  und  demselben  Mythen^ 
kreise  zu  wählen,  sondern  der  einen  Scene  eine  poetisch- 
mythologisohe  Analogie  aus  einem  anderen  Kreise  gegenüber 
zu  stellen.  Im  Torliegenden  Falle  sehen  wir  in  der  Ab- 
holung der  Briseis  eine  Scene,  in  der  einem  Helden  seine 
Geliebte,  sein  Siegeslohn  widerrechtlich  entrissen  wird.  Bildet  es 
dazu  nicht  ein  Tortreffliches  Gegenstück,  wenn  in  dem  andern 
Bilde  vom  Gaste  dem  Gastfreunde  die  eigene  Gattin  entführt 
wird?  wenn  hier  die  Gattin  zwar  etwas  zaudernd,  aber  doch 
freiwillig  dem  Verführer  folgt,  während  dort  die  Kriegs- 
gefangene ihren  ihr  liebgewordenen  Herrn  trauernd  verlässt? 
Gewiss  würde  schon  dieser  ideelle  Zusammenhang  die  Wahl 
der  beiden  Scenen  rechtfertigen.  Sie  gewinnen  aber  noch 
eine  tiefere  Bedeutung  durch  ihre  Beziehung  auf  den  troischeii 
Krieg:  der  Raub  der  Helena  als  die  erste  Ursache  desselben^ 
die  Wegführung  der  Briseis  als  die  Ursache  der  iA^v$g  des 


222      Siteung  der  phüoa.-phüol^  Clasae  wm  1.  Februar  1868. 

Adhilles  und  dadurch  als  die  Einleitung  zur  Sdilusskatastrophe 
der  langen  Kämpfe. 


Thetis  vor  Zeus  flehend? 
(Overbock  XVI,  12;  S.  890.) 

Die  Schwierigkeiten,  welche  die  Beziehung  des  bekannten 
Reliefs  mit  der  Inschrift  DIADVMENI  auf  die  den  Zeus 
anflehende  Thetis  (nach  II.  I,  500  £F)  darbietet,  sind  von 
Overbeck  allerdings  angedeutet,  aber  doch  nicht  als  stark 
genug  empfunden  werden,  um  die  ganze  Deutung  in  Zweifel 
zu  ziehen.  Dm  sie  wenigstens  zum  Theil  zu  beseitigen, 
möchte  er  annehmen,  dass  die  Figur  der  Juno  erst  beim 
Gopiren  nach  einem  älteren  Original  in  die  Gomposition 
hineingekommen  sei,  „theils  weil  sie  sich  dem  Stil  nach  von 
den  andern  Personen  unterscheidet,  theils  weil  die  Gruppe 
des  Zeus  und  der  Thetis  in  sich  abgeschlossen  ist,  so  dass 
Here  äusserUch  daneben  steht.  Auch  ihr  mit  dem  Scepter 
des  Zeus  parallel  laufendes  Scepter  ist  nicht  gefällig  und 
nicht  im  Geiste  der  übrigen  Theile  der  Arbeit."  Dieser 
letztere  Anstoss  wird  sich  schwerlich  am  Marmor  in  dem 
Maasse,  wie  in  der  Zeichnung  geltend  machen,  sofern  dort 
der  Arm  des  Zeus  mit  dem  Scepter  in  hohem  Relief,  das 
Scepter  der  Juno  ihrer  ganzen  Stellung  nach  weit  flacher 
behandelt  sein  wird.  Ausserdem  aber  erscheint  schon  in 
der  Abbildung  bei  Glarac  (200,  26)  die  Strenge  der  parallelen 
Linien  wesentlich  gemildert,  indem  die  Richtung  der  beiden 
Scepter  nach  oben  deutlich  divergirt.  Aber  auch,  dass  die 
Gruppe  mit  zwei  Figuren  abgeschlossen  sei,  vermag  idi 
keineswegs  zuzugeben:  denn  denken  wir  uns  die  Juno  nur 
einmal  weg,  so  wird  das  Gewicht  des  Zeus  die  neben  ihm 
stehende  Figur  völlig  erdräcken.  Wäre  es  die  Aufgabe  des 
Künstlers  gewesen,  ein  rein  äusserliches  Gleichgewicht 
zwischen    den   beiden    weiblichen  Figuren  h^zustellen,    so 


Brunn:  Tratsche  Misc^kn. .  223 

hätte  er  dieselbe  allerdings  schlecht  gelöst.  Allein  seine 
Absicht  war  allem  Anschein  nach  eine  ganz  andere.  Er 
stellt  allerdings  einer  Gestalt  von  imponirendem  Aeusseren 
eine  weit  weniger  gewichtige,  leichte  und  anmuthige  gegen- 
über; aber  indem  sich  Zeus  von  der  ersteren  weg  dieser  , 
letzteren  zuwendet,  neigt  sich  die  Waage  wieder  nach  dieser 
Seite,  und  so  ist  für. das  geistige  Auge  das  Gleichgewicht 
völlig  wiederhergestellt.  Schwerlich  aber  kam  es  dem  Künstler 
darauf  an,  nur  materiell  oder  äusserlich  das  Gleichgewicht 
herzustellen;  sondern  es  scheint  vielmehr,  dass  die#ganze 
geistige  oder  poetische  Conception  auf  diesem  feinen  Ab- 
wägen  beruht.  Zwei  Frauen  treten  vor  Zeus,  um  gewisse 
Ansprüche  zu  erheben ,  die  eine  mit  dem  Ausdrucke  des 
Stolzes,  man  möchte  sagen,  mit  einem  gewissen  Trotze,  die 
andere  weit  minder  zuversichtlich;  aber  indem  sie  auch 
schmeichelnde  Bitten  nicht  verschmäht,  gewinnt  sie  die  Gunst 
des,  Zeus  und  die  Entscheidung  kann  nicht  gegen  sie  aus* 
fallen.  Dieses  Grundmotiv  wird  keine  Erklärung,  die  über«* 
zeugen  will,  ausser  Acht  lassen  dürfen.  Wer  aber  sind  die 
beiden.  Frauen?  Ich  will  nicht  genauer  ulitersuchen,  ob  der 
antike  Künstler  die  Mutter  des  Achill  halbnackt  dargestellt 
haben  würde:  die  erhaltenen  Monumente  sprechen  weit  mehr 
gegen  als  für  eine  solche  Annahme.  Aber  leugnen  wird 
niemand,  dass  sich  in  der  ganzen  Gestalt  und  Haltung  ein 
leiser  angeborener  Zug  von  Goquetterie  ausspricht;  und  ganz 
abgesehen  davon,  dass  ein  solcher  Zug  gerade  in  der  home- 
rischen Scene  sehr  wenig  am  Platze  erscheint,  wird  ein  unbe- 
fangenes Auge  auf  den  ersten  Blick  in  der  ganzen  Gestalt 
weit  lieber  eine  Venus  als  eine  Thetis  erkennen.  Eben  so 
wenig  veimag  ich  in  der  andern  Gestalt  die  Juno  als  völlig 
sicher  zu  betrachten.  Die  Bildung  des  Kopfes,  die  Haar- 
tracht, das  Fehlen  der  Stirnkrone,  eine  gewisse  Jugendlich- 
keit der  Erscheinung  sprechen  vielmehr  entschieden  gegen 
diese  Benennung.     Geben  wir  sie  auf ,  so  ist  der  Kreis ,  in 


234      Sitzung  der  ph£h$.'ifliaol  CUtm  vm  t  Februar  1868, 

4^m  wir  dne  andere  zu  suchen  haben,  ein  nemlieh  «Dg 
]t)qgrenzter;  und  man  wird  mir  gewiss  ohne  weiteren  Beweis 
gern  ^ug^ben,  dass  die  ganze  Gestalt  in  ihrar  koniglidieii 
Würde  und  Haltung  sich  sehr  wohl  für  einie  Prosfirpina 
eignet,  sofern  sich  ein  Mjthus  nachweisen  }ässt,  in  dem  sie 
als  Gegnerin  der  Venus  ihre  bestimmte  Stelle  hat.  Es  ist 
der  Mythus  von  dem  Streite  der  beiden  Göttinnen  über  den 
Besitz  des  Adonis  nach  der  Erzählung  des/Panyasis  bei 
ApoUodor  III,  14,  4.  Venus,  von  der  Schönheit  des  kleinen 
Adonis  entzückt,  verbirgt  denselben  in  einem  Kasten  imd 
übergibt  ihn  der  Proserpina  zur  Bewahrung,  die  aber  später 
von  gleichen  Gefühlen  gefesselt,  .ihn  nicht  wieder  herausgaben 
will.  Als  der  Streit  vor  Zeus  gebracht  wird,  entscheidet 
dieser,  dass  Adonis  das  eine  Drittel  des  Jahres  der  Proser- 
pina,  ein  zweites  der  Venus  gehören  soU,  während  für  das 
dritte  ihm  selbst  die  Wahl  gelassen  wird,  die  für  die  Vemis 
ausfällt.  Erst  vor  wenigen  Jahren  ist  dieser  Mythus  in 
einigen  Kunstdarstellungen  erkannt  worden.  In  zwei  Vasen- 
bildern (Bull,  nap.  N.  S.  VII,  t.  9;  BuU,  d.  Inst.  1843,  p.  180) 
ist  der  kleine  Adonis  selbst  gegenwärtig ;  auf  einem  Sjaegel 
(Gerb.  325)  ist  zwischen  den  Streitenden  der  Kasten  aulgestellt; 
in  einem  andern  Vasenbilde  (Mon,  d.  Inst.  VI,  42),  sofem 
wir  der  mindestens  sehr  wahrscheinlichen  Peutung  StepbaBi'i 
in  den  Annali  1860,  ^p^  319  folgen,  ist  der  Kasten  durch 
eine  Vase  vertreten.  In  unserem  Relief  fehlt  freilich  jede 
Andeutung  der  Gegenwart  des  Adonis:  denn  etwa  anzu- 
nehmen, dass  der  allerdings  etwas  grosse  viereckige  Sitz  das 
Zeus  den  Kasten  repräsentiren  solle,  scheint  mir  doch  eins 
zu  derbe  Zumuthung  für  den  feinen  Sinn  eines. griechischen 
Kunstlers.  Aber  wenn  schon  der  Maler  der  dritten  Vass 
sich  mit  der  mehr  beiläufigen  Andeutung  durch  eine  Hydria 
begnügte,  so  konnte  die  noch  sparsamere  Plastik  auch  auf 
diese  verzichten,  namentlich  wenn  das  Relief,  wie  wir  viel- 
leicht annehmen   dürfen,   nicht  ganz  isolirt  stand,   sondern 


Brunn:  Troiache  MisceUen,  225 

wenigstens  urspränglich  einen  Tbeil  '«ines  grösseren  Cyclns 
za  bilden  oder  an  einem  mit  Venus«-  oder  Adoniscultns  zn« 
iammenhängenden  Orte  aufgestellt  zu  werden  bestimmt  war. 
Auf  dem  Spiegelbilde  erscheint  Venus  weinend ,  Proserpina 
eifrig  ihre  Anfiprüche  vertretend;  auf  den  Vasen  Prosei^ina 
mhig  and  zuversichtlich,  Venus  entweder  auf  den  Enieen 
Schutz  suchend  oder  in  lebhafter  Erregung  herbeieilend. 
Ib  dem  Relief  ist  das  Verhältniss  allerdings  nicht  völlig  das« 
selbe;  aber  Proserpina  wenigstens  bewahrt  ihre  stolze  und 
zuversichtliche  Haltung,  welche  durch  die  stylistische  Be- 
handlung der  Figur  noch  besonders  betont  erscheint;  und 
wenn  Venus  hier  ihren  Zweck  mehr  durch  schmeichlerisches 
Zureden  zu  erreichen  strebt,  so  ist  diese  Auffassung  ihrem 
Wesen  nicht  weniger  entsprechend,  als  ihr  erregteres  Auf- 
treten in  den  andern  Darstellungen. 

Diomedes  und  Glaukos  Waffentausch. 
(Overbeck  XVI,  13;  S.  397.) 

Diese  Scene  glaubt  Overbeck  „wo  nicht  gewiss,  so  doch 
sehr  wahrscheinlich^^  in  einem  kleinen  attischen  Vasenbilde 
Jia  erkeuinen,  das  uns  zwischen  zwei  wegschreitenden  Bogen« 
sobtttsen  zwei  einander  gegenüberstehende  schwerer  gerüstete 
FignrM  zeigt ,  von  denen  die  eine  ihren  Schild  vom  Boden 
zo  erbeben  im  Begriff;  ist.  Einen  Austausch  der  Waffen 
äQde  ich  in  keinem  Motiv  angedeutet.  In  den  Gestalten 
aber,  namentlich  d^n  beiden  mittleren,  tritt  uns  eine  gewisse 
Schlankheit  und  Leichtigkeit  entgegen ,  die  dem  Charakter 
der  beiden  Homerischen  Heiden  und  überhaupt  männlicher 
Käiopfer.  wem'g  zu  entsprechen  scheint.  Nehmen  wir  dazu, 
daae  keine  von  allen  Figuren  bärtig  ist,  so  werden  wir  nicht 
zweifeln,  dass  der  Künstler  Amazonen  vorstellen  wollte,  wobei 
das  Fehlen  der  weissen  Farbe  an  den  nackten  Theilen  der 
Körper  hier   (wie  bei  andern^  von  Stackeiberg  gldchzeitig 


226      Sitzung  der  phiha-philöl.  CUuse  vom  i.  Februar  1868, 

publicirten  attischen  Lekythoi)  durch  die  Flüchtigkeit  der 
ganzen  Behandlung  seine  Entschuldigung  findet  Die  beiden 
Bogenschätzinnen  sind,  unsern  Tirailleurs  entsprechend,  im 
Begri£Ee  nach  zwei  Seiten  auszuschwärmen.  Sie  werfen  nodi 
einen  Blidk  nadi  rückwärts,  um  sich  zu  überzeugen,  dass 
ihnen  auch  die  nothwendige  Deckung  sofort  nachfolgen  wird. 
Eine  schwergerüstete  Amazone  steht  bereits  fertig  und  fast 
ungeduldig  da;  eilig  greift  die  andere  nach 'ihrem  Sdiild; 
sobald  sie  ihti  erhoben,  werden  beide  folgen.  So  aufge&sst 
gewinnt  das  Bild,  was  es  an  mythologischer  „Erudition"  ein- 
büsst,  an  frischem  Leb^n  reichlich  wieder  und  scheint  in 
seiner  leidit  und  anspruchslos  hingeworfenen  Behandlung 
seines  attischen  Ursprungs  durchaus  würdig. 

Iliupersis. 

Unter  den  uns  erhaltenen  Kunstwerken,  welche  nicht 
eine  einzelne  Scene,  sondern  ein  Gesammtbild  der  Hia- 
persis  darstellen  woHen,  nimmt  neben  der  Vivenziovase  die 
erst  kürzlich  von  Heydemann  (Berlin  1866)  schön  heraus- 
gegebene Schale  des  Brygos  die  erste  Stelle  ein.  Doch 
wird  die  Freude  an  der  Betrachtifng  des  schönen  Bildes 
einigermassen  beeinträchtigt  durch  die  Schwierigkeiten,  welche 
sich  bei  näherer  Prüfung  des  Einzelnen  der  Erklärung  dar- 
bieten: Schwierigkeiten,  welche  der  verdiente  Herausgeber 
trotz  seiner  sorgfaltigen  und  fleissigen^  Untersuchungen  zu 
losen  nicht  im  Stande  gewesen  ist.  Richtig  betonte  er,  dass 
die  Wegfiihrung  der  Polyxena  'durch  Akamas  im  Widersprud^ 
mit  der  litterarischen  wie  mit  der  künstlerischen  Tradition 
steht.  Seine  eigene  Annahme,  dass  der  Name  der  Polyxena 
vertauscht  und  vielmehr  die  Wegfiihrung  der  Aethra  darch 
Akamas  dargestellt  sei,  scheint  allerdings  die  zunächst  liegende 
zu  sein;  allein  es  widerspricht  ihr  die  ganze  Ersdieinung 
der  B'rauengestalt.    Selbst  wenn  an  der  Aethra  der  Vivenzio* 


Brunn r  Troiache  MiseeUeti.  227 

Vase  keine  Sparen  des  Alters  erkennbar  wären  \Ae  sind 
aber  laut  brieflicher  Mittheilung  Benndorfs  am  unteren  Theile 
des  Gesichtes  vorhanden  und  auch  im  Stiche  des  Museo 
Borbonico  XIV,  43  durch  die  unter  dem  Kinn  stark  herab- 
hängende Haut ,  wenn  auch  ungenügend ,  angedeutet) ,  so 
würden  wir  darin  eine  Ausnahme  sehen  müssen,  ein  Ver- 
sehen des  Künstlers,  das  uns  nicht  für  andere  Darstellungen 
.Folgerungen  zu  ziehen  gestattet.  Im  Bilde  des  Brygos  aber 
widerspricht  ausserdem  der  schöne  Schmuck  im  Haar  durchaus 
dem  Wesen  einer  Sclavin,  in  welcher  Rolle  Aethra  hier  erscheinen 
müsste.  Nicht  mindere  Schwierigkeiten  bietet  die  Gruppe 
der  Andromache.  Es  ist  wohl  die  Frage  gestattet,  ob  dieses 
wild  anstürmende  Weib  die  geringste  Aehnlichkeit  mit  dem 
Charakter  der  edlen,  duldenden  Gattin  des  Hector  hat,  wie 
er  uns  in  übereinstimmender  Weise  durch  die  ganze  poetische 
Deberlie^erung  des  Alterthums  entgegentritt.  Fragen  dürfen 
wir  femer,  ob  wir  in  der  einem  Andromachos  zu  Hülfe 
eilenden  Andromache  gerade  die  Gatjtin  des  Hector  zu  er- 
kennen haben.  Es  scheint  allerdings  nöthig  wegeü  der 
Nähe  des  Astyanax.  Aber  dieser  fliehende  Astyanax,  wo 
hat  er  in  Poesie  oder  Kunst  sein  Vorbild?  Und  wird  nicht 
die  von  dem  Maler  durch  das  Fortlaufen  der  Darstellung 
unter  einem  der  Henkel  stark  betonte  Einheit  des  ganzen 
Bildes  durch  den  doppelten  Astyanax,  den  fliehenden  und 
den  von  Neoptolemus  dem  Tode  geweihten,  vollständig  zer- 
rissen? Wo  alle  Versuche,  die  Schwierigkeiten  einzeln  zu 
lösen,  nicht  nur  bis  jetzt  gescheitert  sind,  sondern  überhaupt 
ziemlich  hoffnungslos  erscheinen,  da  werden,  wir  es  schon 
einmal  wagen  dürfen,  den  Knoten  mit  einem  Schlage  zu 
zerhauen  oder  richtiger:  durch  eine  einzige  principielle  Ent« 
Scheidung  die  verschiedenen  Schwierigkeiten  insgesammt  aus 
dem  Wege  zu  räumen: 

Zwei  Elemente  sind  es,  auf  die  wir  uns  bei  der  Inter- 
pretation dieser  Vase  angewiesen  sehen  :    1)  die  Figuren  in 


228      Sitzung  der  phihi.'^pkiaiA.  Ctose  vrnn  1.  FehrtMf  1868. 

ihrer  äusseren  Ersohemung  und  lebendigen  Handhmg,  qqI 
2)  die  Inschriften.  Stellen  ^ir  jetzt  die  Frage,  welchem 
£l«3)eiit6  die  grössere  Autorität  gebührt,  so  werden  wir  toia 
archäologischen  Standpunkte  aus  bei  einem  so  sorgfÜtig 
durchgeführten  Gemälde  um  die  Antwort  nicht  verlegen  sein 
dürfen.  In  einem  Kunstwerke  muss  in  erster  Linie  das,  wat 
sidi  in  den  künstlerischen  Motiven  klar  ansspricht,  für  die 
Erklärung  bestimmend  sein,  und  kein  beigefügter  Name  ver« 
mag  die  Bedeutung  ein^  in  klaren  Zügen  dargestellten 
Handlung  zu  verändern.  Betrachten  wir  also  sunächst  die 
Malerei  des  Brygos  für  sich  allein  und  ohne  uns  um  die 
beigeschriebenen  Namen  zu  kümmern. 

Keiner  w^*teren  Erklärung  bedarf  die  Haaptscene: 
Priamus  auf  dem  Altar  und  Neoptolemus,  welcher  den 
Astyanax  zu  zersdimettem  im  Begriff  ist.  In  ihrer  typischen 
Durchbildung,  die  keinem  Missverständnisse  Raum  bietet, 
führt  de  uns  in  einen  bestimmten  Kreis  ein,  innerhalb 
dessen  die  Deutung  der  übrigen  Scenen  mit  Nothwendigkeit 
gesucht  werden  muss.  Was  in  dem  von  dieser  Gruppe  weg- 
sdireitenden  Paare  Akamas  und  Polyxena  od^  Aethra  an- 
zuerkennen uns  hindert,  ist  bereits  oben  angedeutet  worden. 
Aber  es  bleibt  noch  eine  dritte  Wegführung  übrig,  auf  welche 
bereits  Overbeck  S.  624,  Anm.  4  beiläufig  hingewiesen  hat: 
die  Wegführung  der  Helena  durch  Menelaus.  Für  Helena 
passt  die  jugendlich  schöne  Gestalt,  passt  auch  der  vornehme 
Bchmuck  der  Stimbinde.  Für  sie  schickt  es  sidi,  dass  sie 
bei  dem  drohenden  Tode  des  Priamus  und  Astjanax  -zwar 
nicht  in  wilde  Verzweiflung  ausbricht,  wohl  aber,  dass  sie 
noch  einen  theilnehmenden  Blick  nach  dem  Schicksale  der- 
jenigen zurückwendet,  in  deren  Mitte  sie  so  lange  gelebt. 
Während  femer  ein  Enkel  der  Aethra  seinen  Blick  auf  die 
wiedergefundene  Aethra  richten  würde,  -schreitet  Menelaus 
ernst  voran.  Die  erste  Begegnung  war  keine  freundliche; 
und  wenn  auch  nach  Lesches  beim  Anblick  der  Helena  der 


Brtmn:  TroUche  MisceUm*  229 

Hand  des  Menelans  das  Schwert  entsinkt  ^  so  sdieint  doch 
bei  Arktinos  die  Versöhnung  nicht  sor  schnell  erfolgt,  sondern 
Helena  zunächst  als  Gefangene  nach  dem  Lager  der  Griechen 
geführt  worden  zu  sein.  So  scheint  Menelaus  hier  vorwärts 
za  schreiten  noch  sinnend  über  die  Entscheidung,  die  er  dem 
treulosen  Weibe  gegenüber  zu  fassen  haben  werde,  während 
Helena,' der  wenigstens  ^ür  den  Augenblick  keine  Gefahr 
droht,  ohne  Widerstreben  folgt  und  durch  den  rückwärts 
gewendeten  Blick  gewissermassen  Abschied  nimmt  von  dem  - 
Orte  ihres  bisherigen  Aufenthaltes. 

.  Wenden  wir  uns  jeizt  zur  andern  Seite  der  Schale,  so 
zeigt  uns  die  erste  Gruppe  nur  das  Bild  emes  Kampfes 
zweier  Krieger,:  deren  einer  unterliegt.  Eine  weitere  Chara- 
kteristik liegt  hödistens  darin,  dass  der  eine  mit  Schild, 
Helm  und  Beinschienen  gerüstet  ist,  während  der  andere 
ohne  Schutzwafifen  den  Streichen  seines  Gegners  biossgestellt 
ist.  Ohne  Absicht  scheint  diese  Unterscheidung  nicht  einge- 
fuhrt;  denn  sie  wiederholt  sich  in  der  folgenden  Gruppe 
eines  Eämpferpaares ,  die  aber  ausserdem  erweitert  wird 
durch  die  Dazwischenkunft  zweier  Frauen  und  eines  Knaben. 
Hier  wird  es  klar,  dass  wir  nicht  einen  Kampf  im  offenen 
Felde  vor  uns  haben,  an  dem  sich  Frauen  nicht  betheiligen 
würden.  Feinde  sind  unerwartet  in  bewohnte  Orte  einge« 
dmngen.  Der  Bewohner  eines  Hauses  hat  'sich  aufgerafft 
zum  Schutze  seiner  Familie,  aber  schon  an  der  Schwelle, 
möchten  wir  sagen,  sinkt  er  von  tödtlichen  Streichen  getroffen 
nieder.  In  Verzweiflung  sucht  eine  Bewohnerin  ihr  Heil  in 
der  Flucht;  die  andere  dagegen,  Gattin  und  Mutter,  wagi 
noch  dem  Geschicke  entgegen  zu  treten,  um  den  Gatten, 
wenn  nicht  zu  retten,  doch  zu  rächen,  und  dem  Sohne  die 
Flucht  zu  ermöglichen.  Gewaltig  ist  ihre  Anstrengung ;  doch 
schwerlich  werden  die  schwachen  Kräfte  des  Weibes  ihr  Ziel 
erreichen :  nur  um  so  sicherer  geht  sie  dem  Tode  entgegen, 
vielleicht  einem  erwünschten  Geschicke,  während  die  FlieJtoiidea 


2  30      Sitzung  der  philos.'phüal,  Cktsse  vom  L  Februar  1666. 

wohl  ihr  Leben  retten  mögen,  aber  nur  um  für  die  Freiheit 
ewige  Knechtschaft  ein^tanschen.  Eine  Scene  der  Iliupersis, 
in  welcher  namhafte  Personen  in  solcher  Verbindung  er- 
schienen,  ist  uns  nicht  überliefert;  aber  sie  spricht  für  stA 
selbst  so  deutlich,  dass  wir  der  Namen  gar  nicht  bedürfen, 
weder  zum  Verständuiss  dieser  einzelnen  Scene,  noch  für 
den  Zusammenhang  des  Ganzen.  Fassen  wir  jetzt  dieses 
Ganze  kurz  ins  Auge:  Zweck  des  troischen  Krieges  war  die 
Wiedergewinnung  der  Helena  und  Rache  an  Priamus,  seinem 
Geschlechte  und  seiner  Stadt.  Brygos  eröfifnet  sein  fiild  mit 
der  Wegführung  der  Helena  aus  Troja.  Die  wehrhaften 
Männer  aus  Priamus  Geschlecht  sind  bereits  früher  gefallen; 
nur  er  selbst  und  der  jüngste  unmündige  Sprosse .  sind  noch 
am  Leben:  ihr  Tod  aber  steht  unmittelbar  bevoV  in  der 
zweiten  Scene«  Wer  bleibt  nun  nach  dem  Tode  der  Edlen 
übrig?  Nur  das  namenlose  Volk.  Seinem  Untergange  ist 
die  zweite  Hälfte  des  Bildes  gewidmet.  Aber  während  in 
der  ersten  das  Einzelne  durch  die  Traditionen  der  Poesie 
und  der  Kunst  vorgeschrieben  war  und  in  ihr  die  mythische 
Bedeutung  des  Ganzen  ruht,  ist  die  zweite  allerdings  allge- 
meiner gehalten;  doch  der  Künstler  hat  es  Verstanden,  das 
Gleichgewicht  herzustellen,  indem  er  hier  das  allgemein 
menschliche  Interesse  durch  den  Ausdruck  stärkster  Leiden- 
schaft in  der  kämpfenden  Frau  zu  fesseln  wusste  und  auch 
äusserlich  in  dieser  knabenschützenden  Gestalt  das  prägnan- 
teste Gegenbild  zu  dem  knabenvertilgenden  Neeptolemns 
hinstellte.  So  schliesst  sich  alles  zu  einer  schönen  Einheit 
zusammen,  und  nachdem  wir  von  dem  Anfangspunkte  an, 
der  durch  das  Ornament  unter  dem  eine^  Henkel  gegeben 
ist,  das  Ganze^  durchlaufen  haben,  ist  die  Idee  einer  Ilinpersis 
vollständig  gegeben ,  ja  in  den  oben  angedeuteten  Haupt- 
momenten sogar  YoUständig  erschöpft.  Selbst  die  Vivenzio- 
Vase,  so  vorzüglich  ihre  Durchführung  im  Einzelnen  ist, 
erscheint  uns  neben   der  Gomposition   des  Brygos   als  eise 


Brunn:  Iroiache  Miscdlen,  231 

ZasammenstelluDg  von  Episoden^  die  ihre  Verknüpfung  nur 
in  dem  äusseren  historischen  Faden  haben,  nicht  wie  hier 
in  einer  einheitlichen  künstlerischen  Idee.  ' 

und  die  so  gefundene  prächtige  Einheit  sollen  wir  uns 
wieder  zerstören  lassen  durch  die  Inschriften,  welche  Alles  viel- 
mehr verwirren  als  aufklären  ?  Iql  tlinzelnen  sind  Versehen, 
Verwechselungen  und  Vertauschungen  von  Inschriften  auf  Vasen 
schon  mehrfach'  und  mit  unzweifelhafter  Sicherheit  nachge- 
wiesen worden.  Wir  dürfen  wohl  aber  auch  im  Allgemeinen 
auf  das  Fabrikmässige  im  ganzen  Betriebe  der  Vasenmalerei 
hinweisen.  Trotz  aller  Vorzüglichkeit  vermögen  mr  doch 
eine  Composition  wie  die  vorliegende  nicht  als  eine  freie 
Originalschöpfung  des  Brygos  zu  betrachten:  es  genügt  auf 
die  Gruppe  des  Priamus,-  Neoptolemus  und  Astyanax  hinzu- 
weisen, in  der  sich  die  Hauptmotive  durchaus  als  typisch 
nachweisen  lassen.  Dem  Künstler  mochten  verschiedene 
Motive  zu  einer  weit  ausgedehnteren  Iliupersis  vorliegen,  aus 
denen  ihm  für  seine  besonderen  Zwecke  auszuwählen  frei- 
stand. In  dieser  Wahl ,  in  der  richtigen  Verknüpfung  des 
Einzelnen  zu  einem  Ganzen  und  endlich  in  der  Ausführung 
lag  sein  eigenes  Verdienst,  und  bis  hieher  haben  wir  den 
Künstler  tadellos  befunden.  Die  Widersprüche  beginnen  erst 
mit  den  Inschriften.  Müssen  aber  diese  von  derselben 
Band  sein,  welche  die  Figuren  zeichnete  ?  Sind  sie  ja  doch 
das  Letzte  und  erst  nach  der  Vollendung  der  Figuren  mit 
verschiedener  Farbe  auf  den  Grund  aufgesetzt.  Wir  werden 
wenigstens  als  lüöglich  zugeben  müssen,  dass  zuweilen  eine 
fremde  Hand  die  Inschriften  hinzufügte,  wenn  es  sich  nicht 
^wa  gar  noch  herausstellen  sollte,  worauf  einzelne  Spuren 
hindeuten,  dass  es  in  den  grösseren  Fabriken  besondere^ 
Schriftmaler  gab,  wie  heut  zu  Tage  neben  den  Kupferstechern 
besondere  Schriftstecher.  Dadifrch  aber  waren  dem  Irrthume 
und  den  Missverständnissen  die  Wege  hinlänglich  geebnet. 
An  einem  Akamas  und   einer  Polyxena  in  einer  äusserlich 


232      Siteung  der  phüos.-philol^  Classe  wm  1.  Februar  1868. 

ähnliclien  Verbindung,  wie  in  der  Gruppe  desBrygos,  fehlt« 
es  unter  den  Motiven  für  eine  Ilittpersis  gewiss  nicht.  Zu 
einem  Androuiachos  aber  gesellte  sich  leicht  eine  Andromache 
und  diese  zog  wiederum  leicht  einen  Astyanax  nach  siclu 
Die  Möglichkeit  der  Irrungen  wird  sich  nach  diesen  Betradi- 
tungen  nicht  abläugnen  lassen;  und  daran  werden  wir  uns 
im  vorliegenden  Falle  wohl  genügen  lassen  dürfen. 


Für  meine  Auffassung  der  Composition  des  Brygos  ak 
einer  zur  Hälfte  frei  poetisch-künstlerischen  Darstellung  bietet 
sich  mir  eine  Analogie  in  einer  freilich  späteren,  aber  gewiss 
auf  ältere  Motive  zurückgehenden  Iliupersis,  die  zufällig  von 
Overbeck  wie  von  Heydemann  übersehen  worden  ist  Sie 
findet  sich  auf  einem  Sarkophage  des  Mantuaner  Museums 
und  ist  auch  bereits  von  Labus  (Mus.  di  Mant.  III,  t  17) 
richtig  als  eine  solche  erkannt  worden.  Verschiedene  Bau- 
lichkeiten, sowie  die  Dazwischenkunft  von  Weibern  und 
Kindern  zeigen  auf  den  ersten  Blick,  dass  es  sich  bei  den 
mannigfachen  Scenen  dieses  Reliefs  nicht  um  eine  off^e 
Feldschlacht  handelt,  sondern  um  die  Einnahme  oder  Zer« 
Störung  einer  Stadt.  Entscheidend  für  die  genauere  Be- 
stimmung der  Handlung  ist  aber  die  Eckgruppe  rechts  vom 
Beschauer;  neben  oder  auf  einem  Altare  wird  ein  würdiger 
Greis  in  langem,  reichem  Gewände  von  einem  Jünglinge  bei 
den  Haaren  erfass^  und  mit  dem  Tode  bedroht,  offenbar 
Priamus,  der  durch  die  Hand  des  Neoptolemus  fallen  wird. 
Allerdings  versucht  Labus  noch  weiter  einzelne  Scenen  aus 
der  mythischen  Tradition  zu  bestimmen.  In  der  nädieten 
Gruppe '  einer  sitzenden  Frau  mit  einem  Kinde,  die  von  einem 
Krieger  am  Haar  gefasst  wird ,  will  er  Androniache  milf  i 
Astyanax  und .  Odysseus ,  der  letzteren  ahfordem  soll,  in 
einer  andern  Frau,  welche  mit  ihrer  Hand  das  Kinn  eines 
andern  Kriegers  berühre,  Helena  und  Menelaüs,  in  einer 
Alten   mit    einem    Kinde    Hecuba   mit  einon  ihrer  Enkd 


Brunn:  Traiache  UüceUm.  233 

erkennen.  Allein  der  angebliche  Odyaseu?  ist  in  keiner  Weise  als 
Boldier  ch^akterisirt  nnd  dazu  erfasst  er  nidit  etwa  den  Astyanax, 
um  ihn  der  Andromaohe  wegzunehmen,  sondern  bedroht  diese 
selbst.  Die  angebliche  Helena  berührt  keineswegs  das  Kinn  des 
Menelaus,  sondern  sie  kommt  der  sogenannten  Andromache 
zu  Hülfe.  Die  angebliche  Hecuba  ist  durchaus  eine  Neben- 
figur. Andere  Namen ,  Agamemnon ,  Diomedes  werden  nur 
vermuthungsweise  genannt  und  zuletzt  geht  liabus  selbst,  so 
Zfi  sagen,  der  Athem  aus  und  er  lässt  einen  grossen  Theil 
der  Figuren  ganz  ohne  Namen.  Gewiss  mit  Eecht:  wir 
Terzichten  gern  auf  alle  mit  einziger  Ausnahme  des  Priamus 
und  Neoptolemus :  diese  beiden  genügen,  den  Gegenstand  im 
Allgemeinen  zu  fixiren;  im  Uebrigen  durfte  es  sich  der 
Künstler  gestatten^  denselben  in  freier  Weise  auszumalen. 
Ladern  er  uns  zeigt,  wie  auf  Seite  der  Besiegten  die  jugend- 
lichen Kämpfer  bereits  todt  und  gefallen  sind,  wie  der 
Widerstand  nur  noch  durch  einige  schwache  Greise  geleistet 
wird  und  sich  die  Wuth  der  Sieger  nun  bereits  gegen  wehr- 
lose Weiber  und  Kinder  richtet,  hat  er  geleistet,  was  wir 
yerlangen  dürfen:  während  er  auf  einzelne  durch  die  Poesie 
ausgebildete  Episoden  verzichtet,  welche  die  Aufmerksamkeit 
für  sich  in  Anspruch  nehmen  und  theilen  würden,  gibt  er 
uns  ein  Gesammtbild  Yon  den  Gräueln  der  Zerstörung  einer 
Stadt,  in  welcher  wir  durch  die  Gruppe  des  Priamus  sofort 
Troja  erkennen. 


Die  Betrachtung  dieses  Sarcophags  veranlasst  mich  zu 
einer  scheinbar  weit  abliegenden  Abschweifung  über  eine 
angebliche  Troilus-Darstellung. 

Wo  wir,  wie  bei  der  Troilussage,  ganze  Beihen  von 
Vasen  und  etruskisch^  Aschenkisten  besitzen,  welche  uns 
den  ganzen  Verlauf  des  Mythus  klar  vor  Augen  stellen,  da 
erscheint  es  gewiss  als  ein  sehr  zweifelhafter  Gewinn,  diese 
Reihen  durch  ungenügend  charakterisirte  Darstellungen  aus 
[1868. 1.  2.]  16 


234      Sitzung  der  philaa.-pMol.  Ctasse  ixm  1.  Februar  1868. 

andern  Denkmälerklassen  vermehrt  zu  sehen.  Von  solcher 
Art  aber  sind  die  beiden  von  Overbeck  S,  357  unter  N.  27 
und  28  (nach  Welcker  A.D.  V,  S.  466)  angeführten  römisdien 
Reliefs,  von  denen  ich  allerdings  nur  das  zweite  aus  der  Ab- 
bildung bei  Labus  (Mus.  di  Mantova  WL,  9)  kenne«  Labos 
erkennt  in  diesem  und  dem  mit  ihm  zusammengehörigeD 
Relief  auf  T.  8,  welches  trauernde  Frauen  darstellt,  die 
Nebenseiten  eines  Sarcophages  und  vermuthet,  dass  auf  der 
Vorderseite  etwa  Hectors  Tod  oder  Auslösung  od^  nodi 
wahrscheinlicher  eine  Iliupersis  dargestellt  gewesen  seu 
Auffallen  kann  bei  dieser  Vermuthung  nur  der  eine  Umstand, 
dass,  wer  sie  aufstellte,  nicht  sofort  den  positiven  Beweb 
ihrer  Richtigkeit  lieferte.  Die  von  Labus  gewünschte  lUu- 
persiä  ist  nemlich  die  eben  betrachtete  auf  Taf.  17  desselben 
Bandes;  denn  das  Bein  eines  Kindes,  welches  Welcker  auf 
der  Abbildung  nicht  fand,  das  aber  auf  Taf.  9  neben  der 
rechten  Hand  des  bekleideten  Kriegers  sichtbar  ist,  gehört 
deutlich  dem  Knaben  auf  der  linken  Reiiefseite  von  Taf.  17 
an.  ^)  Wenn  nun  die  Iliupersis  der  Hauptseite  nur  durch  die 
Ermordung  des  Priamus  charakterisirt  wird ,  sonst  aber  in 
verschiedenen  Episoden  ohne  In£vidualisirung  des  Mythos 
behandelt  ist,  wenn  ferner  auf  der  einen  Nebenseite  ganz 
allgemein  eine  Gruppe  trauernder  Frauen  dargestellt  ist,  so 
werden  wir  auch  auf  der  andern  Nebenseite  nicht  ein  weit 
abliegendes  Factum  aus  den  Anfängen  der  troischen  Kämpfe 
annehmen   dürfen ,    sondern ,    selbst    wenn    halbverstandene 


1)  Eben  so  wird  nach  Analogie  des  von  mir  in  den  Mon.  d. 
Inst.  IV,  9  publicirten  Hochsseitsarcopbages  der  Sarcopbagdeckel  bei 
Labus  III,  13  mit  der  Hochzeitdarstellang  auf  Taf.  53  zvl  verbinden 
sein.  Die  Nebenseiten  ab«r  finden  sich  I,  47:  ein  Popa  mit  dem 
Opferstier  rechts;  ein  Gamillus  und  zwei  Frauen  (Grazien?)  links. 
Auch  die  bacchischen  Reliefs  II,  25  und  29  scheinen  zwei  zusammen- 
gehörige Sarcophagseiten,  zu  denen  aber  die  Hauptseite  fehlt 


^  Brunn:  Troiache  Miscdlen.  235 

'troilttsmotive  vom  Künstler  benützt  sein  sollten,  nur  eine 
Kampfeeene  allgemeiner  Art,  die,  wie  so  häufig,  nur  in  ganz 
loser  Beziehung  zur  Hauptseite  steht. 

Dasselbe  wird  aber  jetzt  auch  von  dem  nach  Welcker 
fast  ganz  übereinstimmenden  Brescianer  Relief  gelten  müssen, 
sofern  dieses  überhaupt  von  dem  Mantuaner  verschieden  ist. 
Welöker  citirt '  letzteres  nur  aus  Labus ;  ersteres  beschreibt 
er  nach  eigenen  Notizen.  Eine  Verwechselung  zwischen 
Mantna  und  Brescia  in  Welckers  Tagebüchern  würde  aber 
ein  so  kleiner  Irrthum  sein,  dass  wir  ihn  lieber  annehmen 
Werden,  als  die  gewiss  sehr  auffällige  Wiederholung  zweier 
imiaerhin  eigenthämlicher  Sarcophagseiten. 


Mit  den  bisher  gewonnenen  Resultaten  über  die  Iliupersis 
werden  wir  uns  noch  einem  dritten  Monumente  zuwenden 
dürfen,  das  zwar  einen  späteren  Moment  behandelt,  aber 
dodi  im  engsten  Zusanimenhange  mit  Ilions  Zerstörung 
sieht.  Ich  meine  das  von  Thiersch  in  den  Abhandlungen 
unserer  Akademie  V,  S.  108  ff.  zuerst  herausgegebene 
Silbergefass  des  hiesigen  Antiquariums,  welches  Heydemann 
kurz  und  ohne  von  Thiersch  abzuweichen  besprochen 
und  auf  Taf.  2,  4  wieder  abgebildet ,  kürzlich  auch  College 
Christ  in  den  Sitzungsberichten  des  Münchener  Alter- 
thuibsvereines  1866—67,  S.  27  ff.  nochmals  behandelt  hat. 
8o  wenig  auch  Thiersch  im  Stande  gewesen  ist,  für  die 
(nadi  Analogie  der  Leichenfeier  des  Patroclus  angeord- 
nete) Schiachtung  troischer  Kriegsgefangenen  durch  Neopto- 
lemus  eine  bestimmte  poetische  Quelle  nachzuweisen,  so  darf 
doch  seine  Erklärung  in  der  Hauptsache  nicht  in  Zweifel 
gezogen  werden.  Eine  secundäre  Bestätigung  für  dieselbe 
bietet  u.  A.  auch  das  Schildzeichea  eines  Begleiters,  insofern 
darin  statt  des  Menelaus  mit  der  Leiche  des  Patroclus  jetzt 
richtiger  Aiax  mit  dem  Leichnam  des  Achilles  erkannt  wird, 
wodurch  wir  in  bestimmter  Weise  daran  erinnert  werden, 

16* 


236      Sitzung  der  phüoa.-phücl  Ckme  vom  1.  Februar  1868. 

dass  gerade  zu  Ehren  des  Adiilles  die  Men^chetiopfer  yoQ- 
zogen  werden  sollen*  Dass  Thiersch  in  der  Hauptscene  für 
keine  Figur  ausser  Neoptolemus  und  der  Minerva  meu 
bestimmten  Namen  vorschlägt ,  kann  ich  nur  billigen.  Die 
Annahme  dagegen,  dass  Neoptoletnus  auf  Anrathen  der 
Minerva  dem  Blutvergiessen  Einhalt  zu  thun  gebiete,  scheint 
mir  dem  Charakter  des  Helden  sowohl  als  der  Göttin  wenig 
angemessen.  Die  Bache  des  Neoptolemus,  der  auch  dam 
ganz  der  Sohn  seines  Vaters  ist,  lässt  sich  nicht  erschöpfen, 
so  lange  noch  ein  Object  vorhanden  ist,  an  dem  sie  sich 
kühlen  lässt..  Um  einer  blos  menschlichen  Rührung  willen 
durfte  weder  ein  Dichter  noch  ein  Künstler  das  eigentlicbe 
Ethos  seines  Helden  zerstören.  Und  auch  Minerva  verlang 
Troja's  völligen  Untergang.  Also:  der  Rest  des  Geschlechtes 
der  Männer  muss  vertilgt  werden,  das  ist  der  Inhalt  der 
Hauptscene. 

Es  fragt  sich  nun  weiter,  wie  die  Frauengruppen  zu 
fassen  sind,  die  gewissermassen  die  beiden  Flügel  zu  dem 
Gentrum  bilden.  Thiersch  möchte  als  Hauptgestalten  in 
denselben  Polyxena  und  Andromaehe  erkennen:  letztere  in 
der  am  Boden  kauernden  Gestalt  der  Gruppe  links,  vor  der 
ein  nacktes  Enäblein  auf  der  Erde  sitzt ;  Polyxena  in  der 
ebenfalls  am  Boden  sitzenden  Mittelfigur  der  Gruppe  rechts. 
Der  in  ziemlicher  Entfernung  von  ihr  stehende  Mann  mit 
dem  Schwerte,  der  übrigens,  wie  aus  noch  vorhandenen  Spuren 
ersichtlich  ist ,  in  der  nur  wenig  vorgestreckten  EUnd  einen 
Speer  hielt,')  soll  endlich  Odysseus  sein,  welcher  nahe,  am 
sie  zur  Opferung  abzuholen.  Gegen  diese  Annahme  mag 
zunächst  bemerkt  werden,  dass  auch  hier,  wie  auf  dem 
Mantuaner  Sarcophage  die  specielle  Charakteristik  des 
Odysseus   fehlt.     Wollte    man    aber   behaupten ,    dass  die 


2)  Die  „schattenhafte  Gestalt*^  vor  ihm  ist  ganz  sicher^ein  Tropaim. 


Brum:  Traiache  Mkcdkn.  23t 

^tere  Typik  des  Helden  zur  Zeit  des  Mys,  auf  den  man 
die  Goinposition  unseres  Bechers  hat  zurückfuhren  wollen, 
noch  nicht  ausgebildet  gewesen  sei,  so  wärde  znerst  diese 
Znritekfährung  auf  Mys  besser  zu  begründen  sein,  als  es  bis 
jetzt  geschehen  ist:  mir  scheint  die  Erfindung  in  keinetid 
Falle  Toralexandrinisch  und  nach  manchen  einzelnen  Motiven 
keineswegs  vorzüglicher  als  z.  B.  das  bekannte  Gorsinischd 
Silbergefäss. ')  —  Abgesehen  aber  von  der  mangelnden 
CSiarakteristik  spricht  sich  in  der  Gestalt  dieses  Kriegers  in 
keinem  Zuge  die  Absicht  aus,  dass  er  gekommen  sei,  dne 
der  Frauen  abzuholen;  er  steht  einfach  da,  sie  alle  insge- 
sammt  zu  bewachen,  und  recht  absichtlich  scheint  der 
Künstler  zwischen  ihn  und  die  grössere  Gruppe  noch  die 
nnter  dem  Tropäum  sitzende  Mutter  i^iit  dem  Kinde  einge- 
schoben zu  haben,  als  wolle  er  jede  nähere  oder  persönliche 
Beziehung  zu  einer  einzelnen  Gestalt  in  derselben  absichtlich 
von  vom  herein  abschneiden.  Woran  aber  sollen  wir  dann 
die  Polytena  erkennen  ?  Tiefe,  stamme  Trauer  ist  hier  ein 
ganz  allgemeiner,  kein  individueller  Charakterzug.  —  Und 
wiederum,  weldie  Andromache  wäre  das,  die  in  Schmerz 
versunken  dasässe  und  sich  gar  nicht  um  ihr  einziges 
Söhnchen  kümmern  sollte,  das  hülflos  die  Arme  ihr  ent« 
gegenstreckt?  Wollen  wir  sehen,  wie  ein  antiker  Künstler 
solche  Scenen  charakterisirt  haben  würde,  so  bietet  sich 
mis  ein  Monument  dar,  das  fast  wie  zu  einer  solchen  Ver- 
gleichung  erfunden  scheint:  das  Borghesische  Relief  eines 
Sarcophagdeokels  mit  der  Ankunft  der  Pen&esilea  bei 
Priamus:  Overbeck  XXI,  1.  Hier  finden  wir  auf  der  einen 
Seite  der  Hauptscene    eine  trauernde '  Mutter  in  liebevoller 


3)  Richtig  weist  Friederiobs  (Bausteine  S.  285)  darauf  hin,  dass 
wegen  der  Schildgruppe  des  Aiax  mit  dem  Leichname  des  AohiUeil 
der  Becher  später  sein  muss,  als  die  bekannte  Gruppe  des  Pasquino, 
die  in  keinem  FaUe  vor  Alezander  gesetat  werden  kann. 


338      SiUfung  der  phOoa.-phüdl.  CUuse  wm  1.  Februar  1868. 

Yereii^igang  mit  dem  Kinde  auf  ihrem  Schoosae.  Das  ist 
die  echtQ  Andromadie,  die  im  AnbUoke  ihres  Kindea  nur 
um  60  tiefer  den  Oatten  betrauert.  Auf  der  anderen  Seite 
der  Hauptscene  aber  erkennen  wir  in  der  sitzenden  Fran 
mit  dem  Aschengefässe  im  Schoosse  nicht  mit  Overbeok  nadi 
Winckelmann  Andromache  nochmals,  sondern  Hecuba,  die 
Mutter  des  Hector:  ihr  geziemt  es,  das  Einzige  zu  bewahr^ 
was  vom  Sohne  ihr  übrig  bleibt,  während  der  Gattin  zunächst 
die  Sorge  für  das  Kind  obliegt.  Vor  der  Hecuba  aber  steht 
nicht  Helenos,  sondern  Paris:  nicht  des  Sehers  bedarf  es, 
der  statt  Trost  nur  neues  Unheil  weissagen  würde,  sondern 
des  Helfers ;  und  vermag  auch  Paris  der  Hecuba  ihren  Hector 
nicht  wiederzugeben,  so  vermag  er  doch  ihn  an  seinem 
Mörder  zu  rächen. 

Von  einer  so  klaren  und  sprechenden  Charakteristik, 
das  wird  jeder  zugeben,  findet  sich  in  den  Gruppen  der 
Weiber  auf  dem  Münchener  Gefass  keine  Spur,  und  wir 
werd^  daher  gewiss  gut  thun,  derartige  bestimmte  Deutnngs« 
versuche  ganz  aufzugeben.  Zum  Glück  bleibt  uns  auch  oline 
einzelne  Namen  immer  noch  ein  hinlänglich  schöner  poetischar 
Gedanke:  wie  in  der  Mitte  der  Untergang  aller  aus  der 
Zerstörung  noch  übrig  gebliebenen  Männer  geschildert  wird, 
so  tritt  uns  in  den  Seitengruppen  das  traurige  Geschi<&  der 
Frauen  und  Kinder  entgegen,  denen  ein  fast  noch  schlim- 
meres Loos  als  jäher  Tod,  nemlich  ewige  Knechtschaft  be- 
schieden ist. 

Werfen  wir  jetzt  nochmals  einen  vei^leichenden  Btixk 
auf  das  Borghesische  Relief,  so  möchte  man  anzunehmen 
versucht  sein,  dass  zwischen  demselben  und  der  Gompoation 
des  Münchener  Gefasses  sogar  ein  innerer  Zusammenhang 
stattfinde,  gerade  so  wie  er  in  der  äusseren  Gruppirung  sich 
als  ein  strenger  Parallelismus  der  Hauptglieder  darstellt: 
denn  in  dem  Marmorrelief  schliesst  die  Composition  hinter 
Paris  ab,  was  auch  äusserlich   durch  einen  in  Overbedn 


Brunn:  Trokche  MiseeOen,  239 

Abbildung  weggelassenen  Thorbogen  angedeutet  ist;  die 
ausserhalb  desselben  befindliche  Rüstungsscene  der  Amazonen 
ist  eine  Erweiterung ,  die  einzig  durch  den  langgestreckten 
Raum  des  Sarcophagdeckels  bedingt  erscheint.  So  gewinnen 
wir  gerade  wie  auf  dem  Miinchener  Gefass  eine  mittlere 
Hanptgruppe ,  denen  sich  au  jeder  Seite  eine  andere  Ton 
trauernden  Frauen  j^nschliesst.  Per  Grundgedanke  der  Com- 
position  aber  liegt  klar  und  deutlich  ausgesprochen  vor. 
Hector,  Trojans  Stütze,  ist  gefallen ;  die  Gattin  klagt  um  ihr 
Kind,  das  nun  ohne  Vater  und  Schützer  ist;  die  Mutter 
betrauert  den  Sohn,  für  den  ihr  auch  die  Rache  durch 
Paris  keinen  Ersatz  zu  bieten  vermag.  Aber  noch  scheint 
wenigstens  das  Vaterland  nicht  verloren,  da  nun  Hülfe  in 
den  Amazonen  erscheint.  Allein  auch  diese  Hoffnung  erweist 
sich  als  trügerisch:  Troja  erliegt  seinem  Geschick  und  auf 
dem  Mfinchener  Gefass  erblicken  wir  nur  noch  das  traurfge 
Nadispiel  seines  Untergangs:  das  Hinschlachten  der  letzten 
Männer  und  den  Jammer  der  Weiber  und  Kinder.  Beide 
Bilder  aber  schliessen  sich  eng  zusammen  als  die  Eingangs- 
scene  der  Aethiopis  des  Arktinos  und  die  Schlussscene  der 
Iliupersis,  ob  gleichfalls  derjenigen  des  Arktinos,  wage  ich 
nicht  endgültig  zu  entscheiden. 


240      SUgung  der  phüot.-phM,  Classe  tom  1.  Februar  1868, 


Herr  Hof  mann  legt  vor: 

,, Die  Pilgerfahrt  Karls  des  Grossen  nach  Jeru- 
salem and  GonstantinopeI(franz.-normämi]8ch)." 


Dieses  Stack  wird  später  nachgetragen  werden. 

D.  Red. 


Flath.:  Die  Sammlung  ehinea.  Werke  Han  Wei  ihsung  eehu.    241 


Herr  Plath  las: 
„lieber    die    Sammlang    chinesischer    Werke 
der  Staatsbibliothek   aus   der  Zeit    der  D. 
Han  und  Wei  (Han  Wei  thsung  schu.)*' 

Die  chinesische  Literatur  enthält  Hunderttausende  yon 
Werken,  so  dass  nichts  lächerlicher  ist,  als  wenn  La  Place 
Voyage  T,  II  p.  184  sagt:  Quoique  les  Ghinois  connaissent 
Pimprimerie ,  ils  n' ont  que  peu  ou  point  de  Hvres.  Der 
Ocean  ihrer  Literatur  ist  so  gross,  dass  wir  nicht  wagen 
könnten,  ihn  auch  nur  überblicken  zu  wollen,  wenn  die  Chi- 
nesen nicht  selbst  durch  grosse  Sammlungen  und  üeber- 
sichten  ihrer  Bücher  uns  zu  Hülfe  kämen.  Wie  man  bei 
uns  jetzt  Sammlungen  deutscher  u.  a.  Glassiker  macht,  so 
hat  mau  in  China  schon  früher  solche  veranstaltet;  eine  der 
bedeutendsten  der  Art  aus  der  Zeit  der  D.  Ming  und  den 
Jahren  1403—25  ist  der  Yung-lo  ta-ticA  in  22,870  Büchern* 
Kaiser  Eien-lung  aus  der  jetzigen  D.  beabsichtigte  eine 
solche  in  160,000  oder  nach  anderen  180,000  Heften.*) 
Ich  habe  in  meiner  Geschichte  des  östlichen  Asiens  B.  IL 
S.  813  einige  nähere  Nachrichten  darüber  gegeben.  Der 
Druck  begann  1773  und  man  druckt,  wie  es  heisst,  (?)  noch 
daran  fort.  Nach  P.  Hyakinth's  Bescription  de  Peking  p.  84 
waren  im  Jahre  1818  75,854  Hefte  erschienen;  andere 
sprechen  von  78,627  Bänden.  *)     Von  dieser  Bibliothek  des 


1)  Bazin  sagt,  ich  weiss  nicht  mit  welchem  Grande,  die  Zahl 
der  Werke  sei  übertrieben,  es  seien  nur  10,500. 

2)  Die  Geschichten  dcnr  grossen  Dynastien  enthalten  immer  eine 
Abtheilnng  aber  die  Bibliographie ;  so  der  Han-schu  Bach  30,  derSai* 
»chu  B.  82—35,  der  Thang-scbu  B.  57—60  u  s.  w.j  ab^  es  sia4 


244     aUmmg  ä»  phOoi.-thiUL  Oatm  wm  1.  FOruar  li€8. 

0 

w«idäiifiger  werden  oiaBsen,  als  der  Baum  ans  gestattet, 
wenn  wir  toü  alldn  iäi  Detail  sprec^n  wollten.  Wir  werdot 
also  die  weniger  wichtigen  nur  korz  nach  Titel  nnd  Verfaite« 
beseiohnen  aod  nar  Ton  den  interessanteren  den  Inhalt  oder 
einige  kurze  Proben  angeben.  Zu  An&ng  im  ersten  Hefte 
ist,  wie  gewöhnlich,  eine  Debersicht  sämmtlicher  Werke,  di^ 
es  tins  ermöglichte,  die  ganze  Sammlang,  die  sehr  durch« 
einander  geworfen  nnd  in  2  Gonvolnte  g^theilt  war,  xn 
ordnen.  Früher  wohl  sdilecht  aufbewahrt,  sind  mehrere 
Hefte  Ton  Mäusen  ganz  zerfressen. 

Abtheilung  I.  hat  den  Titel  Sttig-i ,  wörtlich  Flügel 
der  elastischen  Sdiriften. ')  Sie  beziehen  sich,  ine  der  Titel 
sdion  sagt,  zum  grossen  Theil  auf  die  King,  hegreifeii  aber 
auch  diesen  femer  stehende  Schriften,  Encjklopädien  üa4 
WiMerbficher. 

1)  T-lin  von  Tsiao-kung  oder  kan,  aus  der  Dy* 
nastie  Han,  4  Einen  in  4  Heften.  Y  ist  der  Y-king,  lin  heiast 
der  Wald  und  bezeichnet ,  wie  das  lateinische  sylva  ja  wdd, 
öfter  auch  eine  Sammlung  ron  Bemerkungen  oder  Erläuter- 
ungen. Bs  sind  kürze  Sätze  zum  Y*king  nach  der  Folge 
der  Kua's.  Für  jede  ist  ein  Abschnitt,  deren  also  64  sind 
und  in  jedem  kehren  die  64  Eua*s  wieder.  ^) 

3)  Y-tschuen.    Ueberlieferungen  auch  fßam  Y*king,  in  3 
IQuen  iu  2  Heften  von  King-^füng^),  unter  Kaiser  Hau« 


8)  Im  Han-8cha  Bach  80  f.  ▼. ,  wo  er  den  Y-king  in  12  Pten 
auffahrt,  sagt  die  Note  des  See-ka:  sehang  hia  King  Id  scbi  i ,  kn 
sdü-enl  pien,  nennt  also  die  Anhange  snm  Y*king  dessen  10  FlugeL 

4)  Der  Katalog  U  f.  17  unter  HI:  Tsen-pu  hat  einen  Y-lin  m 
le  Kiaen  von  Tsiao,  der  aber  wohl  verschieden  ist  Ma-tnan-lii 
Buch  175  f.  7  y.  hat  einen  Y-lin  von  Tsiao-schi  in  16  Kiuen,  der 
lliang-schn  Buch  59  f.  16  wohl  diesen  Tsiao-kang  Y-lin  in  16  Kinea 
und  noch  andere.  Er  stellt  sie  unter  Ahtheilnng  m,  13  u-hinf, 
von  den  6  Elementen. 

5)  Der  Katalog  Kiuen  11  t  17  hat  dan  Werk  aaeh  unter  dem 


FMk:  Die  Samwüung  chines.  Werke  Em  Wei  thmig  eehu.    246 

T$ching-ti  (32 — 6  y.  Chr.)'   Angehängt  ist  noch  eine  andere 
knrase  Erklärung: 

3)  Kuen-lang's  Y-tschu^n,  aus  der  Zeit  der  Nord- 
Wei;  nur  14  Blätter,  11  Ti.    Auch  das  vierte  Werk 

4)  Tscheu-y  lio-Iie  io  nur  1  Kiuen,  u.  7  Artikeln,  auf 
16  Blättern  von  Wang-pi,  aus  Schan-yang,  unter  der  Dynastie 
Tsip,  bezieht  sich  auf  die  Erklärung  eines  Theiles  des  Y-king, 
der  Siang  u.  s.  w.  S.  Ma-tuan-lin  6.  175  f.  8.  Wichtiger  als 
diese  sind: 

5)  San-fen-schu,  1  Kiuen,  das  unter  der  Dynastie 
Tsin  Yuen-hien  oder  han  erklärte.  Wir  haben  dieses 
Werk  schon  in  u.  Abh.  chronolog.  Grundlage  der  alten  chin. 
Gesch.  S.  33  (&  B.  1867  II.)  erwähnt.  Man  hatte  nach  Tso- 
tschnen  Tschao-kung  anno  12  —  welche  Stelle  die  Vorrede 
dtirt  —  ein  altes  Werk  San-fen,  welches  nach  Kung*ngan- 
kue  von  den  3  Hoang,  Fo*hi,  Schin-nung  und  Hoang-ti  ge- 
handelt haben  soll,  das  ist  indess  verloren  und  dieses  ein 
späteres  Werk,  welches  es  wohl  ersetzen  sollte. 

P.  Premare  Diso.  Frei,  zum  Ghouking  p.  LIK  und  LXXXYU  be- 
merkt, dass  dieses,  welches  öfter  von  Lo-pi  aus  der  Zeit  der  Dynastie 
Song  (954—1279)  citirt  werde,  erst  nach  der  Zeit  des  Geschicht- 
schreibers Pan-ku  erschienen  sei,  so  %ich  die  Vorrede.  Ausführlicher 
spricht  davon  de  Guignes  Preface  zum  Chouking  p.  XX.  Man  ent- 
deckte im  ersten  Jahrhunderte  nach  Chr.  dieses  kleine  Werk  bei 
einem  Privatmanne,  wagte  aber  nicht  es  far  den  alten  San-fen  aus- 
zugeben. Es  sei  in  der  Pariser  Bibliothek  und  enthalte  eine  sehr 
kurze  Geschichte  der^d  genannten  alten  Kaiser,  vorher  aber  die  der 
Schöpfung  der  Welt  und  wie  Fo-hi  die  Menschen  lehrte  in  Gesell- 
schaft zu  leben ;  zu  Anfange  jedes  der  3  Theile  des  Werkchens  finde 
man  eine  Anzahl  Maximen  über  die  Pflichten  der  Fürsten  gegen  ihre 
Unterthanen  in  wenig  Worten  >  mit  Bezug  auf  die  64  Symbole  d^s 


Tsea-pn,  Ma-ttian*lin  B.  176  f.  4  %g.,  hat  Eing-fimg  T  tschuen 
4  Einen.  P.  Begis  Einleitung  zum  Y-king  I.  p.  98  fg.  spricht  von  ihm. 
Der  Han-schu  B.  90  i.  2  hat  mehrere  Werke  über  den  T-king  von  ihm. 


248      SiUtmg  der  pkOoa.'pfUkll.  Ckuse  wm  1.  Febmar  1868. 

Quallen  zum  Leben  des  Confacias  S.  86  (452)  erwähnt  (Unsere  An- 
gäbe über  das  Werk,  das  damals  uns  nocb  nicht  vorlag,  ist  inden 
ungenau).  Der  Thang-schu  E.  57  f.  4  v.,  Ma-tuan-lin  B.  179  f.  1  r., 
und  der  Katalog  Kien-lung's  K.  2  foL  25  haben  es  auch  unter  den 
Schriften,  die  sich  auf  den  Schi-king  beziehen,  aufgeführt. 0  Legge 
Chin.  Glassics.  111,  2  p.  536  übersetzt  den  Titel:  Einleitung  in  den 
Schi-king  von  Han-yng,  dies  gibt  aber  eine  falsche  VocstellaBg  von 
dem  Buche.  £s  sind  Geschichten  und  Aussprüche,  auf  welche  der 
Verfasse  am  Sichlusse  immer  eine  Stelle  des  Schi-king  bezieht,  wie 
auch  der  Katalog  andeutet.  Wir  werden  in  ConfucittS  und  seiner 
Sphüler  Leben  upd  Lehren  mehreres  daraus  mittheilen.  Das  erste 
Beispiel  ist  von  Tseng-tseu,  (auch  im  J-sse  95,1  f.  19  v.);  E.  2  f.  5  v., 
^e  3  Worte  des  Weisen  nach  Tseng-tseu  Die  Inhaltsanzeige  des 
Werkes  vorne  gibt  nicht  den  Inhalt  im  Einzelnen  an,  sondern  sagt 
nur,  dass  Kiuen  1—10:  29,  34,  39,  33,  32,  27,  28,  35,  27  und  25  Bei- 
spiele oder  Muster  (Tse)  enthalten. 

10)  Mao-schi  thsao,  mo,  niao,  scheu/  tschnng, 
iü  SU,  d.  i.  Erklärung  der  Pflanzen ,  Bäume,  Vögel,  Yier- 
fässer,  Insekten  und  Fische  des  Schi-king  von  Mao,  ^)  1  Heft 
in  2  Abtheilungen  von  Lo-ki,  aus  dem  Reiche U,  s.  Ma-tuan- 
lin  K.  179  f.  3  u.  Eat.  E.  2  f.  12  v.  Der  Titel  besagt  schon, 
dass  es  Erläuterungen  der  Pflanzen  und  Thiere  enthält,  die 
im  Schi-king  vorkommen.  Die  Püanzennamen  werden  ge- 
deutet und  dann  zur  Erläuterung  Stellen  aus  dem  Tschün- 
thsieu  und  anderen  alten  Schriften  angeführt. 

11)  Ta'^tai  Li-ki,  13  Kiuen  in  3  Heften.  Der  Sammler 
ist  Tai-te,  aus  der  D.  Han  S.  Sui-schu  B.  32  f-  11  v., 
Thang-schu  B.  57  f.  5,  M$-tuan-lin  B.  180  i  17  fg.  Kat. 
K.  2  f.  35, 


7)  Der  Han -sehn  B.  30  f.  4  verzeichnet  mehrere  Werke  zum 
Sohi-king  von  ihni)  darunter  Han  Nui-tschuen  4  Einen  u.  Han  TTai-tachuen 
6  Einen. 

8)  So  heisst  der  Schi-king  von  seinem  Ueberlieferer  s.  P.  Begis 
Einleitung  zum  Y-king  1.  p.  129  fg. 


Plath:  Die  Sammlung  chinea,  Werke  Htm  Wei  thsung  sehu,    249 

P.  Premare  1.  c.  p.  LXI  und  P.  Regia  Einleit.  zu  s.  Uebersetz. 
des  Y-king  T.  1  p.  142  sprechen  dayon.  Der  alte  Li-ki  ist  bekannt- 
lich Terloren;  unter  der  D.  Han  sammelte  man  Stücke,  die  ihn 
ersetzen  sollten,  erst  in  85  Cap. ;  das  ist  ursprünglich  der  Li-(ki)  Ta- 
tai's;  sein  Bruder  Tai-sching  jeduzirte  ihn  auf  49,  das  ist  der 
Siao-tai-li  und  unser  jetziger  Li-ki.  Die  Abschnitte,  die  nicht  darin 
angenommen  worden,  bilden  nun,  was  man  jetzt  den  Ta-tai-li-(ki) 
nennt.  Unser  Li-ki  ist,  wenn  auch  unvollständig  und  mangelhaft 
auf  Kosten  der  Turiner  Akademie  der  Wissenschafben  von  Gallery 
herausgegeben,  da  ganze  Capitel  und  Theile  derselben  ausgelassen 
sind ;  dieser  Ta-tai-li  aber  noch  nicht.  Da  er  aber  manche  Abschnitte 
über  Confucius  und  seine  Schüler  und  einige  über  chinesische  Alter- 
thümer  enthält,  scheint  es  nicht  unzweckmässig,  den  Inhalt  der  ein- 
zelnen Abschnitte  anzugeben,  da  ihrer  nicht  allzuviele  sind. 

K.  1  enthält  Abschnitt  (Tif)  39  Tschü-yen;  (auch  im  J-sse  B.  96, 
1  f.  27  T.  fg.)}  ist  ein  Gespräch  des  Confucius  mit  seinem  Schüler 
Tseng-tseu;  dann  Ti  40  Lu  Ngai-kung  wen  u  i,  d.i.  Ngai-kung 
von  Lu  fragte  nach  den  5  J  (Rechten);  Ti  41,  Lu  Ngai  kung  wen 
iü  Eung-tseu,  d.  i.  derselbe  fragte  Confucius;  Ti  42  Li-san-pen, 
die  3  Wurzeln  der  Ritus  oder  der  Bräuche. 

E.  2.  Ti  46,  Li-tscha,  Untersuchung  der  Gebräuche  (Aus- 
sprüche des  Confucius),  dann  Ti  47  Hia-siao-tsching,  der  kleine 
Kalender  der  (1.  D.)  Hia,  ein  altes,  merkwürdiges  Stück,  welches 
Biot  im  Joum.  As.  1840  Ser.  XU.  T.  10  p.  551—^0  übersetzt  hat. 
Die  Bibliothek  hat  es  nochmals  in  den  Auszügen  aus  42  chinesischen 
Werken  (Sse  sohi  eul  tschung  pi  schu)  K  1  und  der  J-sse  B.  153 
foL  1 — 3.  Wir  werden  es  in  dem  Abschnitte  über  den  Ackerbau 
der  alten  Chinesen  mittheilen. 

K.  3,  Ti  48  Pao-t sehnen,  etwa  von  der  Erhaltung  (der 
Hen^scbaft).  Der  Anfang  —  die  2.  D.  Yn  hatte  über  30  Generationen 
(Sl)  das  Kaiserthum,  dann  erhielt  es  die  3.  D.  Tscheu.  Tscheu  hatte 
es  über  30  Generationen  (37),  dann  erhielt  es  die  D.  Thsin.  Thsin  hatte 
es  nur  2  Generationen  über,  dann  ging  die  D.  zu  Grunde  —  zeigt 
schon,  dass  dieser  Abschnitt  ein  späteres  Product  ist. 

K.  4  und  5  beziehen  sich  auf  Confucius  Schüler  Tseng -tseu. 
Legge  Prol.  B.  1  p.  119  sagt:  He  was  a  voluminous  writer.  Ten  books 
of  his  composition  are  said  to  be  contained  in  the  RiteS  of  the  eider 
Tae  (unserm  Ta-tai-li).    Die  Abschnitte  lauten:  Ti  49,  Teeng-tseu 


9)  Er  zählt  von  Abschnitt  (Ti)  39  an;  s.  darüber  die  Vorrede. 
[1868,  L  2.]    ^  17 


250      Sitzung  der  pHüos^philoh  Glosse  vom  1.  Februar  1668. 

li  88  6,  wie  er  die  Geschäfte  ordnete,  ausgezogen  im  J-sse  K.  95, 
f.  83 — 86  V.;  Ti  60.  Tseng-tseu  pen  hiao,  derselbe  über  die  Wurzel 
der  Pietät,  ausgezogen  im  J-sse  95  f.  2ö;  Ti  61  Li  hiao,  Fest- 
stellung der  Pietät  (J-sse  ib.  f.  26  v.);  Ti  62,  Ta-hiao  (grosse  Pietät); 
Ti  53,  Sse  fu  mu,  wie  er  Vater  und  Mutter  diente  (J-sse  ib.  f.  26); 
Hft.  2  E.  6  in  8  Abschnitten  (Ti)  64—56,  dessen  Tschi-yen,  Re- 
gelung der  Worte  (J-sse ib.  f.  30  V.  —  33);  Ti67  Tseng-tseu  isi-ping, 
während  seiner  Erkrankung  (J-sse  ib.  f.  49)  und  Ti  68  T  h  i  en  -  y  u  e  n,  der- 
selbe über  des  Himmels  Rundung  (J-sse  ib.  f -46  fg.)  (der  Himmel 
galt  den  Chinesen  für  rund,  die  Erde  für  viereckig).  Wir  werden 
im  Leben  des  Confucius  und  seiner  Schüler  den  Inhalt,  dieses 
Capitels  und  der  andern,  die  Confucius  und  seine  Schüler  betreffen, 
mittheilen. 

K.  6.  Ti  59,  Wu-wang  Tsien-tsu^  d.  i.  Wu-wang  betritt  die 
Stufen  (auch  im  J-sse  102  B.20  f.  35— 86);  Ti  60,  Wei  tsiang-kiün 
Wen-tseu  (auch  im  J-sse  K.  95,  1  f.  4—5  t.),  der  General  von  Wei, 
Wen-tseu.    (Er  befragt  Confucius  Schüler  Tseu-kung  über  Confucius.) 

K.  7  Ti  62:  ü-ti-te,  die  Tugenden  der  5  (alten)  Kaiser.  Dieser 
Abschnitt  findet  sich  auch  im  Kia-iü  C.  23  fol.  36—38,  auch  im  J-sse 
B.  95,  2  f.  7  V.  Es  ist  eine  angebliche  Unterhaltung  von  Confucius 
mit  seinem  Schüler  Tsai-ngo,  die  wir  in  der  histor.  Einl.  zu  Con- 
fucius Leben  S.  99  (447)  bereits  mitgetheilt  haben;  dann  Ti  63,  Ti- 
ki,  die  Folge  und  Abstammung,  (aber  auch  Wohnung,  Frauen  und 
Kinder)  der  Kaiser  von  Hoang-ti  bis  Yü,  S..  P.  Premaro  Diso.  prel.  pag. 
CXXXIIL  und  Ti  64  Khiuen-hio,  Ermahnung  zum  Studium. 

K.  8.  T.  65,  Tseu-tschang  ji-kuan,  Tseu-tschang,  (ein  anderer 
Schüler  des  Confucius)  fragt  ihn  nach  dem  Eintritt  in^s  Amt  Daraus 
im  J-sse  B.  95,4  f.  3  v.  fg.  auch  im  Kia-iü  o.  2h^^)  Ti  66  Tsching-te, 
die  vollkommenen  fugend  ("der  Kaiser  und  deren  Folge,  auch  im  J-sse 
B.24,  5  f.  29— 31)  u.  Ti  67  Ming-tang,  Beschreibung  der  glänzenden 
Ahnenhalle  der  Kaiser  (auch  im  J-sse  B.  24,3  f.  4.) 

Heft  3.  K.  9.  Ti  68  Tsien-sching,  ein  Reich  von  1000  Streit- 
wagen; Ti  69  Sse-tai,  die  4  Generationen;  Ti  70  Yü-tai-te;  Ti  71 
Kao-tschi. 


10)  Die  Ausgabe  der  Staatsbibliothek  hat  da  durch  einen  Druck- 
fehler Pa  Kuan,  d.  i.  die  8  Aemter;  die  beiden  ähnlichen  Charactere 
Ji  (Cl.  11)  und  Pa  (Cl.  12)  sind  leicht  zu  verwechseln.  Damach  ist 
unsere  Angabe  in  d.  Abh.  die  Quellen  zu  Confucius  Leben  S.  24.  (S.  B. 
1862  1,4  S.  440)  zu  berichtigen.   . 


FMh:  Die  Sammlung  chines,  Werke  Hart  Wei  thsung  echu.    251 

K  10.  Ti  72.  Weii-wa.ng  Kuan  jin,  Wen-wang'ß  Beamte; 
Ti  73,  Tschu-hen  tsien  miao,  wie  die  Yasallenfarsten  in  den  Abnen- 
tempel  gehen  (auch  im  J-sse  B.  24,4  f.  23  t.);  Ti  73  bis  T scha- 
ll eu  hin  miao;  wie  dieselben  (den  Ahnentempel)  mit  Blut  bestreichen 
(auch  im  J-sse  24,4  f.  23  v.) 

K.  11.  Ti  74.  Siao-pien;  Ti  75,  Yung-ping,  der  Gebrauch 
der  Waffen;  Ti  76,  Schao-kien. ") 

K.  12.  Ti  77,  Schao-sse,  Hofangelegenheiten  (im  J-sse  £.  24,  3 
f  2  V.  —  S  V.  nur  bis  f.  4.)  Die  üeberschrift  ist  zu  unbestimmt,  es 
ist  von  den  Abstufungen  der  verschiedenen  Yasallenfursten  und 
Beamten- Classcn  und  ihren  Aufwartungen  am  Hofe  die  Kede;  s.  m. 
Abh.  Verf.  u.  Verwalt.  S.  57  (507  u.  fgg.),  die  es  ergänzt.  Ti  78,  Theu- 
hu,  die  Gebrauche  bei  einer  Art  von  Spielen.  Im  Li-ki  Cap.  40  ist 
ein  ähnliches  Capitel,  das  der  J-sse  24,2  f.  28  fg.  aufgenommen  hat. 

K.  13.  Ti  79,  Kung-fu;  Ti  80,  Pen-ming  (auch  im  J-sse  K  86, 1 
f.  55  y.  und  im  Eia-iü  c.  26,  ist  ein  Gespräch  Ngai-kung's  Ton 
Lu  mit  Confucius)  und  Ti  81,  Y-pen-ming,  (auch  im  J-sse  K,  95,3 
f.  27  V.) ;  es  findet  sich  auch  im  Kia-iü  c.  25  f.  4.  t.  im  J-sse  ib. 
f.  26  fg.).  Darnach  ist  es  ein  Gesprach  des  Confucius  mit  seinem 
Schüler  Tseu-hia.  Die  Angabe  des  Inhalts  aller  Capitel  mit  Er- 
klärung aller  Ueberschriften  würde  uns  hieflr  zu  weit  führen. 

12)  Tschün-thsieu  fau-lu,  4  Hefte,  in  17  Kiuen  von 
Tang  tschung  schu  aus  der  D.  Han.  S.  Thang-schu  K..57 
f.  7  V.,  Ma-tuan-liu  B.  182  f.  15  v.  u.  Kat.  K.  3  f.  20  v. 
Es  bezieht  sich  auf  den  Tschün-thsieu. 

I^an-lu  bezeichnet  die  Quasten  und  Schnüre  einer  Krone ").  Der 
bjldliche  Ausdruck  soll  wohl  solche  Anhängsel  oder  Discurse  zum 
Tschün-thsieu  bezeichnen.  Es  enthält  82  Abschnitte  (Ti)  Ton  sehr 
mannigfaltigem  Inhalte,   den  im  Einzelnen  anzugeben,   uns  zu  weit 


11)  Ti  68,  69,  70,  71,  74,  75  und  76  hat  der  J-sse  K.  86,  1  f.  40 
— 53  aus  (Kung-tseu)  San-tschao-ki,  7  Pien  und  bemerkt  am 
Schlüsse,  alle  seien  im  Ta-tai-li.  Der  Han-schu  6.  SO  f.  8  v.  hat  es 
noch  als  ein  besonderes  Werk. 

12)  So  im  Tscheu-schu  K.  7  Ti  59  f.  5  v. :  der  Kaiser  stand  das 
Gesicht  nach  Süden  (gewandt);  seine  Krone  (mien)  war  ohne  Schnüre 
(wu  fen-lu). 

17* 


254      Sitzung  der  philas.'phüöl.  Gasse  vom  1,  Februar  1868, 

4  Jahreszeiten),  J-tschang  (von  den  Ober-  und  Unterkleidern), 
U-hing  (von  den  5  Strafen),  Ü-king  (von  den  5  classischen  Schriften), 
Kia  thsiu  (vom  Heirathen  von  Mann  und  Frau),  Fo-mien  (von 
den  Troddeln  an  der  Mütze  oder  dem  Hut),  Sa'ng-fu  (von  der 
Tranerkleidung  und  endlich  vom  Tode  des  Kaisers  und  der  Fürsten, 
wofür  die  Chinesen  besondere  Wörter  haben,  Fang  uud  Hang. 
Eine  systematische  Ordnung  wird  man,  wie  überhaupt  in  den  chine- 
sischen Schriften ,  so  auch  hier  vermissen ,  indess  gewähren  diese 
Werke  doch  mancherlei  Belehrung  über  chinesische  Alterthümer 
and  Grundsätze. 

14)  Thu-tuan,  1  Heft,  33  Blätter  in  2  K.  von  Tsai- 
yung  aus  der  D.  Han,  S.  Ma-tuan-lin  187  f.  6.  Der  Katalog  13 
f.  5  V.  hat  es  unter  Tseu-pu,  Tsa-kia-lui  und  auch  neben  den 
Pe-hu-turig  gestellt.  Der  Titel  ist  schwer  zu  übersetzen.  Tu 
heisst  allein,  Tuan  Abschnitt,  Bestimmung,  Entscheidung. 
Es  fehlen  auch  ein  Inhalts- Verzeichniss  und  bestimmte  Ab- 
theilungen; daher  ist  auch  der  Inhalt  in  Kürze  schwer 
anzugeben.  Es  werden  hier  z.  B.  zu  Anfange  (und  daraus 
im  J-sse  K.  2  f.  1  u.  1  v.)  die  verschiedenen  Namen, 
welche  die  Kaiser  führten,  erst  Hoang,  dann  unter  Yao 
und  Schün  Ti,  unter  der  ersten  2.  u.  3.  D.  Wang  und  so 
auch  andere  Ausdrücke  und  wer  jeden  brauchte,  dann  BegriflFe 
und  Sitten  erklärt  und  Stellen,  wo  sie  in  den  King  vor- 
kommen, angeführt;  vielleicht  könnte  man  es  daher  geben, 
allein  richtige  Bestimmung  oder  Entscheidung,  doch  geht 
der  chinesische  Begriff  viel  weiter;  f.  18  gibt  die  Namen 
der  Kaiser,  namentlich  der  D.  Han. 

15)  Tschung-king  **),  das  klassische  Buch  über  die 
Redlichkeit,  von  Fu-fung-ma-jung,  aus  der  D.  Han. 

Es  behandelt  die  Eedlichkeit  (Tschung)  unter  verschiedenen  Ver- 
hältnissen in  18  Abschnitten  (Ti),  mit  Citaten  aus  dem  Schu-king,  Sohi- 
king  u.  s.  w.  z.  B.  1)  Thien-ti  schin  ming  tschang,  wie  sie  sich 


14)  Dieses- Werk  ist  in  China  ganz  verbund^i;  der  Inhalt  findet 
sich  hinter  n.  14,  daa  W«rk  aber  vor  n.  12  K.  9,  wie  n.  16  u,  n.  17 
hinter  n.  3. 


Plath:  Die  Sammlung  chines,  Werke  Han  Wei  thsung  schu,    255 

zeig^  liinsiohts  des  Himmels,  der.  Erde  und  der  Geister,  2)  Sc  hing* 
kiün,  bei  höchst  weisen  Fürsten,  3)  Mufig-tschin,  bei  den  Beamten, 
i)  Pe-knng  bei  den  100  Gewerkem,  5)  Schea-tsai,  bei  denen,  die 
Aemter  haben  und  in  Ycrschiedenen  Yerhältnissen,  T.  15  Tschung- 
kien,  die  Redlichkeit  im  Tadeln,  endlich  T.  18  Tshin-tschung, 
die  vollendete  Redlichkeit. 

16)  Hiao-tschuen  ,  Erzählungen  von  besonderer 
Pietät.  Es  sind  nur  6  Blätter  von  Thao-tsien  aus  der 
D.  Tsin,  kleine  Geschichten  von  frommen  Kaisern,  Vasallen- 
fürsten, Ta-fu's  (Grossen),  Sse  (Literaten)  und  gemeinen 
Leuten  (Schu-jin). 

Die  folgenden  4   sind  verschiedene  Wörterbücher.**) 

17)  Siao  Eul-ya,  nur  7  Blätter,  von  1  ung-fu,  einem 
Nachkommen  des  Confucius,  aus  der  D.  Han,  s.  Han-schu 
B.  30  f.  9  V.  u.  Thang-schu  B.  57  f.  11.  Dieser  bringt  es, 
wie  die  folgenden  Wörterbücher  unter  Siao-hio,  Elementar- 
büchjBr. 

Es  ist  kein  Auszug  aus  dem  grossen  Eul-ya«  einem  Wörterbuche 
in  Sachordnung,  das  noch  aus  der  3.  D.  Tscheu  herstammen  soll,  sondern 
selbstständig  handelt  es  von  den  Ausdrücken  fiir  Belehrung,  Worte, 
Bedeutung,.  Namen,  Kleidern,  Geräthen,  Sachen,  Vögeln,  vierfussigen 
Thieren,  Mass  und  Gewicht  sehr  dürftig,  indem  ein  Charakter  nur  durch 
den  anderen  und  dieser  wieder  durch  einen  dritten  erklärt  wird,  ein 
grosses  Schwein,  ein  kleines  Schwein  und  dergleichen.  Bedeutender 
ist  das  folgende: 

18)  Fang-yen  in  2  Heften  und  13  Kiuen  von  Yang- 
hiung,  aus  der  D.  Han,  s.  Ma-tuan-lin  B.  189  f.  10  v. ;  der 
Sui-schu  B.  32  f,  2  v.,  der  Thang-schu  B.  57  f.  11,  ebenso 
der  Katalog  4  fol.  16  v.  haben  es  auch  unter  Eiug-pa 
Siao-hio  lui. 

Es  ist^dies  eine  alte  chinesische  Dialektologie;  Ten.  (GL  149) 
heissen  die  Worte,  Fang  (Gl.  70)  der  Gegenden.    Ich  dachte  (Vf.  u. 


15)  n.  18  u.  20  sind  unter  den  218  Wörterbüchern,  deren  chin. 
Titel  n.  Vf.  d.  Chin.  Repository  B.  17  p.438— 459  nach  dem  gr.  Ka- 
talog Vol.  21—24  aufführt. 


256      Büsung  der  pMos.'phOol  Gasse  vom  1.  Februar  1868. 

Yerwalt.  Ghina's  S.  10  (Abh.  X,2  460)  erst  über  die  Sprache  derürem- 
wohner  China's  daraus  etwas  zu  ersehen ,  aber  es  geht  nur  auf  die 
yerschiedenen  kleinen  Reiche  zur  Zeit  der  3.  D.;  s.  B.  in  Ttchu  (in 
,Ha-kuang)  sagte  man  für  gross  king,  in  Yen  u.  Nord-Tsi  (in  Schau- 
tong)  aber  ta;  für  Mutter  mu,  in  Süd-Tschu  hoang.  Nach  Meng-tsea 
III.  2,  6,  1  mnsste  ein  Mann  aus  Tsohu  (Hii-kuang)  die  Sprache  von 
Thsi  (Schan-tung)  erst  eigens  lernen,  Tgl.  III,  1,  4,  14.  Die  Einheit 
einer  Sprache  entsteht  erst  mit  einer  grösseren  politischen  Einheit. 
Die  13  Abtheilnngen  haben  keine  besondern  Ueberschriften ;  man 
sieht  auch  keine  bestimmte  Folge.  Khang-hi's  Wörterbuch  Tseu-tien 
hat  reiche,  wenn  nicht  vollständige  Auszüge  daraus  gemacht;  auch 
der  J-sse  B.  169  hia  f.  16  v.,  17  v ,  18  v.,  19  v.  gibt  einige  Stellen 
daraus.  Es  kommen  indess  auch  blosse  Erklärungen  der  Wörter 
vor,  ohne  Angabe  der  Oertliohkeit ,  wo  sie  im  Gebrauche  waren. 
Dies  Wörterbuch,  wie  n.  20  verdienten  eine  besonderer  Bearbeitung. 

19)  Po-ya  ist  ein  anderes  altes  Wörterbuch  in  Sach- 
ordnung Ton  T8chang*7  aus  der  D.  Wei  S.  Ma-tuan-lin 
B.  189  f.  9. 

Medhurst  übersetzt  den  Titel  general  knowledge  and  elegant 
attainments.  Es  zerfUUt  in  10  Kiuen  in  2  Heften,  1  —  4  Schi-ku, 
Erklärung  von  Ausdrücken,  K.  6  Schi-yen,  von  Worten;  Hft.  2 
K.  6  Schi-hiün  von  Belehrungen  und  Schi- 1 sin  von  Yerwandt- 
schafben.  E.  7.  Schi-schi  vom  Hause  und  dessen  Theilen,  Schi- 
ki  von  Geräthen,  E.  8  mit  demselben  Titel,  aber  von  Theilen 
des  Eörpers,  dann  Schi-yo  von  (alten)  Musiken  und  musikalischen 
Instrumenten,  E.  9  Schi-thien,  ti,  kibu,  schan^  schui,  von  Himmel, 
Erde,  Hüj^eln,  Bergen,  Wasser;  worunter  aber  auch  was  dazuge- 
gerechnet  wird,  z.  B.  beim  Himmel  vom  Jahre,  bei  der  Erde  von 
Edelsteinen,  Perlen,  und  geringen  Steinen  die  Rede  ist.  E.  10 
endlich  handelt  von  Pflanzen  und  Bäumen,  Insekten,  Fischen, 
Vögeln,  Wild,  Mäusen,  Pferden,  Ochsen,  Schafen,  Schweinen, 
Hunden,  Hühnern  und  was  dazu  gerechnet  wird.  Die  Erklärungen 
sind  ganz  kurz. 

Das  letzte  Werk  dieser  Classe  Nr.  20)  ist  Schi-ming, 
Erklärung  der  Ausdrücke,  4  K.  in  3  Hft.  Der  Sui-schü 
B,  32  f.  2  V.  Thang-schu  B,  57  f.  11,  Ma-tuan-lin  B.  189  f.  12 
haben  8  Kiuen.  Der  E&talog  4  f.  16  v.  hat  4  K.  20  Pien. 
Es  ist  ein  etymologisches  Wörterbuch  der  Tonsprache 


Ploih:  Die  Sammlung  dhines.  Werke  Han  Wei  theung  schu.    257 

von  Lieu-hi,    einem  Abkömmlinge  der  D.  Han;  s.  Legge 
III,   1,  Prol.  p.  205. 

Ehang-hi's  tseu-tien  hat  auch  reiche  ^  wenn  nicht  vollständige 
Auszüge  daraus;  einige  auch  der  J-sse.  Die  Chinesen  haben  be- 
kanntlich 2  verschiedene  Sprachen,  die  Schriftsprache;  über  diese 
hat  man  das  Wörterbuch  Schue-wen  von  Hiü-schin,  auch  aus  der 
D.  Han.  Obiges  Werk  behandelt  die  Wörter  der  Tonsprache  und 
sucht  die  so  vieldeutigen  Laute,  welche  in  der  Schriftsprache  durch 
verschiedene  Charaktere  oder  Gruppen  unterschieden  sind,  in  der 
Tonsprache  aber  nicht,  einige  nicht  ungeschickt  in  Verbindung  zu 
bringen;  viele  Erklärungen  sind  Ahejc  auch  willkürlich  und  ge- 
zwungen, da  der  Verf.  nicht  bei  demselben  Wortlaute  stehen  bleibt, 
z.  B.  Ji,  die  Sonne,  durch  schi  reell  erklärt,  Yure,  den  Mond,  durch 
kue  gebrochen,  weil,  wenn  er  voll  gewesen,  er  abnimmt  Yü  (Cl.  173) 
den  Regen,  bringt  er  zusammen  mit  Yü  (Cl.  124)  Federn,  da  (die 
Regentropfen)  wie  des  Vogels  Federn,  wenn  bewegt,  sich  ausbreiten 
(zerstreuen)  u.  s.  w.  Man  wird  bei  dem  jedesmaligen  Wortlaute  stehen 
bleiben  und  dabei  zunächst  das  Licht  benützen  müssen,  das  die  Schrift* 
spräche  gewährt.  S.  m.  Abb.  über  die  Tonsprache  der  alten  Chinesen 
8.  27  (in  d.  Sitzungsber.  1861  II,  S.  237  fg.)  Das  Wörterbuch  ist  auch 
,  in  Sach Ordnung.  £.  1  erklärt  die  Ausdrücke,  welche  sich  beziehen 
auf  Himmel,  Erde,  Berge,  Wasser,  Hügel,  Provinzen,  Reiche.  Hft.  2 
K.  2  die  auf  Sitten,  die  Ausdrücke  für  gross  und  klein,  Verwandt- 
schaftsverhältnisse, Worte  und  Reden,  Trank  und  Speise,  Putz-  und 
Kopfverzierungen,  Hft.  3  K.  3  die  auf  Kleider  und  Trachten,  Palläste 
und  Häuser,  Mobilien,  Bücher  Bezug  haben,  K.  4^  die  von  Geräthen, 
musikalischen  Instrumenten,  Waffen,  Wagen,  Schiffen,  Krankheiten 
und 'die  für  Trauerkleidung. 

II.    Die  2.  Abtheilung  heisst  Pie-sse^  wie  eine  Unter- 
-abtheilang  der  Gteschicbtsabtheilung  des  Katalogs  E.  5  Pie- 
ßse-lui.    Bazin    übersetzt  es   Supplemente   zur  Geschichte; 
pie  heisst  trennen,  übrig  lassen. 

1)  ist  der  Tschu-schu  ki  nien,  die  Chronik  des 
Bambubuches  ^  eine  chinesische  Eaiserchronik  von  Hoaug-ti 
bis  Tscheu  Yn-wang  a.  20  («93  v.  Chr.),  die  279  n.  Chr. 
im  Grabe  des  König  Siang  von  Wei,  der  295  y.  Chr.  starb, 
auf  Bambutafeln  in  kleinen  Siegelcharakteren  geschrieben, 
gefandep  wurde,  St  Katalog  K.  5  f.  8  v. 


258      Sitzung  der  ph/üoa.-philol  Clasae  vom  1.  Februar  J86S. 

Biot  hat  im  Jour.  As.  ser.  8.  T.  12  S.  544  u.  T.  13  eine  französische 
Ueliersetzung  davon  gegeben.  Er  hat  bei  dieser  die  Ausgabe  des 
Bambubaches  in  unserer  Sammlung  und  daneben  noch  eine  zweite 
in  der  Sammlung  von  21  geheimen  Schriften  (Nien-i  tschung  pi  schu) 
zum  Grunde  gelegt  und  Legge  Chinese  Classics  vol.  3  pars  1. 
prol.  p.  108  bis  176  hat  dann  den  chinesischen  Text  mit  einer 
englischen  üebersetzung  herausgegeben.  Unsere  Ausgabe  ist  mit  der 
Erklärung  von  Sching-yo  aus  der  D.  Leang  (502—557);  s.  Legge 
p.  206.  Es  sind  2  Hefte.  Die  Staatsbibliothek  hat  noph  eine  kleine 
Ausgabe  davon. 

2)  Mu-thien-tseu  tschuen,  d.  i.  üeberlieferung  vom 
Kaiser  Mu-wang,  von  Ko-pho  aus  der  D.  Tsin  erläutert. 
Kaiser  Mu-wang  regierte  1002—947.  Der  Schn-king  V,  25—27 
hat  einige  Capitel  aus  seiner  Zeit.  Eine  Vorstellung  Tsai-wang'a  an 
Mu-wang,  als  er  die  Kiuen-jung  bekriegen  wollte,  gegen  diese  weiten 
Züge  enthält  Tso-schi  im  Kue-iü:  (Tscheu-iü  1  f.  1,  auch  im  J-sse 
B.  26  f.  17)  vgl.  Maiila  T.  I.  p.  348.  Seine  Züge  nach  Westen  im 
17.  Jahre  erwähnt  das  Bambubuch  nur  kurz;  man  hat,  z.  B.  Weber 
in  Berlin,  aus  diesen  auf  eine  frühere  Verbindung  Chinas  mit  dem 
Westen  schliessen  wollen,  während  andere  diese  späteren  Angaben 
für  erdichtet  halten.  Mu-wang  soll  bis  an  den  Berg  Kuen-lün  und 
zur  Mutter  des  westlichen  Königs  (Si-wang  mu)  gekommen  sein; 
der  Perser  Abdallah  Beydavi**)  674  d.  H.  (1275  n.  Chr.)  in  seiner 
allgemeinen  Geschichte  lässt  seine  Züge  sich  bis  Persien  erstrecken. 
Einer  jseiner  Beamten  Thsao-fu  wird  als  gewandter  Eosselenker  ge- 
rühmt, üeber  diese  seine  angeblichen  Züge  haben  wir  nur  Panthier's 
Auszug  aus  dem  Li-tai-ki-sse  K.  6  f.  82 — 43  in  s.  Chine ,  descripti- 
on  historique,  geographique  et  literaire,  im  Univers  pittoresque 
n.  48  p.  96—100  (S.  96—101  d.  deutsch.  Uebersetz.).  Hier  ist  nun 
der  ganze  Bericht  über  diese  seine  Züge,  in  6  Kiueh  in  einem  Hefte. 
Die  verschiedene  Einreihung  des  Werkes  zeigt  schon  die  verschiedene 
Ansicht  von  ihm;  der  Sui-schu  B  33  f.  6  v.,  der  Thang-schu  B.  58 
f.  7  V.  und  Ma-tuan-lin  B.  194  f.  1  stellen  es  zur  Geschichte,  diese 
beiden  unter  11,  5  Sse  ki  kiü  tschü;  der  Katalog  14  f.  29  v.   hat  es 


16)  Abdallae  Beidavaei  P.  8  Hist.  sinica,  persice  e  Ms.  edit.  et 
latin.  reddita  ab  Andrea  Muellero,  Jena  1689  4^  p.  44.  A  Chinese 
chronicle  by  Abdalla  of  Beyza  translated  from  tbe  Persian  with  Xotes 
and  explanations  by  S.  Weston.  London  1820.  8^  p.  20: 


IMih:  Die  Samtnlung  chines.  Werke  Han  Wei  thwng  schu,       259 

aber  unter  Tseu-pu  Siao-  schae  kia  lui.*  Der  J-sse  B.  26  f.  5—13  hat 
Kiaen  1—4;  f.  13  v.  —16:  Einen  6  und  f.  18—21:  Einen  6  vollständig 
aufgenommen.  Manche  Stellen,  die  man  nicht  lesen  konnte,  sind 
auch  hier  durch  leere  Quadrate  Q  bezeichnet.  Das  Buch  verdient 
eine  besondere  Untersuchung.  Gaubil  Tr.  p.  37  und  Histoire  p.  381 
erwähnt  der  Züge  des  Eaisers.  De  Mailla  lettre,  vor  seiner.  Histoire 
general  de  la  Chine  T.  I.  p.  LXXXIY  bemerkt,  dass  es  ähnlich  wie 
das  Bambnbuoh  in  dem  Grabe  des  Eönigs  von  Wei  gefunden  wurde, 
die  Gelehrten,  die  d^s  Buch  untersuchen  sollten,  hätten  es  aber  so 
voller  Fabeln,  Extravaganzen  und  irriger  Angaben  gefunden,  dass 
sie  es  für  nieht  lesenswerth  erklärt. 

3)  Yaei-tsiue-scha,  das  abgekürzte  Buch  über  Yuei, 
von  Wang  ming  aus  der  D.  Han,  15  Kiuen  in  3  Hft. 

Tu  ei  war  bekanntlich  ein  ursprünglich  barbarisches  Reich  in  Tsche- 
kiang,  das  erst  496  v  Chr.  unter  Keu-tsien  in  die  chinesische  Ge- 
schichte eintritt  und  472  das  Reich  U  in  Eiang-nan  eroberte.  Der 
Sse-ki  B..41,  S.  B.  B.  44  S.  197--219  gibt  die  Geschichte  seiner 
Fürsten.  Dies  ist  nun  eine  besondere  Geschichte,  deren  Glaubwürdigkeit 
aber  noch  eine  Untersuchung  erforderte.  Der  Eatalog  E.  6  f.  22  v. 
fuhrt  unser  Werk  unter  dem  Sse-pu  Tsai-ki-lui  auf.  Nach  ihm  hat 
Yuen-khang  aus  der  D.  Han  es  arrangirt  (tschuen),  die  Geschichte 
der  Sui  sage,  dass  Tseu-kung  es  gemacht  habe,  aber  fölsohlich  (meu) ; 
es  seien  ursprünglich  25  Pien  gewesen,  jetzt  fehlten  aber  5  Pien. 
Der  Sui-schu  B.  33  f.  4  hat  Yuei  tsiue  ki,  16  Eiaen  von  Tseu-kung, 
ebenso  der  Thang-schu  B;.  58  f.  4  v.  Tseu-kung  Yuei  tsiue  ki,  16  E. 
mit  Eung-thiao's  Erklärung.  Aus  der  kurzen  bibliographischen  Kotiz 
ist  nicht  ersichtlich,  ob  dasselbe  Werk  gemeint  ist.  Der  J-sse  B.  89, 
96  a.  8.  w.  giKt  aus  ihm  viele  Auszüge.  Es  sind  auch  nach  dem 
chin*.  Eatalog  15  Einen.  Wir  geben  kurz  die  Inhaltsanzeige  der- 
selben mit  den  nöthigen  Erklärungen,  wo  dies  in  der  Eürze  ge* 
scbehen  kann.  H.  1.  E.  1.  Eing  Ping-wang  nui-tschuen  (auch 
im  J-sse  B.  89  f  6)  beginnt  mit  der  Geschichte  Ping-wang's  von  Eing, 
d.  L  Tschu  in  Hu-kuang  und  der  Hinrichtung  des  U-tseu-tsche,  seines 
Ministers,  durch  ihn  und  wie  dessen  SohnU-yün  oder  U-tseu-siü  um 
619  nach  ü  floh,  welches  er  organisirte  und  empor-  und  dann  gegen 
Tschu  aufbrachte.  E.  2.  Uai-tschnen^ki  U  ti,  d.i.  die  äussere  Ge- 
schichte und  Beschreibung  des  Landes  U,  beginnt  mit  Thai-pe,  den 
die  Eönigsfamilie  von  U  als  ihren  Stifter  betrachtete  und  gibt  dann» 
interessante  Nachrichten  über  die  Palläste,  Städte,  Thürme,  Flüsse 
und  Seen  des  Landes  U,  die  wir  sonst  nicht  gefunden  haben.   E*  3. 


260      SiUtmg  der  phüos.-pkM.  Clasae  vom  1.  Februar  1868. 

U*liai*ki,  innere  GeseMchte  von  U.  (auch  im  J-sse  E.-96,l  f.  31— 
84  Y.);  Hft.  2  E.  4  Ki-ni  nui  king.  Ei-ni  ist  ein  Grosser  Eea-tsteDHi 
▼on  Yaei,  mit  dem  dieser  sich  angeblich  beräth  über  den  Angriff 
auf  U.K  5.  Tsing-ti  nui  king  bespricht  Eeu-tsien's  EinsohliessoDg 
auf  dem  Berge  Hoei-ki  durch  den  Eönig  von  U  Fu-tscha  und  wis 
er  an  diesen  seinen  Minister  Tschung  absendet,  der  auch  seine  Be^ 
freiung  erwirkt.  E.  6  Uai  tschuen  ki  tshe  kao.  E.  7üaitschaen 
ki  Fan  pe,  bezieht  sich  auf  Eeu-teien's  Minister  Fan-(li)  and  di$ 
Unterhaltung  desselben  mit  ihm;  f.  2  v.  enthält  eine  Episode  voii 
Tsohin  Tsching-huan,  einem  Minister  inTsi(auch  im  J-sse  £»  96 
f .  2  V. — 7.)E.  8  üai-tschuen  ki  ti  tschuen,  beginnt  die  Geacbichte 
Yuei's  mit  Wu-iü,  dem  Ahnen  der  Fürsten,  der  das  Lehen  erhalten 
haben  soll,  um  Yü's  Grab  zu  bewachen  und  gibt  dann  Nachricht 
über  die  Städte,  Paläste  und  Berge  Yuei's  E.  9.  üai-tschuen  Ei-ni 
(auch  in  der  J-sse  B.  96,  1  f.  24  v.),  geht  wieder  auf  den  K  4 
erwähnten  Grossen.  E.  10  Uai-tschuen  ki  U*wang  Scheu-mun^ 
geht  auf  die  Geschichte  des  Eönigs  von  ü  Scheu-mung  585 — 560, 
E.  11.  Üai  tschuen  ki  pao  kien  auf  ein  kostbares  Schwert,  welches 
Eeu-tsien  hatte.  Hft.  S,  E.  12  Nui-king  kieu  scho  (auch  im  J-sse 
B.  96,  1  f.  26  V.).  Ifeu-tsien  von  Yuei  fragt  seinen  Minister  Tschung 
nach  den  neun  Mitteln,  die  es  gebe,  um  U  anzugreifen  und  es  folgen 
dann  die  gewöhnlichen  chinesischen  Ideen.  Das  erste  Mittel  ist 
Himmel  und  Erde*  zu  ehren  und  den  Geistern  zu  dienen  u.  s.  w.  und 
es  fragt  sich,  ob  diese  und  die  folgenden  Diskurse  nicht  erst  später 
gemacht  und  untergeschoben  sind.  E.  13.  Uai-tschuen  tsehin- 
tschung  (auch  im  J-sse  B.  96,  1  f.  26  v.)  Der  Eönig  Eeu-tsien  firagt 
angeblich  den  Fan-tseu,  wie  die  alten  weisen  Eönige  verfuhren  und 
er  antwortet  ihm  darauf.  E.  14.  Uai-tschuen  Tschün  schin  kiün, 
äussere  Geschichte  des  Fürsten  von  Tschün-schin,  der  Minister  war 
unter  Eao-lie-wang  von  Tschu.  (262—287  v.  Chr.).  E.  15.  Siü  uai- 
tschuen  ki. 

4)  ü  Yuei  tschhün-thsieu,  d.  i.  Chronik  der  Reiche 
U  und  Yuei  von  Tschao-y"),  aus  der  Zeit  der  2.  oder 
0.  Hau  25—220  n.  Chr.,    6  K.  in  3  Hft. 

Der  Eat.  E.  6  f.  22  v.  hat  10  Einen,  der  Sui-schu  B.  33  f.  4  und 
der  Thang-schu  B.  6S  f.  4  v.  (unter  II,  6)  12  E.  Sie  haben  aber  noch 


17)  Gaubil  nennt  den  Verf.  Tschao-hoa;  hoa  lautet  aber  nur 
die  einfache  Gruppe;  der  Eatalog  nennt  ihn  mit  einem  andern  Gharacter 
Tflohao-yo. 


Plath:  Die  Sammlung  chines.  Werke  Hon  Wei  thsung  schu.    26 f 

«ndere  Werke  unter  ähnlichem  Titel  in  10,  6  nnd  5  £.  Der  Katalog 
sagt:  Es  erzähle  der  beiden  Beiche  ü  und  Yuei  Aufgang  nnd  Unter- 
gang, Anfang  und  Ende;  der  Sui-schi  habe  12  K. ,  jetzt  fehlten  2; 
unsere  Sammlang  fasse  sie  zusammen  in  6  K.  und  lasse  den  Anfang 
aus.  Gaubil  Tr.  p.  140  erwähnt  das  Werk.  Wir  haben  in  unserer  Abh. 
über  die  Glaubwürdigkeit  der  alten  chinesischen  Geschichte.  S.  44 
(S.B.  1866 1, 4  S.  566)  davon  gesprochen.  Es  wird  darin  nemlich  der  s.  g. 
Inschrift  des  Kaiser  Yü  erwähnt,  Legge  Prol.  III.  1,  p.  67  f.,  der  die 
Aechtheit  derselben  bestreitet,  sagt  der  Yf.  sei  einTao-sse  gewesen  und 
diese  Geschichte  toII  lächerlicher  Erzählungen.  Wir  geben  den 
Inhalt  der  einzelnen  Abschnitte  kurz  an,  da  sie  keiner  weitläufigen 
Erklärung  bedürfen;  man  kann  sie  mit  der  Geschichte  von  U  im 
Sse-ki  B.  31,  übersetzt  Ton  Pfizmaier  in  seiner  Geschichte  von  U 
vergleichen.  Hft.lK.  iTil:  ü  Thai-pe  tschuen  enthält  die Ueber- 
lieferung  von  Thai-pe,  dem  Ahnen  der  Königsfamilie  (1230  v.  Chr.). 
Ti  2:  U  wang  Scheu-mung  tschuen  die  Ueberlieferung  von  U's 
König  Scheu-mung 685 — 60.  Ti3  Wang  Liao  sse  kung  tseuKuang. 
Der  König  Liao  526 — 514  schickt  den  Fürstensohn  Kuang  ab.  Hft.  2 
K.  2,T.  4:  Ko-liü  nui- tschuen,  Innere  Geschichte  von  (König^ 
Ko-liü  514—495  (auch  im  J-sse  B.  89  f.  13—18).  K.  3.  T.  6:  Fu- 
tscha  nui  tschuen,  innere  Geschichte  vom  Könige  Fu-tscha  seit 
495.K.  4  T.  6:  Yuei-wang  Wu-yü  uai  tschuen,  äussere  Geschichte 
von  Wu-yü,  König  von  Yuei;  T,  7:  Keu-tsien  ji  tschin  uai- 
tschuen  (auch  im  J-sse  B.  96,  1  f.  10 — 17  v.),  Keu-tsien  war  König 
von  Yuei  496—64.  Hft.  8  K.5  T.  8:  Keu-tsien  kuei-kue.  Er  kehrt 
zurück  in  sein  Reich  (auch  im  J-sse  B.  96,  1  f.  18  v.  —  23  v). 
T.  9:  Keu-tsien  yn  meu,  Keu-tsien*s  heimliche  Pläne  und  endlich 
K.  6  T.  10  Keu-tsien  fa  ü  (J-sse  B.  96,  2  f.  37  v.  —  38  v.),  Keu- 
irien's  Angriff  auf  U,  das  er  eroberte.  Der  J-sse  hat  das  Werk  nicht 
vollständig  ausgezogen;  so  findet  sich  die  chronologische  Angabe 
über  die  Zeit  von  Schao-kang  aufwärts  bis  Tschuen*hiü  a.  1  (424  J.) 
•nd  von  Wu-yü'a  Belehnung  mit  Yuei  unter  Schao-khang  bis  zur 
Yemichtung  des  Eeiches  (1922)  bei  Gaubil  Tr.  p.  140,  die  ich 
Chrono!.  Grundl.  S.  56  nicht  fand ,  am  Schlüsse  des  Werkes  K.  6 
Ti  10  f.  20  sq.  wirklich. 

5)  Si-king  tsa  ki,    Vermischte  Nachrichten   von  der 
Westresidenz, von Lieu-hin,  aiis  der  D.  Han,  6 Kiuen  in2 Hft. ") 


1^)  Der  Sui-schu  B.  8S  f.  7  v.  hat   Si  king  Tsa-ki  2  Kiuen, 
ohne  weitere  Angabe,  der  Thang-schu  B.  68  f.  9,  desgl.,  aber  von 


262      Sitjsung  der  phüa8.'phü6l.  Classe  vont  1,  Februar  1868, 

Das  Werk  hat  keine  spezielle  Inbaltsanzeig^e;  es  gibt  nur  an, 
dass  £.  1:  28;  K  2:  80;  K.  8:  25;  K  4:  3Q  nnd  Hft.  2  K.  5:  10; 
£.  6:  15  Master  (tse)  enthalte  Es  bezieht  sich  auf  die  Geschichte  der 
West-Han;  daher  der  Titel:  Vermischte  Nachrichten  vom  West- 
Hofe.  K.  1  beginnt  mit  Han  Kao-ti  (202—194  v.  Chr.),  K.  2  mit 
Yuen-ti  (48—32). 

Iin  2.  Hefte  sind  noch  ein  paar  kleine  Broschüren: 

6)  Han  Wu  nui  tschuen.")  Es  sind  nur  17  Bl.  nach 
Pan*ka,  dem  Geschichtsdireiber  der  Ost-Uan,  aber  yon 
Fu-fung  bearbeitet.  Es  bezieht  sich  auf  Han  Hiao  wu  ti 
(140-86  V.  Chr.),  dann 

7)  Fei-yen  uai  tschuen,  nurSBI.,  von  Ling-yuen, 
zur  Zeit  der  D.  Han,  s.  Ma-tuan-lin  B.  198  f.  1-  v.  Fei- 
yen war  ein  Fürst  von  Tschao,  —  endlich 

8)  Tsa-sse-pi-sin,  nur  9  BL,  von  Wang-ming-schi 
aus  der  D.  Han.  Es  enthält  vermischte  Angelegenheiten  ans 
der  Periode  Kien-ho  der  D.  Han  a.  1  (147  n.  Chr.). 

9)  Hoa-yang  kue  tschi^  Geschichte  des  Reiches  Hoa- 
yang,  von  Tschang-kiü  aus  derD.  Tsin,  in  15  Abschnitten 
in  6  Hft. 

Ma-toan-lin  B.  200  f.  1,  der  es  unter  Wei-sse  Pa-sse  stellt,  hat 
20  E.,  der  Thang-schu  B.  58  f.  4  unter  gleicher  Rubrik  bat  13  £. 
Der  Kat.  6  f.  23  hat  nur  12  K. ,  ebenso  der  Sui-schu  B.  33  f.  5  v. 
Das  Reich  lag  in  der  alten  Provinz  Leang-tscheu  und  ist  jetzt  ein 
Hien  in  Tschhing-tu-fu  (in  Sse-tschuen).  Es  erzählt  nach  Ma- 
tuan-lin  von  Begebenheiten  und  Männern  von  Pa  und  Schu  ans 
der  Zeit  der  ersten  Dynastie  Han  bis  zu  der  Dynastie  Tsin,  über 
400  Jahre  —  von  400  Männern.  Hft.  1.  1)  Pa-tschi  ist  die 
Geographie,  Statistik  und  Geschichte  von  dem  alten   Reiche  Pa  in 


Eo-hung  unter  II,  5  Eu-sse,  u.  dasselbe  f.  20  v.  wieder  und  da  noch 
ein  zweites,  ähnliches  Werk  von  Sie-ming  in  3  £.,  beide  unter 
II,  13  Ti-li-sse. 

19)  Ma-tuan-lin  B.  198  f.  1  v.   Der  Han  Wu  nui  tschuen  3  K^ 
ohne  weitere  Angabe,  im  Sui-schu  B.  83  f.  13  ist  wohl  verschieden. 


Flath:  Die  Sammlung  chines.  WerJc$  Han  Wei  thsung  schu.  -263 

Tschung  king  fu  in  West-Sse-tschuen  und  2)  Han-tsohung-tschi, 
desgl.  von  Han-tschung;  dies  war  ein  Lehen  des  Reiches  Schu.  Hft.  2 
enthält  3)  Schu-tschi,  Geschichte  etc.  von  Schu,  auch  in  West- 
Sse-tschuen  und  4)  Nan-tschung-tschi,  die  Geschichte  von  Nan- 
tschung  in  Schu  (Sse-tschüei^.  Hft.  3.  5)  Eung-sün  Scho  (u.)  Lieu, 
enl  mu  tschi,  2  Geschichten  von  Lieu  (Han),  dann  6)  die  Geschichte 
von  Lieu-sientschü  und?)  von  Lieu  Heu  tschü  (tschi).  Hft.  4. 
8)  Ta-tung  tschi,  d.  i.  Geschichte  von  Ta-tung  und  9)  Li-tschi, 
die  Geschichte  von  Li-te.  Hft.  5  10)  Han-tschung  sse  niü  tschi, 
die  Geschichte  der  Männer  und  Frauen  von  Han-tschung;  dann  11) 
Tse-thung  sse  niü  tschi,  ebenso  Biographien  von  Männern  und 
Frauen  aus  dem  Orte  Tse-tung,  jetzt  öinem  Hien  in  Mien-tscheu,  früher 
in  Kao-ning-fu  in  Sse-tschuen;  endlich  12)  (Si-tscheu)  heu  hian 
tschi,  Geschichte  von  (20)  späteren  Weisen  von  Si-tscheu.  Die 
geographischen  Bestimmungen  sind  nach  E.  Biot's  Dictionnaire  des 
noms  anciens  et  modernes  des  Yilles  compris  dans  Pempire  Cbinois. 
Paris  1842.  8®;  sein  Si-tscheu,  S.  171,  nordwestl.  von  Kiang-miug- 
fu  in  Kiang-nan,  passt  aber  hier  nicht.  Hft.  6.  13)  Siü -tschi  ent» 
hält  noch  kurze  biographische  Notizen,  dann  14)  Siü-tschi  Heu-iü 
spätere  Reden  und  endlich  15)  Fu  kiang-yuen  tscha^ng  schi  sse 
niü  tschi,  wieder  Biographien,  zum  Theil  nur  Listen  von  Männern 
und  Frauen  aus  Kiang-yuen,  jetzt  in  Thsung-khing  tscheu  in  Tschhing- 
tu-fu  in  Sse-tschuen.    In  dem  letzten  Hefte  beginnt:  ' 

10)  Schi-lo  kue  tschhün-thsieu,  d,  i.  Chronik  der 
16  Reiche,  vonTschui-hurig  aus  der  D.  Wei,  ohne  Abtheilung 
in  Kiuen. 

Der  Katalog  6  f.  23  hat  4  Hft.,  100  Kiuen,  ebenso  der  Sui-schu  B.  88 
f.  6,  der  Thang-schu  B.  58  f.  4  v:  120  Kiuen,  dieser  unter  II,  8  Wei- 
sse. Es  enthält  die  kurze  Geschichte  von  16  kleinen  Reichen  zur 
Zeit  des  Verfalls  der  D.  Tsin.  Man  findet  die  Liste  der  Fürsten  bei 
Deguignes  Hist.  gen.  des  Huns  L  p.  116  fgg.;  es  sind  1)  Tsien- 
Tschao  lo,*®j  Geschichte  der  früheren  Tschao  304—29  S.  Deguignes 
I,  p.  119  u.  220.  Es  waren  Hiung-nu,  die  Fürstenfamilie  hiess  Lieu, 
Hft.  2    2)  Heu-Tschao  lo,   Geschichte  der  späteren  Tschao  319— 


20)  Immer  Lo;  Legge  gibt  es  Essays,  Schott  Entwurf  S.  70  fg. 
einmal  Chronik,  das  anderemal  elenohus.  Eine  Feststellung  dieser 
und  anderer  chin.  Ausdrücke  wäre  zu  wünschen ,  dazu  sind  aber 
ehifiesische  Typen  nöthig. 


264      SiUung  der  phthB.-phüd.  Qasie  vom  1.  Februar  1868, 

352;  es  waren  aaoh  Hiung-tm,  dieFürstenftaniliehiessSchi;  3)Tiien- 
Yen  lo,  Geschichte  der  frfiheren  Yen  803—353.  Es  waren  Siän-pi 
(Osttataren),  die  Füntenfamüie  hiess  Mu«ynng;  s.  Degnignes  p.  120 
nnd  189;  4)  Tsien-Thsin  lo,  850—95,  Qeschichte  der  früheren 
Thsin.  Es  waren  Tfibeter;  die  Familie  hiess  Fu-hung  und  regierte 
in  Schen-si,  a.  Degnignep  p.  122  u.  161.  Hft.  3.  5)  Heu-Thsin- 
lo,  die  der  spätern  Thsin,  auch  Tübeter(Kiang)  384— 417;  die  Familie 
blast Yao,  b.  Deguignes  p.  162;  6)  Sohn  lo,  die  von  Schu,  in  Tschhing 
tafuinSse-tschuen,  303— 47;  die  Fürstenfamilie  hiess  Li;  s.  Deguignes 
p.  119;  7)  Tsien-Leang  lo,  die  der  früheren  Leang,  in  Schen-si, 
314—364;  die  Familie  hiess  Tschang;  8)  Si-leang  lo,  die  der 
westlichen  Leang,  unter  der  Familie  Li;  9)  Pe-leang  lo,  die  der 
nördlichen  Leang  397—438,  Hiung-nu,  unter  der  Familie  Mung- 
sün;  s.  Deguignes  pag.  118  u.  223;  10)Heu-Leang  lo,  die  der  spätem 
Leang,  in  West-Schen-si  398—407,  unter  der  Familie  Li ü.  Di«e 
Abtheilung  und  die  folgende  sind  von  Mäusen  zerfressen,  Nr.  12  ganz 
aufgefressen;  11)  Heu-Yenlo,  die  der  späteren  Yen,  383—408,  Siän- 
pi,  unter  der  Familie  Mu-yung;  s.  Deguignes  p.  120  u.  192.  12)  Nan- 
Leang  lo,  die  der  Süd-Leang,  auch  Siän-pi  397 — 414.  Hft.  4. 
13)  Nan-Yen  lo,  die  der  südlichen  Yen  404—410,  Siän-pi,  unter  der 
Familie  Mu-yung;  14)  Si-Thsin  lo,  die  der  westlichen  Thsin, 
885—412,  unter  der  Familie  Ki*fo;  15)  Pe-Yen  lo,  die  der  nörd- 
lichen Yen,  seit  430  unter  Fing-po  fehlt  und  endlich  16)  Hia-lo 
die  der  Hia,  JIiung*nu407 — 431,  unter  der  Familie  Ho-lien;  s.  De- 
guignes  p.  223. 

11)  Yuen-king  Sie-schi  tschuen,  10  Eiuen  in  6  Hft., 
d.  i.  der  Haupt-King  mit  der  Erklärung  von  Sie-schi. 

Bas  Werk  hat  kein  spezielles  Inhaltsyerzeichniss ;  es  enthält 
immer  einen  Text  (King)  mit  einer  weiteren  Ausführung  oder  Er- 
klärung (Tschuen);  Yuen  heisst  der  erste,  Haupt,  ursprüngliche. 
Der  Text  ist  aus  Sui-wang  thung  king,  die  Erklärung  von  Sie-schoa. 
Die  Vorrede  sagt,  es  gehe  von  Tsin-Hoei*ti,  Periode  Thai-hi  A.  1  (290) 
bis  au  der  D.  Tschin  Untergange  (588),  300  Jahre  durch.  Der  Katalog 
K.  5  f.  9  V.  sagt,  bis  zur  Periode  Kai-hoang  der  D.  Sui  Ao.  9  (588) 
was  dasselbe  ist;  Ma-tuan-lin.  habe  15  Eiuen.  Ejuen  1  beginnt  mit 
Tsin  Thai-hi  a.  1  (290  n.  Chr.);  Hft.  2  K.  2  mit  Kaiser  Hoei-ti  in 
der  Periode  Yung-hi,  a.  1 ,  auch  290  n.  Chr.  ;  E.  3  mit  dem  Kaiser 
der  D.  Tain  Yang-ti,  Periode  Tai-hing  a.  1  (316);  Hft.  3  K.  4  mit 
der  D.  Tsin  Kaiser  Tsching-ti,  Periode  Hien-ho  a.  1  (326);  K  5  mit 
Kaiser  Kang*ti  au«  den  Ost-Tsin,  Periode  Kien-yuan  a.  1,  d.  i.  34S; 


Pl(xth:  Die  Sammlung  chmea.  Werke  Hon  Wei  thsimg  sohu,    265 

Hit.  4  £.  6  mit  dem  Kaiser  der  D.  Tsis,  Eien-wen-ti,  Periode  Hien* 
ngan  a.  1  (871);  Hft.  5  E.  7  mit  dem  Kaiser  der  D.  Tsin  Kgan-ti, 
in  der  Periode  Lung-ngan  a.  1  (397);  Hft.  6  K.  7  ist  ans  den 
folgenden  D.  der  nördlichen  Song,  von  Kaiser  Kao-tsa  Wn-ti,  Periode 
Ynng-tsu  a.  1  (420);  K.  9  handelt  von  der  Zeit  der  spateren  Wei") 
von  Kaiser  Hiao-wen-ti,  Periode  Thai-ho  a.  4  (477);  K.  10  endlich 
Ton  der  Ö.  Sui  und  zwar  Kaiser  Wen-ti,  Periode  Kai-hoang  a.  10s, 
das  wäre  591.  In  den  beiden  letzten  Abschnitten  findet  man  aber 
Bur  die  Namen  der  Kaiser  iioch. 

12)  Kifin-fu  lo,  von  Thao-tsien  aus  der  D.  Tsin, 
sind  nur  25  Blätter. 

•  Sie  beginnen  mit  Sui-jin  und  dessen  4  Gehilfen.  (Sse-tso);  es 
folgen  dann  Fo-hi  mit  6  Gehilfen,  Hoang-ti's  7  Stützen  (Tsi-fuX 
Schao-hao^s  4  Oheime  (Sse-scho),  Hi  und  Ho  und  ihre  4  angeblichen 
Sohne,  die  8  Pe,  die  4  Unglücklichen  oder  Bösewichter,  (Sse^hiang) 
(wie  Kien,  Kung-kung,  und  San-miao);  Kao-sin's  8  Häupter  (Pa- 
yaen) ,  Schüu's  9  Beamte  (Kieu-kuan) ,  dessen  7  Freunde,  dessen  5 
Unierthanen  oder  Beamte  (Tschin);  die  8  Beamten  (Pa-sse);  die  3 
Fürsten,  die  8  Humanen  oder  Tugendhaften  (San-jin,  nämlich  Wei-tseu, 
Ki-tseu  und  Pi-kan);^  die  beiden  Greise  (Pe-i  und  Thai-kung),  Wen- 
wang's  4  Freunde  und  so  geht  es  noch  fort  Der  Verfasser  scheint 
die  Namen  einer  Anzahl  Gehilfen  oder  Stützen  der  alten  Kaiser, 
dann  aber  auch  von  Yasallenfürsten  und  von  Confncius  in  einer 
kurzen  Uebersicht  haben  geben  zu  wollen.  Dies  besagt  auch  der  Titel 
des  Schriftchens. 

13)  Yng-hung-ki-tschhao,  nur  27  Bl. ,  Geschichte 
der  Heroen,  von  Wang-tsan  aus  Wei.  Es  sind  43 
biographische  Skizzen,  die  erste  die  Lieu-piao's. 

14)  Kao-sse-tschuen,  d.  i.  die  Geschichte  oder  üeber- 
lieferung  von  hohen  oder  berühmten  Beamten,  in  5  Abschnitten 
und  2  Heften.  S.  den  Sui-schu  B.  33  f.  12.,  Ma-tuan-lin 
B.  198  f.  4  V.  und  den  Kat.  6  f.  13  v. 

Dieses  Werk  erwähnt  Gaubil  Tr.  p.  142.  Der  Verfasser  ist  Hoang- 


21)  In    Pauthiers   Chronologischer  Tabelle  zu  Ende  seiner  Ge- 
schichte China's  fehlen  diese  Neben -Dynastien;  s.  E.  de  Meritens 
Ldste  alphabetiq.  im  JoHrn.  As.  1854  Ser.  Y.  T.  8  p.  610—86. 
[1868.  L  2.]  18 


266      fHteung  der  phÜoa.-phüol.  CUme  vom  1.  Februar  1868.  j 

fn-mi,  aus  der  D.  Tsin,  der  nach  ihm  wenige  Jahre  vor  der  £nt*      I 
deokiing  der  Chronik  des  Bambubuohes  starb.    Er  neigte   sich  doi 
Tao-sse  zu  und  schrieb  auch  eine  Geschichte  der  Kaiser  nnd  Könige      I 
(Ti  wang  sclii  ki)'    Er  setzte  das  erste  Jahr  Yao's  2357  v.  Chr.  in 
das  Jahr  Kia-tschin.    Nach  Gaubil  existirt  das   letztere  Buch  nicht 
mehr,  sondern  man  hat  nur  Fragmente  davon  bei  anderen  Historikern,     | 
80  auch   im   J-sse.    Dies  Werk;  welches  wir  hier  -haben,   gibt  nur 
ganz  kurze  biographische  Notizen  über  berühmte  Chinesen  von  Yao     \ 
bis  auf  seine  Zeit,  Ma-tuan-lin  sagt  von  96  Männern  in  einem  Zeit-  .  I 
räume  von  mehr  als  2400  Jahren.    Die  Zahl  scheint  nicht  fest  zu 
stehen ,   nach  dem  Katalog  waren   es  ursprünglich   nur   12  Männer. 
Die  meisten  ^ind  ziemlich  unbekannt.   Aus  Yao's  Zeit  führt  er  8  auf, 
die  auch  der  J-sse  B.  9  f.  8  v.,  10  f.  13  v.  u.  9  fol.  4  v.  zum  Theil 
hat;   die  meisten   kommen  auch   bei  Pan-ku  B.  20  f.  13  v.    in  der 
chronologischen   üebersicht    der  Kaiser,    der   Yasallenfürsten ,    Li- 
teraten u.  s.  w.  vor.    Es  folgen  dann  noch  2  aus  der  Zeit  Schün's. 
Die  folgenden  sind  ans  späterer  Zeit,   aus   den  einzelnen  Yasallen- 
reichen  U,  Tschu,  Tsi,  Tschidg,  den  beiden  Wei,  Lu,  Snng  u.  s.  w 
Es  kommen  dann  aber  auch  noch  welehe  aus  der  Zeit  der  5.  D.  Han, 
aus   der  Zeit   von  Tscbao-ti,  Tschin-ti  u.  s.  w.   vor.    Bei   manchen 
einzelnen  heisst  es,  man  kenne  ihre  Heimath  nicht.  Die  bekanntesten 
darunter  sind  Abschnitt  1  fol.  8v.   Lao-tseu  aus  Tschin  (auch  im 
J-sse  83  f.  1  V.),  —  die  Darstellung  ist  schon  legendenhaft  —  und  Lao- 
lai-tseu.  Der  erste  Abschnitt  enthält  28,  der  zweite  34,    der  dritte 
26  solcher  biographischen  Notizen;   vorne  steht  die  Liste  derselben. 

Am  Ende  ist  noch: 

15)  Lien  sehe  kao  hien  tschuen,  von  grossen  Weisen^ 
eine  kurze  Abhandlung  von  28  BL  Der  Vf.  aus  der  D.  Tsin 
ist  unbekannt.  Sie  enthält  19  Artikel;  der  18te  spricht  noch 
kurz  von  123  Männern  und  der  letzte  von  einigen ,  die 
bisher  noch  nicht  erwähnt  waren. 

16)  Schin  sien  tschuen,  die  Ueberlieferung;  von  geist- 
igen Eremiten,  von  Ko-hung**)  aus  der  D.  Tsin,  3  Hft. 
in  10  E. 

Ma-tuan-lin  B.  226  f.  11  hat  eine  eigene  Abtheilung  Schin-sien. 


22)  Eine  andere  Schrift  von  ihm  s.  unten  lY,  16. 


PlaUh:  Die  Sammlung  chines.  Werke  Han  Wei  thsung  schu.    26i 

Der  bttalog  14  f.  44  stellt  es  unter  die  Tao-sse- Schriften  (Tsen 
pu  Tao  kia  lui).  Schott  Entwarf  S.  84  erwähnt  dieses  Werk  beiläufig^ 
und  nennt  es  eine  Sammlang  von  heiligen  Geschichten,  scheint  es 
aber  selber  nicht  gesehen  zu  haben,  E.  1  enthält  4  solche,  zuerst 
das  Leben  von  Euang-tsching-tseu,  einem  alten  Heiligen  (Sien- 
jin)  aus  Hoang-ti's  Zeit,  der  ihn  befragt.  2)  fol.  1  y.  —  7  Lao-tseu, 
dessen  Leben  hier  aber  ganz  mythisch  erzählt  wird ;  seine  Mutter 
wurde  schwanger,  da  sie  eine  grosse  Sternschnuppe  sab.  Nach  einigen 
wurde  er  geboren  vor  dem  Himmel,  andere  sagten,  er  sei  des  Him- 
mels reiner  Geist  (Tsing-pe)  u.  dergleichen.  Prof.  Julien  Tao  te  king 
Notice  p.  XXIII  bis  XXXII  gibt  die  Uebersetznng  der  Legende  über 
ihn  aus  diesem  Werke  „der  Götter  und  Unsterblichen^',  wie  er  den 
Titel  übersetzt,  von  Ko-hung  (350  n.  Chr.)  Der  J-sse  B.  83  f.  2 
zieht  den  Text  aus,  aber  es  fehlt  da  das  Ende.  Der  3te  Heilige 
Pheng-tsu,  war  ein  Enkel  Kaiser  Tschuen-hiü's  und  zu  Ende  der 
D.  Yn  767  Jahre  und  doch  noch  nicht  altl  u.  s.  w.  (zum  Theil,  f.  7  v. 
—  8v.  ausgezogen  im  J-sse  B.  7  v.  3  v.)  Der4te  istWei-pe-yang  ans 
U.  Kiuen  2  enthält  7  solche  Biographien,  Hft.  2  K.  8:  8,  K.  4:  3, 
K.  5:  7,  E.  6:  8,  diese  sind  schon  aus  der  Zeit  der  Han  und  es  ist 
darunter  K.  4  f.  1 — 5  auch  einer  der  10  sogenannten  Philosophen 
(Tseu),  der  Fürst  von  Hoai-nan  Lieu-ngan;  Hft.  3  E.  7  hat 
9  Biographien  von  Frauen,  K.  8:  9,  darunter  fol.  3  auch  die  des 
bekannten  Me-tseu,  gegen  welchen  Meng-tseu  eiferte,  E.  9:  8, 
darunter  fol.  2  v.  —  3  auch  die  des  bekannten  Kung-ngan-kue  aus 
Lu,  eines  Nachkommen  des  Confucius;  K.  10  endlich  29,  also  im 
Ganzen  jetzt  92.  Es  ist  nicht  nöthig,  alle  die  Namen  hier  aufzu- 
führen; vorne  steht  die  Liste. 

III.  Die  3.  Abtheiluug  heisst  Tseu-yü,  die  üeber- 
bleibsel  der  Tseu,  was  einige  nicht  ganz  angemessen  durch 
Philosophen  geben.  1)  Kung-tschung-tseu,  Nachrichten 
und  Anecdoten  über  Confucius  und  mehrere  seiner  Nach- 
kommen, von  einem  derselben  Kung-fu  oder  Tseu-iü. 

Wir  haben  dieses  Werk  eines  Nachkommen  des  Confucius  schon  in 
unserer  Abhandlung  über  die  Quellen  des  Lebens  des  Confucius  S.  38 
(S.  B.  1863  I,  S.  454)  erwähnt;  wir  hatten  es  selber  damals  aber  nicht, 
sondern  nur  einige  Auszüge  daraus.  Das  Werk  enthält  2  Einen, 
20  Ti,  in  2  Hft.  s.  den  Eat.  9  fol.  1.  v.  Der  Sui-schu  B.  32  f.  19 
und  der  Thang-schu  B.  57  f.  10  haben  7  Einen  und  stellen  es 
«um  Lün-iü;  Ma-tuan-lin  B.  209  f.  7  v.  hat  auch  7  E.  u.  rechnet  es  zu 

18* 


2  68      Sitzung  der  phüoa.-philol  Classe  vom  1,  Februar  1868. 

den  Tseu  Jü-kia,  eben  so  der  Katalog,  der  aber  8  Kiuen  hat.  Der 
Verfasser  ist  nach  Ma-tuan-lin  Kung-fu,  mit  Namen  Tsen-iü,  ein 
Nachkomme  in  der  8.  Generation  von  Confucius.  Amiot  Mem.  c.  la 
Chin.  T.  XII.  P.  457  nannte  ihn  Kung  fu  kia  und  nahm  Khnng 
tsohung  tseu  für  den  Titel  seines  Werkes,  P.  Premare p.  CIV  diesen 
für  den  Namen  de«  Vfs.  Man  hat  von  ihm  noch  mehrere  Werke; 
KbangiV  Tseu-tien  citirt  dieses  indess  auch  unter  letzterem  Namen. 
Ti  1 — 4  geben  Anecdoten  über  Confucius  und  angebliche 
Unterhaltungen  desselben  mit  seinen  Schülern  Tseu*t«chang 
Tseu'hia,  Tsai-ngo,  Tschung-kung ,  auch  mit  Ngai-kung  von  Ln 
Meng-hi-tseu  und  anderen  Grossen,  die  der  J-sse  B.  86  und  95 
aufgenommen  hat;  wir  haben  sie  im  Leben  des  Confucius  benutzt. 
Dann  hat  er  viele  Nachrichten  über  dessen  Enkel  Tseu-sse,  auch 
einige  über  dessen  Schüler  Meng-tseu  Ti  ö— 10,  die  der  J-sse 
B.  106  meistens  aufgenommen  hat.  Im  2.  Heft  sind  besonders 
Geschichten  von  Tseu-kao  und  Tseu-schün.  Jener  stand  in 
Verbindung  mit  dem  Fürsten  von  Ping-yuen  (s.  Sse-ki  B.  76,  W.  S. 
B.  81  S.  87  fg.  und  J-sse  B.  140);  dieser  war  Minister  in  Wei,  s. 
J-sse  B.  141.  Von  jenem  handeln  Ti  11— -13,  von  diesem  Ti  14—16. 
Ti  17—19  spricht  er  dann  von  Tseu-iü,  geboren  zur  Zeit  der 
streitenden  Keiche  und  noch  unter  Thsin-schi-hoang-ti  lebend. 
Das  Werk  endet  eigentlich  mit  Ti  19.  Der  letzte  Abschnitt  mit  dem 
besondern  Titel:  Khie  Me,  der  tadelnde Me,  enthält  die  Verunglimpf- 
ungen des  Confucius  durch  Me-tseu,  gegen  dessen  Principien  Meng- 
tseu  III,  1,  5  und  2,  9  und  VII,  1,  26  eifert  und  eine  Widerlegung 
derselben.  Eigens  wird  als  Verfasser  dieses  Abschnitts  bezeichnet: 
Kung-fu,  ein  Mann  aus  Lu,  unter  der  D.  fian. 

Die  einzelnen  Abschnitte  (Ti)  haben  besondere  Ueberscbriften, 
die  auf  den  Inhalt  einigerin assen  Bezug  haben,  z.  B.  1  Kia-yen 
gute  Worte,  T.  2.  Lün-schu,  die  aber  zu  unbestimmt  sind,  oder 
sich  nur  speciell  auf  die  erste  Erzählung  beziehen,  daher  den  Inhalt 
des  ganzen  Abschnitts  nicht  immer  angeben,  z.  B.  Ti  7  Kiü-wei, 
d.  i.  (da  Tseu-sse)  in  Wei  wohnte;  Ti  8  Siün-scheu  (da  er  nach 
Tsi)  reiste,  eher  T.  18  Wen-kiün-li,  Fragen  (an  Tseu  iü)  über  die 
Heeresgebräuche,  Ti  19  Ta  wen,  d.  i.  Antworten  (Tseu-iü's)  auf 
Fragen  (an  ihn)  u.  s.  w. 

2)  Sin-iü,   neue  Reden  von  Lo-ku,  aus  der  Dynastie 
Han,  2  Kiuen  in  1  Hefte,  in  12  Abschnitten  (Ti). 

Der  Han-schu  B.  30  f.  13  hat  28  Pien,  der  Sui-schu  B.  84 
f.  1  hat  2  Kiuen ,  ebenso  der  Katalog  9  f.  1  v.    Sie  sind  nach  den 


lUUh:  Die  Sammlung  cMnes,  Werke  Hon  Wei  thsung  achu.    269 

G«geB8tänden  einigermassen  geordnet;  einzelne  Charaktere  fehlen« 
Ti  1  lautet  Tao-ke,  die  Grundlage  der  rechten  Principien  (Tao). 
Diese  werden  bezeichnet^  dann  der  anfänglich  rohe  Zustand  China« 
erwähnt,  bis  die  alten  Kaiser  Schin-nung,  Hoanfif-ti  und  weise 
Minister,  wie  Heu-tsi  unter  Yü  u.  a.,  Acker-  und  Häuserbau  und 
andere  Erfindungen,  Gesetz  und  Ordnung  eingeführt  hätten.  T.  2. 
Scho-sse,  die  Beispiele  der  Alten  werden  zur  Belehrung  empfohlen. 
T.  8.  Fu-tsching^  die  Unterstützung  der  Regierung,  preisst  die 
alten  Regierungsgrundsätze  Yao's  und  Schün's,  im  Gegensatze  gegen 
die  Dynastie  Thsin,  die  durch  Strafen  u.  s.  w.  regieren  wollte.  T.  4. 
Wu-wei,  hebt  wieder  den  Gegensatz  jener  alten  Kaiser  gegen  Thsin 
Schi-hoang-ti  hervor,  die  (beinahe)  nichts  zu  thun  brauchten  (Wu-wei). 
T.  5.  Pian-hoe,  Lösung  der  Zweifel.  T.  6.  Schin-wei.  Wir  über- 
sehen die  6  Abschnitte  der  2.  Hälfte,  da  die  unbestimmten  Inhalts- 
angaben doch  keinen  rechten  Begriff  von  dem  ganzen  Werke  geben. 
Es  ist  -das  gewöhnliche  Gerede  der  Literaten,  die  yon  der  guten 
alten  Zeit  träumen.  — 

3)  Sin -sehn,    das    neue   Buch,    von   Eu-i,    aus  der 
Dynastie  Han,   10  Khiueu  in  4  Heften.  ^  S.  Kat.  9  fol.  2. 

Der  Han-schu  B.  30  f.  13  hat  Ku-i  58Pien.  Khiuen  1  enthält  9 
Abschnitte,  indess  würde  die  Mittheilung  der  Ueberschriften  der 
einzelnen  doch  keinen  Begriff  vom  Buche  geben;  in  den  Inhalt 
aller  einzelnen  Abschnitte  aber  einzugehen ,  uns  izu  weit  fuhren.  — 
Die  ueberschriften  sind  zu  unbestimmt,  z.  B.  K.  4  (die)  Hiung-nu,  K.  6 
Li,  die  Gebräuche,  in  K.  7  Kiün-tao,  die  Principien  eines  Fürsten, 
in  K.  8  Kuan-jin,  die  Beamten,  dann  Kuan-hio,  Ermunterung 
zum  Studium,  in  K.  9Ta-tsching,  eine  grosse  Regierung.  Den 
Inhalt  betreffend,  heben  wir  Beispielshalber  aus  in  K.  1  f.  13,  mit 
der  üeberschrift  Ta-tu,  eine  grosse  Residenz;  diese  wird  hier  dem 
Könige  Ling-wang  von  Tschu  (640 — 528  v.  Chr.)  anzulegen  wider- 
rathen.  Bald  sind  es  Weisheitssprüche  für  die  Fürsten,  wie  Hft,  2, 
K.  3,  f.  4,  im  Abschnitte  Kuei-wei,  werthvolle  Steine;  bald  Erin- 
nerung an  alte  Verhältnisse,  wie  ib.  f.  9  Sc  ho -yu  an,  über  die 
Verhältnisse  des  Grundeigenthums  der  alten  Kaiser  und  Yasallenfürsten 
und  K.3f.  12  Yeu-min  u.  K.  4  f  10  Wu-tscho,  über  ihre  Sorge  für 
den  Anbau  des  Landes,  um  in  Zeiten  der  Noth  Yorräthe  zu  haben;  bald 
Anekdoten  aus  der  chinesischen  Geschichte,  so  K.  6  f.  8.  v.  fg.: 
Tschün-thsieu,  von  Tschu  Hoei-wang,  Hi-kung  von  Wei,  Mu-knng 
von  Tseu,  dem  Könige  von  Tschu,  Kang-wang  von  Sung— Wen^kung 
von  Tsin  —  Eal-schi  von  Thsin  (auch  im  J-sse  B.  150  f.  1  der  An- 


HO       ßitztmg  der  philos.'philol  Glosse  vom  1,  Februar  1868. 

fang).  K.  2.  f,  2.  v.  geht  bis  Hoang-ti  hinauf  und  K.  9  f.  10^18 
Sieii-tsching-iü,  Beden,  die  die  Regierung  zieren,  gibt  angeb- 
liche Aussprüche  von  den  alten  Kaisern  Hoang-ti,  Tschuen-hiü,  Ti- 
ko,  Yao,  Schün,  dem  grossen  Yü  und  Tsching-tang  (auch  im  J-ase 
aufgenommen  B.  5.  f.  12.  v.;  7.  f.  2.,  8  f.  1.  v.,  9  f.  3  v.,  10  f., 
12  V.,  12  f.  6.,  11  f.  10,  endlich  U  f.  18  v.);  dann  angebliche  Ge- 
spräche Wen-  und  Wu-wang's  mit  Yo-tseu  (auch  in  J-sse  B.  19  f.  7 
und  B.  26  f.  1.— 2.  v.)  und  mit  Sse-schang-fu  (im  J-sse  B.  20  t  3) 
aus  Apokryphen  und  untergeschobenen  Werken,  wie  der  J-sse  B.  14 
f.  19  bemerkt.  Im  Allgemeinen  wird  die  Weisheit  der  alten  Kaiser 
auch  hier,  immer  gepriesen,  gegenüber  der  Gewaltherrschaft  der 
Thsin,  wie  schon  in  K.  1.  Kuo-Thsin  und  der  baldige  Verfall  dieser 
Dynastie,  gegenüber  der  langen  Dauer  der  früheren,  davon  abge- 
leit6t,  so  auch  inHft.  3  K.  5f.3  v.  Pao-tschuan.  K.3  f.  7.  Thung- 
pu  spricht  gegen  das  Ausbreiten  (die  Vermehrung)  des  Kupfer geldea. 
Vgl.  auch  K.  4  f.  11  v.  fg.  Tschu-tsien,  das  Giessen  der  (Kupfer-) 
Münzen.  K.  10  f.  4.  Tsai-hiao  tsa-sse,  sind  vermischte  Sachen 
zur  Belehrung  über  den  Foetus-  Die  Stelle  über  die  Sorgfalt  von 
Tsching-wang's  Mutter  während  ihrer  Schwangerschaft  gibt  daraus 
der  J-sse  B.  22  f.  1.  v. 

4)  Sin-siü,   neue  Reihe,  von  Lieu-hiang,*')  aus  der 
Dynastie  Han,  3.  Hft.  10  K. 

Der  Thang-schu  B.  59  f.  l  hat  Sin-siü  13  K ,  Matuan-lin  B.  209 
f.  1  hat  nur  10  K.,  ebenso  der  Kat.  9  f.  2;  er  sagt,  jetzt  fehlten 
3.  Hft.  1,  K.  1 ,  Hft.  2  K.  3  und  4  und  Hft.  3  K.  5  haben  die  ge- 
meinsame üeberschrift  Tsa-sse,  vermischte  BegebenheiteD.  Da« 
Ganze  sind  165  Geschichten  oder  Anekdoten  von  Kaisem,  .mehr  von 
Vasallen-Fürsten,  auch  einige  von  Confucius  und  seinen  Schülern 
zur  Belehrung  und  Warnung  erzählt.  Diese  Abtheilung  enthält  davon 
95  Geschichten.  Es  beginnt  K.  1  damit,  dass  Schün  selbst  ackerte, 
saete,  töpferte  und  fischte  und  dabei  .doch  ein  frommer  Sohn  und 
Hebender  Bruder  war.  Dann  kommt  eine  Geschichte  von  ConfuciuB; 
f.  2  werden  Yü   dem  Tyrannen   Kie,    Thang    dem  Scheu   und  Wen- 


23)  Lieu-hiang  hat  mehreres  geschrieben.  Der  Han-schu  B.  30 
f.  14  fasst  wohl  alles  zusammen  unter  Lieu-hiang  so-siü,  67 
Pien.  Die  Note  nennt  von  seinen  Werken  unsem  Sin-siü,  dann 
den  folgenden  Schue-yuen,  den  Schi-schue,  das  Buch  von  be- 
rühmten Frauen  (Lie-niü-tschuen)  und  den  Sung-tu. 


Plath:  Die  Sammlung  chines.  Werke  Han  Wei  thmng  schu.    271 

wang  dem  Ten-wang  gegenübergeBtellt,  wie  die  efsten  Erfolg  hatten, 
die  letztem  das  Gegentheil.  K  2.  f.  l.  zeigt,  wie  die  grossen  Kaiser 
und  Fürsten  ihre  Erfolge  ihren  Ministern  verdankten  und  Vernach- 
lässigung solcher  Verderben  brachte.  K.  6  hat  die  besondere  üeber- 
schrift  Tsche-tschay,  Tadel  der  üeppigkeit.  Der  Verfasser  giebt 
Beispiele  aus  der  chinesischen  Fürstengeschichte.  Zunächst  erzählt 
er  von  den  Lustthürmen  der  Tyrannen  Kie  und  Scheu  (ausgezogen 
im  J-sse  B.  14  f.  6  und  B.  19  f  12),  dann  wie  dem  Könige  von 
Wei  ein  solcher  Bau  abgerathen  wurde  — ;  er  spricht  von  Siuen- 
wang's  von  Thsi  grossem  Palaste  —  von  Tschao  Siang-wang's  Trink- 
gelagen, desgleichen  von  denen  King-kung's  von  Thsi  und  giebt  Ge- 
schichten von  einem  Gesandten  King's  nach  Sung,  von  Meng-hien- 
tseu's  von  Lu  in  Tsin  und  von  Mu-kung  von  Tseu.  K.  7  hat  die 
üeberschrift  Thie-sse  und  giebt  26  Geschichten  von  freimüthigen 
Beamten  (Sse);  Hft.  4,  K.  8,  J-yung  giebt  12  Geschichten  von 
mathigen  Männern  und  K.  9  und  10.  Schen-meu,  gute  Rath- 
scbläge,  22  Geschichten,  die  letzten  aus  der  Zeit  von  Han  Kao-ti 
(202  v.  Chr.),  Hiao-hoei-ti  (198  v.  Chr.)  und  Hiao-wu-ti  (140—88  v. 
Chr.).  Wir  können  hier  in  *ein  weiteres  Detail  nicht,  eingehen  und 
bemerken  daher  nur  noch  die  Geschichte  von  Eul-schi  (Hoang-ti) 
K.  5.  f.  12.  V.  steht  auch  im  Sin-schu  K.  6.  f.  12.,  die  von  Hoei- 
wang  von  Tschu  K.  4.  f.  8.  v.  im  Sin-schu  K.  6.  f.  8.  v.,  die  Erzähl- 
ung von  Meng-tseu  K.  3.  Ti  3.  f.  1.  ist  aus  Meng- tseu  I,  2,  5,  5,  und 
I,  2,  3,  4—6,  und  8.  Da  ist  es  aber  eine  Unterredung  desselben 
mit  Siuen-wang  von  Thsi,  hier  wohl  irrig  mit  Hoei-wang  von  Leang. 
Der  J-sse  B.  106  f;  18,  der  die  Stelle  aus  dem  Sin-siü  anführt,  be- 
merkt es. 

5)  Schue-yuen,  von  demselben  Lieu-hiang,  aus  der 
Dynastie  Han,  20  K.  in  8.  Heften. 

Der  Eat.  9.  f.  2.  v.,  wie  der  Sui-schu  B.  34.  f.  1  haben  auch 
20  K.,  so  auch  Ma-tuan-lin  B.  209.  f.  2.  v.,  f.  4  aber  hat  dieser  noch 
eine  Anhang  dazu :  So  Schue-yuen  10  K.,  daher  wohl  der  Thang-schu 
B.  59  f.  1:  30  K.  Schott  Entwurf  p.  47  erwähnt  es  und  übersetzt  den  Titel 
des  Werkes,  welches  er  aber  offenbar  nicht  gesehen  hat,  Garten  der 
Sprüche.  Yuen  heisst  allerdings  Garten,  aber  es  sind  keine  Sprüche; 
Schue  heisst  Erzählung,  Geschichte,  Conversation.  Wir  haben  das  Werk 
auch  schon  in  unserer  Abhandlung  über  die  Quellen  zu  Confucios 
Leben  S.  38  (S.  B.  1868,  S.  452)  und  iu  den  Proben  chines.  Weisheit  S.  6 
(S.  B.  IT  1863  S.  158)  erwähnt,  kannten  es  aber  damals  auch  nur  noch 
aus  einzelnen  Anführungen.    Es  ist,  wie  das  vorige,  eine  Master- 


272       Sitzung  der  phtlo8.^h%k)l  Claase  vom  1.  Febrmr  1868, 

Sammlung  einzelner  Anekdoten  aus  der  alten  chinesischen  Geschichte 
von  Kaisern,  Yasallenfursten  and  Gonfacius  und  ünterhaltungeB 
mit  ihren  Ministern  und  seinen  Schülern;  manchmal  wird  dem  em- 
^nen  Abschnitte  (Einen)  auch  ein  Grandsatz  voraasgeschickt.  Man 
könnte  das  Buch  mit  dem  Yalerius  Maximns  vergleichen.  Jeder  Ab- 
schnitt hat  eine  besondere  Ueberschrift ,  aus  der  man  aber  den  In- 
halt auch  nicht  genau  entnehmen  kann.  Ein  Paar  Beispiele  mögen 
die  Art  des  Werkes  etwas  erläutern.  E.  1.  Eiün-tao  des  Fürsten 
Weg  oder  Princip,  beginnt  mit  einer  Geschichte  von  Ping-kung  von 
Tsin^  (557 — 31),  wie  der  den  Sse-kuang  fragt  nach  den  Principien 
eines  Fürsten  und  dieser  ihm  erwiedert.  Dann  fragt  Siuen-wang  von 
Thsi(842 — 323)  denYn-weu  nach  dem  Thun  oder  Verfahren  (sse)  einei 

(rechten)  Fürsten  und  der  setzt  ihm  das  auseinander Fol.  2  v. 

ist  ein  Gespräch  Kgai-kung's  von  Lu  (494—67)  mit  Confucius.  Solcher 
Geschichten  enthält  E.  1:  38'*).  E.  2  spricht  von  der  Yerrichtnng 
oder  dem  Verhalten  der  Beamten,  Tschin  scho,  erst  im  Allgemciinen^ 
dann  22  Geschichten,  die  mehr  oder  minder  darauf  sich  bezieiheB. 
Hft.  2  E.  3.  Eien  pen,  die  Grundlage  legen,  beginnt  mit  einer 
Erklärung  des  Confucius:  der  Weise  erstrebt  die  (rechte)  Grund- 
lage (Pen),  wie  im  Lün-iu  I,  2,  2:  dann  folgen  24  Geschichten,  die 
•sich  darauf  beziehen.  F.  7  hat  2  Aussprüche  von  Meng-tseu,  die  in 
seinen  Denkwürdigkeiten  fehlen ;  der  J-sse  b.  106  f.  15  zieht  sie  aus. 
K.  4.  Ivi-tsie,  erklärt,  wie  der  ächte  Sse  (Gl,  33)  alles  ÜBgremach 
und  auch  den  Tod  nicht  scheuen  muss,  wenn  es  das  Recht  (J)  und 
Humanität  gilt  und  giebt  dann  20  Geschichten  zur  Erläuterung.  K.  5  hat 
die  Ueberschrift  Euei-te,  die  Tugend  ehren  und  27  Geschichten,  die 
sich  darauf  beziehen.  Hft.  3  E.  6  Fo-ngan,  Erwiederung  der  Liebe 
oder  Gunst,  beginnt  mit  dem  Spruche  des  Confucius  (im  Lün-in  4, 
25):  Die  Tugend  steht  nicht  allein,  sicher  hat  sie  Nachbaren.  K.  7 
Tsching-li  lautet:  die  Ordnung  oder  Principien  der  Regierung; 
dreierlei  Arten  (Pin)  von  Regierung  werden  hier  unterschieden,  die 
des  rechten  Eönigs  (wang),  des  Gewaltherrschers  (Pa)  und  die  der 
gewaltsam  Unterdrückenden  (Ehiang).  E.  8.  Tsün-hien,  wie  die 
Weisen  zu  ehren  sind.  Hft.  4  E.  9  Tsching-kien,  wie  ein  redlicher 
Beamter  dem  Fürsten  Vorstellungen  machen  muss,  wenn  der  fehlt;  Hft.  6 
' enthält E.  11— 13, E.  15  Hft.6E.14— 16;  E.  15  Tschi-wu  Andeutungen 


24)  Die  einzelnen  Geschichten   sind  hier  und  sonst  durch  Ab- 
sätze, mitunter  auch  bloss  durch  einen  Hacken  i_,  einzeln  auch  nicht,     I 
unterschieden. 


Pta4ih:  Die  Sammlung  ehines,  Werke  Hm  Wei  ihung  adiu.    273 

&ber  den  Krieg,  beginnt  mit  einem  Ausspruche  von  Sse-ma-fa,  wena 
«in  Beioll  auch  gross  is£  und  lieht  den  Krieg,  geht  es  doch  sicher 
zu  Grunde.  K.  16  hat  im  Inhaltsverzeichnisse  eine  andere  üeber- 
Achrift;  als  im  Werke  selbst.  Hft.  7.  K.  17  Tsa-yen  vermischte 
Worte,  Sprüche,  dann  aber  auch  wieder  Anekdoten  und  Erzählungen. 
K.  18  Pien  voe,  Unterscheidung  der  Dinge,  beginnt  mit  einem  Ge* 
-spräche  Yen-yuen's  mit  C!onfucius  über  den  vollkommenen  Mann 
(tscbing  jin^.  Hft.  8  enthält  K.  19  und 20  Sieu-wen  und  Fan*tsohi 
Aber  die  Erzählungen,  die  wir  aus  diesem  Werke  und  dem  vorigeai 
im  Leben  des  Confuoius  mittheilen,  können  einen  bessern  Begriff 
von  ihnen  geben,  als  diese  Andeutung.  Der  J-sse  hat  aus  ihnen,  be^ 
sonders  aus  den  letztem,  zahlreiche  Auszüge 

6)  Hoai-BAn  Hung-lie-kiei,  8  Hft.,  in  21  K.  sind 
vom  Könige  von  Hoai-nan  Lieu-ngan. 

Hung  wird  bei  Ma-tuan-lin  erklärt  durch  ta  gross,  lie  durch 
ming  erleuchtet,  s.  Ma-~tuan-lin  B.  213  f.  6  DerSui-schu  B.  dif.5 
hat  21  K.  Kat.  13  f.  2  v.,  beide  unter  Tseu  zu  Tsa  kia  luL  Er  ge- 
hört bekanntlich  zu  den  10  Tseu,  was  man  Philosophen  übersetzt, 
war  Enkel  vom  Gründer  der  D.  Han^  Kao-ti,  blühte  unter  Hau  Hiao- 
wen-ti  179-^156  v.  Chr.,  neigte  sich  der  Lehre  der  Tao-sse  zu  und 
ist  der  älteste  der  Polygraphen  (Tsa-kia);  seine  Werke  bilden  nach 
Julien  zu  Lao-tseu  p.  II:  6  Bde.  Ich  vermag  nicht  zu  sagen,  db 
dies  alle  seine  Werke  sind  oder  nur  ein  Theil  derselben.  Die  ein- 
zelnen ]^  haben  besondere  üeberschriften,  deren  Mittheilung  aber 
keine  genügende  Einsicht  in  das  Werk  gibt.  Alle  heissen  Hiün 
Unterweisung,  Belehrung,  Kl  Tuen  tao  hiün,  über  den  ursprüng- 
lichen Tao;  Hft.  2  K.  3  Thien-wen  hiün,  über  die  Astronomie; 
K.4  Ti  hing  hiün,  über  die  Gestalt  der  Erde,  wie  die  üeberschrift 
im  L:ihaltsverzeichnisse  heisst  (anders  im  Buche  selbst);  K.  5  Schi- 
tse  die  Regel  der  Jahreszeiten,  eine  Art  Fasti,  wie  das  Gap.  Yuei- 
ling  im  Li-ki  und  der  Hia  siao  tsching.  Wir  müssen  aber  hier  darauf 
Vorsichten,  in  ein  weiteres  Detail  einzugehen. 

7)  Yen-thie-lün  von  Huan-khuan  aus  Ju-nan") 
unter  Han  Tschäo-ti  86—73  v.  Chr.,  12  K.  in  4  Hft., 
das  letzte  ist  defect. 

Der  Han-schu    B.  30  f.  14   hat  Khuan's  Yen  thie  lün  16 


25)  So  hiess  unter  den  Hau  Ju-ning-fu  in  Homaii« 


274      SiUung  der  phüos.-phüol.  Classe  tom  1.  Februar  1868. 

Pien,  der  Sui-schn  B.  34  f.  1,  der  Thang-schu  B.  59  f.  1,  Ma-tuan-lin 
209  f.  4  V.  n.  der  Kat.  K.  9  f.  2  haben  10  Kiuen.  Der  Titel  Salz  und 
Eisendiskurse  ist  metaphorisch;  es  sind,  wie  viele  der  Werke  in 
dieser  Abtheilnng,  moralisch  politische  Diskurse,  die  sich  in  den  ge- 
wöhnlichen chinesischen  Ideen  bewegen.  Jeder  K.  zerfällt  in  meh- 
rere Abschnitte-  (Ti),  im  Ganzen  60,  wieder  mit  mehreren  Ab- 
theilungen. Es  würde  uns  aber  zu  weit  fuhren,  wenn  wir  auch  nor 
die  üeberschriflen  von  allen  mittheilten;  wir  wählen  einige  aus,  die 
ohne  weitläufige  Erklärung  verständlich  sind.  Die  Abtheilnngen 
fangen  öfter  an  mit  der  Formel:  der  Grossbeamte  (Ta-fu)  sagt  und 
•ine  folgende  Erörterung  beginnt  mit  Wen-hio  besagt,  doch  kommen 
auch  Abweichungen  davon  vor  25,  26,  30,  39  u.  s.  w.  E.  1  T.  1 
Pen-i,  übet  die  Wurzel  oder  Grundlage  sprechen;  T.  2  Li-keng, 
die  Kraft  auf  das  Pflügen  verwenden.  K.  4  T.  13  Yuen-tschi, 
von  Gärten  u.  Gräben;  K.  14  King-tschung,  das  Leichte  und  Schwere; 
T.  16  Ti-kuang  des  Landes  Breite;  T.  17  Pin-fu,  Armuth  und 
Eeichthum;  E.  5,  T.  19.  Pao-hien,  die  Weisen  hegen;  K.  6  T.  23 
Tehün-tao,  dem  rechten  Wege  oder  Principe  folgen.  T.  25 
Hiao-yang,  das  Nähren  der  Pietät;  K.  7.  T.  27.  Eue-tsi,  der 
Reiche  Krankheit;  E.  8  T.  83  Tsi-than,  krankhafte  Verlangen; 
T,  36  Schul-han,  von  Wasser,  (üeberschwemmung)  und  Dürre; 
T.  37  Tsung-li,  ehren  die  Brauche;  K.  9.  T.  40  Neng-yen  reden 
können;  E.  10  T.  45  Fa-kung,  Angriffe  auf  das  Verdienst;  K.  10 
T.  46  Si-i,  die  Westgrenze  (es  ist  von  dem  Hiung-nu  die  Rede) 
u.  a.  w.  Als  kleine  Probe  geben  wir  den  Anfang  von  E.  8  T.  36 
(üeberschwemmung  und  Dürre):  „Der  Ta-fa  sagt:  Yü  und  Thang 
waren  heilige  Herrn  (Tschu,  Herrscher),  Heu-tsi  und  Y-yn  waren 
weise  Minister  und  doch  gab  es  die  Calamitäten  der  üeberschwem- 
mung und  Dürre.  Wasser  und  Dürre  macht  der  Hinmiel,  Hungers- 
noth  und  üeberfluss  (bringen  die  Principien)  Yn  und  Yang  hervor; 
dagegen  vermag  des  Menschen  Eraft  nichts,  da  im  grossen  Jahr, 
wenn  (das  Princip)  Yang  herrscht,  Dürre  eintritt,  wenn  (das  Prinoip) 
Yn  vorherrscht  —  Wasser  (üeberschwemmung).  Des  Himmels  Weg 
oder  Princip  steht  fest  und  es  geschieht  dies  nicht  allein  in  Folge 
eines  Verbrechens  der  Beamten  u.  s.  w.^' 

8)  Fa-yen,    Gesetzes worte,  1  Hft.  in    10  K.    und    13 
Pien,  von  Yang-hiung**)  aus  der  Dynastie  Han. 


26)  Er  hat  mehrere  Werke  verfasst,   daher  sagt  der  Han-sclm 


Plath:  Die  Sammlung  chines.   Werke  Ban  Wei  thmn§  scJm     275 

Der  Sui-schu  B.  B4  f.  1  und  Ma-taan-lin  E.  208  fol.  8  v.  habeti 
13  K.,  der  Thang-achu  B.  69  f.  1:  6  K  ,  der  Kat.  9  f.  2:  10  Kiuen; 
K.  2,  5  und  6  enthalten  je  2  Pien,  so  erklärt  sich  die  ver- 
«cbiedene  A^igabe.  Es  sind  dies  ähnliche  Diatriben,  wie  die  vorigen. 
Die  Mittheilung  einiger  Ueberschriften  der  10  K.  kann  einen  ujige- 
fabren  Begriff  über  die  Gemeinplätze,  die  darin  behandelt  werden, 
geben.  E.  1.  Hio-hing  Pien,  der  Gang  des  Studiums;  E.  2.  Sieu- 
schi n  P.;  seine  Person  ausbilden  oder  mit  Tugenden  schmücken; 
K.  3  Wen-tao  P.,  Fragen  nach  dem  Princip,  eigentlich  Wege.  E.  4 
Wen-schin  P,  Fragen  über  die  Geister.  E.  5  Wen-ming  P.,  Fragen 
nach  der  Erleuchtung.  Die  Ueberschrift  von  E.  6  ü-pe  P.,  die  5 
Hundert,  ist  unverständlicher.  Einer  fragt  da,  alle  100  Jahre  tritt 
doch  nur  ein  heiliger  Mann  hervor,  nun  aber  waren  Yao,  Schün,  Yü 
heilige  Fürsten  und  ünterthanen  doch  zugleich.  Wen-  und  Wu- 
wang  und  Tscheu-kung  Vater  und  Söhne  wohnten  zusammen,  wie 
ist  das?  u.  8.  w.  E.  9  Eiün-tseu  P.,  handelt  vom  Weisen,  end- 
lich E.  10  Hiao-tschi  P.  von  der  höchsten  Pietät. 

9)  Schin-kien  von  Siün-yue,  aus  der  Zeit  von  Han 
Hien-ti  190—220  d.  Chr.,  1  Hft.  in  5  K. 

8.  Sui-schu  B.  34  f.  1,  Thang-schu  B.  59  f.  1,  Ma-tuan-lin  B.  209.  f.  6. 
tu  Eat.  9  f.  3.  Eien  ist  ein  Spiegel;  schin  ausdehnen,  erklären,  etwa  offen. 
Die  Ueberschriften  lauten :  E.  1  Tsching- thi,  die  Glieder  (der  Eörper), 
der  Regierung.  Es  beginnt:  die  Wurzel  des  Tao  (rechten  Principes) 
ist  Humanität  und  Recht,  das  ist  Alles  u.  s.  w.;  E.  2  Schi-sse; 
K.  3  8o-hien;  E.  4  u.  5  dann  Tsa-yen,  vermischte  Worte.  Es  sind 
kurze  Sätze  aus  der  chinesischen  Lebensphilosophie,  Moral  und  Po- 
litik. Die  gewöhnliche  Einkleidung  ist:  Einer  fragt,  z.B.  E. 3  f.4v. 
„Der Humane  (Tugendhafte)  lebt  lange,  wie  ist  das?  Er  spricht:  der 
Tugendhafte  verletzt  nach  innen  nicht  die  Natur,  nach  aussen  ver- 
letzt er  nicht  die  Dinge;  nach  oben  widersetzt  er  sich  nicht  dem 
Himmel,  nach  unten  widerstrebt  er  nicht  den  Menschen,  so  lebt  er 
in  Harmonie  u.  s.  w.**;  E.  4  f.  2  v.  fragt  einer:  „Meug-kho  (VI,  2, 
2,  1)  sagt: ,  alle  Menschen  können  ein  Yao  und  Schün  werden,  ist 
das  wohl?  Es  wird  dann  erörtert,  inwiefemedas  sei;  f  2  fragt  einer; 


B.  80  f.  14  Yang-hiung  so  siü  38  Pien.  Die  Note  specificirt  das: 
sein  Thai-hiuen  19,  Fa-yen  13;  Yo  4;  Tschin  2.  Er  starb  nach 
liegge  ProL  UI.  B.  8  a.  d.  18. 


276      SiUung  der  phüo^.-j^üöl,  Gasse  vom  1.  Februar  1868. 

tef  Volk  liebw,  wie  (s^)  Kind,  ist  das  die  höchste  Humanität?  Er 
spricht:  noch  nicht;  wie  seine  Person?  Antwc^:  noch  nicht  u.t.v. 

Ein  grosseres  Werk   einigermassen   ähnlicher  Art.  'wie 
die  vorigen,  ist: 

10)  Der  Lün-heng.   Abwägung  der  Aussprüche  etwa, 
von  Wang-tschung,  aus  der  Zeit  der  spätem  Han. 

Der  Sui-schu  B.  34  f.  5  hat  29  K. ,  der  Than^-schu  B.  59  f.  10  v. 
Ma-tuan-lin  B.  214  f.  1  undder  Kat.  13  f.  15  v.:  30  K.  Aach  in  unserer 
Sammlang  sind,  es  13  Hft.  in  30  K  und  93  Pien,  nach  dem  Katalog 
ursprünglich  85  P..  Es  würde  zu  weit  fuhren,  wenn  wir  augh  nur 
die  Ueberschriften  der  einzelnen  Abschnitte  mittheilen  wollten.  Wir 
heben  daher  nur  beispielsweise  einige  aus.  El.  P.  3  Ming*lo, 
handelt  von  der  Bestimmung.  ,,Jeder,  heisst  es,  hat  seine  Bestim- 
mung (Ming),  Ehren  und  Unehren,  Armuth  und  Beichthmn  vom 
Könige  (Wang)  und  Kung  (etwa  Fürsten)  bis  zum  gemeinen  Mann, 
vom  Heiligen  und  Weisen  bis  zum  Dummen  u.  s.  w.'*  K.  2  P.  2 
Ming-i,  die  Bedeutung  der  Bestimmung,  geht  auch  darauf.  Hft.  2 
K.  3  P.  4  Pen -sing,  die  ursprüngliche  (Wurzel)  Natur.  K.  4  P.  1 
lautet  Schu-hiü;  P.  2  Pien-hiü;  K.5  P.  1  J-hiü;  P.  2  Kan-hiu: 
K.  6  P.  1  Fo-hiü;  P.  2  Ho-hiü;  P.  3  Lung-hiü;  P.  4.  Lui-hiü; 
Hft.  4.  K.  7.  P.  1  Tao-hiü.  Hiü  ist  Leere,  Schu  das  Buch;  Pien 
der  Wechsel;  J  Wunderbares,  Ungewöhnliches;  Kan  ist  bewegen; 
Fo  ist  Fülle,  Glück;  Ho  Missgeschick,  Unglück;  Lung  der  Drache; 
Lui  der  Donner;.  Tao  der  Weg,  das  Princip..  Damit  sind  die  Titel 
aber  noch  nicht  verständlich,  noch  ist  der  Inhalt  gegeben.  K.  5  P.  1 
J-hiü  beginnt  mit  der  bekannten  Anekdote:  Zur  Zeit  von  Kaiser 
Kao-tsung  von  der  -  2.-  Dynastie  Yn  wuchs  ein  Maulbeerbaum  und 
Korn  mitten  im  Pallasthofe,  dies  war  ein  böses  Omen.,  das  aber 
unschädlich  gemacht  wurde  durch  des  Kaisers  gutes  Verhalten.  K.  5 
P.  2  Kan-hiü  beginnt  wieder  mit  einer  Wundergeschichte:  „InYao's 
Zeit  traten  zugleich  10  Sonnen  hervor,  alle  Dinge  verbrannten  ,und 
verdorreten;  Yao  schoss  nach  oben  auf  die  10  Sonnen,  9  Sonnen 
verschwanden,  eine  ging  beständig  hervor,  dies  besagt  die  Leere 
(Hiü),  —  sein  Schuss  -ging  nicht  über  100  Schritt  weit  —  Himmel 
und  Erde  waren  damals  sich  so  nahe  u.  s.  w."  Bei  Fo-hiü,  K.6 
P.  1  heisst  es :  „der  Gute  ist  glücklich  (nach  einer  chinesischen 
Annahme^,  wenn  er  aber  Böses  thut,  kommt  das  Unglück;  dass 
Glück  und  Unglück  sich  entsprechen,  wirkt  der  Himmel,  die  Menschen 
handeln  und  der  Himmel  antwortet  darauf  (entspricht  ilön)".  Aehn- 


Plath:  Die  Sammlung  ehine^.  Werke  Han  Wei  thsung  sehu.    277 

lidi  K.  6  £  2  Ho-hiü;  P.  3  Lung-hiu  beginnt  wieder  mit  einor 
WnndergeBohicfate:  ,^iir  Zeit  der  B.  Hia  zerschlugen  Donner  und 
Blitz  die  Bäume,  und  zerstörten  die  Häuser,  ein  Drache  war  in 
beiden  versteckt  und  der  trat  hervor,  das  war  der  Himmelsbote 
n.  8.  w.  „Aehnlich  P.  4  Lui-hiü,  K7P.  1  Tao-hiü  hat  wieder  mit 
einem  Drachen  unter  Hoang-ti  zu  thun ,  den  er  besteigt.  Hft.  5 
£.  9  Wen-^Kung  bespricht  verschiedene  Fragen  an  Confucius  und 
seine  Antworten  darauf,  z.  R  f.  2  v.  seine  verschiedenen  Ant- 
worten auf  die  Fragen  mehrerer  über  Pietät  (Lün-iu  2,  5);  f.  6 
sein  Gespräch  mit  Tsen-kung,  wen  er  höher  achte ,  sich  oder  Yen- 
hoei  (Lün-iü  5,  8).  Wir  werden  im  Leben  des  Confucius  darauf 
«orückkommen,  eben  so  auf  f.  13  über  Confucius  Aeusserung  bei 
Yen-hoei's  Tode  (Lün-iü  11,8)  u.  s.  w,  K.  10  P.  1  Fei -han  bezieht 
sich  auf  Han(fei)-t8eu,  einen  der  10  s.  g.  Philosophen  (Tseu),  einen 
Anhänger  der  Tao-sse  (397  v.  Chr.).  P.  2  Tse  Meng -tseu;  dessen 
Tadel  beginnt  mit  dem  Anfange  von  Meng-tseu's  Denkwürdigkeiten 
nnd  seinem  Gespräche  mit  dem  Könige  von  Liang  Hoei-wang  und 
discurirt  darüber;  f.  13  v.  geht  auf  Meng-tseu  IL  2,  8,  1;  f.  15  v. 
auf  II,  2,  13,  1");  f-  17  V.  ist  gegen  III,  2,  4,  2;  f.  18  v.  geht  auf 
in,  2,  10,  1;  f.  21  v.  gegen  II,  7,  2,  K.  20  P.  2  f.  7  Schi-wen 
spriofat  von  der  Auffindung  der  King  bei  der  Demolirung  von  Con- 
ftioins  Hause;  P.  3  f.  12  Lün-sse,  Discurs  über  die  Todten,  gegen 
die  Erscheinung  von  Todten  als  Geistern,  die  schaden,  dann  f.  16 
dass  die  Todten  kein  Bewusstsein  haben  (Wn  so  tsohi  ye).  Es 
kann  dies  Capitel  zur  Ergänzung  unserer  Abhandlung:  die  Unsterb- 
lichkeitslehre der  alten  Chinesen  (Zeitscbr.  d.  d.  morg.  Gesell.  B.  20) 
dienen.  K.  21  Sse-wei,  Erdichtungen  von  Todten,  spricht  gegen 
die  Erzählungen,  wie  Kaiser  Tscheu  8iuen«wang  den  Tu-pe  umge- 
bracht, der  ihm  dann  erschienen  sei  und  auf  ihn  geschossen  habe, 
dass  er  starb  und  ähnlich  bei  Tschao  Kien-kung  u.  a.,  auch  gegen 
Schu-king  V,  6;  K.  22  P.  1  Ki-yao  Wundergeschichten;  K.  22  P.  2 
Ting-knai  gegen  die  Geisterfnrcht ,  das  seien  bloss  krankhafte 
Zustande;  K.  23  P.  2  Po-tsang  über  Beerdigung;  K.  24  P.  1  Ki-ji 


27)  Diese  Kritik  Meng-tseu^s  kann  zur  Ergänzung  unserer  in 
der  Abh.  ChronoL  Grundlage  der  alten  chin.  Gesch.  SB.  1867  II. 
1  8.  86  dienen.  Ton  Yü  bis  Thang,  heisst  es  hier,  seien  1000  J.,  von 
Thang  bis  Tsoheu  ebenso,  von  Tscheu  bis  Meng-tseu  700  J.  nnd 
doch  sei  in  der  Zeit  kein  rechter  König  (v^ang)  aufgetreten ,  wie 
Meng-tsen  annahm. 


278      Sitzung  der  phüos.-phüöl.  dam  ^D<m  L  Februar  1868, 

UnterBttchuDg  über  (glückliche  und  unglückliche)  Tage;  P.  2  Po- 
sch i  gegen  das  Wahrsagen  ans  der  gebrannten  Schildkrötenschale' 
und  der  Pflanze  Schi;  P.  8  Pien-sui  Untersuchung  der  Calamitaten; 
K.  25  P.  8  Sse-i,  die  Bedeutung  des  Opfers,  beginnt:  Die  Welt  glaubt 
opfern  bringe  Glück,  und  nicht  opfern  Unglück.  Auch  gegen  diesen 
Aberglauben  spricht  er.  P.  4  Tsi-i,  die  Absicht  beim  Opfer  (tai), 
beginnt  f.  15  v.:  „es  ist  Brauch,  dass  der  Kaiser  dem  Himmel  und 
der  Erde  opfert,  die  Yasallenfursten  den  Bergen  und  Flüssen,  die 
Kbing  und  Ta-fu  die  5  Opfer  (Sse)  bringen,  der  Sse  (Literat)  und 
das  gemeine  Volk  nur  ihren  Vorfahren  opfern.  E.  80  P.  Tseu-ki 
spricht  vom  Yf.  Wang-tschung  selber  u.  s.  w.  Diese  Andeutungen 
zeigen  schon  die  Mannigfaltigkeit  des  Inhalts.  Es  sind  historisch- 
philosophische  Discurse.  Es  zieht  Geschichten  aus  der  historischen 
Zeit  an,  geht  aber  auch  bis  in  die  mythische  hinauf  und  verschmäht 
Wundergeschichten  nicht. 

11)  Tsien-fu-lün,  von  Wang-fu  aus  der  D.  Han, 
enthält  10  Einen  in  3  Heften,  s.  Thang-schu  £.  59  f.  1. 
und   Kat.  K.  9  f.  2  v. 

Der  Vf.  behandelt  im  Gegensatze  des  Zeitgeistes,  ähnliche  Gemein- 
plätze der  chinesischen  Weisheit.  Die  gute,  alte  Zeit,  ihre  weisen 
Kaiser,  Minister  u.  s.  w.  werden  auch  hier  immer  als  Muster  aufge- 
stellt: er  geht  über  Yao  bis  in  die  mythische  Zeit  (Thai-ku)  hinauf 
und  er  beruft  sich  auf  die  King  und  Confucius.  Von  den  üeber- 
schriften  der  36  Abschnitte  (Ti)  nur  einige  zur  nähern  Andeutung 
des  Inhalts.  K.  1  T.  1  Tsan-hio,  Lob  desStndiums;  T.2.  Wn-pen, 
die  Wurzel  oder  Grundlage  erstreben;  K  2,  T.  8  Sse-hien,  der 
Weisen  gedenken;  T.  9  Pen-tsching,  die  Wurzel  (Grundlage)  beim 
Regieren.  Es  mag  eine  kleine  Probe  von  dem  Gerede  hier  stehen. 
Es  beginnt  der  Abschnitt:  „Für  jeden  Fürsten  der  Menschen,  der  re- 
giert,  ist  nichts  so  bedeutend  gross,  als  die  Harmonie  (Ho)  (der 
Prinoipien)  Yn  und  Yang,  die  hat  den  Himmel  zur  Wurzel;  wenn 
man  des  Himmels  Absicht  (eigentlich  Herz,  Sinn)  gehorsam  fölgft, 
sind  (die  Principien)  Yn  und  Yang  in  Harmonie  u.  s.  w.'*  K.  3 
T.  11  Tschung-kuei  lautet:  die  Redlichkeit  ehren.  HfL  2  K.  4 
T.  17  San-schi,die  3  Muster,  beginnt  mit  der  Charakterisirung 
Han  Kao-tsu's  (206—194),  Hiao  Wen-ti's  (179—156)  und  Hiao  Wu-ti*s 
(140—87),  vgl.  auch  Ti  19.  K.  5  Ti  19  Tnan-sung,  die  Prozesae 
abschneiden;  K  6  T.  25  spricht  vom  Wahrsagen  Po-lie;  K.  7  T.  38 
von  Träumen  (Mung*lie),  auf  beide  wird  etwas  gegeben.  Hft.  3.  K  8 
T.  82  Pen-hiün,  Belehrung  über  die  Wurzel  oder  das  Grundprincip 


Plath:  Die  Sammlung  chines.  Werke  Han  Wei  thaung  schu.    279 

T.  33  Te-hoa,  Tugend  und  Umwandlung;  K.  9  Ti  85  Tschi- 
Bchi-sing,  geht  auf  den  Ursprung  der  chinesischen  Familien  (Sing- 
schi) und  deren  Namen  und  den  genealogischen  Zusammenhang  der 
Yasallenfürsten  des  alten  China's  und  ihrer  Nachkommen  ein..  Der 
letzte  Abschnitt  T.  36  Siu-lo  recapitulirt  den  Inhalt  aller  35 
früheren  Abschnitte  (Ti). 

12)  Tschung-lün,   von    Siü-kan    aus   der  D.  Han, 
1   Hft.  in  2  Kiuen  u.  20  Ti. 

S.  Ma-tuan-lin  B.  209  f.  6  v.  u.  Kat.  9  f.  3.  Allgemein  zu  reden  (ta- 
ti),  sagt  dieser,  geht  er  auf  die  Lehren  der  King,  als  der  ursprüng- 
lichen Quelle  zurück,  weiset  auf  sie  hin  und  um  zu  ordnen  der 
Menschen  Angelegenheiten  (sse),  kehrt  er  zurück  zu  den  Prin- 
cipien  der  Heiligen  und  Weisen  (iü  sching  hien  tschi  tao),  daher  die 
früheren  Geschichtsschreiber  ihn  alle  zur  Familie  der  Literaten 
(Jü-kia)  rechneten.  Lün  ist  wieder  Diskurse,  Tschung  aus  der 
Mitte.  Auch  hier  nur  einige  von  den  20  Abschnitten,  deren  Ueber- 
schriften  keiner  besonderen  Erörterung  bedürfen.  Ti  1,  Schi-hio, 
die  Leitung  des  Studiums;  T.  6  Kuei-yen  (sein)  Wort  ehren  Zur 
Probe  der  Anfang:  „der  Weise  ehrt  gewiss  sein  Wort;  ehrt  er  sein 
Wort,  so  ehrt  er  seine  Person;  ehrt  er  seine  Person,  so  ist  ihm 
wichtig  sein  Princip  (Tao)  u.  s.  w.**;  T.  10  Tsio-lu,  von  Ehren  und 
Einkünften;  T.  15  Wu-pen,  die  Wurzel  oder  Grundlage  erstreben; 
T.  18,  Wang-kue,  von  untergehenden  Beichen;  T.  19  Schang-fa, 
von  BelohnuDgen  und  Strafen.  Der  Abschnitt  beginnt:  „der  grossen 
Netze  bei  der  Regierung  sind  zwei.  Welches  sind  die  zwei?  Sie 
heissen  Belohnung  und  Strafe;  wenn  der  Fürst  erleuchtet  diese  ver- 
hängt, ist  das  Regieren  nicht  schwer.^^  Der  letzte  Abschnitt  T.  20 
Min -SU,  die  Volkszählung,  empfiehlt  diese. 

13)  Tschung-schue,    von   Wang-tung    aus    der  D. 
Sui,   2  Hft.  in  10  Abschnitten  (Pien)  S.  Kat.  K,  9  f.  3  v. 

Heft  1  (schang)  T.  1  Wang-tao,  der  Weg  oder  das  Princip 
eines  (rechten)  Königs;  T.  2  Thien  ti,  von  Himmel  und  Erde;  T.  3 
Sse-kiün,  demFürsten  dienen;  T.  4  Tscheu-kung,  dieser  wirdim 
Anfange  erwähnt;  T.5  Wen-i,  fragen  nach  dem  Wechsel.  Hft.  2.  (hia) 
T.  6  Li-yo,  von  Bräuchen  und  Musik;  T.  7  Scho-sse;  T.  8  Wei- 
siang,  nach  den  Anfangsworten;  T.  9  Li-ming,  spricht  von 
der  Bestimmung  und  T.  10  Kuan-lang,  beginnt:  „Einer  fragte 
nach  Euan-lang.  Der  Meister  sagte:  Es  war  ein  weiser  Mann  in 
Wei  und  spricht  nun  von   ihm.    Das  Werk  besteht  aus  kurzen  Aosr 


280     SitMung  der  phüas.-pkiiol,  Glosse  vom  t  FOruar  186S, 

Sprüchen  des  Meisiers  and  Fragen  seiner  Schüler.  Es  wird  zu  An- 
fange T.  1  and  sonst  immer  ein  Aassprach  Wen-tschung-tsen'fl 
angeführt  In  anderen  Abschnitten,  so  Ti  2,  heisst  es:  Tseu-yaei; 
Tseu,  der  Meister,  ist  sonst  Confacias,  hier  aber  wohl  der  Obige  and 
daraof  geht  wohl  der  Titel.  T.  3  fragt  Fan-ynen-ling  naeh  dem 
Wege  oder  den  Prineipien  (tao)  des  Fürsten  nnd  der  Meister  ant- 
wortet, er  sei  ohne  Privatinteresse  (Wa-sse).  Er  fragt  dann  nach 
den  Prineipien  (Wege)  eines  Gesandten;  der  Meister  sagt:  er  sei 
ohne  Selbstsucht  (Wu-pien).  Ich  erlaube  mir  die  Frage  nach  dem 
Wege  (Art),  wie  man  Menschen  umwandelt  (bessert,  hoa) ;  der  Meister 
spricht:  er  regele  (bringe  zurecht)  sein  Herz  (tsching  khi  sin).  Er 
fragte  nach  Bräuchen  und  der  Musik.  Der  Meister  sagte:  Wenn 
der  Weg  des  Königs  vollendet  ist,  dann  folgen  Bräuche  und  Mnsik 
und  haben  Fortgang,  und  so  geht  es  fort. 

14)   Fung-80-thung,    von   Yng-schao,    aus  der  D. 
Han,  10  K.  in  2  Heften. 

Der  Sui-schu  B.  34  f.  5  hat  31  Kiuen;  so  ursprünglich  nach 
dem  Katalog  13  f.  5  v.  vgl.  Ma-tuan-)in  B.  213  f.  12  v.  Nach  Mem. 
T.  2  p.  296  heisst  der  Yf.  Yng-sche,  Schao  ist  sein  Name;  er  war  aas 
Ju-nan  und  lebte  unter  dem  Ost-Han  Ling-ti  168 — 190  n.  Chr. 
Fung-so  heisst  Sitten,  thung  durchdringen,  wohl  erforschen.  P. 
Premare  p.  CX.  sagt:  es  ist  eine  Sam«ilung  (Recueil),  ziemlich  wie 
der  Pe-hu-tung:  (s.  oben  I,  13.  Remusat  Eist.  deKhotan  p.  136  über- 
setzt dies:  Penetration  (ou  traite)  du  tigre  blanc,  c'est  Poccident!)  Wir 
können  nur  die  allgemeinen  üeberschriften  der  10  K.  und  von.  einigoi 
einzelne  Abschnitte  andeuten.  K.  1  Hoang-pa  handelt  von  den  ersten 
Kaisern  (Hoang);  bis  zu  den  Gewaltf&rsten  (Pa).  Die  einzelnen  kurzen 
Abschnitte  sind:  San  (die  3)  Hoang  (Fo-hi,  Nifi-wa  und  Schin-nang), 
2  ü-ti,  die  6  (alten)  Kaiser,  (Hoang-ti,  Tschuen-hiü,  Ti-ko,  Ti-Yao 
und  Ti-Schün.  S.  m.  histor.  Einl.  zu  Confucius  Leben  S.  99  Abh. 
d.  Ak.  1^67  XI,  2  (447  f.);  8  San-wang,  die  3  Könige,  (Yu  der  D. 
Hia,  Thang  der  2.  D.  Yn  und  Wu-wang  der  8.  D.  Tscheu).  4  U-pa 
die  5  bekannten  Gewaltherrscher.  S.  m.  histor.  Einleitung  zu  Con- 
fucius Leben  S.  54  (402  fg.)  5.  L o-kue,  die  6  Reiche  (nemlich  Tscha*^ 


28)  Zur  Ergänzung  meiner  Angabe  über  die  Dauer  der  Fürsten- 
familie  von  Tschu  in  den  ChronoL  Grundl.  d.  a.  chin.  Gesch.  (8.  B. 
1867  IL  1)  S.  65  mag  aus  K.  1  f.  6  angefahrt  werden,  dass  hier  von 
Kaiser  Tsahuen-hiü  bis  zum  Untergange  der  B.  D.  (222  v.  Clir.)  64 
Generationen  (schi)  in  1616  Jahren  gerechnet  werden. 


Hath:  Die  Sammlung  cMnes.  Werke  Han  Wei  thsung  ed^u,    281 

Yen,  Han,  Wei,  Tschao  und  Thsin;  es  wird  von  den  Vorfahren  der 
Fürsten  und  der  Dauer  ihrer  Herrschaft  gesprochen).  K.  2  Tsching- 
schi, bespricht  Wunder geschichten  und  fuhrt  zuerst  aus  Liü-schi'ß 
Tschhün-thsieu  an,  wie  Ngai-kung  von  Lu  den  Confucius  gefragt,  ob  Lo- 
tsching  nur  einen  Fuas  hatte.  Ein  späterer  Abschnitt  f.  7  betrifiPt 
den  Kaiser  Hiao-weii-ti  der  D;  Han  163 — 156,  auf  welche  über- 
haupt mehrere  der  folgenden  K.  gehen;  ib.  f.  13  v.  hat  die  Le- 
gende von  dem  Könige  von  Hoai-nan,  dessen  Werk  wir  oben 
(III,  6) schon  hatten,  als  Genius  (Schin  sien),  dann  f.  14  von  Wang-y  ang, 
der  Gold  machen  konnte.  K.  3  hat  die  allgemeine  Ueberschrift 
Khien-li,  "Fehler  (Verstösse)  gegen  die  Bräuche;  erst  eine  all- 
gemeine Erklärung,  dann  der  einzelne  Fall  und  zuletzt  die  Erör- 
terung, wie  da  gegen  den  Brauch  Verstössen  sei  Hft  2.  K.  4  Kuo- 
kiü;  K.  6  Schi-fan;  K.  6  Sching-yn  von  den  Tönen.  Hier  wird 
von  den  einzelnen  Tönen  nach  Lieu-hin  gesprochen  und  dann  von 
den  einzelnen  musikalischen  Instrumenten,  deren  Erfindern  nach  dem 
Schi-pen  und  eine  Beschreibung  derselben  nach  dem  Li-yo-ki  n.  s.  w. 
gegeben  wird.  K.  7  Kiung-thung,  gibt  Beispiele  von  Weisen,  die 
in  der  Bedrängniss  durchdrangen  -(bestanden).  Der  erste  Artikel 
^ung-tseu  ist  die  bekannte  Anekdote  von  Confucius,  wie  er 
zwischen  Tsin  und  Tsai  7  Tage  in  Noth  war.  Wir  werden  im  Leben 
des  Confucius  die  Erzählung  ausziehen;  der  zweite  Meng-kho  giebt 
eine  Anekdote  von  Meng-tseu,  ausgezogen  im  J-sse  B.  106  f.  13; 
der  8te  von  Yü-khing,  (s.  über  ihn  Sse:ki  B.  76  f.  1  fg.,  W.  S.  B.  31 
S.  96),  der  4.  von  Meng-tschang-kiün  (s.  Sse-ki  B.  75  S. 
B.  31.  S.  66  fgg.  u.  J-sse  B.  133).  Der  5.  von  Han-fein;  der  6.  von 
Han-ngan-kue;  der  7..  von  Li-kuang  und  anderen.  K.  8  Sse- 
tien  ist  das  Buch  von  den  verschiedenen  Opfern;  der  Verfasser 
spricht  in  19  Abschnitten,  von  dem  des  Sien-nung  (des  früheren 
Ssemannes);  2.  demdesSche-schin,  des  Geistes  des  Feldes;  3.  Tsi- 
schin,  dem  der  Feldfrüchte;  4.  Wu-sing,  dem  Befragen  der 
Sterne;  5.  Tsao-schin,  dem  Geiste  des  Herdes;  6.  Fung-pe, 
dem  Führer  der  Winde;  7.  Yü-sse,  dem  Vorstande  des  Regens 
u.  s.  w.  Es  kommt  auch  noch  anderer  Aberglauben  hier  vor. 
Dieser  Abschnitt  ist  für  die  religiösen  Alterthümer  von  einigem 
Werthe.  Hft.  3  K.  9  mit  der  Ueberschrift  Kuai- schin,  handelt 
von  allerlei  Wundem,  bösen  Träumen,  auch  den  Geistern  einzelner 
Fürsten  und  Sse,  die  erschienen  sind,  wie  Blut  aus  geföllten 
Bäumen  herausläuft  und  dergleichen.  K.  10  endlich  mit  der  Ueber- 
schrift Sohan-tse,  von  den  Bergen  und  Seen,  spricht  von  den  5 
heiligen  Bergen  (Yo),  den  4  grossen  Wasserbehältern  (To,  den 
[1868.  L  2.]  19 


282      SiUung  der  phÜoa.-phüol,  Crosse  vom  1,  Peibruar  1868, 

Flüssen  (Hoang-)  ho,  Klang,  Hoai  -und  Thsi  und  ihren  Quellen),  den 
Wäldern,  Dämmen,  Kanälen,  Seen  u.  s.  w.,  alles  nur  sehr  kurs, 
meist  nur  Stellen  aus  den  King.  Man-  sieht  aber  aus  diesen  kurzen 
Andeutungen,  wie  das  Werk  — ein^  geschichtlich-antiquarische  Blumen- 
lese könnte  man  es  bezeichnen  —  manches  f&r  die  innere  chinesiscbs 
Geschichte  oder  Alterthümer  enthält,  wenn  schon  es  nur  für  eine 
abgeleitete  Quelle  gelten  kann;  es  citirt  auch  manchmal  Werke,  die 
uns  nicht  zugänglich  sind. 

In  dem  letzten  Hefte  ist  noch: 

15)  Jin-voe-tschi,  Geschichte  oder  Nachricht  von 
Menschen  und  Dingen,  von  Lieu-schao,  aas  der  D.  Wei, 
in  3* Abschnitten,  dem  oberen,  mittleren  und  unteren,  iin 
Ganzen  12  Ti  oder  Pien  s.  Kat.  13  f.  3  u.  Sui-schu  B.  34 
f.  4.  Beispielshalber  nennen  wir  einige: 

Der  1.  lautet  Kieu(9)-tschhing,  2.  Thi-pie,  der  6.  Li-hai, 
von  Nutzen  und  Schaden  u.  s.  w.,  der  9.  Pa-kuan,  8  Dinge,  aof 
die  man  zu  sehen  hat,  der  12.  Hiao-nan,  die  Schwierigkeiten  beim 
Lernen. 

16)  Sin-lün,  neue  Diskurse,  von  Lieu-hin  aus  der 
D.  Leang,  2.  Hf.,  10  K.,  54  Ti.  S.  Sui-schu  B.  34  f.  1  v. 
Beispielshalber  die  üeberschriften  einiger  Abschnitte. 

K.  1, 1,  Tsing-schin,  die  reinen  Geister;  T.  2.  Fang-yo,  Dämme 
gegen  die  Begierde;  T  SKiü-thsing,  Entfernung  der  Leidenschaften; 
T.  5  Tsung-hio  das  Studium  ehren;  T.  6  Tschuen-hio,  sich  dem 
Studium  zuwenden;  K.  2  T.  8  Li -sin  (den  Pfad  der)  Redlich- 
keit betreten;  T.  9  Sse-schün,  an  Folgsamkeit  denken;  T.  11 
Kuei-nung,  den  Ackerbau  ehren;  K.  3  T.  12  Ngai-min,  das 
Volk  lieben;  T.  15  Schang-fa,  von  Belohnungen  und  Strafen; 
K.  4  T.  18  Tschi-jin,  die  Menschen  kennen;  Hft.  2  K  6  T.  28 
Wen-wu,  von  literarischen  oder  bürgerlichen  und  Kriegssachen; 
T.  30  Schin-yen,  wird  Sorgfalt  in  den  Aeusserungen  empfohlen; 
T.  31  Kuei-yen,  die  Worte  ehren;  K.  8  T.  40  Ping-scho  Waffen- 
pläne; K.  9  T.  45  Sui-schi,  der  Zeit  folgen  (sie  berücksichtigen); 
T.  47  Li-hai  von  Nutzen  und  Schaden;  T.  48  Ho-fo,  von  Unglück 
und  Glück  u.  s.  w.  Im  letzten  Abschnitte  Ti  55  führt  er  noch  je  4 
von  den  verschiedenen  Classen  von  Schriftstellern  auf  und  charak- 
terisirt  1)  die  gehören  zur  Classe  der  Literaten  (Ja  tsche),  Ngait- 
yng,  Tseu-sse,   Meng-kho   u.   Siün-khing;   2)  die  Tao  tsche;   3}  die 


Fiaih:  Die  Sammlung  chines.  Werke  Han  Wei  thsung  scku.    283 

Yn-yang  tsche,  4)  Ming-tsche,  5)  Md-tschOf  6)  die  Tsung-hung  tsobe, 
7)  Tsa-tsche,  8)  NuDg-tsche.  S.  Jonrn.  Aß.  1667  T.  10  p.276,  übrigens 
wieder  bekannte  chiuesische  Gemeinplätze,  die  hier  behandelt 
werden.  Als  kleine  Probe  der  Ausführung  der  Anfang  von  Ti  11:' 
„Kleidung  und  Speise  sind  des  Volkes  Grundlage  (Pen,  Wurzel);  das 
Volk  ist  die  «Grrundlage  des  Reiches;  das  Volk  hängt  ab  (stützt  sich 
auf)  von  Kleidung  und  Speise,  wie  der  Fisch  vom  Wasser.  Das  Reich 
stützt  sich  auf  das  Volk,  wie  der  Mensch  sich  stützt  auf  (seine) 
Füsse.  Ist  der  Fisch  ohne  Wasser,  so  kann  er  nicht  leben;  ist  der 
Mensch  ohne  Füsse,  so  kann  er  nicht  gehen.  Wenn  das  Reich  ohne 
Volk  ist,  kann  es  nicht  regiert  werden.  Die  früheren  Kaiser  wussten 
das  und  verscbafiften  daher  dem  Volke  Kleidung  und  Nahrung,  b^ 
forderten  daher  den  Ackerbau  u.  s.  w.*^ 

17)  Yen-8chiKia-hiün,  Yen-schi's  Belehrungen  fürs 
Haus,  von  Yen-tächi-tschui,  aus  der  D.  der  nördlichen 
Thsi,  2  Hft.  in  2  K.  und  20  Abschnitten  (Ti  oder  Pien). 
S.  Ma-tuan-lin  B.  209  f.  9  v. 

Der  Katalog  13  f.  3  stellt  es  unter  Tseu-pu  Tsa-kia  lui, 
die  Thang  und  Sung,  wie  er  bemerkt,  unter  Jü-kia.  Jeder  Ab- 
schnitt (Ti)  hat  wieder  mehrere  Abtheilungen  oder  Geschichten.  Auf 
Stellen  der  King  beruft  er  sich  immer,  citirt  aber  auch  spätere 
Schriften,  z.  6.  die  Geschichte  der  späteren  Han  (Heu  Han  schu) 
und  Ti  6  f.  18  den  Lün-heng  von  Wang-tschung  (oben  N.  10)  und 
Ti  18  f.  34  den  Fang-yen  von  Yang-biung  (I,  18),  den  Schi-ming 
(I,  20)  und  den  Schue-wen.  Der  Verfasser  spricht  von  seiner  Familie 
K.  2  T.  14  f.  7  V.;  sie  lebte  erst  in  Tseu  und  Lu,  ein  Theil  zog 
dann  nach  Thsi.  Unter  Confucius  Schülern  finden  sich  zwei  aus  der- 
selben Familie,  so  sein  Lieblingsschüler  Yen-hoei  und  dessen  Vater.  S 
Legge  T.  l  Prol.  P.  fl3  fg.  Wir  haben  dieses  Werkchens  schon  in 
den  Proben  chines.  Weisheit  S.  7  (S  B.  1863  II,  2  S.  159)  erwähnt,  aber 
nur  nach  Citaten  daraus;  hier  ist  die  Schrift  selber.  Wir  wollen 
die  Ueberschriften  nur  von  einigen  der  20  Abschnitten  anführen, 
T.  1  ist  eine  Art  Einleitung.  T.  2  lautet  Hiao-tseu,  der  Unter- 
richt der  Söhne;  T.  3  Hiung-ti,  von  älteren  und  jüngeren  Brüdern; 
T.  4  Heu-thsiü  von  Nach-  (zweiten)  Heirathen  (Die  Stiefmütter 
seien  oft  böse  gegen  die  Stiefkinder);  T.  5  Schi-kia,  von  der 
Leitung  des  Hauses;  (wenn  der  Vater  keine  Liebe  gegen  die  Kinder 
zeige,  hätten  diese  auch  keine  Piet-at;  wenn  der  ältere  Bruder  keine 
Freundschaft  (gegen  den  jungem)^  habe  dieser  keine  Ehrfurcht  (vor 

19* 


284      Sitzung  der  phüoa.-phOol.  Glosse  vom  1.  Februar  1868. 

dem  altern);  wenn  der  Mann  niclit  gerecht  gegen  die  Frau,  sei  die 
Frau  nickt  folgsam  u.  s.  w.);  Ti  7  Mu-hien,  die  Weisen  lieben; 
T.  8  Mien-hio,  sich  bemühen  zu  lernen;  T.  9  Wen-tschang, 
von  literarischer  Bildung.  (Die  Quelle  geht  aus  von  den  5  King) 
Hft.  2  K.  12  Seng-sse,  Sorgfalt  (Umsicht)  bei  seinem  Thun.  Es 
beginnt:  „nicht  viele  reden;  viel  reden  bringt  Verderben ;  nicht  viel 
geschäftig  sein  (thun,  sse);  viele  Geschäftigkeit  bringt  viele  Sorgen 
und  Kummer".  Der  letzte  Abschnitt  20  Tschung-tschi,  Regeln  ftr 
das  (Lebens-)  Ende  beginnt:  „Sterben  ist  der  Menschen  bestandiger 
Theil;  man  kann  ihm  nicht  entgehen  u.  s.  w/^  Man  sieht  hier  die 
praktische  Weisheit  der  Chinesen.  Das  Werkchen  kann  auch  znr 
Ergänzung  unserer  Abhandlung  über  die  häuslichen  Gebräuche  der 
alten  Chinesen.  München  1863.  8.  (S.  B.  1862  II.  S.  201  fgg.)  dienen. 

18)  Tscheu-Y-san-thung-khi,  von  Wei-pe-yang, 
aus  der  D.  Han,  1.  Hft.  von  20  Blättern  in  34  Ab- 
schnitten. 

Nach  Ma-tuan-lin  B.  224  f.  4  und  dem  Kat.  14  f.  42  in  3  Kiuen. 
Es  bezieht  sich,  wie  der  Anfang  des  Titels  schon  besagt,  auf  den 
Y-king  und  gehört  nach  dem  Katalog  zu  den  Schriften  der  Tao-sse 
(Tao-kia),  die  auch  der  King  sich  bemächtigten."  T.  1  beginnt  mit 
den  ersten  beiden  Kua  als  der  Thür  und  Pforte  zum  Y-king  und 
aller  Kua  Vater  und  Mutter. 

Es  folgön  dann  noch,  ein  Paar  kleine  Piecen  in  dem- 
selben Hefte 

19)  Yn-fu-king,  von  Tschang-lang,  aus  derD.  Han; 
3  Pien,  nur  12  Bl.  Der  Kat.  14  f.  38  rechnet  das  Werk- 
chen, wie  das  vorige,  zu  der  Abtheilung  der  Tao-sse-Schriften. 
Es  sind  kurze  Sätze  von  einer  Zeile  mit  Erläuterungen,  wie 
Thai-kung  angeblich  sagt. 

20)  Fung-heu-uo-ki-king,  nur  9  Blätter,  von  Kung- 
sün-hiung,  aus  der  D.  Han.  S.  Ma-tuan-lin  B.  221  f.  17  v. 
Es  ist  schwer,    in   der  Kürze   es   näher  zu  bezeichnen. 

21)  Su-schu*^),    das   einfache,    ungeschmückte  Buch, 


29)  Dasselhe  Werk   ßndet   sich  in  der  Bibliothek   nochmals    in 
der  B.  g.  Bibliotheca  Buddhistica  et  Tao-sse  Bd.  11  Nr.  l.  Diese  ent- 


Plath:  Die  Sammlung  eldnes.  Werke  Han  Wei  thmng  achu,     285 

von  Hoang-schi-kung,  aus  der  D.  Han,  auch  nur  22  Bl. 
in  6  Abschnitten  (Tschang-ti).  Ma-tuan-lin  B.  211  f.  27 
sagt,  das  Buch  gibt  die  Principien  (Tao),  wie  d^s  Reich, 
das  Haus,  die  Person  zu  regieren  sei.  Er  stellt  es  auch  unter 
die  Tao-kia.  Es  beginnt:  „Das  .Princip  (Tao),  die  Tugend 
(Te),  die  Humanität  (Jin),  die  Gerechtigkeit  (J)  und  die 
Beobachtung  der  Bräuche  (Li)  sind  5,  vereinigt  bilden  sie 
nur  «ins;"  dann  kurze  Sätze  über  Tao,  Te,  Jin,  J,  Li.  Er 
beginnt  mit  Worterklärungen,  citirt  f.  2  v.  Lao-tseu,  macht 
Vergleiche:  der  Tao  ist  wie  ein  Schiff,  die  Zeit  wie  das 
Wasser  u.  dgl.  Wie  soll  man  das  nennen?  metaphysische 
Rednerei. 

22)  Sin-schu,  von  Tschu-ko-leang,  aus  der  D.  Han, 
nur   17  BL,  46  kurze  Artikel  (Ti). 

Man  sieht  Dicht  recht,  wie  dies  Buch  zu  dem  Titel  kommt, 
Sehn  ist  das  Buch,  Sin,  Herz,  hier  etwa  das  Centrum?  Es  scheint 
zu  den  Schriften  über  das  Kriegswesen  zu  gehören,  die  verlaufen 
sich  aber  auch  oft  ins  Moralisiren.  Hier  einige  üeberschriften  der 
Abschnitte.  T.  1  Ping-ki  Kriegspläne;  'f.  2.  Tscho-ngo,  (5erlei) 
Schlechtes  (Schädliches),  was  zu  entfernen  ist;  T.  3  Tschi*jin- 
sing,  des  Menschen  Natur  kennen;  T.  4 — 10  handelt  vom  Tsiang, 
hier  wohl  der, Feldherr:  T.  4  Tsiang-tsai,  von  seinem  Talent; 
T.  5  Tsiang- khi,  von  seinem  Geräth,  hier  wohl  Geschick.  (Anders 
mass  verfahren  der  10,  als  der  100, 1000, 10000  befehligt);  T.  6  Tsiang 
p'i,  (8)  Fehler  desselben;  T,  7  Tsiang-tachi,  seine  Absicht;  'T.  8 
Tsiang^-schen,  (5erlei)  muss  er  gut  wissen,  4erlei  wünschen; 
T.  9  Tsiang-kang  von  seiner  Stärke;  T.  10  Tsiang-kia, 
er  darf  nicht  hochmüthig  sein;  .  T.  11  Tsiang- kiang,  (5erlei) 
mache  seine  Kraft  aus;  9  Eigenheiten  sind  übel,  (ngo),  wenn  er 
die  hat.    In  demselben  Hefte  ist  noch  das  Folgende  lY,  1 : 


hält  freilich  auch  andere  fremdartige  Sachen,  so  B.  12  zu  Ende  den 
Khao-kung-ki ,  das  Supplement  zum  Tscheu-li  und  B.  14  sogar 
ein  kleines  Werkchen  über  das  Weiden  des  Bindviehs  mit  Abbild- 
ungen (Mo-nieu-thu).  -*• 


286      l:Htzung  der  phüos.'philol.  Classe  vom  1,  Februar  1868, 

Abth.  Vfi  Tsai-tsi»«),  enthält  1)  Ku-kin-tschü,  Er- 
klärang  von  Altem  und  Neuem,  von  Thsui-pao'^)  aus  der 
D.  Tsin,  3  K.  S.  Sui-schu  B.  34  f.  5  v.,  Thaug-schu  B.  59 
f.  11  u.  Kat.  13.  f.  5  V.  unter  Tsa-kia.. 

K.  1  enthalt  2  Abschnitte  (Ti):  Yü-fu,  vom  Wagen  und  Kleid- 
ung (aber  auch  Aexten,  Mützen,  Schuhen);  T.  2  Tu-i,  von  der 
Hauptstadt  und  den  anderen  Städten  (aber  auch  den  Thürmen, 
Thoren,  Mauern,  Tempeln,  meist  nur  Worterklärungen,  so  auch  im 
Folgenden);  K.  2  T.  3  Yn-yo,  von  Tönen  und  Musik;  T.  4  Niao- 
scheu,  von  Vögeln  und  Vierfüssern  (auch  hier  nur' Worterklär- 
ungen, wie  f.  6  V.  den  Hund  (Ecu)  nennen  einige  Gelbohr  (Hoang- 
eul),  den  Raben  (U)  einige  den  frommen  Vogel,  (Hiao-niao);  T.  5 
Yü-tschung,  von  Fischen  und  Insekten;  £.3  T.  6  Thsao- 
mo,  von  Pflanzen  und  Bäumen..  Auch  hier  sind  die  Erklärungen 
sehr  kurz,  z.  B.  die  süsse  Frucht  (Kan-schi)  hat  die  Form  (Gestalt) 


30)  Tsai,  eigentlich  in  einem  Wagen  fahren,  dann  Ladung,  ent- 
halten, tsi  sind  Bücher;  die  Abtheilung  entspricht  der  vierten 
Classe,  die  sonst  Tsi  Sammlung  heisst.  Der  Katalog  K.  6  f.  23 
V.  fgg  hat  unter  Abth.  2  Sse-pu  eine ünterabtheilung  Tsai  ki  lui; 
ki  ist  record. 

81)  Legge  T.  III,  2  p.  587  erwähnt  aus  einem  Werke  Ku-kin- 
tschü,  aber  von  Tschung-hoa,  aus  der  D.  Tsin,  K.  1  schang,  die 
Gesandtschaft  der  Yuei-tschang  (Cochin-Ghina's)  an  Tsch^u-kung,  der 
ihr  zur  Bückreise  einen  Compass  mitgegeben  habe,  erklärt  aber 
die  Erzählung  für  fabelhaft.  Dies  ist  aber  ein  anderes  Werk,  däi 
der  Katalog  neben  obigem  aufführt,  beide  seien  ähnlich.  Die  Stelle 
steht  indess  auch  ganz  gleichlautend  fast  in  unserem  Werke  K.  1 
art.  1  Yü-fu  f.  1  Der  Compass  heisst  Tschi-nan-kiu,  der  Wagen  (mit 
einer  kleinen  Menschenfigur),  der  nach  Süden  weiset,  und  war  so  der 
Form  nach  verschieden^vom  Compass.  Klaproth  Lettr.  ä  M.  A.  de  Hum- 
boldt sur  Pinvention  de  la  boussole.  Paris  1834  8^  p.  77  und  83. 
fahrt  4ie  Notiz  über  die  Erfindung  des  magnetischen  Wagens  aas 
unserm  Thsui-pao  Ku  kin  tschu,  aus  dem  Ende  des  4.  Jahrh. 
V.  Chr  unter  der  D.  Tsin  an,  hatte  aber  das  Werk  desselben  nicht 
gesehen,  obwohl  es  in  unserer  Sammlung  und  die  in  Paris  war  und 
kannte  es  nur  aus  Auszügen.  DeiST-sse  B.  25  f.  6  hat  die  ganze  Stelle 
auch  aus  dem  Ku-kin-tschü,  ohne  den  Namen  eines  Verfassers. 


Plath:  Die  Sammlung  ehines,  Werke  Hern  Wei  thmng  schu.    287 

wie  der  Lieti;  man  nennt  sie  ancb  Hu-kan;  T.  7  Tsa-tschu, 
vermischte, Erklärungen:  T.  8  Wen-ta-sche-i,  Fragen  und  Ant- 
worten und  Erklärung  derselben.  Die  sind  oft  sehr  sonderbar;  so 
fragt  zu  Anfange  Tsching-ya  den  Tschung-tschung-sche :  ,,was  nennt 
man  von  Alters  her  die  3  Iloang  und  die  5  Ti  und  er  antwortet: 
die  3  Hoang  sind  die  3  Talente  (Tsai),  die  5  Ti  sind  die  5  Tschang 
(Beständigen),  die  3  Wang  die  3  Erleuchteten  (Ming),  die  6  Pa  die 
5  heiligen  Berge  (Yo)!".man  versteht  den  Unsinn  kaum,  wenn  auch 
die  Wörter  deutlich  sind.  ' 

2)  Po-voe-tschi,  vonTschang-hoa,  aus  derD.Tsin. 
Der  Sui-schu  B.  34  f.  5  v.  hat  10  K.  Der  Kat.  14  f.  34  v.  rechnet  es 
zum  Tseu-pu,  Siao-schue,  wörtlich  kleines  Xjfeschwätz.  Es  sind 
2  Hefte  in'  10  K.  und  39  Abschnitten.  Schott  Entwurf  S.  123  über- 
setzt den  Titel  Beschreibung  von  Allerlei;  Po  ist- ausgedehnt,  allge- 
mein, voe  sind  Sachen.  Er  erwähnt  Aus  Ma-tuan-lin  B.  215  f.  2 
Kaiser  Wu>ti  aus  der  D.  Tsin  265—289  habe  sich  herabgelassen,  das 
Werk  von  unnützem  Wüste  zu  befreien  und  auf  lö  Bücher  zu  redu- 
ziren,  (das  sagt  auch  die  Vorrede),  es  enthalte  wunderbare  Dinge 
und  seltsame  Begebenheiten,  also  Curiosa,  aller  Zeiten  und  Länder. 
Schott  hat  das  Buch ,  offenbar  selber  nicht  gesehen.  Wir  geben  des- 
halb eine  etwas  ausführlichere  Angabe  über  den  Inhalt  .und  eine 
Probe.  Kl.  Der  erste  Abschnitt  giebt  f .  1  die  Grösse  der  Erde 
von  Süden  nach  Norden  zu  335,500  (san-i  san-wan  u-thsian  u-pe) 
Li  an,  der  Berg  Eüen-lün  ist  10,000  Li  breit   (Kuang  wan  li),  hoch 

11,000  (Wan  i  thsian)  Li Das  Reich  der  Mitte  (China)  nimmt 

davon  nur  einen  Theil,  den  Ost- Winkel,  ein;  links  geht  es  bis  zum 
MeeresufeTf  rechts  bis  zur  Sandwüste  (Lieu-scha,  der  Gobi),  seine 
Ausdehnung  (Fang)  ist  15,000  Li  —  —  Dann  folgt  eine  kurze  An- 
grabe  der  Gränzen  der  früheren  Yasallenreiche  Thsin,  Schu, 
Tscheu,  Wei,  Tschao,  Yen,  Thsi,  Lu,  Sung,  Tschu,  Nan-yuei  (Süd-Yuei): 
Kiao-tschi,  ü.  Tun g -(Ost)  Yuei,  Wei's.  (Diese  zieht  der  J-sse 
B.  165  f.  17  fg  aus).  Dann  spricht  er  von  der  Erde  (Ti),  Seh  an,  von 
den  Bergen  und  denöYo,  Sc  hui,  von  den  Gewässern  (den  Meeren), 
den  4  Haupt-Flüssen  (to)  und  8  kleinern  (Lieu)  Chinas.  Die  folgen-, 
den  Abschnitte  sind:  Schan-schui-tsung-lün,  Diskurse  über  Bwge 
und  Flüsse  zusammen;  ü;fang-jin-mln  (schi),  über  die  Menschen 
der  5  Gegenden  und  ihren  Character;  Voe-san,  von  Dingen  und 
Produkten;  K.  2  üai-kue,  von  den  äusseren  Reichen.  Hier,  wie 
auch  in  den  früheren  Abschnitten,  ist  immer  viel  Fabelhaftes,  z  B. 
im  Beiche  Hien-yuen  werden   die  Menschen   800  Jahr  alt,  essen 


288,      SiUtung  der  philo8.-phü(jl  CUuae  vom  1.  Februar  1868. 

die  Eier  des  Phönix,  (Fung-hoang)  ond  trinken  süssen  Thao.  X)ie 
folgenden  8  Abschnitte  J-j in,  J-so,  J-san  handeln  von  fremd- 
artigen Menschen,  Sitten  und  Produkten  und  im  k.  3  J -sehen, 
J-niao,  J-tschung,  J-iü  und  J-ts^o-mo,  von  fremdartigen  oder 
wunderbaren  Yierfüssem,  Vögeln^  Insekten,  Fischen,  Pflanzen  und 
Bäumen.  E.  4.  Die  3  folgenden  Abschnitte  sind:  Yoe-sing,  Yoe-li, 
Yoe-lui,  von  der  Dinge  Natur,  Ordnung  und  Arten;  dann  2  Te- 
Toe  und  Yo-lün  von  Medikamenten;  dann  Schi-ki,  von  Speisen, 
die  zu  meiden  sind;  Yo-scho  und  Hi-scho,  von  Arten  von  Spielen. 
K  5  Fang-sse  zählt  die  Sse  auf,  die  Wei  Wu-ti  aus  allen  Gegen- 
den berief,  ihre  Arzneimittel  kennen  zu  lernen  —  Fu-schi  spricht 
dann  vom  Gebrauche  (und  Wirkung)  der  verschiedenen  Speisen. 
Hft.  2  E.  6  Jin  mingkao,  Untersuchung  der  Namen  der  Menschen, 
ist  eine  dürre  Namenliste,  wer  die  4  Tugendhaften  (Jin)  der  2.  D., 
die  4  Freunde  Wen-wang*s  und  die  des  Confucius  waren  u.  s.  w. 
Die  folgenden  7  Abschnitte  enthalten  ähnliche  Untersuchungen  (Eao), 
nur  kurze  Notizen  über  Bücher,  Bräuche,  Eleider,  Geräthe,  alles 
sehr  dürftig.  £.  2  spricht  von  sonderbaren  Legeliden  (J-wen);  K.  8 
Sse-pu  sind  Ergänzungen  der  Geschichte,  E.  9  u.  10  Tsa-scbnn 
endlich  sind  vermischte  Erörterungen.  Als  eine  Probe  der  Aus- 
führung geben  wir  noch  die  Uebersetzung  von  E.  1  Abschnitt  £  6 
V.  sq.  „Die  Menschen. der  5Geg  enden:  In  der  Ostgegend  herrscht 
der  kleine  (schao)  Yang,  und  von  da  aus  gehen  Sonne  und  Mond 
hervor.  Berge  und  Thäler  sind  rein,  die  Menschen  da  schön  (kiao) 
und  gut  (bao).  Die  Westgegend  (gehört  zum)  kleinen  Yn,  wo  Sonne 
und  Mond  eintreten,  (untergehen).  Ihr  Boden  ist  tief  (yao)  and 
dunkel  (ming).  Ihre  (Bewohner)  Menschen  haben  hohe  Nasen,  tiefSe 
Augen  und  viele  Haare.  Die  Südgegend  gehört  zum  grossen  (thai)- 
Yang.  Der  Boden  hat  unten  flache  Wässer,  die  Menschen  haben  da 
grosse  Münde  und  vielen  Hochmuth,  (Ngao).  Die  Nordgegend  gehört 
zum  grossen  Yn.  Der  Boden  ist  eben,  weit  und  tief,  die  Menschen 
haben  da  breite  Gesichter  und  kurze  Nacken  (So-king).  Die  mitt- 
lere Gegend  (Tschung-yang) ,  viergetheilt  (zwischen  jenen)  hat 
Wind  und  Regen.  Berge  und  Thäler  sind  hoch,  ihre  Meüschen  ge- 
rade und  aufrecht  (Tuan- tsching).  Die  Leute  des  0.  und  S.  essen 
Wasserprodnkte;  die  Leute  des  W.  und  N.  essen  Zuchtvieh.  Die 
Wasserprodukte  essen,  wie  Schildkröten,  Muscheln  (Eo),  Schnecken 
(Lo)  und  Süsswasserbivalven  beachten  nicht,  wenn  sie  Delicatessen 
(tschin  wei)  daraus  bereiten,  wenn  jene  etwas  angegangen  sind' 
(sing-sao);  die  Thiere,  Wölfe,  Haasen,  Mäuse,  Sperlinge  essen,  be- 
achten, wenn  sie  Delicatessen  (daraus)  machen,  nicht,  wenn  sie  etwas 


JPMh:  Die  Sammlung  chinea,  Werke  Hm  Wti  thsung  schu.    289 

riechen  (sdien).  Die  Berge  baben,-  sammeln  Pflanzen  (Tsai),  die 
Wässer  haben  fischen.  Der  Geist  der  Berge  (Schan  khi)  erzeuget 
viele  Männer,  der  der  Seen  viele  Frauen.  In  der  Ebene  und  Nieder- 
ung herrscht  der  Geist  (Ehi)  der  Humapität  (Jin),  auf  Höhen  der 
Geist  der  Widersetzlichkeit ;  der  Geist  in  allen  Waldern  ist  nieder- 
geschlagen  (oder  lahm,  pi).  Daher  wähle  man  wohl  den  Ort  aus, 
wo  man  wohnt.  In  der  Mitte  von  Höhen  (sei  die  Wohnung)  eben, 
in  der  Mitte  der  Niederung  liege  sie  hoch,  dann  entstehen  gute 
Menschen  (Hao-jin).  Die  Wohnung  sei  nicht  nahe  bei  abgeschnit- 
tenen Seen,  mitten  in  Hügeln  (Ehi^,  noch  wohin  viele  Füchse  und 
Insekten  kommen;  wenn  das,  ist  es  eine  Wohnung  des  Todtengeistes 
(sse-khi)  und  der  Verbergung  des  Yn  (yn  ni  tschi  tschu).  Das  Volk, 
welches  Berge  bewohnt,  hat  viel  die  Krankheit  des  Kropfes  (Yng) 
und  Geschwüre  (Tschung),  weil  es  beim  Trinken  sich  nicht  fliessender 
Quellen  bedient.  Jetzt  haben  im  südlichen  King  (Hu-kuang)  alle 
Bergprovinzen  im  Osten  viel  diese  Krankheit  Die  Geschwüre  gehen 
hervor  aus  verdorbenem  (nieder-getretenem',  tsien)  Lande,  welches 
ohne  Salz  ist.  Jetzt  haben  ausserhalb  des  Kiang  (Kiang  uai)  alle 
Bergdistrikte  viel  diese  Krankheit."  Man  sieht  hier,  wie  die  Chinesen 
überhaupt  über  ihre  mangelhafte  Beobachtung  gleich  einen  Schwall 
von  Spekulation  ergiessen.  In  einer  Anmerkung  setzt  Lu-schi  aber 
schon  hinzu,  dass,  was  die  Krankheiten  betreffe,  dem  nicht  so  sei. 

3)  Wen-sin-tiao-lung  von  Lieu-hin,  aus  Tung- 
kuan"),  zur  Zeit  der  D.  Leang  (wie  III,  16),  3.  Hft.,  10  K. 
S.  Sui-schu  B.  35  f.  13,  Ma-tuan:lin  B.  249  f  16  v.  Der  Katel. 
20  f.  rV.  hat  es,  wie  das  folgende,  unter  Tsi-pu  Schi-wen  ping  lui. 
Der  Titel  ist  mir  unverständlich.  Die  üeberschriften  der  einzelnen 
Abschnitte  (Ti)  würden  ohne  weitere  Erörterung  auch  nicht  leicht 
verstandlich  sein ;  K.  1  T.  1  heisst  z.B.  Yuen-tao,  der  ursprüngliche 
Tao,  aber  was  weiss  man  damit  ?  Hinter  jeden  solchen  Abschnitt  ist 
ein  Absatz  mit  der  üeberschrift  Tsan  yuei,  der  Assistent  sagt.  Ti  2 
Tsching-sching  heisst  der  vollendete  Heilige  (Weise).  K.  2  Ti  6 
Ming-schi,  Erläuterung  der  Gedichte,  beginnt:  „Der  grosse  Schün 
sagt:  Das  Wort  Gedicht  (schi)  besagt  Absicht  (tschi);  Gesang  (ko) 
ist  ein  recitirtes  Wort  (Yung  yen);  die  Rathschläge  des  Heiligen,  die 
das  Recht  aufschliessen ,  (aufhauen,  si  i),  sind  klar;  so  lange  sie 
noch  im  Herren  'sind,   nennt   man  sie  4^sicht   (tschi),   brechen  sie 


82)  Es  ist  ein  Hien  in  Knang-^cheti-fu  in  Kuang-tung. 


290      3iUung  der  phOaa.'phiM.  Oobh  wm  1.  Febrmr  1808. 

in  Worte  aus,  so  beissen  sie  Qediohte  u.  ägV*^  K  3  Ti  8  Tsinen-fii, 
Erkl&rang  der  Fn,  Ti  9  Sang-tsan  und  K.  8  Ti  86  Pi-hing  be- 
zidien  sich  aof  die  Tersohiedenen  Arten  Ton  Gedichten;  Hing  sind 
«olche  mit  Einleitungen;  Pi  allegorische;  Fu  solche  ohne  Allegorie; 
Snng,  wie  die  im  Tierten  Theile  des  Schi-king;  S.  8  Ti  11  Ming 
t  seh  in  spricht  Ton  den  Denksprüohen,  die  auf  Geräthe  und  Oürtela 
eingewirkt  oder  gestickt  waren;  Til2  Luipi  von  Epitaphien  und 
Steintafeln  mit  Inschriften.  Was  darüber  'gesagt  wird,  alnsr  nur 
anandeuten,  würde  viel  mehr  Raum  erfordern,  als  uns  gestattet  ist; 
wir  müssen  daher  davon  absehen.  In  dem  letzten  Hefte  sind  noch 
Nr.  4,  6  und  6. 

4)  Schi-phin,  die  Reihen  von  Gedichten,  von  Tsehnng- 
yung  aus  der  D.  Leang;  8.  Ma-tuan-Iin  B.  249  f.  17.  Kat 
20  f.  1  V.  Er  nahi)i,  .sagt  auch  dieser,  von  der  D.  Han 
und  Wei  bis  zur  D.  Leang  (202  v.  Chr.  —  556  n.  Chr.)  die 
dichten  konnten,  103  Leute  und  theilte  sie  in  8  Reihen 
ein ;  jede  hat  zu  Anfange  eine  kleine  Einleitung.  Das  Wert 
chen  in  3  Einen  spricht  nach  einer  Einleitung  E.  1  f.  4 
erst  von  alten  Gedichten  (En-schi);  dann  von  soldien  d^ 
Han,  Wei,  Tsin,  Sung,  Thsi  u.  Leang;  es  1)eginnt  immer: 
ihre  Quelle  geht  hervor  aus  (Ehi  yuen  tschü^iü.) 

5)  Schu-phin,  nur  8  BL,  von  Yü-kien-u  aus  der 
D.  Leang.  Es  sind  kurze  Notizen,  fast  nur  Namen  von  123 
Männern;  Sehn  heisst  Buch. 

6)  Yen- sehe,  (?)  ausserordentliche  Schützen,  von  ? 
Meu-sche  aus  Wei,  nur  11  Bl.,  20  Abschnitte  (Ti)  mit 
vielen  Lacken,  die  durch  leere  Quadrate  angedeutet  werden. 

7)  Ho-i'ki,  von  Wang-kia,  aus  der  D.  Tsin,  S.  Ma- 
tuan-lin  B.  215  f.  2.  Der  Eat.  14  f.  30  v.  rechnen  es  zu 
den  Siao-schue  und  sagt,  es  waren  ursprünglich  19  Einen 
mit  220  Pien.  Es  sind  jetzt  3  Hf.  in  10  E.  und  31  Ab- 
schnitten. 

Von  diesem  Werke  kann  man  eher  den  Inhalt  angeben.  K  1 
handelt  von  Pao-hi  (Fo-hi),  dann  von  Schin-nung,  Hoang-ti, 
Schao-hao,  Kao-yang,  Kao-sin,  Thang,  Yao  undYü-schün.  (Dsr 
J-sse  B.  8  f.  1  sq.  —  10  f.  14  hat  diese  und  die  folgenden  gana  oder 


Pla(h:  Die  Sammlung  ehines.  Werke  Hon  Wei  ^ismg  9clm,    2dl 

theilweise  ausgezogen);  E.  2  von  Yü  dör  (1.  D.)  Hia,  Thang,  (dw 
2.D.)  Yn;  dann  von  Wu-,  Tsching-,  Tschao-  und  Li-wang  (der  S.D.) 
der  Tscheu;  K3  von  Tscheu  Mu-wang  (1001— 946)  (auchünJ-sse 
B.  26  f.  2  V.);  Jjtt  Hi-kung  (669—26);  u.  Tsöheu  Ling-wang 
(671—544);  Hft.  2  K.  4  von  Yen  Tschao-wang  (311—278);  u. 
Thsin  Schi-hoang-ti;  K.  5  u^  6  von  den  früheren  (tsien) 
Han;  E.  6  von  den  späteren  (heu)  Hau;  E.  7  vom  (Reiche) 
Wei;  E.  8  von  ü  u.  Schu;  Hft.  8  E.  9  hat  die  üeberschrift 
Tsin^schi-sse,  die  Begebenheiten  der  Zeiten  der  Tsin.  Es  sind 
hier  Wundergeschichten  gesammelt,  die,  wie  der  Titel  an- 
deutet, anderawo  in  der  Geschichte  übergangen  oder  vergessen  sind; 
E.  10  ht^ndelt  in  8  Abschnitten  von  ebensovielen  Bergen  und  was 
sie  Wunderbares  zeigen,  zuerst  vom  Eüen-lün.  Erst  aus  diesem 
Ho-i-ki  E.  8  f.  4  v.  fg.  unter  Tscheu  Ling-wang  (auch  im  J-sse 
B.  86,  1  f.  2)  sind  die  Wundergeschichten  bei  Confncius  Geburt,  die 
der  P.  Amiot  im  Leben  des  Confucius  M^m.  T.  13  auftischt;  die 
Geistlichkeit  lebt  ja  in  und  von  solchen  Legenden.  Wir  theilen  sie 
im  Leben  des  Confucius  mit;  der  Sse-ki  u.  selbst  der  Eia-iü  wissen 
noch  nichts  davon. 

8)  Scho-i-ki*'),  Erzählung  oder  Bericht  von  über- 
lieferten Wundern,  von  Jin-fang,  aus  der  D.  Leang,  (Kat.  14 
fol.  34  V.)  ist  eine  Folge  von  solchen  Wundergeschichten  u. 
Mythen  in  2  K. ,  ohne  besondere  Abtheilungen  und  lieber* 
Schriften. 

Sie  beginnt  mit  Puan-ku  (dem  ersten  Menschen)  und  geht  bis 
8ur  Zeit  von  Sung  Wu-ti  (420—423  n.  Chr.)  E.  2  f.  19.  Der  J-sse 
hat  viele  Auszüge  daraus.  Der  Anfang  lautet :  ,,Einst ,  da  Puan-ku 
gestorben  war,  wurden  aus  seinem  Haupte  die  4  heiligen  Berge  (Yo), 
aus  seinen  Augen  Sonne  und  Mond,  aus  seinem  Fette  der  Eiang  und 
das  Meer,  aus  seinen  Haaren  Pflanzen  und  Bäume."  Es  folgen  dann 
noch  Varianten  zu  dieser  Sage  und  noch  anderes  über  ihn ;  die  ganze 
Stelle  hat  der  J-sse  B.  1  f  2. 

In  dem  letzten  Hefte  ist  noch  n.  9  u.  der  Anfang 
von  n.  10. 


88)  Der  Soho-i-ki  in  10  E.  im  Sui-schu  B   38  f.  18  v.  ist  wohl 
verschieden. 


1 


202      SUeung  der  phüos.^philol.  Gasse  vom  L  Fel^rttar  1868. 


9)  So-tsi-hiai-ki,  von  U-kiün  aus  der  D. 
S.  Kät.  U  fol.  31;  nur  1  K.,  10  Bl.,  Tsi-hiai,  sagt  Medhurst 
sei  der  Name  eines  alten  Buches,  früher  gab  es  nach  dem 
Katalog  ein  Tsi-hiai-ld  in  7  Kiuen.  So  heisst  Verbindung, 
Anhang.  Es  ist  ohne  Inhaltsangabe  und  enthält  eine  Samm- 
lung einzelner  Wundergeschichtem 

10)  Seu-schin-ki,  Bericht  über  das  Suchen  nach 
Geistern,  von  Kan-pao  aus  der  D.  Tsin.  Der  Kat.  U 
fol.  30  V.  rechnet  es,  wie  der  Thang-schu,  zu  den  Siao-schue 
(III,  9)  und  spricht  von  20  K.,  der  Thang-schu  B.  59  f.  12  v. 
von  30  K.;  ebenso  der  Sui-schu  B.  33  f.  13  v. ;  hier  sind 
nur  2  Hefte  mit  8  K.  ohne  besondere  Inhaltsangabe  und 
üeberschriften.  Der  Titel  ergibt  schon ,  dass  es  Qeiste^ 
geschichten  sind.  Die  einzelnen  Geschichten  folgen  sich  ohne 
chronologische  Ordnung.  K.  1  f.  2  v.  ist  eine  Geschichte  aus 
der  Zeit  Tsin  Ming-ti's.  Hft.  2  K.  3  aus  der  Zeit  Tscheu 
Siuen-wang's.  In  demselben  H^fte  noch  ist  ein  ähnliches 
Werkchen: 

11)  Seu-schin  heu-ki,  eine  spätere  ähnliche  Sammlung 
in  2  K.,  von  Tao-tsien^  auch  aus  der  D.  Tsin.  Der  Katalog 
B.  14  f.  31  hat  10  Kiuen,  ebenso  der  Süi-schu  B.  33  f.  13  v. 
und  ebenfalls  ist  es  ohne 'Inhaltsangaben  und  üeberschriften. 

12)  Huan-yuen-ki,  von  Yen-tschi-thui  aus  der  D. 
der  Nord  (Pe-)  Tsi,  von  dem  wir  oben  (III,  17)  schon  das 
Werk  Kia-hiün  hatten,  nur  19  Bl.;  siehe  Kat.   14  fol.  31  v. 

Es  sind  spezielle  Geschichten,  von  Vergeltung  (huan)  von  Be- 
druckungen (yuen),  mit  Erscheinungen  von'  Geistern,  z.  B.  der  Ge- 
mordeten. Die  erste  Gescbichte  ist  von  Huan-kung  von  Lu,  des 
Siang-kung  von  Thsi  694  v.  Chr.  durch  Fang -seng  unoibringen 
lasst ,  der  dafür  getödtet ,  nach  .  einer  Jagd  Siang-kung  in  Gestalt 
eines  grossen  Schweines  erscheint.  Der  Fürst  schiesst  auf  dieses:  es 
erhebt  jsich  nun  als  Mensch  und  weint.  Der  Fürst  erschrickt  und 
wird  686  bei  entstandenen  Unruhen  getödtet.  (Die  Geschiebte  aus 
dem  Sse-ki  B.  S2  f.  6  fg.  S.,  B.  40,  S.  656  in  uns.  Abh.  Unsterblich- 


j 


Hath:  Die  Sammlung  chines.  Werke  Han  Wei  tJisung  sehu.    293 

keitskhre    d.    alt.    Chin.    Zeitschr.   d.   Deutsch,    morg.    Ges.   B.   20- 
S.  481  fgl 

13)  Schin-i-king,  das  cla^sische  Buch  von  Wundern 
der  Geister,  von  So  aus  Tuag*fang®*)  (der  Ostgegend) 
unter  der  D.  Han,  nur  15  Bl.  S.  Ma-tuan-lin  B.  215  fol.  1  v. 
Der  Kat.  K.  r4  f.  29  v^,  re7chnet  es  zu  den  Siao-schue. 

Es  enthält  9  Abschnitte:  Tung-hoang-king  (aus  der  östlichen 
Wüste)  mit  9  Mustern  (Tse);  2)  u.  3)  aus  der  südlichen  (Nan-hoang- 
king)  mit  5  u.  10;  4)  u.  5)  aus  der  westlichen  (Si)  mit  3  und  8 
Mustern);  6)  u.  7)  (aus  der  nördlichen  (Pe)  mit  6  und  3 ;  der  8)  wieder 
aus  der  östlichen  (Tu ng)  mit  1  und  9)  aus  der  mittleren  (T8chung)mit 
10  Mustern  oder  Beispielen.  Als  eine  kleine  Probe  des  Werkcheijs  mag 
der  Anfang  dienen:  „Mitten  auf  dem  Berge  der  Ostwüste  ist  ein 
flteinemes  Hans,  der  König  (Wang  kung)  des  Ostens  bewohnt  e». 
Er  ist  gross  (lang,  tschang)  1  Tschang  (10  Ellen);  seine  Kopfhaare 
(Fa)  sind  weiss ,  wie  bei  einem  Greise  (Hao-pe) ;  er  hat  die  Gestalt 
eines  Menschen,  das  Gesicht  eines  Vogels  und  den  Schwanz  eines 
Tigers  u.  s.  w." 

14)  Hai-nui  schi  tsclieu  ki,  d.  i.  Geschichte  der 
10  Provinzen  innerhalb  des  Meeres,  von  demselben  Vf., 
wie  das  Vorige,  nur  13  Bl.  S.  Ma-tuan-lin  B.  215  f.  1  v.  Der 
Sui-schu  B.  33  f.  15  v.  hat  es  unter  II.  Sse;  der  Kat. 
K,    14" f.  30  rechnet  es  auch  zu  den  Siao-schue. 

Es  handelt  sich  auch  hier  nur  um  fabelhafte  Länder.  Es  ist 
also  kaum  nöthig,  die  Namen  der  Provinzen  herssusetzen ;  sie  heissen 
Tsu  und  Yng  (beide  im  Ostmeere),  dann  Hiuen  (Cl.  95,  d.  i.  .die 
dunkle)  im  Nordmeere,  dann  Yan  (dieheisse)  im  Südmeere,  Tschang 
(CL  168,  die  lange),  im  Ostmeere;  Yuen  im  Nordmeere;  Lieu  im 
Westmeere ;  S  in  g  im  Ostmeere;  ebenso  F  u  n  g  -1  i n,  endlich  T  s c h  u n  g- 
ko  im  Westmeere.  Der  Name^  der  Provinz  Fung-Lin ,  d.  i.  des 
chinesischen  Phönix  Fung-  (hoang)  u.  des  fabelhaften  Thieres  (Ki-)  lin 
n.  die  andern  weisen  schon  darauf  hin,  dass  das  Phantasiestücke 
sind.  Han  Wu-ti  hatte  angeblich  davon  gehört  u.  wollte  Weiteres 
über  diese  Reiche  wissen.    Es  wohnen  auf  allen  viele  Genien  (sien). 


34)  Er  schrieb   mehrere  Werke;  der  Han-schu  B.  30  f.  20  hat 
Tung  fang  So,  20  Pien. 


294      BiUmtg  der  fJUhs.-phm.  Claase  wm  1.  Februar  186S. 

15)  (Pie  ktte)  Thung  miog  ki,  etwa  Bericht  über  das 
Dunkel  (abgesonderter  (ferner)  Reiche),  4  K.  von  Eo-hien 
ans  der  D.  Hau.  (S.  Ma-tuan-lin  B:  215  fol.  2  u.  Kat.  U 
f.  30  Y.).  Auch  solche  phantastische  Länderbeschreibungen. 
Das  Inhaltsverzeichniss  gibt  nur  die  Zahl  der  Muster  (Tse) 
jedes  Eiuen  an;  sie  enthalten  11,  21,  22  u.  6.  In  demselben 
Hefte  ist  noch: 

16)  Tschin  tschung  schu,  von  Ko-hung  aus  der 
D.  Tsin,  nur  9  Bl. 

Ko-hungf  oder  Pao-pho  tseu  war  ein  Tao-sse,  der  auf  dem  Lo-feu- 
Bcban  bei  Canton  lebte,  wo  er  den  magischen  Stein  bereitete  und 
Bäoher  schrieb.  Kaiser  Jaan«ti  (317—22)  lad  ihn  wiederholt  ver 
gebens  ^n  seinen  Hof.  Ma-tuan-lin  erwähnt  2  Werke  von  ihm  Wai- 
phien,  das  Buch  der  äussern  (exoterischen)  Lehre  (vom  Verhältniase 
der  Fürsten  und  Minister,  Strafen  u.  s.  w.)  u.  Nui-phien,  das  Boek 
der  innern  (esoterischen)  Geheim- Lehre,  von  Geistern  u.  Magie. 
8.  Sui-schu  B.  34  f.  3.  Der  Kat.  14  f.  43  v.  sagt:  Dies  kleine  Werk  geht 
auf  die  Anfänge  der  Dinge,  Puan-ku,  die  Himmels-,  Erd-  u.  Menschen- 
Könige  zurück,  gibt  phantastische  Beschreibungen  ihrer  Residenz  :u  8.w. 
Wir  hatten  schon  oben  11,  16  eine  Schrift  von  ihm.  S.  über  ilm: 
Edkins  Tr.  of  the  China  braneh  of  the  R.  As.  Soc.  P.  5  p.  88  fgg- 

17)  Fo-kue-ki^  1.  Hft.  d.  i.  Geschichte  oder  Bericht  Yoa 
buddhistischen  Reichen  von  Schi-fa-hieu  (die  Manifestation 
des  Gesetzes),  aus  der  D.  Tsin.  Es  ist  das  bekannte  Werk 
von  dem  Mouche  aus  Tschang-ngan,  der  nach  Indien  pilgerte, 
buddhistische  Werke  und  Bilder  aufzusuchen  u.  von  seiner 
Reise,  die  er  414  nach  Chr.  beendete,  diesen  Bericht  gab. 
Wir  haben  davon  die  Üebersetzung :  Relation  des  Royaum»» 
boudhiques  traduit  et  commente  par  ReÄiusat,  revu  et  com- 
plete  par  Klaproth  et  Landresse.  t^aris  1836.  4^.  S.  Sui- 
schu  B.  38  f.  15  V.  Der  Katalog  K.  7  f.  28  hat  es  unter 
Erdbeschreibung  Sse-pu  Ti-li  lui**). 


8&)  üeber  den  Fo-kue-ki,  s.  Juhen  Journ.  As  S.  IV  T.  10  p.  27a 
Die  Bibliothek  hat  Nr.  16  u.  17  noch  einmal  in  d.  s.  g.  Bibliothect 
Buddhistica  et  Tao-sse  B.  22;  qs  sind  aber  bloss  Fragmente  oder  Am- 


FkUh^  Die  Semmltmg  ehines.  Werke  Hm  Wei  Iheung  seftu.    296 

18)  Lo-yang  kia*lan*^)  ki,  Gesdiichte  der  Klöster 
in  Lo-yang,  von  Tang-hien-tschi,  ans  der  Zeit  der  späteren 
D.  Wei;  Ma-tuan-lin  B.  204  fol.  9  v.  sagt,  aus  dem  früheren 
(Yuen)  D.  Wei  und  hat  nur  2  Eiuen,  unser  Text  5  in 
2  Hftn.,  so  auch  der  Sui-schu  B.  33  f.  15  v.  u.  der  Eat.  7  f.  20. 

Es  Tlind  HUT  kurze  topographische  Nachrichten  übw  die  buddhi- 
stiBchejQ  Tempel  und  Klöster  (Sse)  der  Stadt  Lo-yang,  des  jetzigen 
Ho-nan-fu  in  Ho-nan,  mit  Angabe  der  Stifter  eines  jeden.  K.  1 
Tsching-nui,  gibt  Nachrieht  von  10  solchen  in  der  inneren  Stadt, 
die  andern  von  denen  ausser  den  4  Thoren;  E.  2  von  13  in  der 
östlichen  TTsching-tung),  E.  3  von 9  in  der  südlichen  (Tsching  -nan); 
E  4  von  11  in  der  westlichen  (Tsohing-si)  und  E.  5  von  2  in  der 
nördlichen  (Tsohing-pe)  Vorstadt.  Das  5.  Buch  dieses  Werkes  ent- 
halt den  Bericht  der  beiden  buddhistischen  Priester  Hoei-seog  und 
'Sung-yün  über  ihre  Reise  nach  den  Westgegenden  (Si-yu),  welche 
Neumann  unter  dem  Titel :  Pilgerfahrten  buddhistischer  Priester  von 
China  nach  Indien  übersetzt  hat  Professor  Julien  urtheilt  darüber : 
'Journ.  As.  Ser.  IV.  T.  10  p.  272:  Mais  le  sayant  bavarois  s'est  servi 
d'un'  texte  fort  incorrect,  celui  de  Han-wei  tsong-chou.  auquel  il  faut 
attribuer  surtout  de  graves  erreurs,  qui  lui  sont  echapp^es. 

19)  San-fu-hoang-tu,  von  Wang-ming-schi  aus 
der  D.  Han.    6  Eiuen  in  2  Hft. 

Der  Thang-schu  B.  58  f.  20  y.  hat  San-fu  hoang-tu  1  Eiuen 
und  San-fu  kieu-sse  3  Kiuen;  Ma-tuan-lin  B.  204  f.  7  v.  hat  nur 
8  E.  San-fu  ist  nach  Medhurst  Name  des  Distrikt,  —  ich  finde 
ihn  nicht  bei  Biot  —  Hoang-tu  heisst  die  gelbe  Tafel  oder  das 
gelbe  Gemälde.  E.  1  Yuen-khe  geht  auf  die  frühere  Geschichte  des 


schnitte  von  unserm  Werke.  Ich  habe  den  chin.  Text  des  Fo-kue-ki 
mit  Bemusat's  u.  Elaproth's  Uebersetzung  ganz  verglichen  und  einige 
Unrichtigkeiten  bemerkt.  So  steht  p.  170  statt  Süd-West  f.  14 
Süd-Ost  (tung-si);  p.  235  statt  20:  f.  19  v.:  12  (schi-eul):  p.  269  1.  5 
statt  Nord-Ost  f.  24:  Nord-West  (Si-pe);  p.  250  fehlt  f.  21  v.  tsung- 
tseu  tung  hing  u.  s.  w. 

86)  Eia-lan  ist  ein  buddhistischer  (indischer)  Ausdruck  (Fan*iü), 
der  eine  Menge  Gärten  (tschung  yuan)  bedeuten  soll  nach  Eaug-hi's 
Tsen-thian;  es  ist  aber  eine  Abkürzung  von  Seng-kia-lan  (Sang- 
häräma,  Eloster)  nach  Julien. 


296        Süstmg  der  plhth9.^hikiL  CUuse  eom  4.  Januar  1868, 

Distrikis  bia  Kaiser  Yü  und  Schon  zurück,  wo  er  zur  Provinz  Ynng- 
tscheu  gehörte.  Schi-so  gibt  dann  eine  Uebersicht  der  Oertiich- 
keiten.  Im  Folgenden  ist  Ton  den  Prognostiken  die  Rede  Eing-scbao, 
Fung-i,  Fu-fuDg.  Hier  war  erst  die  alte  Stadt  Hien-yang  —  jetzt  ein 
Hien  in  Si-ngan-fa  in  Schen-si  —  ßeit  Hiao-wu  ans  der  D.  Thsin 
a.  12.  Dann  folgen  kurze  Notizen  über  19PalIäste  (Knng),  ihre  Lage 
und  wer  sie  gebaut  bat,  darunter  eine  Notiz  über  den  Eaiserwegf 
das  Wolkenthor  (Yün-ko),  dann  über  die  alte  Stadt  Tschang-ngan 
(im  N.-W.  des  jetzigen  Si-ngan  fu  in  Schen-si)  unter  der  D.  Han,  die 
12  Thore  derselben,  deren  Namen  das  Inhaltsverzeichniss  angibt, 
Hft.  2  gibt  dann  von  Tschang-ngan  die  9  Märkte;  (jeden  Yon  266 
Schritt;  6  lagen  westlich  von  der  Hauptstrasse,  3  östlich  davon),  die 
8  Durchfahrten  (Kiai)  und  9  erhöhten  Wege  iMe),  dann  die  Thore 
innerhalb  der  Stadfe  (Liü-li)  und  die  6  Palläste  (Eung)  der  Han. 
E.  3  gibt  noch  die  Namen  von  42,  von  einer  Terrasse  (Tai),  von  28  hohen 
Wällen  (Thien)  .u.  4  Häusern  (Schi).  E-  4  spricht  von  den  9  Gärten 
un4  2  Parks  (Yuen  und  Yen)  u.  13  Teichen  und  Seen  (Tschi  n. 
Tschao);  E.  6  von  28  Thürmen  (Tai),  einer  Terrasse  zu  den  mili- 
tärischen Uebungen  (Siai),  dem  Pi-yung,  einer  Art  S^ule,  dem  Ming- 
tang  (einer  Abnenhalle),  dem  Ta-hio,  etwa  Gymnasium,  12  Ahnen- 
tempeln, (Tsung-miao)  der  Eaiser  der  D.  Hau  von  Kao-tsu  (202—194 
V.  Chr.)  bis  Tsching-ti-  (32 — 6  v.Chr.),  dann  von  der  Süd-  und  Nord- 
Yorstadt  (Nan  pe  kiao)  und  den  Opferplätzen  des  Himmels,  der 
Erde,  des  Geistes  der  Felder  und  der  Saaten,  von  23  Warten  (Euan), 
2  Gallerien  (Lieu),  4  öffentlichen  Hallen  für  Beamte  (Euan) -und 
manchem  anderen,  wie  5  Brücken  mit  hohen  Bogen  (Ehiao)  bis  zn 
den  Gräbern  und  Grabhügeln  (Ling  und  Mu).  Vermischte  Notizen 
beschliessen  E.  6.  Man  sieht,  diese  beiden  Werke  haben  ein  topo> 
graphisch-historisches  Interesse. 

20)  Schui-king,  das  classische  Buch  von  den  Wässern 
oder  Flüssen,  1  Hft.  in  2  K.  von  Sang-khin,  aus  der  Zeit 
Han  Tsching- ti's  52-7  v.  Chr. 

Der  Thang-schu  B.  58  f.  21  hat  Sang-khin  Schui-king  8  Kineo, 
vgl.  auch  Sui-schu  B  33  f.  15;  Ma-tuan-lin  B.  204  f.  2  aber  40  K, 
wohl  ein  anderes  oder  das  erweiterte  Werk;  Schui-king  tschü,  40  Kiuen, 
hat  auch  der  Eat.  7  f  13  v.  unter  S^e-pu  Ti-li-lui.  Es  werden  hier 
90  Flüsse  Chinas  und  deren  Lauf  ausführlicher  oder  kürzer  be- 
schrieben; es  beginnt  mit  dem  (Hoang-)  ho.  Schott  Entwurf  S.  78 
erwähnt  es,  wohl  ohne  es  gesehen  zu  haben. 


Plath:  Die  Sammlung  chines.  Werke  Htm  Wei  thsung.aehu.    297 

21)  Sing-king,  das  classisohe  Buch  über  die  Sterne, 
1  Hft.  in  8  K.  ^^),  von  Schi-schin  aus  der  D.  Han. 

Es  entspricht  wenigsder  Erwartung;  es  werden  93  Sterne  allet« 
dings  nach  ihrer  respektiven  Lage  aufgeführt;  sie  haben  für  den 
Verfasser  aber  nur  eine  astrologische  Bedeutung,  wie  unter  ihrem 
Einflüsse  Unruhen  entstehen,  der  Kaiser  den  Thron  verliert  u.  dgl. 
Zur  Probe  1  f.  11  v.:  „Die  Kaiser-Matte  (Ti-si),  3  Sterne,  stehen  nörd- 
lich vom  grossen  Hörne  (Ta-kio).  Wenn  der  Stern  dunkel  ist,  hat 
das  Reich  Ruhe,  der  Stern  wünscht  keine  Helle;  ist  er  helle,  dann 
haben  König  und  Fürsten  (Wang-kung)  Unglück  (Hiung);  2  f.  9.  Der 
Gefässträger  (Fu-khuang),  7  Sterne,  stehen  östlich  von  der  Himmels- 
Säule  (Thian-tschhu);  sie  sind  Herren  (oder  Leiter,  tschu)  der  Ange- 
leg^enheiten  der  Maulbeerbäume  und  Seidenwürmer  1!'^ 

22)  Kfng-Tschu  (oder  Tsu)  sui  schi  ki,  d.  i.  Nach- 
richt über  das  Jahr  und  die  Zeiten  von  King  und  Tschu, 
(im  jetzigen  Hu-kuang),  von  Tsung-lin  aus  der  D.  Tsin, 
nur  17  Bl. 

Der  Kat.  7  f.  23  hat  1  K.;  Ma-tuan-lin  B.  206  f.  8  erwähnt  eines 
solchen  Werkes  in  4  K;  nach  ihm  ist  der  Verfasse^  Tsung-lin  aus 
der  D.  Leang  und  er  hat  noch  ein  ähnliches  Werk.  Er  stellt  es  neben 
dem  Hia-siao-tsching-tschuen  in  4  K.,  das  aber  wohl  verschieden  ist  von 
dem  oben  aus  dem  Ta-tai  Li-ki  (I,  11)  erwähnten,  mit  dem  es  sonst 
einige  Aehnlichkeit  hat,  aber  mit  vielerlei  Aberglauben.  Es  ist  ein 
kurzer  Text  mit  Noten  und  citirt  wird  schon  der  Schin-i-kipg.   Nr.  13. 

23)  Nan-fang  thsao  nio  tschuang,  handelt  von  des 
B&umen  und  Pflanzen  der  Südgegend,  d.  i.  des  südlichen 
(Nan-)  Yuei  und  Coohin- Chinas  (Kiao-tschi) ,  die  seit  Han 
Wu-ti  zu  China  kamen.  Der  Verfasser  ist  Ki-ling  aus  dem 
Reiche  Tsao,  zur  Zeit  der  D.  Tsin.    Es  sind  3  K. 

Es  werden  29  Pflanzen,  28  Bäume  und  16  Früchte  oder  Frucht* 
bäume  (£o)  und  6  Arten  Bambu  in  den  3  Einen  bescbriebeu;  cf. 
£at.  7  f.  22  V.  Für  die  Geschichte  der  Pflanzen  und  deren  Ver* 
l>reitmng  hat  es  wohl  einiges  Interesse. 


37)  Der  Sui-schu  B.  34  f.  10  hai  einen  Sing-king  in  2  K,  ohne 
Angabe  des  Yf.;  der  Ma-tuan-lin's  B.  219  f.  7  v.  in  1  K.  ist  wohl 
ein  anderes  Werk. 

[1868.  I.  2.]  20 


298      Sitzung  der  phOaa.'phüok  Clasae  wm  1.  Februar  1668, 

24)  Tschu-pu,  Denkschrift  über  die  Bambu,  von  Tai- 
khai-tschi,  ans  der  D.  Tsin.  Der  Sui-scbn  B.  33  f.  18  v. 
hat  es  in  1  K. ,  ohne  Namen  des  Verfassers.  S.  auch  Ma- 
tuan-lin  B.  218  f.  7.  Kat.  12  fol.  7.  Es  sind  nur  13  Blätter. 
Die  Bambu,  beginnt  es,  sind  nicht  hart,  nicht  weich,  nicht 
Staude^  noch  Baum  und  er  beschreibt  dann  die  einzelnoi 
Arten. 

25)  Ein-king,  das  classische  Buch  über  das  Geflügel, 
von  Tschang-hoa,  aus  der  D.  Tsin;  es  sind  nur  8  Bl.  und 
diese  kleinen  Piecen  wenig  bedeutend. 

26)  (Ku-kin)  Tao  kien  lo,  giebt  Nachricht  von  alten 
and  neuern  Messern  und  Schwertern  und  ihren  Inschriften. 
Es  ist  von  Thao-hiung-king/  aus  der  D.  Leang.  S.  Ma-taan- 
lin  B.  228  f.  1  v.  und  nochmals  B.  229  f.  8.  u.  Kat.  12 
f.  16.    Es  sind  nur  11  BL 

Das  älteste  Beispiel  von  einem  gegossenen  kupfernen  Schwerte 
(Thung-kien)  von  8'  9''  mit  Inschrift  ist  vom  Kaiser  Ei  der  1.  D.  Hia; 
2197 — 88  V.  Chr.  (die  Stelle  excerpirt  auch  der  J-sse  12  f.  9  y.);  das 
2te  ans  der  Zeit  Thai-kang's,  seines  Sohnes  (2188—59)  nennt  das 
Metall  nicht;  das  8te  von  einem  eisernen  Schwerte  von  4'  1''  mit 
einer  Inschrift  in  alten  Tschuen-Gharakteren  ist  vom  Kaiser  Knng- 
kia  1879^—48  (die  Stelle  ^'auch  im  J-sse  6.  14  f.  2),  dann  von  einem 
von  2'  von  Thai-kia  a.  4,  aus  der  2.  D.  Yn  (1753—20).  (Auch 
diese  Stelle  hat  der  J-sse  B.  15  f.  3.)  Bei  den  folgenden  aus  der 
Zeit  Wu-ting's  (1324—1265)  und  dann  aus  der  3.  D.  Tschen  von 
Tschao-wang  und  Kien-wang  und  aus  der  D.  Thsin  von  Tschao- 
wang  wird  das  Metall  nicht  erwähnt,  dagegen  wird  unter  Thsin- 
Schi  hoangti  ein  kupfernes  Schwert  und  unter  dem  früheren  Han 
Lieu-ki  ein  eisernes,  unter  Euang-wu-ti  der  späteren  Han  ein  gol- 
denes Schwert  erwähnt,  u.  so  geht  es  fort  bis  zu  den  kleinen  D.  der 
firftheren  und  späteren  Tschin,  Yen  u.  s.  w.,  die  wir  (II,  9)  oben 
genannt  haben.  Wichtig  scheint  mir,  dass  hier  und  zwar  in  so 
-^früher  Zeit  eiserne  Schwerter  neben  den  kupfernen  ausdrücklich 
genannt  werden,  wenn  auf  den  späteren  Verfasser  nur  ein  sicherer 
Yerlass  wäre.  Ich  werde  bei  der  Industrie  der  alten  Chineses 
auf  die  Frage  über  das  Alter  der  Eisengeräthe  in  China  zuröd- 
kommen. 


Hath:  Die  Samndung  chines.  Werke  San  Wei  thmmg  seihu.    299 

27)  Ting-lo,  Nachrichten  und  Inschriften  von  alten 
Dreifüssen  oder  Urnen  (Ting)  von  Yü-li,  aus  der  D.  Le- 
aug  (502—556),  nur  7  Bl.    S.  Kat.  12  fol.  16  v. 

Er  beginnt  mit  den  9  Urnen  Tü's,  von  welchen  wir  in  unserer 
AbL  über  die  Glaubw.  der  alten  chines.  Greschichte  S.  41  fgg.  (S.  B. 
1866  I,  4.  S.  568)  gesprochen  haben^  dann  aber  auch  von  einer  Hoang- 
ti's,  u.  späteren  aus  der  Zeit  der  Han,  Wei,  Sang,  Thsi,  Tschin  mit 
Tschaen-Gharakteren.  Die  Notiz  über  die  Hoang-ti's,  (aach  im  J-sse  5 
f.  31)  mag  als  Probe  dienen.  „Auf  dem  Berge  Kin-hoa  machte  äoang-ti 
einen  Ting  (eine  Urne),  hoch  einen  Tschang  und  3',  gross  wie  10 
steinerne  Krüge  (Ung),  in  der  Mitte  mit  Bildern  Yon  einem  Drachen, 
der  in  die  Wolken  aufsteigt,  den  100  Geistern,  fliegenden  Schlangen 
und  Yierfüssem"  u.  s.  w. 

28)  Das  letzte  Werk  Uai-sseif  äussere  Geschichte^  von 
Hoang-hien  aus  Ju-nan,  zur  Zeit  der  D.  Han,  ist  nur 
sehr  defekt  vorhanden,  nemlich  nur  E.  1  und  auch  davon 
ist  das  Ende  von  Mäusen  zerfressen.  Dem  Inhaltsverzeich* 
nisse  nach  sollen  es  8  E.  sein.  Es  kann  daher  nicht  viel 
nützen,  den  weiteren  Inhalt  des  1  E.  anzugeben.  Er  ent*. 
hält  21  Abschnitte,  z.  B.  4  Ping-fa,  Eriegsgesetze,  10 
Wen-ping,  Fragen  über  Erieg  oder  Waffen,  18  S,chi-tseu, 
von  Eronprinzen,  19  Hien-fei,  von  weisen  Concubinen, 
20  Ti-schu,  von  Frau  und  Nebenfrau  u.  s.  w. 

Es  sind  mehr  oder  weniger  bedeutende  grössere  oder 
kleinere  Werke,  die  man  einzeln  nicht  leicht  findet,  in  dieser 
Sammlung  vereint. 


20* 


300      SiUung  der  math-phys,  Glosse  -vtm  1.  Februar  18ß8. 


Mathematisch-physikalische  Classe. 

Sitzung  vom  1.  Februar  1868. 


Herr  C.  v.  Siebold  hält  einen  Vortrag: 

„üeber  die  Versuche,  den  Saibling  (Salmo 
Umbla)  aus  den  bayrischen  Alpenseen  nach 
Neu-Seelan4rzu  verpflanzen/^ 

Die  seit  mehreren  Jahren  in  den  verschiedensten  6e- 
genden  Europas  angewendete  Methode  mit  künstlich  befruch- 
tetem Fischlaich  fischarm  gewordene  Gewässer  von  neuem 
zu  bevölkern,  ist  in  der  letzten  Zeit  noch  weiter  ausgedehnt 
worden,  unr  nach  fernen  Welttheilen  die  edelsten  Fische 
Europa's  überzusiedeln. 

Bei  einem  solchen  Versuch  ist  in  jüngster  Zeit  mein 
Beistand  in  Anspruch  genommen  worden,  den  ich  um  so 
freudiger  geleistet  habe,  als  mir  das  Gelingen  dieses  Ver- 
suchs ,  welchem  allerdings  zunächst  gastronomische  Zwecke 
zum  Grunde  liegen,  doch  auch  in  wissenschaftlicher  Be- 
ziehung Interesse  genug  bieten  dürfte.  Aus  letzterem 
Grunde  erlaube  ich  mir,  über  diesen  Versuch  folgenden 
Bericht  abzustatten. 

iJnterm  17.  Dezember  v.  Js.  schrieb,  mir  Herr  E.  V. 
Linden  aus  London  folgendes: 

„Ich  bin  vor  Kurzem  von  dem  hier  anwesenden  Bevoll- 
mächtigten der  Regierung  unserer  Golonie  Otago  in  New- 
Zeehnd  bezüglich  der  Exportation  von  Eiern  des  Salmo 
Sahr  etc.  nach  jener  Golonie    consultirt  worden,   ich  habe 


V.  Siehöld:   Verpflanzung  des  Saibling.  301 

gerathen,  Eier  des  Ritters  (Sdlmo  Umbla)  aus  Deutschland 
zu  beziehen  und  mit  jenen  Eiern  zugleich  zu  verschiffen. 
Es  wurden  von  meinen  Landsleuten  viele  Einwürfe  gegen 
die  Ausführbarkeit  dieser  Idee  gemacht,  und  namentlich 
hervorgehoben,  dass  der  Transport  der  Eier  von  Deutschland 
hierher  in  der  ersten  Bebrütungsperiode ,  d.  h.  vor  dem 
Erscheinen  der  Augen  des  Embryo  dieselben  zerstören  würde. 
Da  indessen  dieser  Transport  mit  Eiern  des  Sälmo  Solar ^ 
Sdlmo  Fario  und  Trutta,  welche  aus  Schottland  und  Irland 
bezogen  wurden,  schon  mehrmals  gelungen  war,  so  sehe  ich 
nicht  ein,  warum  die  Sache  nicht  auch  mit  Laich  aus  Deutsch- 
land gelingen  sollte,  und  da  ich  grosses  Interesse  an  der 
Sache  nehme,  so  habe  ich  mich  erboten  eine  Anzahl  Eier 
selbst  aus  Deutschland  zu  holen  und  deren.  Transport  also 
selbst  zu  übernehmen.  So  ist  es  mir  gelungen,  durch- 
zusetzen,  dass  ein  solcher  Versuch  im  Kleinen  gemacht  werden 
soll,  welcher,  bei  günstigem  Resultate  wohl  hier,  sowie  iii 
anderen  unserer  Golonien  in  weit  grösserem  Massstabe  nach* 
geahmt  werden  dürfte.  Die  einzige  Weise,  in  der  bis  jetzt 
und  zwar  mit  günstigstem  Erfolge  der  Versuch  gelungen  ist, 
den  Laich  des  S,  Solar  ^  S.  Fario  und  S,  Trutta  lebend 
nadi  den  Australischen  Inseln  zu  bringen,  war  die,  dass  die 
Eier  sogleich  nach  der  Befruchtung  in  nassem  Moose  mit 
Eis  und  Holzkohle  verpackt  und  in  einem  eigens  an  Bord 
des  Schiffes  errichteten  Eiskeller  sogleich  abgeschickt  wuiden. 
Das  Eis  hat  natürlich  den  Zweck,  die  Temperatur  bis  auf 
weniges  über  den  Gefrierpunkt  herabzuhalten,  um  so  das 
Ausbrüten  der  Eier  zu  verzögern,  damit  dieselben  noch 
anausgebrütet  an  Ort  und  Stelle  ankommen,  denn  die  Reise 
dauert  von  84  bis  90  Tage,  und  dies  ist  der  Grund,  warum 
die  Eier  sobald  nur  thunlich  nach  der  Befruchtung  mit  Eis 
verpackt  und  abgeschickt  werden  müssen.  Wie  schon  gesag^^ 
ist  solches  mit  den  obengenannten  Fisch-Arten  vollkommen 
gelungen  und  sogar  am  Besten  mit  den  Forellen.   Ein  Schiff 


302       Sitzung  der  maih.-phys,  Gasse  vom  1.  Februar  1868, 

liegt  im  hiesigen  Hafen ,  mit  Eiskeller  aasgerüstet ,  bereit, 
welches  am  4.  oder  5.  Januar  mit  3  bis  400,000  Eiern  des 
8.  Solar  und  8.  Trutta  in  See  gehen  wird.  Ich  müsste  daher 
mit  dem  Laich  ans  Deutschland  bis  spätestens  am  2.  Januar 
hier  zurück  sein,  folglich  aus  München  etwa  am  31.  Dezember 
abreisen.  Da  ich  für  diesen  vorläufig  zu  machenden  Versuch 
die  Zahl  von  5000  Eiern  festgesetzt  habe,  geht  nun  meine 
Bitte  dahin,  mich  geneigtest  umgehend  wissen  zu  lassen,  ob 
ich  in  München  5000  frisch  befruchtete  Saiblings-Eier  in 
Empfang  nehmen  kann,  wobei  es  wünschenswerth  wäre,  dass 
ich  schon  vor  der  Befruchtung  der  Eier  an  Ort  und  Stelle 
wäre,  um  sogleich  die  geeignete  Verpackung  derselben  yor- 
nehmen  zu  können"  etc.  etc. 

Gleich  nach  Empfang  dieses  Schreibens  wendete  ich 
mich  an  den  k.  Obersthofmarschall -Stab  dahier,  am  mir 
persönlich  die  Erlaubniss  einzuholen,  dass  von  den  k.  Hof- 
fischem  am  Tegemsee  oder  Schliersee  die  für  oben  genannte 
Zwecke  nöthige  Anzahl  Saiblings-Eier  und  die  zu  ihrer  künst- 
lichen Befruchtung  erforderliche  Menge  Saiblings-Milch  ab- 
gegeben werden  dürfe.  Mein  Gesuch  wurde  von  dem  Oberst- 
hofmarschall Freiherm  v.  Malsen  mit  zuvorkommender 
Bereitwilligkeit  angenommen  und  schon  am  folgenden  Tage 
erhielt  ich  schriftlich  die  amtliche  Anzeige,  dass  der  Hof- 
fischer in  Schliersee  angewiesen  sei,  alles  erforderliche  auf- 
zuwenden, um  die  5000  künstlich  zu  befruchtenden  Saibliugs- 
Eier  bereit  zu  halten. 

Da  die  Laichzeit  der  Saiblinge  bereits  im  Oktober  be- 
ginnt, so  tauchte  in  mir  das  Bedenken  auf,  ob  sich  bis  Ende 
December  noch  so  viel  laichende  Saiblinge  erhalten  liesseoi 
als  zum  Gelingen  des  Versuchs  nöthig  sein  würden.  Ich 
zog  daher  von  dem  Hoffischer  aus  Schliersee  über  d^ 
Zustand  der  dortigen  Saiblinge  Erkundigungen  ein  und  erhielt 
von  demselben  die  zwar  nicht  ganz  zuiriedenstell^de  Nach- 


V.  Sieholld:  Verpflanzung  des  SaHding.  303 

rieht,  dass  noch  etwa  100  Pfund  Saibhnge  in  den  Reserve- 
Behältern  vorhanden  seien,  von  denen  es  jedoch  zweifelhaft 
sei,  ob  sie  die  gewünschte  Menge  reifer  Eier  liefern  würden ; 
ich  wurde  aber  auf  der  änderen  Seite  durch  die  von  dem- 
selben ausgesprochene  Hoffnung  wieder  beruhigt,  dass  der 
eben  eingetretene  starke  Frost  vielleicht  erlauben  würde,  auf 
dem  See  einen  Fischzug  unter  dem  £ise  vornehmen  zu 
können.  Daraufhin  lud  ich  also  Herrn  Lindon  ein,  hieher 
zu  kommen,  um  die  gewünschte  Anzahl  Saiblingseier  am 
Schliersee  in  Empfang  zu  nehmen.  Glücklicher  Weise  hielt 
der  eingetretene  Frost  an,  auch  verspätete  sich  die  Ankunft 
des  Herrn  Lindon,  weil  das  nach  Neu-Seeland  bestimmte 
Schiff  erst  einige  Tage  später  abfahren  konnte ;  durch  diese 
Verzögeruiig  erhielt  der  Schliersee  Zeit,  sich  mit  einer  so 
starken  Eisdecke  zu  überziehen,  dass  bei  der  Ankunft  des 
Engländers  am  2.  Januar  ein  Fischzug  unternommen  werden 
konnte,  welcher  äusserst  glücklich  ausfiel.  Es  wurden  durch 
diesen  einzigen  Zug  1200  Stück  Saiblinge,  eine  Renke  (Gore" 
gonus  Fera)^  mehrere  Rothfedem  (Scardinius  erythrophthdir 
mus)  und  einige  Aiteln  (Squdlius  Gephalus)  aus  dem  See 
hervorgezogen. 

Um  bei  diesem  Versuche  ganz  sicher  zu  gehen,  hatte 
ich  unseren  in  der  künstlichen  Fischzucht  vielfach  erfahrenen 
und  wohl  erprobten  Stadtfischer  J.  B.  Euffer  veranlasst, 
Herrn  Lindon  nach  Schliersee  zu  begleiten  und  durch  seine 
geschickte  Hand  die  künstliche  Befruchtung  der  Saiblingseier 
mit  der  nothwendigen  Vorsicht  und  Zuverlässigkeit  vorzu- 
nehmen. Die  frisch  eingefangenen  Saiblinge  waren  meistens 
V«  Pfund,  mehrere  waren  V*  Pfand  und  einige  V«  Pfand 
schwer.  Viele  derselben  hatten  bereits  ausgelaicht,  doch 
wurden  von  Euffer  noch  200  Stück  als  brauchbar  erkannt, 
indem  sie  eben  erst  ihre  völlige  Gesdilechtsreife  erhalten 
hatten.     Von    diesen    konnte    Euffer    ohne    Schwierigkeit 


304      Siteimg  der  maih.-phys.  Glosse  vOm  1.  Februar  1868, 

10,000  Eier  abnehmen  und  mit  der  gleichfalls  vorhandenen 
nöthigen  Menge  reifen  Samens  befrachten. 

Sogleich  nach  der  unternommenen  Befruchtung  wurden 
sämmtliche  10,000  Eier  verpackt  und  zwar  zu  je  1500  Eiein 
in  acht  gleich  grossen  Eisten  von  1  Quadratschuh  Umfang 
und  Vi  Schuh  Höhe. 

Der  Boden  der  Eisten  wurde  mit  Holzkohlenstücken 
belegt,  die  Seiten  mi^  Eisstfickaa  und  Holzkohle  gefüttert 
und  in  der  Mitte  wurden  in  einem  von  Moos  gebildeten 
Neste  die  1500  Eier  einfach  aufgeschichtet  und  wieder  mit 
Moos  bedeckt.  Boden  und  Deckel  dieser  Eisten  waren  mit 
mehreren  Luftlöchern  versehen  worden.  Alle  acht  Eisten 
wurden  hierauf  in  eine  einzige  grössere  Eiste  dicht  zusammen- 
gestellt, deren  seitliche  Zwischenräume  mit  Werg  ausgefällt 
wurden,  während  der  Boden  der  Eiste  mit  Stroh  und  Weig 
und  die  oberen  Zwischenräume  dagegen  mit  Weig  und  Eis 
gefüllt  wurden.  Bei  dem  Transporte  von  Schliersee  aus  in 
einem  Schlitten  und  von  Miesbach  aus  in  einem  Packwagen 
b^s  nach  München  waren  die  Herren  Lindon  und  Euffer 
fortwährend  mit  Hülfe  von  wollenen  Decken  dJEirauf  bedadit, 
die  Temperatur  in  den  inneren  Eisten  etwas  über  Null  za 
erhalten,  was  auch,  wie  es  der  Thermometer  erkennen  liess, 
vollkommen  gelungen  war.  Herr  Lindon  setzte  von  München 
aus  seine  Reise  über  Mainz  fort  und  hoffte  diesen  Fischlaich 
glücklich  an  Bord  des  nach  Neu-Seeland  segelfertigen  Schiffes 
bringen  zu  können. 

Herr  Lindon  berichtete  mir  unterm.  18.  Januar  aas 
London  über  den  weiteren  Verlauf  seiner  Reise  noch  folgendes: 
„Mit  herzlicher  Freude  theile  ich  Ihnen  mit,  dass  ich  die 
Eier  glänzend  hieher  gebracht  habe.  Im  Ganzen  fanden 
sich  bis  zur  am  15.  Januar  erfolgten  Abfahrt  des  Schifi 
nur  sechß  todte  Eier  unter  den  9000  bis  10,000  Saibling»- 
Eiem  vor.    Die  ganze  Masse  hatte  ein  äusserst  gesundes 


«.  SiebcM:    Verpflanzung  des  SatbUng.  305 

Aassehen.  Der  Triumph  ist  ein  um  so  grösserer ,  als  die 
englischen  Eier  des  Salmo  Salar  zum  Th^il  recht  schlecht 
in  London  ankamen.  In  einem  der  Transporte  von  70,000 
Eiern  waren  ohngefahr  ^js  todt.  Freilich  war  das  Reisen 
Tag  und  Nacht  im  Pack-  und  Eilgut- Wagen  nicht  eben  ein 
Vergnügen,  aber  das  Gelingen  des  Versuchs  war  ja  die 
Hauptsache.  Von  Cöln  aus  wandte  ich  mich,  da  mir  vor 
den  vieleh  Gränzen  in  Belgien  und  Holland  bange  wurde, 
nach  Bremen,  wo  ich  nach  3  Tagen  und  2  Nächten  bestän- 
diger Reise  ankam.  Von  dort  reiste  ich  hieher  und  brauchte 
zu  dieser  Fluss-  und  See- Reise  3  Tage  und  3  Nächte.  Während 
der  Eisenbahnfahrt  hatte  ich  von  Augsburg  an  meine  Kiste 
beständig  im  Wagen  frei  aufgehängt  und  dieselbe  stets  selbst 
überwacht.  Die  Temperatur  erhielt  ich  innerhalb  der  Eier- 
Verpackung  regelmässig  während  der  ganzen  Reise  auf 
-4-  V«  Reaumur.  Zugleich  sage  ich  Ihnen  nochmals  meinen 
aufrichtigen  Dank  für  freundlich  geleisteten  Beistand"  etc.  etc. 

Herr  Lindon  hatte  zugleich  die  Güte  gehabt,  mir  einige 
englische  Zeitungen  zuzusenden,  aus  denen  ich  ersehen  konnte, 
dass  von  verschiedenen  Seiten  dieser  erste  Versuch,  bayrische 
Salmonneer  nach  Neu-Seeland  zu  verpflanzen,  mit  grosser 
Freude  begrüsst  wurde. 

In  der  Nr.  104  Januar  18.  1868  der  Zeitung:  Land 
and  Water. pag.  410  hat  Herr  W.  C.  Young,  welcher  von 
dem  neuseeländischen  Gouvernement  der  Provinz  Otago  mit 
der  Einschiffung  der  Salm oneer- Eier  beauftragt  war,  über 
dieses  vollbrachte  Geschäft  (Conipletion  of  shipment  of 
Salmon  ovato  New*Zealand)  einen  ausführlichen  Bericht 
abgestattet,  in  welchem  bei  Aufzählung  der  verschiedenen 
mit  Salmoneer-Eier  gefüllten  Kisten,  welche  dem  nach  Neu- 
Seeland  bestimmten  Schiff  ,yCele8tial  Queen"  übei^gcben 
worden  sind,  unter  anderen  aufgeführt  werden: 

7  böses  salmon  ova  (Salmo  umbla)  from  Schliemee; 
Biiyariae  •  •  ,  .  9,000. 


306       Sitzung  der  math-phys,  Qa8$e  vom  1.  Februar  1868. 

Auf  diese  Sendung  von  9,000  Saiblings-Fiern  macht  der 
Berichterstatter  mit  folgenden  Worten  noch  besonders  auf- 
merksam : 

„I  heg  to  call  particular  attention  to  the  se^ven  boxes 
of  Sälmo  unibla  from  Bavaria,  which  have  been  obtained 
trough  the  personal  exertion  of  your  correspondent  E.  V. 
Lindon,  Esq. ,  ander  very  great  diflficulties ,  and  I  beg  to 
retum  him  my  best  thanks  on  behalf  of  the  Otago  Govern- 
ment, for  his  assistance  in  procuring  so  yaluable  an  addition 
to  our  shipment.  I  feel  satisfied  the  Salmo  unibla  will  be 
peculiarly  well  adapted  for  the  extensive  New-Zealand  lakes, 
and  I  hope  Mr.  Lindon  will  take  an  early  opportunity  of 
diffusing  his  information  respecting  this  valuable  fish,  with 
a  view  to  its  successful  culture  in  our  colony." 

Ans  diesen  yerschiedenen  Berichten  geht  noch  hervor, 
dass  diesem  Transport  von  234,000  Salmoneer-Eier,  welcher 
der  Celestial  Queen  anvertraut  worden  ist,  eine  sachver- 
ständige Persönlichkeit  beigegeben  wurde ,  die  den  Zustand 
der  Eier  während  der  langen  Seefahrt  ununterbrochen  zu 
überwachen  hat.  Ich  halte  diese  Vorkehrung  för  ganz  be- 
sonders wichtig,  da  unterwegs  gewiss  manche  dieser  Eier 
absterben  und  verderben  werden ,  und  als  Fäulniss  und 
Schimmel  verbreitenden  Objekte  möglichst  bald  von  den 
gesunden  Eiern  abgesondert  werden  müssen. 

Da  die  Inselgruppe  Neu-Seeland  in  ihren  mit  Schnee 
bedeckten  Gebirgen  grossartige  Alpenseen  besitzt,  so  ist  zu 
erwarten,  dass  die  bayrischen  Saiblinge  bei  unseren  Anti- 
poden gedeihen  können.  Sollte  der  Versuch  also  wirklich 
auf  die  Dauer  glücken,  das  heisst,  sollten  diese  aus  künstlich 
befruchteten  Eiern  hervorgegangenen  Saiblinge  auf  Neu- 
Seeland  sich  von  Generation  zu  Generation  fortpflanzen  und 
vermehren,  so  würde  sich  hieran  die  Lösung  mancher  wissen- 
schaftlichen  Frage   knüpfen;   es   wütde    namentlidi    damit 


Brechsd:  Beductia9i  der  Kohlensäure  zu  Oxcdsäure,  307 

erwiesen  sein ,  dass  die  aus  künstlicher  Befrachtung  hervor- 
g^angenen  Fisch-Generationen  dauernd  von  Generation  zu 
Generation  lebenskräftig  und  fort^flanzungsfähig  sind. 

Ferner  wird  es  interessant  sein,  mit  der  Zeit  zu  er- 
fahren, ob  der  in  unseren  Seen  als  Standfisch  lebende  Saib- 
ling in  Neu-Seeland  seiner  Gewohnheit  treu  geblieben  sein 
wird,  oder  ob  er  sich  vielleicht,  wie  der  isländische  Saibling, 
durch  die  Nähe  des  Meeres  auch  zu  einem  Wanderfisoh 
umbilden  wird. 


Herr  Baron  v.  Liebig  verliest  a)  eine  briefliche  Mit- 
theilung des  Herrn  Professor  Eolbe  in  Leipzig: 

„Reduction    der    Kohlensäure    zu    Oxalsäure 
von  Dr.  E.  Drechsel." 

Seit  7  j^ahren,  wo  es  Dr.  R.  Schmitt  und  mir  gelang, 
die  Kohlensäure  in  Ameisensäure  umzuwandeln,  sind  in 
meinem  Laboratorium  fast  ununterbrochen  mannigfache  Ver- 
suche angestellt,  die  Kohlensäure  auch  zu  Oxalsäure  zu  re- 
duciren.  Alle  jene  Versuche,  bei  deren  Mehrzahl  eine  Re- 
duction  mittelst  nascirenden  Wasserstoffs  unter  vielfach 
abgeänderten  Verhältnissen  erstrebt  wurde,  sind  erfolglos 
geblieben.  Ich  habe  gleichwohl  die  Hoffnung  nicht  auf- 
gegeben, dass  es  gelingen  werde,  jenes  Problem  zu  lösen, 
und  desshalb  neuerdings  meinen  Assistent^  Dr.  Drechsel 
veranlasst,  eine  neue  Reihe  von  Versuchen  zu  beginnen. 

Es  ist  demselben  gelungen ,  durch  ein  sehr  einfaches 
Verfahren  die  unmittelbare  Reduction  der  Kohlensäure  zu 
Oxalsäure  ohne  Bildung  anderer  Produkte  zu  bewirken  und 
zwar  auf  folgende  Weise; 


306      Sitgung  der  math-phys.  Qtme  vom  1.  Febrwur  1868, 

Man  leitet  in  ein  Eolbcben,  worin  sich  reines  von  der 
Rinde  befreites  Natrium  mit  frisch  ausgeglühtem  trodkeoem 
Quarzsand  befindet,  einen  raschen  Strom  Kohlensaure  und 
erhitzt  auf  einem  Sandbade  bis  etwa  zur  Siedetemperatur 
des  Quecksilbers.  Das  geschmolzene  Natrium  bildet  beim 
umrühren  mittelst  eines  gebogenen  Glasstabes  mit  dem 
Sande  anfangs  einen  silberglänzenden  halbflüssigen  ßrd. 
Wenn  die  Reaction  beginnt,  läuft  es  purpurroth  an  und 
nach  einigen  Stunden  ist  das  Ganze  in  eine  dunkle  pul- 
verige Masse  umgewandelt,  die  nur  noch  an  einzelnen  Stellen 
Metallglanz  zeigt.  Man  muss  sich  besonders  gegen  Ende 
der  Operation  hüten,  zu  stark  zu  erhitzen,  weil  sonst  das 
Product  unter  Verglimmen  zerstört  wird.  Die  erkaltete 
Masse  wird  auf  flache  Teller  ausgebreitet  „  damit  sich  das 
überschüssige  Natrium  langsam  oxydirt,  dann  mit  Wasser 
ausgezogen,  mit  Essigsäure  übersättigt,  und  aus  dem  Filtrat 
die  Oxalsäure  mit  Chlorcalcium  gefallt.  Der  Niederschlag 
ist  meist  bräunlich  gefärbt.  Durch  Auflösen  in  Salzsäure 
und  Neutralisiren  der  heiss  filtrirten  Lösung  mit  Ammoniak 
gewinnt  man  das  Salz  als  sbhneeweisses  Pulver. 

Mittelst  60  Gramme  Natrium  wurden  auf  diese  Weise 
6  Gramme  reiner  oxalsaurer  Kalk  gewonnen. 

Dr.  Drechsel  hat  durch  die  Analyse  constatirt,  dass  es 
wirklich  oxalsaurer  Kalk  ist,  und  ausserdem  die  Oxalsäure 
selbst  daraus  dargestellt.  Derselbe  hat  nachträglich  gefun- 
den, dass  zweiprocentiges  Kalium- Amalgam,  im  Kohlensaure- 
strom  bis  zum  Sieden  des  Quecksilbers  erhitzt,  die  Kohlen- 
säure rasch  absorbirt  und  eine  reiche  Ausbeute  an  oxal« 
saurem  Kali  gibt 


Stecker:  Harmäure  tmd  Darsteßung  der  Trauhensäitre,      3D9 


b)  „Von  Herrn'  Professor  Strecker  in  Tübingen: 
^  jtDie   Harnsäure,    eine  GlycoooU-Verbind- 

ung;  und 
2)     Künstliche     Darstellung     der     Trauben- 


Die  Harnsäure  ist  eine  GlycocoU- Verbindung  und  in 
dieser  Beziehung  analog  der  Hippursäure.  Bei  der  Behand- 
lung Yon  Harnsäure  mit  concentrirter  Chlorwasserstoffsäure 
oder  Jodwasserstoffsäure  (ich  ziehe  letztere  in  kalt  ge- 
sättigter Lösung  vor)  durch  Erhitzen  auf  170^  erhält  man 
salzsaures  oder  Jodwasserstoff  Glycocoll,  Salmiak' (oder  Jod- 
ammonium) und  Kohlensäure.  Oeffnet  man  die  abgekühlte 
Röhren,  so  entweicht  ein  sehr  starker  Ström  von  Kohlen- 
säure, die  Lösung  mit  Bleioxyd  von  Jodwasserstoffsäure  be- 
freit entwickelt  reichlich  Ammoniak  und  gibt  beim  Ver- 
dunsten eine  reichliche  Krystallisation  von  GlycocoU.  Aus 
4  Röhren  erhielt  ich  etwa  15  Grm.  GlycocoU. 

Ich  habe  dasselbe  durch  die  Analyse  und  die  Dar- 
stellung und  Analyse  der  Kupferverbindung  identificirt.  Die 
Entstehung  erklärt  sich  nach  der  Gleichung: 

CioH^N^Oe-f  lOHO  =  C4H5NO4  + 6C0,  +  8 NHa 

Aehnlich  wie  die  Hippursäure  als  die  Verbindung  von 
Benzoesäure  mit  GlycocoU  betrachtet  werden  kann,  so  kann 
die  Hamisäure  als  GlycocoU- Verbindung  der  Cyanursäure 
(oder  von  3  Mol.  Gyansäure)  angesehen  werden.  Diese  Be- 
ziehungen zwischen  Hippursäure  und  Harnsäure  scheinen 
mir  nicht  ohne  Interesse  zu  sein. 


Auch  eine  künstliche  Darstellung  von  Weinsäure  oder 
vielmehr  Traubensäure  hat  mir  Freude  gemacht.  Glyoxal 
mit  Blausäure  vermischt  und  mit  verdünnter  Salzsäure 
längere  Zeit   gekocht  gibt    mit  KaUänilch    einai  KrystaU* 


310       SiUung  der  mathrphya,  CUuse  vom  1.  Februar  1868. 

Niederschlag,  der  wesentlich  aus  traubensaurem  Kalk  besteht 
Durch  kohlensaures  Kali  zersetzt  und  mit  Essigsäure  angesäuert, 
scheidet  er  das  dem  Weinstein  analoge  Kalisalz  ab;  (ttrch  Ver- 
wandlung inBleisalz  und  Zersetzung  mit  Schwefelwasserstoff  habe 
ich  die  Säure  in  gut  ausgebildeten  Krystallen  CgHeOi, +  2aq 
erhalten.  Sie  zeigt  die  chemischen  Reactionen  der  Trauben- 
säure; ob  sie  auch  in  Links-  und  Rechtsweinsteinsäure  ze^ 
legbar  ist,  habe  ich  noch  nicht  versucht. 

Ihre  Untersuchung  erklärt  sich  leicht  nach  der 
Gleichung :  ^ 

rC,H0,  +  C.NH  +  4H0  ^  f C, HO. (C, H, 0.)    .    ^NH 
\C\H0,  +  C,NH  +  4H0        Ic.  HO,  (C,  H.  0.)  "^ 

Ich  habe  für  die  Formel  der  Weinsäure  so  geschrieben, 
dass  sie  als  eine  mit  Gljoxal  gepaarte  Ameisensäure  er- 
scheint. 

Endlich  habe  ich  eine  neue  Bildungsweise  der  Sulfo- 
säuren  entdeckt,  von  grosser  Anwendbarkeit.  Diese  Säuren 
entstehen  nemlich  beim  Erhitzen  der  wässerigen  Lösungen 
von  schwefelsauren  Alkalien  mit  Chlor-  Brom-  oder  Jod- 
verbindungen der  organischen  Radicale. 

Aus  Jodmethyl  entsteht'  so  die  sogenannte  Methyldilh- 
donsäure. 

€,HsJ  +  S,042KO  =  eiHaSiOfi-KO  +  JIT- 
Aus  Bromäthylen  und  schwefelsaurem  Natron  habe  idi 
Disulfatbolsäure  erhalten. 

04H4Br,  +  2(S,04  2KO)  =  C4H4(S,05.K0),-f  2KBr. 

Aus  Ghloressigsäure  erhält  man  leicht  durch  Kochen 
mit  schwefligsauren  Alkalien  Sulfoessigsäure. 

0,H,C104+S,Q4.2K0  =  C4H,(S,0«)K05-f  KCL 

Endlich  habe  ich  aus  salzsaurem  Aethylenoxid  Isäthion- 
säure  erhalten. 
04H40,.HC1  +  S,04.2K0  =  C4H4  0,S,05.HO-f  KCl. 

Wie  Sie  sehen,  wird  allgemein  Cl,  Br  oder  J  dard 
S|OeH  ersetzt.    In  gleicher  Weise  habe    ich  auch  aus  Di- 


Pf  off:  Das  YerMUsn  des  atmosphät.  Wassers  zum  Seien.    311 

chlorhydrin  und  Chloroform  analoge  Sulfosäuren  dargestellt. 
Die  Ausbeute  ist  sehr  reichlich,  doch  muss  man  bei  sehr 
flüchtigpi  Körpern  im  zugeschmolzenen  Rohr  erhitzen.  Auch 
ist  zuweilen  die  Trennung  des  Alkalisalzes  der  Sulfosäure 
von  dem  gleichzeitig  gebildeten  Chlor-,  Brom-  oder  Jod* 
metall  umständlich. 


Herrv.  Pettenkofer  legt  einen  Aufsatz  von  Hrn.  Friedr. 
Pfaff  in  Erlangen: 

,,Ueber   das  Verhalten   des    atmosphärischen 
Wassers  zum  Boden*'  vor. 
(Mit  einer  Tafel.) 

Wie  sich  das  atmosphärische  Wasser  zum  Boden ,  in 
den  es  eindringt,  .verhalte,  ist  eine  Frage,  die  nach  sehr 
verschiedenen  Seiten  hin  die  Aufmerksamkeif  der  Natur- 
forscher in  Anspruch  zu  nehmen  geeignet  ist.  Die  Mete- 
orologie, Agriculturchemie,  Geologie  und  Hygiäne  sind  in  • 
gleicher  Weise  bei  ihrer  Lösung  betheiligt,  und  namentlich 
für  die  3  letztgenannten  Wissenschaften  ist  die  Wechsel- 
wirkung von  atmosphärischem  Wasser  und  dem  Boden  auf 
einander  von  der  tiefgreifendsten  practisehen  Bedeutung. 
Dennoch  ist  bis  jetzt  verbältnissmässig  nur  wenig  geschehen, 
um  die  zahlreichen  Fragen  zu  beantworten,  die  sich  an 
jene  eine  grosse  Frage  knüpfen:  Wie  verhält  sich  atmo- 
sphärisches Wasser  und  Boden  zu  einander?  Am  meisten 
geschah  noch  von  Seiten  der  Agriculturchemie,  die  mittelst 
der  sog.  Lysimeter  die  chemische  Wirkung  des  Wassers  in 
der  obersten,  für  den  Pflanzenbau  zunächst  allein  in  Be- 
tracht kommenden  Erdrinde  zu  ermitteln  suchte,  und  dabei 
zu  sehr  interessanten  Resultaten  gelangte,  wie  sie  in  den 
Ergebnissen  landwirthschaftlicher   und   agriculturchemisdier 


812        Sitsung  der  mathrpkifs,  ükase  vom  t  Februar  1668, 

Versuche   des   bayerischen   landwirthschaftlichen  Vereins  in 
München.  1859  und  1861,  yeröffentlicht  sind. 

Die  im  Folgenden  mitgetheilten  Versuche  wnfden  zu 
dem  Behufe  angestellt,  vorzugsweise  die  physikalischen^) 
Verhältnisse  des  Wassers  im  Boden  zu  ermitteln,  nament- 
lich die  Mengenverhältnisse  des  in  verschiedenen  Tiefen  ein- 
dringenden atmosphärischen  Wassers  verglichen  mit  der 
Regenmenge  zu  bestimmen.  Es  versteht  sich  von  selbst, 
dass  sämmtliche  daraus  gezogene  Schlüsse  zunächst  nur  für 
die  Bodenart  gelten,  wie  sie  sich  eben  an  der  Versuchs- 
stelle findet,  doch  lassen  sich  daraus  immerhin  auch  einige 
allgemein  gültige  Folgerungen  ziehen,  indem  andere  Boden- 
arten wohl  andere  Zahlenwerthe  liefern ,  aber  nicht  wohl 
ein  anderes  Verhalten  zeigen  werden. 

Es  finden    sich   offenbar    überall    gleichmässig  folgende    j 
Verhältnisse :  Von  dem  die  Oberfläche  des  Bodens  treffenden    ! 
atmosphärischen    Wasser   dringt    ein   Theil   in   den   Boden;    | 
dieser  ist  es,    der  unsere  Quellen  und  Brunnen   speist,    die    ] 
Pflanzen  ernähren  hilft  und  noch  andere  Dienste  leistet,  wie 
wir    bald   sehen   werden.     Der   Rest    des    atmosphärischen 
Wassers  fliesst  theils  unmittelbar  über  die  ünebenheiten  des 
Bodens  in  Bäche  und  Flüsse  ab,    theils   geht   er  durch  den 
Ver(lun8tungsprocess  wieder  in  die  Atmosphäre  zurück. 

Wir  betrachten  hier  nur  den  in  den  Boden  eindringen- 
den Theil.  Erinnern  wir  uns  an  die  zwei  bekannten  That- 
sachen,  dass  der  Boden  oberflächlich  bei  langer  Dürre  voll- 
kommen austrocknet  und  dass  dann  ein  schwacher  Regen 
ganz  in  den  obersten  Lagen  zurückgehalten  wird,  so  ergiebt 
sich  daraus  sofort  der  Schluss,  dass  die  Menge  des  in  ver- 
schiedene Tiefen  dringenden  Wassers  eine  sehr  verschiedene 


1)  Das  in  2  Fuss  Tiefe  abgetropfte  Wasser  wurde  qualitaÜT 
antersucht.  En  konnten  darin  sämmtliche  Bestandtheile  des  Bodens 
naohgpowiesen  werden,  jedoch  keine  Spar  von  Kali. 


"Pf off \  Das  VerMltm  des  a^mosph&r.  Wassers  swn  Boden,    313 

sein   muss.     Wie   gross  dieselbe    in    wechselnder  Tiefe  sei, 
das  zu  ermitteln  wurden  nun  folgende  Versuche  angestellt. 

Jn  meinem  auf  der  Höhe  eines  180  Fuss  über  die 
Thalsohle  aufsteigenden  Keuperhügels  gel^enen  Garten 
wurden  an  einer  ebenen  Stelle  4  Gefässe  von  Blech  so  ein- 
gegraben, dass  ihr  Rand  etwa  1  Linie  über  den  sie  um- 
gebenden Erdboden  hervorragte.  Die  Form  derselben  und 
ihre  Aufstellung  ergiebt  sich  am  besten  aus  folgender  Figur. 


Der  Durchmesser  sämmtlicher  Büchsen  betrug  V^Fuss.  Von 
der  Oberfläche  bis  zu  dem  mit  einem  Seiher  verschlossenen 
Boden  bei  a  mass  I  */«,  H  h  HI  2  und  IV  4  Fuss.  Das 
Wasser,  das  abtropfte,  sammelte  sich  bei  b  und  wurde 
durch  die  mit  einem  gut  schliessenden  Deckel  versehene 
Röhre  c  in  der  Regel,  namentlich  bei  Regenwetter,  täglich 
oder  längstens  alle  8  Tage  mittelst  einer  einfachen  Saug- 
vorrichtung herausgenommen  und  gemessen.  Gefüllt  waren 
die  Gefässe  mit  dem  ausgegrabenen  Erdreiche,  einem 
schlechten  Sandboden,  auf  dem  seit  zwei  Jahren  nur 
dürftiges  Gras  gewachsen  war.  In  den  Gefassen  selbst 
virurde  keine  Vegetation  geduldet,  die  sich  entwickelnden 
Gräser  und  sonstigen  Gewächse,  sobald  sich  welche  zeigten, 
ausgerissen   und   die  Gefässe   stets   bis  zum  Rand  mit  dem 

Erdboden  gefüllt  erhalten,    90  dass  das  auffallende  Begen- 
[1868. 1 2.]  21 


314       Sitzung  der  math.-phys.  Glosse  wm  1.  Februar  1868. 

Wasser  nicht  darauf  stehen  konnte.  Die  folgende  Tabelle 
enthält  nun  die  auf  diese  Weise  gewonnenen  Resultate  von 
je  einer  Woche,  und  zwar  bedeuten  sämmtliche  Zahlen 
Millimeter,  indem  die  Menge  des  abgetropften  Wassers  nach 
dem  genau  gemessenen  Durchmesser  der  Oefasse  so  be- 
rechnet wurde,  dass  die  Zahlen  angeben,  wie  hoch  die 
Wassersäule  über  der  Fläche  der  Gefasse  gewesen  wäre, 
die  der  unten  gesammelten  Wassermenge  entspräche.  Die 
Regenmenge  wurde  in  demselben  Garten  bestimmt,  ebenso 
die  Verdunstung,  und  zwar  diese  durch  Wägung  eines  genau 
cylindrischen,  kupfernen,  galvanisch  versilberten  Büchschens 
von  39,5  Mm.  Durchmesser.  Was  die  letztere  betrifiPt,  so 
ist  sie,  verglichen  mit  der  Verdunstungshöhe  eines  stets  bis 
an  den  Rand  gefüllten  Gefässes  etwas  geringer  als  diese. 
Im  Verlaufe  meiner  Versuche  wurde  ich  nemlich  durch 
meinen  Bruder,  H.  Pfaff,  darauf  aufmerksam  gemacht,  dass 
der  Unterschied  in  der  Verdunstung  unter  sonst  ganz 
gleichen  Verbältnissen  sehr  beträchtlich  werden  könne,  wenn 
die  verdunstende  Fläche  des  Wassers  in  einer  Röhre  nahe 
dem  Rande  derselben  oder  beträchtlich  von  demselben  sich 
entfernt ,  finde.  In  meinem  Verdunstungsmesser  betrug  die 
Entfernung  der  Wasserflächfe  von  der  Mündung  3 — 4  Cm., 
eine  Grösse,  die  immerhin  von  einigem  Einflüsse  ist.  Da 
sich  aber  ohnediess  die  Verhältnisse  der  Verdunstung  aus 
dem  Boden  anders  gestalten ,  als  die  aus  einem  offenen 
Gefässe,  worüber  weiter  unten  noch  einige  Versuche  mit- 
getheilt  werden  sollen,  so  mögen  die  angegebenen  Zahlen 
für  die  Verdunstung  immerhin  einen  Anhaltspunkt  geben 
um  den  Gang  der  Verdunstung  auch  aus  dem  Bbden  er- 
kennen zu  lassen.  Auch  die  Verhältnisse  der  Verdunstung 
aus    dem   Boden    herauf   bedürfen    noch    einer  genaueren 

Untersuchung. 

In  den  Boden  wurden  die  3  ersten  Gefässe  den  24.  No- 
vember 1866  nach  einem  sehr  trocknen  Oktober  eingegraben, 
die  vierte  den  7.  März  1867.  Die  Ergebnisse  waren  nun  folgende: 


JPfaff:  Boa  Verhalten  des  atmosphär:  Wassers  zum  Boden,    315 


Woche 

'  vom 

Regen- 
menge 

Verdun- 
stung. 

I. 

Abgetn 
IL 

jpft  in 

m. 

IV. 

Mm. 

3—10. 

Dezbr. 

14,5 

3,16 

5,5 

5,1 

0 

17. 

>» 

41,2 

0,80 

33,0 

34,1 

19,0 

24. 

» 

0,25 

0,90 

0,9 

3,0 

,9,5 

31. 

» 

50,0 

0,65 

33,7 

35,1 

27,4 

7,  Januar. 

9,0 

2,10 

4,35 

5,4 

14,2 

14. 

» 

32,5 

1,62 

35,2 

40,8 

50,9 

21. 

» 

3,0 

1,32 

0 

0 

2,0 

28. 

n 

13,0 

1,74 

2,6 

7,0 

17,5 

4. 

Febr. 

25,5 

3,90 

26,6 

25,2 

24,2 

11. 

» 

44,0 

,5,88 

38,0 

35,4 

38,8 

18. 

» 

3,0 

6,12 

2,6 

2,6 

9,0 

25. 

» 

,  9,75 

5,27 

5,4 

4,6 

4,3 

4. 

März. 

9,5 

5,17 

7,7 

6,4 

5,7 

11. 

>j 

15,0 

3,50 

9,6 

10,2 

2,0 

18. 

» 

6,0 

5,40 

1,7 

3,2 

9,6 

0 

25. 

9> 

5,5 

5,16 

1,2 

1,0 

3,0 

1,5 

1. 

April. 

20,0 

8,44 

16,0 

14.1 

16,2 

2,2 

8. 

i> 

23,5 

3,85 

18,5 

16,6 

18,6 

3,3 

16. 

?5 

3i;25 

9,89 

25,5 

24,3 

25,7 

4,0 

22. 

» 

24,0 

21,59 

18,3 

16,6 

22,2 

12,4 

29. 

n 

10,0 

14,32 

0,8 

1,2 

10,4 

6,5 

6. 

Mai 

2,0 

10,80 

0 

1,6 

3,2 

3,8 

13. 

)) 

0 

33,29 

0 

0 

1,5 

-2,0 

25. 

j) 

30,7 

12,24 

2,9 

2,0 

12,6 

2,6 

27. 

H 

10,2 

13,24 

0,08 

0,6 

3,2 

0,8 

3. 

Juni. 

5,3 

27,50 

0 

0 

1,3 

1,3 

10. 

-  » 

14,6 

19,60 

0 

0 

0 

2,5 

17. 

ij 

21,0 

17,51 

0 

6,5 

4,5 

1,8 

28. 

>) 

2,8 

17,84 

0 

0,4 

4,8 

1,1 

1. 

Juli. 

2,8 

23,96 

0 

0 

1,0 
21* 

2,1 

316         Sifeung  der  math.-phys.  Gasse  vom  1,  iebruar  1868. 


Woche  Tom 

Regen- 
menge 

Verdun- 
stung. 

I. 

Abgetr 

n. 

Dpft  in 
III. 

IV. 

- 

Mm. 

8.    Juli. 

25,4 

20,93 

0 

0 

4.6 

2,8 

15.      „ 

2,6 

14,33 

0 

0 

1,7 

1,4 

22.      „ 

20,2 

23,28 

0 

0 

6,5 

1,0 

29.       „ 

24,3 

14,23 

4,1 

6,8 

14,1 

1,8 

5.  August. 

0,7 

12,21 

0,1 

0,1 

1,2 

4,6 

12.       „ 

1,0 

18,51 

0 

0 

1,0 

2,6 

19.     .» 

1,5 

28,62 

0 

0 

0,6 

3,2 

26.       „ 

2,5 

22,86 

0 

0,06 

0,2 

1,2 

2.  Septbr. 

36,0 

12,01 

1,2 

0,1 

0,5 

1.1 

9.      „ 

0,2 

18,61 

0,1 

0 

0,7 

1.3 

16.      „ 

3,0 

17,84 

0 

0 

0,3 

0,5 

23.      „ 

0,0 

12,86 

0 

0 

0 

0,6 

30.      „ 

4,2 

9,95 

■0 

0 

0 

0,5 

7.  Oktbr. 

7,1 

9,28 

0 

0 

0 

0,4 

U.      „ 

24,8 

8,84 

4,6 

0 

7,0 

0,5 

21.      „ 

7,5 

3,35 

6,0 

4,3 

4,6 

0,3 

28.      „ 

5,7 

3,10 

3,3 

ho 

4,3 

0,3 

4.  Novbr. 

9,7 

3,90 

6,5 

-7,2 

2,1 

0,5 

11.      » 

7,9 

1,01 

7,4 

■«8,8 

1,3 

1,7 

18.      „ 

9,6 

2,42 

8,5 

8,0 

3,0 

4,8 

25.       „ 

3,5 

3,17 

6,1 

5,4 

2,4 

4,1 

2.  Dezbr. 

14,8 

4,43 

8,5 

10,0 

2,5 

4,4 

Sumnia 

692,05 

548,40 

346,53 

354,76 

420,9 

Zur  leichteren  üebersicht  sind  auf  der  angefügten  Tafel 
die  sämmtlichen  Zahlen werthe  graphisch  dargestellt  ^  aus 
deren  Betrachtung  sich  sogleich  einige  nicht  uninteressante 
Resultate  erblicken  lassen ,  .  die  wir  hier  kurz  besprechen 
wollen. 

1)  Was  zunächst   die  Gesammtmenge    des    in    den 


Tfaff:  Bas  Verhalten  des  atmosphär,  Wassers  tium  Boden,    317 

Boden  eindringenden  Wassers  betrifft,  so  beträgt  dieselbe 
in  den  3  ersten  Büchsen  50,07  —  51,26  —  60,81  pC, 
also  etwas  mehr  als  die  Hälfte  von  der  gesammten  Regen- 
menge des  Jahres.  Dabei  zeigt  sich  die  auf  den  ersten 
Blick  etwas  befremdliche  Erscheinung,  dass  die  Wasser- 
menge mit  der  Tiefe  zunimmt.  Doch  gilt  dies  nur  für 
geringere  Tiefen,  indem,  wie  wir  gleich  sehen  werden  in 
4  Fuss  Tiefe  die  Menge  wieder  abnimmt. 

2)  Betrachten  wir  nun  die  Vertheilung  dieser  Ge- 
sammtmenge  auf  die  verschiedenen  Jahreszeiten,  so 
zeigen  sich  hier  die  unter  1)  angeführten  Eigenthümlich- 
keiten  im  höchsten  Grade.  Es  ergiebt  sich  nemlich,  wenn 
wir  das  Sommerhalbjahr  vom  21.  April  —  21.  Oktober 
vergleichen  mit  dem  Winterhalbjahre  vom  21.  Oktober  — 
22.  April,  folgendes  Resultat: 


Begen. 


Verdun- 
stang. 


Büchse  L 


IL 


III. 


IV. 


Sommer- 
halbjahr 

Winter- 
halbjahr 


260,4 
481,65 


433,01 
115,39 


19,88 
=  7,6  pO. 

326,35 
=  75,72pC. 


23,66 
:  9,0  pC. 

331,1 
:  76,82  pC. 


85,5 
=  32,8  pO. 

335,4 
=  77,81  pC. 


48,3 
=  18,6  pC. 

[    202,8  1* 
h47,6pc.j 


Wir  sehen  daraus,  dass  im  Winterhalbjahre  '/4  der 
Regenmenge  wenigstens  bis  zu  2  Fuss  Tiefe  in  den  Boden 
eindringt  und  dass  bis  zu  dieser  Tiefe  der  Unterschied 
ziemlich  verschwindet,  der  sich  in  der  Menge  des  abge- 
tropften Wassers  in  den  verschiedenen  Gefassen  zeigt.  Wir 
finden  darin  auch  eine  Bestätigung  des  alten  Satzes  der 
Oekonomen,  dass  es  die , Winterfeuchtigkeit  sei,  die  den 
Boden    besonders  durchdringe.     In    der  That    ist   auch  die 


*)  Die    eingeklammerte  Zahl   ist  nach   dem  Verhalten  in   den 
Monaten  Oktober,  November  und  Dezember  berechnet« 


318      Sitzung  der  math,'phys.  Glosse  vom  1.  Fßbruar  1868, 

Verschiedenheit  zwischen  Sommer  und  Winter  ganz  enorm. 
In  diesem  durchgängig  mindestens  '/i  des  Regens  eindrin- 
gend, hier  in  den  4  Geissen  (von  oben  nach  unten)  ge- 
zählt) nur  7— 9--32— 18  pC! 

Betrachten  wir  unser  Sommerhalbjahr  etwas  näher^  so 
ergiebt  sich  hier  die  grösste  Differenz  in  dem  Verhalten 
der  verschiedenen  Tiefen.  In  2  Fuss  Tiefe  tropfte  4V«  mal 
mehr  ab ,  als  in  V«  Fuss  Tiefe  in  dem  I.  Gefässe.  Zwei 
Monate  hindurch  vom  (27.  Mai  —  24.  Juli)  sammelte  sich 
keine  Spur  von  Wasser  in  diesem-  an,  obwohl  die  Regen- 
menge 92  Mm.  betrug,  während  in  der  Zeit  vom  21.  Okto- 
ber —  2.  Dezember  bei  einer  Regenmenge  von  nur  51  Mm. 
die  Menge  des  abgetropften  Wassers  die  Höhe  von  40,3  Mm. 
erreichte. 

In  der  Tiefe  von  2  Fuss  hörte  nur  2  Mal  (im  Juni 
und  Ende  September)  das  Abtropfen  ganz  auf,  in  einer 
Tiefe  von  4  Fuss  war  dies  nie  mehr  der  Fall;  hier  zeigte 
sich,  entsprechend  den  Verhältnissen,  die  wir  an  unseren 
Quellen  wahrnehmen,  der  Abfluss  als  ein  ununterbrochener, 
wenn  auch  im  Ganzen  viel  geringerer,    als  in  2 "Fuss  Tiefe. 

Diese  Verhältnisse,  die  auf  den  ersten  Blick  manches 
Befremdende  darbieten,  führen  uns  bei  näherer  Betrachtung 
wohl  leicht  auf  die  Gründe,  welche  diese  Eigenthümlich- 
keiten  erzeugen.  Sie  feind  gewiss  von  folgenden  3  Factoren 
bedingt,  1)  von  der  wasserhaltenden  Kraft  des  Bodens, 
2)  von  der  Verdunstung  aus  dem  Boden,  3)  von  der  Ver- 
theilung  des  Regens. 

1)  Von  der  wasserhaltenden  Kraft   des  Bodens. 

Unser  Boden,  98  pC.  Quarzsand  enthaltend,  bildet  im 
natürlichen  Zustande  ein  Netzwerk  von  Kapillaren,  die  nach 
der  Grösse  der  Körner  bald  feiner,  bald  gröber  sind,  und 
daher  auch  das  Wasser,  das  nach  Regen  in  sie  eindringt, 
bald  mehr,  bald  weniger  festhalten.  Ebenso  wird  aber  auch 


Tfaffx  Das  Verhalten  des  atmosphär:  Wassers  mm  Boden.     319 

jedes  Korn  vermöge  der  Adhäsion  eine  Wasserschichte  auf 
sich  auch  da  festhalten,  wo  eben  die  Zwischönräume  so 
gross  sind,  dass  von  Eapillarattraction  nicht  mehr  gnt  die 
Bede  sein  kann.  Ausserdeln  kommt  noch  hinzu  die  wasser- 
bindende Kraft  der  übrigen  Bestandtheile  des  Bodens,  nament- 
lich des  Lehms  und  der  organischen  Substanzen,  welche 
letzteren  in  den  obersten  Lagen  in  etwas  grösserer  Menge 
als  in  den  tieferen  vorhanden  sind.  Die  Körner  des  Bodens^ 
mit  dem  ich  es  zu  thun  hatte,  sind  ziemlich  fein,  wie  der 
Eeupersand  in  der- Regel.  Um  zu  bestimmen,  wie  viel 
Wasser  ohne  abzutropfen,  in  den  oberen  Schichten  zurück- 
gehalten werde,  brachte  ich  in  einen  mit  einem  durchdässten 
Filter  versehenen  Trichter  bei  100^  getrockneten  Sandboden^ 
übergoss  denselben  mit  Wässer  und  wartete,  bis  kein  Wasser 
mehr  unten  abtropfte.  Sowqhl  der  Trichter  mit  dem  Filter, 
als  auch  der  trockne  Sand  waren  für  sich  gewogen.  Die 
Gewichtszunahme  des  Sandes ,  nachdem  das  Wasser  aufge- 
gossen und  der  Ueberfluss  abgetropft  war,  betrug  etwas 
mehr  als  20  pC.  Im  Boden  selbst,  wo  die  Zwischenräume 
zwischen  den  einzelnen  Körnern  nicht  so  viel  ausmachen. 
.  werden,  da>  um  das  Filter  nicht  zu  zerreissen,  der  Sand  in 
den  Trichter  nicht  hineingepresst  werden  konnte,  dürfte 
wohl  die  zurückgehaltene  Menge  des  Wassers  eine  geringere 
sein.  Jedenfalls  ist  sie  aber  immerhin  ziemlich  beträcblich 
und  lässt  es  uns  begreiflich  finden,  warum  nach  längerer 
Trockenheit  im  Sommer  auch  die  stärkeren  Regengüsse  im 
Juni  und  JuU  vollständig  in  dem  ersten  Gefässe  zurück- 
gehalten wurden  und  gar  keinen  Tropfen  aus  demselben 
unten  abfliessen  liessen. 

2)   Von  der  Verdunstung  aus  dem  Boden. 

Dsss  die  Verdunstung  an  der  Oberfläche  des  Bodens 
ziemlich  rasch  von  Statten  gehe,  davon  können  uns  die  all- 
täglichsten Beobachtungen  überzeugen.    Wie  bald  staubt  es 


930       Sitzung  der  maiht-phifa.  Clasn  vom  1.  Febntar  1668. 

im  Sommer  auch  nach  einem  tüchtigen  Platzregen  wieder! 
Schwierig  aber  möchte  es  sein,  genan  za  bestimmen ,  wie 
sich  die  Verdunstung  der  tieferen  Schichten  verhält.  Dass 
dieselbe  allmählich  immer  weiter  hinab  den  Boden  völlig 
austrockne,  davon  überzeugt  uns  jede  länger  anhaltende 
Darre,  die  ja  zuletzt  selbst  Brunnen  und  Quellen  zum  Ver- 
siegen bringt.  Je  geringer  die  wasserbindende  Kraft  des 
Bodens,  je  grösser  die  Zwischenräume  zwischen  den  einzelnen 
Körnern  oder  Molekülen,  je  stärker  das  Wärmeleitungs- 
yermögen  desselben,  desto  rascher  wird  die  Austrocknung 
von  oben  her  vor  sich  geben.  Bei  unserem  Sandboden  sind 
die  genannten  Verhältnisse  der  Art,  dass  sie  ein  Auetrocknen 
sehr  begünstigen.  Nach  einer  Versuchsreihe,  die  ich  vom 
16.  Dezember  bis  zum  28.  Februar  anstellte,  zeigte  sich 
die  Verdunstung  aus  einer  mit  nassem  Sand  gefüllten  Röhre 
in  den  ersten  3  Wochen  stärker  als  aus  einem  unmittelbar 
daneben  stehenden  nur  mit  Wasser  gefällten  Gefasse,  erst 
vom  5.  Februar  ap  übertraf  die  Verdunstung  aus  dem 
Wassergefäss  constant  die  aus  dem  Sande  vor  sich  gehende. 
.Offenbar  wird  dies  dadurch  bewirkt,  dass  die  verdunstende 
Oberfläche  des  Wassers  (von  der  Kapillarattraction  am 
Bande  desGefässes  abgesehen)  eben  ist,  während  sie  durch 
die  Sandkörnchen  sehr  uneben  und  dadurch  ausserordentUeh 
vergrössert  wird,  und  der  Meniskus,  den  die  Wassersäuldien 
zwischen  den  Sandkörnchen  bilden,  verhältnissmäasig  auch 
viel  zur  Vergrösserung  der  Fläche  beiträgt.  Der  letztere 
Grund  ist  es,  welcher  bewirkt,  dass  die  Höhe  der  verdun» 
steten  Wassersäule  aus  einem  Kapillarrobr  beträchtlicher  ist, 
als  die  aus  einem  weiteren  Gefässe,  wenn  auch  sonst  alle 
Umstände  gleich  sind.  Sind  die  obersten  Schichten  des 
Bodens  ausgetrocknet,  so  verdunstet  Wasser  aus  den  tieferen; 
hier  geht  es  aber  viel  langsamer,  wie  aus  dem  Grunde 
einer  Röhre  die  Verdunstung  nach  dem  oben  Gesagten  viel 
langsamer  von  Statten  geht,    als  wenn   sie  bis   zu  ihrem 


Tfaff:  Das  Verhalten  dea  atm&sphär,  Wassers  tum  Boden.     S21 

Rande  gefüllt  ist.  Ein  Theil  des  von  unten  aufsteigenden 
Wasserdampfes  wird  aber  in  den  oberen  Schichten  wieder 
verdichtet,  im  Sommer  namentlich  bei  der  Nacht,  und  daher 
JEommt  es  denn,  dass  auch  die  oberen  Schichten  viel  lang- 
samer ganz  trocken  werden,  wenn  der  Boden  in  grössere 
Tiefe  hinab  locker  ist.  Diese  Verhältnisse  sind  es  ganz  her 
sonders,  welche  uns  die  zuerst  befremdende  Erscheinung 
erklären,  dass  in  den  tieferen  Lagen  des  Bodens  mehr  ab- 
tropfte,  als  in  den  höheren,  besonders  im  Sommer.  .  Durch 
den  Boden  der  Gefässe  war  nehmlich  die  Sandschichte,  die 
sie  enthielten,  gegen  die  aus  der  Tiefe  aufsteigenden  Wasser- 
dämpfe vollkommen  abgesperrt,  sie  konnte  daher  auch  um 
so  leichter  austrocknen,  je  dünner  sie  war.  Jeder  Regen 
nun,  der  auf  die  so  abgeschlossenen  Bodenschichten  fiel, 
konnte  nicht  eher  etwas  in  die  unten  befindliche  Röhre  ab- 
tropfen lassen,  als  bis  der  Sand  mit  Wasser  völlig  gesättigt 
war«  Bei  den  weniger  tiefen  Gefässen  I  und  IL,  in  welche 
aas  der  Tiefe  kein  Wasserdampf  dringen  und  so  das  völlige 
Vertrocknen  verhüten  konnte,  tropfte  daher  häufig  gar  nichts 
ab,  selbst  in  Wochen,  in  denen  die  tiefer  hinabreichenden 
Gefässe  III  und  IV  nach  etwas  stärkerem  Regen  noch  be- 
trächtliche Mengen  Wa,sser8  lieferten.  Dieselben  Verhält- 
nisse bedingen  auch  die  grosse  Differenz  in  der  Wasser- 
abgabe der  Gefässe  zwischen  Sommer  und  Winter.  Im 
Winter  kommt  es  bei  uns  nicht  vor,  dass  der  Boden  nur 
auf  einige  Zoll  tief  ganz  austrocknen  kann,  die  Verdunst- 
ung, wie  ein  Blick  auf  unsere  Tafel  zeigt,  ist  ausserordent- 
lich gering,  jedenfalls  bedeutend  geringer  als  die  Menge 
des  auf  den  Boden  fallenden  Wassers.  Im  Sommer  dagegen 
übertrifft  die  Verdunstung  die  Regenmenge  beträchtlich,  sie 
wirkt  natürlich  am  stärksten  auf  die  oberflächlichen  Schichten 
und  trocknet  sie  um  so  mehr  aus,  je  weniger  durch  die 
Verdunstung  tieferer  Schichten  ein  Ersatz  des  verlorenen 
W^assers  Statt  finden  kann,  wie  dies  letEtere  bei  den  in  den 


322        SiUung  der  math-phys,  Claase  vom  1,  Februar  1^6^. 

Gefässan  eingeschlossenen  Bodentheilen   ja  nicht    eintret^i 
kann. 

Wir  sehen  daher,  dass  im  Winter  der  Unterschied  in 
der  Menge  des  in  Terschiedenen  Tiefen  abgetropften  Wassers 
ein  sehr  geringer  ist,  während  er  im  Sommer  ausserordent- 
lich beträchtlich  wird.  Im  '  Winter  nemlich  lieferten  die 
3  grossen  Gefasse  75,7—76,8  und  77,81  ,pC.  'der  Regen- 
menge, im  Sommer  7,6—9,0  und  32,8  pC.  —  Von  grossem 
Einflüsse  ist  aber  auch 

3)   Die  Vertheilung  des  Regens. 

Anhaltender,  wenn  auch  schwacher  Regen  giebt  grössere 
Mengen  in  den  Boden  ab,  als  starker  und  kurzer,  wenn 
derselbe  auch  absolut  mehr  Wasser  liefert,  als  ersterer.  Es 
kann  eben  in  letzterem  Falle  das  Wasser  nicht  so  rasch  in 
den  Boden  eindringen,  als  in  dem  ersteren,  es  läuft  daher 
mehr  ab,  daher  ausgebreitete  heftige  Regengüsse,  wenn 
auch  von  kurzer  Dauer,  unsere  Flüsse  viel  mehr  schwellen, 
als  mehrtägige  schwächere.  Auch  hiefiir  liefert  uns  nnsere 
Tabelle  und  Tafel  einige  Anhaltspunkte,  obwohl  sich  der 
Einfluss  der  Vertheilung  des  Regens  aus  dieser  Zusammen- 
stellung aus  dem  Grunde  weniger  deutlich  ei-sehen  lässt, 
weil  hier'  immer  die  Gesammtmenge  von  je  einer  Woche 
verzeichnet,  und  es  daher  nicht  ersichtlich  ist,  ob  wir  es 
hier  etwa  mit  7  Regentagen  oder  nur  mit  einem  zu  thun 
haben.  Doch  erlaubt  das  Verhalten  der  verschiedenen  Ge- 
fasse nach  der  graphischen  Darstellung  der  Tafel  rückwärte 
einen  Schluss  auf  die.  Vertheilung  des  Regens.  Betrachten 
wir  z.  B.  den  Monat  Juli;  in  der  ersten  Woche  finden  whr 
eine  Regenmenge  von  25,4  Mm.  Aus  dem  I.  und  11.  Ge- 
fäss  tropfte  keine  Spur  von  Wasser  ab,  aus  den  täglichen 
Aufzeichnungen  ergiebt  Isich,  dass  19,2  Mm.  in  15  Stunden 
(2.  Juli  5  Uhr  Abend  —  3.  Juli  8  Uhr  Morgens)  durch 
einige  heftige  Gewitterregen  geliefert  worden  waren.    Noch 


Tfafti  Das  Verhalten  des  atmosphär,  Wassers  mm  Boden,    328 

augenfälliger  zeigte   sicli   die  Unwirksamkeit  kurzer  heftiger 
Regengüsse    im   August.     Nach    längerer  Dürre,     es  hatte 
vom  29.  Juli  —  26.  August  nur  6,7  Mm.  geregnet,  erfolgte 
am    27.  August    ein  wolkenhruchartiger,    binnen    3   Stunden 
30    Mm.  Höhe  erreichender  Regen,    dem  des   andern  Tages 
noch  6  Mm.    nachfolgte;     diese    ganze  Wassermasse   ging 
wie  ein  Blick  auf  die  Tafel  zeigt,    fast  spurlos  an  den  Ge* 
{ässen  vorüber,  die  Menge  des  abgetropften  Wassers  betrug 
nemlich  in   der  ganzen  Woche  vom  26.  August  —  2.  Sep* 
tember    1,2—0,1—0,5-  1,1     Mm.     Die    viel    schwächeren, 
aber   auf  11  Tage    sich    vertheilenden  Regen   vom    15.  bis 
29.  Juli  Hessen  aus  sämmtlichen  Gefässen  Wasser  abtropfen 
4,1—6—8—20,6—2,8  Mm.     Man  kann   sich  diese  Verhält- 
hältnisse im  Kleinen  sehr  gut  veranschaulichen,    wenn   man 
«ehr  weite  Glasröhren  mit  Sand  anfüllt  und  beliebig  Wasser 
aufgiesst.     Ich    habe  2    solche    5  Gm.    weite    und    84  und 
21  Gm.  lange  Glasröhren   mit  Sand    aus  derselben  Gegend 
des  Gartens,  in.  welcher  die  Gefässe  eingegraben  waren,  ge* 
fällt  und  konnte  mich  dabei  vollkommen  von  dem  Einflüsse 
der  Verdunstung    und    der  Vertheilung   des  Rogens  auf  die 
abfliessende  Wassermenge   überzeugen.     Als   ich    z.  B.    so 
lange  gewartet  hatte ,    bis    der  Sand    in  der  langen  Röhre 
ganz  trocken  war,    was   man  schon  an  der  Farbe  ganz  gut 
erkennt,    konnte   ich  210  Mm.  Wasser  nach  und  nach  auf- 
giessen,  und  zwar  in  einem  Zeiträume  von  15  Tagen,    ohne 
dass  auch  nur    ein  Tropfen   unten    abfloss.     Als    ich  dann 
noch    in  den   nächsten    8  Tagen    20  Mm.  aufgoss,    tropfte 
auch  nach  dem  letzten  Aufgiessen   noch   volle  4  Tage   hin- 
durch Wasser  ab  und  zwar  betrug  dann  die  Gesammtmenge 
des  abgetropften  Wassers  25  pG.  von  der  des  aufgeschütte- 
ten.    Es    ist  überflüssig,    die  Modificationen   näher   zu  be- 
sprechen,   die   ich   bei  diesen  Versuchen  vornahm.     Sie  ge- 
statten alle  die  Verhältnisse  nachzuahmen,    die  man   in  der 
Natur  findet^   und  zeigen  eben  auch,    dass  in  der  That  die 


824        SUsung  der  matK-phys.  CUa$e  t(m  L  Feimtar  1868. 

Verdunstung  wie  die  Vertheilung  des  Regens  von  dem  we- 
sentlichsten Einflüsse  auf  die  Menge  des  Wassers  sind, 
welches  in  verschiedener  Tiefe  in  den  Boden  eindringt,  und 
eben  weil  das  Verhältnisg  dieser  beiden  Faktoren  im  Winter 
und  im  Sommer  ein  so  ausserordentlich  versdiiedenes  ist, 
ist  auch  das  Ergebniss  ein  so  verschiedenes,  wenn  wir  die 
Resultate  des  Winters  mit  denen  des  Sommers  vergleichen. 
Da  auch  die  verschiedenen  Jahi^e  in  dieser  Beziehung  sehr 
verschieden  sich  verhalten,  so  wird  wohl  jedes  abweichende 
Zahlen  ergeben,  selbst  wenn  die  Regenmenge  dieselbe  wäre. 
Aus  diesem  Grunde  halte  ich  es  wohl  für  der  Mühe  werth, 
noch  längere  Zeit  diese  Versuche  fortzusetzen.  Vielleicht 
findet  sich  auch  durch  diese  Mittheilungen  ein  oder,  der 
Andere  veranlasst,  in  anderen  Bodenarten  ähnliche  Versuche 
anzustellen,  die  gewiss  noch  manches  Interessante  über  das 
Verhalten  des  Wassers  im  Boden  zu  Tage  fordern  dürften. 


Herr  Steinheil  hält  einen  Vortrag: 
,,Ueber  das  Chronoscop", 
ein  Instrument  für  die  Zeitbestimmung,  dessen  Gonstruction 
und  Anwendungsweise    er    unter  Vorzeigung   desselben    er- 
läutert. 

Die  betreflFende  Abhandlung  über  den  Gegenstand  nebst 
den  dazu  gehörigen  Zeichnungen  wird  in  den  Denkschriften 
der  Classe  veröffentlicht  werden. 


Sitzung  der  histor.  ClasH  vom  1.  Februar  1868,  '825 

Herr  Bischoff   berichtet   über    seine  Untersuchungen 
betreflfend  : 

„die  Hirnwindungen  des  Menschen*' 
and   gibt  eine  allgemeine  Ansicht    von  den  hierüber  gewon- 
nenen Resultaten  unter  Vorzeigung  einer  grossen  Reihe  von 
Präparaten,  sowohl  von  Gehirnen  der  Erwachsenen  als  denen 
des  Fötus  und  verschiedener  späteren  Entwicklungsstufen; 

Diese  Abhandlung  wird  mit  7  dazu  gehörigen  Tafeln  in 
den  Denkschriften  bekannt  gemacht  werden. 


Historische  Classe. 

Sitzung  vom  1.  Februar  1868. 


Herr  Muffat  gibt  einen 

„Beitrag  zur  Münzgeschichte  von  Bayern". 

Diese  Abhandlung  wird  in  den  Denkschriften  der  Classe 
zum  Abdruck  gelangen. 


328  Einsendungen  van  Drueksehriften, 

Vom  natunoissenschaftlichen  Verein  in  Bremen: 
Abhandlungen.    1.  Bd.    3.  o.  4.  Hft.    1868.    8. 

Von  der  ctstronomiscTien  GeselUchaft  in  Leipzig: 
Vierteljahrsschrift.    3.  Jahrg.  1.  Hft.  1868.    8.  ^ 

Vom   Verein  für  mecklenburgische  Geschickte  und  AUerthumshuml 

Schwerin: 

Mecklenburgisches  ürkundenbuch.    4.  Band  1297 — 1300.    Nachi 
und  Register  zu  Band  1—4.  1867.    4. 

Von  der  deutschen  geologischen  Gesellschaft  in -Berlin: 
Zeitschrift.    19.  Band.  4.  Hft.  August,  September»  Oktober  186' 

Vom  naturwissenschcrfUichen  Verein  für  Sachsen  und  Umringet  \ 

Haue: 

Zeitschrift  far  die  gesammteu  Naturwissenschaften.    Jahrgang 
30.  Bd.  BerUn  1867.    8. 

Von  der  Redaktion  des  Correspondemhlattes  für  die  Gelehrten 
Bealschtden  in  Stuttgart: 

Correspondenz-Blatt.    Nr.  3.  4.  Mära.  April  1868.    8. 

Von  der  Universität  in  Heidelberg: 
Jahrbücher  der  Literatur.    61.  Jahrg.  2.  Heft.  Februar  1868.    i 

Von  der  deutschen  chemischen  Gesellschaft  in  Berlin: 
Bericht«.    Erster  Jahrg.  Nr.  4.  5.  6.    1868.    8. 


.  4kad.  Saxun^sberichte  /SeS. 


1.2. 


»itv:uiio'sX^ 


II  t  •■ 


.     \     4     *■    %'    ''^ 


7.1  J 


o 


/^^f,  f^  A 


,       .   /   .>/.  Sitzimgsbericlite 


kOnigl  bayer.  Akademie  der  Wissenschaftep, 


Philosophisch-philologische  Classe. 

Sitzung  vom  7.  Macz  1868. 


Herr  Lauth  trägt  vor:  ' 

„lieber    die    symbolische    Schrift    der    alten 
Aegypter". 

Nachdem  ich   in  einem    früheren  Aufsatze*)    von    dem' 
phonetischen  Alphabete  der  Aegypter  gehandelt,  komme 
ich  nunmehr    zu  dem    anscheinend  so  verwickelten  Systeme 
der  symbolischen  Sdirift.     Die  Wichtigkeit  der    letzteren 
wird  auch  dem  Laien  einleuchten^  wenn  er  die  wohlbe^ündete 


1)  Sitzangsberichie  der  philos.-philol.  Classe  der  k.  bayer.Akad. 
d.  W.  vom  Monat  Juni  1867. 
[1868.  L  8.]  22 


326         SUgung  der  phÜos.-phUol  Gasse  vom  7.  März  186$. 

Behauptung  aussprechen  hört,  dass  ohne  die  Hülfe  der  so 
häufigen  ideographischen  Bilder  die  ägyptische  Sprache, 
wäre  sie  nur  in  einer  Lautschrift  überliefert,  für  uns 
noch  eben  so  eine  terra  incognita  sein  und  bleiben  würde, 
als  die  etruskische,  deren  Lautzeichen  mit  dem  entspre- 
chenden Lautwerthe  sämmtlich  bekannt  sind^  ohne  bis  jetzt 
irgend  eine  Deutung  zu  erlauben.  Man  muss  es  unter 
diesem  Gesichtspunkte  für  eine  besonders  günstige  Fügung 
eraqhten,  dass  die  Ergebnisse  der  ägyptologischen  Forschung 
in  Betreff  des  symbolischen  Charakters  vieler  Schriftzeichen 
bei  einem  alten  Gewährsmanne  ihre  volle  Bestätigung  finden: 
ich  meine  den  Clemens  von  Alexandrien  ^).  Verschmähen 
wir  das  Zeugniss  einer  zweisprachigen  Inschrift  nicht,  wie 
z.  B.  der  von  Tanis,  wenn  sie  uns  auch  in  Bezug  auf  die 
Schrift  nichts  wesentlich  Neues  lehrt,  so  ist  uns  das  Zeug- 
niss eines  alten  Autors,  der  das  gesammte  Schrifbwesen  der 
Aegypter  aus  nächster  Hand  kurz  und  bündig  darstellt,  nicht 
minder  willkommen.  Freilidi  hätt^  die  Stelle  des  Clemens 
nie  zu  einer  wirklichen  Lesung  und  Erkenntniss  dei:  Hiero- 
glyphen verhelfen ;  im  Gegentheile,  sie  wurde  erst  auf  Grand 
der  Entdeckungen  unseres  Jahrhunderts  verständlich  und 
dieses  Verständniss  wächst,  je  weiter  wir  in  der  Entzifferung 
voranschreiten.  Gerade  dieser  Umstand  mag  es  nun  recht- 
fertigen, wenn  ich  jetzt,  wo  die  einschlägigen  Untersuch- 
ungen zu  einem  gewissen  Abschlüsse  gediehen^  sind,  die 
ganze  Stelle  einer  erneuten  Prüfung  unterziehe  und  die  bis- 
her dunkel  gebliebenen  Ausdrucke  derselben  mit  dem  Lichte 
der  Denkmäler  zu  erklären  versuche. 


3)  Stromm.  Y,  p.  237  (Potter,  657). 


Lauth:  Symbol.  Schrift  der  Aegypier*  329 

„Diejenigen,,  welche  bei  den  Aegyptern  unterrichtet 
werden^  lernen  zuerst  vor  Allem  jene  ägyptische  Schreib- 
weise, welche  man  die  Briefschrift  nennt;  als  die  zweite 
aber  .die  hieratische,  deren  sich  die  Hierogrammaten 
bedienen;  als  die  letzte  aber  am  Ende  die  hieroglyphische. 

Dieses  (gesammte)  Schriftsystem  ist  nun  entweder 
alphabisch-kyriologisch,   oder  symbolisch. 

Von  letzterr  gibt  es  drei  Klassen:  1)  die  kyriolo- 
gisch-nachahmende;  2)  die  tropische;  3)  die  geradezu 
allegorische   mittels  gewisser  Räthsel. 

Wenn  sie  daher  z.  B.  die  Sonne  schreiben  wollen,  so 
machen  sie  einen  Kreis;  den  Mond  bezeichnen  sie  durch 
eine  mondsichelartige  Figur,  beides  hach  der  kyriologischen 
Gattung. 

Tropisch    hingegen    auf  Grund    der    Verwandtschaft 

AmiHa^)  .ol  nu^  Jiyvnxloi^  naii€vdfJi€Vo$  TtQwvov 
fihv  ndvrwv  vi^v  AlyvTtTlwv  yQaiiiuhiav  (lä'&oiov  ixftav' 
'9'ävovCi^  Tr^v  iniOToXoYQccg>ixi/]V  xaXovfi^rjv  istnä^av 
Sh  zr}v  tsQccTiK^Vj  J]  XQoivTm  ol  legoy^afiiAoreTg'  v0Tä%ii]v 
Ji  xal  TeXcvraCav  ri^V  teQoyXvyixrfv. 

^Hg  rf  f.iäv  ioti  iid  twv  nQwxmv  OtoixeCiov  xvQiih 
Xoyixij*  7)  rf^  avfißoXixif, 

Tf^g  rf^  OvfAßoXixfjg  if  fihv  xvQioXoysttcti  xa%d 
filfirjOiv^  t]  d^äOTXBq  xqoTUxwg  yqä^^ai^  lif  rf^  ävfix^vg 
dXXrjyoqettai  xcad  Tivag  alviy/iovg. 

"HXiov  yovv  yqäxpai  ßovXdfJi^voiy  xvxXov  noiovd^  0«- 
Xi/fvrjv  iij  OxflH'^  firjvosiSäg,  xcctd  v6  xvQioXoyixdv  eldog. 

Tqonixßg  dh  xut    olx€i6trjxa\xd  (jl^v]  fieTayorveg 


8)  Mit  diesem  exemplificatorischen  avtCatu  leitet  ClemenB  auch 
seine  Stelle  über  die  6X7  hermetischen  Bacher  ein:  ftvtUtt  rtwro 
ifüpal^H  X,  t,  X, 

22* 


330         Sitzung  der  phxloi.-phitol  Ctoiee  vom  7.  Märe  1868. 

bilden  de  Charaktere  bald  durch  Metaphern  und  Meta- 
thesen, bald  durch  Vertausch ung,  bald  durch  vielfadie 
Umgestaltung.  ' 

Wollen  sie  also  z.  B.  das  Lob  der  Könige  in  theo- 
logischen Mythen  überliefern,  so  schreiben  sie  es  mit 
Hülfe  der  (solcher)  Anaglyphen. 

Für  die  dritte  Gattung,  die  aenigmatische,  stehe 
folgendes  Beispiel:  während  sie  nämlich  einige  von  den 
übrigen  Gestirnen,  wegen  des  gewundenen  Laufes,  durch 
Seh  langen leiber  ausdrückten,  bezeichneten  sie  die  Sonne 
durch  das  Bild  eines  Käfers,  weil  dieser,  nachdem  er  sich 
aus  dem  Kuhmiste  eine  runde  Masse  geformt,  sie  vor  sicii 
her  wälze.  Auch  soll  dieses  Geschöpf  sechs  Monate  unter 
der  Erde,  das  andere  Halbjahr*  aber  über  der  Erde  zu- 
bringen, die  Kugel  besamen  und  so  zeugen;  auch  gebe  es 
keinen  weiblichen  Käfer." 


xal  iiBxaxid'ivTBg  —   rrf   <f'  i^aXXdxtovtag  —  %d    ik 
TtoXXaxcSg  (iBxaGxrjiiaxl^ovTBg  xaqdxxovOiv, 

Todg  yovv  xwv  ßaaiXäcav  inaCvovg  ^BoXoyovfiävoig 
livd^oig  naqadidovxBQ^  dvayqdi^ovGi  dtd  xcSv  ävayX'^g^wv* 

Tov  6k  xaxd  xovg  (xodg'i)  alviyiioüg^  xqCtov  Bidovg, 
ietyfia  iorco  toSb'  xd  iikv  ydq  xdov  aXXcov  äoxQfoVj  Sid 
X7]V,  noQslav  xrfv  Xo^rjvy  o^äcnv  OoSfiaOiv  aTtsixa^ov  tov 
dh  rjXiov  Xfp  xov  xavd-dqov^  inBidrj  xvTcXoxsQ^g  ix  x^g  | 
ßoBiag  ov^ov  Ox^fJt^cc  nXaOd/jisvogy  dvxinqoöionog  xvXivist  ! 
<Daol  i^  xal  i^dfxrjvov  iihv  vnd  yijg,  -d-dxeqov  ih  xov  ixovg 
xfXTjfia  x6  ^cSov  Tovxo  vnkq  yfjg  6iaixaa&ai,  GnBQfmivBiv  xe 
Big  rijV  ü^avQav  xal  yBW^v     xai.'S^Xvv  xdvd-aqov  fiij  y/- 

VBCd-CU. 

Schon  die  Einleitung  des  Clemens, '  indem  er  sagt :  die 
ägyptische  Schrift  werde  successive   in    drei  Stufen  gelehrt 


Lauth:  ßymbd,  Sehrift  der  Aegypter.  33r 

Hnd  gelernt:    nämlich   als  iTnoioXoY^agftxif,  ,te^oeTixii(  und 
i€iifOYXvg>un(j  beweist,  wenn  schon  wir  den  umgekehrten  Weg 
einschlagen  müssen,  dass  er  aus  einer  guten  Quelle  geschöpft 
hat«     Denn  die  Dreitheilung  der  ägyptischen  Schrift,  wie  er 
sie  gibt,  ist  jetzt  allgemein  anerkannt^),  und  seine  Bezeich- 
nung iniOToXoYQa^ixTlj   der  cursivsten   Schriftart   behauptet 
gegen    den    üblich   gewordenen  Namen  drjiiottxd    (Herodot 
II,  37  Gegensatz  zu  l^d  yQdfifucca^  worunter  er  Nr.  2  und 
Nr.  3  begreift)   so  wie  gegen  die  monumentale  Bezeichnung 
äYXoiqid  (des  bilinguen  Denkmales  von  Rosette  =  Alyvrma 
der  Inschrift  von  Tanis)  den  entschiedenen  Vorzug,  dass  sie 
eine  wörtliche  Uebersetzung  des    ägyptischen  Originalwortes 
schai    ist.    In    dem  Briefwechsel    der  Schreiber   heisst    es 
z.  B.  9,wann  anlangt  bei  dir  dieser  mein  schai'';    in  dem 
Gedichte    des   Pentaur    über   die    Heldenthat   des   Ramses- 
Besostris  gegen  die  Cheta  kommt  die  Stelle  vor:  „der  Bote 
des  Häuptlings  der  Cheta  erschien,    einen  schäl  in   seiner 
Hand  an  die  Adresse  Seiner  Majestät*''^). 

Erweckt  also  des  Clemens  Ausdruck  i7tKftoXoyQag>ionj 
für  die  demotische  Schriftart  ein  günstiges  Vorurtheil  dafür, 
dass  er  aus  ächter  Quelle  geschöpft)  so  liefert  jeder  weitere 
Schritt,  den  er  thut,  einen  neuen  Beleg  für  seine  Glaub* 
Würdigkeit.  Indem  er  die  hieroglyphische  Schriftart 
v(nd%r]  xal  tsXevtaCa  nennt,  und  in  ihr,  als  der  Urquelle, 
alles  Schriftwesen    zusammenfasst ,    konnte    er  mit  Recht 


4)  Dass  die  ersteren  zwei  durch  Abschleifung  der  Züge  zum 
Behnfe  der  leichteren  Schreibbarkeit  aus  den  BUdem  der  Hiero- 
glyphen entstanden,  ja  dass  leiogar  die  vierte  Schriftart,  die  koptische 
indirekt  auch  zu  dieser  Einheit  gehört,  dürfte  jetzt  feststehen. 

5)  H.  Lepsius  übersetzt  die  betreffende  Gmppe  des  Decretes  v. 
Kanopus  mit  „Schrift  der  Bücher'^  Wenn  es  "auch  sehr  nahe  liegt, 
tchai  mit  Bcha  volnmen,  liber  zu  identifiziren,  so.  dürfte  dofoh 
„Brie&chrift'*  richtiger  sein. 


332         Sitzung  der  phüos.-phiM,  Clasae  vom  7.  März  1368. 

sagen:  ^(  if  fi^v  itsti  did  tSv  nQuirav  atoi%€Cav  nv^ 
QioXoyixif,  1Q  di  avfißoXimq  d.  h.  die  gesammte  Schrift 
zerfällt  in  einen  phonetischen  und  in  einen  symboli- 
sohen  Theil.  Hiemit  ist  die  Unterscheidung  in  eine  Laut- 
schrift, die  gelesen  resp.  gehört,  und  in  symbolische  Zeichen, 
die  bloss  für  das  Auge  bestimmt  sind,  kurz  und  unzwei'« 
deutig  gegeben.  War  man  anfangs  über  den  wahren  Sinn 
von  nQWTcc  üto^x^Ta  im  Irrthum  ^nd  Zweifel  gewesen,  so 
lehrte  eine  genauere  Vergleichung  der  Stellen,  wo  -dieser 
Ausdruck  sonst  noch  erscheint,  mit  Entschiedenheit,  dass 
dlminter  die  ersten  Laut-Elemente,  d.h.  also  die  Buch* 
Stäben,  zu  verstehen  sind.  Ich  brauche  mich  bei  dieser 
jetzt  allgemein  anerkannten  Bedeutung  um  so  weniger  auf- 
zuhalten, als  ich  in  meinem  Eingangs  erwähnten  Aufsatze 
nicht  nur  die  Existenz  ägyptischer  eigentlicher  Buchstaben 
in  unserem  Sinne  des  Wortes,  sondern  sogar  die  Wahr<» 
scheinlichkeit  eines  altägyptischen  Alphabetes  von  bestimmter 
Ordnung  behauptet  und  zum  Theil  erwiesen  habe. 

Bloss  der  Zusatz  xvQ^oXoytxiij  erheischt  noch  seine  Er- 
ledigung. Da  Clemens  als  erste  Unterabtheilung  der  zweite 
Hanptclasse,  nämlich  der  symbolischen  Schrift,  eine 
xVQioloYixiii  xdTcc  fiffirjaiv  aufführt,'  so  zeigt  dieser  G^en*« 
satz,  dass  er  mit  Stä  %wv  nqdvatv  (fvotx^iwv  xvQioXoyixvj 
die  alphabetische  Schrift  als  eine  unmittelbare,  eigent- 
liche*) Lautschrift  bezeichnet  wissen  wollte,  welche  das 
Wort  ebenso  direkt  vermittelt,  als  das  Bild  des  Gegen- 
standes die  entsprechende  Vorstellung  hervorruft.  Nichts 
Anderes  meint  Plinius  (h.  n.  36,  8)  mit  den  Worten:  hoc 
ipsum  inscriptum  in  eo  (obelisco);  etenim  sculpturae  illae 
effigiesque,   quas  videmjis,    Aegyptiae  sunt  litterae".    Er 


6)  Die  frUbere  griechische  Sprache  gebrauchte  statt  xvQtoXoyufos 
das  Wort  xv^i6XixT0f  „eigentlich  gesprochen^,  stets  in  der  Antithee« 
zu.  t^ontxof. 


Lauthi  Symbol,  aehrift  der  Aeffypter.  833 

scheist  unter  sculpturae  die  Buchstaben,  unter  effigies  die 
begleitenden  Deutbilder  (Symbole)  zu  begreifen,  die  als 
solche  nicht  noch  einmal  eigens  ausgesprochen  werden 
konnten. 

Hat  nun  Clemens  eine  ähnliche  Andeutung  der  für  die 
Entzifferung  so  wichtigen  Determinative  oder  Deutbilder 
gegeben?  Diese  Frage  scheint  mit  Ja  beantwortet  werden 
zu  müssen,  da  doch  nicht  wohl  anzunehmen  ist,  er  habe 
sich  ganze  Texte  bloss  aus  Symbolen  bestehend  gedacht; 
auch  steht  der  Wortlaut  seines  Textes  dieser  Auffassung 
keineswegs  entgegen.  Wie  wichtig  diese  Deutbilder  für  die 
Erkenntniss  des  Sinnes  der  Gruppen  sind,  habe  ich  oben 
schon  erwähnt;  hier  muss  ich  noch  beifugen,  dass  diesd 
Determinative  als  natürliche  Wortabtheil  er  die  erspriöss- 
lichsten  Dienste  leisten  und  dass  ihre  Abwesenheit  —  manche 
Texte  sind  in  ihrer  Anwendung  etwas  karg  —  die  Schwierig- 
keit der  Entzifferung  bedeutend  erhöhen,  wenn  nicht  z.  B. 
bei  unbekannten  oder  nur  einmal  vorkommenden  Wörtern, 
geradezu  für  jetzt  wenigstens  unmöglich  machen. 

Es  ist  also  die  zweite  Hauptclasse  der  ägyptischen 
Schrift,  nämlich  die  symbolische,  nicht  etwa  als  unter« 
geordnete  Beigabe,  allenfalls  zur  Verzierung  dienend,  son- 
dern als  wesentlicher  Bestandtheil  des  ganzen  Schriftsystems 
zu  betrachten.  Im  Hinblicke  auf  diese  Wichtigkeit  der 
symbolischen  Schriftzeichen  begreift  man,  warum  HorapoUo 
seine  Beispiele  nur  aus  ihr  entnimmt,  und  warum  Clemens 
ihre  ünterabtheilung  nach  drei  Richtungen  so  ausführlich 
behandelt  und  mit  Beispielen  belegt,  was  er  bei  der 
phonetischen  Gattung,  zum  grossen  Schaden  und  Bedauern 
der  wiss-  und  lesbegierigen  Nachwelt,  so  gänzlich  unter- 
lassen hat.  Folgen  wir  ihm  in  seiner  Eintheilung  des 
Stoffes,  so  erhalten  wir  drei  Abschnitte:  von  der  kyriolo* 
gischen,  der  tropischen  und  der  änigmatischen 
Schriftart. 


884        Siteung  der  phttoa.-fhiM,  Gtaase  tom  7.  Märt  1668, 


I.   Die  kyriologische  Schriftart 

Zu  der  üeberschrift:  rijg  S^  OvfißoXixfjg  rj  ptiv  «in 
j^ioloY^Itai  natd  [AifArjatv  fügt  er  weiter  unten  als  Bei- 
spiel die  Anwendung:  ^ktov  yoiv  yqdipai  ßovXo/Jtevoi  »v»- 
kov  noH>9(Si^  Oslfjvrjv  i^y  f^X'^/*^  [Atjvosidägy  xcerd  rS 
kvQiokoyixdv  eJSog.  Die  Stelle  ist  an  sich  so  klar,  dass 
sie  keiner  weiteren  Erläuterung  bedarf.  Auch  ist  es  wohl 
nicht  zufällig,  dass  HorapoUo  seine  hqoyXvgiiHd  mit  eben 
diesen  beiden  Bildern  der  Sonne  und  des  Mondes  be- 
ginnt, dass  unsere  Kalender  diese  kyriologischen  Zeichen 
beibehalten  haben,  und  dass  Champollion  die  erste  Abtheil- 
ung, nämlich  der  corps  Celestes,  ebenfalls  damit  eröffnet 
Meistens  ist  dieser  Kreis  mit  einem  Mittelpunkte*)  ver- 
sehen, was  bei  der  Mondscheibe  nie  der  Fall  ist,  selbst 
wenn  sie  als  Vollmond  auf  einer  Sichel  ruht.  Diese  Bilder 
sind  der  Natur  nachgeahmt,  daher  xvqioXoYBtxai  xard  /tUVi^ 
OiVy  wie  denn  überhaupt  die  Anbringung  von  Figuren  auf 
einer  Fläcke,  der  Ursprung  aller  zeichnenden  Kunst,  vom 
Schattenriss  ausgegangen  zu  sein  scheint;  wenigstens  be- 
deutet das  hebr.  eälem  ebensowohl  Bild  als  Schatten. 

Die  kyriologische  Schriftgattung  ist  ihrem  eigensten 
Wesen  zufolge  die  erste  und  älteste  Stufe  aller  Schrift; 
schon  darum  verdient  sie  die  gründlichste  Prüfung.  Aus 
einer  solchen  dürfte  sich  ergeben,  dass  alle  Eigenthümlich- 
keiten  des  ägyptischen  Schriftsystems,  wie  in  nuce,  in  dieser 
ältesten  Schriftgattüng  beschlossen  liegen. 

Alle  Gegenstände  der  sichtbaren  Welt  boten  sich  zu 
kyriologischer  Nachahmung  dar   und   fanden   in  mehr  oder 


7)  Wohl  nur,   um  ihn  von  ähnlichen  Sohriftzeichen  z.  B.   dem 
Siebe,  zu  unterscheiden. 


läti/th:  Spwbcll.  Schrift  der  Aegypitt.  835 

minder    conventioneller   Form    ihre    Anweadong   auf   4eii 
Denkmälern.    Dagegen  war    ihr    das    geistige    Gebiet    too 
TOimherein  verschlossen.    Wie  gelangte   man  nun  über  die 
ongeheure  Kluft,  welche  das  kyriologische  Bild  eines  äussser** 
liehen  Dinges   Ton  dem   innerlichen  Vorgange  des  Denkens 
und    der   Lautsprache  schied?     Hier  gab    es  zwei  Wege: 
entweder  wurde  der  nnsinnliche  Begriff  durch  ein  sinnliches 
Object  TOn  möglichst  gleicher  Lautung  z.  B:  der  Ba- Vogel 
für  ba   die  Seele.  (Horapollo's   ßat  =  tpvxq)  —  ersetzt, 
oder  man   thut  den  entscheidenden  Schritt   und*  löste  das 
gesprochene  Wort  in  seine  phonetischen  Bestandtibeile  d.  K 
in  Laute  auf,   zu  welchen  die  Zwischenstufe  der  Sylbe  um 
so  früher  hinführe  musste,   als  in  der  Sprache  selbst  Ein* 
sylbigkeit  der  Stämme  die  Begel   bildete.    Man    hatte    nun 
mittels  der  kyriologischen  Bilder  des  Mundes  (ro)  und  des 
Armes  (ä)    zwei  Lautelemente,     welche   dem  Worte   ra^) 
{^ho^)    entsprachen.    Diese  wurden   nun   der  diakritischen. 
Zeichen,  welche  sie  als  Theile  des  Körpers  erkennen  Hessen, 
entkleidet  und  phonetisch  zum  Ausdrucke  des  Wortes  ra 
{i^hog)  verwendet.    Der  grösseren  Deutlichkeit  wegen,    und 
um  Verwechslungen    zu  verbäten,    fugte  man  dieser  Laut- 
gruppe  ra  den  Sonnendiscus  als   Determinativ-  oder  Dent- 
bild  hinzu,  ohne  dass  man  natürlich  diesen  Zusatz  noch  ein- 
mal, also  allenfalls  rara,  ausgesprochen  hätte.    Es  machte 
aber  keinen  Unterschied    in  der  Aussprache,   ob  die  Laut- 
gruppe gesetzt  oder  weggelassen  wurde;    in  letzterem  Falle 
wurde  eben  das  Dentbild  wieder  zur  kyriologischen  Figur 
mit  der  ihr  eigenthümlichen  Lautung. 

Aber  gerade  dieses  Beispiel,  die  Schreibung  derOruppe 
ra  nämlich,  bietet  noch  eine  andere  Seite  dar.    Sehr  häufig 


8)  Wörtlich  „^er  Miwsher  (r)  Sein  (*)"  d.  h.  der  Schöpfer;  da- 
her mssculin.  Cf.  Brugsch:  Lexicon. 


336       Sitzung  der  phths.-philol  Classe  wm  7.  März  1868,     . 

beginnt  die  Gruppe  init  dem  Kreise,  dann  folgen  Mund  und 
Arm  als  phonetische  Bestandtheile,  ohne  dass  audi  diesmal 
rära  zu  lesen  wäre.  Dies  ist  der  Typus  aller  von  Bansen 
sogenannten  Mischbilder  und  nichts  Anderes  als  eine  be* 
sondere  Stellung  der  Determinative  im  Anfange  oder  in  äeft 
Mitte  einer  Lautgruppe.  Es  ist  daher  nicht  nothig,  eine 
eigene  Klasse  von  Mischbildern  aufzustellen. 

Sollte  der  Sonnengott  bezeichnet  werden,  so  kam 
das  Deutbild  eines  (jottes,  meist  mit  Sperbermaske,  oder 
das  Zeicht  für  Gott  im  Allgemeinen  hinzu.  Ebenso  war  im 
nämlichen  Falle  die  Lautgruppe  aoh  (Mond)  mit  dem  Deter- 
minative des  ibisköpfigen  Thoth  begleitet,  oder  ein  anderer 
Gott  (Chensu)  mit  der  Mondscheibe  auf  dem  Haupte,  oder 
endlich  die  Mondsichel  in  allen  möglichen  Stellungen  nebet 
dem  Gotteszeichen  gab  die  Deutung. 

Ist  nun  überall,  wo  der  Kreis  und  die  Mondsichel  auf- 
treten ra  und  aoh  zu  lesen?  Keineswegs.  Denn  die  Sonne 
z.  R  dient  als  Determinativ  aller  Zeit  begriffe,  sogar  der 
Nacht,  und  die  abwärts  geneigte  Mondsichel,  wo  sie  den 
Monat  bezeichnet,  ist  sicher  abot  zu  lantiren,  wesshälb 
meist  das  phonetische  Element  t  (nebst  der  Sonne)  zu  der 
Mondsichel  gefügt  wird,  die  öfter  mit  der  Lautung  abge- 
troffen wird.  Hieraus  entspringt  die  vielberufene  Poly- 
phonie  gewisser  Hieroglyphen:  sie  ist  ausgeschlossen  von 
allen  rein  phonetischen  Zeichen ,  aber  leicht  erklärlich  bei 
den  kyriologischeh  Figuren,  wie  auch  bei  uns  z.  B.  das 
nämliche  Bild  ebensogut  Wand  als  Maueis  lautirt  werden 
könnte. 

Würde  man  fragen,  warum  nicht  der  Sonnendiseus  (ra) 
sondern  der  Mund  (ro)  warum  nicht  der  Mond  (aoh  und 
ab)  sondern  der  Arm  (ä)  allgemein  phonetische  Hieroglyphen 
geworden,  so  könnte  ich  nur  erwiedern,  dass  die  Aegypter 
nach  dem  zmiächst  liegenden  gegriffen ,    wie  ja  audi    die 


Lauth:  Symbol.  Schrift  der  Äegypter,  337 

Maasse    oach   dem   menscbliohea  Körper   (Fuss)   sich   ge- 
bildet  haben. 


IL  Die  tropische  Schriftart. 

Bei  weitem  verwickelter  ist  die  zweite  Unterabtheilung 
der  symbolischen  (d.  h.  der  nicht  phonetischen) 
Schrift,  nämlich  die  tropische.  Schon  der  Umfang,  den 
sie  in  dem  Berichte  des  Clemens  einnimmt,  lässt  entweder 
auf  grosse  Reichhaltigkeit  in  der  Anwendung,  oder  auf  ihre 
Schwierigkeit  schliessen.  Er  sagt  nämlich:  rj  i*  Sanef, 
XQontxSg  yqdg^exai  .  .  .  tQomxfSg  di  xair'  olxetortjTa 
[vd  [xiv]  fierdyovreg  xal  iierari&ävreg^  xd  d'  i^aX» 
XäTrovreg,  xd  ih  noXXa%&q  iiexaOx'^l^ccrC^ov.xeg  xaqdx" 
rovciv.  Als  Beispiel  führt  er  an:  „toiJj  yovv  twv  ßaoir 
Xäcov  inaCvovg  '&€oXoyoviA^votg  fiv&oig  naqa6i66vregy  dvcc' 
YQdg)ovOi  did  rcSr  dvayXvgxov, 

Zuerst  musste  der  Text  an  einer  Stelle  ergänzt  werden: 
das  zweimalige  xä  6i  verlangt  ein  vorausgehendes  fd  iikv 
und  die$es  muss  unbedenklich  und  unmittelbar  vor  iiexd^ 
yovTsg  eingesetzt  werden.  Daraus  ergibt  sich  sofort,  dass 
der  Ausfall  dieses  nothwendigen  vd  i^kv  durch  die  gleich- 
lautenden Stücke  %tt  (von  olxetdfTjfä)  upd  fiet  (v.  ftetay^yv^ 
ug)  veranlasst  worden  ist. 

Nach  dieser  Herstellung  wird  die  dreifache  Untere 
abtheilung  der  tropischen  Schriftgattung  etwas  deutlicher, 
als  sie  sonst  erscheinen  würde.  Sodann  fragt  es  sich,  was 
unter  xar*  olx€$ÖTr]ttt  zu  verstehen  ist.  Soviel  steht  beim 
ersten  Anblicke  fest,  dass  dieser  Ausdruck  dem  xtxvd  fiCurjOtv 
und  dem  xatd  tlvag  alvvyfioüg  der  beiden  andern  Arten 
der  symbolischen  Schrift  entsprechen  muss.   Bunsen*)  über- 


0)  Aegyptens  Stelle  in  der  Weltgesehiohte  I,  S96. 


S88       muung  der  pkik$,'phiM.  Clam  wm  7.  Ulk»  1368. 

setet  ihn  mit  „nadi  eber  gewissen  Anpassnng'S  ÄUein 
meines  Wissens  bedeutet  otxetÖTtjs  nur  die  Eigenschaft  eines 
otxsTog  also  eines  Verwandten,  mithin  die  Verwandt- 
schaft (auch  Eigenthümlichkeit).  Dieser  Begriff  der  Ver- 
wandtschaft Uegt  also  den  drei  Unterabtheilangen  der  tropi- 
schen Schriftart  eben  so  zu  Grunde,  wie  die  iiliATjaig  der 
kyriologischen  und  die  Allegorie  (dXXrjyoQstTai)  der  aenig- 
matischen  Gattung. 

Sind  aber  die  Zeichen  der  tropischen  Art  auf  Grund 
der  Verwandtschaft  entstanden  und  verwendet,  so  be- 
greift es  sich  sofort,  warum  sie  in  drei  Unterabtheilungen 
zerfallt:  es  ist  die  bekannte  Trifurcation  des  Tropus  üba:- 
haupt:  Metapher,  Metonymie  und  Synekdoche.  Sie 
beruhen  auf  der  gegenseitigen  Vertretung  von  Gegenstand 
und  Bild,  von  Ursache  und  Wirkung,  vom  Ganzen  und  dem 
Theile.  Ich  bin  nun  überzeugt ,  dass  Clemens  oder  sein 
Gewährsmann  diese  drei  Glassen  des  Tropus  in  der  näm- 
lichen Ordnung,  wie  ich  sie  gegeben,  beabsichtigt  hat  und 
dass  die  strenge  Sonderung  der  drei  Unterabtheilungen  über 
das  vermeintliche  Chaos  der  hierc^lyphischen  Wortbilder 
(denn  die  phonetischen  oder  rein  alphabetischen  Zeichen 
sind  dem  Tropus  überhaupt  nicht  unterworfen)  manches  er- 
wünsdile  Lidit  verbreiten  wird.  Zu  diesem  Behufs  han- 
dele ich  in  drei  Abschnitten  (a,  b,  c)  von  jeder  Unterart  im 
Beeondem. 

a)  Der  metaphorische  Tropus. 

Es  versteht  sich  von  selbst,  dass  der  Begriff  Metapher 
aich  hier  nicht  auf  die  Vertauschung  von  Wörtern  mit  ihrai 
figürlichen  Bildern  und  umgekehrt,  wie  in  der  poetischen 
Sprache,  sondern  auf  die  Anwendung  eines  hieroglyphischen 
Wqrtbildes  auf  eine  andere  Bedeutung  bezieht.  Wenn 
z.  B.  das  Auge  mit  der  Lautung  an  (später  tri)  auch  für 
die  Begriffe  Kind  und  machen  mit  d^  idezriaschen Lautung 


Lmtth:  SywM.  SOurifi  der  Aeffypter.  889 

aH  gesetzt  wird,  so  haben  wir  ein  Beispiel  dessen,  was 
Clemens  unter  fisväyovvsg  {xal  (AsvatifS-äws^  %a((d%ttnHkv 
verstanden  wissen  will.  Sein  Ausdmck  iis9dyov%€g  besagt, 
dass  der  hieroglyphische  xttQaxti(if  in  diesen  Fällen  seiner 
orsprünglichen  und  kyriologischen  Bedeutung  „Auge^' 
entkleidet  und  auf  andere  Begriffe  mit  identischer  Lautung 
übertragen  wird.  Ich  habe  diesen  metaphorischen  Tropus 
schon  oben  angedeutet,  wo  ich  sagte,  dass  £.  B.  der  Vogel 
mit  der  Phonetik  ha  zur  Bezeichnung  der  Seele  6a,  dient 
(HorapoUo's  ßat  =  tpvx^.  Die  Texte  winmieln  von  Bei- 
spielen dieser  Art.  Ich  erwähne  nur  npch  das  so  häufige  Bild 
der  Axt  für  den  Begriff  Gott.  Man  kann  diese  Verwendung 
eine  symbolische  nepnen,  aber  nur  in  dem  allgemeinen 
Sinne,  welcher  den  Wortbildern  im  Gegensatze  zu  den  alpha- 
betischen Zeichen  zukommt,  nicht  jedoch  es  so  auffassen, 
als  ob  die  Aegypter  zwischen  Axt  und  Gott  eine  geheim- 
xiissTolle  Gemeinsamkeit  des  Begriffes  statuirt  hätten.  Sie 
Terwendeten  die  Axt  wegen  ihrer  Lautung  (neter)  für  den 
gleichlautenden  Begriff  Gott,  weil  das  Unsinnliche  zunächst 
nur  durch  das  Sinnliche  repräsentirt  werden  konnte.  Der 
Verwechslung  beider  Gebiete  beim  Lesen  wurde  durch  die 
Anbringung  specieller  Determinative  vorgebeugt,  so  dass 
z.  B.  das  Auge  in  seiner  kyriologischen  Bedeutung  durch 
Hinzufiigung  des  Deutbildes  der  Körpertheile  kenntlich  ge- 
macht wurde.  Sehr  häufig  aber  fehlt  das  Determinativ; 
dann  entscheidet  der  Zusammeuhang  des  Textes  selbst  aber 
den  Sinn.  Ist  der^  Zusammenhaug  noch  nicht  ermittelt,  so 
begreift  man,  welche  Schwierigkeiten  sich  bei  dem  öfteren 
Mangel  der  Determinative,  dem  Entzifferer  in  den  Weg 
stellen  —  Verlegenheiten,  die  indess  durch  Varianten  und 
analoge  Texte  bedeutend  vermindert  werden. 

Was  will  femer  das  xal  funm^ävte^  des  Clemens? 
Von  einer  grammatischen  lAewd&sCts  kann  er  nicht  sprechen 
wollen,  da  ja  die  tropischen  Schriftzeiehen  nicht  ans  eigent- 


840        Sitßung  der  ^^lOos^-phOol.  Oasse  wm  7.  Wkz  1868. 

lidien  Bodifitaben  bestehen ,  mithin  eine  ümatellang  nidit 
stattfinden  kann.  Auch  die  Eigenthümlichl^eit,  dass  gewisse 
Hieroglyphen,  wie  die  für  Gott,  König,  Wahrheit,  Tagend 
beim  Schreiben  vor  die  Gruppen  gesetzt  werden,  denen 
sie  wegen  der  Grammatik  beim  Lesen  nachfolgen  müssen, 
wird  schwerlich  mit  dieser  fM^ä^^oig  gemeint  sein,  da  bm 
dieser  Versetzung  der  Begriff  nicht  im  Geringsten  ver- 
ändert ^wird»  Es  kann  also  mit  fievtmS'ävTeg  nur  gesagt 
sein,  dass  die  Aegypter  eine  Wort-Hieroglyphe  zum  Bestand- 
theile  eines  fremden  Begriffes  in  der  Weise  metaphorisch 
verwenden  konnten,  dass  sie  ihre  ursprüngliche  Bedeutung 
verHert,  und  ihre  Lautung  nur  als  syllabarischen  Werth 
mit  s^deren  Zeichen  vergesellschaftet.  So  z.  B.  verbindet 
sich  das  Sylbenzeichen  mes  (gigni)  mit  dem  alphabetischen 
CÄ,  um  das  Wort  chems  „die  Aehre"  zu  bilden.  Es  ist 
etwas  Aehnliches,  wie  wenn  oben  ari  „das  Auge^^  für  ari 
gebraucht  wurde,  und  man  begreift  jetzt  vielleicht  etwas 
besser,  warum  Clemens  in  seinem  fUTdyovreg  xasl  jucrerr^^- 
i^eg  beide  Proceduren  so  enge  verbindet. 

b)  Der  metonymische  Tropus. 

Weiter  sagt  Clemens,  dass  die  tropische  Schriftart 
(tQomxßg  yqdqi£Tcci)  andere  Charaktere,  bildet  auf  Grund 
der  Verwechslung  {td  d' i^ctXkdvnovueg  xccqdvvovaiv), 
Dass  dies  seiine  wahre  Meinung  sei,  erhellt  aus  der  Grund- 
bedeutung von  i^alXayi]  und  i^älla^ig  „Verweehslung, 
Umtauschung^^  Folglich  befinden  wir  uns  hiemit  auf  dem 
ausgedehnten  Gebiete  der  Metonymie,  welche  bekanntlich 
auf  der  Vertauschung  von  Begriffen  beruht,  die  sich  im 
Ursache  zur  Wirkung  und  umgekehrt  verhalten.  Gewisse 
Begriffe  liessen  sich  graphisch  gar  nicht  anders  darstellen, 
als  indem  man  dee  metonymischen  Tropua  wählte.  *  Wollte 
man,  wie  es  so  häufig  geschieht,  z.  B.  Wein  und  Milch, 
abgesehen  von  der  Phonetik  dieser  Begriffe  {arpu  =  M^^ntg 


Lauth:  Symbol^  Schrift  der  Äegypier.  S41 

und  arute)  figürlich  darstellen,  so  zeichnete  man  zwei  Ge- 
fasse  von  verschiedener  conventioneller  Form:  hier  haben 
wir  den  metonymischen  Tropus  continens  pro  contento  zu 
erkennen.  In  der  Inschrift  von  Tanis  ist  xahtog  durch  eine 
Art  Beil  ausgedrückt  (mit  Hinzufügung  dreier  moleculae): 
also  das  Erzeugniss  für  den  Stoff  gesetzt.  Ein  in  die  Kuie 
gesunkener  Mann,  dem  eine  Waffe  über  den  Kopf  geschlagen 
ist,  bedeutet  einen  Feind,  offenbar  als  ein  Beispiel  des  con- 
sequens  pro  antecedenti. 

Hieher  gehören  auch  die  zahlreichen  Darstellungen  der 
Geberden  statt  der  damit  bezeichneten  Begriffe,  wie  wenn 
z.  B.  ein  kauerndes  Individuum  nicht  nur  den  Sitzenden, 
sondern  das  Sitzen  selbst,  versinnbildlicht.  Auch  die  so 
häufigen  Attribute  z.  B.  ein  Scepter  für  den  Begriff 
Macht,  dürfen  hieher  gezogen  werden.  Wenn  das  Ohr 
(des  Ochsen)  für  den  Begriff  „hören^'  steht,  wie  es  so  häufig 
geschieht,  so  ist  eben  das  Mittel  oder  Werkzeug,  kurz,  die 
Ursache  statt  der  Wirkung  gebraucht. 

Welch  weiten  Spielraum  der  metonymische  Tropus  den 
ägyptischen  Schreibern  gestattete,  lässt  sich  hienach  leicht 
ermessen.  Im  Allgemeinen  wählten  sie  von  den  beiden  End- 
punkten des  metonymischen  Tropus  denjenigen,  der  sich  zur 
graphisdien  Darstellung  am  besten  eignete.  Bisweilen  war 
die  Bäcksicht  auf  den  auszufüllenden  Raum  für  die  Alter- 
native entscheidend,  ob  ein  ausführlicheres  oder  ein  com- 
pendiöseres  Bild  derselben  Sache  gesetzt  werden  sollte.  Zu 
deoorativen  Zwecken,  z.  B.  an  Tempelwänden,  verwendete 
man  mit  Vorliebe ,  weil  auch  noch  die  Farben  der  Gegen- 
stände dargestellt  werden  sollten,  möglichst  getreue  Abbilder; 
im  cursiven  Style  der  Papyrus  aber,  wo  es  auf  die  Ge- 
läufigkeit der  Zeichen  ankam,  beschränkte  man  sich  gerne 
auf  ein  conventionelles  einfacheres  Zeichen.  An  Ausnahmen 
für  beide  Gebiete  fehlt  es  nicht;  so  sind  z.  B.  manche 
hieroglyphisch  geschriebene  Texte  ausserordentlich  karg  mit 


342        SiUung  der  pkao8.^hüol.  CUme  wom  7.  März  1868. 

der  Anbringang  yon  DQterminatiyen,.  wahrend  hieratificbe 
und  demotisehe  L^enden  von  Deutbildern  wimmeln,  weQ 
68  eben  auf  die  zu  enielende  Deutlichkeit  abgeBehen  war. 
Manchmal  stehen  mehrere  zugleich  für  einen  Begriff,  wozu 
noch  Determinative  einzelner  Laatgmppen  kommen.  Der 
eine  Sdireiber  modite  die  Metonymie  anders  and  umgekehrt 
auffassen:  daher  der  Wechsel  der  Determinative  bei  der 
nämlichen  Gruppe;  kurz:  die  Metonymie  leitete  zur  Ideo- 
graphie. 

c)   Der  synekdochisc^ie  Tropus. 

Mit  dem  Ausdrucke:  %d  ii  nolXaxS^  iMtaax^fi^t>Pt^(iaP' 
^^^  Xccfd%t9vaiv  bezeichnet  Clemens  den  so  überaas  häufigen 
Tropus  des  pars  po  toto.  Der 'umgekehrte  Fall,  dass  das 
Ganze  für  den  Theil  gesetzt  würde,  kann  hier  nicht  so  leicht 
eintreten,  da  man  auf  dem  Gebiete  der  Graphik  aus  nahe- 
liegenden Gründen  der  Kürze  und  der  Schreibbarkeit 
meistens  die  einfachere  Figur  vorziehen  musste.  So  z.  B. 
wurde  der  Geier  (nerau,  kopt  noure)  auch  für  den  Be- 
griff noule^  duz,  praefectus  und  die  damit  zusammenhän- 
genden Eigenschaften  verwendet,  und  in  diesem  Falle  oft 
der  blosse  Kopf  dieses  Vogels  gesetzt.  Aehnlidies  geschali 
mit  dem  Kopfe  des  Vogels  rochi  zur  Bezeichnung  einer  ge- 
wissen Menschenklasse,  und  mit  dem  Kopfe  des  Vogels  db«, 
um  alle  mit  dem  koptisdien  schu  (dignus)  verbundenen  Be- 
deutungen auszudrücken.  Es  liegt  hierin  ein  wirkliches  pars 
pro  toto  vor,  da  nur  dem  ganzen  betreffenden  Thiere,  nicht 
dem  Haupte  ausschlüsslich,  die  fraglicheLautung  zukommt.  Bei 
manchen  derartigen  Abkürzungen  bat  sich  eine  Bedeutuing 
festgesetzt,  die  von  der  des  ganzen  Thierkörpers  wesentlich 
abweicht.  So  z.  B.  lautet  der  Kopf  des  ägyptischen  Fuchses 
oder  Schakals,  auf  einer  Stange  angebracht,  constant  vesur, 
offenbar  das  Hesychische  ßaoaäq^a  «  dXnonUM  und  das 
Kopt.  biischar,  vulpes,  wie  ich  schon  in  meiner  Abhandlung 


Lcmth:  9ymM,  Schrift  ä/vr  Ät^^.  845 

aber  Bokenchons  dargethan  habe.  Aber  der  ganze  Schakal- 
körper hat,  je  nachdem  er  liegend  oder  stehend  dargestellt 
wird,  gan?  Terschiedene  Lautungen  und  Bedeutungen.  Unter 
diesen  will  ich  hier  nur  erwähnen,  dass  in  der  jüngeren 
Periode  der  ägyptischen  Schrift  der  Schakal,  wie  es  durch 
häufige  Varianten  unwidersprechlich  gelehrt  wird,  die  Laut- 
ung i  mit  der  Bedeutung  gehen  erhält  {ire^  Uvea).  Hier 
haben  wir  also  eine  Amplificatioa  des  einfachen  Paares 
schreitender  Menschenbeine,  womit  sonst  alle  Locomotion 
determinirt  wird,  zu  einem  Doppelpaare  von  Beinen  nebst 
dem  übrigen  Körper  des  Schakals:  also,  ein  wirkliches 
totum  pro  parte.  Dahin  durfte  auch  der  häufige  Gebrauch 
deff  Plurals  statt;  des  Singulars  gehören,  selbst  in  Fällen, 
wo  nicht  «in  abstracter  Begriff  oder  eine  poetische  Amplifi- 
cation,  sondern  ein  Einzelding  bezeichnet  werden  sollte. 

Die  unter  a,  b,  c  hier  behandelten  Tropen  sind  nicht 
immer  strenge  auseinander  zu  halten,  so  dass  bisweilen  der 
eine  den  Fall  der  Metonymie  zu  sehen  glaubt,  wo  der 
Andere  eine  Synekdoche  erblickt,  oder  eine  Metapher  und 
umgekehrt.  Dies  ist  eben  der  Grund,  warum  sie  von 
Clemens  unter  dem  Hauptbegriffe  des  Tropus  (t^ottcxcS^ 
YQäg>€Tai)  zusammengefasst  und  schlüsslich  nur  durch  ein 
Beispiel  erläutert  werden.  Die  Frage  ist  nur,  ob  dieses 
Beispiel  ebenfalls,  neben  dem  einheitlichen  Gedanken  des 
Tropus,  die  drei  Unterarten  enthält,  oder  nicht.  Da  dieser 
Punkt  nicht  ohne  weiteres  entschieden  werden  kann,  und 
sich,  im  Vergleiche  zu  den  Beispielen  für  die  kyriologische 
und  die  aenigmatische  Schriftart,  ernsthafte  Schwierigkeiten 
bei  der  Erklärung  in  den  Weg  stellen,  so  wird  es  gerathen 
erscheinen,  etwas  länger  dabei  zu  verweilen  und  ihn  in 
einem  eigenen  Abschnitte  zu  erörtern« 
[1868. 1.  8.]  28 


346        l^itzung  der  ^hüos.'ph%M.  Clam  v<nH  7.  Märe  1868. 

Das  Beispiel  der  tropischen  Schriftart. 

Clemens  sagt  hierüber:  Toi)g  yoSv  %wv  ßaaiXäeov  incd- 
vovg  &€oXoYov(Jiävoig  fiv^oig  naqadiSovtsg^  dvayqäq^ovOi  diä 
%wv  dvayXv^fov.  Da  das  Beispiel  der  I.  oder  der  kyriolo- 
gischen  Schriftart  gerade  so  eingeleitet  wird:  ^Xiov  yovv 
yq&xpai  ßovX(f[A€Voi  etc.  und  weiterhin  bei  der  dritten  ünter- 
abtheiluug  der  symbolischen  Schriftart,  nämlich  der  aenig- 
matischen  oder  allegorischen,  gesagt  ist:  rov  Si  xard  Tovg 
alviyfioiJg,  rghov  eiiovg,  dBiyfia  iov^  %6ds  —  so  bestdit 
für  mich  kein  Zweifel,  dass  auch  die  zweite  oder  tropische 
Schriftart  in  dem  Satze  %oig  yovv  etc.  durch  ein  Beispiel 
belegt  werden  sollte.  Champollion  fasste  die  Anaglyphen 
als  Gemälde.  Allein  auch  andere  Scenen  als  aus  der 
Götter-  und  Eönigsgeschichte  finden  sich  als  Tableaux.  Auch 
darf  man  nicht  vergessen,  '  dass  das  Beispiel  des  Clemens 
ein  lesbares  sein  sollte.  Anders  fasst  Bunsen^^)  die  Sache 
auf,  indem  er  sagt:  ^^on  der  Anwendung  dieser  Bilder- 
schrift nun,  als  eines  Ganzen,  dessen  Theile  er  dargestellt, 
will  er  ein  Beispiel  anführen,  ehe  er  eine  Erläaterung 
über  die  Geheimschrift  gibt.  Es  ist  Thatsache,  dass  nur 
die  heiligen  Bücher  in  Bilderschrift  geschrieben  waren.  Es 
ist  demnach  als  eine  Schlussbemerkung  für  die  eigentliche, 
allgemeine  hieroglyphische  Schrift  überhaupt  anzusehen, 
deren  Erlernung  zum  Verständnisse  und  Schreiben  der 
heiligen  Bücher  führte,  wenn  er  sagt:  ,.gewis8e  theologische 
Schriften  werden  durch  solche  Denkmalzeichen  oder  einge- 
grabene heilige  Zeichen  geschrieben.*'  Er  sagt  nicht  „durch 
Hieroglyphen",  weil  er  unter  die  Hieroglyphik  auch  die 
Geheim-  oder  Räthselschrift  einbegriflFen  hat,  sondern  „Ana- 
glyphen",   welches,   eben  wie  jenes  Wort,    ursprünglich  ein- 


10)  1.  c.  p.  401. 


Lmth:  Symbol  Schrift  der  AegypUr.  347 

gehauene  Bilder,  seien  es  Schriftbilder  oder  gewöhnliche 
Bilder,  bezeichnete^)  •  .  .  .  und  so  viel  ist  klar,  dass  er 
Bücher  theologischen  mythischen  Inhalts  meint,  deren  Gegen- ' 
stand  das  Lob  von  Königen  war.  Nun  fanden  wir,  dass 
eine  Abtheilung  der  heiligen  Bücher  den  Preis  der  mythi- 
8chen  Könige,  namentlich  des  Osiris  und  Horus  entliält, 
wie  wir  denn  auch  von  den  Zügen  des  Osiris  spätere  Be* 
arbeitungen  bei  Diodor  und  andern  Griechen  finden.  Clemens 
konnte  also  recht  gut  diese  als  Beispiel  anführen'^ 

Bunsen  erkennt  also  darin  auch  ein  Beispiel,  aber 
von  weitestem'  Umfange,  während  der  Zusammenhang  eine 
spezielle  Probe  {deiYurn)  der  tropischen  Sdiriffcart  er- 
heischt. Statt  einer  weitläufigen  Widerlegung  will  ich  ver- 
versuchen,  den  Sinn  der  Stelle  auf  Grund  der  Denkmäler 
etwas  richtiger  zu  stellen.  So  viel  ist  aus  dem  Wortlaute 
besonders  in  Hinsicht  auf  naqaiiidweg  und  iid  tSv  ava- 
Y^v^taVy  sogleich  augenscheiulich,  dass  Clemens  als  Beispiel 
der  tropischen  Schriftart  eine  üeberlieferung  mittels  einge* 
grabener  Zeichen,  wenn  auch  gerade  nicht  haut-reliefs,  im 
Auge  hat,  also  wesentlich  Steindenkmäler  ^')  als  die  Quelle 
aller  späteren  Papyrus-  oder  Buchschrift.  Dass  er  den 
Ausdruck  dvdyXvya  gewählt  hat,  um  die  tropischen 
Zeichen  zu  cbaracterisiren ,  hat  vermuthlich  darin  seinen 
Grund,  weil  solche  Zeichen  selbst  in  der  Cursivschrift,  mit 
grösserer  Sorgfalt  gezeichnet  sind,  als  die  alphabetischen, 
und  desshalb  leichter  als  Bilder  erkannt  werden.  Was  er 
ferner   unter  vodg  voSv  ßaCiXätov    inalvovg   &€oXoYov[iävo^ 


11)  Dazu  die  Note,  dass  drayXvqxo  =r  iyyXvtpa  und  folglich  dpa" 
yXvtpai  (darum  seine  Betonung  dvayXvrpwv)  analog  dem  dvayqa<piici^ 
der  regelmässigen  Bezeichnung  der  ägyptischen  Königsverzeichnisse. 

12)  Darum  begreift  er  im  Eingange  unter  UqoyXvq>txn  (§;  fAkv) 
Eugleich  auch  die  cursiven  Schriftarten. 

28* 


348       Sitxung  der  phüw-phiM.  Cla$8e  vom  7.  Märf  1868, 

(ivd-otg  verstanden  wissen  will,  zeigt  er  anderwärts  ^•),  wo  er 
YOn  dem  tpioq  sagt :  „IV  t*  vßv  tijg  (lovaixfjg^  intg>6Q6fkev9g 
Oviiß6hov,  ToStöv  gfam  iiio  ßlßXovg  dveiXiqg>ävai  deVv  h 
tmv  'Eqfiov.  mv  -SihsQöV  iihv  S fJtv ovg  fte(f(sx^^  &€wv, 
ixloy^Ofidv  di  ßaOiUxov  ßCov  vd  3€vt€qov.  Aehnliches 
berichtet  Diodor^*),  wo  er  sagt:  „Darias  habe  aus  den 
heiligen  Büchern  der  Aegypter  sowohl  ihre  Götter  lehre, 
als  auch  die  Hochherzigkeit  und  Milde  der  alten  Herrscher 
kennen  gelernt^'.  Die  zweite  Stelle  des  Clemens  ist  am  so 
beachtenswerther,  als  er  unmittelbar  nach  dem  ifiog  den 
wqooxonog  folgen  lässt,  dem  das  astronomische  Fach  zu* 
fiel.  Nun  ist  aber  das  Beispiel  für  die.  nächste  Hauptschrift- 
gattung,  nämlich  die  aenigmatisch-allegorische,  offenbar  aus 
der  Astronomie  entlehnt:  te  drängt  sich  also  der  Schluss 
auf,  dass  das  Beispiel  für  die  tropische  Schriftart  dem  Oe- 
biete  des  f^iog  entnommen  ist 

Leider  steht  uns  kein  Exemplar  der  beiden  Büeh^ 
des  Sängers  zu  Gebote!  Aber  die  Götter-  und  Königs- 
legenden mit  ihren  pomphaften  Phrasen  sind  uns  in  grosser 
Menge  zugänglich.  Diese  bestehen  meistens  in  Emblemen, 
die  das  Alterthum  geheiligt  hatte,  und  die  darum  seltai 
phonetisch  ausgedrückt  sind.  Unter  diesen  Anaglyphen 
spielen  die  tropisch  zu  yerstehenden  Bilder  die  Haupt- 
rolle: so  das  S-qlov  für  ßaüiXeiq  toSv  aveo  %iioQ&Vy  die 
Wespe  oder  fiähaoa  für  ßaaUedg  x&v  xarco  xwqdaVy  der  in 
die  Länge  gezogene  Siegelring  ^^)  für  das  Wort  ran  {ovofut)  etc. 


13)  Stromm.  VI,  p.  268. 

14)  Bibliothek.  I,  95. 

15)  De  Rouge:  Chrestomathie  egyptienne  p.  106  citirt  die  Le* 
gende  oben  na  determinirt  durch  den  sogenannten  Eönigsscbild 
und  bestätigt  so  meine  Yennutbung  (Manetbo  p.  1S4)  in  Betreff  des 
Eönigsnamens  Cbennu-ra  (Manetho^s  Xw€Qiis)y  den  iob  mit  'BXtoa^p^- 
yuftos  übersetzte,  in  erwünschtester  Weise. 


Lauth:  Syvtbol  Schrift  der  Aegypter.  34Si 

Bei  80  rdchhaltigem  Materiale  brauche  ich  keiner  weiteren 
Belege  Tur  meine  Behauptung,  dass  Clemens  auch  für  die 
teopische  Schriftart  ein  Beispiel,  wenn  auch  nur  ein  allge- 
mein gehaltenes  und  für  die  drei  Unterarten  zugleich  gelten- 
4l68,  gegeben  hat. 

IIL  Die  aenigmatische  Schriftart. 

Ueber  die  dritte  Unterabtheilung  der  symbolischen 
Schriftart  drückt  sich  Clemens  folgendermassen  |tus:  if 
6^  avTiTtqvq  dkkrjYOfchai  xard  rivag  alviyiAOvg  .... 
Tot;  ii  xcetcl  VQtfg  (vielleicht  xa%ä  vovgt)  oiviffMtSg,  tq(%ov 
sTi^vg,  i€tYna_  lavm  toie*  rd  fiäv  ydq  %Sv  äXXmv  aCr^mv 
(scilicet  äotqa)  d$d  vrjv  noqelav  tijV  loSffVy  o^emv  06»- 
fMcCw  dnsixatov'  rov  iä  'qkiov  t^  rov  xuvd-dqov^ 
in€%irl  xvxloreqig  i»  rfjg  ßosictg  ovSi}v  (%^/Eia  nXetffdfievogy 
dvTiTtqoOconog  xvhvSet  (Paai  dh  xai  i$dfAr]Vov  (Ahv  v^d 
yfjg,  d'dxeqov  Si  to9  Hovg  TfifliAa  %6  imv  rovto  vTtiq  p[g 
Juutäa&ai^   Onsqfmiveiv  re   eig  riijv  Og^utqav   xal  yevv^v. 

Es  ist  heutzutage,  bei  fortgeschrittener  Wissenschaft, 
für  den  Aegyptologen  schwer  zu  begreifen,  wie  Bunsen  ^^) 
zu  der  Behauptung  kam:  „Clemens  Beispiele  sind  der  beste 
Beweis,  dass  eine  solche  Geheimschrift  sowohl  den  heiligen 
Böchom,  wie  den  Denkmälern  fremd  ist  In  beiden  kommen 
Schlangen  und  Käfer  vor,  aber  der  Käfer  bedeutet  nie 
die  Sonne  und  die  Schlange  nie  die  Planeten.  Die  alle- 
gorische Schrift  war  also  eine  künstliche  Geheimschrift,  der 
Ausläufer  der  Hieroglyphik,  ursprünglich  wohl  für  astroho- 
mische  und  astrologische  Zeichen  (Zwecke?)  gebildet  —  wie 
wir  sie  ja  auch  haben  —  dann  kabbalistisch  ausgebildet.^' 


16)  Dasselbe  sagt  Plutaroh  o.  74,  wo  er  xäy&tcQos  und  dcnCc  zu- 
sammen nennt,  so  wie  HorapcUo  I,  10. 

17)  L  c  p.  400. 


^50       Biteung  der  phüos.'phüol  Classe  vom  7>  März  186B. 

Sdion  die  Denkmäler  der  Ramessiden  zeigen  den  Käfer 
in  der  Scheibe  als  Sonnengott  und  die  astronomischen 
Darstellungen  der  späteren  Epoche  (z.  B.  die  von  Edfa) 
enthalten  z.  B.  die  36  Decane  in  Schlangengestalten 
der  buntesten  Variationen,  wenn  auch  nicht  die  Pla- 
neten selbst. 

So  viel  vorläufig  über  die  allgemeine  Richtigkeit  des 
von  Clemens  angeführten  Beispieles.  Auch  seine  Bezeichnung 
aXlrffOfettcu  xatd  zivag  alviy/iovg  dieses  r^tav  etiovg  der 
symbolischen  Schrift  ist  als  richtig  anzuerkennen.  Denn  die 
Allegorie  unterscheidet  sich  ja  von  den  übrigen  Tropen 
und  den  Symbolen  überhaupt  gerade  dadurch,  dass  jene 
die  Sache  selbst,  sei  es  bildlich  durch  nachgeahmte  Bilder 
oder  lautlich  durch  die  Aussprache  des  Zeichens  dem  leib- 
lichen und  geistigen  Auge  vorfahren,  -während  die  Allegorie 
einen  Umweg  nimmt  und  erst  durch  die  Vorstellung  und 
den  Begriff  mittelbar  auf  die  Sache  selbst  hinführt:  kurz^ 
sie  ist  eine  indirecte  Symbolik  im  Gegensatze  zur  directen. 
Die  Griechen  und  Römer,  welche  mit  Aegypten  und  seiner 
Schrift  in  Berührung  kamen,  wurden  von  dieser  Seite  der 
Hieroglyphik  am  meisten  befremdet,  weil  sie  von  ihrer 
alphabetischen  Schrift  am  weitesten  ablag,  und  eben  diese 
Grundverschiedenheit  reizte  ihre  Neugier.  Desshalb  sind 
die  meisten  Beispiele  der  Klassiker  und  anderer  Autoren 
der  aenigmatisch-allegorischen  Schriftart  der  Aegypter  ent- 
nommen, und  es  ist  nicht  zufällig,  dass  HorapoUo  in  seinem 
Buche  über  die  Hioroglyphen  fast  ausschliesslich  Proben  dieser 
Räthselschrift  vorführt.  Unsere  Gewohnheit,  die  Hieroglyphen 
sprüchwörtlich  für  eine  Rebus-  o4er  Rääiselaufgabe  von 
grosser  Schwierigkeit  zu  halten,  sowie  der  Ausdruck  „ent- 
ziffern*^  den  man  noch  immer  von  der  aogyptologischen 
Analyse  gebraucht ,  beweisen  zur  Genüge,  dass  diese  von 
Clemens  zuletzt  genannte  Schriftart,  wie  sie  die  schwierigste 
ist,  so  auch  gleichsam  als  die   Vertreterin    des  gesammten 


Lauth:  Synibd.  Schrift  der  Äegppter.  351 

graphischen  Systems  aufgefasst  wurde.  Diese  Erwägung 
wird  es  rechtfertigen,  wenn  ich  der  grösseren  Deutlichkeit 
wegen  diese  dritte  Hauptart  der  symbolischen  Schrift  in 
mehrere  Abschnitte  theile,  wobei  ich  den  ganzen  Oang  der 
clementischen  Stelle  noch  einmal  durchmache. 

a)  Die  alphabetische  Räthsel-  oder  Geheimschrift. 

Vor  allem  muss  hier  eine  Ausscheidung  derjenigen  alpha- 
betisch gebrauchten  Zeichen,  die  nicht  zu  den  25  eigent- 
lichen Buchstaben  gehören ,  getroffen  werden.  Schon  das 
Raumverfaältniss  und  die  Bücksicht  auf  die  Abeckung  der 
Gruppen  in  der  üolumne  für  das  aesthetische  Auge  be- 
stimmte die  Aegypter  von  den  frühesten  Zeiten  an,  in  der 
Begel  für  eine  Articulatioü  je  zwei  Zeichen  zu  wählen,  von 
denen  das  eine  horizontale,  das  andere  verticale  Aus- 
dehnung und  Richtung  hatte.  So  tritt  der  wagrechte  Riegel 
für  den  senkrecht  stehenden  Siphon  ein;  beide  bezeichnen 
aber  ein-  und  denselben  ^-Laut  (cf.  f  u.  s).  Solche  Va- 
rianten, von  Ghampollion  „homophones^^  genannt,  sind 
unter  der  alphabetischen  Räthsel-  oder  Geheimschrift  nicht 
einbegriffen.  Auch  den  Fall  muss  ich  davon  ausschliessen, 
wo  ein  alphabetisches  Zeichen,  z.  B.  der  Vogel  (p)  dem 
Beine  (b)  gleichsam  zur  nachfolgenden  Stütze  dient.  H. 
Vicomte  de  Roug6  ist  geneigt,  in  diesem  bp  und  ähnlichen 
Verbindungen  eine  D  a  g e  s ch  irung  wie  3  etc.  zu  erblicken ;  jeden- 
falls wurde  nur  ein  einfacher  Laut,  nicht  zwei  ausgesprochen, 
so  dass  die  Vermuthung  nahe  liegt,  es  habe  bp  eine  wirk- 
liche media  ausdrücken  sollen. 

Die  Entstehung  des  ägyptischen  Schriftsyatemes  selbst 
enthält  schon  den  Keim  für  die  Räthselschrift,  besonders  die 
alphabetische.  Denn  da  das  Princip  der  Akrophonie, 
welches  den  zu  Buchstaben  verwendeten  Einsylbern  zu  Grunde 
liegt,  nicht  nothwendig  auf  25  oder  eine  andere  bestimmte 
Zahl  von  Zeichen  begcliränkt  bleiben  musste,   so  konnte  in 


354       Sitzung  der  philo$.-phäol  CUme  vom  7.  März  186$, 

fahren  y  wollte  ich  nnr  die  aenigmatiBche  Sylbenschrabnng 
aller  Varianten  des  Namens  Osiris  durchgehen.  Ob,  wie 
Plutarch  sagt,  wv  %6  /Aiv  (og>^ccXfJU)g)  rrjv  nqovo^av 
ifAg>a{v€iy  xd  ii  (oki^Trr^or)  diSvaii^v  ^  die  Aegypter  damit 
Anspielungen  auf  eine  veränderte  Bedeutung  beabsichtigt 
haben,  moss  (wegen  mangelnder  Auskunft  der  Denkmäler) 
noch  dahin  gestellt  bleiben.  Sicher  aber  ist  die  Erklärung  des 
Namens  Osiris  dur^  noXv'4q^aXiio^  (1.  o.  c.  10)  nur  eine 
Deutelei  Weniger:  Mvmi,  ik  xal  tovvona  iufiArjv€vov(U 
nokvogf&akfiov,  i»g  tov  (Akv  og*^)  %6  TroAt?,  %ov  ih  iQi 
rdv  ojp^AjiAoV  Äiyv7€tCif  yXmttri  g>qdiovtog.  Denn  das  hiero- 
glyphische und  koptische  ösch  (multus)  hat  .eich  bisher 
nirgends  als  Bestandtheil  des  Namens  Osiris  aufzogen  lassen. 
Ebenso  verhält  es  sich  mit  dem  Ta-i^ig  oder  regnerischen 
{vrjq)  Osiris  des  Hellanikos  {Plut.  1.  o.  c.  34) :  es  ist  offoibar 
aus  obigem  Cas-iri  entstanden  und  auf  den  Osiris  in  seiner 
späteren  Auffassung  als  Nil  gedeutelt. 

c)  Die  polyphone  Räthselschrift. 
Haben  wir  im  Vorausgehenden  verschiedene  Zeichen  mit 
dem  nämlichen  Lautwerthe  (Homophonie)  getroff^i,  so 
kommen  wir  jetzt  zu  den  verwickelten  Erscheinungen  der 
Polyphonie.  Nehmen  wir  die  Beispiele,  welche  Clemens 
selbst  anfährt:  Käfer  und  Schlange.  Offenbar  bedeutet 
der  Käfer  im  Discus  die  Sonne  und  dass  er  dann  üa  ge- 
lesen würde,  dürfte  aus  der  Schreibung  user  (Osiris)'^) 
hervorgehen,  wo  das  Hühndien  wie  gewöhnlich  u«  die 
Oans  8  und  der  Käfer  r  lautet.  Die  eigentliche  Lautang  des 
Käfers  aber  war  cheper,  woher  Cxafaß-atog,  ehereb  forma 


23)  Offenbar  mit  der  breiten  Aussprache  $ch  des  alterthümlicben 
6äp  wie  in  Ja^etoc  (Ntariusch),  Aqaiwascha  (^x^^F^^\  Schakalaach 
(ßtxMs)  and  anderen. 

24)  Dümichen:  Reoueil  III.  Taf.  79,  11,  K 


Lauth:  Symbol.  Schrift  der  Aegypter.  355 

(scbon  im  Demotiscben) ,  schopi  existere.  In  der  Be- 
deutung „Schöpfung'^  oder  das  „Geschaffene^^  wird  der  Käfer 
zum  Vertreter  des  Wortes  to  mundus  und  tritt  mit  diesem 
Lautwerthe  in  einige  Eaisernamen  ein  (Anfouinus,  Domi*- 
tianus)  Trajanus,  Decius.  Die  Schlange:  ärä,  woher 
ovQaTog^  erhält  auch  die  Werthe  von  h  von  dem  Eop^utze 
Klaft  (cucullus  monachorumj).  Hat  sie  mehrere  Windungen, 
so  steht  sie  für  ro  Mund,  wie  Horogollo  I,  45  sagt:  OTo/m 
di  yQäg>ovTsg^  og>iv  imyqa^ovaiv  —  und  wird  für  r  über- 
haupt yerwendet,  z.  B.  in  der  aenigmatischen  Schreibung 
des  Namens  Osiris  mit  Feld  (ahet),  Fisch  (^aak)  und 
'S  ch  lange  (ro).  Dieser  Lautwerih  r  entspringt  aus  dem  Prin- 
cipe der  Akrophonie  des  Wortes  refrof  (cf  repere),  womit 
die  Reptilien  ••)  bezeichnet  werden. 

Wie  flexibel  und  verwickelt  dieses  System  der  aenig- 
matischen Schrift  werden  konnte,  zeigt  auch  der  mannig- 
feltige  Werth  des  Kindes,  welches  den  Finger  zum  Munde 
fuhrt.  Ursprünglich  Deutbild  zu  der  Gruppe  mes  (natus), 
lautet  es  für  sich  selber  fwcs*'),-  dann  si  (filius),  che  und 
chen  (infans)  und  in  Folge  davon  einfach  ch^  z.  B.  in  c&esdeb 
(lapis  lazuli);  femer  ä  wegen  ädjed  (pusio),  hwn  (juvenis) 
und  noch  andere.  Man  glaube  aber  desshalb  nicht,  dass 
dadurdi  grosse  Unsicherheit  oder  gar  absolute  Unmöglidikeit 
der  Lesung  und  des  Verständnisses  entstehe.  Denn  die  Um- 
gebung, welche  aus  bekannten  Gruppen  besteht,  fuhrt  ge- 
wohnlich sofort  zu  der  Ermittlung  des  jeweiligen  Lautwerthes, 
und  was  den  Sinn  oder  die  Bedeutung  solcher  Gruppen  be- 
trifft, so  geben  die  Determinative  darüber  deutliche  Finger- 


25)  Todtenbuch  cap.  89  üeberschrift. 

26)  So  in  der  anaglyphischen  Stelle  des  Saistempels  (Platarch 
de  Je.  c.  82)  ßQiq>os  -yi^oty  liqa^  ix^S  fnnog  notä/4ioc  ^=:  ^  yw6(uvoi 


$56        SHintng  der  f'hüo9.'phSUA.  Qam  wm  7.  Ulkt»  1868. 

zeige.  Auch  tragen  die  Parallektellen,  ja  ganze  bigraphiscae 
Texte  mächtig  bei,  solche  Räthsel  zu  entwirren. 

Freilich  bleibt  uns  noch  Manches  zu  errathen  und  die 
aenigmatische  Schriftart  scheint  sogar  eine'  unendliche  Zukunft 
zu  haben*  Auch  ist  ihr  Gebiet  sehr  ausgedehnt :  sie  begreift 
nicht  nur  die  grosse  Menge  der  graphischen  Spielereieii, 
sondern  auch  die  althergebrachten  Embleme  der  Götter  ^0» 
der  Nomen,  der  Astronomie,  lauter  Rääisel  für  den  gegen- 
wärtigen Stand  der  Wissenschaft,  und  gleichsam  heraldisch« 
Zeichen,  deren  Ver^ndniss  erst  allmählig  auf  Grund  n^er 
Texte  und  Forschungen  erfolgen  kann. 

Zu  dw  aenigmatischen  Schrift  rechne  ich  auch  die  Zahl- 
fiymbolismen,  wenn  nämlich  durch  Ziffern  nicht  die  ent- 
sprechenden Zahlwörter,  wie  s^e  im  Pap.  Lejdeiffiis  I,  350 
etehen,  sondern  andere  gleicklautirte  Begriffe  ausgedruckt 
werden.  So  z.  B.  steht  der  ite  für  son  Bruder,  weil  da« 
Sylbenzeidben  sen  auch  für  2  (mau)  gebraucht  ist;  der  dritte 
(schäm)  bedeutet  ebenso  den  oixstog  (sch^m  DD);  fünf 
Striche  drücken  bisweilen,  in  Folge  der  nämlidien  Homo- 
phonie, das  Wort  tiau  (honor  laus  hymnus)  aus ;  nenn 
Sbriche  dae  Wort  p$it  (splendor).  In  dem  Namen  TVrxof*^' 
erscheint  das  Zahlzeichen  für  100,  sechsmal  wiederholt,  mn 
die  Endsylbe  su  (Ccai)  auszudrücken  und  hiemit  war  zag^eiA 
eine  Anspielung  auf  die  Doppelgeltung  des  Zeichens  für  100 
enthalten,  welches  anderwärts  sogar  für  den  Buchstaben  sA 
eintritt,  weil  hundert  eben  =  sehe  —  also  gerade  so,  wie 
die  Kopten  sou-sche  (sexcenti)  zusamm«;isetzen.  Es  gibt 
solcher  Zahlsymbolismen  sidierlich  noch  eine  grössere  Menge, 
wie  denn  z.  B.  die  sogenannte  Acht^tadt  Sesenna  (Eopt. 
Sdimoun  H^lDI]:^  Aschmunein  =  Hermopolis)    ihren    Namen 


27^  So  lehrt  jetet  die  phonetische  Schreibung  Dhttti  (Thot)  auf 
eiaem  Berliner  Sarkophag  (Lepsius:  Aelteste  Texte),  dass  der  Ibis 
Dhn  gelesen  wurde.   Ist  dies  der  Techn-Yogel,  kopt  tichi? 


Lauth:  SyniM,  Schrift  der  Äeffppter.  367 

emem  aralten  Zahlsymbolismus  verdankt.  Aehnlich  wird  der 
Name  der  Bibliotheksgöttin  Safch  yon  einem  siebenstrahligen 
Sterne  begleitet,  weil  safch  (kopt.  saschf  ct.  JDtt^  scheba, 
in%d  etc.)  eben  sieben  bedeutet.  Ein  darüber  angebrachtes 
Symbol  scheint  die  Sieben  zusammenhalten  zu  sollen,  und 
daher  rührt  wohl  die  Heiligkeit  der  Sieben  zahl  und  ihrer 
Multiplioate  bei  den  Aegyptem  und  Semiten.  ••) 

Ich  habe  bisher  alle  Ausdrücke  der  Stelle  des  Cl^nens, 
wie  die  Sache  es  erfordert,  auf  das  gr|aphische  System  der 
t^^TVi^t  angewendet.  Es  liegt  nahe,  eine  Perspective  auch 
auf  die  Sprache  selbst  zu  eröfihen,  um  es  begreiflich  zu 
machen,  wie  die  Symbolik  der  Schrift  der  poetischen  Aus* 
drucksweise  vorgearbeitet  hat.  Vermöge  des  Princips,  dass 
ein  Zeichen  durch  ein  anderes  von  demselben  Lantwerthe 
vertreten  werden  kann,  bildeten  sich  in  der  dichterischen 
Spache  die  Alliterationen,  Assonanzen  und  Wortspiele, 
an  denen  die  ägyptischen  Texte  einen  grossen  Reichthum 
besitzen.  Aus  ähnlichem  Bestreben  stammt  der  Parallelismus 
der  Halbverse,  die  durch  rothe  Punkte  unterschieden  werden. 
Er  entspricht  der  Polyphonie,  wie  das  Wortspiel  der 
Homophoiiie. 

Es  unti^rliegt  desshalb  auch  keinem  begründeten  Zweifel, 
dass  die  eigentliche  Fabel  in  Aegypten  entstanden  ist.  Ist 
sie  ja  doch  ninr  eine  besondere  Form  der  Allegorie^  H. 
ZündeP®)  hat  die  wahrscheinliche  Vermuthung  aufgestellt, 
dass  Aesop,  der  dunkelfarbig  geschildert  wird,  ein  nubischer '^) 
Sclave  gewesen  sei,  der  den  Schatz  ägyptischer  Fabeln  nach 
Griechenland  verpflanzt  habe.  Einzelne  der  äsopischen  Fabeln 
tragen  jetzt  nodi  ägyptische  Looalfärbung ,  z.  B.  die  von 


28)  Vgl.  über  die  aegypt.  Ziffern  and  Zahlwörter  meinen  Ein- 
gangs citirten  Aufsatz  in  den  Sitzungsberichten  vom  Juni  1867. 

29)  Revue  archeol  1862. 

80)  M^wtoc  scheint  ein  gequetschtes  Ji^üm^  %vl  sein. 


958       (Htßung  der  phüoa.-phüdl,  Gasse  vom  7,  März  1868. 

dem  Mörder,  der  von  den  Verwandten  des  Ermordeten  Yer- 
fojgt,  sich  zuerst  an  den  Nil  begibt,  vor  einem  Löwen  auf 
einen  Baum  flüchtet,  von  dort  w^en  einer  Schlange  sich 
in  den  Fluss  stürzt,  um  schliesslich  von  einem  Krokodile 
verschlangen  zu  werden. 

Nicht  minder  haben  wir  die  ersten  und  ältesten  Sprüch- 
wörter in  Aegjpten  zu  suchen.  Plutarch'*)  wenigstens  sagt: 
Hv&ttyofog  •  .  .  dnafUfJLi^öecvq  to'  Ovfißohxdv  awwv  xai 
fivGTtjQuiisg  ^  dvaijU^aq  cdvfy/JLaOi  rd  dofliccta.  Ja  das 
Mystische  und  die  Mysterien  sind  nur  die  letzte  Ent- 
wicklung der  symbolischen  Schrift  und  Ausdrucksweise, 
welche  der  eigentlichen  Erklärung  mancher  Stelle  noch  lange 
widersteht,  nachdem  die  Lesung  und  Uebersetzung  derselben 
vollständig  gelungen  ist«  Ich  hoffe  nächstens  eine  derartige 
Urkunde  von  mehr  als  5000 jährigem  Alter,  zu  veröffentlichen. 


31)  De  Isid.  el.  Osir.  o.  10. 


Herr  Hof  mann  legt  vor: 
„Ergänzung  des  provengalischen  Epos  (Roman) 
von  Jaufre  aus  der  Pariser  Handschrift". 

Diese  Abhandlung  wird  später  nachgetragen  werden. 


HL  Wagner:  Die  Dimoin'sche  Theorie  de.  S59 


Mathematisch-physikalische  Classe. 

Sitzung  vom  7.  März  1868 


Herr  Moriz  Wagner  liest  einen  Aufsatz: 

„üeber  die  Darwin'sche  Theorie  in  Bezug  auf 
die  geographische  Verbreitung  der  Orga- 
nismen." 

A.  V.  Humboldt  macht  in  den  Anhängen  zur  dritten 
Auflage  seiner  inhaltreichen  Abhandlung  „Ideen  zu  einer 
Physiognomik  der  Gewächse"  (1849.  Stuttgart)  eine  Be- 
merkung, welche  hinsichtlich  der  seitdem  durch  Darwin^s 
Buch  neu  und  mächtig  angeregten  Frage  über  die  Ent- 
stehung der  organischen  Formen  ein  eig^thümliches  Interesse 
darbietet. 

„Es  lässt  sich,  sagt  Humboldt,  erklären,  wie  auf  einem 
gegebenen  Erdraume  die  Individuen  einer  Pflanzen-  und 
Thierklasse  einander  der  Zahl  nach  beschränken,  wie  nach 
Kampf  und  langem  Schwanken  durch  die  Bedürfnisse  der 
Nahrung  und  der  Lebensweise  sich  ein  Zustand  des  Qleich- 
gewichts  einstellte;  aber  die  Ursachen,  welche,  nicht;die 
Zahl  der  Individuen  einer  Form,  sondern  die  Form 
selbst  räumlich  abgegrenzt  und  in  ihrer  typischen 
Verschiedenheit  begründet  haben,  liegen  unter  dem 
undurchdringlichen  Schleier,  der  noch  unseren  Augen 
alles  verdeckt,  was  den  Anfang  der  Dinge  und  das 
erste  Erscheinen  organischen  Lebens  berührt." 

Dem  grossen  Naturforscher  war  es  nicht  vergönnt,  das 
Darwin*8che  Werk,  welches  auf  die  berührte  Frage  ein  über- 
raschend neues  Licht  wirft,  zu  erleben.    Er  hatte  zu  Anfang 


860        Sitgung  der  mafh.'fhyi.  Chuee  «om  7.  Wktz  teßS, 

des  Jahres  1859,  wo  er  noch  geistesstark  an  der  VollenduDg 
.seines  Kosmos  arbeitete,  weder  Kunde  noch  Ahnung,  dass 
ein  damals  bereits  druckfertiges,  Manuscript,  welches  von 
einem  der  anziehendsten  Geheimnisse  der  Natur  den  „un- 
durchdringlichen Schleier^'  beträchtlich  lüften  sollte ,  schon 
wenige  Monate  nach  seinem  Tode  erscheinen  werde. 

Di«  von  Charles  Darwin  in  seinem  Werk:  „on  the 
origin  of  Species^'  aufgestellte  Theorie  der  allmäligen 
Fortentwicklung  und  Umbildung  aller  organischen  Formen 
mittelst  des  höchst  einf^heu  Gesetzes  der  natürlichen 
Zuchtwahl  hat  seitdem  zahlreiche  Zustimmungen,  aber  auch 
manche  Einwürfe  und  Bekämpfung  gefunden.  Jedenfalls  hatte 
das  Buch  den  seltenen  Erfolg,  durch  den  Beichthum  scharf- 
sinniger Beobachtungen  und  gewichtvotter  Thatsachen,  womit 
der  geniale  Forsdier  seine  Theorie  unterstützte,  das  allge- 
meine Interesse  in  einem  fast  unerhörten  Grade  zu  erregen. 
Ea  hatte  noch  das  besondere  Verdienst^  zahlreiche  neue 
Untersuehungen,  die  vielleicht  grösstentheils  noch  nicht  einmal 
veröffentlicht  sind,  zur  Prüfung  seiner  Theorie  in  den  yef- 
schiedenen  Disciplinen  der  Naturwissenschaften  anzuregen. 
Im  gegenwärtigen  Vortrag  will  ich  mich  ausschliessUch  auf 
eine  Besprechung  der  in  den  Gapiteln  XI  und  XII  des  ge- 
nannten Buches  mitgetheilten  wichtigsten  Thatsachen  hin- 
sichtlich der  geographischen  Verbreitung  der  Thiere  und 
Pflanzen  auf  der  Erdoberfläche  beschränken. 

Bei  vieljährigen  eigenen  Beobachtungen  der  in  der  Ver- 
breiUing  der  Organismen  erkennbaren  Migrationsgesetze  waren 
mir  schon  vor  langer  Zeit  gewisse  räthselhafte  Erscheinungen 
aufgefallen,  über  deren  Ursachen  ich  einst  viel  und  oft  nach* 
gedacht  habe,  ohne  mir  dieselben  genügend  erklären  zu  können. 

Als  ich  das  Darwin'sche  Werk  gelesen,  erkannte  ich 
wohl  einen  gewissen  Zusammenhang,  in  welchem  manche  der 
bisher  unerislärten  Thatsachen  in  der  Thier*  und  Pflansra- 
Qeographie  mit  der  Theorie  der  „natürlich^  Zuchtwahl" 


M.  Wagner:  Die  DarwMache  Theorie  etc,  36 1 

(Züchtung,  Auslese,  natural  selection)  stehen.  Doch  die 
ganze  Bedeutung  der  letztem  zur '^"Erklärung  der  meisten 
aufifallenden  Vorkommnisse,  welche  sich  bei  Betrachtung  der 
Floren  und  Faunen  in  den  verschiedenen  botanischen  und 
zoologischen  Provinzen  aller  Welttheile  zeigen,  konnte  ich 
selbst  nach  wiederholter  aufmerksamer  Lesung  der  erwähnen 
Kapitel  nicht  erkennen. 

Die  in  diesen  inhaltreichen  Abschnitten  entwickelten 
Ideen  über  den  Einfluss,  den  die  „Zuchtwahl"  auf  die  Ver- 
theilung  der  Organismen  übte,  bedürfen  daher  nach  meiner 
Ueberzeugung  noch  eines ,  wesentlichen  Zusatzes.  Ich  ver- 
misse bei  Darwin  besonders  eine  klare,  bestimmte  Dar- 
l^ung  des  Gesetzes,  nach  welchem  die  Natur  verfahren,' 
um  mittelst  der  Zuchtwahl  die  merkwürdige  Artenvertheilung 
der  jetzigen  Pflanzen-  und  Thierwelt  zu  Stand  zu  bringen. 
Der  geniale  Forscher  scheint  selbst  weder  die  Yolle  Be- 
deutung der  „natürlichen  Züchtung"  zur  Erklärung  so  mancher 
früher  höchst  räthselhafter  Erscheinungen  in  der  geograph- 
ischen Verbreitung  der  Organismen,  noch  das  Gewicht,  welches 
gewisse  Vorkommnisse  bei  der  Wanderung  der  Thiere  und 
Pflanzen  zur  Bestätigung  seiner  eigenen  Theorie  und  zur 
"Widerlegung .  der  Haupteinwürfe  gegen  dieselbe  darbieten, 
nach  ihrem  ganzen  Werth  und  Umfang  erkannt  und  ge- 
würdigt zu  haben. 

Eine  ausführliche  Begründung  dieser  Bemerkungen  würde 
-wohl  einen  grössern  Umfang  erfordern ,  als  sie  der  be- 
schränkte Baum  einer  akademischen  Abhandlung  gestattet. 
Ich  will  daher  nur  einige  der  wesentlichsten  Thatsachen  in 
etwas  eingehender  Weise  erörtern. 

Als  ich  in  den  Jahren  1836—1838  in  Nordafrika  das 
Material  zu  den  „Fragmenten  einer  Fauna  der  Berberei" 
sammelte,  musste  mir  bei  der  Beobachtung  des  Vorkommens 
der  dort  eigenthümlichen  Thierarten  schon  damals  der  Um- 
stand auffallen,  dass  die  grösseren  Flüsse,  welche  von  der 
[1868.  L  3.]  24 


362         Sitzung  der  maÜk.'pKffS,  (Xasse  '»om  1.  März  1668, 

Wasserscheide  des  Atlasgebirges  Torherrschend  in  nördlicher 
Richtung  nach  dem  mittelländischen  Meere  fliessen,  der 
Verbreitung  einer  namhaften  Zahl  von  Arten  eine 
bestimmte  Grenze  setzen. 

Diese  Abgrenzung  in  *der  Verbreitung  von  Thierarten 
verschiedener  Klassen  selbst  durch  Flussrinnsale  war  damals 
in  der  Zoogeographie  noch  fast  unbekannt ,  jedenfalls  nn* 
beachtet.  Merkwürdige  Belege  dafür  bietet  aus  der  Klasse 
der  Sängethiere  das  Vorkommen  des  kleinen,  sonderbar  ge« 
stalteten  Rohrrfisslers  (macrosceh'des  Rozeti)  der  auf  die 
Provinz  Oran  beschränkt  bisher  noch  nie  östlich  vom  Fluss 
Bhelif  gefunden  wurde,  während  die  zierlich  gestreifte  Maus 
der  Berberei  (mus  barbarus)  am  Shelifthal  ihre  äusserste 
Westgrenze  findet.  Noch  auffallender  ist  aus  der  Klasse 
der  Reptilien  die  scharfbegrenzte  Verbreitung  einer  merk- 
würdigen Art,  Amphisbaena  Wiegmanni  Seh.  *)  Dieses  sel- 
tene Reptil  findet  in  der  Provinz  Oran  seine  östliche  Grenze 
am  Shelif,  seine  westliche  am  Fluss  Sig.  Es  scheint  ausser* 
halb  dieses  beschränkten  Gebietes  in  der  Provinz  Oran  nodi 
nie  gefunden  worden  zu  sein. 

Am  auffallendsten  aber  zeigen  sich  in  Nordafrika  diese 
Grenzlinien  durch  Flüsse  bei  gewissen  Familien  und  Gattungen 
der  Insecten ,  welche  überhaupt  wegen  ihrer  ungeheuren 
Individuenzahl,  Mannigfaltigkeit  der  Formen  und-  grossen 
Verschiedenheit  der  Lebensweise  sich  zur  Prüfang  der 
Darwin'schen  Theorie  besser  als  jede  andere  Thierklasse, 
und  besser  selbst  als  die  Pflanzen  eignen,  deren  ganze  Species- 
zahl  nur  etwa  dem  vierten  Theil  der  Insectenarten  gleich 
kommt.  Bei  den  Insecten  ist  sowohl  die  freiwillige  als  die 
passive  Wanderung  (durch  Winde,  Wasserströmungen  u.  s.  w.) 


1)  Die  hier  und  später  angefiüirten  nordafrikanischen  Thierarten 
sind  im  dritten  Band  meiner  „Reisen  in  der  Regentschaft  Algier" 
(Leipzig,  1841)  beschrieben  und  im  Atlas  desselben  Werkes  in 
eolorirten  Tafeln  abgebildet. 


Jf.  Wagner:  DU  DarwMsche  Theorie  die.  363 

Stets  ihätig  gewesen,  die  äossersten  G-renzen  des  Verbreitungs- 
besdrks  zu  veräDdern,  während  nur  letztere  allein  zur  Ver« 
breituDg  der  Pflanzen  wirkt.  Mit  den  höheren  Thierklassen 
verglichen  sind  die  Insecten  in  der  Prttfung  dieser  Frage 
8chon  desshalb  unendlich  wichtiger,  weil  ihr  Vorkommen 
weniger  durch  die  Cultur  bemti*ächtigt ,  ihre  Verbreitung 
nicht  im  gleichen  Qrade  wie  bei  Säugethieren,  Vögeln  und 
Reptilien  durch  die  Verbreitung  menschlicher  Ansiedlungen 
beschrsbkt  und  gehindert  wird.  Die  wunderbaren  Meta- 
morphosen der  Insecten,  die  Mannigfaltigkeit  ihrer  Ernähr« 
iings weise  schon  im  Larvenzustand  und  besonders  ihr  sehr 
verschiedener  Grad  von*  Bewegungsfähigkeit  machen 
das  Studium  der  geographischen  Vertheilung  der  Insecten 
zu  einem  der  wichtigsten  Mittel,  die  Richtigkeit  der 
natürlichen  Zuchtwahl  zu  beweisen  und  das  Gesetz 
zu  erkennen,  nach  welchem  dieselbe  auf  die  Vor« 
theilung  der  Formen  wirkte. 

In  Nordafrika  liefert  besonders  das  Vorkommen  gewisser 
Eäferformen,  namentlich  aus  der  Abtheilung  der  Heteromeren, 
von  welchen  viele  Arten  fast  ausschliesslich  nur  an  der  See- 
küste  auf  salzgeschwängertem  Sandboden  leben ,  sehr  merk* 
'Würdige  Belege.  Die  Mehrzahl  dieser  durch  Flussläufe  scharf 
getrauten  Heteromeren  gehört  der  Gruppe  der  Melasomen, 
namentlich  aber  den  Gattungen  Pimelia,  Blaps,  Adesmia, 
Erodius,  Asida,  Tentyrea  an.  Auch  die  Arten  der  für 
Nordafrika  so  charakteristischen  Gattungen  Graphyptems 
und  Sepidium  sind  in  ihrem  Vorkommen  durch  Flüsse  be* 
stimmt  begrenzt. 

Die  gleiche  Beobachtung  machte  ich  bei  den  dort  von 
mir  in  zahlreichen  Individuen  gesammelten  meist  endemischen 
Landschnedsen.  So  z.  B.  geht  Heliz  hieroglyphicula  östlich 
nicht  über  den  Shelif  hinaus,  während  H.  vermiculata  an 
demselben  reissenden,  im  untern  Lauf  ziemlich  tiefen  Fluss 
^'n6  ebenso  bestimmte  westliche  Grenze  findet. 

24* 


d64         Sitzung  der  nu^thrpHys»  dasse  tom  7,  Märe  1868, 

Bei  diesen  sonderbaren  Vorkommnissen  bemerkte  idi 
schon  damals,  dass  nur  Thiere  von  beschränkter  Mobi- 
lität, unter  den  Goleopteren  fast  ausschliesslich  nur  Gattungen, 
.  deren  Flügeldecken  (Elytra)  zusammengewachsen  sind  und 
über  den  ganzen  Hiaterkörper  einen  hornartigen  Schild 
bildend  den  E^äfer  zum  Fliegen  unfähig  machen,  durch  solche 
schmale  Schranken  begrenzt  werden.  Bei  den  Schmette^ 
lingen,  Hautflüglern  und  Zweiflüglern  findet  eine  solche  Ab- 
grenzung ihres  Verbreitungsgebietes  zwar  oft  durch  Meer- 
engen, welche  über  eine  Meile  breit  sind,  wie  die  Strasse 
voü  Gibraltar,  nicht  aber  durch  Gewässer  von  massiger 
Breite,  wie  die  Flüsse  Algeriens,  statt.  Unter-  den  dort 
einheimischen  Insecten  aus  verschiedenen  Ordnungen  sind 
z.  B.  Pontia  Douei  und  Hipparchia  Meone  unter  den  Lepi- 
dopteren,  Eucera  pyrrbula  und  Megilla  guadricolor  unter 
den  Hymenopteren,  Stratiomys  auriflua  und  Volucella  liguida 
unter  den  Dipteren,  sämmtlich  leicht  bewegliche  Formen, 
deren  willkürlicher  Wanderung  selbst  ein  ziemlich  breiter 
Fluss  Icein  Hinderniss  ist^  durch  die  ganze  Breite  Algeriens 
und  wahrscheinlich  der  ganzen  Berberei  verbreitet,  aber  sie 
finden  sich  nicht  im  südlichen  Spanien.  Diese  Arten  haben 
also  ebenso  wenig  wie  die  oben  genannten  kleinen  Säuge- 
thiere  und  Goleopteren  die  Strasse  von  Gibraltar  zu  über- 
ßchreiteu  vermocht.  Bei  leicht  fliegenden  Käferarten  ist  eine 
solche  durch  Flüsse  begrenzte  Verbreitung  nie  -  bemerkbar. 
Saperdu  ^lauca,  Hammaticherus  Nerii,  fast  alle  Buprestiden 
kommen  sowohl  östiich,  als  westlich  vom  Shelifthal  vor. 

Eine  andere  noch  auffallendere  Thatsache  ist,  dass  die 
du<Fch  Fiussthäler  getrenntai  Arten  einer  gleichen  Gattung 
sich  in  der  Regel  einander  überaus  ähnlich  sehen.  Soldie 
Kachbarn  unter  den  Melasomen  zeigen  gewöhnlich  miteinander 
eine  weit  nähere  Verwandtschaft  der  Form,  als  mit  Arten, 
welche  in  grösseren  Entfernungen  vorkommen.  Nur  selten 
beobachtet  man  zwei   sehr  ähnliche  Species  als  Bewohner 


M.  Wagnen  Die  Darwinsche  Theorie  etc.  365 

des  gleichen  Standortes  in  grosser^Zabl  und  wo  es  der  I^all 
ist,  da  sind  die  äussersten  Grenzen  des  Verbreitungsbezirkes 
von  einander  stets  beträchtlich  abweichend.  Auch  ist  in 
solchen  Fällen  die  Zahl  der  vorkommenden  Individuen  bei 
beiden  nahe  stehenden  Artön  gewöhnlich  sehr  ungleich.  Die 
'Häufigkeit  einer  Art  scheint  gewissermassen  einen  beschrän- 
kenden Einfluss  auf  das  häufige  Vorkommen  der  andern  zu  üben. 

Für  solche  in  der  Form  ungemein  ähnliche,  oft  benach- 
barte, in  ihrem  Standort  aber  doch  getrennte  Arten,  die 
^ich  in  ihrem  geographischen  Vorkommen  gleichsam  einander 
ersetzen  —  die  zoologischen,  wie  die  botanischen  Provinzen 
aller  Welttheile  zeigen  dafür  zahlreiche  Belege  —  hat  man 
den  Namen  „vicarirende**  (stellvertretende)  Species  gewählt. 

Dieselbe  Artentrennung  durch  breite  Flüsse  besondei^ 
b^i  schwerfälligen  Thierformen ,  namentlich .  aber  bei  den- 
jenigen Insecten,  welche  kein  Flugvermögen  besitzen,  be- 
obachtete ich  später  in  vielen  andern  Ländern.  Die  untere 
Donau  scheidet  ziemlich  viele  Goleopteren,  am  meisten  ge- 
wisse Carabiden,  welche  theils  nur  in  der  Wallach^  oder 
nur  in  Bulgarien  vorkommen.  Kur,  Araxes  und  Euphrat 
bilden  trennende  Schranken  für  eine  grosse  Artenzahl  von 
Thieren  und  Pflanzen. 

In  sehr  auffallender  Weise  ist  diess  besonders  an  dem 
reissenden  und  tiefen  Eisil-Irmak  Eleinasiens  wahrnehmbar, 
welcher  zwischen  Sinope  und  Samsun  in  das  schwarze  Meer 
mündet.  Dieser  Fluss  zieht  für  viele  Thierarten  eine  scharfe 
Grenzmarke  z.  B.  für  den  prachtvollen  Carabus  Bonplandi, 
welcher  von  Samsun  bis  Trapezunt  und  selbst  bis  Tokat 
vorkommt,  westlich  vom  Kisil-Irmak  aber  plötzlich' ver- 
schwindet. Der  gleiche  Fluss  scheidet  noch  andere  sehr 
charakteristische  Species,  z»  B.  unter  den  Carabiden  eine 
punktirte  Art  der  Gattung  Procrustes,  welche  an  demselben 
ihre  Westgrenze  findet,  während  der  gleiche  Fluss  für  die  nicht 
punktirte  Art  (Pj^ocrustes  graecus)  die  Ostgrenze  bezeichnet. 


866        SitMuni  der  vuük.'phyB.  OUtsse  vom  7.  M&rz  ises.' 

Dieselbe  AxtentreoDung  durch  FlussrinDsale  beobachtete  idi  auf 
das  Bestimmteste  bei  den  meisten  Arten  der  zqr  Familie 
der  Cerambyciden  gehörigen  Gattung  Dorcadion,  weldie 
bekanntlich  nicht,  wie  die  übrigen  Gattungen  dieser  Familie, 
auf  Bäumen  und  Büschen  sich  aufhalt,  sondern  schwerfiUig 
aaf  dem  Boden  kriecht  und  deren  Flügeldecken,  walir- 
sdieinlich  durch  Nichtgebrauch,  verwachsen  und  zum  Fliegen 
unfähig  sind. 

Je  breiter  und  reissender  der  Strom,  desto  häufiger  ist 
im  Allgemeinen  diese  Erscheinung.  Ob  die  Flüsse  mehr  in 
der  Riditung  der  geographische»  Breite  als  der  Länge  fliessen, 
hat  auf  dieselbe  nicht  den  geringsten  Einfluss.  Der  Missouri 
wie  der  Mississippi  und^  mehr  noch  als  beide,  der  Sanct 
Lorenzfluss  in  Ganada,  einer  der  breitesten  nnd  wasser- 
reichsten Ströme  der  Welt,  haben  an  beiden  Ufern  wesentlich 
yerschiedene  Faunen.  Doch  nur  in  den  Arten,  nicht 
in  den  Gattungen  herrscht  Verschiedenheit  und  immer 
^eigt  sich  diese  Erscheinung  nur  bei  Thierarten  von  geringerer 
Bewegungsfähigkeit,  welche  eine  solche  Wasserschranke  nlur 
durdi  seltene  günstige  Zufalle  überschreiten  können.  Während 
ich  dort  unter  den  Vögeln,  Schmetterlingen,  Haut-  und  Netz- 
flüglern an  beiden  Stromufem  keine  ArtenTerschiedenheit 
bemerken  konnte ,  finden  dagegen  nicht  wenige  Reptilien, 
Trachniden,  Käfer,  Landschnecken  an  diesen  grossen  Stromea 
Nordamerika's  eine  sehr  bestimmte  Grenze. 

Man  hat  Aehnliches  auch  bei  den  Pflanzen  in.  Deutsch- 
land beobachtet  Otto  Sendtner  führt  für  60  Pflanzen- 
species  in  Bayern  bestimmte  Flussgrenzen  an.  Die  Donaa 
bietet  für  15  Arten  eine  Nordgrenze,  der  Lech  für  7  Arten 
eine  Ostgrenze  und  für  7  andere  eine  Westgrenze. 

Noch  bestimmter  und  ausgedehnter  als  durch  Flusse 
findet  die  Artentrennung  des  Thier«  und  Pflanzenreiches 
durch  Hochgebirge  statt.  Schon  in  den  Alpen  scheiden  sich 
aördlicb  md  südlich  riele  Arten«   Schärfer  ist  die  Trennung 


M.  Wagner:  Die  Darwin'sche  Theorie  etc,  367 

in  den  Pyrenäen,  welche  geschlossener  sind  und  bei  der 
Seltenheit  von  Passsenkungen  eine  für  die  Wanderung  der 
Organismen  schwer  zu  überschreitende  Mauer  bilden.  Auf* 
fallender  noch  als  die  Pyrenäen  scheidet  der  Kaukasus,  der 
eine  höhere  Kammlinie  und  nur  an  zwei  Stellen  Depressionen 
zeigt,  die  Fauna  und  Flora  der  Ebenen  am  Terek  und 
Kuban  von  den  organischen  Formen  Transkaukasiens. 

Am  Fusse  der  entgegengesetzten  Gehänge  einer  Gebirgs- 
kette wiederholt  sich  noch  allgemeiner  als  an  entgegen- 
gesetzten Stromufern  mit  dieser  specifischen  Vei*schiedenheit 
der  Organismen  die  oben  erwähnte  Thatsache:  dass  viele 
vorkommende  Arten  überaus  ähnliche  vicarirende  Formen 
zeigen.  Fast  jeder  Oarabus,  den  ich  in  den  Wäldern  Grusiens, 
am  südlichen  Fuss  des  Kaukasus  sammelte,  erinnerte  an 
eine  ähnliche  Form  der  Nordseite  dieses  Gebirges,  welche 
ihm  näher  steht,  als  andere  Species  derselben  Gattung  aus 
entfernteren  Gegenden.  Bei  den  Pflanzen  waltet  das  gleiche 
Gesetz. 

Klimatische  Ursachen  können  diese  Thatsache  nicht 
erklären,  denn  man  beobachtet  dieselbe  in  unverändertem 
Grade  an  Gebirgen,  welche  gleich  dem  Ural  und  den  süd- 
amerikanischen Anden  in  der  Meridianrichtung  streichen, 
also  nicht  sehr  verschiedenartige  Klimate  scheiden,  wie  an 
Kett^,  welche  z.  B.  der  Kaukasus  und  die  Pyrenäen  mehr 
der  geographischen  Breite  folgen.  Die  Flora  und  Fauna  der 
Urwälder  im  Osten  und  Westen  der  Anden  von  Ecuador 
zeigen  sogar  eine  noch  grössere  Artenverschiedenheit  als  die 
Nordseite  und  Südseite  des  Kaukasus,  der  zwei  sehr  ab- 
weichende Klimate  trennt,  während  zwischen  den  entgegen- 
gesetzten Gehängen  der  äquatorialen  Anden  in  den  kli- 
matischen Verhältnissen  gar  keine  wesentliche  Verschiedenheit 
besteht. 

In  der  Provinz  Darien  des  Staates  Panama  dagegen, 
wo  der  Formencharakter  des  südamerikanischen  Andessystems 


868  Sitzung  der  math-phya,  Clasae  vom  7.  März  1668, 

sieh  plötzlioh  Terwandelt  und  statt  eines  Rochgebirges  in 
meridioHaler  Richtung  ein  niederes  Mittelgebirge,  die  Isthuaus- 
cordillere  von  Darien,  mit  tiefen  Depressionen  in  einer  den 
Anden  entgegengesetzten  Richtung  von  Ost  nach  West  streicht, 
ändern  sich  eben  so  plötzlich  die  erwähnten  Erscheinungen 
in  der  geographischen  Vertheilung  der  Organismen.  Die 
grosse  Mehrzahl  der  Pflanzen  und  Thiere,  die  ich  an  dem 
in  das  caraibische  Meer  fliessenden  Rio  Ghagres  sammelte, 
sind  dieselben  Species,  welche  ich  an  den  Flussmündangen 
des  Stillen  Oceans  wiederfand,  obwohl  das  Klima  beider 
Küstenstriche  von  Panama  wesentlich  verschieden  ist.  Der 
niedere  Gebirgszug  bildet  aber  im  Staat  Panama  keineswegs 
eine  mächtige  Scheidewand  wie  die  Anden  Südamerika'». 
Die  tiefe  Einsenkung  der  eigentlichen  Landenge ,  wo  die 
Isthmuscordillere  ganz  verschwindet,  begünstigt  mit  einer 
erleichterten  Wanderung  der  Organismen  den  beiderseitigen 
Austausch  der  Formen. 

Sehr  merkwürdige  Thatsachen  bietet  in  dieser  Beziehung 
der  Vergleich  der  Inselfaunen  mit  den  Ländern  der  zunächst 
liegenden  Gontinente.  Mit  der  grossem  oder .  geringem 
Ausdehnung  der  dazwischen  liegenden  Meeresarme,  welche 
beide  trennen,  wächst  fast  überall  im  entsprechenden  Y^- 
hältniss  die  relative  Verschiedenheit  des  Thierreichea  nicht 
nur  hinsichtlich  der  Arten,  sondern  auch  der  Gattungen.  So 
hat  z.  B.  die  Insel  Goiba,  welche  nur  durch  einen  schmalen 
Meeresarm  vom  centralamerikanischen  Isthmus  getrennt  ist, 
die  gleichen  Arten,^  wie  dieser,  zeigt  aber  einige  auffallende 
Varietäten.  Die  Gruppe  der  Galopagosinseln ,  welche  vom 
südamerikanischen  Gontinent  160  geographische  Meilen  ent-. 
femt  ist,  hat  dagegen  mit  Ausnahme  weniger  Vögel  fast 
nur  eigenthümliche  Thierarten,  die  jedoch  alle  entschieden 
den  amerikanischen  Typus  verrathen  und  am  meisten 
der  Fauna  Ghile's  sich  nähern.  Jede  der  einzelnen  Inseln, 
welche    durch   isiemlich   breite   nnd   tiefe  Meeresarme  von 


M.  Wagner:  Die  Darmn^sche  Theorie  ete,  369 

einander  getrennt  sind,  bat  zwar  dieselben  Gattungen  von 
Vögeln,  Insecten,  Landconchylien,  aber  verschiedene  Arten. 
Letztere  aber  haben  untereinander  wieder  nähere  Verv^ändt- 
schaft,  sds  mit  Arten  der  gleichen  Gattungen,  welche  in 
Chile  leben. 

So  z.  6.  kommen  auf  diesen  Inseln  13  Arten  Ton 
Finken  vor,  in  welchen  man  eine  vollständige  Stufenreihe 
verfolgen  kann,  nicht  nur  hinsichtlich  des  Gefieders,  sondern 
auch  der  Grösse  und  Gestalt  des  Schnabels.  Während  einige 
Arten  einen  sehr  dicken,  andere  einen  mitteldicken  Schnabel 
besitzen,  findet  sich  eine,  deren  Schnabel  so  dünn  ist,  wie 
bei  den  Sylphiden.  Alle  üebergänge  und  Abstufungen  der 
Species  lassen  sich  an  dieser  Gattung  erkennen.  Von  der 
dort  vorkommenden  Gattung  der  Spottdrossel  besitzt  jede 
der  drei  Hauptinseln  ihre  eigene  Art.  Orpheus  trifasciatus 
bewohnt  die  Gharlesinsel ,  0.  parvulus  die  Albemarleinsel, 
0.  melanotus  die  Ghataminsel. 

In  der  Farbe  der  Gefieders,  der  Form  der  einzelnen 
Organe,  im  ganzen  Habitus,  wie  auch  in  der  ganzen  Lebens- 
weise, stehen  sich  diese  verschiedenen  Arten  einander  überaus 
nahe,  aber  auf  jeder  Insel  ist  die  respective  Art  allein 
vorhanden.  Diese  ersetzen  sich  also  gegenseitig  in  dem 
Haushalt  der  verschiedenen  Eilande. 

Die  Vegetation  zeigt  nach  dem  dort  von  der  Expedition 
der  Fregatte  Beagle  gesammelten  Herbarium,  welche  Hens- 
low  bestimmte,  ganz  ähnliche  Verhältnisse.  Der  beeren- 
tragende Guayavitobaum  der  Jamesinsel  wird  auf  der 
Gharlesinsel  nicht  gefunden.  Die  Pflanzen  der  verschiedenen 
Inseln  ähneln  einander  sehr,  sind  aber  specifisch  verschieden 
oder  treten  in  bemerkbaren  Varietäten  auf. 

Alle  Inseln,  welche  in  ähnlichen  Entfernungen  von  Con- 
tinenten  liegen,  offenbaren  sehr  ähnliche  Erscheinungen  in 
Bezug  auf  die  organische  Welt.  So  haben  Thiere  und  Vege- 
tation Neuseelands  ungeachtet  ihrer  Eigenthümlichkeit  doch 


370 ,       Sitgung  der  tmth.^hy9.  Glosse  wm  7,  MOrs  1868, 

eine  entsohiedeB  typische  Verwandtsöbaft  mit  dem  sädoot- 
liohen  Australien,  die  Falklandsinseln  mit  Patagoniw,  die 
Cap  Verdischen  Inseln  mit  Westafrika*  Selbst  Madagaskar, 
welches  Scbmarda  in  Bezug  auf  seine,  or^uüsdben  Reiche 
einen  „Sechsten  WelttheiP'  nennt,  hat  mit  dem  südöstlichen 
Afrika  mehr  Uebereinstimmung  als  mit  irgend  einem  ent- 
ferntem liand. 

Diese  aufiFaUeQde  Abhängigkeit  des  organischen  Nator- 
charakters  der  Inseln  von  dem  zunächst  liegendea  Gontinent, 
selbst  wenn  sie  mehr  als  100  Meilen  von  ihm  getrennt  sind, 
ist  eine  bedeutsame  Thatsache,  die  sich  übwaU  wiederholt 
und  auf  eine  gemeinsame  Ursache  hinweist. 

Die  Betrachtung  der  Fauna  und  Flora  auf  den  Gala- 
pagosinseb  hat  Herrn  Darwin,  wie  er  in  seiner  neuesten 
Schrift  mittheilt,  erst  ziemlich  lange  nach  seiner  Rückkehr 
auf  den  Gedanken  der  natürlichen  ZuOhtwahl  gebracht«  Als 
er  im  Oktober  1835  nach  einem  yerbSltnissmässig  kurzen 
Aufenthalt  diesen  Archipel  zu  seinem  Schjnerz  veriässen 
musste,  war  er  von  dem  Gedanken  an  jenen  spätern  Versudi, 
das  grosse  Räthsel  der  Fdrmentstehung  zu  lösen,  weldies 
Alphonse  Pecandolle  nodi  1856  als  ^,das  widitigste  natur- 
wissenschaftliche Problem  unsers  Jahrhunderts'^  bezeichnete, 
noch  sehr  weit  entfernt.  In  seinem  1848  erschienenen  Beise- 
werk  sprach  sich  Darwin  über  diese  Erscheinung^i  noch 
ziemlich  yage  mit  den  Worten  aus:  „Diese  Aehnlichkeit  im 
Tjpus  zwischen  entlegnen  Inseln  und  Continenten,  wShraid 
die  Arten  verschieden  sind,  ist  kaum  hinrdchend  bemerkt 
.worden.  Nach  den  Ansichten  einiger  Schriftsteller  könnte 
man  das  aus  dem  Umstand  erklären,  indem  man  sagte,  dass 
die  Schöpfungskraft  über  ein  weites  Areal  nach  denselben 
Gesetzen  thätig  gewesen  ist.^'  Dieser  Ausspruch  beweist, 
wie  ferne  noch  die  damalige  Ansicht  des  berühmten  For- 
schers von  seiner  12  Jahre  später  aufgestellten  Theorie  war. 

Ohne  eine  Beüie  anderer  Thatsachen  in  der  Ihier-  und 


3f;  Wagner:  Die  Dai-mn'sche  Theorie  etc,  S71 

Pflanzeiigeographie  Europa's  und  der  übrigen  Wclttheile, 
welche  far  unsere  Ansicht  über  die  Ursache  dieser  auffallenden 
Vorkommnisse  in  der  Vertheilung  der  Organismen  weitere 
Bel^e  bieten  würden,  hier  anführen  zu  wollen,  begnüge  ich 
jnich,  die  wesentlichsten  Hauptpunkte  des  AngefiSirten  kuris 
zosammenssufassen. 

Flüsse,  Gebirge  und  Meere  ziehen  bestimmte  Grenzlinien 
für  das  yorkommen  vieler  Varietäten,  Arten  und  Gattungen. 
Die  Hochgebirge  scheiden  die  organischen  Formen  mehr  als 
die  Flüsse;  die  Meere,  besonders,  wenn  sie  von  einiger 
Ausdehnung  und  ohne  Inselreihen  sind,  mehr  als  die  Gebirge. 

Je  breiter  und  reissender  der  Fluss,  Je  höher  und  ge- 
schlossener das  Gebirge,  je  ausgedehnter  und  rujiiger  (d.  h. 
frei  von  starken  Strömungen  und  heftigen  Stürmen)  ein  Meer 
ist,  desto  entschiedener  ist  fast  immer  die  Scheidewand  ver- 
schiedener Faunen  und  Floren,  desto  grösser  wird  die  Zahl 
der  Varietäten,  Arten  und  selbst  der  Gattungen  von  Thieren 
und  Pflanzen  sein,  welche  durch  sie  getrennt  sind,  desto 
mdir  wird  die  Verbreitung  der  Organismen  in  einer  be- 
stimmten Sichtung  wie  abgeschnitten  erscheinen,  und  eine 
desto  grössere  Eigenthümlichkeit  wird  ein  solches  geographisch 
l^etrenntes  Floren-  oder  Faunengebiet  besitzen. 

Diesseits  wie  jenseits  der  Grenzmarken  erscheinen  die 
meisten  endemischen  Arten  als  sog,  vicarirende  Formen, 
d.  h.  überaus  ähnlich  den  Nachbararten,  welche  durch 
diese  Schranken  von  ihnen  getrennt  sind.  Soldie  Species 
zeigen  gewöhnlidi  zu  einander  eine  noch  nähere  typische 
Verwandtschaft,  als  zu  den  entfernter  vorkommenden  Arten 
der  gleichen  Gattung.  Auf  sehr  entfernten  oceanischen  Inseln 
ist  die  Zahl  der  den  Gontinentalarten  sehr  nahe  verwandten 
Species  gering,  doch  aber  erinnert  der  vorherrschende 
Typus  der  Familien  und  Gattungen  immer  an  den  nächst 
liegenden  Gontinent.    Auf  einer  Inselgruppe  zeigt  die  jedem 


372         SiUung  dir  matK'phys.  Glosse  wm  7.  Märe  186S, 

einzelnen  Eiland  eigene  Art  in  der  Regel  eine  ganz  nahe 
Verwandtschaft  zu  irgend  einer  Art  der  nächsten  Inseln. 

Fast  immer  weisen  die  schwerfälligen  Klassen,  Ord- 
nungen und  Gattungen  von  Thieren  verhältnissmässig  die 
meisten  eigenthümlichen  Arten  eines  Landes  nach.  Flie- 
gende, oder  im  Seewasser  leicht  schwimmende  Thiere  bieten 
dagegen  die  relativ  grösste  Zahl  identischer  Arten  und 
Gattungen  von  zwei  verschiedenen  zoologischen  Provinzen, 
wenn  sie  auch  durch  Hochgebirge  oder  Meere  geschieden 
sind.  Unter  den  Säugethieren  haben  die  Volitantien  (Flatter- 
thiere)  eine  weitere  Verbreitung  als  die  Arten  irgend  einer 
andern  Familie.  Vögel  sind  im  Ganzen  ungleich  weiter 
verbreitet  als  Reptilien  und  Süsswasserfische.  Schmetter- 
linge.  Haut-  und  Netzflügler  zeigen  in  verschiedenen  Provinzen 
im  Ganzen  weniger  endemische  Arten  als  Käfer,  die  in  Folge 
einer  schwereren  Körperbekleidung  eine  viel  geringere  Be- 
wegungsfahigkeit  besitzen.  Krustenthiere  und  Meerconchylien 
sind  immer  viel  weiter  verbreitet  als  Landschnecken. 

Alle  diese  hier  angeführten  Erscheinungen  würden  ohne 
die  Annahme  einer  Verbreitung  durch  Migration,  d.  h. 
freiwillige  oder  passive  Wanderung  und  ohne  die  mit  ihr 
enge  verbundene  natürliche  Züchtung  unbegreiflich  sein. 
M  i  t  diesen  beiden  Faktoren  zusammei^  sind  sie  sehr  einfach 
erklärbar. 

Für  jede  Thier-  und  Pflanzenart  ist,  wie  bekannt,  ein 
gewöhnlich  zusammenhängender,  zuweilbn  auch  sporadisch 
unterbrochener  Standort  (Statio)  oder  Verbreitungsbezirk 
nachweisbar.  Wir  sehen  jede  Pflanze,  jede  Thierart  vermöge 
ihrer  morphologischen  und  physiologischen  Organisation  auf 
der  Erde  ihre  Heimath  so  weit  ausdehnen,  als  es  ihr  die 
physischen  Verhältnisse,  die  äusseren  und  inneren  Lebens- 
bedingungen gestatten.  Die  äusseren  Bedingungen  sind  keines- 
wegs nur   geographische  oder  klimatologische ,   wie  gewisse 


M,  Wßgner:  Die  Darwin^sche  Theorie  ete.  673 

Pfianzengeographen  vor  dem  Erscheinen  des  Darwin'schen 
Buches  angenommen  hatten,  sondern  sie  hängen  weit  mehr 
?on  der  Goncurrenz  aller  Organismen  unter  einander,  vom 
„Kampfe  um  das  Dasein^^  ab.  In  den  Hachländern  der 
nördlichen  Hemisphäre  hat  der  Verbreitungsbezirk  einer  Art 
meist  eine  elliptische  Form,  deren  längere  Achse  in  der  Regel 
ost-westlich  ist,  wenn  nicht  Gebirge  oder  breite  Ströme  diese 
Gestalt  modificiren. 

Bei  der  starken  (üoncurrenz,  welche  sich  die  Individuen 
der  gleichen  Art  um  Nahrung  und  Fortpflanzung  fortdc^uernd 
machen,  müssen  einzelne  Individuen  stets  trachten,  den  Ver« 
breitungsbezirk  zu  überschreiten.  Die  äussersten  Grenzen 
desselben  verändern  sich  daher  sehr  oft  etwas ,  je  nachdem 
einzelne  Individuen  die  Mittel  finden,  entweder  durch  will* 
kürliche  Bewegung  oder  passive  Wanderung  d.  h.  fortgerissen 
von  Luft-  uad  Wasserströmnngen ,  oder  durch  zahllose 
andere  Zufälle  sich  vom  Standort  der  Artgenossen  zu  ent- 
fernen. 

Die  Bildung  einer  wirklidien  Varietät,  welche  Herr 
Darwin  bekanntlich  als  „beginnende  Art*'  betrachtet,  wird 
der  Natur  immer  nur  da  gelingen,  wo  einzelne  In- 
dividuen die  begrenzenden  Schranken  ihres  Stand- 
ortes überschreitend  sich  von  ihren  Artgenossen 
auf  lange  Zeit  räumlich  absondern  können. 

Die  Einwanderung  auf  einem  neuen  Gebiet,  wo  eine 
Art  zum  erstenmal  auftritt,  wird  stets  eine  gewisse  Summe 
von  Veränderungen  in  den  Lebensbedingungen  mit 
sich  bringen,  namentlich  in  Bezug  auf  Quantität  und 
Qualität  der  Nahrung.  Darwin  legt  in  seiner  neuesten 
inhaltreichen  Schrift  über  „das  Variiren  der  Thiere  und 
Pflanzen  im  Zustand  der  Domestication^'  auf  den  Einfluss 
der  Ernährung  mit  Recht  ein  sehr  grosses  Gewicht.  Bei 
reicherer  Nahrung,  welche  stets  den  Anstoss  zu  mandien 
inneren  physiologischen  Veränderungen  des  Organismus  gebeii 


874         SiUiUn§  äer  math.-phiya.  OhsH  wm  7.  Mars  1868. 

xnuss,  werden  die  Thiere  sagleicli  verhindert,  sich  so  yiel 
Bewegung  wie  früher  za  machen.  Kichtgebrauch  ein* 
seiner  Körpertheile  wird  diese  dann  rednoiren. 
Gorrelation  des  Wachethums  verknüpft  die  Organi- 
sation so,  dass  wenn  ein  Eörpertheil  variirt,  andere 
Theile  gleichfalls  variiren  müssen. 

Mit  diesen  Veränderungen  der  Lebensbedingungen ,  in 
welchen  die  klimatischen  Verhältnisse  nur  einaü  sehr  ge* 
ringen  direkten  Einfluss  haben,  muss  die  jedem  Organismus 
innewohnende  Eigenschaft  der  individuellen  Veränder« 
lichkeit,  ohne  welche  die  Zuchtwahl  überhaupt  nicht  denkbar 
wäre,  eine  gesteigerte  Anregung  erhalten.  Wird  diese 
Steigerung  in  der  Plasticität  der  Organisation  durch  eine 
Reihe  von  Generationen  bei  langer  örtlicher  Isoliriing  in 
einer  bestimmten  Richtung  durch  locale  Verhältnisse  unte^ 
stützt,  so  wird  daraus  bei  fortgesetzter  Inzucht  eine  sog. 
constante  Varietät  oder  riditiger  gesagt,  eine  beginnende 
Art  entstehen.  Die  ersten  veränderten  Abkömmlinge 
solcher  eingewanderter  Colonisten  bilden  dann  das 
Stammpaar  einer  neuen  Species.  Ihre  neue  Heimatb 
wird  der  Ausgangspunkt  des  Verbreitungsbezirks 
der  neuen  Art. 

Die  Entstehung  und  Fortbildung  einer  Race  wird  aber 
immer  gefährdet,  wo  zahlreiche  nachrückende  Individuen 
der  gleichoi  Art  durch  allgemeine  Vermischung,  durch  hanfiges 
Durcheinanderkreuzen  sie  stören  und  wohl  auch  meist  unter- 
drücken. Ohne  eine  lan^e  Zeit  dauernde  räumliche 
Trennung  der  Colonisten  von  ihren  früheren  Art* 
genossen  kann  nach  meiner  Deberzeugung  die  Bildung 
einer  neuen  Race  nicht  gelingen,  kann  die  Zucht- 
wähl  überhaupt  nicht  stattfinden. 

Darwin  hat  in  seiner  neuen  Schrift  mit  vollem  Recht 
nachdrücklieh  hervorgehoben,  dass,  wenn  es  dem  Menadieo 
leicht  war,  eine  ganz  ausserordentliche  Formenversghiedenheit 


'  Üf.  Wagmr:  Die  Dartmvi^gche  Theorie  ete.  875 

von  Handeracen  zu  klangen  j  weil  er  deren  Zuchtwahl  in 
seiner  Gewalt  hatte,  ihm  dagegen  eine  Züchtung  sehr  ver* 
schiedener  Eatzenracen  nicht  gelangen  ist,  weil  bei  der  Ge* 
wohnheit  der  nächtlichen  Wanderungen  dieser  Thiere  ein 
Durcheinanderkreuzen  nicht  leicht  verhindert  werden  kann. 
Ich  will  hier  noch  an  die  bekaunte  Thatsache  erinnern,  dass 
im  ganzen  türkischen  Asien  nur  eine  einzige  Hunderace 
exifitirt.  Indem  die  religiöse  Sitte  dort  verbietet,  den  Hund 
als  unreines  Thi^  in  das  Haus  aufzunehmen/ macht' die 
ungehinderte  Paarung  der  stets  freilaufenden  Hunde  nicht 
nur  die  Bildung  neuer  Racen,  sondern  auch  die  Erhaltung 
fremder  importirter  Racen  unmöglich.  Der  gleiche  Fall 
wiederholt  sich  im  tropischen  Amerika ,  wo  nicht  die  reli« 
giöse  Sitte,  sondern  das  Klima  die  Menschen  veranlasst, 
ihre  Hunde  frei  laufen  zu  lassati  und  daher  auch  nur  eine 
einzige  Hunderace  besteht. 

In  der,  Natur  geht  bei  jeder  Wanderung  einzelner  Thier* 
individuen  über  die  Grenzmarken  des  bisherigen  Verbreitungs« 
bezirks  und  bei  andauernder  räumlicher  Absonderung  von 
der  Art  ganz  Aehnliches  vor  wie  bei  der  Züchtung  der 
Hausthiere.  Yeränderte  Lebensbedingungen  geben  den  An- 
stoss  zu  einer  Steigerung  der  individuellen  Variabilität.  Iso- 
lirung  von  den  Artgenossen  begünstigt  dann  den  Anfang 
einer  Race.  Aus  den  zahlreichen  Thatsachen,  welche  Darwin 
in  seinem  jüngsten  Buch  über  die  Züchtung  der  Hausthiere 
anfuhrt,  erhellt  mit  Bestimmtheit,  dass  bei  jeder  entstandenen 
Race  oder  ünterrace  die  individuellen  Hausthiere  mehr 
variabel  sind,  als  die  Thiere  im  Naturzustand  und  gelegent* 
lieh  varüren  sie  aus  noch  nicht  hinreichend  erkannten  phy* 
Biologischen  Ursachen  in  einer  plötzlichen  und  scharf  markirten 
Weise.  Solche  Veränderungen  werden  in  der  Regel  sich  auf  die 
Nachkommen  vererben,  doch  freilich  nur  dann,  wenn  keine 
Störung  durch  häufige  Kreuzung  mit  der  ursprünglichen  Form 
der    Stammart  dazwischen    kommt.     Die    staunenswürdigeD 


376         aUguHg  der  ma(h.^h^s.  Clasac  wm  7.  Uikre  1868. 

Resultate  der  erfahrensten  brittischen  Taabenzuchter  werden 
von  ihnen  nur  dadurch  erreicht,  dass  sie  eine  einzige  Race 
halten,  diese  stets  in  einer  bestimmten  Richtung  züchten 
und  sie  von  anderen  Taubenracen  absondern. ') 

Es  ist  för  die  Varietätenbildung  zwar  vortheilhaft,  aber 
keineswegs  immer  nothwendig,  dass  eine  so  schwer  zu  über- 
windende Schranke,  wie  sie  ein  breiter  Strom,  ein  Hodi- 
gebirge  oder  ein  Meer  bietet,  vorhanden  sein  muss,  um 
die  Ausgewanderten  vom  bisherigen  Verbreitungsgebiet  der 
Stammart  lange  abzusondern.  Jede  beträchtliche  räumliche 
Entfernung  von  den  äussersten  Grenzen  des  bisherigen  Stand- 
ortes der  Art  durch  zufallige  Verschleppung,  überhaupt  jede 
plötzliche  Versetzung  in  eine  Gegend,  wo  di^orographischea 
Verhältnisse  ein  getrenntes  selbständiges  Fortkommen  der 
Emigranten  begünstigen,  kann  ähnliche  Wirkungen  haben. 
Jede  länger  dauernde  Isolirung  von  Colonisten  auf  einem 
neuen  Boden  wird  ihren  Abkömmlingen  gestatten,  die  durdi 
veränderte   Lebensbedingungen    gewonnmen    Modifikationen 


2)  Die  von  Darwin  besonders  im  15.  Gapitel  seines  neaesten 
Buches:  „das  Yariiren  der  Thiere  und  Pflanzen  im  Zustande  der 
Domesücation'*  mitgetheilten  zahlreichen  Thatsachen  liefern  den 
nnwiderleglichen  Beweis,  dass  eine  ganz  ungehinderte  Krenzung 
jede  Yariet&tenbildung  unmöglich  macht.  Er  sagt  dort:  die 
völlig  freie  Kreuzung  sowohl  im  Zustande  der  Natur  als  in  dem 
der  Domestication  gibt  den  Individuen  einer  und  derselben  Speeies 
oder  Varietät  hauptsächlich  Gleichförmigkeit,  wenn  sie  unter 
einander  gemischt  leben  und  keinen  eine  excessive  Variabilität  ver. 
ursaohenden  Bedingungen  ausgesetzt  sind.  Das  Verhüten  freier 
Kreuzungen  und  das  absichtliche  Paaren  individueller  Thiere  sind 
die  Ecksteine  der  Kunst  des  Züchtens.  Niemand,  der  seiner  Sinne 
mächtig  ist,  wird  erwarten ,.  eine  Race  in  irgend  einer  beeondem 
Art  und  Weise  zu  veredeln  oder  zu  modificiren  oder  eine  alte  Race 
rein  und  distinct  zu  erhalten,  wenn  er  nicht  seine  Thiere  ah« 
sondert^*  S.  118  und  114  der  deutschen  Uebers.  von  Yictor 
Carus.  (Stattgart  1868.) 


M.  Wagner:  Die  Danoin'sche  Theorie  etc,  87t 

einzelner  Organe  in  verstärktem  Grade  fortzuzüchten ,  wenn 
sie  in  deren  Vererbung  und  Fixirung  nicht  durch  zu  häufige 
Mischung  mit  nachrückenden  Individuen  des  Urschlages  ge- 
stört und  gehindert  wetden. 

Bekanntlich  verfügt  die  Natur  über  zahllose,  oft  höchst 
merkwürdige  Transportmittel.  Auch  der  Zufall  bringt  deren 
viele  herbei,  um  die  passive  Wanderung  von  Pflanzensamen, 
von  Lurchen-  und  Fischlaich,  kleinen  Mollusken,  Insecten- 
eiem  u.  s,  w.  zu  befördern.  Das  Darwiu'sche  Buch  enthält 
darüber  viele  interessante  Beobachtungen.  Ich  will  diesen 
Mittheilungen  aus  den  mir  bekannten  Fällen  nur  eilten 
einzigen  beifügen. 

Als  im  Oktober  1836  der  Obelisk  von  Luxor  nach 
zweijährigem  Liegen  in  Paris  von  seiner  hölzernen  Umhüll- 
ung befreit  und  auf  der  Place  de  la  Concorde  aufgestellt 
wurde,  fand  man  unter  dieser  Hülle  eine  kleine  Golonie 
Ton  lebenden  ägyptischen  Scorpionen  der  zwölfaugigen 
Gattung  Androctonus.  Sie  wurden  an  den  3amaligen  Con- 
servator  der  entomologischen  Abtheilung  des  Pflanzengartens, 
Professor  Audouin  lebend  abgeliefert.  Diese  ausgezeich- 
neten Arachniden,  so  unfreiwillig  von  den. Ruinen  Thebens 
nach  Nordfrankreich  verschleppt,  hatten  dort  nicht  nur  zwei 
Winter  überstanden,  sondern  auch  die  Mittel  gefunden,  sich 
zu  ernähren  und  vielleicht  selbst  zu  vermehren.  Hätte  nun 
der  Zufall  gewollt,  dass  diese  Arachniden  statt  in  einem 
bevölkerten  Gulturmittelpuukt,  schon  auf  der  Reise,  die 
viele  Monate  dauerte,  irgendwo,  z.  B.  am  Seegestade  bei 
Toulon  abgesetzt  worden  wären ,  so  würden  sie  sich  dort 
wahrscheinlich  weiter  vermehrt  und  die  Fauna  Südfrankreichs 
mit  einer  Scorpionenart  bereichert  haben,  welche  sie  nicht 
besitzt.  Aber  höchst  wahrscheinlich  würden  in  diesem  Falle 
die  veränderten  Lebensbedingungen  auch  den  Anstoss^zu 
einer  Variation  und  damit  zur  Bildung  einer  neuen  Art  ge- 
g^eben  haben. 
[1868.  I  3.]  '  26 


S78        SiUtung  der  matK-phya,  Qasse  wm  T,  März  186S. 

Eines  der  merkwürdigsten  Beispiele,  wie  durch  zufällige 
Yerirrung  oder  Verschleppnng  einzelnei:  Individuen  auf  ein 
Nachbargebiet  bei  TöUiger  Isolirung  und  sehr  yeränderteD 
Lebensbedingungen  eineThierart  in  einem  verhältnissmässig 
nicht  sehr  langen  Zeitraum  Gestalt,  Farbe,  Lebensweise 
u.  s.  w.  verändern,  und  zu  einer  guten  neuen  Art  sich  um- 
gestalten kann,  zeigt  uns  eine  Species  der  Eäfergattung 
Tetracha  im  tropischen  Amerika.  Die  Lebensweise  dieser 
Käfergattung  ist  dort  ganz  dieselbe  wie  die  der  unsern  Entomo- 
logen wohlbekannten  Gattung  Megacephala  der  alten  Welt, 
von  der  das  amerikanische  Genus  Tetracha  eigentlich  nur 
eine  Untergattung  bildet.  Tetracha  Carolina  L.  und  T. 
geniculata  Ghev.  leben  ganz  so  wie  die  asiatische  Mega- 
cephala euphratica  gesellig  und  ungemein  häufig  an  den 
feuchtesten  Stellen  der  sandigen  Flussufer.  Ein  sehr  nasser 
Standort  ist  diesen  Käfern  Bedürfniss.  Auch  während  der 
Nacht 9  wo  sie  sich. unter  Steinen  oder  abgefallenen  Baum- 
ästen verbergen,  wählen  sie  nur  Stellen,  die  vom  Flusswasser 
stark  befeuchtet  sind.  Nur  höchst  selten  entfernen  sie  sich 
vom  üferrande  landeinwärts. 

Die  Flüsse  in  Venezuela  und  im  westlichen  Central- 
Amerika,  wo  letztgenannte  Art  häufig  ist,  fiiessen  theilweise 
durch  Savannenstriche,  wo  sie  in  losen  Tuffboden  aich  leicht 
einfurchen  und  tiefe  Rinnsale  mit  hohen  steilen  Ufern  graben. 
Durch  zufäljige  Verirrung  oder  Verschleppung  gerathen  ein- 
zelne Individuen  dieser  Art  aus  den  oberen  Flussgegenden 
auf  den  fiachen  wasserlosen  Boden  der  nahen  Savanne,  und 
können  dann  nicht  mehr  zurück,  ohne  an  den  senkrechten 
Ufern  hinabzustürzen.  Auf  diesem  trockenen  Savannenboden 
hat  sich  aber  aus  solchen  verirrten  Individuen  bei  sehr  ver- 
änderten Lebensbedingungen ,  in  wahrscheinlich  nicht  sehr 
langer  Zeit,  eine  ganz  neue  Art,  länger,  schmaler^  gestreckter 
nnd  von  einer  auffallend  schwärzlichen  Färbung  der  Flügel- 
decken  statt  der  glänzend-grünen  Stammart  ^  gebildet.     Te- 


M.  Wagner:  Die  Dcmoin^sche  Theorie  etc.  379 

tracha  Lacordairei  Gory.  und  die  Varietät  T.  elongata  kaben 
sich  im  schrofiFen  Gegensatz  gegen  die  Lebensweise  der 
übrigen  Arten  dieser  Gattung  den  ganz  veränderten  Verhält- 
nissen in  der  trockenen  Steppe  angepasst.  Sie  leben  nicht 
gesellig,  sondern  einzeln  unter  Steinen  und  machen  nur  im 
Sonnenschein  der  Morgenstunden  Jagd  auf  kleine  Dipteren. 
Der  Metallglanz  ihrer  Flügeldecken  scheint  durch  den  Einfluss 
der  Trockenheit  verschwunden  zu  sein.  Die  Entstehung 
dieser  dunklen  Art,  die  sehr  viele  individuelle  Varietäten 
zeigt,  kann  keinesfalls  älter  sein,  als  der  Zeitraum,  den  die 
Flüsse  brauchten,  um  sich  in  den  trockenai  Savannenboden 
einzufurchen. 

Aus  ganz  ähnlichen  Ursachen  sind  sicher  auch  viele  der 
auf  den  verschiedenen  Höhenstufen  oder  Regionen  der  Gor- 
dillere  vertheilten  Käferarten  durch  lange  Trennung  von 
ihren  früheren  Speciesgenossen  dadurch  entstanden,  dass 
sich  ihr  Organismus  den  veränderten  Lebensbedingungen  der 
neuen  Heimath  angepasst  hat.  Sehr  auffallend  zeigt  sich 
diese  Umwandlung  namentlich  bei  den  Arten  der  merk- 
würdigen Gattung  Zopherus,  welche,  durch  ihre  bizarre  Form 
überraschend,  von  den  Indianern  oft  lebend  in  den  H&usern 
gehalten  wird  und,  vielleicht  in  Folge  dieses  Umstandes, 
auch  auf  die  Hochebenen  verschleppt  wurde,  wo  eine  kleinere 
verkümmerte  Art  entstand. 

Aus  den  höheren  Thierklassen  liefert  die  Klapperschlange 
ein  ähnliches  Beispiel.  Grotalus  horridus  ist  in  den  trockenen 
Savannen  der  Tiefregion  von  Nicaragua  und  Guanacaste 
häufig.  Auf  dem  Plateau  von  Costarica  4000'  über  dem 
Ocean  kommt  viel  seltener  eine  ihr  ähnliche,  aber  doch  ab- 
weichende kleinere  Form  -der  Klapperschlange  vor,  welche 
Dr.  Fitzinger  nach  Untersuchung  der  von  mir  mitgebrachten 
Exemplare  als  eine  besondere  Art  beschrieben  hat.  Diese 
Giftschlange  ist  ein  im  Hochland  eingewanderter  Fremdling, 
bat  sich  aber  den  von  der  Tiefregion    sehr   verschiedenen 

25* 


880        Siteung  der  maüh.'phys.  Cloise  tarn  f.  Mtbrz  186B. 

Lebensbedingungen  des  Hochlandes  angepasst.  In  Folge 
kärglicherer  Ernährung  ist  sie  hier  kleinem  und  yerkümmerter 
geworden. 

Diese  Fälle  sind  namentlich  bei  den  erwähnten  Käfer- 
gattungen sehr  wichtig,  denn  sie  beweisen^  wie  es  auch  sonst 
wahrscheinlich  ist,  dass  eine  Veränderung  der  Art  in 
Folge  veränderter  Lebensbedingungen  nicht  immer  noth- 
wendig  eine  VerTolIkommnüng  der  Form  mit  sich  bringt, 
sondern  oft  auch  eine  Verkümmerung  bei  schlechter  Er- 
nährung darstellen  kann,  welche  sich  aber  doch  erhält  und 
fortzüditet,  wenn  Me  den  Verhältnissen  sich  anpassend  der 
neuen  Art  einen  lokalen  Vor th eil  bringt.  Der  schlaukere 
BaUj  die  dunklere  Farbe  der  Steppenform  ist  z.  B.  bei 
Tetracha  elongata  im  Vergleich  mit  der  wohlgenährten, 
metallisch  glänzenden  Uferart  T.  geniculata  gewiss  kein 
Fortschritt  des  Organismus,  aber  sie  kommt  dem  Raubkäfer 
bei  seiner  schwierigeren  Ernährung  gut  zu  Statten.^) 

Dio  Mehrzahl  der  alpinen  Pflanzen  und  Insecten  erinnert 
an  sehr  nahe  stehende  Arten,  welche  theils  die  Ebenen  am 
Fusse  der  Alpen,  tiieils  die  verschiedenen  Stufen  ihrer  Ge- 
hänge bevölkern.  Auch  ihre  Entstehung  lässt  sich  durdi 
die  erwähnten  Migrationsgesetze  sehr  einfach  erklären. 
Wanderungen  vom  Standort  der  Ebene  aufwärts  mit  hin- 
reichend langer  Isolirung  vom  Verbreitungsbezirk  der  tiefem 


3)  Auch  der  braune  Bär  war  im  Yergleich  mit  dem  grossem, 
besser  genährten  diluvialen  Höhlenbären,  von  dem  er  wahrscheinlich 
abstammt,  ebenso  wenig  ein  organischer  Fortschritt^  aber  in  seiner 
verkümmerten  Form  war  er  den  veränderten  Verhältnissen  b« 
schwierigerer  Ernährung  in  Folge  der  eingetretenen  Eiszeit  besser 
angepasst  als  der  Höhlenbär ,  das  grösste  Raubthier  der'  quartären 
Periode,  welchen  der  höhlenbewohnende  Mensch  der  gleichen  Periode 
allmählig  aus  seinen  Wohnstätten  verdrängte  und  dem  er  mit  seineo 
künstlichen  Steinwaffen  und  knöchernen  Pfeilen  eine  furchtbare  Con- 
eurrenz  machte. 


af.  Wagner:  Die  Barmn*SQhe  Theorie  etc.  881 

Region  mussten  Varietätenbildungen  am  so  mehr  begünstigeD, 
als  hier  die  verschiedenen  Elimate  der  Höhenregionen  eine 
Veränderung  der  Lebensbedingungen  steigerten  und  damit 
einen  starkem  Einfluss  auf  die  individuelle  Variabilität  des 
Organismus  übten. 

Alle  Gebirgsstufen  waren  daher  und  sind,  freilich  weit 
beschränkter  als  früher,  auch  jetzt  noch,  ganz  ähnlich  wie 
die  Inseln,  natürliche  Versuchsstationen  zu  neuen 
Racenbildungen,  wenn  es  den  Arten  der  Ebenen  gelingt, 
sich  dort  getrennt  vom  frühern  Standort  anzusiedeln  und 
fortzukommen.  Indessen  wird  begreiflicherweise  den  Ein- 
wanderern die  Absiedlung  bedeutend  erschwert,  wenn  die 
Höhenstufen  bereits>on  andern,  nahe  verwandten  Arten  stark 
bevölkert  sind.  Nur  in  den  günstigsten  Fällen  wird  eine 
Einwanderung  weniger  Individuen  auch  eine  neue  dauernde 
Oolonie  und  damit  den  Ausgangspunkt  einer  neuen  Stamm- - 
art  bilden. 

Grosse  klimatische  Veränderungen  auf  der  Erdoberfläche 
wie  sie  vor  und  nach  der  letzten  grossen  Eisperiode  statt- 
fanden,' haben  wahrscheinlich  nur  einen  geringen  direkten 
Einfluss  auf  neue  Artenbildungen  gehabt.  Ihr  indirekter 
Binfluss  dagegen  muss  unermesslich  gross  gewesen  sein  durch 
die  nothwendigen  Emigrationen  der  meisten  Arten,  durch 
eine  Verschiebung  derselben  zuerst  von  Nord  nach  Süd, . 
dann  durch  eine  partielle  Rückwanderung  vieler  nach  Süden 
gedrängter  Species  in  entgegengesetzter  Richtung.  Durch 
diese  vielfachen  grossaitigen  Migrationen  vor  und  nach  jener 
quartären  Epoche,  welche  die  Geologie  als  die  „Eiszeit^' 
bezeichnet,  wurden  zahllose  neue  Artenbildungen  vermittelst 
der  natürlichen  Zuchtwahl  begünstigt.  Letztere  hätte  aber 
ohne  jene  Migrationen  nicht  zu  operiren  vermocht.  Die 
überaus  zahlreichen  vicarirenden  Formen  der  Vegetation  und 
Thierwelt  Nordamerika's ,  welche  in  so  auffallendem  Grade 
an  verwandte  Arten  Nordasiens  und.  Europa's  erinnern,  sind 


382         Sitzung  der  math.'phy8,  Claeae  vom  7.  März  1863, 

höohst  wahrscheinlich  aas  den ;  damaligen  Wanderungen 
hervorgegangen.        , 

Wichtige  Belege  för  die  auflfallende  Tendenz  des  Orga- 
nismus zu  einer  gesteigerten  Veränderlichkeit  bei  einer  Ab- 
trennung einzelner  Individuen  vom  bisherigen  Standort  der 
Art  bieten  die  Anden  der  Aequatorialzone  Südamerika's  dar. 
Nirgendwo  hat  die  Natur  die  leichte  Isolirung  von  Pflanzen 
und  Thieren  der  mittleren  und  höheren  Regionen  und  damit 
die  Bildung  von  Arten  und  Varietäten  mehr  begünstigt  als 
auf  der  Doppelreihe  der  Andesitkegel  und  Vulkane  von 
Quito.  Fast  jeder  dieser  isolirten  Riesenberge  besitzt  ge- 
Wissermassen  seine  eigene  Flora  und  Fauna,  d.  h.  eine 
Anzahl  von  Arten  und  Varietäten,  die  auf  den  übrigen  Kegeln 
fehlen,  aber  denen  der  nächstliegenden  Berge  sehr  nahe 
verwandt  sind. 

Die  aufifallendsten  Beispiele  dieser  Erscheinung  bieten 
unter  den  Gebirgspflanzen  die  Gattungen  Eupatorium,  Gen- 
tiana  und  Ranunculus,  unter  den  Käfern  die  Gattung  Gol- 
podes ,  unter  den  Vögeln  die  ausgezeichnete  Golibrigattung 
Oreotrochilus.  Von  letzterer  Gattung,  welche  ausschliesslich 
der  höchsten  Region  angehört,  fand  ich  &8t  auf  jedem  Vulkan 
und  Andesitkegel  des  Hochlandes  von  Quito  eine  eigene 
Abart.  Der  Oreotrochilus  Pichincha  mit  hellblauem  Kojrf 
und  Kehle  erscheint  in  der  Schneeregion  des  Ghimborazo 
wieder,  aber  in  einer  sehr  merkwürdigen  Varietät  mit  einem 
grünen  Streifen  unter  dem  blauen  Rand  der  Kehle,  welcher 
jenem  fehlt.  Herr  Gould  hat  diese  Varietät  des  Ghimborazo- 
Golibri  sogar  zu  einer  besondern  Art  erhoben. 

Bekanntlich  steht  j^der  Vulkankegel  von  Quito  isolirt, 
meist  in  Intervallen  von  2  bis  3  geographischen  Meilen  vom 
nächsten  entfernt.  In  den  Zwischenräumen  fehlt  auf  dem 
Kamm  der  Gordillere  die  Schneeregion.  Solche  dem  Plateaa 
aufgesetzte  vereinzelte  Bergkolosse,  welche  die  Kammhöhe 
der  Kette  um  4  bis  5000  Fuss  überragen,  mussten  bereif- 


M.  Wagner*.  Die  Darwin' sehe  Theorie  etc,  383 

licherweise  die  Bfldung  neuer  Varietäten  und  Arten  darch 
Isolirong  zugewanderter  Organismen  unendlich  mehr  be- 
günstigen, als  Berge,*  welche  mit  der  Kette  selbst  zusammen- 
hängen. 

In  Mitteleuropa,  besonders  in  unsem  Alpen  erinnert 
das  sporadische  Vorkommen  gewisser  Pflanzen-  und  Insecten- 
arten,  welche  mitunter  auch  nur  einem  einzigen  Berg,  nur 
einem  Thal  eigen  sind,  an  ähnliche  Vorkommnisse.  Unter 
den  Schmetterlingen  liefern  namentlich  die  ausgezeichneten 
Gattungen  Euprepia  Und  Plusia  merkwürdige  Belege  dafür. 
In  den  Ebenen  der  Lombardei  kommt  ein  bekannter  Spinner, 
Euprepia  villica  häufig  vor,  fehlt  aber  in  den  Hochthälem 
von  Graubündten ,  wo  an  seiner  Stelle  eine  ihm  ähnliche, 
schöne  und  ausgezeich^nete  Art  E.  flavia  auftritt,  welche 
ausser  dem  Thal  von  Oberengadin  nirgendwo  gefunden  worden 
ist.  Unter  äen  Plusien  ist  das  sporadische  Vorkommen 
vieler  vicarirender  Arten  sehr  bezeichnend.  In  der  alpinen 
Region,  wo  Plusia  orichalcea  verschwindet,  erscheint  an  ihrer 
Stelle  die  ihr  ähnliche  P.  bractea.  P.  chrysitis  wird  im 
Kanton  Wallis  in  einer  gewissen  Höhe  durch  eine  ihr  nahe 
stehende  Art  P.  deaurata  ersetzt,  welche  bis  jetzt  einzig  nur 
in  der  alpinen  Region  von  Wallis  gefunden  wurde. 

Sehr  veränderte  Lebensbedingungen,  welche  bei  den 
genannten  Gattungen  schon  durch  den  Wechsel  der  Futter- 
pflanze  für  die  Raupen  stattfanden,  haben  bei  ihren  sämmt- 
lichen  Arten,  deren  Lebensweise  eine  eigenthümliche  Neigung 
zur  Wanderung  und  sporadischen  Isolirung  zeigt,  die  Ver- 
änderungen offenbar  sehr  begünstigt. 

-  Wir  könnten  zahlreiche  andere  Beispiele  von  Insecten 
aller  Ordnungen  anführen,  um  nachzuweisen,  wie  gerade  bei 
den  meisten  nächst  verwandten  Arten  die  Verbreitungsbezirke 
zwar  nahe  liegen,  deren  Grenzlinien  aber  um  so  stärker 
divergiren.  Diese  Vorkommnisse  würden  ohne  den  Einfluss 
der   Wanderung   auf  die   Zuchtwahl    nicht   erklärbar  sein. 


884        Sitzung  der  wath.-jßys,  CUase  vom  7.  Mihre  1868. 

Jeder  denl^nde  Zoolog,  der  nidbt  einseitig  mit  einer  sterilen 
Systematik  sich  begnügt,  und  besonders  jeder  Eatomolog, 
der  nicht  ein  ezclusiver  Speciessammler  und  Speciesmadi^ 
ist,  sondern  auch  für  die  Lebensweise  und  für  die  so  merk- 
würdigen Gesetze  der  geographischen  Verbreitung  sich  einen 
unbefangen  prüfenden  Blick  bewahrt  hat,  wird  mir  gewiss 
beistimmen. 

Das  Migrationsgesetz  der  Organismen  und  die 
natürliche  Zuchtwahl  stehen  sicher  in  einem  innigen 
Zusammenhang.  Die  geographische  Vertheilung  der 
Formen  würde  ohne  die  Darwin'sche  Theorie  nicht 
erklärbar  sein.  Andererseits  könnte  aber  auch  die 
Zuchtwahl  ohne  eine  Wanderung  der  Organismen, 
ohne  die  längere  Isolirung  Einzelner  Individuen  vom 
Verbreitungsbezirk  der  Stammart  nicht  wirksam 
werden.  Beide  Erscheinungen  stehen  in  enger  ViTech- 
selwirkung. 

Auch  in  Bezug  auf  die  fossilen  Organismen  der  früheren 
geologischen  Perioden  dürfte  dieses  Gesetz  ein  neues  Lidit 
verbreiten,  wenn  Geologen  und  Paläontologen  im  Besitze 
eines  umfassendem  Materials  als  gegenwärtig  selbst  die 
reichsten .  Sammlungen  darbieten,  sich  einmal  mit  dem  ver- 
gleichenden Studium  der  geographischen  Verbreitung  aller 
verwandten  fossilen  Arten  aus  der  gleichen  Periode  eingehender 
beschäftigen  werden.  Bis  jetzt  ist  in  dieser  Richtung  noch 
wenig  geschehen.  Ein  gründlicher  Kenner  der  Tertiä^ 
muscheln,  Dr.  Karl  Mayer,  glaubt  bei  einigen  Gattungen 
und  Arten,  z.  B.  der  Gattung  Turritella  im  Sinn  der  Da^ 
win'schen  Theorie  alle  Uebergänge  nachweisen  zu  können. 

Wanderungen  in  Folge  des  Kampfes  um  Baum,  Nahrung 
und  Fortpflanzung,  Ansiedlungen  ausgewanderter  Individuen 
fern  vom  Standort  der  Stammart  mussten  auch  in  jen^ 
früheren  Epochen  der  Erdgeschichte,  wo  grossärtige  geolo- 
gische Vorgänge  und  Umgestaltungen  3<  B.  das  Aufsuchen 


Üf.  Wagner:  Die  Darmn^uche  Theorie  etc,  885 

von  Inseln,  die  Emporhebung  ganzer  Gontinente,  die  Lebens- 
bedingungen  der  Organiemen  so  bedeutend  veränderten  und 
wo  die  menschliche  Kultur  der  freien  Wanderung  der  Thiere 
Booh.kein  Hinderniss  entgegensetzte,  ungleich  mehr  als  gegen- 
wärtig, häufige  Modifikationen  der  Form  begünstigen.  Auch 
das  Seltenerwerden  und  allmälige  Verschwinden  zahlloser 
Arten  der  Vorwelt  in  den  oberen  und  jüngeren  Schichten 
aller  Formationsreihen  steht  höchst  wahrscheinlich  im  innigsten 
Zusammenhang  mit  dem  Migrationsgesetz.  Anpassung  an 
veränderte  Lebensbedingungen,  eine  Umbildung  der  Form 
scheint  einer  Verjüngung  gleich  zu  kommen.  Arten,  welche 
nicht  wanderten,  sich  also  nicht  veränderten,  starben  all- 
mählig  aus.  Unverändertes  Verharren  in  derselben  Form 
brachte  ihnen  den  Untergang.  In  der  Geschichte  der  Natur  voU- 
2deht  sich  seit  undenklichen  Zeiten  ein  ähnliches  Gesetz^  wie  in 
der  Kulturgeschichte  der  Staaten  seit  wenigen  Jahrtausenden. 

Der  Mensch,  dessen  Zugehörigkeit  zur  Klasse  der  Säuge- 
thiere  als  die  höchst  entwickelte  Form  derselben  in  morpho- 
logi^'cher-  und  physiologischer  Beziehung  nicht  bestritten 
■werden  kann,  war  während  seiner  verschiedenen,  zweifelsohne 
sehr  lange  dauernden  vorhistorischen  Entwicklungsperioden 
dem  gleichen  Migrationsgesetz  unterworfen.  Einzelne  Menschen- 
paare müssen  oft  weit  über  die  äussersten  Grenzen  des 
Verbreitungsgebietes  ihrer  rohen  Racengenossen  gewandert 
sein.  In  den  günstigsten  Fällen,  wo  bei  vollständiger  Iso- 
lirong  ihr  Organismus  den  Naturverhältnissen  der  neuen 
Heimath  sich  anpasste,  und  die  gewonnenen  körperlichen 
Veränderungen  unter  der  Einwirkung  veränderter  Lebens- 
bedingungen in.  einher  bestimmten  Richtung  sich"  fortbildend 
vererbten,  koimten  sie  dort.  Stammpaare  einer  neuen  Race 
oder  ünterrace  werden. 

Alle  Hochgebirge  waren  für  die  Entstehung  veredelter 
Menschenracen  von  der  allergrössten  Bedeutung.  Auf  ihren 
Yeyscluedenen    Höhenstufen  und  Plateaux,    in   ibr^  abge- 


886         Sitzung  der  math,-phy8,  Glosse  wm  7.  Märg  1868. 

8ohlo8senen  Thälern  konnten  einzelne  Menschenpaare  oder 
Familien,  thätiger  und  intelligenter  als  ihre  bisherigen  Stamm- 
genossen, sich  leichter  isoliren,  als  in  Flachländern.  Die 
Yortheilhaften  Veränderungen  ihrer  einzelnen  Organe  ver- 
erbten sich  auf  ihre  Nachkommen.  Nur  kräftige  Individuen 
erhielten  sich ;  schwächliche  und  dumme  Menschenexemplare 
gingen  damals  wohl  meist  zu  Grunde. 

Nicht  ohne  tiefere  Bedeutung  weist  die  Sage  in  allen  Welt- 
theilen  auf  die  Hochgebirge  als  die  Wiegen  aller  ältesten  Kultur- 
völker hin.  Himalaja,  Kuen-lün  und  Thiaü-schan  waren  für  die 
mongolische  Race,  die  Araratgruppe  und  der  armenische  Taurus 
für  die  Semiten,  der  Hindukusch,  die  Gebirge  Jrans  und  der 
Kaukasus  für  die  Arier  sowohl  ursprüngliche  Bildungscentren 
des  Stammes,  als  Ausgangspunkte  ihrer  späteren  erobernden 
Wanderzüge.  In  Ostafrika  haben  die  Hochländer  von  Abyssinien 
und  Nubien,  im  nordwestlichen  Afrika  das  Atlasgebirge,  in 
Amerika  die  Hochländer  von  Mexiko,  Peru  und  Gundinamarca 
gleichfalls  kräftigere  und  intelligentere  Menschenracen  ge- 
züchtet, welche  dort  eine  ähnliche  Rolle  spielten. 

Das  kältere  Klima  dieser  Gebirgsländer  hat  nur  indirekt 
einen  veredelnden  Einfluss  auf  die  körperliche  und  geistige 
Entwicklung  ihrer  Bewohner  geübt.  Die  eigentliche  Ursädie 
lag  in  der  leichteren  Möglichkeit  für  einzelne  Familien,  in 
diesen  Hochländern  sich  räumlich  abzusondern  und  den 
Ursprung  zu  einer  neuen  Race  oder  Unterrace  zu  l^en, 
welche  in  ihrer  ruhigen  Fortentwicklung  nicht  durch  häufige 
Mischung  mit  Individuen  des  Urstammes  gestört  wurde. 

Die  Gebirge  Waren  also  für  die  Menschheit  vortheil- 
hafte  Bildungsstätten  zur  Veredlung  der  Formen.  Migrationea 
und  isolirte  Ansiedlungen  einzelner  Paare  gründeten  VersuchB* 
Stationen  für  die  Zuchtwähl,  welche  vom  Klima  nur  dadordi 
begünstigt  wurden,  dass  die  Ansiedler  dort  nicht  allein  von 
Wurzeh  und  Früchten  leben  konnten,  sondern  zur  Jagd  und 


M,  Wagner*.  Die,  Dartvin'sche  Theorie  etc.  387 

zum  Fischfang  übeigehen  mussten.  Körper  und  Geist  wurden 
dadurch  zu  grösserer  Thätigkeit  gezwungen.  Erworbene 
körperliche  und  geistige  Fähigkeiten  vererben  immer  bis  zu 
einem  gewissen  Grade  auf  die  Nachkommen,  welche  dieselben 
durch  rastlose  üebung  steigern  können.  Die  Werkzeuge  von 
Stein,  Holz  und  Knochen,  welche  die  wilden  Menschen  er- 
fänden, die  kleinen  practischen  Kunstgriffe,  die  sie  sich  durch 
Erfahrung  aneigneten ,  wurden  mit  der  Verbesserung  ihres 
sprachlichen  ^littheilungsvermögens  gleichfalls  Erbeigenthum 
von  isolirten  Familien,  die,  unter  günstigen  Umständen  sich 
vermehrend,  Stämme  und  neue  Racen  bilden  konnten. 

Wenn  unsere  Ansicht  richtig  ist;  nur  durch  Migration 
und  Isolirung  einzelner  Individuen  vom  Verbreitungsgebiet 
der  Art  konnte  und  kann  die  Zuchtwahl  wirken,  konnten 
einst  und  können  auch  jetzt  noch  (freilich  seltener  und 
schwieriger  wegen  der  Hindernisse  durch  die  verbreitete 
menschliche  Gultur)  neue  Varietäten  und  Arten  entstehen, 
dann  sind  damit  auch  die  wesentlichsten  Einwi^fe ,  welche 
man  gegen  die  Darwin'sche  Theorie  bisher  erhoben,  voll- 
ständig beseitigt. 

1  ^ 

Bronn  hat  bereits  in  seiner  deutschen  Uebersetzung 
des  Darwin' sehen  Buches  ein  besonderes  Gewicht  auf  den 
Einwurf  legen  zu  müssen  geglaubt ,  dass  nach  der  Theorie 
der  natürlichen  Zuchtwahl  endlose  Mittelformen  mit  sofeinen 
Abstufungen ,  als  es  die  Varietäten  der  heutigen  Systematik 
sind,  vorhanden  sein  und  dass  alle  organischen  Formen  zu 
einem  unentwirrbaren  Chaos  zusammenfliessen  mussten. 

Dieser  Einwurf  wäre  aber  nur  dann  begründet,  wenn 
man  annehmen  wollte,  dass  die  natürliche  Zuchtwahl  immer 
und  überall  auch  ohne  die  Bedingung  der  Migration 
stattfinden  könnte  und  müsste.  Die  Existenz  „\sahlloser 
Mittelformen"  darf  man  aber  keineswegs  erwarten,  wenn  bei 
Isolirung    ausgewanderter   Individuen    die  Zuchtwahl  unter 


888         SUstung  der  math^phys,  Gasse  wm  7,  März  1868. 

dem  EinflasB  veränderter  Lebensbedingimg^i  in  einer  be- 
stimmten Richtung  fortwirkte.  Bei  ungestörter  Inzucht  der 
Colonisten  müssen  die  organischen  Veränderungen  ^  welehe 
sich  stets  den  umgebenden  Verhältnissen  anzupassen  trachten, 
durch  eine  Reihe  von  Generationen  eine  noth  wendige  Steigerung 
erfahren.  Viele  Mittelformen  könnten  sich  nur  da  erhalten, 
wo  der  neue  Standort  der  Colonisten  nicht  durch  natürlidie 
Schranken  oder  grosse  räumh'che  Entfernungen  gegra  häufige 
Inyasionen  der  älteren  Stammgenossen  geschützt  ist.  Finden 
solche  Invasionen  nur  selten-  und  in  geringer  Zahl  statt, 
dann  wird  die  Varietät  oder  beginnende  Art  in  ihrer  Bildung, 
besonders  wenn  letztere  schon  weit  genug  vorgeschritten  ist, 
nur  wenig  gestört  werden. 

Es  ist  eine  bekannte  Eigenhmt  fast  aller  Thierarten  im 
Naturzustande,  dass  gerade  die  nahverwandten  Species  am 
meisten  den  geselligen  Verkehr  vermeiden  und  sich  fast 
immer  weit  feindlicher  gegenüber  stehen,  als  femer  stehende 
Formen.  In  G^enden,  wo  eine  trennende  natürliche  Schranke 
der  Migration,  wie  sie  ein  breiter  Strom  oder  ein  Hochge- 
birge darbietet,  nicht  existirt,  und  desshalb  mit  dem  häufigen 
Nachrücken  der  alten  Art  auch  die  allgemeine  Vermischung 
sich  wiederholt,  wird  eine  beginnende  Varietät  entweder  in 
die  frühere  Stammform  zurückfallen,  oder  es  werden  sich 
in  der  That  zahlreiche  Uebergänge  bilden,  wie  bei  gewissen 
Eäf^rarten  auf  den  Gehängen  unserer  Alpen.  Ein  kenntniss- 
reicher Entomolog  Herr  v.  Eiesenwetter,  früher  ein 
Gegner,  jetzt  ein  Anhänger  Darwins,  hat  unlängst  in  einem 
bemerkenswerthen  Aufsatz  der  entomologischen  Zeitschrift 
diese  zahllosen  uebergänge,  namentlich  bei  der  alpinen 
Käfergattung  Oreina  nachgewiesen. 

Ebenso  vollständig  beseitigt  dieses  Migrationsgesetz  im 
Bunde  mit  der  Zuchtwahl  einen  andern  oft  wiederholten 
Einwurf  der  Gegner  Darwins.    „Wenn  —  s««en  diese  — 


M.  'Wagner'''  Die  Darwin* sehe  Theorie  etc.  389 

die  natürliche  Zuchtwahl  eine  Nothwendigkeit  ist  und  seit 
undenklichen  Zeiten  wirkt,,  warum  existiren  noch  immer  die 
niedersten  Thier-  und  Pflanzenformen?  Warum  haben  sich 
unsere  Foraminiferen  und  Bryozoen ,  unsere  Algen  und 
Lichenen,  nicht  sämmtlich  längst  schon  in  höhere  Formen 
rerwandelt?" 

Unsere  Antwort  ist  auch  hier  einfach:  die  Zuchtwahl  ist 
keine  bedingungslose  Nothwendigkeit.  Sie  ist  an  die  Migration 
und  an  eine  lange  dauernde  räumliche  Absonderung  der 
Emigranten  mit  veränderten  Lebensbedingungen  geknüpft. 
Organismen,  welche  ihr  altes  Verbreitungsgebiet  nie  verlassen, 
verändern  sich  ebensowenig,  wie  gewisse  andere  Organismen, 
denen  die  Natur  ein  gar  zu  ausgedehntes  Wanderungsvermögen 
verliehen  hat.  Zu  letzteren  gehören  die  sog.  kosmopolitischen 
Arten  der  Thier-  und  Pflanzenwelt.  Litoralpflanzen ,  deren 
Samen  die  Meeresströmungen  leicht  transportiren ,  Krypto- 
gamen,  deren  Sporen  sich  so  leicht  durch  Winde  verbreiten,  selbst 
manche  phanerogame  Pflanzen  mit  leicht  fliegendeü  Samen 
haben  deshalb  als  Arten  oft  eine  ungeheure  Verbreitung. 
Bei  vielen  Thierarten  erkennt  man  dasselbe.  Tiger  und 
Wanderratte,  Storch  und  Schwalbe,  unter  den  Nachtvögeln 
die  Schleiereule,  unter  den  Insecten  der  weitverbreitete 
Schmetterling  Vanessa  cardui,  der  Menschen  quälende  Pulex 
irritans  etc.  etc.,  sie  erscheinen  überall  unverändert,  weil 
sie  bei  fortwährender  Kreuzung  mit  sporadischen  Ansiedlern 
ihrer  Art  auf  ihren  Wanderzügen  eine  dauernde  Isolirung 
von  Golonisten  und  damit  eine  wirkliche  Zuchtwahl  un- 
möglich machen. 

Ein  dritter  Einwurf  gegen^  Darwin,  welchen  man  aus 
dem  alten  Aegypten  hergeleitet  hat,  und  den  vor  nicht  sehr 
langer  Zeit  auch  Herr  Keferstein  in  GÖttingen  mit  Nach- 
druck wiederholen  zu  müssen  glaubte,  ist  sicher  der  schwächste 
von  allen.     Statt   den  Gegnern   Darwiu's  zu  dienen,   zeugt 


390         Sitzung  der  math.-phys,  Classe  vwn  7.  März  1868, 

derselbe  vielmehr  entschieden  für  unsere  oben  entwickelte 
Ansicl)t.  In  den  Pyramiden  nnd  Felsgräbem  von  Memphis 
und  Theben  hat  man  nämh'ch  Mumien  des  heiligen  Ibis 
(Ibis  religiosa)  sowie  von  Krokodilen  gefunden,  welche  bis 
zu  den  Zeiten  des  Königs  Ramses  I.  zurückdatiren  sollen, 
jedenfalls  aber  einige  Jahrlausende  älter  sind  als  der  Anfang 
unserer  christlichen  Zeitrechnung.  Diese  getrockneten  Exem- 
plare stimmen  mit  den  noch  heute  in  den  oberen  Nilgegenden 
vorkommenden  Arten  vollständig  überein.  „Wenn  nun  — 
sagen  Darwin's  G^ner  —  die  Zuchtwahl  fortwährend  wirk- 
sam ist,  warum  haben  sich  diese  Arten  seit  4000  Jahren 
nicht  im  Geringsten  verändert?" 

Wir  antworten:  so  musste  es  auch  seinl  Das  Nil- 
thal ist  ein  geographisch  abgeschlossenes  Gebiet.  Der  Ibis 
und  das  Krokodil  sind  am  Nil  Standthiere,  welche  nur  dort 
vorkommen,  niemals  auswandern  und  daher  auch  ihre  Lebens- 
bedingungen nie  ändern.  Wo  keine  Migration  stattfindet, 
keine  isolirte  Golonie  sich  bildet,  kann,  wie  gesagt,  auch 
keine  Zuchtwahl  thätig  sein.  Die  Krokodile  am  Niger  und 
Ganges  sind  dagegen  vom  Nilkrokodil  eben  so  verschieden, 
wie  die  Kaimane  der  verschiedenen  Stromgebiete  im  tro- 
pischen Amerika  untereinander  variiren  und  von  einigen 
Forschern  sogar  als  besondere  Arten  beschrieben  worden 
sind.  Hätten  sich  Ibis  und  Krokodil  bei  unveränderter 
Lebensweise  im  Nillande  seit  4000  Jahren  dennoch  verändert, 
dann  wfirde  unser  obiger  Ausspruch  falsch  sein. 

Das  Migrationsgesetz,  dem  zufolge  alle  Organismen  nach 
Erweiterung  der  Grenzen  ihres  Verbreitungsgebietes  streben 
müssen,  um  die  Lebensconcurrenz  mit  allen  übrigen  Wesen, 
besonders  aber  mit  ihren  Artgenossen,  bestehen  zu  können, 
ist  tief  in  der  Natur  der  Dinge  begründet.  Mit  der  Zu- 
nahme und  Verbreitung  der  menschlichen  Gultnr  musste 
jedoch  dieses  Gesetz  in  seinen  Wirkungen  eine  sehr  bedeateod^ 
Jdodification  erleiden. 


AT.  Wagner:  Die  BanmCache  Theorie  etc.  391 

So  leicht  den  meisten  Thierarten  noch  in  der  Tertiär* 
Periode  vor  dem  Beginn  menschlicher  Ansiedlungen  die  freie 
Ausübung  des  Migrationsvermögens  war,  so  sehr  ist  ihnen 
dasselbe  verkümmert  und  erschwert,  seitdem  der  Mensch 
mit  seiner  Intelligenz,  mit  seinen  künstlichen  Waffen  und 
Werkzeugen,  welche  kein  Thier  sich  bereitet,  als  Mitbewerber 
im  Kampfe  um  das  Dasein  auftrat.  Mit  der  Ausbreitung 
des  Menschengeschlechts  auf  der  Erde,  mit  seiner  zunehmenden 
Macht,  andere  Wesen  massenhaft  zu  vertilgen  oder  zu  seinem 
Nutzen  zu  vermehren,  ist  im  Vergleich  mit  früheren  Perioden 
die  Verbreitung  der  Organismen  durch  Wanderung  überaus 
beschränkt  und  ihr  Vorkommen  zum  Theil  von  seinem  Willen 
abhängig  geworden.  Auch  die  Wirkung  der  natürlichen 
Zuchtwahl  hat  damit  eine  unermessl^che  Beschränk- 
ung erlitten. 

Fast  alle  grösseren  Landsäugethier-Arten  sind  gegen- 
wärtig in  den  meisten  Ländern  nicht  mehr,  wie  vormals,  im 
Stande,  die  Grenzen  ihres  Verbreitungsbezirkes  durch  will- 
kürliche Wanderungen  beträchtlich  zu  erweitem.  Die  Jäger- 
völker vermindern  und  vertilgen  seit  langer  Zeit  alle  Säuge- 
thiere,  ,,die  ihnen  zur  Nahrung  und  Bekleidung  dienen,  die 
Hirten-  und  Agriculturvölker  vertilgen  ebenso  massenhaft 
alle  ihnen  schädlichen  Thiere.  Säugethiere  und  Reptilien,  in 
etwas  geringerem  Grade  auch  Vögel,  Insecten,  Krustenthiere, 
Schnecken  u.  s.  w. ,  fast  alle  Landthiere  sind  daher  seit  der 
Zunahme  des  Menschengeschlechts  und  seiner  Cultur  in 
ihrer  Existenz  wesentlich  vom  Menschen  abhängig.  Auch 
die  passive  Verbreitung  des  Pflanzensamens  ist  im  Vergleich 
mit  früheren  Zeiten  ungemein  beschränkt.  In  seinen  Gärten, 
Wiesen^  Feldern  führt  der  Mensch  gegen  die  Eindringlinge 
des  Pflanzenreichs  wie  gegen  die  schädlichen  Thiere  einen 
unerbittlichen  Krieg  und  wo  ihm  deren  Vertilgung  nicht 
gelingt,  vermindert  er  doch  ihre  Zahl,  beschränkt  er  ihr 
Fortkommen. 


S92         Siteung  der  math.-^hys,  dasse  v<m  T,  Märe  1866, 

Das  Verbreitungsgebiet  der  Unkräuter  und  Schmarozer- 
pflanzen,  der  Kaubthiere  und  giftigen  Reptilien,  überhaupt 
aller  Organismen,'  die  der  Mensch  nicht  hegt,  pflegt  oi& 
duldet,  ist  daher  mit  der  Ausdehnung  der  Gultur  immer 
enger  geworden.  Die  Wanderung,  die  isolirte  Ansiedlung 
der  wilden  Pflanzen-  und  Thierarten  wird  in  allen  Yon 
Menschen  bewohnten  ^Gegenden  ausserordentlich  erschwert. 

Die  früheren  geologischen  Perioden,  wo  die  jetzigen 
Menschenracen  sicher  nicht  existirten,  waren  für  die  Thätig-» 
keit  der  natürlichen  Zuchtwahl  unendlich  günstiger. 
Häufigere  und  ausgedehntere  Spaltungen  der  damals  düunern 
Erdkruste,  grosse  untermeerische  Durchbrüche  heissflüssiger 
Gesteine  des  Erdinnern  mussten  oft  die  physikalische  wie  die 
chemische  Beschaffenheit  des  Meerwassers  in  verschiedenen 
Gegenden  plötzlich  verändern.  Massenhafte  Emigrationen 
und  spätere  Rückwanderungen  ^der  Meergöschöpfe  mussten 
die  nothwendige  Folge  sein.  Alle  diese  Migrationen,  Ver- 
schiebungen und  sporadischen  Vertheili|ngen  unterstützten 
die  Wirksamkeit  der  natürlichen  Zuchtwahl  und  die  Formen- 
veränderungen der  von  ihrem  bisherigen  Verbreitungsgebiet 
fortgedrängten   oder    wegziehenden  Organismen  des  Meeres. 

Als  später  allmählig  zahllose  Inseln  im  Ocean  ^f- 
tauchten,,  waren  damit  der  natürlichen  Zuchtwahl  der  Land- 
und  Süsswasserthiere  ebensoviele  Versuchsstationen  geboten, 
als  gegen  die  Wanderung  der  Seethiere  Schranken  erriditet 
Die  Formenmannigfaltigkeit  wurde  dadurch  bei  d^  terrestri- 
schen Organismen  ungemein  begünstigt. 

Die  fruchtbarste  Epoche  der  Wirksamkeit  für  die  natür- 
liche Zuchtwahl  existirte  während  der  beiden  ersten  Haupt- 
perioden der  TertiärbilduDgen  (Eocän-  und  Miocänperiode), 
wo  bei  fortdauernder  Thätigkeit  der  unterirdischen  hebendai 
Kräfte  die  Inseln  allmählig  zu  Continenten  mit  sehr  ver- 
schiedenem Relief  zusammenwuchsen  und  damit  der  passives 


M.  Wagner:  Die  Darwin'scke  Theorie  ete.  393 

Migration  der  Pflanzen,  wie  der  freien  Bewegung  der  Land« 
thiere  und  ihren  sporadischen  Ansiedlungen  ein  noch  unbe- 
setzter weiter  Raum ,  das  grossärtigste  Versuchsfdd  zur 
Züchtung  und  Formenbildung,  unter  neuen  und  sehr  mannig- 
faltigen Lebensbedingungen  dargeboten  war.  Auch  der  Kampf 
der  verschiedenen  organischen  Formen  um  Luft  und  Boden, 
um  Nahrung  und  Fortpflanzung  in  .diesen  neuen  Heimath- 
stätten erreichte  während  des  unerm  esslich  langen  Zeitraums 
der  Tertiärbildungen  wahrscheinlich  seine  grösste  Höhe. 

In  der  Pliocänperiode  ui^i  vielleicht  mehr  noch  gegen 
das  Ende  der  quartären  Bildungen  oder  der  s.  g.  Diluvialzeit 
nahmen  die  günstigen  Bedingungen  für  die  Thätigkeit  der 
Zuchtwahl  beträchtlich  ab.  Die  vulkanischen  Kräfte  wirkten 
auf  einem  beschränktem  Raum  weniger  intensiv  als  früher, 
erhoben  seltner  Inseln  und  keinen  Continent  mehr.  Es  fehlte 
nach  erfolgter  Rückwanderung  der  während  der  Eiszeit  ver- 
drängten Organismen  der  Anstoss  zu  grossen  Migrationen 
der  Pflanzen  wie  der  Thiere.  In  der  geographischen.  Ver- 
theilung  der  Wesen  war  allmäblig  jener  Zeitpunkt  gekommen, 
von  welchem  Humboldt  sagt:  dass  nach  langem  Kampf  und 
langem  Schwanken  sich  ein  Zustand  des  Gleichgewichts 
einstellte. 

Damals  erschien  auch  der  Mensch  auf  dem  Schauplatz 
des  Kampfes  als  der  furchtbarste  Concurrent  der  Thierwelt. 
Der  allmählige  Fortschritt  seiner  anfangs  noch  sehr  rohen 
Cultur  beschränkte  mehr  und  mehr  die  Verbreitung  der 
Pflanzen  und  Thiere  und  modificirte  gewaltig  das  Wirken 
der  natürlichen  Zuchtwahl.  An  ihre  Stelle  aber  trat 
schneller  und  mächtiger  verändernd  die  künstliche  Züchtuüg 
bei  Gulturpflanzen  und  Hausthieren. 

Die   weitere   Folge   der  fortschreitenden   Cultur  muss 
das   zunehmende   Verschwinden    der  wilden    Pflanzen  und 
Thiere  sein.     Mit  Ausnahme  derjenigen  Organismen,  welche 
[1868. 1.  3.]  26 


394         Sitzung  der  math^hys,  Glosse  vom  7.  März  1868. 

iD  Urwäldern,  hohen  Gebirgen,  uncultivirbaren  Steppen  xmi 
Wüsten  noch  eine  Zufluchtsstätte  finden  und  den  dortigen 
Lebensbedingungen  sich  anzupassen  vermögen,  werden,  be- 
sonders von  den  höheren  Klassen  der  beiden  organischen 
Reiche  meist  nur  diejenigen  terrestrischen  Formen  übrig 
bleiben,  welche  der  Mensch  zu  seinem  Vergnügen  oder  Nutzen 
schützt  und  hegt.  Die  natürliche  Zuchtwahl  wird  wenig- 
stens in  bewohnbaren  Gegenden  zuletzt  beinah^  ganz  auf- 
hören und  der  künstlichen  Zuchtwahl  des  Menschen  allein 

das  experimentirende  Feld  räumen. 

• 

Neue  Menschenracen  werden  nicht  mehr  entstehen,  nur 
Bastardracen  durch  häufige  Mischung  der  jetzt  bestehenden 
Hauptracen.  Völlige  Isolirung  einzelner  Familien  und  Stämme 
durch  eine  lange  Reihe  von  Generationen  ist  bei  den  jetzigen 
Verkehrsverhältnissen  nicht  mehr  möglich.  Damit  fehlt  aber 
schon  die  Grundbedingung  der  Racenbildung.  Kein  Welt- 
theil,  keine  Insel  kann  sich  jetzt  noch  der  Invasion  von 
Ansiedlem  oder  der  gelegentlichen  Berührung  mit  Europäern 
entziehen.  In  Mexiko,  Centralamerika  und  in  den  meisten 
Staaten  Südamerikas  bildet  die  Bastardrace  der  Mestizen 
bereits  jetzt  schon  die  Mehrzahl  der  Bevölkerung.  Auf  Hayti 
beträgt  die  Mulattenbevölkerung  über  ein  DrittheiL 

Das  Naturgesetz,  welches  durch  das  nothw endige 
Migrationsbestreben  der  Organismen  infi  Bunde  mit  der 
Zuchtwahl  während  unermesslich  langer  Zeiträume  in 
grossartigster  Weise  wirkte,  mit  der  Zunahme  der  menscfi- 
lichen  Cultur  aber  immer  beschränkter  wurde,  lässt  sich 
nach  unserer  Ansicht  in  folgenden  drei  Sätzen  ausdrücken: 

1.  Je  grösser  die  Summe  der  Veränderungen  in 
den  bisherigen  Lebensbedingungen  ist,  welche  ver- 
einzelte Individuen  bei  Einwanderung  in  oinem  neuen 
Gebiet  finden,  desto  intensiver  muss  die  jedem  Or«* 


JH  Wagner:  Die  Darwin^ sehe  Theorie  etc.  395 

gänismus  innewohnende  individuelle  Varijabilität  sich 
äussern. 

2.  Je  weniger  die  mit  dieser  gesteigerten  indi- 
viduellen Veränderlichkeit  beginnende  Zuchtwahl 
durch  die  Vermischung  zahlreicher  nachrückender 
Einwanderer  derselben  Art  oder  durch  die  Con- 
currenz  mit  anderen  sehr  nahe  verwandten  Arten 
gestört  wird,  desto  häufiger  wird  der  Natur  die 
Bildung  einer  neuen  Varietät  (Abart  oder  Race) 
d,  i.  einer  beginnenden  Art  gelingen. 

3.  Je  vortheilhafter  für  die  Abart  die  in  den 
einzelnen  Orgarien  erlittenen  Veränderungen  sind, 
je  besser  letztere  den  unigebenden  Verhältnissen 
sich  anpassen  und  je  länger  die  ungestörte  Inzucht 
einer  beginnenden  Varietät  von  Colonisten  in  einem 
neaen  Territorium  ohne  Mischung  mit  nachrückenden 
Einwanderern  derselben  Art  fortdauert,  desto  häu- 
figer wird  aus  der  Abart  eine  neue  Art  entstehen. 


26* 


396  Sitzung  der  math-phys»  Glosse  vom  7.  März  1868. 


Herr  v.  Kobell  spricht: 

„üeber  das  Auffinden  des  Nickels  und  Ko- 
balts in  Erzen  und  über  einen  Ghathamit 
vom  Andreasberg  am  Harz. 

Während  das  Kobalt  in  Erzen,  auch  in  sehr  geringer 
Menge  vor  dem  Löthrohre  leicht  nachweisbar,  ist  dieses  mit 
dem  Nickel  nicht  so  der  Fall  und  auch  auf  nassem  Wege 
ist  es  oft  nur  ausfindig  zu  macheu,  wenn  eine  Analyse  vor- 
genommen wird,  welche  mehrere  Operationen  verlangt.  Bei 
reinen  Nickelerzen  giebt  die  salpetersaure  Lösung,  mit  Aetz- 
ammoniak  in  Ueberschuss  versetzt,  die  charakteristische 
himmelblaue  oder  saphirblaue  Flüssigkeit,  welche  mit  Kali- 
lauge ein  apfelgrünes  Präcipitat  fällt,  bei  eisenhaltigen 
Arsenikverbindungen  des  Nickels  und  bei  manchen  anderen 
zeigt  aber  die  ammoniakalische  Lösung  selten  die  blaue 
Färbung,  sie  ist  oft  schmutzig  grünlich,  bräunlichgelb  oder 
braun  und  giebt  für  das  Nickel  kein  Kennzeichen  mehr. 
Nach  mancherlei  Versuchen  ist  es  mir  gelungen,  diese  blaue 
ammoniakalische  Lösung  bei  den  verschiedensten  Nickel 
enthaltenden  Erzen  auf  eine  sehr  einfache  Weise  zu  erhalten 
und  daneben  auch  einen  Gehalt  an  Kobalt  zu  bestimmen. 
Das  Verfahren  gründet  sich  darauf,  dass.mit  Ammoniak 
gefälltes  Nickeloxyd  in  Ueberschuss  des  Ammoniaks  leichter 
löslich  ist  als  unter  gleichen  Umständen  das  Kobaltoxyd 
oder  dessen  basische  Salze.  Ich  mischte  gleiche  Theile 
salpetersaurer  Lösungen  der  beiden  Metalle  (die  Lösungen 
von  gleichem  Gehalt)  und  versetzte  das  Gemisch  mit  Aetz- 
ammoniak  doch  nur  bis  zur  deutlich  alkalischen  Reactian. 
Ich  filtrirte  die  Hälfte  und  erhielt  das  blaue  Filtrat;  die 
andere  Hälfte  versetzte  ich  mit  mehr  Amiiaoniak;  ohne  das 
Präcipitat  vollständig  zu  lösen    und  erhielt    beim   Filtriren 


V.  KoleU:  Nickel-  und  KobaUerze  etc.  397 

ein  rosenrothes  Filtrat;^'  je  nach  der  Menge  des  zugesetzten 
Ammoniaks  ist  es  auch  bräunlichroth.  Das  blaue  ^iltrat 
ist  bei  Gegenwart  von  Kobalt  nicht  frei  von  diesem,  die 
Farbe  der  Nickel  Verbindung  dominirt  aber. 

Bei  den  mit  Nickelhaitigen  Erzen  angestellten  Proben 
wurden  iVa — 2  Grmm.  des  Pulvers  mit  concentrirter  Salpeter- 
säure bis  zum  Dickfliessen  in  einer  kleinen  Porzellanpfanne 
eiDgekocht,  dann  etwas  Wasser  zugesetzt,  die  trübe  Flüssig- 
keit in  ein  Glas  gegossen  und,  ohne  zu  filtriren,  unter  um- 
rühren mit  Ammoniak  bis  zur  deutUchen  alkalischen  Re* 
action  versetzt  und  dann  filtrirt*).  Das  Filtrat  war  rein 
blau  und 'gab  mit  Kalilauge  ein  blassgrünes  oder,  bei  Ge- 
genwart von  Kobalt  etwas  bläulich  gefärbtes  Präcipitat.  Um 
in  dem  blauen  Filtrat  einen  Kobaltgehalt  deutlich  nachzu- 
weisen, wird  es  mit  Salpetersäure  angesäuert  und  stark 
verdünnt  (etwa  mit  dem  4fachen  Vol.  Wassers).  Man  setzt 
dann  etwas  Wasserglas  zu  (1  Vol.  conc.  Lösung  1  Vol. 
Wasser)  und  rührt  um;  es  entsteht  dabei  keine  Fällung, 
auf  Zusatz  von  Kalilauge  aber  erhält  man  ein  schön  blaues 
Präcipitat  oder  eine  blaue  Gallerte,  wenn  Kobalt  vorhanden. 
Beine  Nickellösung  ebenso  behandelt,  giebt  kein  blaues 
sondern  ein  blass  apfelgrünes  Präcipitat. 

So  kann  das  Nickel  imd  Kobalt  in  allen  zum  Smaltin 
oder  Speiskobalt  gerechneten  Erzen  von  Schneeberg, 
Joachimsthal,  Richelsdorf,  Zellerfeld  etc.  erkannt  werden, 
ebenso  im  Chloanthit,  Chathamit  und  Gersdorffit,  im  ÜU- 
mannit  und  Saynit.  Die  salpetersauren  Lösungen  dieser 
Erze  sind  meistens  grünlich  gefärbt,  dagegen  sind  sie  roth 
bei  Kobaltin,  Alloklas,  Skuttrudit  (Tesseralkies),  Glauko- 
dot,    Linneit    und    bei    den    Varietäten    des    eigentUchen 


1)  Man    setzt,   wenn  es   nothwendig,    etwas  Wasser  zu,   doch 
möglichst  wenig,  mn  das  Filtrat  intensiver  gefärbt  zu  erhalten. 


S98         SiUung  der  tnatk-phys.  Classe  vom  7.  März  1868, 

Smaltin,  Werden  dergleichen  von  rother  Farbe  erhalt^e 
Lösungen  mit  Ammoniak  bis  zur  alkalischen  Beaction  ver- 
setzt und  filtrirt,  so  erhält  man,  wenn  keine  oder  nur  eine 
geringe  Menge  von  Nickel  vorhanden,  kein  blaues  sondern 
das  oben  erwähnte  rothe  (rosenrothe,  gelblichrothe)  Filtrat, 
welches  mit  Kalilauge  blass  bläulich  gefallt  wird.  So  ver- 
halten sich  Kobaltin,  Glaukodot,  Skutterudit,  während  Lin- 
neit  ein  schön  blaues  Filtrat  giebt  und  ebenso  der  kobalt- 
reichere Smaltin  z.  B.  von  Bieber.  Auch  mancher  Lölingit 
mit  sehr  geringem  Kobaltgehalt  giebt  eine  gelblichrothe 
Lösung  9  das  ammoniakalische  Filtrat  ist  aber  dann  farb- 
los. -*  Aus  der  Farbe  der  salpetersauren  Lösung  allein 
kann  man  nur  annähernd  auf  den  Gehalt  an  Nickel  oder 
Kobalt  schliesssen;  eine  rothe  Lösung  kann  tieben  Kobalt 
viel  Nickel  enthalten  und  eine  grüne  neben  Nickel  vid 
Kobalt.  Ich  habe  in  dieser  Beziehung  einige  Versuche  an- 
gestellt. Ich  bereitete  salpetersaure  Nickel-  und  Kobalt- 
lösungen von  gleichem  Gehalt,  brachte  sie  in  Tropfgläsec 
und  mischte  nach  Tropfen  in  verschiedener  Weise.  —  Da- 
bei zeigte  sich,  dass  eine  Lösung,  welche  gleich  viel  Kobalt 
und  Nickel  enthält,  noch  roth  ist,  bei  1V>  Nickel  gegen 
1  Kobalt  bräunlichroth,  bei  2  Nickel  gegen  1  Kobalt  bräun« 
lieh  und  dann  mit  wachsendem  Nickelgehalt  allmählig  in's 
Olivengrüne  übergehend,  wobei  die  Farbe  blässer  wird;  bei 
einem  gewissen  Grad  von  Mischung  und  Verdünnung  heben 
sich  diese  Farben  als  complementäre  ganz  auf.  Ein  Gehalt 
von  salpetersaurem  Eisenoxyd  ist  auf  die  Färbung  ohne 
Einfluss.  Jedenfalls  dürfte  eine  rein  rothe  Lösung,  wenn 
überhaupt  Kobalt  vorhanden,  einen  vorherrschenden  Gehalt 
desselben  vor  dem  Nickelgehalt  anzeigen  oder  doch  ein 
Verhältniss  beider  Metalle  zu  gleichen  Theilen,  während 
unter  denselben  Umständen  eine  rein  grüne  oder  olivengrune 
Lösung  vorwaltenden  Nickelgehalt  anzeigt. 

Da  die  Verbindungen  des  Smaltin   GoAs^    des   Ohio- 


V.  KcheU:  Nickel-  und  Kohdlterie  etc.  399 

anthit  NiAs'  und  das  Lolingit  Fe  As'  in  den  mannigfhltiig- 
sten  Verhältnissen  gemischt  yorkommen,  so  kann  man,  nm 
diesQ  Gemische  zu  ordnen,  nicht  wohl  etwas  anderss  thun 
als  ihre  Näherung  an  die  Gränzglieder,  welche  nur  selten, 
vielleicht  niemals  ganz  rein  vorkommen^  berücksichtigen  und 
die  Varianten  den  vorwaltenden  Gränzgliedern  beiordnen. 
In  dieser  Beziehung  durfte  die  Farbe  der  salpetersauren 
und  der  ammoniakalischen  Lösung  ein  Kennzeichen  darbieten 
und  ebenso  bei  anderen  Nickel-  und  Kobalterzen  nebst  dem 
Verhalten  vor  dem  Löthröhre  und  der  Krystallisation  die 
Unterscheidung  der  Species  erleichtem.  In  Nachstehendem 
8ei  eine  Uebersicht  davon  gegeben. 

Kobalt«  und  Nickelejrze   (mit  Metallglanz). 

Mit  concentrirter  Salpetersäure  bis  zum  Dickfliessen 
eingekocht,  mit  wenig  Wasser  angerührt  und  ohne  Filtriren 
mit  Aetzammoniak  bis  zur  deutlichen  alkalischen  Reaction 
versetzt  und  dann  filtrirt  geben  sie  ein  rein  blaues  oder 
bei  überwiegendem  Kobaltgehalt  rosenrothes  Filtrat.  Die 
meisten  geben  vor  dem  Löthrohr  mit  Borax  ein  blaues  Glas, 

I.  Vor   dem  Löthrohr  auf  Kohle    starken  Arsenik- 
rauch entwickelnd. 

1)  Mit  Salpetersäure  eine  rothe  Losung  gebend  und  v. 
d.  L.  im  Kolben  ein  Sublimat  von  metallischem  Arsenik* 

^    ^.|  As*,  tesseral,  wenig  spaltbar. 


2)  Es  ist  seltsam,  dass  das  Yerbalten  v.  d.  L.  im  Kolben  beim 
Smaltin  so  verscHieden  angegeben  wird.  Nach  Berzelins  nnd 
Plattner  erhalt  man  meistens  ein  Sublimat  von  Arsenik,  nach 
Rammeisberg  nnd  Naumann  erhält  man  kein  Sublimat.  Nach 
meinen   Yersuchen    geben  alle  Smaltine  und  Chloanthite  ein  deut- 


400  SitJfung  der  matK-phys.  Ckme  vom  7.  Mdarz  1868, 

Skuttdrudit  (Tesseralkies)  GoAs^  tesseral,  deutlich  hexae* 
drisch  spaltbar.    Skutterud  in  Norwegen. 

Glaukodot»)  Col  ^g,^        rhombisch  spaltbar  nach  einem 

^M  S«  Prisma  von  llOVt^ 

Fei 

deutlich,   auch  basisch.    Die  salpetersaure  Lösung  rea- 

girt  mit  Chlorbaryum  stark  auf  Schwefelsäure.  Hakansbö 

in  Schweden. 

2)  Mit  Salpetersäure  eine  rothe  Lösung  gebend  und 
im  Kolben  kein  Sublimat  von  metallischem  Arsenik. 

Kobaltin  GoAs^  +  CoS^  tesseral,  deutlich  hexaedrisch 
spaltbar,  die  conc.  salpetersaure  Lösung  wird  beim 
Verdünnen  mit  Wasser  nicht  getrübt. 

AUoklas^)  Asy  S,  Bi,  Co,  Fe...,  rhombisch,  vollkommen 
spaltbar  nach  einem  Prisma  von  106^  und  basisch. 
Die  concentr.  salpetersaure  Lösung  wird  beim  Ver* 
dünnen  mit  Wasser  getrübt.     Orawicza  im  Banat 

3)  Mit  Salpetersäure  eine  grüne  oder  auch  gelbliche 
Lösung  gebend  und  v.  d.  L.  im  Kolben  ein  Sublimat  von 
metallischem  Arsenik. 


liebes  Snblimat  von  metallischem  Arsenik,  doch  muss  man  die  Proben 
bis  zum  Zasammensohmelzen  mit  der  Glasröhre  erhitzen.  Safflorit 
ist  ein  eisenhaltiger  Smaltin.  Ein  von  Kranz  als  Safflorit  Breit- 
haupts  erhaltenes  Erz  von  Skutterud  ist  nicht  diese  Bpecies  und 
verhalt  sich  wie  Eobaltin. 

8)  Dem  Glaukodot  schliesst  sich,  mit  weniger  Kobalt,  der  Da- 
nait  an. 

4)  loh  konnte  den  AUoklas  nicht  selbst  untersuchen,  nach 
Tschermak,  welcher  die  Species  aufstellt,  giebt  er  die  rothe  Lös- 
ung und  im  Kolben  nur  arsenige  Säure.  Sitzungs-Berichte  d.  kais. 
Akad.  d.  Wissenschaften.    Februar  1866. 


«.  K6b(M\  Nickel-  und  Köbalterze  etc.  401 

°'"""""'Sl'^'' '-'«"• '™« "»■"»'• 

Rammelsbergit,  die  Mischung  wie  bei  Chloanthit,  die  Kry- 
stallisation  rhombisch.     Schneeberg,  Riecheisdorf, 

Korynit,  NiS«  +  Ni  }  g^^'   tesseral,  v.  d.  L. 

auf  Kohle  Arsenik-  und  Antimonrauch  gebend. 

Ghathamit    Ni  y 

Co  >  As*,      giebt    keinen    Antimonrauch    und 

Fe  j 

unterscheidet   sich   von   den    vorhergehenden    dadurch, 

^  dass  die  verdünnte  salpetersaure  Lösung  mit  Ammoniak 

in  üeberschuss  ein  rothbraunes  Präcipitat  giebt.    Cha- 

tham  in  Copnecticut,  Andreasberg  am  Harz. 

4)  Mit  Salpetersäure    eine    grüne  Lösung  gebend    und 
V.  d.  L.  im  Kolben  kein  Sublimat  von  metallischem  Arsenik. 

Nickelin  NiAs,  licht  kupferroth. 

(  As* 

Gersdorffit  Ni*  |  q,      grau. 

II.    Vor  dem  Löthrohr   auf  Kohle    kßinen  Arsenik- 
rauch entwickelnd. 

1)  Mit  Salpetersäure  eine  rothe  Lösung  gebend. 

Linneit  Ni  1  "l^i.        Die  Lösung  fällt  auf  Eisen  kein  Kupfer. 
(Jq  j  ßQ  Musen  in  Siegen. 

Carrollit.     Cn€o.    Die  Lösung    fällt   auf  Eisen    metalli- 
sches Kupfer.     Caroll  in  Connecticut. 

2)  Mit  Salpetersäure  eine  grüne  Lösung  gebend. 
Millerit  NiS,  messinggelb. 


402  Sitzung  der  matk-phys.  Classe  vom  7.  ^tärg  13€8. 

fireithauptit  NiSb,    licht   kupferroth,    violett  anlaufend. 

Ändreasberg. 

TT  11  -^  VT«  \  Sl>'»        stahlgrau,  v.d.  L.  Antimonranch 

üllmannit  Ni*  >  e«  v,    3 

f  b',  gebend. 

Saynit  Ni,  Co,  fii,  S  .  .  .,  hcht  stahlgrau,  v.  d.  L.  keinen 
Antimonranch  gebend;  die  conc.  salpetersaure  Lösung 
wird  beim  Verdünnen  mit  Wasser  getrübt. 


Bei  Gelegenheit  der  vorstehenden  Untersuchungen  bin 
ich  auf  ein  Erz  vom  Andreasberg  aufmerksam  geworden, 
weldies  sich  durch  die  Analyse  als  zum  Ch  ata  mit  gehörig 
herausstellte.  Es  bildet  eine  feinkörnige  Masse  von  zinn- 
weisser  Farbe.  Das  spec.  Gew.  ist  6,6.  V.  d.  L.  ent- 
wickelt es  auf  Kohle  anfangs  starken  Arsenikraucb  ohne  zu 
schmelzen,  dann  schmilzt  es  leicht  zu  einem  schwarzen 
spröden  Korn,  welches  auf  die  Magnetnadel  wirkt  und  den 
Borax  nur  die  grüne  Farbe  des  Eisens  ertheilt.  Im  Kolben 
giebt  es  ein  Sublimat  von  metallischem  Arsenik.  Mit  Sal* 
petersäure  zersetzt  giebt  es  eine  gelbliche  Lösung  und  mit 
Ammoniak  behandelt,  wie  oben  angegeben,  erhält  man  ein 
lichtblaues  Filtrat.  Bei  der  Analyse  wurde  die  Probe  mit 
Salpeter  und  kohlensaurem  Katron  geschmolzen  und  aua  der 
wässrigen  Lösung  die  Arseniksäure  wie  üblich  als  arsenik- 
saure Ammoniak-Magnesia  gefällt.  Da  sowohl  beim  Trocknen 
als  beim  Glühen  dieses  Salzes  leicht  ein  Fehler  gemacht 
werden  kann,  so  pflege  ich  das  gehörig  ausgewaschene  Salz 
in  verdünnter  Salzsäure  zu  lösen,  die  Lösung  mit  doppelt 
schweflichtsaurem  Kali  zu  versetzen  and  den  Arsenik  durch 
Schwefelwasserstoff  zu  fällen.  Der  ausgeschiedene  Schwefel- 
arsenik  wird  auf  ein  Filtrum  gebracht  und  aus  dem  Filtrat 
die  Magnesia  mit  phosphorsaurem  Natron  und  Ammoniak 
gefallt  und  wie  gewöhnlich  bestimmt. 


V.  Köbetl:  NicM-  und  Kohalierze  etc.  403 

Da  nach  der  Formel  2  Mg  0  +  ^H*  0  +  Äs  0»  +  HO*) 
40  Tbl/ Magnesia  115  Tbl.  Arseniksäure  entsprechen  oder 
8  Thl.  Magnesia  23  Tbl.  Arseniksäure,  so  berechnet  man 
aus  der  erhaltenen  Magnesia  die  Arseniksäure,  oder  aus  der 
phosphorsauren  Magnesia,  von  welcher  100  Thl.  einer  Menge 
von  103,6  Tbl.  Arseniksäure  entsprechen. 

Das  Eisenoxyd  wurde  von  den  Oxyden  des  Nickels  und 
Kobalts  durch  kohlensauren  Baryt  und  das  Kobaltoxyd  vom 
Nickeloxyd  durch  salpetrigsaures  Kali  geschieden. 

Nach  Abzug  von  etwas  Quarz  und  kohlensaurem  Kalk 
ergab  sich  die  Mischung: 

Arsenik     72,00  .  7,68  As 

Schwefel     0,43  .0,21 

Eisen        17,39  .  4,97 

Nickel         7,00  .   1,90 

Kobalt        1,94  .  0,52 
99,76 

Der  Scbwefelgehalt  deutet  auf  Beimengung  eines  kleinen 

Theils  von  Arsenopyrit;  .wird  dieser  berechnet  und  abgezogen 

so  ergiebt  sich  die  Formel 

Ni  1 

Jj^l  As«  +  2  Fe  As« 

Diese  Mischung  ist  daher  ein  Analogen  zum  Safflorit, 
welchen  ich  zuerst  als  Eisenkobaltkies  bestimmt  und 
=  Co  As«  +  2  Fe  As«  zusammengesetzt  gefunden  habe  •). 
Sie  ist  ähnlich  der  Mischung  des  von  Shepard  benannten 
Chathamit  von  Ghatham  in  Connecticut,  welchen  Shepard 
und  Genth  analysirt  haben  und  ist  dahin  zu.  stellen. 


♦)  Diese  Formel  gilt  fftr  das  bei  100**  getrocknete  Salz  und 
giebt  60,53  pr.  Ct.  Arseniksaure;  die  Angabe  von  62,9  bei  Wöhler 
„die  Mineral- Analyse"  ist  wohl  ein  Druckfehler. 

6)  S.  m.  Grundzüge  der  Mineralogie  p.  300. 


404         Sitzung  der  math,'phi/8.  Classe  vom  7.  Märe  1868, 


Herr  Buchner  berichtet: 

1)  „lieber  eine  neue  Beobachtung  der  Bildung 
von  Schwefelarsenik  in  der  Leiche  einer 
mit  arseniger  Säure  Vergifteten." 

In  der  Sitzung  vom  9.  November  v.  Js.  habe  ich  der 
Classe  einige  Beobachtungen  über  die  Umwandlung  der 
arsenigen  Säure  in  gelbes  Schwefelarsenik  in  faulenden 
Eingeweiden  mitgetheilt.  *)  Gegenwärtig  erlaube  ich  mir, 
derselben  einen  weiteren  Fall  einer  derartigen  Bildung  von 
Schwefelarsenik  zur  Kenntniss.zu  bringen,  welchen  ich  erst 
vor  wenigen  Wochen  durch  die  chemische  Untersuchung  der 
Eingeweide  einer  wieder  ausgegrabenen  weibUchen  Leiche 
kennen  lernte.  Diese  neue  Beobachtung'  überzeugte  micli, 
dass  eine  solche  Bildung  schon  innerhalb  der  ersten  Wochen 
der  Zersetzung  der  Leiche,  also  während  des  höchsten  Faul- 
nissgrades  stattfinden  könne  und  dass  es  namentlich  derjenige 
Theil  der  arsenigen  Säure,  welcher  im  festen  feinkörnigen 
Zustande  auf  der  Schleimhaut  des  Magens  und  Darmkanales 
hängen  bleibt,  ist,  der  die  Umwandlung  in  gelbes  Schwefel- 
arsenik in  auffallender  W^eise  zeigen  kann. 

Die  mit  einem  um  ungefähr  20  Jahre  jüngeren  Manne 
in  zweiter  unfriedlicher  _  Ehe  lebende  und  circa  70  Jahre 
alte  kränkliche  Häuslersfrau  A.  W.  starb  nach  mehrstündiger 
Krankheit  und  wiederholtem  heftigem  Erbrechen  am  25.  August 
des  vorigen  Jahres  und  wurde  zwei  Tage  darauf  unbean- 
standet beerdiget.  Aber  nach  einigen  Wochen  ging  das 
Gerede  von  einer  Vergiftung  der  A.  W.  so  laut,  dass  sich 
das  Grericht  veranlasst  sah,  eine  Untersuchung  der  Sache 
einzHleiten.    Die  Exhumation  und  Obduction  der  Leiche  fand 


1)  S.  Sitzungsberichte  1867.  IL  Heft  III,  S.  395. 


Buchner:  Die  Büdung  von  Schwefelarsenik  ete.  405 

statt  am  17.  October  v.  Js.  mithin  in  der  achten  Woche 
nach  der  Beerdigung.  Der  Sarg  war  im  Allgemeinen  unver- 
sehrt, aber  die  darin  liegende  Leiche  schon  so  verändert, 
dass  der  anwesende  Bruder  der  Verstorbenen  diese  nicht 
mehr  erkannte.  Es  waren  sowohl  die  Kleidungsstücke  als 
auch  das  braune  schmierige  Gesicht,  die  Hände  und  andere 
Theile  der  Leiche  theils  mit  weissem,  theils  mit  gelbem  und 
grauem  Schimmel  bedeckt.  Die  Augen  waren  nicht  mehr  zu 
erkennen,  die  obere  Fläche  des  Körpers  erschien  mit  Aus- 
nahme des^  Gesichtes  trocken,  aber  die  untere  Seite  war 
ganz  nass  von  einer  sehr  stinkenden  graubraunen  schmierigen 
Flüssigkeit. 

Die  Gedärme  waren  auf  der  Oberfläche  etwas  gelb 
gefärbt;  den  Magen  fand  n>an  an  der  rechten  Seite  durch 
eine  mit  einigen  Quersprüngen  versehene  glänzende  trockene 
feine  Masse  von  intensiv-gelber  Farbe  an  den  Querdarm 
angelötbet.  Der  ungefähr  zwei  Unzen  betragende  dünnbreiige 
Mageninhalt  hatte  eine  auflfallende  intensive  gelbbraune  Farbe, 
gerade  so  als  wenn  er  viel  Gallenpigment  enthielte.  Auf 
seiner  rothgelben  und  gegen  den  Pförtner  zu  an  der  grossen 
Krümmung  etwas  blaurothen  Schleimhaut  befanden  sich 
mehrere  lebhaft  gelbe  Kreise,  deren  Anblick  mich  sogleich 
auf  den  Gedanken  brachte,  dass  sich  hier  Schwefelarsenik 
gebildet  und  niedergeschlagen  haben  könnte.  Einer  davon 
hatte  ungefähr  die  Grösse  eines  Halbguldenstückes,  daneben 
befand  sich  ein  zweiter,  der  nicht  ganz  den  Umfang  eines 
Silberkreuzers  hatte.  Dann  lagen  gegen  den  Pförtner  zu 
noch  drei  solche  Ringe,  gülden-,  sechser-  und  erbsengross. 
Dieselben  gelben  ringförmigen  Conturen  wurden  bei,  der 
Section  auf  der  Aussenseite  des  Magens  an  seiner  Hinter- 
wand bemerkt ;  der  die  Obduction  vollziehende  kgl.  Bezirksarzt 
glaubte,  dass  sie  von  Gallendurchtränkung  herrühren, 
jetzt  aber  wissen  wir,  dass  sie  von  Schwefelarsenik  gebildet 
worden  sind. 


406         SÜMung  der  maih-^hys,  Classe  v&m  7.  Mäirz  186S. 

Im  Zwölffingerdärme  wurden  nur  einige  Tropfen  einer 
dicklichen  gelbbraunen  Flässigkeit  angetroffen;  seine  stark 
geröthete  Schleimhaut  zeigte  eine  gelbe  Beimischung  (von 
Schwefelarsenik).  Der  Dünnd^m  enthielt  ungefähr  zwei  Unzen 
einer  dickliclien  löthlich-grauen  Masse;  auf  seiner  Sdileim- 
haut  war  nichts  Besonderes  zu  bemerken.  Der  Dickdarm 
war  frei  von  Inhalt  und  seine  Schleimhaut  geröthet. 

Was  die  chemische  Untersuchung  des  Magens  und  Darm* 
kanales  und  deren  Inhalt  aus  der  Leiche  der  A.  W.  betrifft, 
so  überzeugte  ich  mich  bald,  dass  hier  eine  verhältnissmässig 
grosse  Menge  Arseniks  und  zwar  als  arsenige  Säure  zugegen 
sei.  Der  Umstand,  dass  bei  der  Destillation  genannter  Objecto 
mit  Salzsäure')  die  grösste  Menge  des  Arseniks  nicht  als 
Chlorarsenik  verflüchtiget  wurde,  sondern  im  Rückstande 
blieb,  worin  er,  nachdem  die  Masse  unter  fortgesetztem  Er- 
wärmen mit  Salzsäure  und  chlorsaurem  Kali  weiter  zersetzt 
worden  war,  auf  die  bekannte  Weise  durch  Ausfällung  mit 
Schwefelwasserstoff  etc.  aufgefunden  wurde,  belehrte  mich, 
dass  hier  ausser  der  arsenigen  Säure  noch  eine  andere  Arsen- 
verbindung und  zwar  in  Betracht  der  intensiy*gelben  Färbung 
der  genannten  Untersuchungsobjecte  höchst  wahrscheinlich 
Schwefelarsenik  vorhanden  sei.  In  der  That  konnte  ich  diese 
Verbindung  aus  dem  schleimigen  Mageninhalt  durch  Ver- 
dünnen mit  wässerigem  Weingeist  und  öfteres  Abschlämmen 
als  zartes  gelbes  Pulver  in  hinreichender  Menge  isoliren,  am 
deren  Natur  sicher  zu  erkennen;  auch  war  es,  indem  ich 
Stücke  von  den  am  meisten  gelb  gefärbten  Stellen  der  Magen- 
Schleimhaut  in  Ammoniak  legte,  möglich,  das  Schwefelarsenik 
daraus  auszuziehen  und  dieses  durch  Verdunstung  des  Ammo- 
niaks für  sich  zu  erhalten. 


2)  Auch  bei  dieser  Destillation  wurde  das  Wasser,  in  welches 
die  salzsauren  Dämpfe  geleitet  wurden-,  aua  dem  in  meiner  ersten 
Mittheilung  angegebenen  Grunde  durch  Spuren  gebildeten  Schwefel- 
Arseniks  gelb  getrübt. 


Buchner:  Die  SchwefdqueUe  bu  Oberdorf.  407 

Dass  A.  W.  kein  Schwefelarsenik ,  sondern  arsenige 
Säure  bekommen  und  dass  sich  jenes  aus  dieser  erst  in  den 
Eingeweiden  während  der  Fäulniss  gebildet  habe,  ergibt  sich, 
abgesehen  davon,  dass  nicht  nur  im  Magen  und  Darmkanal, 
sondern  auch  in  der  Leber  und  Milz  verhältnissmässig  viel 
arsenige  Säure  vorhanden  war,  schon  aus  der  zarten  Be- 
schaffenheit des  im  Magen  aufgefundenen  Schwefelarseniks 
und  der  Art  seiner  Ablagerung  auf  der  Schleimhaut.  Die 
Bildung  des  Schwefelarseniks  ging  da  offenbar  von  den 
Stellen  aus,  an  welchen  Körnchen  der  arsenigen  Säure  so 
fest  adhärirten,  dass  sie  trotz  des  wiederholten  heftigen  Er- 
brechens nicht  mehr  entfernt  werden  konnten.  Indem  sie 
durch  das  bei  der  Fäulniss  gebildete  Schwefelwasserstoff- 
Ammoniak  zersetzt  und  zugleich  aufgelöst  wurden  ^  konnte 
das  so  gebildete  Schwefelarsenik  durch  Infiltration  der  Auf- 
lösung zum  Theil  auch  in  und  durch  das  Gewebe  des  Magens 
lli'ingen,  auf  welchem  es  dann  bei  der  darauf  folgenden  Zer- 
setzung und  Oxydation  des  Auflösungsmittels  als  gelbes  zartes 
Pulver  niedergeschlagen  wurde. 


Herr  Buchner  theilt  ferner  mit: 

2)  „Chemische  Untersuchung  des  Wassers  der 
Schwefelquelle  zu  Oberdorf  im  Algäu." 

Unweit  dem  Orte  Oberdorf  bei  Hindelang,  in  einem  der 
schönsten. Theile  des-Algäu's,  entspringt  auf  einer  das  weite 
Gebirgsthal  beherrschenden  Anhöhe,  über  welche  die  Strasse 
nach  Tyrol  führt,  eine  Schwefelquelle,  welche  der  thätige 
praktische  Arzt  Herr  Dr.  Leonhard  Stich  von  Sonthofen 
seit  ein  Paar  Jahren  zu  Heilzwecken  benutzt  i  wozu  er  in 


408  Sitzung  der  matK-phys.  C2a88e  vom  7,  Mäire  1868. 

der  Nähe  der  Quelle  eine  gern  beeuohte  JBadanstalt  errichtet 
hat.  Einer  an  miph  ergangenen  Einladung  zufolge  habe  ich 
das  Wasser  dieser  Quelle  einer  chemischen  Untersuchung 
unterworfen,  deren  Ergebnisse  ich  im  Folgenden  mittheile. 

Bei  der  von  mir  vorgenommenen  Besichtigung  der  Quelle 
konnte  schon  in  einiger  Entfernung  von  der  mit  einer  Thure 
verschlossenen  Brunnstube ,  in  vrelcher  sidi  das  Wasser  der 
Quelle  ansammelt,  ein  Geruch  nach  Schwefelwassersto£F  ganz 
gut  wahrgenommen  werden.  Beim  Oeffnen  der  gemauerten 
Stube  trat  dieser  Geruch  noch  stärker  hervor  und  das  darin 
befindliche  Wasser  erschien  weisslich  getrübt,  gerade  so  wie 
eine  an  der  Luft  stehende  Auflösung  von  Schwefelwasserstoff 
in  Wasser,  deren  Schwefelwasserstoff  durch  den  Sauerstoff 
der  Luft  unter  Ausscheidung  von  Schwefel  zersetzt  wurde. 
\  Nachdem  das  Wasser  aus  der  Brunnstube  abgelassen 
worden  war,  bemerkte  man,  dass  auf  dem  mergeligen  Grunde 
das  Quell  Wasser  theils  seitwärts,,  theils  von  unten  hervor 
sickert  und  dann  die  Brunnstube  bis  zur  Höhe  von  einigen 
Fuss  füllt. 

Der  Mergel  dieses  Grundes  sieht  im  feuchten  Zustande 
schwarzgrau  und  getrocknet  hellgrau  aus.  Er  enthält,  vrie 
die  damit  vorgenommene  chemische  Untersuchung  bewies, 
Gyps,  etwas  organische  Substanz  und  ein  wenig  freien 
Schwefel  beigemengt ,  welcher  letztere  offenbar  von  der  in 
der  Brunnstube  beständig  vor  sich  gehenden  Zersetzung  des 
im  Wasser  aufgelösten  Schwefelwassferstoffes  herrührt. 

Die  quantitative  Bestimmung  des  Schwefelwasserstoffes 
in  diesem  Wasser  wtirde  an  einem  Herbstmorgen  vorge- 
nommmen ,  nachdem  sich  die  am  Abend  zuvor  entleerte 
Brunnstube  frisch  mit  Wasser  gefüllt  hatte. 

Auch  diessmal  roch  das  klare  Wasser  sehr  stark  nach 
Schwefelwasserstoff ;  der  Geschmack  desselben  war  hepatisch 
und  bald  darauf  schwach  bitterlich-salzig,  ähnlich  dem  einer 
Auflösung  voa  schwefelsaurem  Kalke. 


Buctmer:  Die  SchwefelqueOe  eu  Oberdorf.  409 

Man  bestimmte  die  Menge  des  Schwefelwasserstoffes 
mittelst  einer  stark  verdünnten  wässerigen  Jodauflösung, 
welche  in  einem  Liter  1,27  Grm,,  d.  h.  0,01  Mischungs- 
gewicht freien  Jodes  enthielt. 

Von  dieser  Jodlösung  wurden  0,2  C.  C.  gebraucht,  um 
100  C.  C.  eines  schwefelwasserstofffreien  Wassers,  dem  man  . 
ein  wenig  dünnen  Stärkekleister  beigemischt  hatte,  deutlich 
blau  zu  färben.  Hingegen  waren,  um  die  nämliche  Er- 
scheinung in  100  C.  C.  des  fraglichen  Mineralwassers  hervor- 
zubringen, im  Mittel  von  mehreren  sehr  gut  übereinstimmenden 
Versuchen  15,05  C.  C.  Jodlösung  erforderlich. 

Da  nun  1  Mischungsgewicht  Jod  (==  127,00)  einem 
Mischungsgewichte  Schwefelwasserstoff  (=  17,00)  äquivalent 
ist  und  beide  Stoffe  in  diesen  Mengenverhältnissen  sich  um- 
setzen in  Jodwasserstoff  und  freien  Schwefel,  so  ergibt  sich, 
dass  das  Oberdorfer  Schwefelwasser  in  einem  Liter  0,02525 
Grm.  Schwefelwasserstoff  enthält,  was  bei  der  gefundenen 
Temperatur  des  Wassers,  in  Volumen  ausgedrückt,  17,22  C.  C. 
beträgt. 

Daraus  geht  hervor,  dass  die  Schwefelquelle  zu  Oberdorf 
verhältnissmässig  sehr  reich  an  Schwefelwasserstoff  ist  und 
desshalb  zu  den  stärkeren  Hydrothionquellen  Bayerns  gezählt 
werden  muss. 

Indessen  zeigte  sich  dieser  hohe  Qehalt  in  constanter 
Weise  erst ,  als  man  das  Wasser  aus '  grösserer  Tiefe  der 
Brunnstube  schöpfte.  Die  oberen,  zunächst  mit  der  Luft  in 
Berührung  kommenden  Schichten  des  Wassers  zeigten  aus 
leicht  erklärbarer  Ursache  einen  etwas  geringeren  und  mehr 
schwankenden  Gehalt  an  Schwefelwasserstoff. 

Das  Wasser  hat  eine  Temperatur  von  +  8,5®  R.  oder 
10,6«  C. 

Das  specifische  Gewicht  desselben  wurde  bei  +  15«  R. 
=  1,0014  gefunden. 
[1868.  L  8.]  27 


410        Sitzung  der  math.-phys.  Cktsse  vom  7,  Mfkrz  1668, 

Das  nach  München  in  wohlverschlossenen  Flaschen  ge- 
brachte Wasser,  welches  nach  sechsmonatlicher  Aufbewahrung 
noch  stark  nach  Schwefelwasserstoflf  rotih  und  sich  an  der 
Luft  wegen  Ausscheidung  von  Schwefel  trübte,  verhielt  sich 
gegen  Reagentien  wie  folgt: 

Geröthete  Lackmustinctur  wurde  davon  blau  gefärbt, 
mithin  ist  das  Wasser  alkalisch. 

Salpetersaures  Silberoxyd  bildete  in  dem  Wasser 
sogleich  eine  braune  Färbung,  dann  Trübung  und  endlich 
einen  schwarzbraunen  in  Salpetersäure  unlöslichen  und  auch 
in  Ammoniak  bis  auf  eine  sehr  geringe  Menge  Chlorsilber 
unlöslichen  Niederschlag  von  Schwefelsilber.  In  dem  vom 
Schwefelwasserstoflf  befreiten  Wasser  erzeugte  Silberlösung 
eine  weisse  Opalisirung  und  nach  dem  Ansäuern  mit  Salpeter- 
säure und  Schütteln  einen  sehr  geringen  Niederschlag  von 
Chlorsilber. 

Chlorbaryum  bewirkte  sogleich  starke,  in  Salzsäure 
unlösliche  Trübung  nebst  Niedei-schlag  von  schwefelsaurem 
Baryt. 

Kalkwasser  bildete  beim  Vermischen  mit  dem  Wasser 
eine  weisse,  auf  Zusatz  von  Salmiak  wieder  verschwindende 
Trübung.  Nach  und  nach  setzte  sich  dann  an  der  Wand 
des  verschlossenen  Glases  ein  krystallinisches  Pulver  von 
kohlensaurem  Kalke  ab. 

Ammoniak  bewirkte  eine  weisse  Trübung  und  hierauf 
einen  flockigen  Niederschlag,  der  sich  nach  Zusatz  von  Salmiak 
wieder  auflöste  (Magnesia). 

Oxalsaures  Ammoniak  gab  eine  starke  weisse  Trübung 
und  Niederschlag  von  oxalsaurem  Kalke.  In  dem  mit  Salmiak 
vermischten  und  von  diesem  Niederschlag  abfiltrirten  Wasser 
wurde  daiin  auf  Zusatz  von  phosphorsaurem  Natron 
und  Ammoniak  noch   eine  weisse  Trübung  und  spät^  ein 


Bmhner;  Die  Schwefelqudle  zu  Oberdorf.  411 

krystalliivischer  Niederschlag  von  pho^phorsaurer  Ammoniak- 
Magnesia  heryorgebracht. 

Beim  Verdampfen  des  Wassers  schied  sich  zuerst  kohlen« 
saurer  Kalk  und  etwas  kohlensaure  Magnesia  aus.  Der  nach 
vollkommenem  Verdampfen  zurückgebliebene  Rückstand  war 
fast  ganz  weiss  und  schwärzte  sich  auch  bei  stärkerem  Er- 
hitzen kaum,  woraus  hervorgeht,  dass  das  Wasser  beinahe 
frei  von  organischen  Stoflfen  ist. 

lOQ  C.  C.  Wasser  hinterliessen  im  Mittel  von  zwei  sehr 
genau  übereinstimmenden  Versuchen  0,1845  Grm.  bei  180®  C. 
scharf  ausgetrockneten  Rückstandes.  In  einem  Liter  Wasser 
sind  demnach  1,845  Grm.  fixer  Stoflfe  nach  directer  Be- 
stimmung enthalten.  Also  sind  in  einem  Pfunde  zu  16  Unzen 
(=  7680  Gran)  14,15  Grane  fixer  Bestandtheile ,  direct 
bestimmt,  aufgelöst. 

Nach  schwachem  Glühen  betrug  der  Verdampfungsrück- 
ßtand  von  100  C.  C.  Wasser  0,1725  Grm. 

Aus  obigen  Versuchen  und  aus  der  näheren  qualitativen 
Analyse  des  Verdampfungsrückstandes  geht  hervor  ^  dass  in 
diesem  Wasser  folgende  Stoffe  enthalten  sind: 

1)  Von  gasförmigen  Stoffen: 

Schwefelwasserstoff  und  Kohlensäure. 

2)  Von  fixen  Stoffen: 

Kali,  Natron,  Ammoniak,  Kalk  und  Mag- 
nesia, gebunden  an  Chlor  (sehr  wenig),  Schwefel- 
säure und  Kohlensäure;  ferner  Kieselsäure 
und  Spuren  von  Lithion,  Thonerde,  Eisenoxyd, 
Salpetersäure  und  organischer  Substanz. 

Um  zu  entscheiden,  ob  das  Wasser  den  Schwefelwasser- 
stoff ganz  im  freien  Zustande  oder  theilweise  auch  chemisch 
gebunden  (als  Sulphhydrat)  enthalte,  wurde  durch  eine  ge- 
wisse Menge  des  Wassers  bei  Abschluss  von  Luft  so  lange 
gereinigtes  Wassersl;offgas  geleitet,  bis  kein  Schwefelwasser* 

27* 


412        BiUung  der  maih,'phy$.  Ckuse  vom  7.  Märg  1868. 

fitoffgas  mehr  entwich.  Das  so  behandelte  Wasser  zeigte 
sich  Yollkommen  frei  von  gebundenem  Schwefelwasserstoff 
nnd  ebenfalls  frei  von  einem  unterschwefligsaaren  Salze, 
denn  die  hierauf  durch  salpetersaures  Silberoxyd  erzeugte 
schwache  Trübung  war  weiss  und  in  Ammoniak  vollkommen 
löslich.  Uebrigens  wurde  die  Abwesenheit  eines  Sulphhydrates 
in  diesem  Wasser  auch  dadurch  bewiesen,  dass  eine  Auf- 
lösung von  Nitroprussidnatrium  weder  sogleich,  noch  nach 
einiger  Zeit  eine  blaue  oder  purpurrothe  Färbung  hervor- 
brachte. 

Es  musste  also  das  im  Wasser  zuerst  gebildete  Schwefel- 
calcium  durch  die  vorhandene  freie  Kohlensäure  vollkommen 
umgewandelt  worden  sein  in  freien  Schwefelwasserstoff  und 
in  kohlensauren  Kalk.  Das  Scbwefelcalcium  seinerseits  ent- 
steht hier  offenbar  durch  die  reducirende  Wirkung  in  Ver- 
wesung begriffener  organischer  Stoffe  auf  den  Gyps  (schwefel- 
sauren Kalk),  von  welchem  oberhalb  der  Schwefelquelle  ein 
J^ager  vorkommt. 

Die  Menge  der  im  Wasser  aufgelösten  freien  und  soge- 
nannten halbgebundenen  Kohlensäure  wurde  nach  v.  Petten- 
kofer's  genauer  Methode  "bestimmt.  In  100  C.  C.  Wasser 
fand  man  0,01850  Grm.  und  bei  einem  zweiten  Versuche 
0,1855  Grm.  solcher  Kohlensäure.  Mithin  enthält  ein  Liter 
0,18525  Grm.  freier  und  halbgebundener  Kohlensäure,  was 
nach  dem  Volumen,  auf  die  Temperatur  der  Quelle  berechnet, 
97,62  0.  C.  beträgt. 

Die  quantitative  Bestimmung  der  übrigen  in  wägbai*er 
Menge  vorhandenen  Bestandtheile  des  Wassers  wurde  ebenfalls 
mittelst  als  genau  bewährter  Methoden  vorgenommen. 

Die  folgende  Zusammenstellung  enthält  die  in  diesem 
Wasser  vorhandenen  Bestandtheile  und  deren  Menge  einmal 
in  Grammen  auf  ein  Liter  (=  1000  0.  C)  und  dann  in 
Granen  auf  ein  Pfund  zu  16  Unzen  (=  7680  Gran)  be- 
rechnet 


BtK^ner:  IHe  SchwefdqwMe  mu  Oberdarf. 
Es  Bind  enthalten : 


418 


A.  Gasförmige   Bestand- 

theile: 
Schwefelwasserstoff 

Freie  u.  halbgebundeneKohlen- 
säure        >        .        .        . 

B.  Fixe  Bestandtheile: 
a.  In  wägbarer  Menge: 

Chlornatrium 
Schwefelsaures  Natron 

Kali      .        . 
„  Ammoniak     . 

Schwefelsaure  Magnesia 
Schwefelsaurer  Kalk 
Kohlensaurer  Kalk 
Kohlensaure  Magnesia 
Kieselsäure 

Summe  der  Menge  der  wäg- 
baren   fixen  Bestandtheile 


In  1  Liter*):  In  1  Pfd.  =  7680Gm. 


0,02525  Grm.  0,19365  Gran 

=  17,22  0.0.  =  0,551  O.Z. 

0,18525  Grm.  1,42073  Gran 

=  97,62  0.0.  =3,12C.Z.») 


0,00132  Grm.  0,01012  Gran 


0,02240 

» 

0,17179 

)9 

0,01076 

» 

0,08252 

» 

0,00371 

» 

0,02845 

n 

0,22698 

») 

1,74077 

ji 

1,28216 

» 

9,83322 

1) 

0,22675 

» 

1,73901 

}) 

0,01195 

» 

0,09165 

n 

0,00344 

)> 

0,02638 

)j 

1,78947  Grm.  13,72391  Gran. 


1)  Bei  der  geringen  Differenz  zwischen  dem  speo.  Gewichte  des 
reinen  Wassers  und  demjenigen  des  untersuchten  Mineralwassers 
kann  man,  ohne  einen  erheblichen  Fehler  zu  begehen,  die  in  1  Liter 
(=  1000  C.  C.)  enthaltene  Menge  der  einzelnen  Bestandtheile  auch 
für  1000  Gramme  Wassers  gelten  lassen. 

2)  Die  oben  angegebeneu  Zahlen  für  das  Volumen  des  Schwefel- 
wasserstofif-  und  kohlensauren  Gases  sind  berechnet  fcLr  die  Quellen- 
Temperatur  (=  10,6^  C.)  und  für  760  M.  M.  Barometerstand. 


414  SUmng  der  histar,  CUuse  wm  7.  März  1668. 

b«  In  unwägbarer  oder  nicht  genau  wägbarer  Menge: 

Lithion, 

Thonerde, 

Eisenoxyd, 

Salpetersäure, 

Organische  Substanz. 
Dieser  Zusammensetzung  nach  muss  das  Mineralwasser 
zu  Oberdorf  zu  den  stärkeren   erdig-salinischen,  Schwefel- 
wassem mit  vorherrschendem  Oehalt  an  Ealk-  und  Magnesia- 
Salzen  gezählt  werden. 


Historischß  Glasse. 

Sitzung  vom  Z  März  1868. 


Herr  Cornelius  hielt  einen  Vortrag: 
„Ueber    die   wiedertäuferische  Bewegung    im 
nördwestlichen   Deutschland    während    der 
Belagerung    Münsters    1534—35,    aus  bisher 
nicht  benätzten  Quellen'^ 


Oeffentliche  Sitzung  vom  28.  März  1868.  415 


Oeffentliche  Sitzung  der  k.  Akademie  der  Wissen- 
schaften 

zur  Erinnerung  des  109.  Stiftungstages 
am  28.  März  1868. 


Der  Vorstand,  Herr  Geheimrath  Baron  von  Liebig, 
eröffnete  die  Sitzung  mit  Worten  der  Erinnerung  an  den 
ehemaligen  Protector,  den  faöchstseligen  König'Ludwig  I. 
von  Bayern. 

Die  heutige  Sitzung  unserer  Akademie  zur  Feier  ihres 
109.  Stiftungstages,  fallt  in  die  Zeit  der  tiefen  Trauer  um 
das  Ableben  S.  M.  des  Königs  Ludwig  L 

In  seiner  in  der  Skt.  Bonifaciuökirche  gehaltenen  Ge- 
dächtnissrede hat  unser  Mitglied  Herr  Stiftsprobst  von 
Döllinger  die  hohen  Verdienste  des  Königs,  sein  erfolg- 
reiches Wirken  im  Gebiete  der  bildenden  Künste  und  die 
Ei^enthümlichkeiten  des  merkwürdigen  Mannes,  in  der  ihm 
eignen  meisterhaften  Weise  geschildert,  und  es  bleibt  unserer 
Akademie  die  Pflicht  zu  erfüllen ,  in  dankbarer  Erinnerung 
an  die  von  König  Ludwig  empfangenen  Wohlthaten,  ihm 
ihrerseits  einen  kurzen  Nachruf  zu  widmen. 

In  der  mehr  als  hundertjährigen  Lebensgeschichte  der 
Akademie    lassen    sich  vier  Stadien  deutlich  unterscheiden. 


416  OeffpnÜicke  Siteung  wm  28.  Mars  1868. 

Das  erste  dieser  Stadien  umfasst  die  jugendlichen  Anfange 
und  ein  für  jene  Zeit  rasches  Emporblühen  unter  dem  wohl- 
wollenden Schutze  des  edlen  Kurfürsten  Maximilian  des 
Dritten^  eine  Zeit  von  etwa  zwanzig  Jahren,  worauf,  unter 
der  Ungunst  von  Oben,  Erschlaffung  eintrat,  und  manche 
Zeichen  des  Verfalles  sichtbar  wurden.  Es  folgte  unter 
dem  Könige  Max  Joseph  dem  Ersten  die  zweite  Epoche 
(seit  1807). 

Die  Akademie  wurde  als  Centralanstalt  des  Staates  er- 
klärt, empfing  eine  für  die  damaligen  Verhältnisse  glänzende 
Ausstattung,  hörte  aber  zugleich  auf,  ein  freiwilliger  Verein 
von  Gelehrten  zu  sein,  welche  zu  gleichen  Zwecken  und 
nach  gleichen  P]::inzipien  zusammenwirkten.  In  dieser  Ge- 
stalt blieb  sie  zwanzig  Jahre,  bis  König  Ludwig  eine  dritte 
Periode  einleitete.  Durch  die  neue  Organisations-Urkunde 
vom  27.  März  1827  gab  er  ihr  wieder  die  frilhere  Bestim- 
mung, ein  unter  dem  Schutze  des  Königs  stehender  Verein 
von  Gelehrten  zu  sein,  um  die  Wissenschaften  zu  pflegen, 
zu  erweitern  und  durch  vereintes  Wirken  Werke,  zu  denen 
eine  einzelne  Krafb  nicht  ausreiche,  zu  Stande  zu  bringen. 

Der  König,  der  die  Pflege  der  Wissenschaften  wie  zu 
den  heiUgsten  Pflichten,  so  auch  zu. den  ersten  Zierden 
seiner  Krone  rechnete,  ergriff  das  beste,  ja  das  einzige 
völlig  angemessene  Mittel,  der  Akademie  die  kräftigste  und 
nachhaltigste  Wirkung  auf  das  ganze  staatliche  und  bürger- 
liche Leben  zu  sichern.  Indem  er  die  oberste  Lehranstalt, 
die  alte  bayerische  Hochschule  nach  der  Hauptstadt  ver- 
legte und  sie  mit  der  Akademie  in  die  engste  Verbindung 
setzte,  wurde  erreicht,  dass  die  Universität,  in  ihren  Lehr- 
kräften ausserordentlich  bereichert  und  zum  freien  Mit- 
genusse  der  akademischen  Güter  und  Mittel  zugelassen,  sich 
zum  Range  einer  der  ersten  wissenschaftlichen  Lehranstalten 
Europas  erhob.  Andererseits  aber  fand  sich  auch  die  Aka- 
demie durch  die  von  der  Hochschule  hinzugebrachten  Mittel 


V.  Liehig:  Eriimerung  an  König  Ludwig  I.  417 

bereichert  und  in  der  gänetigen  Lage,  sich  aas  dem  Kreise 
der  Professoren  erweitern  und  fortwährend  ergänzen  zu 
können;  dazu  kam,  dass  sie  unter  den  jüngeren  Männern, 
welche  nur  eine  Universität  versammelt,  bildet  und  festhält, 
stets  Gehilfen  und  Mitarbeiter  für  bedeutendere  wissen- 
schaftliche Unterehmungen  auszuwählen  vermag. 

Eine  zweite,  tief  eingreifende  Einrichtung,  weldie  der 
König  gleichzeitig  mit  der  neuen  Organisation  der  Akademie 
traf,  bestand  darin,  dass  die  grossen  wissenschaftlichen 
Sammlungen  und  Gabinete  administrativ  von  der  Akademie 
getrennt  und  als  wissenschaftliche  Anstalten  des  Staates 
unter  einem  Generalconservatorium  vereinigt  wurden,  ohne 
dass  jedoch  damit  das  innere  Band  gelöst  worden  wäre, 
welches  sie  mit  der  Akademie  verknüpfte.  Akademie  und 
Sammlungen  blieben  vereinigt  durch  den  gememsamen  Vor« 
stand  und  durch  die  in  der  Regel  aus  dem  Schoosse  der 
Akademie  genommenen  Gonservatoren. 

So  waren  durch  die  hohe  Einsicht  des  Königs  die  drei 
grossen  wissenschaftlichen  Anstalten,  die  Akademie  der 
Wissenschaften,  das  Generalconservatorium  und  die  Uni- 
versität in  die  wohlthätigste  Wechselwirkung,  in  eine  har- 
monische Gliederung  gebracht,  und  die  Vortrefflichkeit  dieser 
Einrichtung  hat  sich  zum  Nutzen  und  zur  Ehre  von  Bayern, 
zum  Gedeihen  der  höheren  Forschung  sowohl  als  der  Uni- 
yersitätswirksamkeit  in  vierzig  Jahren  erprobt  und  gefestigt. 

Dasjenige  Institut,  dessen  Reichthum  zuletzt  allen 
Wissenschaften  und  allen  der  Forschung  gewidmeten  An- 
stalten zu  Gute  kommt,  die  kgl.  Staatsbibliothek,  verdankt 
dem  Könige  Ludwig  jene  grossartige  Vermehrung  ihrer 
Mittel,  durch  welche  es  erst  möglich  geworden  ist,  in 
München  gelehrte  Arbeiten  und  Werke,  die  einen  um- 
fassenden literarischen  Apparat  erfordern,  auszufuhren.  Der 
König  ist  es,  der  diese  unsere  Bibliothek  in  die  Lage  ver- 
setzt hat,  dass  sie  nun  eine  der  reichsten,  best  geordneten 


418  OeffentUche  8Ußung  vom  28.  Mütm  1868. 

und  zweckmässigst  verwalteten  Büchersammlongen  der  ganzen 
Welt  ist. 

Es  war  femer  der  ausdrückliche  Wunsch  des  Königs, 
dass  eine  Literaturzeitung,  die  in  ihrer  Einrichtung  den 
Göttinger  Gelehrten  Anzeigen  gliche,  in  München  entstehe, 
doch  beschränkt  auf  diejenigen  Wissensgebiete,  deren  Pfl^e 
den  drei  Classen  der  Akademie  obliegt.  Die  Zeitschrift  be- 
gann im  Jahre  1*835,  sie  wurde  grösstentheils  von  Mit« 
gliedern  der  Akademie  geschrieben  und  gegen  zwanzig  Jahre 
fortgesetzt,  und  da  sie  durch  eine  königliche  Anordnung 
allen  Amtsbehörden  mitgetheilt  ward,  brachte  sie  auch  in 
die  abgelegensten  Theile  des  Landes  wissenschaftliche  Kunde 
und  erweckte  Empfänglichkeit  für  höhere  geistige  Interessen 
und  Fragen  auch  da,  wo  sonst  nur  politische  Tagesblatter 
Eingang  zu  finden  pflegen. 

Nur  flüchtig  gedenke  ich  der  grossartigen  Geschenke, 
welche  das  Münzkabinet  und  die  Staatsbibliothek  von  ihm 
empfing,  dann  des  auf  seinen  Befehl  an  der  Sternwarte  im 
Jahre  1840  errichteten  magnetischen  Observatoriums;  wie 
sich  denn  noch  manche  für  Förderung  und  Gedeihen  ein- 
zelner Wissenszweige  und  Institute  berechnete  Verfügungen 
des  Königs  anführen  liessen. 

So  hat  denn  die  Akademie  alle  Ursache,  auf  die  glück- 
liche Zeit  des  Aufschwungs  und  der  vielversprechenden 
Blüthe  zurückzublicken  und  das  Andenken  dieses  Mobarchen 
dankbar  in  hohen  Ehren  zu  halten. 

Der  Sohn,  König  Maximilian  der  Zweite,  durch  dessen 
weise  Einsicht  die  Akademie  in  ihr  gegenwärtiges  viertes 
Stadium  hinübei^eführt  worden  ist,  hat  mit  Neigung  und 
Liebe  fortgebaut  auf  dem  von  dem  Vater  gelegten  Grunde. 


MüUer:  Nekrolog  auf  Christian  Haase.  419 


Hierauf  widmeten  die  Herren  Glassen-Secretäre  den  im 
abgewicheneo  Jahre  verstorbenen  Mitgliedern  folgende 
Beden: 


a)  Der  Secretär  der  philos.-philol.  Classe  Hr.  Marcus 
Müller: 


Heinrich  Gottlob. Friedrich  Christian  Haase 

war  ein  Schüler  des  geistreichen  und  tiefen,  leider  zu  früh 
yerstorbenen  Reisig,  dem  er  ein  glänzendes  Ehrendenkmal 
durch  die  Herausgabe  seiner  Vorlesungen  über  lateinische 
Sprachwissenschaft  setzte  und  mit  seinen  eigenen  gediegenen 
Bemerkungen  begleitete.  Haase  war '  eben  so  ^ehr  den 
formellen,  als  dem  realen  Gebiet  der  Alterthumskunde  zuge- 
wandt und  in  beiden  gleichmässig  gebildet  und  erfahren. 
Von  den  römischen  Glassikern  weihte  er  seine  Müsse  dem 
L.  Annaeus  Seneca,  Velleius  Paterculus  und  Tacitus,  unter 
den  griechischen  dem  Xenophon  (de  republica  Lacedaemo- 
niorum)  und  besonders  dem  Thucydides.  Er  zeichnete  sich 
eben  so  sehr  durch  genaue  Kenntniss  und  Beobachtung  des 
Sprachgebrauchs,  sowie  durch  weiten  und  umfassenden 
Blick  in  die  Geschichte  und  die  Alterthümer  aus,  wovon 
vorzüglich  sein  hervorragendes  Werk  über  die  athenische 
Staatsverfassung  ein  glänzendes  Zeugniss  ist. 


420  OeffenÜiche  SiUung  vom  28.  März  1868. 

Christian  Angnst  Brandts. 

Das  grosse  Wirken  dieses  Mannes  concentrirte  sich  in 
fruchtbarer  Bearbeitung  der  griechischen  Philosophie.  Als 
die  preussische  Academie  den,  von  den  Bedürfnissen  der 
Literatur  der  Gegenwart  dringend  geforderten,  nach  Umfang 
und  Schwierigkeiten  des  Werks  grossartigen  Plan  fasste  eine 
Ausgabe  der  Schriften  des  Aristoteles  zu  veranstalten,  erhielt 
Brandis  neben  dem  unvergleichlichen  Immanuel  Bekker  den 
Auftrag  die  Materialien  hiezu  zu  sammeln,  und  bereiste  zu 
diesem  Behufe  Italien,  Frankreich  und  England,  um  die  in 
den  dortigen  Bibliotheken  aufbewahrten  Handschriften  seiner 
philologischen  Arbeit  zu  unterziehen,  welcher  wir  die  staunens- 
werthe  Ausgabe  der  Scholia  in  Aristotelem  verdanken,  sowie 
bereits  früher  eine  Ausgabe  der  aristotelischen  Metaphysik. 
So  sehr  er  sich  in  diesen  Werken  als  umsichtigen  und  ge- 
diegenen Philologen  bethätigte  und  den  Grund  zu  einem 
tieferen  Studium  des  grössten  Philosophen  legte,  so  sind  auf 
der  anderen  Seite  die  Werke,  in  denen  er  als  Philosoph 
und  Historiker  auftrat,  von  eben  so  dauerndem  Werthe. 
Sein  Handbuch  der  Geschichte  der  griechisch-römischen  Philo- 
sophie, seine  Geschichte  der  Entwicklung  der  griechischen 
Philosophie  gelten  mit  Recht  als  Meisterwerke  von  Feinheit 
des  Taktes  und  Combinationsgabe,  musterhafter  Zusammen- 
stellung der  Beweisstellen  und  Sicherheit  eines  durch  die 
umfassendsten  Kenntnisse  und  unübertrefflichen  Scharfsinn 
gebildeten  Urtheils.  Treffliche  Abhandlungen  finden  sich  in 
dem  von  ihm  in  Gemeinschaft  mit  Niebuhr  gestifteten  und 
herausgegebenen  „Rheinischen  Museum^'  über  die  Lehre  des 
Socrates,  über  die  Schicksale  der  aristotelischen  Bücher, 
über  die  Reihenfolge  der  jonischen  Philosophen,  über  Cicero's 
Academica ;  ebenso  seine  Schriften  in  den  Denkschriften  der 
Berliner  Akademie  über  die  Reihenfolge  der  Bücher  des 
Organen,  über  Aristoteles  Metaphysik.  —  Einige  Jahre  brachto 


MüMer:  Nekrolog  auf  Eduard  Gerhard.  421 

er  in  Griechenland  als  Gabinets-Rath  des  Königs  Otto  zu, 
welchem  Aufenthalt  wir  die  interessanten  Mittheilungen  aus 
Griechenland  verdanken. 


Eduard  Gerhard^ 

einer  der  würdigsten  Nachfolger  des  deutschen  Winckelmann, 
hat  als  Archäolog  eine  weit  ausgebreitete  Wirksamkeit  ent- 
wickelt. Ausgehend  von  einer  gründlichen  philologischen 
Bildung,  wovon  sein  -Erstlingswerk  lectiones  Apollonianae 
volles  Zeugniss  ablegt,  wandte  er  sich  vorzüglich  der  Be- 
arbeitung der  Kunstgeschichte  und  der  Erläuterung  der 
Kunstwerke  des  Alterthums  zu.  Wenig  Archäologen  seit 
Winckelmann  haben  ihrer  Wissenschaft  eine  so  zahlreiche 
Menge  wichtiger  Inedita  zugeführt,  als  Gerhard  in  seinen 
antiken  Bildwerken  und  andern  Publicationen.  Seine  ganze 
Theilnahme  erregte  die  zu  seiner  Zeit  stattgefundene  Aus* 
grabung  altetruskischer  Grabstätten,  die  in  ihm  einen  com- 
Petenten  Darsteller  erfuhren.  In  seinen  Werken  über  Vasen- 
gemälde und  Spiegel  hat  er  jedenfalls  neue  Bahnen  eröffiiet. 
Ausser  der  Behandlung  der  Masse  der  einzelnen  Monumente, 
denen  er  seinen  Scharfsinn  und  seine  Gelehrsamkeit,  sowie 
die  Feinheit  der  Beurtheilung  und  divinatorische  Intuition 
der  religiösen  Momente  widmete,  aus  denen  die  antiken 
Bildwerke  hervorgingen,  vergass  er  nicht  das  grosse  Ganze, 
und  wir  verdanken  ihm  eine  Zusammenfassung  der  Haupt- 
disciplinen,  welche  er  cultiyi^te,  in  seinem  Grundriss  der 
Archäologie  und  in  der  Darstellung  der  griechischen  und 
italischen  Mythologie,  welche  selbst  neben  analogen  hervor- 
ragenden Werken  gleichzeitiger  Fachgenossen  ihren  bleibenden 


424  OeffmtUche  aUtting  vom  28.  Märe  t8$ß. 

Sacy  in  das  gelehrte  Pablicam  volktändig  eingeführt  worden 
waren,  eine  verbesserte  Ausgabe,  mit  einem  Ergäozungsbande, 
von  welchem  die  höchst  interessante  Einleitung  von  Beinaad 
selbst,  die  Noten  aber  von  seinem  Mitarbeiter  herzurühren 
scheinen.  Sein  Leben  Mohammeds  behält  auch  neben  den 
Darstellungen  von  Weil  und  Sprenger  noch  hohen  Werth. 


Franz  Bopp 

ist  einer  der  Namen,  die  in  der  neueren  Zeit  bei  allen 
dvilisirten  Nationen  mit  einem  strahlenden  Kranz  der  Ehre 
und  des  Ruhmes  umgeben  sind.  Als  im  Anfang  dieses  Jahr- 
hunderts die  von  den  Engländern  aufmerksam  gewordenen 
continentalen  Geister  eine  Ahnung  von  dem  Reiohthum  der 
indischen  Literatur  bekamen,  war  Bopp  einer  der  Ersten,  die 
sich  dem  Studium  des  Sanskrit,  als  des  Thores  zu  jener  so 
zu  sagen  neu  entdedcten  Wdt,  unterzögen.  Gleich  im 
Beginne  seiner  Laufbahn  £Etöste  er  ein  glückliches  Aperen, 
das  weiter  entwickelt  zu  jenem  grossen  Bau  führte,  der  jetzt 
unerschütterlich  dasteht  und  als  eine  der  grandiosesten  Er- 
scheinungen des  menschlichen  Scharfsinnes  angesehen  werden 
muss.  Die  schon  von  den  Engländern  beobachtete  Aehn- 
lichkeit  sanskritischer  Sprachformen  mit  unsern  europäische 
unterwarf  er  einer  scharfen  Analyse  und  zog  daraus  bestimmte 
Gesetze^  die  so  sicher  sind  als  die  Gesetze  der  unorganisdien 
und  organischen  Natur,  wie  denn  dieser  Theil  der  philo^ 
logischen  Arbeit  die  nächste  Analogie  zu  den  exacten  Natur- 
forschungen hat;  damit  war  auch  die  frühere  Willkühr,  die 
bei  allem  Etymologisiren  herrsdite,  radical  abgeschnitten 
und  in  ihr  Nichts  zurückgeworfen,  so  dass  sie  hoffentlich  als 
iur  immer  abgethan  angesehen  werden  kann.  Jene  Gesetze 
bewiesen   unumstösslich    die    ursprüngliche   Identität   aller 


ÜfüBer :  Nekrciog  awf  throne  S&pp.  425 

sogenannten  indogermanischen  Sprachen;  mit  dieser  war 
auch  die  Identität  der  übrigen  geistigen  Erscheinungen  des 
alten  Völkariebens  gegeben  und  das  Licht,  das  sich  von  der 
Untersuchung  der  Sprachen  aus  erhob,  erleuchtete  bald  auch 
die  dunkelsten  Parthieen  der  Ethnographie  und  der  alten 
Religionsvorstellungen.  Es  darf  aber  nicht  vergessen  werden, 
dass  neben  Bopp  der  unvergleichliche  Jacob  Grimm  auf 
diese  Forschungen  durch  seine  Meisterhand  von  dem  för- 
demdsten  Einfluss  war  und  die  beiden  Heroen  von  ver- 
schiedenen Seiten  aus  demselben  Ziele  zustrebten  und  sich 
gegenseitig  ergänzten.  Die  Ideen,  Reiche  schon  im  „Conju- 
gationssysteor^  implicite  vorhanden  waren,  erhielten  ihre 
weitere  Ausbildung  und  Vollendung  in  der  „vergleichenden 
Grammatik",  welche  neben  dem  Sanskrit  nicht  allein  das 
Griechische,  Lateinische,  lithauische,  Altslavische,  Gothische, 
Deutsche,  sondern  auch  bereits  das  Zend  in  seinen  Berdch 
zog,  das  fast  zu  gleichq^  Zeit  das  eminente  philologische 
Talent  von  Eugene  Burnouf  beschäftigte^  Auch  das  Armenische 
wurde  von  Bopp  den  ebengenannten  Sprachen  angeschlossen, 
sowie  auch  das  Celtische ,  Akpreussische  und  Albanesische, 
selbst,  wenn  auch  weniger  gläcklich,  das  Malajisch^Poly- 
nesische.  Neben  diesen  Arbeiten  gingen  diejenigen,  welche 
der  ^eciellen  Sanskritphilologie  angehören,  und  wegen  deren 
Bopp  geradezu  als  Gründer  des  Sanskrilstudiums  in  Europa 
genannt  werden  k.ann.  Es  sind  die  in  mehreren  Auflagen 
und  verschiedenen  Bearbeitungen  durchgeführte  Sanskrit- 
Grammatik,  das  höchst  brauchbare  Sanskrit-Glossar ,  die 
Abhandlung  über  den  Accent  und  mehrere  Ausgaben  von 
Texten,  meistens  aus  dem  Epos  des  Mahäbhärata  entnommen, 
wodurch  er  nicht  nur  den  Schulen  den  grössten  Dienst  leistete, 
sondern  auch  durch  seine  Uebersetzungen ,  wovon  einige 
deutsch,  die  grössere  Welt  in  die  Eenntniss  der  indischen 
Poesie  einführte. 

[1868.  I.  8.]  38 


426  OeffenOkhe  SUeung  vm  28.  März  1868. 

August  Bockh. 

Es  gibt  kaum,  nicht  bloss  in  Deutschland  und  in  diesem 
Jahrhundert,  sondern  überhaupt  in  Europa  seit  dem""  Zeitalter 
der  Restauration  der  Wissenschaften  eine  reichere  und  ruhm- 
würdigere philologische  Laufbahn,  als  diejenige  welche  von 
Böckh  bis  zum  höchsten  Greisenalter  mit  .voller  geistiger 
Frische  zurückgelegt  wurde.  Durch  Wolf. war  die  elassische 
Philologie  zuerst  in  ein  wissenschaftliches  System  gebracht, 
und  ohne  den  formalea^  Studien  etwas  zu  vergeben  die  reale 
Seite  der  Alterthumswissenschaft  in  die  rechte  Stelle  gerückt, 
und  die  Kenntniss  des  gesammten  geistigen  und  praktischen 
Lebens  der  alten  Völker  in  dem  Zusammenhang  und  der 
Wechselwirkung  seiner  Elemente  als  Ziel  und  Postulat  der 
Forschung  aufgestellt  werden.  Keiner  hat,  wie  Böckh  diese 
grosse  Aufgabe  in  ihrem  vollen  Umfang  in  seine  weite  Auf- 
fassungsgabe aufgenommen  uiid  i%[t  der  grössten  Schärfe  des 
Urtheils  und  staunenerr^endem  Umblick  fortgeführt.  Ueber- 
raschend  zahlreich  sind  die  Gebiete,  welche  sein  durchs 
dringender  Forschungsgeist  mit  seiner  Fackel  durchzog  und 
von  denen  allen  er  die  reichste!)  und  festgegründ^tsten  Re- 
sultate zurückbrachte.  Bewunderungswürdig,  wie  schon  äeine 
Erstlingsschrift  über  die  griechischen  Tragiker  ist  seine  grosse 
unübertroffene  Ausgabe  des  Pindar  mit  Schollen  und  seine 
Behandlung  der  Versmasse  dieses  Lyrikers,  ferner  das 
colossale  Corpus  inscripüonum  graecarum,  unschätzbar  für 
Sprache,  staatliche  Geschichte  und  Antiquitäten,  eines  der 
grossartigen  Geschenke,  welche  die  Berliner  Academie  der 
gelehrten  Welt  gemacht  hat.  Die  Geschichte  der  Philosophie 
verdankt  ihm,  dem  feinen  Kenner  Piatons,  manche  wichtige 
Bereicherung,  worunter  besonders  sein  Werk  über  den 
Pythagoräer  Philolaos  hervorzuheben  ist ;  unübertroffen  steht 
er  da  in  der  schwierigen  Disciplin  der  Chronologie  durch 
seine   Untersuchungen    über   Manetho    und  die  Hundstern- 


MüOer:  Nekrolog  auf  August  Böckh.  427 

periode,  über  die  Mondcyclen  der  Hellenen,  über  die 
vierjährigen  Sonnenkreise  der  Alten.  Epochemachend  und 
originell  sind  seine  Bücher  über  den  Staatshaushalt  der 
Athener,  nebst  der  Abhandlung  über  die  Euthynen  und 
Logisten  und  die  Untersuchungen  über  das  attische  Seewesen, 
welche  später  in  die  zweite  Auflage  des  Staatshaushalts  auf- 
genommen worden  sind.  Eben  so  neue  und  fruchtbare 
Resultate  bietet  sein  Werk  über  Metrologie.  So  sehr  sich 
Böckh  verschieden  zeigt  in  Seinem  Wesen  und  in  dem  Stoff 
der  Forschuhg  von  d^m  so  eben  charakterisirten  Begründer 
der  vergleichenden  Linguistik ,  so  haben  doch  Beide  etwas 
Gemeinschaftliches,  nämlich  den  Blick  in  den  Zusammenhang 
des  Orientes  und  Occidentes.  Wie  dieser  die  Zusammen- 
gehörigkeit der  beiden  im  Gebiet  der  Sprachen,  und  in  Folge 
hievon  des  Mythus  aufgeschlossen  hat,  so  hat  jener  das 
Verdienst  ihren  nationalen  Intercursus  im  praktischen  Feld 
der  Masse ,  Gewichte  und  Münzen  nachgewiesen  zu  haben. 
Die  Wissenschaft  hat  in  neuerer  Zeit  nicht  nur  an  Umfang 
zugenommen,  sondern,  was  tröstlich  ist  bei  der  Unmasse  des 
zu  bewältigenden  Stoffes,  an  Zusammenfassung  und  daraus 
folgender  Uebersichtlichkeit ;  indem  sie  die  entferntesten 
Objecto  einander  zu  nähern  und  zusammenzubringen  ver- 
standen hat,  dieselben  von  einem  umfassenden  Gesichtspunkt 
betrachtet,  wie  man  von  der  Höhe  eines  Berges  bei  der 
weiteren  Aussicht  auch  die  Connexion  der  einzelnen  Theile 
-za  überblicken-  vermag.  Auch  als  gewandter  Uebersetzer 
und  Meister  der  deutschen  Sprache  hat  sich  Böckh  in  der 
Antigone  gezeigt,  und  als  ausgezeichneten  Redner  bewundem 
wir  ihn  sowohl  wegen  der  ausgebreiteten  fruchtbaren  und 
•eleganten  Gelehrsamkeit,  als  auch  wegen  der  classischen 
Form  und  des  Freimuths  des  deutschen  Mannes. 


28* 


428  OeffenÜicke  Sitzung  wm  28.  März  1868. 

b)    Der  Secretär  der  matL-phys.  Glasse  Herr  v.  Martias: 

Besonders  nahe  musste  es  der  math.-phys.  Glasse  gehen, 
ihren  Senior  Hrn.  Hofr.  von  Vogel  aus  dem  Kreise  scheiden 
zu  sehen,  welchem  er  seit  länger  als  ein  Menschenleben  so 
zahlreiche  Beweise  einer  edlen  Gesinnung  und  einer  treuen 
GoUegialität  gegeben,  in  welchem  er  so  viele  rühmliche 
wissenschaftliche  Erfolge  jgehabt  hat.  Nach  dem  ausdrück- 
lichen Wunsche  unseres  lieben  heimgegangenen  Gollegen  ist 
sem  Sohn,  Herr  Professor  und  Akademiker  Dr.  Aug.  Vogel 
berufen  worden,  an  diesem  Orte  sein  Gedächtniss  isu  feiern, 
und  indem  ich  denselben  dazu  einlade,  darf  ich  nur  im 
Namen  der  Glasse  aussprechen ,  dass  sie  den  von  kindlicher 
Pietät  dictirten  Nachruf  mit  ihren  wärmsten  Sympathien 
begleitet. 


Diese  Denkrede  ist  im  Verlage  der  Akademie  besonders 
erschienen. 


Carl  Georg  Christian  TOn  Standt^ 

ordentlicher  Professor  der  Mathematik  an  der  Universität 
zu  Erlangen,  geb.  24.  Jan.  1798,  ist  am  1.  Juni  1867  ge- 
storben. 

In  die  Wahlen,  welche  die  math.-phys,  Glasse  im  yori- 
.gen  Jahre  vorgenommen,  hat  ein  schwarzes  Verhängniss 
eingegrififen.  Sie  wählte  zu  ihren  auswärtigen  Mitgliedem 
den  ausgezeichneten  italienischen  Zoologen  Filipe  de  Filipi, 
der  sich  eben  auf  einer  wissenschaftlichen  Entdeckungsreise 
in  Asien  befand,  und  derselbe  starb  dort  in  dem  fernen 
Hongkong  am  Tage  der  Wahl.     Sie  wählte  v.  Staudt,  der 


V.  MarHiü:  Nekrdog  awf  ChrisHm  v,  Staudt,  429 

ihr  als  correspondirendes  Mitglied  schon  länger  angehört 
hatte,  und  ehe  die  von  der  Gesammt-Akademie  bestätigte 
Wahl  die  Allerhöchste  Genehmigung  erhalten  hatte,  ward 
unser  trefflicher  College  aus  dem  Leben  abgefordert. 

Die  Akademie  beklagt  in  ihm  eines  ihrer  bedeutend- 
sten Mitglieder.  Sie  musste  wünschen,  dass  dieser  schöpfer- 
ische Kopf,  dessen  tiefsinnige  ernste  Forschungen  eine  neue 
Phase  in  der  Entwicklung  der  Geometrie  bezeichnen,  noch 
lange  sich  möge  am  Gedeihen  seiner  geistigen  Aussaat  er- 
freuen können! 

Von  Staudt  stammt  aus  der  ehemalig  freien  Reichsstadt 
Rothenburg  an  der  Tauber,  wo  sein*  Vater  Georg,  Spröss- 
ling  einer  alten  Patriderfamilie  als  Raihs*Gonsulent  gleich  den 
Vorfahren,  an  der  Verwaltung  einer  jenen  kleinen  Republiken 
Theil  genommen,  die  dem  deutschen  Gesammt- Vaterlande 
nicht  wenige  staatsmännische  Talente,  Gelehrte  und  Künstler 
geliefert  haben.  In  den  Schulen  seiner  Vaterstadt  vorgebildet 
trat  er  1814  in  das  Gymnasium  zu  Ansbach,  welches  ihn 
mit  der  Ehren-Medaille  ausgezeichnet  entliess.  Schon  dort 
hatte  er  mit  Vorliebe  das  Studium  der  Mathematik  ergriffen, 
und  während  eines  mehrjährigen  Aufenthaltes  in  Göttingen 
sah  er  sich  nicht  bloss  durch  die  Lehre  des  grossen  Mathe- 
matikers Gauss  gefördert,  sondern  von  des  verehrten 
Meisters  Anerkennung  und  Lob  beglückt.  Man  erzählt  sich, 
dass  dieser,  wenn  er  die  Lösung  einer  von  «ihm  gestellten 
Aufgabe  aus  den  Händen  des  lieben  Schülers  entgegennahm, 
ihm  dagegen  seine  eigene  Bearbeitung  übergab,  mit  der 
heiteren  Bemerkung,  er  reebne  auf  gegenseitige  Befriedigung. 
Er  promovirte  1822  in  Erlangen,  wurde  nach  einer  in 
München  glänzend  bestandenen  Prüfung  noch  in  demselben 
Jahre  Professor  der  Mathematik  am  Gymnasium  in  Würz- 
burg, 1827  an  jenes  von  Nürnberg  versetzt  und  1835  ordent* 
lieber  Professor  der  Mathematik  an  der  Erlanger  Univer- 
citäi    Hier  hat  der  sanfte,  wohlwollende  Mann,  ein  Vorbild 


430  Oeffenaiehe  Sitzung  v<m  ^9.  Marx  1368. 

der  Berufstreae,  einfacher  Sitten  und  strenger  Tugend,  das 
Stillleben  eines  in  seine  Forschung  versenkten  Geistes  gelebt 
Er  beherrschte  seine  Wissenschaft  mit  seltener  Klarheit  und 
vermochte  auch  einen  grösseren  Schülerkreis  durch  populäre 
Vorträge  weiterzuführen.  Es  liegt  aber  in  der  Natur  der 
Sache,  dass  nur  Wenige  der  Fähigsten  und  Eingeweihten 
dem  Lehrer  auf  die  Höhen  einer  so  ernsten  Wissenschaft 
folgen,  welche  neben  intuitiver  Geisteskraft  die  Energie  des 
Charakters  verlangt,  auch  bei  fortgesetzter  gleichartiger 
Arbeit  nicht  zu  ermüden.  Nicht  alle  Lehrer  der  Mathematik 
verstehen  so  wie  v.  Staudt,  den  an  sidi  trocknen  Vorträgen 
einen  lebensvollen  Beiz  zu^  verleihen ,  indem  jene  Probleme 
praktischer  Natur  angedeutet  werden ,  welche  -  durch  ver- 
schiedene mathematische  Methoden  von  verschiedenen  Seiten 
beleuchtet,  leichter  und  sicherer  der  Lösung  entgegengeführt 
werden  können,  üeberall  aber ,  wo  sich  seinem  in  die 
Tiefe  strebenden  Scharfsinn  ein  schwieriges  Problem  darbot, 
ergii£f  er  es  mit  unverdrossenstem  Eifer  und  fand  in  der 
Arbeit  eine  harmlose  Befriedigung. . 

Auf  dem  Gebiete  der  reinen  Analysis  hat  sich  v. 
Staudt  vornehmlich  durch  eine  kleine,  aber  hödist  werth- 
voUe  Arbeit  über  die  „BernouUi-schen  Zahlen"  ein  blei- 
bendes Gedächtniss  erworben,  worüber  sich  ein  ausge- 
zeichneter Analytiker  Hr.  Coli.  Seidel  folgendermassen 
ausspricht :  „Bekanntlich  hat  man  für  die  Summe  einer  beliebig 
langen  Reihe  der  aufeinander  folgenden  natürlichen  Zahlen 
1,  2,  3  .  .  .  eine  höchst  einfache  Formel,  welche  diese 
Summe  giebt,  ohne  die  wirkliche  Addition  zu  erfordern. 
Aehnliche  Formeln  lassen  sich  aufstellen  für  beliebig  lange 
Reihen  der  Quadrate,  der  Guben,  und  allgemein  beliebig 
hohe  Potenzen  dieser  Zahlen.  Diese  Formeln  nehmen  ab» 
rasch  an  Complication  zu,  indem  in  ihnen  Brüche  von  eigen- 
thümlicher  Zusammensetzung,  die  nach  dem  Namen  Jacob 
Bernoulli's  genannten  Zahlen,  auftreten.   Diese  Zahlen  hab^ 


V.  Martius:  Nehrölog  auf  ChrigHan  v,  Staudt  431 

vielfach  das  Interesse  der  Mathematiker  in  Ansprach  ge- 
nommen, einerseits,  weil  die  versteckte  Art  der  Bildung  ihrer 
Zähler  und  Nenner  das  Nachdenken  reizte;  andererseits,  weil 
sie  in  der  nämlichen  auffallenden  Gestalt  in  Untersuchungen 
ganz  verschiedener  Art  wiederkehren,  so  dass  sie  überhaupt 
eine^'*  grosse  Bolle  in  der  Analysis  spielen.  Die  Versuche, 
eine  übersichtliche  Gesetzmässigkeit  in  ihrer  Zusammensetzung 
herauszufinden ,  blieben  lange  ohne  Erfolg  und  fast  ohne 
Hoffnung,  —  bis  es  von  Staudt  gelang,  zunächst  für  ihris 
Nenner  die  schöne  Gesetzmässigkeit  ihrer  "Bildung  klar  asu 
legen.  Seine  Dissertation  über  diesen  Gegenstand,  verbunden 
mit  anderen  Untersuchungen  über  die  Summen  der  vorhin 
gedachten  Zahlenreihen,  ist  1840  erschienen.  Ohne  Beweis 
hatte  von  Staudt  seinen  Satz  schon  vorher  Einzelnen 
raitgeiheilt/' 

Ein  anderer  Fadigenosse  und  Verehrer  von  Staudt's, 
unser  Herr  GoUega  Bauernfeind,  schildert  seine  glänzenden 
Leistungen  auf  dem  Gebiete  der  Geometrie  mit  folgenden 
Worten:  „In  früheren  Jahren  hat  v.  Staudt  mit  Vorliebe 
die  analytische  Geometrie  betrieben,  und  durch  einige  kleinere 
Abhandlungen  gezeigt,  wie  sehr  er  feinen  Blicks  seinen 
Gegenstand  beherrsche.  Seit  einem  Menschenalter  wandte 
er  sich  der  neueren  synthetischen  Geometrie  zu,  um  deren 
Grenzen  zu  erweitern  und  ihren  Inhalt  ^in  ein  wohlgefügtes 
System  zu  bringen.  Diess  System  ist  in  der  1847  erschienenen 
,, Geometrie  der  Lage^^  entwickelt,  und  in  den  von  1849  bis 
1860  veröffentlichten  „Beiträgen  zur  Geometrie  der  Lage'' 
erweitert  und  befestigt  worden.  In  neuester  Zeit  erst  fand 
es  die  verdiente  Anerkennung,  indem  es  zur  Grundlage  der 
„graphischen  Statik"  gemacht  wurde,  wodurch  sich  die  bisher 
auf  dem  Wege  der  Rechnung  ermittelten  Grössen  und 
Richtungen  der  in  Bau-  und  Maschinen-Constructionen  wirk- 
samen Kräfte  mit  ausreichender  Genauigkeit  durch  Zeichnung 
finden  lassen.   Eine  noch  weitere  Verbreitung  und  Anwendung 


482  OeffMüehe  Bit$mg  wm  ^a  Man  IBßS. 

steht  der  Geometrie  der  Lage  beror,  sobald  sie  auch  zur 
Grundlage  der  „d^criptiven  Geometrie^^  gemacht  mcdj  woza 
sie  ganz  geeignet  erscheint. 

Die  neaere  Geometrie  geht,  wie  die  alte,  von  den  ein-* 
fachsten,  räumlichen  Vorstellungen  aus  und  gelangt,  wie  diese, 
ohne  von  den  Hül&mitteln  der  Rechnung  mehr  als  Verhält« 
nisse  beizuziehen,  bloss  durch  entsprechende  Combinationen 
jener  Vorstellungen  zu  einer  fortlaufenden  Beihe  von  evidenten 
Sätzen.  Was  beide  unterscheidet,  ist  nur  die  Art  und  Weise, 
wie  entweder  die  einfachsten  Vorstellungen  selbst  oder  die 
daraus  abgeleiteten  Resultate  mit  einander  verbunden  werden. 
Während  in  dieser  Beziehung  die  Geometrie  der  Alten  fast 
für  jeden  Satz  eines  besonderen  Beweis-Apparates  bedarf 
und  hiedurch  theüweise  als  eine  Sammlung  von  glück- 
lichen Einfällen  und  Kunstgriffen  erscheint,  führt  die  neuare 
Geometrie  ein  möglichst  grosses  Gebiet  von  Resultaten 
auf  weiige  Grundverbindungen  der  einfachsten  Vorstellungen 
zurück. 

Den  Grund  zu  dieser  neueren  Geometrie  I^e  im  ersten 
Viertel  unseres  Jahrhunderts  Poncelet  durch  seinen  Traite 
des  proprietes  projectives  des  figures,  worin  er  zeigte,  wie 
man  gewisse  Eigenschaften  einer  Figur  auf  eine  andere  über^ 
tragen  kann,  und  dass,  unter  Zugrundlegung  der  Perspective 
und  des  Gontinuitätsprincipes ,  die  Theorie  des  Kreises  aus* 
reicht,  die  fast  zahllosen  Eigenschaften  der  Kegelschnitte  wie 
nüt  einem  Schlage  systematisch  abzuleiten.  Seine  Theorie 
des  polaires  reciproques,  wonach  mit  Hülfe  dnes  Kegel- 
schnittes jeder  Figur  eine  andare  gegenübergestellt  werden 
kann,  deren  Ecken  und  Seiten  beziehungsweise  den  Sdten 
und  Ecken  der  ersten  entsprechen,  fährte  auf  das  in  der 
Geometrie  allgemein  herrschende  Gesetz  der  Dualität,  vermöge 
dessen  jedem  Satz,  der  eine  Abhängigkeit  zwischen  Punkten, 
Ebenen  und  Geraden  ausdrückf,  ein  anderer  gegenüberstdit, 
in  welchem  die  Punkte  und  Ebenen  des  ersten  durch  Ebenen 


V.  IfitftMM:  KehtHog  auf  Christian  v.  ßkmäi.  438 

und  Punkte  des  zweiten,  die  Geraden  aber  wieder  durch 
Gerade  ersetzt  sind. 

Mit  Hälfe  dieses  Gesetzes  nnd  das  heikle  Gontinoitäts- 
prineip  yermeidend,  gelangte  Steiner  zu  seiner  „Systematischen 
Entwickelung  der  Abhängigkeit  geometrischer  Gestalten  von 
einander'^  In  diesem  Epoche  machenden  Werke  sind  metrische 
Relationen  nicht  vermieden. 

Von  Staudt  nun  hat  sich  hievon  in  seiner  „Geometrie  der 
Lage"  gänzlich  unabhängig  gemacht,  und  alle  von  Steiner 
und  Anderen  vor  ihm  aufgestellten  Resultate,  welche  aus 
der  gegenseitigen  Lage  auf  einander  bezogener  Gebilde  folgen, 
durch  blosse  Betrachtung  der  Lage  dieser  Gebilde  ab- 
geleitet 

Hierin  liegt  der  Unterschied  zwischen  der  „Geometrie 
der  Lage"  und  der  „neueren  Geometrie",  und  zugleich  der 
Grund,  warum  die  Darstellung  von  Staudt  noch  abstracter 
nnd  philosophisdber  erscheint,  als  die  seiner  Vorgänger, 
deren  Forschungen  er  in  neuer  Form  wiedergibt.  Die 
wesenUicfaste  Erweiterung  der  synthetischen  Geometiie  aber, 
wekhe  von  Staudt  verdankt  ^ird,  besteht  in  der  nach 
neunjähriger  Arbeit  geglfickten  Erfindung  eines  Weges,  auf 
deiki  sidi  das  Imaginäre  evident  Und  sicher  behandeln  lässt. 
Diese  Erfindung  und  die  mit  grösster  Strenge  durchgef&hi-te 
Sdheidui^f  der  Lagen-  und  Grössenverhältnisse  geometrischer 
Gebilde  sichern  von  Staudt  einen  hohen  Ehrenplatz  in  der 
Geschichte  seiner  Wissenschaft,  ja,  es  gibt  Mathematiker, 
die  die  Ehrfurcht  vor  dem  „Vater  der  alten  Geometrie" 
auf  ihn  äbertiagend ,  ihn  den  modernen  Eudides  nennen 
mochten." 


484  Oeffimniche  Sitzung  tarn  28.  Mars  1866. 

TheopMlos  Julius  Felouze^ 

Mitglied  des  Institats  von  Frankreich,  Präsident  der  Com- 
mission  für'  Münzen  und  Medaillen,  Commandeur  der  Ehren- 
legion, seit  1858  ordentliches  auswärtiges  Mitglied  unserer 
Akademie,  ist  am  31.  Mai  1867  zu  Paris  gestorben. 

Er  war  am  13.  Februar  1807  zu  Valognes,  Departe- 
ment de  la  Manche,  geboren,  empfieng  von  seinem  Vater, 
welcher  sich  mit  Einsicht  und  Energie  in  mehreren  Zweigen 
der  chemischen  Industrie  rühmlich  verwendet  hatte,  eina 
gluckliche  Vorbildung  för  die  Technik  vridmete  sich  zuerst 
der  Pharmazie  (a  la  Fere)  und  kam  20  Jahre  alt  in  das 
Hospice  de  la  Salpetriere.  Gaj  Lussac  hatte  in  dem  Arsenal 
zu  Paris  ein  Privatlaboratorium,  in  welches  er ^  keine  Schüler 
aufisunehmen  pflegte.  Der  Erste,  der  das  Glück  hatte,  dort 
mit  dem  grossen  Forscher  zu  arbeiten,  war  Baron  v.  Liebig, 
mit  welchem  er  dessen  Untersuchung  über  Knallsilber  und 
Knallquecksilber  durchführte.  Nach  ihm  nahm  er  Pelouze 
und  Dr.  Buflf,  jetzt  Professor' der  Physik  in  Giessen,  auf, 
und  es  sind  diess  die  drei  Einzigen,  die  sidi  Gay  Lussac's 
unmittelbare  Schüler  nennen  können.  Der  hohe  Meister 
würdigte  alsbald  das  glückliche  Talent  und  die  Anstelli^eit 
des  jungen  Mannes.  Schon  3  Jahre  später  wurde  Pelouze 
auf  den  von  der  Stadt  Lille  gegründeten  Lehrstuhl  der 
Chemie  als  Professor  adjoint,  unter  Kuhlmaun  als  Titular- 
Professor,  berufen.  Hier  boten  ihm  die  manm'gfaltigen 
Fabriken  der  Stadt  und  zumal  das  grossartige,  chemische 
Etablissement  dieses  thätigen  Mannes  reiche  Erfahrungen 
auf  dem  Felde  der  chemischen  Industrie,  die  nicht  ohne 
Einfluss  auf  seine   praktische  Richtung  geblieben  sind. 

Nach  weiteren  drei  Jahren  wurde  er  von  dem  Direc- 
torium  der  polytechnischen  Schule  zu  Paris  einstimmig  zum 
Repetitor  der  Chemie  gewählt  und  Gay  Lussac's  Supplent. 
Wenn  schon  die  administrative  Gentralisation  in  der  Haupt- 


«.  Martius;,  NeJcrohg  awf  Julius  Pehuee,  435 

Stadt  Frankreichs  ihre  Schattenseiten  hat ,  so  hringt  sie 
doch  auch  den  ausserordentlichen  Vortheil  mit  sich,  dass 
dec  Mittelpunkt  vieler  hervorragaiden  Geister  die  jungen 
Talente  mächtig  anzieht,  dass  man  sie  rasch  erkennt  und 
ihnen  mit  wetteiferndem  Wohlwollen  die  entsprechenden 
Bahnen  eröffnet,  ohne  nach  dem  Taufscheine  zu  fragen.  So 
ward  denn  auch  Pelouze  frühzeitig  in  eine  Stellung  versetzt, 
wo  er  sich  als  befruchtenden  Lehrer,  gewandten  Esperimen* 
tator,  scharfsinnigen  Forscher  und  Entdecker  und  als 
fleissigen  Schriftsteller  bewähren  konnte.  Und  schon  als 
ein  Mann  von  25  Jahren  war  er  in  der  Lage,  sich  als  ge? 
wissenhaften  Berather  und  Gewährsmann  in  der  Verwaltung 
auszuzeichnen;  denn  im  Jahre  1832  wurde  er  in  Folge 
eines  glänzend  bestandenen  Goncurses  auf  Thenard's  Vorschlag 
Münzwardein.  Im  Jahre  1837  wählte  ihn  die  Akademie 
der  Wissenschaften  im  Institut  von  Frankreich  an  Deyeu^x 
Stelle.  Als  Supplent  von  Thenard  und  Dumas  am  College 
de  France  und  an  der  Facultät  der  Wissenschaften  kettete 
er  seine  zahlreichen  Zuhörer  an  sich,  nicht  bloss  durch  die 
nüchterne  Klarheit  des  Kopfes,  die  maassvolle,  correcte 
Sprache ,  sondern  auch  durch  die  Wärme  des  Herzens« 
Nach  dem  Vorbilde  anderer ,  besonders  deutscher  Labora- 
torien, gründete  er  im  Jahre  1846  in  dem  seinigen  eine 
Schule,  aus  welcher  dem  Lande  viele  tüchtige  Kräfte,  theo- 
retisch wie  praktiisch  gebildet,  zugeführt  worden  sind.  Zwei 
Jahre  später  ward  er  auf  Arago's  Vorschlag  Präsident  der 
Münzcommission.  Auf  diesem  .wichtigen  Posten  entwickelte 
er  alle  Tagenden  eines  tiefblickenden,  erfahrenen  und  ge- 
wissenhaften Verwaltungsbeamten.  Im  Jahre  1849  trat  er 
als  Mitglied  in  das  Conseil  municipale  de  la  Seine,  wo  seiner 
patriotischen  Thätigkeit  ein  grosses  Feld  geöffnet  war. 

Pelouze  hat  "in  verschiedenen  Zweigen  der  Chemie  er- 
folgreich gearbeitet.  Es  gelang  ihm  viele  ungeahnte  Ver- 
bindungen berzustdleU;  viele  neue  Beactionen  zu  entdecken. 


48«  OeffenOitih  Siinmg  vom  ^B.  Mötm  1868. 

Er  yerstand,  auch  zufSIIig  geftindene  Thatsachen  für  die 
Wissenscbaft  wie  fiir  die  Praxis  za  verwerthen,  indem  er 
die  einzelnen  Beobachtungen  bis  auf  ihre  letzten  Beziehungen 
▼erfolgte.  Vierzig  Jahre  lang  hat  er  die  Annalen  der  Wissen- 
schaft mit  Abhandlungen  bereichert,  die  zum  Theil  der 
anorganischen  Chemie  angehören,  besonders  aber  zum  Aus- 
bau der  noch  jungen  Doctrin  der  organischen  Chemie  bei- 
getragen haben.  Hier  liegt  der  Schwerpunkt  seiner  selbst- 
ständigen Forschungen,  für  welche  er  den  ersten  Anstoss 
durch  Oaj  Lussac  und  eine  besondere  Aneiferung  in  dem 
freundschaftlichen  Zusammenwirken  mit  dem  Vorstande 
unserer  Akademie  Herrn  Baron  v.  Liebig  empfieng.  Im 
Frühling  des  Jahres  1836  besuchte  er  diesen  seinen  Freund 
in  Giessen.  Es  wurde  dort  gemeinsam  eine  Reihe  von  Unter- 
suchungen ausgeführt.  Bei  der  Untersuchung  eines  bei  der 
Branntweinbereitung  aus  Wein  zuerst  übergehenden  Oeles, 
entdeckten  sie,  dass  es  der  Aether  einer  eigenthümlichen, 
den  fetten  Sauren  ähnlichen  Säure,  der  Oenanth-Säure  sey, 
der  den  Weinen  den  Weingeruch  verleiht  Diese  und  andere 
gemeinsam  mit  Baron  v.  Liebig  ausgeführte  Arbeiten  (z.  B. 
über  die  Honigsteinsäure,  die  Schleimsäure,  die  Xanthogen- 
säure,  über  das  Stearin,  die  Constitution  des  Zuckers  u.  s.  w.) 
präludiren  den  sehr  umfassenden  späteren  Forschungen, 
welche  er  mit  seinem  Schüler,  Freunde  und  späteren  Collegen 
in  der  Akademie  Fremy  über  die  wichtigsten  vegetabilischen 
Säuren,  ihre  Eigenschaften  und  Zersetzungsverhältnisse  durch* 
geführt  hat. 

Pelouze  beschäftigte  sich  ebenfalls  mit  jenen  merkwürdigen 
Verbindungen,  welche  durch  Einwirirang  von  Salpetersäure 
auf  organische  Stoffe  entstehen,  und  unter  denen  die  Schiess« 
wolle  durch  Schönbein  eine  so  grosse  Berühmtheit  er- 
langt hat 

Ausserordentlich  zahlreich  sind  Pelouze's  analytische 
Arbeiten.   Sdiarfsinnig  erfand  er  neue  Metboden  um  chemische 


9.  Jliartiue:  NekrUog  auf  Julius  PdauMc.  437 

Prodttcte  in  grösster  YoIIkommez^eit  zn  erhalten,  die  Korper 
auf  ihre  Reinheit  zu  prüfen  und  die  Quantität  der  Mischaogs- 
theile  mit  Genauigkeit  zu  erkennen.  Von  Tielea  Stoffe  hat 
er  die  chemischen  Aequivalente  festgestellt.  Wir  n^nen 
DUr  seine  Methode,  den  Gerbestoff  aus  den  Galläpfeln  aus- 
zuziehen,  die  Schwefelsäure  zu  reinigen  uod  die  Quantitäts* 
bestimmung  des  Eisens  im  Blute«  die  er  zu  '/toooo  angibt 
Von  grosser  praktischer  Wichtigkeit  sind  seine  Arbeiten  über 
das  Glas.  Er  zeigte,  dass  die  Ersdieinung  der  sogenannten 
Entglasung  (Devitrification)  von  einem  Ueberschu^  der  Kiesel- 
erde im  Glase  und  vom  Uebergange  desselben  aus  dem 
amorphen  in  den  krjstallinischen  Zustand  herrühre»  Er 
antersudite,  und  diess  war  die  letzte  seiner  rühmlichen  vom 
Tode  unerwartet  schnell  unterbrochenen  Arbeiten,  die  Natur 
der  Färbung  des  Glases  unter  dem  Einflüsse  des  Sonnen- 
lichtes. Die  Steinschneider  verdanken  ihm  die  Erfindung 
einer  schönen,  durch  Chrom  grüngefärbten  Art  künstlidien 
Avanturins. 

So  zeigt  sich  uns  Pelouze  in  der  Mannigfaltigkeit  und 
Vielseitigkeit  seiner  Forschungen  als  ein  Mann  des  Details. 
Er  schliesst  sich  jenen  Geistern  an,  die  sich  mehr  befiiedigt 
fühlen  im  Besitze  reidier  Erfahrung,  in  der  Erschöpfung 
einzelner  Reihen  von  Thatsachen,  als  in  der  Beherrschung 
des  Ganzen,  in  der  Generalisation.  Und  in  der  That  ver- 
lockt der  Stand  einer  Wissenschaft,  welche  von  Tag  zu  Tag 
ungeahnte  Bereicherung  aus  ihrem  eigenen  Schoosse  wie  aus 
den  verwandten  Doctrinen  erfahrt,  nüchterne  Talente  keines- 
wegs auf  den  Plan  kühner  Hypothesen  und  umgestaltender 
Theorien.  Aber  Pelouze  war  glücklich  in  der  Gruppirung 
einzelner  Thatsachen.  Dass  er  das  mächtige  Capital  seinelr 
Doctrin  mit  praktischem  Blicke  und  ordnendem  Urtheil  be- 
herrscht hat,  beurkundet  vor  Allem  der,  mit  Fremy  heraus- 
gegebene Traite  de  chimie  generale,  analytique,  industriel 
et  agricole,  sechs  Bände,  welcher  seit  1847  bereits  dreimal 


438  OeffmOii^  Süeung  vom  28.  Märe  1868. 

in  üinarbeitung  aufgelegt,  sich  als  ein  treffliches  Handbach 
hewährt  hat.  Auch  ein  kürzeres  Lehrbuch,  Abrege  de  Chimie, 
zweite  Ausgabe  1855,  und  die  Notions  generales  de  Chimie, 
1853,  wurden  von  beid^  Gelehrten  gemeinsam  bearbeitet. 

Die  Richtung  auf  die  Praxis,  auf  das  Gemeinnützige 
trat  an  Pelouze  so  entschieden  hervor,  dass  seine  Berufung 
in  das  Municipal-CoUegium  von  Paris  gewissermassen  von 
dem  öffentlichen  Bedürfniss  gefordert  wurde.  In  der  sidi 
seit  fünfzehn  Jahren  nach  dem  grossartigsten  Maasstabe  ver- 
jüngenden und  erweiternden  Stadt  mussten  viele  Verbesserungen 
vorgenommen  werden,  welche  die  öffentliche  Gesundheitspfl^e 
in  die  Hand  genommen  hat.  Sie  haben  alle  Pelouze's  gründ- 
lichen und  gewissenhaften  Beirath  erfajiren.  So :  die  Reinigung 
der  Atmosphäre,  die  Ventilation  und  Beheizung  der  Schulen, 
Hospitäler  und  anderer  öffentlicher  Gebäude,  die  Strassen- 
beleuchtung,  die  Beileitung  reichlichen  und  gesunden  Trink- 
wassers, die  Bewahrung  des  Flusses  vor  Verunreinigung,  die 
Verwerthung  der  Abfälle  Mhd  des  Kehrichts  u.  s.  w.  Viele 
dieser  hygienischen  Unternehmungen  erforderten  schwierige 
und  langwierige  Erhebungen,  mancherlei  wissenschaftliche 
Vorarbeiten  und  üntersuchuDgen  localer  Natur,  deren  Ver- 
dienstUchkeit  nicht  von  der  Literatur,  sondern  nur  von  den 
Mitbürgern  und  in  nächster  Nähe,  Beobachtenden  gewürdigt 
^rerden  kann.  Er  hat  sie  jedoch  stets  mit  Selbstverleugnung 
und  patriotischem  Eifer  gepflogen. 

Pelouze's  Vater,  Abkömmling  einer  Familie  der  Manche 
^ber  im  französischen  Westindien  geboren,  vereinte  in  seinem 
Charakter  tropisches  Feuer  mit  normannischer  Unternehmungs- 
lust und  Ausdauer.  Beim  Sohne  trat  diese  Gemüthsart  in 
der  liebenswürdigsten  Form  hervor.  Feinfühlend,  edelgesinnt, 
-gütig  und  hülfreioh  gegen  junge  Talente,  ein  treuer,  uneigen- 
ütttziger  Freund,  rief  er  in  allen  Verhältnissen  einer  vielr 
seitigen  Lebensstellung,  Neigung  und  Vertrauen  hervor.  So 
wurde  es  denn   wie  ein  allgemeiner,   ein  nationaler  Verlust 


V.  Martins:  Nehröhg  auf  Miehad  Faraday. .  439 

empfunden,  als  Pelonze,  erst  61  Jahre  alt,  am  31.  Mai  1867 
einer  rasoh  yerlaufenden  Entzündongskrankheit  unterlag. 
Sein  Grab  umstanden  zahlreiche  Schüler,  Amtsgenossen  und 
dankbare  Mitbürger,  ausserdem  aber  die  meisten  Häupter 
und  Führer  der  chemischen  Wissenschaft,  welche  gerade 
damals  als  Commissäre  oder  JBesucher  der  Weltausstellung 
in  Paris  versammelt  waren.  Schwerlich  ist  jemals  ein  be- 
deutendes Talent  von  so  vielen  Fachgenossen  aus  allen 
Ländern  der  Erde  zur  Gruft  geleitet  worden.  Die  stille 
Trauerversammlung  war  ein  lautes  Zeugniss  von  Verdiensten, 
die  das  Leben  überdauern. 


Michael  Faraday^ 

geboren  am  22.  September  1791  in  London,  gestorben  am 

25.  August  1867;    seit  1847    ord.  auswärtiges  Mitglied  der 

k.  bayer.  Akademie  d.  W. 

Seit  Jahrtausenden  forscht  der  Mensch  dem  nach,  was 
ihm  überall  in  der  Natur  begegnet ,  dem  Stoffe  und  d^ 
Kraft  ^  und  immer  reicher  ragt  die  Kette  klar  erkannter, 
richtig  gedeuteter  und  glücklich  verbundener  Thatsachen  in 
die  Gegenwart  herüber. 

Dieser  Kette  hat  Faraday  einige  Glieder  von  hoher 
Wichtigkeit  hinzugefügt;  und  wenn  einst  die  Physiker  und 
CShemiker  späterer  Zeit  sich  in  der  Reihe  schöpferischer 
Köpfe  den  Entwicklungsgang  ihrer  Wissenschaft  vergegen- 
"wärtigen,  so  werden  sie  es  gerechtfertigt  finden,  dass  schon 
unsere  Gegenwart  Faraday  den  Männern  zuzählt,  die  eine 
Beae  Epoche  eingeleitet  lutben* 


440  OetfmÜiche  SiUunp  vom  ^8.  Män^^  16€8. 

In  dieser  Ueberzeugung  mochte  idi  mir  erlauben,  seia 
Gedächtniss  vor  dieser  erleuchteten  VersamnilaBg  za  feiern, 
und  zwar  nicht  dadurch,  dass  ich  eingehend  berichte  über 
seine  grossen  Entdeckungen  auf  dem  Gebiete  der  Magnet- 
Elektricitäty  der  Voltaischen  Inductiou,  des  elektroljtischen 
Prozesses  und  der  Beziehungen  der  Elektridtät  und  des 
Magnetismus  zum  Lichte.  Ebensowenig  darf  ich  es  unter- 
nehmen, den  grossen  Einfluss  zu  besprechen,  welchen  seine 
zahlreichen  Entdeckungen  auf  Begründung  und  Erweiterung 
der  Theorie  oder  auf  die  Praxis  in  der  Verwerthung  wiesen- 
schaftlicher  Thatsachen  für  die  Industrie  gehabt  haben. 

Für  ein  solches  Unternehmen  bin  ich,  Laie  in  den 
Wisseaschaften ,  die  ihm  so  Grosses  verdanken,  unbefahigt, 
aber  eine,  wenn  schon  nur  kurze  persönliche  Bekanntschaft 
hat  den  unauslöschlichen  Eindruck  von  der  vollendeten  G^ 
diegenheit  und  classischen  Eigenart  des  seltenen  Mannes  in 
mir  zurückgelassen.  Diess  ermuthigt  mich  zu  dem  Versuche, 
jene  Züge  seiner  geistigen  Physiognomie  anzudeuten,  weldie 
mir  zumeist  aui&el6n  und  sich  selbst  in  seinem  äusseren 
Lebensgange  wiederzuspiegeln  scheinen. 

Man  hat  Faraday  den  grössten  Experimentetor  seiner 
Epoche  genannt  und  wohl  mit  Recht.  Die  einäussreichen 
Wahrheiten,  mit  denen  er  die  verschiedensten  Zweige  der 
Physik  und  phemie  theoretisch  bereichert  und  die  er  audi 
hie  und  da  praktisch  nutzbar  gemacht  hat,  sie  wui^en  nicht  auf 
den  Fährton  der  Speculation  oder  der  Rechnung  gefanden, 
sondern  gefunden  und  festgestellt  an  der  Hand  des  Ver- 
suches. Faraday  war  ein  Meister  in  der  Kunst  die  Natur 
zu  befragen ;  von  keinem  andern  Physiker  ist  er  in  der  Kunst 
des  Experimentirens  übertroffen  worden.  Keiner  hat  es  ver- 
standen gleich  ihm,  ganze  Gebiete  von  Erscheinungen  nadi 
allen  Seiten  hin  zu  verfolgen  und  auszubauen.  Seine  Ver- 
suche waren  nicht  aus  einer  blind  umhergreifenden  Neugierde 
lutemommen.   Sie  lieferten  kein  zufalliges  Besultet,  sonden 


i).  Martius:  Nekrolog  auf  Michael  Faraday.  441 

die  Antwert  auf  ein  klar  bewusstes  Problem^  dessen  Lösung 
er  mit  der  heroischen  Energie  eines  ruhigen  und  festen 
Charakters  anstrebte. 

Faraday  theoretisirt  wenig:  seine  Prämissen  wie  seine 
Schlüsse  sind  Versuche ;  aber  diese  Versuche  sind  so  logisch 
aneinander  gereiht  und  verkettet,  in  so  präcise  und  über- 
zeugende J^orm  gebracht,  ohne  Lücken,  ohne  irgend  ein 
unnöthiges  B^werk,  dass  sie  den  leitenden  Gedanken  besser 
offenbaren  als  es  Worte  vermöchten.  Wenn  man  Faraday's 
Versuche  in  derselben  Reihenfolge,  wie  er  sie  beschrieben, 
einem  Manne  mit  tauben  Ohren,  aber  mit  Augen,  die  für 
das  Naturverständniss  offen  sind,  vorführen  würde,  so  könnte 
dieser  Zuschauer  über  den  Ideengang  und  die  Resultate  kaum 
in  Zweifel  seyn.  Faraday's  Versuche  sind  keine  minlitiosen 
Messungen,  deren  Resttltate  erst  durch  Vergleichung  mit  den 
Ergebnissen  mathematischer  Entwickelung  Werth  erhalten; 
es  sind  meistens  augenfällige,  concreto  Darstellungen,  die 
grossentheils  sogar  in  Vorlesungen  wiederholt  werden  können. 
Es  gibt  vielleicht  Physiker,  die,  durchdrungen  von  den  ausser- 
ordentlichen Erfolgen,  welche  Faraday  auf  dem  ausschliesslich 
^experimentellen  Wege  erzielt  hat,  ihn  desshalb  beglück- 
wünschen, dass  er  wenig  mathematisch  gebildet,  weil  er 
darum  den  Theorien  der  Schule  fremder  blieb  und  den 
Thatsachen  mit  grösserer  Unmittelbarkeit  gegenübertrat. 
Vielleicht  ward  dem  genialen  Maijne  aus  höherer  Bestimmung 
der  mächtige  Hebel  der  Analysis  nicht  in  die  Hand  gegeben, 
damit  das  Gewicht  seiner  populär  dargestellten  Forschung 
von  einer  grösseren  Zahl  von  Schülern  aufgenommen 
werden  konnte. 

Die  grossen  Physiker  im  Anfange  unseres  Jahrhunderts, 
denen  man  den  Ausbau  der  Undulationsthcoiie  des  Lichtes 
verdankt,  haben  alle  einen  ganz  anderen  Weg  bei  ihren 
Forschungen  eingeschlagen.  Auch  unser  trefflicher  naher 
College  Georg  Simon  Ohm,  der  abgesehen  von  späteren 
[1868.  1. 3.]    .  29 


442  OeffenÜkhe  SiUung  vom  28.  März  1668. 

deutschen  Gelehrten,  von  denen  ich  nur  Gauss  und  Weber 
zu  nennen  brauche,  um  an  ihre  ausserordentliche  Wirkung 
auf  die  Entwickelung  dieser  Doctrinen  zu  erinnern,  nach 
Faraday  am  meisten  zur  Kenntniss  des  galvanischen  Stroms 
beigetragen  hat,  befolgte  eine  ganz  verschiedene  Methode. 

Auch  Ohm  pflegte  viele  Versuche  anzustellen,  und  er 
hat  die  Annahme.,  dass  er  nur  auf  dßm  Wege  der  Specu- 
lation  zu  den  nach  ihm  benannten  Gesetzen  gelangt  sey, 
öfter  als  einen  Irrthum  bezeichnet ;  sobald  er  aber  die  That- 
sachen  durch  wiederholte-  Experimente  nachgewiesen  und 
constatirt  hatte,  unternahm  er  es,  auch  deren  Gesetze  aus 
einer  über  die  Natur  der  untersuchten  Kraft  aufgestellten 
Hypothese  mathematisch  abzuleiten.  Faraday  wusste  durch 
schlagende  Versuche  ganze  Gebiete  nach  ihren  Hauptgesichts- 
punkten zu  charakterisiren.  Obm  braehte  durch  conseqüentes 
Verfolgen  weniger  Grundgedanken  Reihen  von  Thatsachen 
unter  einen  einfachen,  gesetzmässigen  Ausdruck.  Bei  Jenem 
die  Logik  der  Thatsachen ,  bei  Diesem  die  unerbittliche 
Schärfe  mathematischer  Entwicklung,  v  Beide  Methoden  führen 
an  der  Hand  des  Genius  zu  gleich  grossen,  gleich  wichtigen 
Resultaten,  beide  tragen  in  gleichem  Maasse  bei  zur  Er- 
weiterung unserer  Naturerkenntniss. 

Vielleicht  irren  wii-  nicht,  wenn  wir  annehmen,  Faraday 
sey  zur  Aufstellung  seiner  Probleme  durch  die  Ueberzeugung 
angeleitet  worden,  dass  Manches,  was  man  ein  Absurdes, 
ein  Unvernünftiges  nennt,  darum  doch  nicht  unmöglich  sey,  — 
dass  gar  Vieles,  was  jetzt  ungereimt  erscheine,  sich  am  Ende 
doch  reime,  —:  dass  in  der  Naturforschung  das  Analogen 
seine  wohlanzuerkennende  Geltung  habe,  aber  eine  noch  viel 
höhere  und  mächtigere  das  Paralogon.  In  der  That:  das 
Talent  gelangt,  auf  den  Krücken  der  Analogie  langsam  voran- 
Bchreitend,  oft  zu  neuen  und  wichtigen  Thatsachen,  die  es 
erwartete,  aber  eine  höhere  Begabung,  getragen  vom  Fittig 
des  Genius I  ergreift  das  Unerwartete,  findet  das  scheiabar 


t?.  Martitis:  Nekrolog  auf  Michael  Faraday.  443 

Widersinnige  und  harmonisirt  mit  dem  Kapital  bereits  richtig 
begriffener  Wahrheiten  jene  Entdeckungen,  welche  die  ganze 
Welt  mit  Erstaunen  vernimmt,  mit  Bewunderung  begrüsst. 
In  diesem  Sinne  sind  alle  grossen  Naturforscher  wunder- 
gläubig und  auch  Faraday  ist  es  gewesen.  Sie  glauben 
daran,  dass  die  Materie  und  die  Kraft,  diese  Zwillinge  gött- 
lichen* Ursprungs,  räthselhaft  in  ihrer  gegenseitigen  Durch- 
dringung, dem  forschenden  Geiste  in  jedem  Probleme,  das 
er  zu  lösen  so  glücklich  ist,  ein  neues  Wunder  offenbaren. 

In  einem  solchen  Glauben  liegt  der  Antrieb,  zu  forschen: 
Quid  natura  forat  et  quid  ferro  recuset,  —  liegt  die  Aufgabe, 
die  Natur  in  ihren  entschiedensten  Gegensätzen  kennen  zu 
lernen  und  die  Eigenschaften  der  Stoffe  und  der  ihnen  in- 
härirenden  Kräfte  bis  zu  ihren  äussersten  Grenzen  zu  ver- 
folgen. 

Demgemäss  fragte  Faraday  nach  einem  flüssigen  oder 
soliden  Zustande'  solcher  Körper,  die  man  nur  gasförmig 
kannte,  und  es  gelang  ihm,  viele  dieser  Körper,  das  Chlor, 
die-  Kohlensäure,  das  Ammoniak  u.  s.  w.  bis  zu  einem 
liquiden,  ja  sogar  manche  bis  zu  einem  festen  Zustande  zu 
verdichten.  —  So  fragte  er  nach  dem  Verhalten  jener  Körper, 
welche  wie  Phosphor,  Schwefel,  die  Mehrzahl  der -Metalle 
u.  8.  w.  vom  Magnete  nicht  angezogen  werden,  und  er  fand 
bei  der  Anwendung  sehr  starker,  magnetischer  Kräfte,  dass 
sie  abgestossen  werden.  Die  wichtige  Unterscheidung  in  para- 
ukagnetische  und  diamaguetische  Körper  ist  die  Frucht  dieser 
Untersuchungen. 

Seinen  Weltruhm  verdankt  Faraday  der  Entdeckung 
der  Volta-Induction ;  auch  sie  gieng  aus  dem  Bestreben  hervor : 
plus  ultra. 

Seit  der  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  wusste  man, 
dass  ein  mit  Reibungselektricität  geladener  Körper  auch  in 
benachbarten  Körpern  eine  elektrische  Vertheilung  hervor- 
ruft.   Die  Erwartung  war  gerechtfertigt,   dass  auch  galva^ 

29* 


444  OeffenÜiche  Sittung  vom  28.  März  1868. 

nische  Ströme  ähnliche  Wirkung  auf  benachbarte  Leiter 
ausüben  würden.  Aber  lange  Zeit  blieben  die  Versuche  zur 
Erreichung  dieses  Resultates  fruchtlos,  bis  Faradaj  nachwies, 
dass  ein  galvanischer  Strom  im  Momente  seines  Entstehens 
oder  Verschwindens  in  einem  benachbarten  Leiter  ebenfalls 
einen  Strom  erzeugt. 

Ein  Schritt  weiter  führte  zu  der  Entdeckung,  dass  die 
Bew^ung  eines  constanten  Stromes  auf  den  benachbarten, 
ruhenden  Leiter  dieselbe  Wirkung  hat;  und^  das  gleiche 
Resultat  wurde  erzielt,  als  er  den  constanten  Strom  durch 
einep  Magnet  ersetzte  und  diesen  vor  einem  ruhenden,  ge- 
schlossdnen  Leiter  bewegte. 

Die  Thatsache,  dass  Eis  sich  gegen  den  galvanischen 
Strom  als  Nichtleiter  verhält,  während  das  Wasser  leitet) 
veranlasste  Faraday  zu  erforschen,  ob  nicht  viele  Körper, 
die  man  sonst  als  Nichtleiter  betrachtete,  zu  Leitern  würden, 
wenn  sie  in  den  geschmolzenen  Zustand  übergiengen.  Er 
unterwarf  verschiedene  Salze  dem  Versuch  und  seine  Er- 
wartung wurde  bestätigt.  Gleichwie  das  Wasser  durch  'den 
Strom  zersetzt  wird,  erfolgt  diese  Erscheinung  bei  den  andern 
Körpern  im  geschmolzenen  Zustande.  Indem  er  nun  gleich 
starke  Ströme  der  Reihe  nach  auf  verschiedene  Stoffe  wirken 
liess  und  die  Mengen  prüfte,  welche  von  diesen  Körpern 
zersetzt  wurden,  gelangte  er  |zu  dem  merkwürdigen  Resul- 
tate ,  dass  'diese  Mengen  den  Atomzahlen  der  betreffenden 
Körper  proportional  sind.  Dieser  wichtige  Satz,  das  elektro- 
lytische  Gesetz  ist  für  die  theoretische  Chemie  und  für  die 
Kenntniss  des  galvanischen  Stromes  von  ausserordentlicher 
Tragweite. 

Die  langen  Reihen  mühsamer  Untersuchungen,  durch 
welche  Faraday  den  Ausbau  früherer  Entdeckungen  be- 
zweckte, wurden  mit  zwei  Entdeckungen  beschlossen,  welche 
den  früheren  an  Bedeutung  kaum  nachstehen.  Man  hatte 
seit  längerer  Zeit  die  verschiedenartigsten  Versuche  gemacht. 


V,  Martius:  Nekrolog  auf  Michael  Faraday,  44!^ 

zwischen  Elektrioität  und  Licht  oder  zwischen  Magnetismus 
und  Licht  eine  Wechselwirkung  zu  entdecken.  Nach  frucht* 
losen  Anstrengungen  zeigte  Faraday,  dass  der  galvanische 
Strom  oder  der  Magnet  das  Vermögen  besitzen,  die  Pola- 
risationsebene des  Lichtes  zu  drehen,  während  dieses  einen 
durchsichtigen  Körper  durchsetzt.  Diese  Entdeckung  deutet 
auf  einen  höchst  räthselhaften  Zusammenhang,  der  noch  nicht 
nach  allen  Seiten  aufgehellt  ist.  Aber  indem  Faraday  sie 
verfolgte,  erschloss  sein  Geist  abermals  ein  völlig  neues 
Gebiet.  Er  gelangte  zu  der  bereits  erwähnten  Folgerung, 
dass  der  Magnetismus  auf  alle  Körper,  nicht  bloss  a,nziehend 
auf  die  kleine  Gruppe  derjenigen  wirkt,  welche  man  die 
magnetischen  nennt,  sondern  abstossend  auf  die  übrigen. 

Faraday's  Vater  aus  Yorkshire  gebürtig,  war  ein  Grob* 
schmid.  Er  siedelte  sich  in  London  (in  Newington  Butts) 
an,  und  hier  ward  unser  berühmtes  Mitglied  am  22.  September 
1791  geboren.  Der  Knabe  besuchte  die  Werktagschule  und 
kam  1804  in  die  Lehre  bei  dem  Buchbinder  Ribaü.  Viele 
Bücher  giengen  ihm  nicht  bloss  durch  die  Hand;  er  las 
leidenschaftlich,  besonders  über  Physik  und  Chemie.  Der 
gelehrten  Genferin  Madame  Marcet  bekannte  er  später  selbst, 
dass  er  ihren  Conversations  sur^  la  Chimie  reiche  Belehrung 
und  Anregung  verdanke.  Der  Buchbinderlehrling  füllte  seine 
seltenen  Freistunden  mit  Experimenten  aus,  welche  er  an 
selbst  construirten ,  mit  seinem  spärlichen  Taschengelde 
•  bestrittenen  Apparaten  anstellte.  Ein  wohlwollender  Kunde 
seines  Meisters  gab  ihm  Eintrittskarten  in  die  Vorlesungen, 
welche  Sir  Humphry  Davy  im  Frühling  1812  in  der  Royal 
Institution  hielt.  Faraday  schrieb  sorgfältig  nach,  was  der 
bewunderte  Meister  lehrte,  er  legte  diesem  die  Handschrift 
vor  und  Sir  Humphry  Davy  nahm  inj  nächsten  Frühling  den 
22-jährigen  Buchbinder  aus  seiner  Werkstatt  als  Assistenten 
in  jene  grossartige  Anstalt  herüber,  welche  nun  ohne 
Unterbrechung  der  Schauplatz  seiner  wunderbaren  Thätigkeit 


446  OeffenHiche  SiiMung  wm  28.  Märg  1868. 

geblieben  ist.  So  bald  hatte  er  das  Vertrauen  des  genialen 
Lehrers  gewonnen,  dass  er  schon  im  Herbste  1613  diesen 
als  Gehilfe  und  Secretär  auf  einer  Reise  nach  Frankieich 
und  Italien  begleiten  durfte,  an  welcher  auch  die  Gemahlin 
Davy's  Theil  nahtn. 

England  befand  sich  damals  in  Krieg  mit  Napoleon, 
aber  dieser  gestattete  auf  Betreiben  des  französischen  Instituts 
dem  berühmten  engh'schen  Naturforscher  die  Reise.  Sie  gieng 
.  über  l^aris  nach  den  erloschenen  .Vulkanen  der  Auvergne, 
über  Nizza,  Genua,  Turin,  Florenz  und  Rom  nach  Neapel. 
Auf  der  Rückreise  in  Mailand  sah  Faraday  den  greisen 
Volta.  üeber  Genua,  durch  Tirol  und  Deutschland  kam  die 
Gesellschaft  nach  2-jähriger  Abwesenheit  heim  und  Faraday 
versenkte  sich,  vielfach  im  Geiste  bereichert ^  mit  dem 
heiteren  und  bescheidenen  Gleichmuth,  der  sein  ganzes  Leben 
bezeichnet,  in  das  arbeitsame  StiUleben  eines  Assistenten  an 
der  Royal  Institution.  *) 

Vom  Jahre  1816  gieng  aus  jener  einflussreichen,  grossen 
Anstalt  das  „Journal  of  Science  and  Arts"  hervor.  In  dem- 
selben hat  Faraday  die  Erstlinge  seiner  Arbeiten  grössten- 
theils  chemischen  Inhaltes,  meistens  kurz  und  fragmentarisch 
niedergelegt.  *) 

Er  war  noch  nicht  dreissig  Jahre  alt  und  schon  bezeichnete 
ihn    das   einstimmige  Urtheil   der  Londoner  Gelehrten  als 


1)  Ende  1823  war  er  nahe  daran  bei  der  Bereitung  von  Sauer- 
stoff aus  Mangan-Superoxyd  geblendet  zu'  werden. 

2)  Im  Jahre  1821  wurden  die  berühmtesten  Chemiker  der  Haupt- 
stadt zur  Beurtheilung  und  Zeugschaft  in  einem  Prooesse  eingeladen, 
bei  dem  es  sich  um  grosse  Summen  handelte,  unter  ihnen  auch 
Faraday,  und  er  wurde  den  höchsten  Autoritäten  ebenbürtig,  als  das 
Recht  jener  Seite  zugesprochen  wurde,  auf  welcher  er,  selbst  gegen 
Brande,  den  activen  Professor  der  Chemie  an  der  Royal  Institution 
(Sir  Humphry  war  Ehren-Professor)  stand. 


V,  Martius:  Nekrolog  tmf  Michael  Fa^aday,  447 

einen  Kopf  von  seltener  Begabung  und  als  einen  Charakter 
würdig  des  unbedingtesten  Vertrauens.  Dieses  Urtheil  gründete 
auf  der  glücklichsten  Vereinigung  von  reichem  Wissen,  von 
praktischer  Erfahrung  und  Anstelligkeit,  von  klarer  Auffassung 
und  scharfem  Urtheil,  mit  einer  liebenswürdigen  Milde, 
ansprudislosQn  Bescheidenheit  und  einer  unbestechlichen 
Tugend. ») 


8)  Damalii  hatte  sich  eine  kleine  Privatgesellsohafb  ssor  Verhand- 
lung über  chemische  und  andere  wissenschaftliche  Fragen  vereinigt, 
an  der  aach  Faraday  Theil  nahm.  .Als  hier  anliebsame  Discussionen 
auftauchten,  glich  er  die  Spannung  wieder  aus,  und  ein  heiteres' 
Gedicht  in  Knittelversen  feierte  ihn  in  einer  Weise,  die  erkennen 
lässt,  welch'  grosse  Meinung  und  welche  Hofihungen  schon  der 
junge  Mann  erweck^  hatte. 

„Doch  horch  1  Daneben  eine  Stimm'  erklingt, 

Die  traulich,  wohllaut-voll  die  Luft  durchdringt 
Die  Muse  neigt  sich  mit  entzücktem  Sinn 
Zum  Ort  des  Bedens  und  dem  Redner  hin. 
Ein  schmucker  Jüngling  war's,  von  Wesen  schlicht. 
Der  Philosoph  blickt  ihm  aus  dem  Gesicht. 
Klar  war  sein  Kopf,  sein  Urtheil  tief  und  rein, 
Schnell  fasst  er  Alles,  prägt  sich's  dauernd  ein. 
Nichts  kann  sich  seinem  scharfen  Geist  entziehn. 
Kein  Trugschluss  von  Sophisten  blendet  ihn, 
Von  Pol  zu  Pol  hin  schweift  er  ungehemmt, 
Irrthum  ist  ihm,  Schuld  seiner  Seele  fremd.  ^ 
Sein  warmes  Herz  aus  heiterm  Auge  sieht. 
Er  liebt  den  Frohsinn,  der  Gemeines  flieht. 
In  Wandel  makellos,  im  Denken  klar, 
Aufrichtig  und  bescheiden  stets;  so  war 
Der  Jüngling,  der  als  ^trefiflichster  hier  stand, 
Gefeiert  als  Sir  Humphry's  rechte  Hand. 
Leicht  beugt  er  sich  zum  Prasidentensitze, 
Watt's  Logik  drang  ihm  bis  zur  Fingerspitze.'* 
(Fharmac.  Joum.  and  Transact.  Oct.  1667.  p.  203.  üebers.  v.  Bodenstedt.) 


1 


448  Oeffenäiche  Sttstung  vom  38.  Man  1866. 


Der  Redner  ist  so  glücklich  gewesen,  zwischen  Sir 
Humphry  Davy  und  seinem  grossen  Schüler  zu  stehen,  und 
der  Eindruck  so  hoch  begabter  Geister  bleibt  ihm  unver- 
gesslich.  Dort  die  stolze,  stets  bewegte  und  ringende  Kraft 
eines  ungeduldigen  Genius,  hier  die  demüthige,  innerlich 
befriedete  Verständigkeit  und  klare  Ruhe  eine%  andern ;  — 
dort  poetischer  Anhauch  und  die  Sehnsucht  nach  dem 
Idealen,  hier  maass volle  Nüchternheit,  eine  unerschütterliche 
Vernunft  dem  Realen  und  seiner  praktischen  V^rwerthung 
mit  reiner  Frömmigkeit  zugewendet. ,  Als  eine  glückliche 
Schickung  muss  es  jedenfalls  betrachtet  werden,  dass  so 
verschiedenartige  Geister  einander  unausgesetzt  berührend 
die  Wissenschaft  in  gegenseitiger  Ergänzung  fördern  sollten. 
Von  Sir  Humphry  soll  das  öfter  gehörte  Wort  herrühren: 
„Faraday  trüge  den  feinsten  Verstand  noch  in  seinen  Finger- 
spitzen." Ja  wir  dürfen  wohl  Faraday  den  Fortsetzer  Davy's 
nennen,  denn  nachdem  dieser  durch  die  Voltaische  Säule 
Alkalien  und  Erden  reduzirt,  zahlreiche  Stoffe  aus  ihrer 
Auflösung  von  einem  Pole  zum  andern  übergeleitet  hatte, 
war  jener  auf  den  Verfolg  aller  Erscheinungen  hingewiesen, 
die  den  wunderbaren  Zusammenhang  zwischen  Elektricität 
und  Chemismus  andeuten; 

Wie  erwähnt,  bewegen  sich  Faraday's  erste  Arbeiten  auf 
dem  Gebiete  der  Chemie  und  behandeln  Probleme  sehr 
verschiedener  Art,  deren  Anführung  hier  nicht  am  Orte  ist. 

Die  Untersuchungen  über  Elektromagnetismus  nahm  er 
bald  nach  Oersteds  Fundamentalversuch  und  fast  gleichzeitig 
mit  Ampere's  Forschungen  auf,  und  schon  im  August  1831 
entdeckte  er  die  elektro-magnetische  Rotation.  Zehn  Jahre 
später  begann  Faraday  der  Royal  Society  jene  wichtige  Reihe 
experimenteller  Untersuchungen  vorzulegen,  welche  die  Lehre 
von  der  Elektricität  so  wesentlich  bereichert ,  die  Eigenart 
dieser  Weltkraft  und  die  Gesetze,  nach  denen  sie  wirkt,  die 


V.  Martius:  Nekrolog  auf  Miehad  Faraday,  449 

Art  und  Weise,  wie  sie  hervorgerufen  werden  kann,  und  ihre 
Beziehungen  zu  Magnetismus,  Licht,  Wärme  und  chemischem 
Process  so  glänzend  beleuchtet  haben  und  als  deren  Krönung 
die  Entdeckung  der  Volta-Induction  zu  bezeichnen  ist. 

Wir  erinnern  daran,  dass  auch  in  unserer  Akademie 
Faraday's  Entdeckung  von  jenen  Wirkungen  des  Magnets, 
die  man  bisher  nur  mittelst  der  Elektricität  hervorbringen 
konnte  durch  Schelling  ist  gefeiert  worden.  *)  Füglich  durfte 
der  Gründer  der  Naturphilosophie  betonen,  dass  dieses 
speculative  System  Magnetismus,  Elektricität  und  Chemismus 
nur  als  die  drei  Formen  eines  und  desselben,  des  dyna- 
mischen Prozesses  bezeichnet  hatte.  Und  eine  britische 
Stimme  (in  der  English  Encyclopedia,  Artikel  Faraday)  lässt 
sich  in  einem  verwandten  Sinne  also  vernehmen :  „Hat  auch 
Faraday  die  Wissenschaft  des  Elektromagnetismus  nicht 
entdeckt,  so  war  Er  es  doch,  der  seine  Gesetze  aufgestellt 
und  die  Wissenschaft  der  Magnetelektricität  geschaffen  hat. 
War  auch  der  Gedanke,  dass  die  Erscheinungen  der  freien 
Elektricität,  des  Galvanismus  und  des  Magnetismus  nur 
Modificationen  einer  und  derselben  Kraft  seyen,  nicht  ur- 
sprünglich der  Seinige,  so  war  doch  Er  es  hauptsächlich, 
der  die^  Richtigkeit  dieser  Vorstelhing  durch  seine  Experi- 
mente ausser  Zweifel  setzte." 

Es  sey  gestattet,  hier  zu  erwähnen,  dass  Viele,  die  Schelling 
und  Faraday  in  ihrem  vorgerückten  Alter  gesehen  haben, 
eine  gewisse  Aehnlichkeit   der   Physiognomie  in   diesen  von 


4)  Ueber  Faraday 's  neueste  Entdeckung.  Oeffentliche  Sitzung  am 
28.  März  1832  8®.  —  „Das  Problem -der  Telegraphie  ward  wesentlich 
vereinfacht  durch  Faraday's  Entdeckung,  nach  welcher  die  Erzeugung 
galvanischer  Strome  auf  blosse  Bewegung  von  Multiplicatoren  gegen 
ruhendö  Magnete  zurückgeführt  wird.**  Steinheil  über  Telegraphie, 
insbesondere  durch  galvanische  Kräfte.  Akademische  Vorlesung  v, 
2$.  Aug.  X838.  S.  U. 


450  OeffenÜiche  Sitzung  vom  :^8,  März  1868. 

GeJanken  durchfurchten  Köpfen  anerkannt  haben.  Weniger 
mag  diese  Aehnlichkeit  hervorgetreten  seyn,  als  noch  nicht 
beider  Haupthaar,  des  blonden  blauäugigen  deutschen  Philo* 
sophen  und  des  brünetten  englischen  Naturforschers  mit 
braunen  Augen  vom  Alter  gebleicht  war. 

Mächtig  und  allgemein  war  die  Wirkung  von  Faraday's 
wissenschaftlichen  Erfolgen.  Im  Jahre  1832  ehrte  sie  die 
Universität  Oxford  durch  Ertheilung  des  Grades  eines  Doctor 
of  civil  Law  und  die  Royal  Society  durch  zwei  Medaillen,  eine 
für  die  Entdeckung  der  Magnetelektricität ;  die  andere  für 
die  der  elektrischen  Induction.  Ein  reicher  Freund  der 
Wissenschaften,  Füller ,  gründete  in  der  Royal  Institution 
einen  Lehrstuhl  für  Chemie,  mit  der  Bestimmung,  dass 
Faraday  der  erste  sey ,  dem  diese  Lehrstelle  für  so  lange 
übertragen  werde,  als  er  jenem  Institute  angehören  würde. 
Faraday  hat  sie  bis  an  sein  Ende  inne  gehabt,  indem  er 
auch  die  einträglichsten  Stellen  und  den  Titel  eines  Baronet 
von  sich  wies. 

Und  in  der  That  war  er  sich  auch  auf  das  Lebendigste 
jenes  unvergleichlichen  Lehrerberufes  bewusst,  der  ein  Pu- 
blicum oft  von  mehreren  Tausenden  zu  athemloser  Stille  an 
seine  Lippen  fesselte.  (Neben  diesen,  so  zahlreich  besuchten 
Vorträgen  in  der  Royal  Institution  lehrte  er  auch  durch 
viele  Jahre  in  der  Kriegsschule  zu  Woolwich.)  Der  Ton 
seiner  umfangreichen,  milden  und  reich  modulirten  Stimme, 
die  Unmittelbarkeit,  worin  ihm  die  Reihe  logischer  Gedanken 
zuströmte,  die  ungekünstelte  Leichtigkeit  und  Einfachheit  des 
Ausdruckes  und  die  graziöse  Sicherheit  in  den  erläuternden 
Experimenten  übten  den  gleichen  Zauber  auf  die  lernbegierige 
Jugend  und  auf  jene  zahlreichen  Glieder  der  hohen  und 
höchsten  Gesellschaft,  welche  in  England  ihren  Stolz  darein 
setzt,  Eifer  für  wissenschaftliche  Belehrung  zu  zeigen. 

Mein  Freund  Magrath,  Secretär  des  Athenäums,  derselbe 
Mann ,  welcher  einst  dem  jungen  Buchbinder  die  Eintritts- 


V.  Martius:  Nekrolog  auf  Michael  Faraday.  451 

karten  in  die  Royal  Institution  gegeben  hatte,  gefiel  sich  in 
der  enthusiastischen  Versicherung,  .Faraday  sey  der  erste  und 
wirkungsreichste  Lehrer  auf  dem  Gebiete  des  theoretischen 
"Wissens  und  dem  der  industriellen  Praxis  in  der  ganzen 
"Welt;  noch  nie  habe  derselbe  Geist  zugleich  so  viele  Köpfe 
erleuchtet  und  so  viele  Hände  zu  fruchtreicher.  Arbeit  in 
Bewegung  gesetzt. 

Faraday  hatte  eine'  tiefe  Abneigung  gegen  die  Geschäfte 
des  Handels.  Die  Wissenschaft  für  seine  persönlichen  In- 
teressen auszubeuten,  widerstrebte  ihm;  aber  den  Patrioten 
und  kosmopolitischen  Philanthropen  beglückte  der  Gedanke, 
das  Wissen  auszubreiten  und  das  Wohlseyn  der  Menschen 
zu  vermehren. 

Obgleich  er  bei  allen  Forschungen  zunächst  immer  nur 
die  Erkenntniss  der  Wahrheit  im  Auge  hatte,  so  beschäf- 
tigte er  sich  demgemäss  doch  auch  gerne  mit  Problemen 
von  unmittelbar  praktischer  Bedeutung.  Er  hielt  im  Jahre 
1829  die  Baker'sche  Vorlesung  in  der  Royal  Institution 
über  die  Bereitung  des  Glases  für  optische  Zwecke.  Hier 
befand  er  sich  auf  denselben  Fährten  mit  unserm  unvergess- 
lichen  Fraunhofer.  Er  forschte  den  Ursachen  der  Fehler  in 
Bleiglasflächen  nach,  ohne  für  die  Fabrikation  eines  Flint- 
glases, das  wellenfrei  und  in  allen  Theilen  mit  demselben 
Brechungs-  und  Zerstreuungs vermögen  begabt  wäre,  im 
Grossen  sichere  Methoden  festzustellen.  Demungeachtet  bieten 
seine  Aufzeichnungen  dem  denkenden  Glasfabrikanten  immer- 
hin  ein  wichtiges  Material.  (Ohne  Zweifel  entsprosst  diesem 
Boden  die  bekannte  Methode  von  Bontemps,  deren  sich  die 
optischen  Glashütten  von  Frankreich,  England  und  der 
Schweiz  mit  einigem  Erfolge  bedienen,  während  Fraunhofer's 
Methode  von  seinen  Geschäftsnachfolgern  in  steigender 
Ausdehnung  geübt  wird.) 

Mit  gleicher  Rücksicht  auf  praktischen  Nutzen  arbeitete 
Faraday  auch  über  die  Legirungen  des  Stahls  (1822),  worin 


452  OeffenOkhe  SiUung  vom  2&.  März  1868. 

er  insbesondere  die  Verbindung  mit  Silber  (Stoddarts  Silver-» 
Steel)  und  mit  Rhodium  empfahl.  ^) 

Im  Jahre  1825  (1826)  entdeckte  Faraday  das  Benzol, 
einen  Kohlenwasserstoff,  welcher  in  grösserer  Menge  bei  der 
trockenen  Destillation  aus  den  Steinkohlen  und  dem  Stein- 
kohlentheer  erhalten  wird,  und  alsbald  für  Beleuchtung  und 
ändere  Zwecke  vielfach  verwendet  ward,  der  aber  eine  weit- 
greifende Revolution  in  der  Farbenindustrie  hervorzubringen 
berufen  war,  nachdem  unser  geistvoller  College  August 
Wilhelm  Hoffmann  (damals  in  London,  jetzt  in  Berlin)  aus 
ihr  das  Anilin  darzustellen  erfunden  hatte.  Im  Frühling  1866 
hielt  der  Entdecker  dieses  merkwürdigen  Stoffes  in  der  Royal 
Institution  einen  Vortrag,  worin  er  die  mannigfaltigsten  und 
prächtigsten  Farben  vor  den  Augen  des  Publicums  entstehen 
Hess.  Als  er  daran  erinnerte,  dass  vor  einem  Menschenalter 
in  demselben  Hause  die  Quelle  eines  neuen  Weltindustrie- 
zweiges  von  einem  Manne  sey  entdeckt  worden,  welcher 
seitdem  die  Zierde  des  Instituts  geblieben  und  auch  heute 
anwesend  sey,  brach  Faraday  in  Thränen  aus  und  durch 
den  Saal  flog  der  Gedanke,  der  fromme  Greis  bringe  in 
diesen  Zähren  der  Vorsehung  ein  Dankopfer,  dass  er  ge- 
würdigt wordeii,  seinem  Vaterlande  einen  grossen  Dienst  zu 
leisten.     Tausendstimmiger   Jubel    und   beglückwünschende 


5)  Das  Problem,  einen  Stahl  so  hart  wie  der  indische  s.  g.  Wootz 
herzusj^ellen,  aus  welchem  die  berühmten  Damasoenerklingen  gefertigt 
werden,  ist  übrigens  noch  nicht  gelöst.  Ob  Aluminium,  ob  Carburete 
verschiedener  Metalle  (Zinn,  Mangan,  Arsenik)  oder  ob  ein  Antheil 
an  Stickstoff  die  gewünschte  Härte  ertheilen,  steht  noch  offen.  Die 
Resultate  dieser  Art  von  Forschung^  waren  nicht  im  Yerhältniss  zu 
der  darauf  verwendeten  Mühe  und  Sorgfalt.  So  lehnte  denn  Faraday 
in  späterer  Zeit,  als  seine  physikalischen  Entdeckungen  ihn  auf  den 
Gipfel  seines  Euhmes  erhoben  hatten,  den  Namen  eines  Chcmikeis 
von  sich  ab. 


i 

j 


V,  Martiiis:  Nekrolog  auf  Michael  Faraday.  453 

Zurufe  erschollen,  und  die  Versammlung  trennte  sich  in  tiefer 
Rührung  und  in  stolzer  patriotischer  Freude. 

Die  Wissenschaft  an  sich  übt  keine  Gewalt  über  das 
Gefühl  4es  Menschen ;  sie  ist  eine  kühle  Göttin,  sie  erleuchtet, 
aber  sie  erwärmt  nicht.  Wo  aber  neben  ihren  Zielen  auch 
die  sittlichen  Hebel  ihrer  Wege  und  Erfolge  mit  in  Betracht 
kommen ,  da  wird  ihr  Priester  von  der  Stimme  des  Volkes 
mit  dem  Lobe  oder  dem  Tadel  seines  Charakters  umgeben. 
Und  so  galten  denn  die  eben  angeführte  und  die  zahlreichen 
anderen  Huldigungen,  welche  Faraday  stets  in  demüthiger 
Bescheidenheit  hingenommen  hat,  nicht  bloss  dem  Gelehrten, 
dem  Forscher,  Entdecker  und  Lehrer,  sie  galten  zumal  dem 
tugendhaften  Manne,  dem  hilfsbereiten  Menschenfreunde,  dem 
gewissenhaften  Verwalter  und  dem  treuen  Mitbürger.  — 

Wie  sehr  Faraday  seine  wissenschaftlichen  Bestrebungen 
in  Einklang  mit  seiner  praktischen  Moral  gebracht,  geht  aus 
dem  Bisherigen  zur  Genüge  hervor.  Das  Fundament  aber 
dieser  harmonischen  sittlichen  Kraft  war  seine  religiöse 
XTeberzeugung,  der  Glaube  an  den  historischen  Christus  und 
der  Wille,  sein  Thun  und  Lassen  nach  dem  erhabenen  Vor- 
1)ilde  einzurichten.  Wir  müssen  diese  Seite  seines  Wesens 
hervorheben,  um  das  Bild  eines  grossen  Naturforschers  zu 
yervollständigen.  Faraday  gehörte  jener  kleinen  Gemeinde 
an,  die  in  England  Sandemanians  oder  schottische  Indepen- 
denten  genannt  werden  und  zwischen  den.  zahlreichen  in 
Grossbritänien  herrschenden  oder  anerkannten  kirchlichen 
Gemeinschaften,  mit  keiner  in  näherer  Berührung,  sich  als 
Schüler  und  Nachfolger  der  ürchristen  bezeichnen  lassen. 
Die  Secte  leitet  aus  dem  Dogma  der  Rechtfertigung  die 
strengste  Erfüllung  aller  Pflichten  ab,  welche  die  Apostel 
den  ersten   Christengemeinschaften   vorgeschrieben  haben.  ^) 

6)  Yergl.  The  book  of  the  Denominations,  or  the  Churches  and 
Beets  of  Christendom  in  the  nineteenth  Century.  Lond.  1835. 


454  O^entliche  Sitzung  ^<m  28.  Man  1668. 

Sie  feiert  allwöchentlich  Communion,  vereint  zwischen  der 
Morgen-  und  Abendandacht  mehrere  Familien  jsum  Mahle, 
ertheilt  bei  der  Aufnahme  .und  bei  andern  Gelegenheiten 
den  Liebeskuss,  übt  gegenseitige  Ermahnung,  enthält  sich 
des  Blutes,  bestimmt  das  Eigenthum  zunächst  für  Unter- 
stützung der  Dürftigkeit  und  findet  die  Anhäufung  von  Reich- 
thum  für  unbestimmte  Zwecke  oder  für  seine  Zukunft  unge- 
rechtfertigt. Zu  dieser  stillen,  nicht  zahlreichen,  kaum  in 
die  äussere  Erscheinung  tretenden  Religionsgesellschaft  ge- 
hörte Faraday,  ein  Charakter  eben  so  wenig  geneigt,  seine 
religiösen  Ueberzeugungen  zur  Schau  zu  tragen,  als  sie  zu 
verleugnen.  Wir  wissen  nicht,  ob  er  diese  Gemeinschafl; 
von  seiner  Familie  ererbt  oder  lediglich  aus  eigener  Selbst- 
bestimmung gesucht  hat;  aber  er  pflegte  sie  gewissenhaft, 
war  in  den  letztern  Jahren  ein  Vorsteher  (Eider) ,  und  seit 
langer  Zeit  hat  er  in  der  Londoner  Capelle  der  Gemeinde, 
sowie  in  Nottingham  öfter  gepredigt.  Seine  Frau,  die  Tochter 
des  Londoner  Silberschmids  Barnard,  mit  der  er  sich  1821 
vermählt,  jedoch  keine  Nachkommenschaft  erzeugt  hat ,  war 
Glied  derselben  Gemeinde.  ^) 

In  der  freien,  offenen  und  grossmüthigen  Anlage  dieses 
seltenen  Mannes  heirschte  auch  ein  tiefes  Bedürfniss  nach 
Freundschaft,  und  er  machte  an  sie  die  erhabensten  An- 
sprüche. In  der  Freundschaft,  welche  er  übte,  feierte  er 
nicht  sich  in  seinen  Freunden,  sondern  in  sich  seine 
Freunde.  Wir  können  uns  nicht  versagen,  eine  briefliche 
Aeusserung  wiederzugeben ,  die  uns  sein  Jugendfreund  Benj. 


7)  Die  Sandemanians  heissen  in  Schottland  Glasites,  nach  John 
Glas,  einem  Geistlichen  der  schottischen  Kirche,  der  aber  1727  in 
seinem  Testimony  of  the  King  of  Martyrs  (Ev.  Joh.  XVIII.  36)  der- 
selben entgegentrat  und  1728  die  Secte  stiftete.  Sein  Schwiegersolm 
Bob.  Sandeman  legte  in  einer  Beihe  von  Briefen  den  Grand  zu  der 
gleichen  Gemeinde  in  England  and  Nordamerika. 


V,  Martius:  Nekrolog  auf  Michad  Faraday,  455 

Abbott  mitgetheilt  hat.  „In  jeder  Handlung  unseres  Lebens 
sollten  wir,  so  denke  ich,  eine  Beziehung  zu  dem  höchsten 
Wesen  herstellen,  in  keiner  seinen  Vorschriften  zuwider  seyn ; 
aber  ein  wahrer  Freund  wird  der  seyn,  der  seinem  Freund 
dient  zunächst  nach  Gott.  Ein  Unmoralischer  kann  den  vollen 
Charakter  des  Freundes  nicht  in  sich  aufnehmen.  Wahre 
Freundschaft,  das  edelste  Gefühl,  de^en  der  Mensch  fähig 
ist,  verlangt  eine  Seele  von  unendlicher  Stärke  und  die 
tiefste  Selbsterkenntniss.^'  Es  war  natürlich,  dass  solche 
Ideen  ihm  die  äusserste  Vorsicht  in  der  Wahl  seiner  Freunde 
zur  Pflicht  machte,  und  dieselbe  Umsicht  und  Wachsamkeit 
bezeichnet  alle  seine  Untersuchungen,  so  dass  er  nur  selten 
in  die  Lage  kam,  eine  ausgesprochene  Meinung  zurückzu- 
nehmen oder  zu  ändern. 

Faraday  hatte  nur  eine  dürftige  Schulbildung  erhalten, 
aber  er  ersetzte  sie  später  durch  fleissiges  Studiums,  lernte 
für  sich  allein  etwas  Latein  und  machte  sich  während  der 
Reise  auf  dem  Continent  auch  mit  der  französischen  und 
italienischen  Sprache  vertraut,  mit  der  deutschen  einiger- 
massen  bekannt.  Von  seinen  ernsten  Studien  ruhte  er  gerne 
bei  den  besten  englischen  Dichtern  aus,  er  verschmähte  auch 
die  Erheiterung  durch  die  Leetüre  leichtör  Novellisten  nicht, 
und  hörte  gerne  Ane]^doten ,  ohne  jedoch  ein  Meister  im 
Erzählen  zu  seyn.  Eines  seiner  Lieblingsbücher  und  Vade- 
mecum  war  die  Lebensbeschreibung  eines  armen  Schiflf- 
jungen  ^),  und  es  ist  bezeichnend,  dass  er  gerade  dieses  Buch, 
wie  einen  Spiegel  der  eigenen  Bedrängnisse  einer  harten 
und  mühevollen  Jugend,  in  seinem  eigenen  Namen  und  dem 
seiner  Gattin  dem  Freunde  v.  Liebig  geschenkt  hat.  Nicht 
selten  fühlte  er  das  Bedürfniss  seinen  Geist  aus  dem  Gebiete 


8)  Two  years  before  the  mast;   er  a  voice  from  the  forecastle: 
being  a  sailors  lifo  at  sea,  by  R.  H.  Dana,  Jun.  London  1841.  8^ 


456  OeffenÜiche  Sitzung  vom  28.  März  1868. 

strengsten  Nachdenkens  zu  angenehmen  sinnlichen  Eindrücken 
herüberzuführen.  Seine  erregbare,  frische  Natur  erfreute  sich 
dann  an  einer  Pantomime  oder,  an  der  Darstellung  eines 
grossen  Schauspielers,  und  es  war,  als  wenn  ein  solcher 
Wechsel  oder  ein  kurzer  Schlaf  ihm  -^die  gewohnte  Spannkraft 
alsbald  zurückbrächte.  In  jüngeren  Jahren  freute  er  sich 
auch  zu  singen  und  Elöte  zu  blasen.  Die  Ascese,  worin  er 
sein  Inneres  und  sein  Händeln  bewachte,  beeinträchtigte 
niemals  seine  heitere  Stimmung;  er  war  ein  Freund  des 
Scherzes,  wie  ein  grosser  Kinderfreund,  bei  der  Feinheit  und 
Schnelligkeit  der  Au£Pas8ung  wirkte  auch  das  Lächerliche 
mächtig  auf  ihn  ein  und  forderte  Humor  oderSatyre  heraus, 
die  jedoch  nur  mild  und  unverletzend  hervortraten.  Eben 
so  kühn  als  vorsichtig  in  ^  seinen  Versuchen  war  er  muthig 
und  zugleich  bescheiden  in  Aufrechthaltung  seines  Urtheils 
über  Menschen  und  Dinge.  Er  mischte  sich  nicht  ungeme 
in  die  Gesellschaft,  vermied  aber  sorgfältig,  Gegenstand  be- 
sonderer Huldigung  zu  werden.  Im  Hauswesen  herrschte 
patriarchalische  Einfalt.  Den  häuslichen  Andachtsübungen 
durften  auch  die  Diener-  anwohnen,  wenn  sie  Verlangen 
darnach  trugen. 

Schon  in  früher  Jugend  halte  er  religiöse  Eindrücke 
empfangen,  und  sie  vertieften  sich  mit  den  Jahren.  Er  hatte 
Locke's  Schriften  gelesen,  verfolgte  aber  nicht  die  Wege  der 
Metaphysik.  Seine  üeberzeugungen  waren  niemals  das  Re- 
sultat philosophischer  Meditation.  Er  hielt  den  Glauben 
nicht  für  die  Frucht  des  Studiums,  sondern  für  eine  Gabe 
Gottes.  Jenseits  der  Grenze  des  Erkennens  und  Wissens  lag 
ihm  eine  ideale  Welt,  die  Welt  seiner  Hoffnung;  und  er 
behauptete,  dass  der  menschliche  Geist  in  dem  Gebiete  seiner 
Gedanken  von  irdischen  Dingen  nichts  zu  finden  vermöge, 
was  unverträglich  wäre  mit  einer  höheren,  überirdischen 
Ordnung. 


V.  Martiua:  Nekrolog  avf  Miahad  Faradoff.  457 

So  wird  uns  Faraday  von  seinen  Schülern,  Freunden 
und  Bewunderern  geschildert.  Eine  hohe  Menschengestalt, 
harmonisch  in  ihrer  ursprünglichen  Begabung,  harmonisch 
in  ihren  wissenschaftlichen  Leistungen  und  in  der  sittlichen 
Arbeit  an  sich  selbst. 

Es  wäre  traurig,  Ja  unbegreiflich,  wenn  ein  solcher 
Mann,  Sohn  eines  Volkes,  das,  in  stolzer  Freiheit  des  Ge- 
dankens, so  viele  edle  Meister  der  Wissenschaft,  so  viele 
tugendhafte  Bürger  gross  gezogen  hat,  von  diesem  Volke 
nicht  in  seiner  vollen  Trefflichkeit  erkannt  und  gewürdigt 
worden  wäre. 

Aber  er  ist  erkannt  und  gewürdigt  worden.  Durch 
alle  Schichten  der  Gesellschaft'  gieng  sein  Ruhm.  Auf  dem 
Throne  wurde  ihm  gehuldigt  wie  von  den  Leitern  des  Staates 
und  des  Gemeindewohls,  von  den  Männern  der  Wissenschaft 
und"  der  höheren  Technik  wie  von  dem  schlichten  Arbeiter. 
Königin  Victoria  suchte  in  zarter  Aufmerksamkeit  die  Tage 
des  Greises  zu  verschönern,  indem  sie  ihm  (1858)  ein  Haus 
in  Hampton  Court  zur  Verfügung  stellen  Hess,  wohin  er 
während  der  Sommermonate  aus  dem  Hause  der  Royal 
Institution  in  Albemarle  Street  zog,  und  wo  er  auch  gestorben 
ist.  —  Unter  dem  Ministerium  Melbourne  wurde  ihm  (1835) 
aus  dem  Literary  und  Scientific  Pension  Fund  ein  Jahrgehalt 
von  300  L.  St.  zugewiesen.  —  Ausser  den  bereits  erwähnten 
Auszeichnungen  englischer  gelehrter  Körperschaften  empfieng 
er  (1846)  die  Rumford-Medaille;  und  die  Universität  von 
Cambridge  ernannte  ihn  zum  L.  L.  D. 

Den  Mittelpunkten  wissenschaftlicher  Forschungen,  den 
Akademien,  hatte  er  sich  in  seinen  erfolgreichen  Entdeckungen 
selbst  zu  eigen  gegeben  ®)  und  wenn  eine  jede  derselben 
sich  gerne  und  dankbar   seiner   Mitgliedschaft   rühmt,    darf 


9)  Er  war   Eines   von   den  acht  auswärtigen   Mitgliedern   des 
Pariser  Instituts,  Ritter  des  E.Pr.  Ordens  pour  le  Merite,  Gommandear 
[1868.  L  8.]  80 


458  OeffenÜiehe  SitBung  vom  28.  Märe  1868.   . 

sie  anch  yoransblicken  in  jene  ferne  oder  nahe  Zukunft, 
welche  Faraday's  Thaten  in  neuen  jetzt  kaum  geahnten  An- 
wendungen zu  weiterem  Gewinn  für  die  Menschheit  ent- 
wickeln wird.  Nimmermehr  kann  die  Lehre  vergessen  werden, 
dass  die  Arbeit  der  Bewegung  ohne  allen  weiteren  Verbraudi 
in  galvanische  Kraft,  —  also  auch  in  Licht  und  Wärme 
umgewandelt  werden  kann.  Diese  Lehre  ist  unsterblich  wie 
Stoff  und  Kraft  und  gleichwie  wir  am  Baume  des  Waldes 
in  jedem  Blatt  eine  Hoffnung  sehen,  in  jeder  Blüthe  eine 
Enttäuschung,  in  jeder  Frucht  den  Keim  zu  tausend  Früchten, 
so  bringt  der  Baum  der  Wissenschaft  in  jeder  Entdeckung 
die  Anwartschaft  auf  andere  ^  in  jeder  neuen  Wahrheit  die 
Zerstörung  eines  Irrthuros,  in  jedem  neuen  Gesetze  den 
Samen  von  Erfindungen,  die  noch  in  spätester  Zeit  der 
Menschheit  zu  Gute  kommen. 


Marie  Jean  Pierre  Flourens. 

Die  Wissenschaft  ist  zwar  Gemeingut  der  Menschheit; 
aber  an  dem  Geiste  ihrer  Pfleger  erkennen  wir  in  den 
meisten  Fällen  das  besondere  Gepräge  einer  bestimmten 
Nationalität.  In  der  That  müsste  es  auch  unsere  Verwun- 
derung erregen,  wenn  es  sich  anders  verhielte.  Denn  die 
Sitten   und  Gewohnheiten,   die  Erziehung   und    die  Lebens- 


der  französischen  Ehrenlegion,  Mitglied  der  Akademien  zu  Wien, 
St.  Petersburg,  Berlin,  München,  Stockholm,  Turin,  Neapel,  Amster- 
dam, Brüssel,  Bolog^na,  Modena,  der  gel.  Gesellschafben  in  Göttingen, 
Kopenhagen,  üpsala,  Harlem,  Boston,  Philadelphia,  Palermo,  Florem 
Washin^gn  o.  s.  w.  ^ 


i>.  Martius:  Nekrolog  auf  Pierre  Flourens.  "^459 

anschauungen  der  Völker  bilden  EiDdrficke,  welchen  sich 
aach  der  freieste  Geist  nicht  zu  entschlagen  vermag.  Und 
je  grösser  die  Empfänglichkeit  des  einzelnen  Individuums  für 
diese  Factoren,  um  so  entschiedener  wird  es  auch  in  seinen 
'^issenschafUichen  Arbeiten  den  Charakter  der  Nation  wieder- 
geben, aus  deren  Schoosse  es  hervorgegangen  ist. 

Zu  dieser  Bemerkung  sehen  wir  uns  besonders  veran- 
lasst, wenn  wir  es  unternehmen,  nur  in  wenigen  allgemeinen 
Zügen  das  Bild  unseres  heimgegangenen  Collegen  zu  ent- 
werfen. Er  zeigt  sich  in  der  Wahl  der  Probleme  die  seinen 
Geist  beschäftigen,  in  der  Methode  welche  seine  Unter- 
suchungen befolgen ,  und  in  der  Art  und  Weise  wie  er  sie 
darstellt , '  als  Franzose.  '  Die  Klarheit  seines  ürtheiis ,  der 
Scharfsinn  seiner  ezperimentalen  Forschungen,  die  Leichtigkeit 
und  Anmuth  seines  Styls  charakterisiren  ihn  als  ein  glücklich 
begabtes  Kind  Frankreichs.  Demgemäss  haben  auch  seine 
zahlreichen  Schriften  in  seinem  Volke  vielseitiges  Echo  hervor- 
gerufen, und  viele  sind,  in  mehrfachen  Ausgaben  verbreitet, 
dort  von  grossem  Einflüsse  gewesen.  Was  aber  diesem  viel- 
begabten und  leicht  beweglichen  Geist  auch  jenseits  der 
Grenzen,  wo  seine  Sprache  gesprochen  wird,  zahlreiche  An- 
'  erkenner  verschafft  hat,  ist  das  Bestreben  sich  ans  der  Region 
der  realen  Welt  in  die  ideale  zu  versetzen. 

Flourens  kann  zunächst  als  experimenteller  Phj^siologe 
genannt  werden.  Er  ist  aber  bei  den  Fr^^gen  die  er  zu 
beantworten  sucht  über  die  somatischen  Beziehungen  gerne 
hinausgegangen,  und  beurkundet  sich  als.  einen  Kopf  den  die 
höhere  Bedeutung  der  organischen  Kräfte  da  in  Anspruch 
nimmt,  wo  die  Materie  aufhört  und  die  geistige  Wirkung 
offenbar  wird. 

In  diesem  Sinne  hat  er  vorzugsweise  experimentelle 
Untersuchungen  über  die  Eigenschaften  und  Functionen  des 
Nervensystems,    des   Gehirns   und  Rückenmarkes  gepflogen, 

80* 


460'  OeffenÜiche  Süjsung  wm  Ji8.  Mära  t868. 

wodurch  er  schon  frühzeitig  die  Aufmerksamkeit  der  Natur- 
forscher auf  sich  lenkte.  Er  hat  versucht  für  einzelne  Theile 
und  Organe  den  Antheil  nachzuweisen,  welchen  sie  an  den 
verschiedenen  Arten  der  Ortsbewegung,  an  der  Empfindung 
oder  dem  Denkprozesse  nehmen.  Die  Coordination  ver- 
schiedener Nerven  zu  vei'schiedenen  Formen  von  Bewegungen 
verlegte  er  in  das  kleine  Gehirn,  und  darin  sind  ihm  seine 
Nachfolger,  deren  letzter  Rud.  Wagner  war,  beigetreten. 
Seine  Nacli weise,  dass  in  dem  verlängerten  Marke  der  centrale 
Lebensknoten  liege,  durch  welchen  der  gesammte  Mechanismus 
der  Respiration  in  Bewegung  gesetzt  werde ,  so  dass  mit 
seiner  Zerstörung  die  Respiration  ,und  mit  ihr  das  Leben 
erlösche,  haben  bis  jetzt  die  Probe  vor  Forschungen  be- 
standen, die  nach  ihm  mit  erhöhtem  Aufwand  von  Fldss 
und  Scharfsinn  vielfach  sind  fortgesetzt  worden. 

Den  ersten  Anstoss  zu  diesen  physiologisch-psycholo- 
gischen Arbeiten  empfieng  Flourens  unzweifelhaft  durch  Gall, 
den  Gründer  der  Phrenologie. 

Er  reiht  sich  an  jene  Männer  an,  welche,  wie  Le  Galloia, 
Wilson  Philipp,  Magendie,  Brechet,  Lund,  Bellinghieri, 
Marshai  Hall,  Charl.  Bell.  Arnemann,  Budge,  Schiff  u.  a., 
auf  experimentellem  Wege  den  einzelnen  Functionen  des 
Gehirnes  und'  Nervensystemes  beizukommen  suchten,  aber 
seine  Forschungen  bringen  ihn  zu  Resultaten,  welche  der 
Gairschen  Lehre  von  dem  Gehirne,  als  dem  Sitze  einer 
Menge  verschiedener  und  isolirter  Facultäten  oder  Intelligenzen 
geradezu  widersprechen:  Er  weist  nach,  däss  zwar  in  dem 
kleinen  Gehirne  die  Kraft  residire,  welche  die  Locomotion 
beherrscht,  dass  die  corpora  quadrigemina  die  Quelle  des 
Gesichtssinnes  sind,  dass  das  verlängerte  Mark  die  Respi- 
rationsbewegungen bestimmt ;  aber  er  behauptet  die  Einheit 
der  Intelligenz ,  des  Ich's ,  der  denkenden  und  wollenden 
Seele  (der  intelligenten  und  moralischen  Kraft),  und  atatuirt 


V,  MarHuätNehröhg  auf  Pierre  Fhurena.  461 

die  Solidarität  des  grossen  Gehirns  als  des  einheitlichen 
Seelenorganes. 

Die  Forschungen  auf  diesem  ebenso  interessanten  als 
dunklen  Gebiete  sind  später,  besonders  in  Deutschland  von 
Johannes  Müller,  Du  Bois  Reymond,  Volkmann,  Bidder  u.  a., 
in  einer,  wir  möchten  sagen,  organophysikalischen  Richtung 
zur  Aufhellung  der  Gesetze  der  Nerven thätigkeit  weiter 
geführt  worden,  und  vielseitig  begegnen  sich  beide  Schulen, 
zumal  in  Verfolgung  des  Bell'schen  Gesetzes  über  die  Leitung 
des  Rückenmarkes,  und  die  verschiedenen  Functionen  der 
aus  ihm  hervorgehenden  Nerven  als  Werkzeuge  der  Bewegung 
oder  der  Empfindung,  sowie  über  die  sogenannten  Reflex- 
erscheinungeri.  Flourens  konnte  überdiess  noch  Zeuge  seyn, 
wie  eine  jüh^ere  Generation,  Stilling,  Rudolph  Wagner, 
Bidder  und  seine  Schüler,  Kölliker,  Schröder  v.  d.  Kolk, 
Clarke  u.  a. ,  besonders  durch  histologische  Untersuchungen 
über  den  inneren  Bau  jener  Theile  mittelst  des  Mikroskopes 
an  Problemen  gearbeitet  hat,  welche  bestimmt  scheinen 
zwischen  dem  Gebiete  der  realen  Naturforschung  und  der 
Metaphysik  Brücken  zu  schlagen. 

Ausser  diesen  anatomisqh-physiologischen  Arbeiten  hat 
sich  Flourens  auch  die  Entwicklungsgeschichte  und  Ernährung 
der  Knochen  zur  Aufgabe  gemacht,  eine  Arbeit,  deren  ex- 
perimenteller Theil  die  Anerkennung  der  Anatomen  gefunden 
hat.  In  einer  allgemeinen  Anatomie  der  Haut  und  der 
Schleimhäute  sucht  er  die  Einheit  des  Menschengeschlechtes 
durch  die  Vergleichung  der  Haut  der  verschiedenen  Menschen- 
ragen zu  begründen. 

Die  Anwendung  viel  höher  potenzirter,  mikroskopischer 
Untersuchungsmethoden  hat  übrigens  die  histologischen  -Re- 
sultate jener  Arbeiten  überflügelt  ^). 


t)  Von    seinen    späteren    Abhandlangen    erwähnen  wir   noch: 
Ueber  die  Pariallele  der  vorderen  und  hinteren  Extremitäten  beim 


462  OeffenÜiche  Sitzung  vom  28.  Mär»  1868. 

Flourens  glänzt  vorzugsweise  durch  seine  rhetorische 
Begabung,  die  er  als  langjähriger  Secretaire  perpetuel  der 
Akademie  der  Wissenschaften  in  zahlreichen  Denkreden 
(Eloges  historiques)  bewähren  konnte.  Er  war  ein  feiner 
Beobachter,  von  freier  kosmopolitischer  Auffassung  der  Dinge 
und  Menschen,  ein  vielseitig  gebildeter,  glücklicher  Eklektiker. 
So  gab  er  sich  denn  auch  mit  Vorliebe  dem  Studium  und 
der  Darstellung  vom  Charakter,  vom  Bildungsgange  und  von 
den  wissenschaftlichen  Erfolgen  bedeutender  Männer,  be- 
sonders Naturforschern,  hin.  Man  hat  ihn  in  Frankreich 
manchmal  den  Fontenelle  seiner  Epoche  genannt,  und  die 
Bezeichnung  hat  in  Frankreich  hohen  Werth.  Man  muss  es 
nämlich  unsern  westlichen  Nachbarn  als  eine  Nationaltugend 
nachrühmen,  dass  sie  den  Cultus  ihrer  hervorragenden  Männer 
gerne  von  einer  Generation  auf  die  andere  vererben.  So 
ist  auch  Fontenelle  im  Volke  nicht  vergessen. 

Noch  erzählt  man  sich,  dass  der  Mann  von  wunderbarer 
Universalität  des  Wissens,  von  leichtester  Darstellungsgabe 
und  liebenswürdigem  Charakter  ein  volles  Säculum  (1657 — 
1757)  durchlebt  und  als  Secretär  der  Akademie  jene  Ge- 
dächtnissreden eingeführt  habe,  durch  welche  die  höchste 
und  wirksaipste  Körperschaft  die  geistigen  Grössen  und 
Tugenden  des  Landes  zu  verherrlichen  und  dem  Patriotismus 
als  Vorbilder  aufzustellen  pflegt. 

Flourens  war  im  Jahre  1828  ap  die  Stelle  von  Bosc 
in  die  Akademie  der  Wissenschaften  gewählt  und  nach  Du- 
long's  Rücktritt  1833  an  dessen  Stelle  zum  beständigen 
Secretär  berufen  worden.  Dieses  Amt  hat  er  bis  an  seinen 
Tod  mit  Eifer  und  anmuthigem  Ernste  verwaltet.  Die  eigen- 
thümliche  Aufgabe  der  akademischen   Denkreden   ergriflf  er 


Menschen  und  Affen.  --  Üeber  die  Gefassverbindung  zwischen  Mutter      i 
und  Kind.  —  üeber  den  Mechanismus  des  Wiederkauens.  —  Ueber 
das  Brechen  der  Pferde,  I 


%  t.  Martius:  Nekrolog  auf  Pierre  Fhurens.  468 

im  Sinne  seiner  berühmten  Vorgänger.  Es  galt  ihm:  die 
ZQ  feiernden  Mitglieder  der  Akademie  mitten  in  der  geistigen 
Bewegung  darzusteUen,  zu  welcher  ein  jeder  derselben  in 
seiner  Zeit,  je  nach  Wissenschaft,  Anlage  und  Entwicklung 
beigetragen  hat,  ihre  Mittel,  Eigenthümlichkeit  und  Erfolge 
mit  Vorliebe  und  wohlwollender  Kritik  für  ein  allgemeines 
Publicum  zu  schildern,  während  er  sich  umgeben  sah  von 
den  Männern  der  Wissenschaft  und  den  speciellen  Fach- 
genossen, welche  sonst  an  Jen  strengeren  Ausdruck  der  Doctriii 
gewohnt  sind. 

Klarheit  des  Gedankens,  fiestimmtheit  und  Eleganz  des 
Ausdiucks  und  glückliche  rhetorische  Anordnung  werden  den 
Denkreden  nachgerühmt,  worin  er  seinen  grossen  Lehrer 
Gg.  Cuvier ,  dessen  Bruder  Friedrich ,  Chaptal ,  A.  L.  de 
Jussieu,  A.  P.  de  QundoUe,  Aubefl  du  Petit  Thouars,  Benj, 
Delessert,  Geoffroy  Saint  Hilaire,  Blainville,  Leop.  v.  Buch, 
Magendie,  unseren  ehrwürdigen  Kollegen  Tiedemann  u.  a. 
gefeiert  hat.  In  ausführlicher  Darstellung  hat  er  auch  Fon- 
tenelle's,  Buffon^s  und  Gg.  Cuder's  Thätigkeit  und  Wirkung 
geschildert.  Den  Ansichten  Darwin's  über  die  Entstehung 
der  Arien  hat  er  (1864)  eine  besondere  Schrift  gewidmet. 
Hierin,  wie  in  seiner  Kritik  der  Phrenologie,  in  der  Arbeit 
über  den  Instinct  und  die  geistigen  Thätigkeiten  der  Thiere 
und  der  Ontologie  naturelle  bekennt  er  sich  zu  einer  idealen 
Auffassung  der  Natur  und  tritt  dem  Materialismus  entgegen. 

Die  Academie  fran^aise  hat  immer  jene  Männer  der 
Wissenschaft  in  ihren  Kreis  aufgenommen,  welche  reiches 
Wissen  mit  der  Gabe  einer  edlen,  reinen  und  classischen 
Darstellung  vereinigten,  und  so  räumte  sie  ihm  im  Jahre  1840 
den  Platz  Michaud's  ein.  Flourens  durfte  stolz  darauf  sejn 
in  der  Gesellschaft  der  ersten  Literatoren  seines  Vaterlandes 
ein  Nachfolger  von  BuflEon,  d'Alembert,  Maupertuis,  La  Con- 
damine,  Condorcet,  Bailly,  Vicq  d'Azyr,  Laplace,  Fourier, 
Gg.  Cuvier  und  Biot  zu  werden. 


464  Oeffenüliche  SiiMung  wm  28.  Mär»  1868, 

Flourens  ist  vier  Tage  vor  dem  Redner,  am  13.  April 
1794 ,  in  Maurilhan  bei  Beziers ,  Departement  H6rault,  ge- 
boren, studirte  zu  Montpellier  die  Medici]!  und  erlangte  schon 
im  neunzehnten  Jahre  den  Doctorgrad.  Elin  Jahr  später 
kam  er  nach  Paris  und  betheiligte  sich  als  Schriftsteller 
vorzugsweise  an  der  Revue  encyclopedique  und  an  dem 
Dictionnaire  classique  d'Histoire  naturelle,  und  trat  alsbald 
mit  den  ersten  Untersuchungen  über  die  Irritabilität  und 
Sensibilität  auf.  Im  Jahre  1838  wurde  er  von  dem  Arron- 
dissement  von  Beziers  in  die  Deputirtenkammer  gewählt,  im 
Jahre  1846  Pair  von  Elrankreich.  Zwei  Jahre  später  berief 
ihn  die  Commission  municipale  et  departementale  de  la  Seine 
in  ihre  Mitte.  In  der  Ehrenlegion  hat  er  vom  Jahre  1852 
bis  1859  alle  Grade  vom  Ritter  bis  zum  Grossof&zier  durch- 
laufen. 

Dieser  glänzende  äussere  Lebensgang  war  nicht  bloss 
die  Frucht  seiner  mannigfaltigen  und  fleissigen  literarischen 
Thätigkeit  (von  welcher  wir  noch'  eine  mit  Noten  versehene 
Ausgabe  Buffon's  und  vielseitige  Betheiligung,  an  dem  Journal 
des  Savants  nennen  müssen),  sondern  auch  eines  wohl- 
wollenden, milden,  lauteren  Charakters,  und  der  schönen 
Formen,  welche  er  im  Umgange  ebenso  wenig  als  in  seinen 
Schriften  jemals  verlassen  konnte. 

In  den  letzten  Jahren  litt  er  an  jener  traurigen 
Krankheit,  der  Gehirnerweichung,  welche  so  häufig  die 
Wirkung  fibermässiger ,  geistiger  Anstrengungen  ist.  Ihr 
unterlag  er  am  5.  Dezember  1867  auf  seinem  Landsitze 
Mont  Geron  (Seine  et  Ois^).  Um  schieiert  war  sein  Geist 
in  den  letzten  Momenten.  Er  vermochte  nicht  wie  Goodsir, 
auf  dem  Todtenbette  auszusprechen :  nur  ein  halbfertiger 
Anatom  sey  es,  dessen  Ueberzeugungen  nicht  über  die  Ver- 
wandlungen im  leiblichen  Organismus  hinausreichten.  Aber 
in  gesunden  Tagen  hat  er,  der  so  entschieden  die  Localisation 
der   Seele   läugnete,    denselben    Gedanken    oftmals   ausge- 


V.  Martiua:  Nekrolog  auf  Charles  Daübeny,  465, 

sprochen.  Flourens  hinterlässt  drei  Söhne,  von  welchen 
der  ärlteste,  Gustav,  sich  ebenfalls  bereits  auf  einem  ähn- 
lichen Gebiete  wie  sein  Vater  hervorgethan  hat. 


Charlys  Giles  Bridle  Dambesy^ 

Med.  Dr.,  Professor  der  Botanik  und  Landwirthschaft  zu 
Oxford,  Mitglied  des  K,  Collegii  medici  und  der  grossen 
englischen  Gelehrten-Clesellschaften,  seit  1860  unserer  Aka- 
demie in  der  Section  für  allgemeine  Naturgeschichte  an- 
gehörig, ist  am  12.  Dezember  1867  gestorben. 

Er  erblickte  das  Licht  der  Welt  im  Jahre  1795  zu 
Strällon  in  Gloucestershire ,  wo  sein  Vater  Pfarrer  war. 
Seinen  ersten  Schulunterricht  empfieng  er  in  Winchester, 
und  trat  darauf  in  das  Magdalen  College  in  Oxford,  wo  er 
als  paccalaureus  of  Arts  graduirte,  nachdem  er  eine  tüch- 
tige classische  Bildung  in  Lösung  der  lateinischen  Preis- 
aufgabe bewährt  hatte.  Zur  Medicin  übertretend  übte  er 
einige  Jahre  die  Praxis  aus,  widmete  sich  aber  vom  Jahre 
1829  an  ausschliesslich  der  Chemie  und  Botanik,  1832 
wurde  er  zum  Professor  der  ersteren  Wissenschaft  und  zwei 
Jahre  später  auch  der  Botanik  gewählt,  und  im  Jahre  1840 
wurde  ihm  auch  der  Lehrstuhl  der  Landwirthschaft  über« 
tragen.  An  der  Stiftung  der  British  Association  so  wie 
später  an  der  zeitweiligen  Leitung  dieses  mächtig  wirkenden 
Vereins  hat  er  thätigen  Antheil  genommen. 

Daubenj  war  ein  Mann  von  vielseitiger  Gelehrsamkeit 
und  grosser  literarischer  Betriebsamkeit.  So  sehen  wir  ihn 
Theil  nehmen  an  den  Arbeiten  der  Linue'schen,  Geologi- 
schen und  Chemischen  Societät,  in  deren  Schriften  sich 
verecbiedene  Abbandlungen    aas  seiner  Feder   finden,    Gr 


466  Oeffenaiche  Bittmg  tum  ^S.  Märe  1868. 

schrieb  eine  Einleitung  in  die  atomistische  Theorie  (zweite 
Auflage  1850),  über  die  Agricultur  der  Römer  (1857)\  über 
die  Elimate  (1862).  Sein  wichtigstes  Werk  aber  ist  die 
BeschreibuDg  der  thätigen  und  erloschenen  Vulcane  (1826), 
wovon  eine  zweite  Ausgabe  1848  erschienen  ist.  Der  Garten* 
bau  wird  zwar  in  England  fleissig  auf  praktischem  Wege 
veredelt;  aber  Verhältnissmässig  Wenige  haben  die  Feststellung 
wissenschaftlicher  Principien  in  den  Lehren  von  der  Pflanzen- 
Ernährung,  vom  Einflüsse  der  kosmischen  Agentien  auf  den 
Lebensprocess  der  Gewächse,  auf  ihre  Perioden  und  Phasen 
und  in  der  Rückwirkung  der  Vegetation  auf  den  Luftkreis 
zum  Gegenstande  ihrer  Forschungen  gemacht,  unter  diesen 
Pflanzenphysiologen  nimmt  Daubeny  einen  ehrenvollen 
Platz  ein. 


Sir  David  Brewster, 

Vice-Kanzler  der  Universität  zu  Edinburg,   auswärtiges  Mit- 
glied unserer  Akademie   (seit  1850)    und   fast   aller   andern 
in   beiden  Hemisphären,    Ritter  des  k.  Preuss.  Ordens  pour 
le  Merite  und  der  Ehrenlegion. 

In  Sir  David  Brewster  tritt  uns  eine  jener  ehrwürdigen 
Gestalten  entgegen,  welche  ein  langes  Menschenleben  mit 
wichtigen  wissenschaftlichen  Leistungen  erfüllt  haben,  indem 
sie  ein  glückliches  Talent  mit  dem  ausdauerndsten  Fleisse 
verbindend,  stets  in  Einer  und  derselben  Richtung  gearbeitet 
haben,  unverrückt